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Beauty Through Broken Glass


Autor: Marie
Hauptcharakter: Florentine (Flo) , Tom
Disclaimer: Tokio Hotel, dessen Team sowie Namen von Städten, Cafés etc. gehören nicht mir.
Claimer: Florentine, ihre Familie & Freunde sowie ein paar weitere Personen sind frei erfunden und stammen aus meinem Kopf.
Genre: Hauptsächlich Drama & Romantik, aber ein wenig Humor kann ja nie schaden
PG: 16
Sonstiges: Die Band existiert und sonst gibt’s eigentlich nichts zusagen.

Handlung: Florentine hatte es sich nicht in ihren kühnsten Träumen vorstellen können und es war das Letzte, was sie wollte. Sich verlieben. Ausgerechnet in den Kerl, der eigentlich überhaupt nicht ihrem Typ entsprach und dem sie durch einen dummen Zufall begegnet war.



Prolog


Zum Anfang möchte ich gerne eines Klar stellen. Keines der Geschehnisse war geplant. Ich hatte weder vor, mich zu verlieben, schon gar nicht in jemanden wie ihn, noch hatte ich nicht mit dem Gedanken gespielt, es soweit, wie es jetzt war, kommen zu lassen. Nicht in meinen kühnsten Träumen hatte ich es irgendwie in Erwägung gezogen, und doch ist es passiert.

Manchmal ist das Schicksal eines Menschen wirklich unglaublich und ich bezweifle stark, dass das, was mir passiert ist, jeder X Beliebigen Person zustößt.

Ich bin nicht gläubig und gehöre keiner Religion an, aber wenn ich meine Geschichte noch einmal zurückspule und sich alles, wie schon so oft, in meinen Kopf im Schnelldurchlauf wiederholt, dann denke ich wirklich, dass es ihn gibt. Den Gott, der für jede Situation, sei es eine positive oder negative, einen Menschen auf diesem verdammten, von uns Menschen liebevoll genannten Blauen Planeten aussucht und ihm sein Schicksal selbst überlässt.

Aber ich möchte nicht weiter in das Thema eingreifen. Nein, ich möchte euch meine Geschichte erzählen, die so unreal angefangen, seinen realen Punkt erlebt und kurze Zeit später seinen surrealen Höhepunkt und somit auch Absturz hatte.

Eines kann ich euch hiermit allerdings jetzt schon sagen: Verliebt euch nie in einen Popstar!


Kapitel 1 - Goodbye and Hello


Verzweifelt wippte die 18 Jährige Florentine mit dem Fuß zum Takt der Musik mit, um wenigstens etwas gegen ihre hoch kommende Langeweile zu tun. Es war alles andere als eine Party nach ihrem Geschmack und sie wollte diese so schnell wie möglich wieder verlassen. Doch sie blieb, aus Höflichkeit ihrer Klassenkameradin Lauren gegenüber, die sie zu ihrem 19ten Geburtstag eingeladen hatte.
Es war eine große Party in einem alten Fabrikgebäude in Hamburg. Allein schon durch die Location fühlte Florentine sich unwohl in ihrer Haut. Auf dem Boden klebten noch Reste eine anderen Fete, Asche von ausgedrückten Zigaretten war an der grauen Fabrikwand zu finden und die Ledersofas, die hier drin standen, waren durch spitze Gegenstände beschädigt worden. Knutschende und wild rummachende Geburtstagsgäste waren dort ebenfalls zu finden und Florentine wollte gar nicht erst wissen, was auf den Sofas noch alles so getrieben wurde, wenn der Alkoholpegel noch weiter in die Höhe schoss.
Und nein, sie war keines der Mädchen, dass sonst immer brav zu Hause saß, Spiele mit ihrer Familie spielte oder an Wochenenden zu Hause lernte, während andere um die Häuser zogen. Ganz im Gegenteil: Eigentlich mochte Florentine es, sich ein wenig hübsch zu machen und feiern zu gehen, das Tanzbein zu schwingen und Spaß zu haben. Doch heute war ihr die Partylaune ziemlich vergangen.
Gleich zu Anfang hatte sie ihre beste Freundin Emma aus den Augen verloren, die einzige Person, die sie unter den vielen eingeladenen hier so richtig kannte. Zum zweiten war die Musik, die aufgelegt wurde, nicht ihr Geschmack und drittens hatte sie keine Lust, sich die ganze Zeit den Durst mit Spirituosen zu stillen.
Um es kurz und knapp zu sagen: Sie wäre wirklich heute Abend lieber zu Hause geblieben und hätte sich irgendeinen gedichteten Liebesfilm im Fernsehen angeguckt, als hier aufzutauchen.
Wieder wurde sie von irgendeinem herumtanzenden Typen von der Seite angerempelt, die sich mit einem lauten Lallen bei ihr entschuldigte, einen Blick über ihren bedeckten Körper warf und sich wieder ins Gedrängel stürzte.
Ihr Blick fiel auf ihre Uhr. 23:43. Sie gab ihrer Langeweile noch einmal 15 Minuten, dann würde sie nach Verabschiedung Laurens die Party verlassen und an der beleuchtenden Elbe in Ruhe und alleine nach Hause laufen.
Florentine leerte ihr Getränk mit der Mischung aus Wodka und Red Bull, das einzige Getränk, dass ihr hier am liebsten war, aus und stellte es auf den nächst besten Tisch, schaute erneut auf ihre Uhr und fing an, Lauren unter den vielen Leuten ausfindig zu machen.
Nach einiger Zeit erblickte sie diese zusammen mit ihrem Freund Björn und ein paar Leuten aus dem letzten Abiturjahrgang an einen der aufgestellten Stehtische.
„ Hey!“, begrüßte sie allesamt laut.
„ Flo, schön dich zu sehen!“, legte Lauren einen Arm um ihre Schulter und sah sie erfreut an, „ Möchtest du noch was trinken?“
„ Nein, um ehrlich zu sein muss ich jetzt gehen!“, schlug sie ihre Einladung aus, und als sie den traurigen Blick Laurens bemerkte, fügte sie hastig hinzu, „ Ich muss morgen früh raus, meine Mutter hat irgendwas vor und ich muss mitkommen!“
Dieses klang in Laurens Ohren verständlich und so verabschiedeten sich die beiden. Noch einmal winkte Florentine in die Runde, dann verließ sie den Tisch, schlängelte sich durch die Meute und befand sich kurze Zeit später an der kühlen Nachtluft wieder.
Kein Alkoholgestank, keine laute, grässliche Musik und voralldingen kein Nebeldunst durch Zigarettenqualm.
Sie zückte ihr Handy raus, kramte in ihrer kleinen Handtasche nach den Kopfhörern und steckte sich diese ins Ohr. Sofort drang ihr der Song ’Baby, it’s fact’ von HelloGoodbye ins Gehör und sie lauschte dem Song, während sie sich auf den Weg zur Elbe machte, um von da aus gemütlich nach Hause zu schlendern.
Am Hafen angekommen, blies ihr der Wind durchs Haar, was sie als sehr angenehm empfand, da sie in der Fabrik, obwohl sie nicht getanzt hatte, ziemlich geschwitzt hatte.
Sie lief mit den Händen in der Hosentasche, ihre kleinen Tasche auf der Schulter und langsamen Schrittes weiter an der Elbe entlang, sah immer wieder auf die andere Flussseite und musste immer wieder lächeln, wenn ihr die leuchtend gelben Farben des Musicalhaus von ’König der Löwen’ ins Gesicht stachen.
Sie blieb stehen und betrachtete das Haus des so faszinierenden Musicals noch mal genau. Es war groß, wunderschön und sah sehr Schick aus. Nur zu gut konnte sie sich noch an das Musical selber erinnern, dass sie vor 2 Jahren besucht hatte.
Während sie dort so stand und ihren Blick auf das Haus gerichtet hatte, spürte sie etwas Warmes und zugleich Nasses am Bein. Sie schaute runter und ihr blieb der Mund offen stehen. Allen ernstes stand neben ihr ein kleiner Hund, der sein Bein wieder runter setzte und zu ihr hoch schaute. Er hatte wirklich an ihr Bein gepinkelt. Irgendein daher gelaufener, dummer Köter.
„ Du blöder Hundefutterfresse. Was bildest du dir ein?“, fing sie an rumzufluchen und machte einen Schritt zur Seite.
Der Hund wich ebenfalls erschrocken zurück und fing an zu Bellen.
Sauer nahm Florentine ihre Kopfhörer aus dem Ohr und schaute sich wütend nach dem Herrchen um, der schnell angelaufen kam, soweit es ihm in seinen weitern Klamotten möglich war.
„ Fitz, was machst du bloß für eine Scheiße? Wieso läufst du einfach so weg?“, fragte dieser und kniete sich zu dem Hund runter.
Florentine räusperte sich und schaute ungeduldig auf den unverantwortungsvollen Hundebesitzer runter.
„ Ihr scheiß Köter hat mich mit einem Baum verwechselt, können Sie mir vielleicht mal sagen, was ich jetzt machen soll?“, fragte sie schnippisch und wütend.
Der Hundebesitzer sah zu ihr hoch, dann zu ihrem Bein und stand schließlich auf.
„ Erstmal lassen wir dieses Sie, so alt bin ich nun auch wieder nicht!“, erklärte er erstmal, „ Und zweitens tut mir die Sache furchtbar Leid und ist mir extrem peinlich. Ich hab Fitz aus den Augen verloren und ich habe keine Erklärung dafür, wieso er dir ans Bein gepinkelt hat!“
„ Das hilft mir jetzt auch wirklich weiter. Ich muss noch n bisschen laufen und das ist ziemlich unangenehm mit so einem feuchten Hosenbein, dass auch noch stinkt!“, regte sie sich weiter auf.
„ Na ja, da kann ich nicht mitreden, mir hat noch nie n Köter ans Bein gepinkelt!“, sagte er und grinste keck, welches Florentine allerdings noch mehr zur Weißglut brachte.
„ Wie kann man seinen Hund überhaupt Fitz nennen? So einen bescheuerten Namen hab ich noch nie gehört!“, sagte sie allerdings und sah auf den kleinen Köter runter.
„ Das frag ich mich auch manchmal, aber den Namen hat ihm mein Bruder gegeben, der allerdings krank ist und nicht mit ihm raus kann!“
„ Und wieso gehst du ausgerechnet um diese Uhrzeit mit dem Köter raus?“
Der junge Herr gegenüber von ihr schien nach einer passenden Antwort zu suchen und sah dabei ebenfalls runter. Ein Paar Sekunden Zeit, ihn sich ein wenig genauer anzuschauen. Er trug eine weite Baggi, die ihm fast vom Hintern fiel, dazu ein ziemlich langes ECKO T-Shirt, das ihm fast bis zu den Knien ging. Dazu trug er auf dem Kopf eine passende Cap und ein weißes Stirnband darunter. Aus der Cap fiel ein langer, dicker Zopf aus langen Dreads raus. Irgendwoher kam ihr der Style bekannt vor. Aber es lag vielleicht auch nur daran, da sie zwei Typen in ihrer Stufe ebenfalls so einen Style hatten.
„ Ich muss Mittags und Abends immer arbeiten und Nachts, wenn mein Bruder oder ich mit ihm rausgeht, haben wir unsere Ruhe.“, erklärte er ihr.
Florentine zuckte zurück, da sie merkte, wie sie ihn immer noch anstarrte, und wand ihren Blick auf die Elbe.
„ Ich überleg grade, wie ich das mit dem Anpinkeln wieder gut machen kann!“, holte er sie schnell wieder aus den Gedanken und kratzte sich am Hinterkopf, „ Hättest du vielleicht Lust, mit mir am Montag Abend wegzugehen?“
„ Montagabend? Ehm, warum nicht?“
„ Sehr schön. Wirst natürlich auch von mir Eingeladen. Ich such mir was Nettes aus und es geht alles auf meine Kosten! Hauptsache, ich muss deine Hose nicht waschen, weil das kann ich nicht!“, grinste er wieder und dieses Mal machte sie es nicht wütend oder ähnliches, „ Ich bin übrigens Tom!“
„ Florentine!“
„ Florentine? Ungewöhnlicher Name!“
„ Ja, da sagst du was. Aber ich kann mit ihm leben, werd auch von den meisten eher Flo genannt!“
„ Gut, Flo. Dann werd ich mal weiter gehen und würd einfach mal sagen, halb Neun an der Seitenstraße zum Hafen?“
„ Welche Seitenstraße?“
„ Die kleine neben dem Hafen wo so ein Mini Kiosk an der Ecke ist!“
„ Mhm, okay!“, war alles, was Florentine jetzt noch dazu einfiel.
Klar wusste sie, welche Seitenstraße er meinte. Sie fand es nur komisch, das er sich so abgeschottet vom Hafen treffen wollte, denn die Straße wurde kaum oder eher gesagt nie von Touristen besucht und auch so kaum von Passanten benutzt.
„ Gut, ich geh dann mit dem Kleinen Scheißer weiter und Noch einmal Tschuldigung. Ich hoffe, du stehst pünktlich um Neun am Kiosk!“
„ Ja, muss ich wohl, wenn ich eine Entschädigung haben möchte!“, versuchte sie noch zu lächeln und die beiden verabschiedeten sich.
Florentine schlug den Weg in die eine, Tom in die andere Richtung ein und so trennten sich ihre Wege wieder.


Kapitel 2 - Gedanken und Schulstress


Noch lange lag Florentine an dem Abend wach in ihrem Bett und versuchte, irgendwie einzuschlafen. Doch nach vielen Schäfchen zählen wollte es immer noch nicht so sein und sie forschte in ihrem Kopf nach, was der Grund für ihre heutige schlaflose Nacht war.
Eines konnte sie aufjedenfall ausschließen. Es lag nicht an der Party, die sie besucht hatte. Nicht an dem Alkohol, nicht an dem Zigarettendunst. Es lag auch nicht daran, dass Toms Hund sie angepinkelt hatte.
Sie wollte sich die letzte Möglichkeit nicht eingestehen, wieso sie kein Auge zu tat. Es war wegen Tom. Dem Typen, dem sie an der Elbe begegnet war und wessen Identität immer mehr in ihrem Gewissen zum Vorschein war.
Schon auf dem Rückweg hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, wieso ihr der Kerl mit den Dreads und den weiten Klamotten so bekannt vorgekommen war. Doch erst jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
Sie war dem Teenieidol der heutigen jungen Generation begegnet und hatte ihn gar nicht erkannt. Zugegeben, sie hatte nicht viel mit der Band Tokio Hotel, in der er spielte, zu tun, doch trotzdem waren die Gesichter der Mitglieder in Deutschland genauso bekannt wie die Queen in England.
Es beunruhigte sie, dass sie sich mit ihm traf und dass sie überhaupt wegen ihm kein Auge zutat.
Allein schon mit seinem Aussehen konnte Tom nicht bei ihr Punkten. Lange Haare fand sie bei Jungs scheußlich und auch die weiten Klamotten stießen bei ihr nicht gerade auf Begeisterung.
Das einzig gute, was sie an seinem Aussehen fand, war das Lippenpiercing, das ihr im Laternenschein entgegen geblitzt war.
Florentine rollte sich wieder auf die andere Seite und dachte weiter über ihre Begegnung mit dem Herrn Popstar nach. Er war nett gewesen, nicht arrogant oder selbstverliebt. Eigentlich war das ein Punkt gewesen, wieso sie Tom schon einmal nicht auf Anhieb erkannt hatte.
Sie hatte die Tokio Hotel Jungs immer als arrogant und selbstverliebt eingeschätzt, als Menschen, die schon gar nichts mehr mit ’Normalos’, wie sie es war, zu tun haben wollten. Zumindest kam dies immer so rüber, wenn Florentine einen Artikel las oder die Jungs im TV zu sehen waren.
Während sie sich weiter darüber Gedanken machte, fielen ihr schließlich doch vor Müdigkeit die Augen zu und so befand sie sich kurze Zeit später in einem tiefen Schlaf.

Der Sonntag verlief wenig spektakulär. Zuerst schlief Florentine erst mal ausgiebig aus, machte sich dann fertig und telefonierte gefühlte 24 Stunden lang mit ihrer besten Freundin Emma, die ihr eine Szene machte, da sie sich, ohne ihr Bescheid zu geben, aus dem Staub gemacht hatte.

Florentine erklärte ihr alles und Emma konnte ihr es schließlich nicht übel nehmen. Wäre sie nicht mit ihrem Schwarm ins Gespräch gekommen, hätte sie die Party auch eher verlassen. Ehe Florentine allerdings auf die Frage antworten konnte, ob sie auch gut alleine nach Hause gekommen sei, plapperte ihre Freundin schon über ihren Neufang drauf los.

„ Der ist so süß. Das glaubst du gar nicht. Ich glaube, zwischen uns bahnt sich was an. Wir haben uns so gut unterhalten, einfach himmlisch!“, plapperte Emma munter zum wiederholten Male drauf los.

„ Das freut mich wirklich, Emma!“, entgegnete Florentine schon leicht genervt.

Sie hatte Verständnis für die Schwärmerei von Emma, hatte diese doch schon vor zwei Wochen einen versuch gestartet, Philipp, der Name des Glücklichen, näher kennen zu lernen. Allerdings ohne mäßigen Erfolg.

„ Ich glaube, ich red zu fiel und meine Frage hast du immer noch nicht beantwortet. Also, bist du gut alleine nach Hause gekommen?“, fragte Emma nach fast einer Stunde des Erzählens.

„ Ach, so spektakulär bin ich jetzt auch nicht nach Hause gekommen. Und ich lebe noch, also ist mir auf dem Rückweg auch nichts Großartiges Passiert!“

Bewusst ließ sie das zusammentreffen mit Tom außen vor. Ihr Ohr glühte bereits von den knapp 2 Stunden telefonieren, wo hauptsächlich Emma die jenige war, die etwas gesagt hatte. Wenn sie nun die Story mit dem Köter und Tom anfangen zu erzählen würde, würde das Gespräch noch einmal so lange dauern.

„ Na dann ist gut. Du, Flochen, ich muss Schluss machen. Ich krieg grad nen Anruf auf meinem Handy. Wir sehen uns morgen in der Schule, Ciaoi!“, verabschiedete sich Emma hastig und ehe Florentine sich versah, kam nur noch der nervige Tut-Ton aus dem Hörer.


Der Schultag am nächsten Tag war genauso wie jeder andere Tag nach dem Wochenende. Alle waren Hundemüde, zickig, bockig und keiner hatte Lust, auch nur das Datum von der Tafel aufs Papier zu kritzeln.

Auch Florentine saß weniger begeistert in der Doppelstunde des Mathekurses, spielte mit ihrem Kuli in der Hand rum und wartete, dass die letzten Stunden schnell über die Bühne gingen. Es war bereits halb vier, sie hatte Hunger ohne Ende und je näher die Zeiger sich der Neun näherten, desto nervöser wurde sie.
Sie hatte Emma an dem Morgen immer noch nichts von dem Zusammenstoss mit Tom erzählt und auch nicht, was sie heute Abend mit genau diesem vorhatte.
„ Was meinst du, drückt der uns wieder Elenlange Hausaufgaben auf, damit wir wieder wach werden oder lässt er uns nochmal den Montag zum ausruhen?“, flüsterte Steffi Florentine zu, die im Mathekurs neben ihr saß.
„ Ich bin erstmal froh, wenn diese Stunde zu Ende ist!“, entgegnete die Angesprochene und spielte weiter mit ihrem Kuli rum.
„ Ja, das sowieso. Haben auch nur noch 10 Minuten. Meinst du, die überstehen wir?“
„ Das wird ziemlich schwierig werden. Der ist grad so im erklären vertieft, dass der eh überzieht!“
„ Na, hoffentlich gibt’s dann weniger auf!“
„ Haben wir etwa Weihnachten?“, mischte sich nun Felix ein, der auf der anderen Seite von Florentine saß, „ Als ob der uns weniger aufgibt!“
„ Na stimmt. Hast Recht. Weihnachten ist erst in Sieben Monaten!“, stöhnte Steffi auf, ließ sich im Stuhl zurück fallen und versuchte sich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren.
Auch Florentine blickte wieder zu ihrem Lehrer Herr Polder auf und versuchte seinem Unterricht zu folgen, wurde allerdings schon wieder gestört.
„ Was hast du am Wochenende so gemacht?“, wollte Felix wissen.
„ Ich war bei Laurens Party. War aber nicht besonders toll und bin eher weg gegangen. Und sonst war mein Wochenende relaxt!“
„ Ach ja, Laurens Party. Hab dich gar nicht gesehen!“
„ Ich stand auch ziemlich abseits an der provisorischen Bar!“
„ Ja, da war ich natürlich nicht. Wann bist du denn abgehauen?“
„ Um kurz nach 12 war das glaub ich.“
„ Wurdest du denn wenigstens nach Hause begleitet?“
„ So klein bin ich nun auch schon wieder nicht. Ich hab’s alleine nach Hause geschafft!“
„ Wow, Respekt.“, grinste Felix sie nur noch an und die beiden wandten sich dem Unterricht zu.
Herr Polder gab ihnen am Ende der Stunde, wie von Florentine und Steffi erhofft, nicht viel als Hausaufgabe für die nächste Stunde auf und so verließen alle frohen Herzens die Schule, um ihre Freizeit zu genießen.
„ Was machst du heute?“, wollte Steffi wissen, die neben Florentine aus dem Schulgebäude zu den Fahrrädern trottete.
„ Wir schreiben übermorgen Niederländischklausur. Ich denke, dafür fang ich heute mit dem Intensiven Lernen an!“
„ Den ganzen Tag? Du bist doch total gut in Niederländisch!“
„ Ja, trotzdem. Man weiß ja nie. Außerdem muss ich noch das Buch zu Ende lesen, über das wir schreiben!“
„ Du armes Ding!“
„ Kann man nichts machen. Was machst du?“
„ Ich Treff mich mit Joshua. Und dann mal schauen!“, grinsend zwinkerte Steffi ihr zu und schloss ihr Fahrrad auf.
„ Verstehe!“, war das einzige, was Florentine dazu einfiel und schwang sich, wie Steffi, aufs Rad.
An der zweiten Kreuzung verabschiedete Steffi sich von Florentine und so fuhr sie die letzten beiden Straßen alleine.
Wieder hangen ihre Gedanken, wie auch schon gestern, bei Tom und dem Treffen heute Abend. Wieso nahm er diese bloß so in Anspruch? Sie wollte doch einfach nur eine Entschädigung dafür haben, dass der Hund ihr ans Bein gepinkelt hatte. Trotzdem machte sie die Tatsache, dass sie sich heute Abend mit ihm treffen würde, immer mehr nervös. Und das gefiel Florentine ganz und gar nicht.

Kapitel 3 - Italienische Entschädigung


Es war kurz nach Neun, als Florentine am vereinbarten Treffpunkt ankam. Es war ein Wunder, dass sie sowieso aufgetaucht war. Es goss aus Eimern, ziemlich Untypisch für Mitte Mai, und ihre Haare klebten ihr im Gesicht. Nicht, dass sie sich darüber ärgerte, das ihre Haare nun völlig ruiniert waren, denn das einzige, was sie heute wollte, war nichts als eine Entschädigung zu bekommen, doch trotzdem störten sie die Nassen Strähnen.
Wenig später nach ihrer Ankunft am Kiosk schoss ein großer Geländewagen in die Seitenstraße. Die Reifen quietschten nur so auf dem nassen Asphalt und Florentine sprang auf dem Bürgersteig zurück, als der Wagen genau neben ihr zum stehen kam.
„ Hey, wartest du schon lange?“, wurde schon das Fenster runtergekurbelt und ein grinsender, ungestylter Tom schaute hindurch.
„ Ehm, schon ein bisschen!“, erklärte Florentine und näherte sich dem Wagen.
Das sie erst kurz vor ihm eingetroffen war, verheimlichte sie ihm. Er sollte ein schlechtes Gewissen haben, welches er eh schon haben sollte.
„ Das tut mir Leid. Aber es ging nicht eher. Steig ein!“, entschuldigte er sich hastig und deutete ihr auf den Beifahrersitz.
Nur ungern nahm Florentine auf dem Beifahrersitz des großen Geländewagens platz und zog die Tür zu. In dem Auto sah es aus wie in einem Schweinestall. Leere Zigarettenschachteln, leere Tüten von McDonalds, CD Hüllen und leere Dosen von Cola, Sprite, Fanta und Red Bull befanden sich auf dem Boden des Beifahrersitzes und auch hinten im Auto, wo Florentine einen kurzen Blick hin warf, ehe sie sich Tom widmete, der verschmitzt grinste.
„ Hast es aber sehr ordentlich in deinem Auto!“
„ Ja, dafür wollte ich mich grade entschuldigen. Hab schon lange nicht mehr aufgeräumt!“, entgegnete er immer noch mit einem verschmitzten grinsen und fuhr die Menschenleere Straße entlang.
„ Und, was hast du dir jetzt als Entschädigung ausgedacht?“, wollte Florentine wissen, als sie wieder auf die Hauptstraße einbogen.
„ Ja, die Entschädigung.“
Verlegen kratzte Tom sich am Kopf und schaute kurz entschuldigend zu Florentine.
„ Um ehrlich zu sein, mir ist nichts eingefallen.“
Ärgerlich schnaubte diese daraufhin auf. Sie hatte damit gerechnet, dass er sich etwas ausgedacht hatte, sie einfach nur ihre Entschädigung bekam und wieder gehen konnte. Es war nicht ihr Ziel gewesen, gleich den ganzen Abend mit Tom zu verbringen, damit er kein schlechtes Gewissen mehr hatte.
„ Und jetzt? Ich hoffe du weißt, dass ich mich nur mit dir getroffen habe, damit du nicht meine Hose waschen musst!“, gab sie schnippisch von sich.
„ Ja, alles andere finde ich auch besser als das zu tun!“, gab er ehrlich zur Antwort und schaute wieder mit einem grinsen kurz zu ihr, ehe er sich wieder auf die Fahrbahn konzentrierte, „ Na ja, zurück zur Entschädigung. Wie wäre es, wenn ich dich auf ein Getränk einlade?“
„ Bitte was?“
„ Ein Getränk. Ich lad dich auf ne Cola oder sonst was ein und du hast somit deine Entschädigung!“
Florentine blieb der Mund offen stehen. Dass Tom das alles nur mit einem Getränk abbezahlen wollte, war ihr irgendwie klar gewesen, doch damit gab sie sich noch längst nicht zu frieden.
„ Und was ist mit Schmerzensgeld?“
„ Wofür denn Schmerzensgeld? Fitz hat dir doch nicht wehgetan!“
„ Na ja, das nicht. Aber ich musste noch nach Hause, ich habe nach Hundepipi gestunken und mir ist dadurch schlecht geworden. Und das empfinde ich schon irgendwie als...“
„... Jaja, schon gut. Du gibt’s dich nicht mit einem Getränk zu frieden, sag das doch gleich!“, zwinkerte Tom ihr zu und verließ die Hauptstraße.
„ Ich wollte nicht unhöflich sein!“, entgegnete sie kleinlaut und lehnte sich im weichen Sitz zurück.
„ Wenn hier jemand unhöflich ist, dann bin ich das. Also, was möchtest du als Entschädigung haben?“
„ Lass dir was einfallen!“
„ Also gut. Ich habe Geld, sehe gut aus, komm in die besten Clubs und Bars…“, fing er an, mit der einen Hand aufzuzählen, während er mit der anderen am Lenkrad weiterfuhr.
„ Was hilft mir dein angeblich gutes Aussehen, dein Geld und die Tatsache, dass du in die besten Clubs und Bars kommst, weiter, wenn ich nur eine Entschädigung von dir haben möchte?“, fragte Florentine und wartete gespannt auf seine Antwort.
„ Du findest, dass ich nicht gut aussehe?“, fragte er empört und drehte sich zu ihr.
„ Mein Typ bist du nicht!“, gab sie ehrlich zur Antwort, „ Aber ich weiß inzwischen, mit wem ich es hier zu tun habe und kann dir versichern, dass viele andere nicht meine Meinung teilen!“
„ Noch nicht mal für ne kleine Nummer?“, fragte Tom mit einem Hundeblick nach.
„ Tom!“, brachte sie entsetzt hervor, „ Wenn du willst, dass dir nicht irgendetwas passiert, halt die Klappe und überleg dir gefälligst selber, wie du das von gestern wieder gut machen kannst!“
„ Schon gut, schon gut. War ja nur eine Frage!“, entgegnete er und sah wieder konzentriert auf die Fahrbahn.
Ihm fiel absolut nichts ein, was er Florentine als Entschädigung geben sollte. Er hatte wirklich gehofft, dass sie auf das Angebot einging, welches er ihr indiskret gemacht hatte. Andere standen Schlange vor seinem Zimmer, und diese saß in seinem Auto und fand es alles andere als sonderbar, mit ihm, Tom Kaulitz, ins Bett zu hüpfen. Dabei entsprach der Typ Frau, der sie war, genau seinen Vorstellungen.
Als er den Wagen in die Max-Brauer-Allee lenkte, kam ihm die Idee. Frauen liebten Italienisches Essen und auch Florentine würde bestimmt nichts gegen einen Abendlichen Schmaus haben.
„ Magst du Italienisch?“, erkundigte er sich beiläufig bei Florentine, während er Ausschau nach einem geeigneten Parkplatz hielt.
„ Ach ja, schon, wieso?“, fragte sie und sah ihn von der Seite an.
„ Dann lad ich dich zu meinem Lieblingsitaliener ein!“, lächelte er sie an und fuhr auf den nächst liegendem Parkplatz, der sich vom Restaurant aus befand.
Erstens hatte er keinen Parkplatz am Rand gefunden und zweitens war es sicherer, dort auszusteigen als an einem belebten Bürgersteig.
Er öffnete - ganz Gentleman Like - Florentine die Tür und ging mit ihr Schnurstracks und schnellen Schrittes ins Restaurant.

Kapitel 4 - Pasta, Spinat & Flirtversuch


Ein bisschen komisch war Florentine schon zu Mute, als sie zusammen mit Tom das ihr teure vorkommende Restaurant betrat und die beiden von einem Kellner freundlich begrüßt wurden. Anscheinend ging Tom hier öfters hin, denn ihn begrüßte der Kellner schon fast freundschaftlich mit einem Händeklatsch.
„ Hast du ganz hinten noch einen Tisch frei?“, vernahm Florentine Toms Frage, während sie sich im großen, gut gefüllten Restaurant umsah.
„ Natürlich, für dich doch immer.“, entgegnete der Kellner grinsend und die beiden folgten ihn in den hintersten Teil.
Dort stand ein kleiner, schlicht dekorierter Holztisch, umringt von zwei Stühlen und mehr als abseits der anderen Tische. Die Wandlampe warf ein warmes Licht auf den Tisch und Florentine vergaß sofort die Kälte, die sie vorher durch den Regen bekommen hatte.
„ Setz dich!“, sagte Tom schmunzelnd, „ Ich hab für dich einen Rotwein bestellt. Sahst so aus, als ob du ein Glas vertragen könntest.“
Verwirrt schaute sie zu ihm und bemerkte erst jetzt, dass der Kellner schon wieder verschwunden war.
„Danke!“, gab sie von sich.
Florentine nahm auf einen der beiden Stühle platz und Tom setzte sich gegenüber von ihr, zuckte Handy und eine Zigarettenschachtel aus seiner großen Tasche und sah fragend zu ihr rüber.
„ Darf ich in deiner Gegenwart rauchen?“
„ So rücksichtsvoll?“
„ Natürlich, ich möchte meinen Mitmenschen keinen großen Schaden zufügen!“, grinste er und deutete erneut auf die Schachtel, „ also?“
„ Ehm… Meinetwegen, wenn der Qualm nicht zu mir rüberzieht, Bitte.“
Florentine sah Tom dabei zu, wie er sich genüsslich eine Zigarette zwischen die Lippen schob, mit seinem Feuerzeug diese anmachte und den ersten inhalierten Rauch soweit wie möglich von ihr weg wieder auspustete.
„ Gut so?“, fragte er und nahm erneut einen Zug.
„ Geht!“, entgegnete die Angesprochene, die von dem Rauchen überhaupt nichts hielt.
„ Gehst du eigentlich noch zur Schule?“, unterbrach Tom die kurze Stille, die eingetreten war und in der beide die Karte studiert hatten.
„ Ja, mach grad die 12 Klasse.“
„ Also machst du Abi!“
„ Ja, das hatte ich vor!“
„ Wäre auch doof, wenn du jetzt aufhören würdest!“, entgegnete er und drückte seine Zigarette im Becher aus, „ Und was willst du danach machen?“
„ Ich wollte irgendwas mit PR oder ähnliches machen. Das fänd ich total interessant.“, gab sie ihm die Antwort und fing an zu lächeln, als sie an ihren Wunschtraum dachte.
„ Hört sich doch gut an!“
„ Was wolltest du früher werden?“, fragte Florentine nun aus reiner Neugierde bei ihm nach.
„ Immer das, was ich jetzt bin. Berühmt, Reich, Begehrend. Obwohl, letzteres war ich schon immer!“, zwinkerte Tom ihr zu, woraufhin sie nur mit den Augen rollen konnte.
Dieser Kerl platzte ja schon beinahe vor Selbstbewusstsein und Egoismus. Das war ja nicht zum aushalten. Hätte Florentine dies eher gewusste, hätte sie auch gut auf eine Entschädigung verzichten können.
Sie ging auch nicht weiter auf das Thema ein, woraufhin eine unangenehme Stille die beiden umhüllte, bis der Kellner mit Getränken zu ihnen an den Tisch kam.
„ Einmal Rotwein und die Cola!“, stellte er beides auf den Tisch und zückte seinen Notizblock aus der Schürze, „ Was möchten Sie essen?“
„ Ich nehm die Pizza Salame mit viel Käse. Ohne Vorspeise, also wie immer das Gleiche!“, grinste Tom und sah erwartungsvoll zu Florentine rüber.
„ Ich… Ehm… Nehme die Pasta Spinaci, auch ohne vorspeise, bitte.“, bestellte diese und der Kellner nahm mit einem ebenfalls grinsendem Gesicht die Karten vom Tisch.
„ Spinatpasta? Hoffentlich bleibt dir nichts zwischen deinen schönen Zähnchen stecken, dass ist ekelig beim Küssen!“, versuchte er einen neuen Flirtversuch.
„ Ganz ehrlich?“, beugte sich Florentine lächelnd über den Tisch und Tom witterte schon erstes wirkliches Interesse, doch da hatte er daneben gelegen, „ Ich krieg bei deinem ganzen Egoismus garantiert noch nicht mal was runter, weil mir dann noch mehr schlecht wird!“
Triumphierend und Stolz auf sich selber lehnte sie sich nach ihrer kleinen Attacke wieder in den Stuhl zurück und Toms muntere Gesichtszüge nahmen eine andere Gestalt an. Weg war die kleine Coolness des Oberchecker der erfolgreichsten Deutschen Band.
Wieder trat zwischen den beiden Stille ein und während Florentine diese sichtlich genoss, machte Tom sich darüber Gedanken, wie er sie irgendwie doch noch rumkriegen würde. Sie versuchte den Eindruck der Unantastbaren zu machen. Und das machte sie noch interessanter.
Andere würden sich garantiert die Zähne kaputt an ihr beißen, doch ein Tom Kaulitz brauchte seine Zähne keinen Schaden zuzufügen. Er würde sie schon kriegen. Wie, das war seine Sache und konkrete Pläne hatte er auch noch nicht. Aber er wusste, dass dies nicht der letzte Abend oder das letzte Treffen zwischen ihnen war.
„ Ihr essen!“, kam da eine freundliche Bedienung um die Ecke, in beiden Händen jeweils einen Teller, „ Für wen war die Pasta?“
„ Für mich!“, lächelte Florentine die Kellnerin an, diese ihr die Pasta vor die Nase stellte.
„ Und dann ist für dich die Pizza!“, grinste sie Tom an, zwinkerte ihr zu und setzte ihm ebenfalls sein Essen unter die Nase.
„ Exakt. Danke, Steffi!“, auch er gab ihr ein zwinkern und machte sich sofort an seine Pizza zu schaffen, während Florentine der Bedienung verwirrt hinterher schaute.
Die kann sich auch nicht richtig entscheiden, ob sie jetzt Duzen oder Siezen soll. , ging es ihr Kopfschüttelnd durch den Kopf und sie machte sich selber an ihrer Pasta zu schaffen, streute noch ein wenig Parmesan über die warmen Nudeln und probierte diese.
„ Und? Schmeckts?“, wollte Tom wissen, der schon ¼ seiner Pizza aufgegessen hatte.
Typisch kleiner Junge. Muss alles in sich rein schlingen! , lächelte Florentine und schaute zu Tom auf, der sich interessiert anstarrte.
„ Ja, schmeckt wohl. Und deine Pizza?“
„ Auch, möchtest du mal probieren?“, fragte er, schnitt ein kleines Stück ab und hielt ihr die Gabel hin.
Endgeistert starrte sie diese an und schaute abwechselnd zu Tom und der Gabel, die sich 20 cm vor ihrem Mund befand.
„ Nun mach schon. Ich hab gleich nen Tennisarm. Und giftig bin ich auch nicht!“, grinste er.
„ Also gut!“, entgegnete Florentine und schnappte sie das kleine Pizzastück mit den Fingern von der Gabel, aß es auf und machte sich danach die nun fettigen Fingerspitzen mit der Servierte sauber.
Tom gab nur ein knurren von sich und sah dann auf den Teller von Florentine und auf die Gabel, die sie sich grade in den Mund schieben wollte.
„ Darf ich auch mal von dir probieren?“, fragte er mit einem Hundeblick, bei dem eigentlich nie jemand Nein sagen konnte.
„ Meinetwegen!“, gab sie schließlich nach und hielt ihm ihre Gabel entgegen.
Tom lächelte nur unentwegt vor sich hin, kam mit seinem Kopf der Gabel näher und ehe Florentine sich versah, hatte er schon seine Hand auf ihre gelegt, die die Gabel umschloss und fuhr sie das letzte Stück zum Mund, um dann genüsslich zuzulangen und die Nudel von der Gabel zu nehmen.
„ Mhm!“, grinste er, als er kaute und ihre Hand losließ, „ Lecker!“
„ Ehm, ja, sagte ich ja!“, gab Florentine perplex von sich und starrte immer noch auf ihre Hand, die in der Luft hang und zog diese schnell wieder zurück.
Es war eine ganz normale Berührung, sie passierte ihr Alltäglich, Freunde fassten sich immer mal an, auch Fremde gaben manchmal die Hand. Wieso riss sie diese Berührung nun so aus der Bahn? Voralldingen eine Berührung von jemanden, mit dem sie überhaupt nichts zu tun haben wollte? Sie verstand die Welt nicht mehr, nahm einen großen Schluck Rotwein und machte sich weiter an ihr essen. Die amüsierten Blicke Toms versuchte sie so gut es ging zu ignorieren, auch wenn es das schwerste war.

Kapitel 5 - Irgendwie doch


„ Möchtest du noch einen Nachtisch?“, fragte Tom, der sein Besteck auf seinen Teller legte und diesen dann von ihm weg schob, „ Ich kann dir das leckere Schokoladeneis empfehlen.“
„ Nein. Danke, Tom! Ich bin satt!“, gab Florentine mit vollem Magen zurück und schob ebenfalls ihren Teller von sich weg, wo noch ein wenig von der Pasta vorzufinden war.
„ Bist du dir da sicher? Immerhin musst du noch groß und stark werden!“, grinste Tom.
„ Wenn du nicht deine ganzen, blöden Äußerungen lässt, setzt es gleich!“
„ Schon gut, schon gut. Das Essen macht dich wohl noch zickiger, wie?“
Dabei gefällt mir so ein Verhalten unheimlich. , grinste Tom in sich hinein und beobachtete weiter Florentine schmunzelnd, die mit ihrem Handy rumspielte.
„ Ich möchte ja dieses, ehm, romantisches Abendessen, wie es in deinen Augen vielleicht ist, ja ungern unterbrechen, aber es ist schon halb zwölf, ich hab morgen Schule und muss ins Bett!“, blickte sie nach einer Weile von ihrem Handy auf und sah Tom an, der kurz unter ihren Worten zusammen zuckte.
„ Klar, ich bezahl eben und dann bring ich dich weg!“, sagte er hastig und winkte einen der 7 Kellner zu ihnen an den Tisch heran.
Während Tom bezahlte, ging Florentine noch schnell aufs Klo, wo sie sich erleichterte und über alles noch einmal kurz nachdachte.
Zum einen war es einfach komisch, dass sie sich hier, auf einer Toilette eines Luxusrestaurants in Hamburg befand, sich die Hände an einem vergoldeten Wasserhahn wusch und alles in teurem Marmor ausgestattet war. Zum anderen war es total unreal, dass draußen an einem Zweiertisch kein geringerer als Teenieschwarm Tom Kaulitz befand, der auf sie wartete und das ganze Essen bezahlte.
Auch wenn sie mit der witzigen Art von ihm nicht klar kam und er auch nicht ganz dem Typ entsprach, den sie als Attraktiv einstufte, war da das gewisse etwas, was Florentine Angst machte. Er war ihr auf der anderen Art sympathisch, und wenn er seine Coolness verlor, was an dem Abend das ein oder andere Mal vorkam, fand sie ihn sogar ziemlich niedlich.
Doch das mulmigste Gefühl, was sie hatte, war immer noch die Tatsache, dass sie seine absichtliche vielleicht aber auch unabsichtliche Berührung mit ihren Händen kurzzeitig aus der Bahn geworfen hatte.
Sie hatte lange bei dem Essen darüber gegrübelt, doch eine passable Antwort darauf bekam sie nicht. Es viel ihr einfach nicht ein, wieso sie so reagiert hatte.
Sie zupfte noch einmal ihre Haare zu Recht und verließ dann wieder die Toiletten, wovor Tom zu ihrer Überraschung schon wartete.
„ Bist du fertig?“, fragte er und stieß sich von der Wand, an der er gelehnt hatte, ab.
„ Ehm… Ja, ich bin fertig!“, entgegnete Florentine, zog sich ihre Sommerjacke über, die Tom ihr netterweise noch mitgebracht hatte, und verließ schnellen Schrittes zusammen mit ihm das Lokal.
„ So, und was machen wir jetzt?“, fragte er grinsend, während die beiden auf den schnellsten Weg zurück zum Auto waren.
„ Wir beide machen jetzt gar nichts mehr. Du bringst mich wieder zum Treffpunkt und siehst mich danach nie wieder!“, entgegnete das blonde Mädchen selbstbewusst und zog den Reißverschluss ihrer Jacke noch höher.
„ Du willst mich nicht mehr wieder sehen?“, fragte Tom geschockt.
„ Um ehrlich zu sein, Nein. Scharf darauf bin ich nun wirklich nicht. Deine ganzen blöden Sprüche gehen mir nämlich gewaltig auf den Zeiger!“
Trotzdem wäre es schade, dass wir uns nicht noch einmal sehen würden, irgendwie. , ging es durch Florentines Kopf, doch dieser Gedanke verschwand sofort wieder.
„ Und wenn ich meine Sprüche weglasse?“
„ Tom, sei doch ehrlich. Dir geht es einfach nur um eine Schnelle Nummer mit mir und ich kann es dir jetzt noch einmal sagen. Mit mir eine Schnelle Nummer schieben ist nicht.“
„ Wer hat denn bitteschön was von schneller Nummer gesagt?“, fragte er schon leicht aggressiv, „ Meine Güte, glaubst du immer alles, was im TV läuft?“
„ Also Bitte. Anders geht’s doch nicht. Um ehrlich zu sein bestätigst du mir doch sogar noch diese Aussagen aus dem Fernsehen. Mit deinen dämlichen Sprüchen und deiner ganzen Machohaften, ekeligen Art. Das ist doch schon wirklich pervers! Wenn du mit jeder so umgehst und die auch noch darauf reinfallen, ist es doch kein Wunder, das solche Geschichten über dich auftauchen!“
Inzwischen waren die beiden an Toms Geländewagen angekommen und während Tom in seiner Hosentasche nach den Schlüsseln suchte, war es Florentine plötzlich peinlich, ihn so angegiftet zu haben. Es gab keinen Grund, so auszurasten und wieso sie so aus sich raus gekommen war, war ihr ein Rätsel.
„ Tut mir Leid!“, gab sie deswegen kurz danach zurück, als Tom Wortlos ins Auto gestiegen war und sie sich auf den Beifahrersitz setzte.
„ Schon gut!“, entgegnete Tom, schmieß den Motor an und konzentrierte sich auf das Ausparken.
Das ’Schon gut’ klang verletzlich, als ob sie nun einen wunden Punkt getroffen hätte, was sie überhaupt nicht tun wollte. Sie blickte auf das Seitenprofil von Tom, der nun konzentriert das Auto durch die Straßen fuhr. So ruhig und in sich gekehrt war er den ganzen Abend nicht gewesen und es machte ihr Angst. Wo war nun der Oberchecker gewesen, der noch kurz davor mit ihr das Restaurant verlassen hatte?
„ Es tut mir wirklich Leid.“, setzte Florentine erneut an, „ Falls ich dich verletzt hab oder ähnliches. Das wollte ich nicht!“
„ Ist schon in Ordnung. Du kannst es ja nicht wissen!“, gab er ruhig zurück und sah kurz zu ihr, „ Wo soll ich dich jetzt hinbringen? Nach Hause oder zu dem Kiosk?“
„ Wenn es gehen würde nach Hause!“, gab sie schüchtern zurück.
„ Und wo ist zu Hause?“
„ Händelstraße 23.“
„ Dann mal auf!“, sagte er, gab schnell die Straße in seinem Navigationssystem ein und bog die nächste Straße ein.
Die restliche Fahrt verbrachten die beiden mit Schweigen. Jeder war in seinen Gedanken versunken.
Besonders Florentine rang mit sich. Auf der einen Seite hatte sie schon die Lust gepackt, sich erneut mit Tom zu treffen. Doch auf der anderen Seite war da wieder diese Abneigung, die sie gegenüber ihm hatte. Seine ganze Art und das geflirte mit ihr hatte sie ganz schön genervt. Doch vielleicht war das sein Image, das er verkaufen musste, denn der Tom, der gerade neben ihr im Auto saß, kam realer und glaubwürdiger rüber als der Tom, der mit ihr beim Italiener saß.
„ So, da wären wir!“, wurde sie von Tom aus den Gedanken gerissen.
Sie blickte aus dem Fenster und sah, dass er direkt vor ihrem Wohnhaus stand.
„ Danke!“
„ Kein Problem!“
Florentine schnallte sich ab und öffnete die Tür, um auszusteigen, als sie eine Hand an ihrem Arm zurück ins innere des Wagens zog.
„ Ich fänds wirklich schön, wenn wir uns noch einmal treffen würden.“, sagte Tom leise und nahm seine Hand von ihrem Arm zurück.
„ Wenn du mir versprichst, dich so zu verhalten, wie du es gerade getan hast und so bist, wie du wirklich bist, gerne. Aber mit einem Checker, der nur das eine will, möchte ich mich nicht nochmal treffen!“, gab Florentine ehrlich als Antwort.
„ Okay, ich bin so, wie ich bin, das wird mir leicht fallen!“, lächelte er leicht und zog sein Handy aus der Tasche, „ Also, krieg ich deine Nummer?“
Nach einem tiefen Ein- und Ausatmen nahm sie schließlich sein Handy an und tippte ihre Nummer, speicherte diese und hielt ihm das Handy wieder entgegen.
„ Danke. Ich meld mich, sobald ich wieder Luft habe!“
„ Tu dir keinen Zwang an, kleiner Macho!“, grinste Florentine, stieg nun endgültig aus dem Wagen aus und winkte noch einmal kurz zum Abschied, ehe Tom den Wagen wieder in Bewegung setzte und mit quietschenden Reifen davon fuhr.

Kapitel 6 - Anruf in Abwesenheit


„ Ist alles okay bei dir?“
Es war die Letzte Stunde Englisch an diesem Dienstagmorgen und Florentine wurde nun wohl schon zum gefühlten 1000ten Mal von Emma nach ihrem Wohlbefinden ausgequetscht.
„ Ja, es ist alles in Ordnung, glaub mir doch einfach!“, war ihre leise Antwort auf die Frage ihrer besten Freundin und konzentrierte sich wieder auf Frau Lambert.
Es stimmte auch. Florentine fühlte sich eigentlich sogar ziemlich gut, nur die Müdigkeit und auch das gestrige Treffen machten ihr ein wenig zu schaffen. Doch das merkte Emma anscheinend wohl.
„ Wieso kauf ich dir das bloß nicht ab, verdammt?“, fluchte sie und knallte ihren Kugelschreiber auf ihren Collegeblock, „ Ich bin deine Beste Freundin und du weißt doch, dass du mit mir über alles reden kannst!“
„ Exakt, Miss Zukovski, aber folgen Sie doch einfach dem Beispiel ihrer Besten Freundin Miss Lieberberg und konzentrieren Sie sich auf den Unterricht. Oder wollen Sie rausgehen und eine Fehlstunde kassieren?“, wurde sie von Frau Lambert unterbrochen, die sich schon einige Minuten still das Geplauder zwischen Florentine und Emma ansah.
„ Nein, ich bleib hier, konzentriere mich auf ihren Unterricht und halte meine Klappe!“, war alles, was Emma noch sagte und blieb die restliche Stunde still, was nicht nur Frau Lambert und ihrem Unterricht sondern auch Florentine ganz gut tat, da diese schon leicht angenervt von ihr war.
Um viertel nach eins klingelte es dann endlich zum lang ersehnten Schluss und die Schweigepause von Emma nahm auch so ein Ende. Zum Pech von Florentine und zum Glück ihrer.
„ Jetzt sag schon, was ist los?“, wurde sie von ihrer Freundin keine 10 Sekunden nach Schulende mit der Frage durchbohrt.
„ Es ist wirklich nichts, alles in bester Ordnung!“, erklärte sie Emma und packte ihre restlichen Sachen zusammen.
Emma gab nur ein undefinierbares Grunzen von sich und ließ die Sache erst einmal auf sich beruhen. Sie hatte heute noch genug Zeit, mit Florentine in Ruhe über ihr Abwesendes verhalten zu tratschen. Immerhin wollten die beiden heute den Tag mit Shoppen verbringen und da würde Florentine nicht so schnell von ihrer Fragerei loskommen.
„ Wann kommst du zu mir?“, wollte sie wissen, als die beiden Mädchen am Fahrradständer angekommen waren.
„ So gegen halb vier? Wir haben so unheimlich viel in Physik aufgekriegt!“, regte Emma sich etwas auf und schob das Fahrrad aus dem Ständer.
„ Ja, halb vier ist ok. Dann hab ich noch Zeit etwas für Niederländisch zu tun!“
„ Du und Zeit für Niederländisch lernen? In dem Fach stehst du 1.“
„ Ja, ich weiß, aber man weiß ja nie so genau!“
„ Also gut, lern du mal schön für deine Arbeit, wir sehen uns später, Tschüssi!“, gab sie Florentine noch einen Kuss auf die Wange und fuhr links an der Schule vorbei nach Hause, während Florentine die Straße geradeaus nahm, um zu ihrem Wohnhaus zu gelangen.
Florentine genoss die Sonne, die warm auf die Erde schien und fuhr extra langsam nach Hause, um jeden einzelnen Sonnenstrahl auszukosten. Sie hatte heute morgen, trotz der Sommerkälte, ihre ¾ Hose angezogen und ihre Sommerjacke extra weggelassen und nur eine dünne Stoffjacke drüber gezogen, weil sie genau wusste, wie warm es werden konnte. Und heute wurde sie nicht enttäuscht.
Am Wohnhaus angekommen schloss sie ihr Fahrrad vor dem Gebäude ab und zog ihren Haustürschlüssel aus ihrer Tasche, um ins innere zu gelangen. Dort erwartete sie eine erfrischende Kühle, die sie herzlich im Empfang nahm. Schnell holte Florentine die Post aus dem Briefkasten und machte sich mit dieser 2 Stockwerke nach oben auf zur Wohnung.
„ Jemand zu Hause?“, rief sie in die stille Wohnung, als sie eintrat und ihre Schuhe abstreifte.
Aus der Küche drang ihr der Geruch von Lasagne entgegen und ein ’Ich bin hier’ dröhnte ebenfalls aus dieser hervor. Florentine entlockte diese Stimme ein lächeln. Es war ihr Vater, der nämlich dort am Herd stand und darauf wartete, dass die Lasagne im Ofen fertig wurde.
„ Du kochst?“, grinste sie und lehnte sich an den Türrahmen.
„ Ja, ich koche. Ich bin eher von der Arbeit gekommen, wie du siehst, und dachte mir, dass ich euch mal überrasche! Weißt du, wann Max kommt?“, wollte ihr Vater wissen und öffnete einmal kurz die Backofenklappe, um zu schauen, wie weit die Lasagne war.
„ Ehm, der hat heute sieben Stunden, glaub ich!“, entgegnete sie achselzuckend.
Max war Florentines kleiner, 16 Jähriger Bruder, der mit ihr und ihrem Vater zusammen in der Wohnung lebte. Florentines Mutter hatte sie kaum noch in Erinnerung.
„ Na, ich denke, du hast trotzdem Hunger. Die Lasagne ist auch sofort fertig. Könntest du den Tisch decken?“, fragte ihr Vater und verließ die Küche, „ Ach, dein Handy hat übrigens zwei Mal geklingelt!“
„ Mein Handy?“
„ Ja, das hast du zu Hause vergessen! So, ich bin eben schnell im Bad!“, verabschiedete sich ihr Vater schließlich endgültig und verschwand im Badezimmer.
Florentine deckte schnell den Tisch, holte die Lasagne aus dem Ofen und ging danach schnurstracks in ihr Zimmer, wo sie ihr Handy auf ihrem Nachttisch vorfand.
Tatsächlich zeigte ihr Display zwei entgangene Anrufe vor, von denen die Nummern allerdings unbekannt waren.
Mit runzelnder Stirn steckte Florentine ihr Handy in die Hosentasche, damit sie es auch beim nächsten Mal mitbekam, und ging zurück in die Küche.


Kapitel 7 - Kaufrausch und Nachdenken


Um kurz nach Halb vier, pünktlich wie immer, stand Emma vor der Tür und wartete bereits sehnsüchtig auf ihre Freundin. Diese packte noch schnell ein paar Sachen in ihre Handtasche und verließ dann die Wohnung und das Wohnhaus, vor dem sie schon freudig erwartet wurde.
„ Endlich kommst du mal. Hab ’ne Ewigkeit auf dich gewartet!“, schmollte sie rum.
„ Hättest ja auch hochkommen können!“, zwinkerte Florentine ihr zu und schloss ihr Rad auf.
„ Geht nicht. Ich hab mein Schlüssel fürs Schloss am Fahrrad vergessen!“, gab sie zurück und musterte Florentines irritiertes Gesicht, „ Ich kann ja dann mein Fahrrad bei dir mit abschließen, oder?“
„ Ehm, klar. Das dürfte das kleinere Problem sein!“
Die beiden Freundinnen bestiegen ihre Fahrräder und fuhren die Straße runter Richtung Altstadt, wo die meisten Läden vorzufinden waren.
„ Was meinst du, bleibt das Wetter so warm?“, fragte Emma und sah in den Wolkenlosen Himmel.
„ Ich hoffe es. Ich finds ganz gut so. Schönes Wetter, Zeit für T-Shirt und Tops und die Jungs fangen auch wieder an sich richtig zu stylen!“, grinste sie.
„ Da hast du aber mal so was von Recht. Was die im Winter immer tragen. Diese ganzen, komischen Pullover. Ätzend, da mag ich ja gar nicht hingucken!“
„ Ich frag mich ja die ganze Zeit, ob das nur hier in Hamburg der Fall ist oder auch sonst wo in Deutschland. Ich mein, Alex hat erzählt, dass die Leute in Köln eigentlich nen ziemlich guten Modegeschmack haben. Auch im Winter!“
„ Ein Traum, wovon wir noch lange träumen können, Flochen!“
„ Leider wahr!“, seufzte sie und schwang sich vom Fahrrad.
Die beiden waren am McDonalds außerhalb des Trubels angekommen, wo sie ihre Fahrräder abschlossen und sich auf den Weg Richtung Einkaufsstraße machten.
„ Wohin gehen wir zuerst?“, wollte Florentine wissen, als sie an den ersten Geschäften vorbei gingen.
„ Mhm, wie wäre es mit H&M?“, stellte Emma die Gegenfrage und Florentine bejahte dies.
So liefen die beiden den alt bekannten Weg in Richtung des Kaufhauses, was Emma so liebte und womit Florentine eigentlich nichts anfangen konnte. Emma wusste, dass ihre Beste Freundin beim shoppen erst wieder gute Laune bekam, wenn sie diesen Laden hinter sich hatten. Sie hoffte, dass dann diese auch endlich wieder mehr reden und ihr dann auch endlich erzählen würde, warum sie heute so still war.
„ Flo?“, stoppte Emma ihre Beste Freundin, „ Du läufst grade am Eingang vorbei!“
Überrascht, wie schnell sie bei dem Kleidungsladen angekommen waren, drehte Flo sich um und starrte in das kunterbunte dekorierte Schaufenster von H&M.
„ Oh, Sorry, hab geträumt!“, entschuldigte sich Florentine sofort und tapste hinter ihrer Freundin her in den Laden, wofür diese Feuer und Flamme war.
Florentine stellte sich wie immer in eine Ecke, von wo aus sie das treiben von Emma gut beobachten konnte und sah, wann sie fertig für die Kasse war. Immer wieder huschte ihre Gestallt an ihr vorbei mit einem lächeln auf den Lippen.
Sie selber konnte diesen Kaufrausch in diesem Laden nicht verstehen. Sie verabscheute grade zu den Laden, auch, weil man sich hier kaufen konnte, was man wollte und 10 andere das Gleiche besaßen. Man erkannte sofort, was von H&M war, und das war einfach eine der Sachen, wieso Florentine sich nichts kaufte. Vielleicht ab und zu Unterwäsche, aber dieses kam auch nur selten vor.
„ Gib mir noch 10 Minuten, dann steh ich an der Kasse!“, kam Emma wieder angerannt und gab Florentine die erste Hose und zwei T-Shirts, ehe sie mit Zehn anderen Kleidungsteilen sich auf Richtung Umkleidekabinen machte.
Florentine schüttelte nur den Kopf und nahm die Sachen mit einem Seufzen an. 10 Minuten hießen also noch circa eine halbe Stunde. Genau passend – zum Nachdenken.
Das hatte sie schon den ganzen freien Vormittag über gemacht. Ihre Gedanken klebten schon dort an den gestrigen Abend, und auch jetzt ließ es sich nicht vermeiden. Auch, weil sie nicht wusste, wer sie mit unbekannter Rufnummer erreichen wollte.
Doch dass Tom dies war, glaubte sie nicht. Kein Typ rief sofort am nächsten Tag an. Kein Macho wie er tat es. Und voralldingen kein Popstar seiner Sorte, der garantiert besseres zu tun hatte, als ein kleines, zickiges Mädchen anzurufen.
Aber wollte sie wirklich ernsthaft sich noch einmal auf ein Treffen mit ihm einlassen? Vielleicht waren es doch nur leere Versprechen, die er gestern Abend gemacht hatte.
„ Flo? Wach auf, ich möchte jetzt wirklich gerne bezahlen!“
Erschrocken sah die Angesprochene auf, die sich ertappt in ihren Gedanken fühlte, und sah ihrer Besten Freundin in die Augen, die sie stark musterten.
„ ’Tschuldige!“, kam sofort die Entschuldigung.
„ Kein Problem!“, sagte Emma, nahm Florentine die Kleidung ab und marschierte im Schlepptau mit ihr zur Kasse.
„ Worüber denkst du eigentlich die ganze Zeit nach?“, wollte sie wissen, als sie sich angestellt hatten.
„ Ich denke über gar nichts nach!“, erklärte Florentine.
„ Ach ja? Flo, ich kenn dich doch. Deine Gedanken sind ganz woanders. Was ist los?“
„ Es ist nichts los!“
Ein strenger Seitenblick ihrer Freundin ließ Florentine aufseufzen.
„ Es ist schon was!“, gab sie kleinlaut von sich.
„ Ich weiß!“
„ Aber ich-“
„ Hey, ich bin deine Beste Freundin. Ich merk doch, wenn was nicht stimmt! Und das seh ich an dir ganz gewaltig!“
„ Ja, du hast ja auch Recht!“
„ I know, I know!“, grinste Emma, „ Sollen wir uns gleich bei Luca reinsetzten, eine Eisschokolade trinken und du erzählst mir alles?“
„ Dann lieber doch ein Eis und an die Elbe!“, entgegnete Florentine und schaute auf ihre Ballerinas.
„ Also gut, Elbe. Aber du erzählst mir dann wirklich, was Sache ist, in Ordnung?“
„ Ja, in Ordnung!“
Während Emma ihre Sachen bezahlte, stellte sich Florentine schon einmal innerlich auf das Gespräch zwischen ihnen ein. Wie würde Emma nur reagieren, wenn sie ihr sagen würde, dass sie sich gestern mit einem Typen getroffen hatte, den sie zuerst überhaupt nicht leiden konnte, später doch etwas Sympathie für ihn empfunden hatte und dass es sich bei demjenigen um niemand anderes als Tom Kaulitz von der Band Tokio Hotel handelte?

Kapitel 8 - You know I know


„So, dann schieß mal los, was liegt dir auf dem Herzen?“, fragte Emma neugierig, zog eine Zigarette aus der Tasche und sah gespannt auf ihre beste Freundin, die sich eigentlich vor dem Gespräch drücken wollte.
Die beiden waren an der Elbe angekommen, hatten ihr Eis auf dem Weg schon aufgegessen und befanden sich nun auf dem Kieselweg, wo zu dieser Jahreszeit sich viele tummelten.
„ Ja, wo fang ich am besten an?“, nuschelte sie ihr entgegen und spielte an ihren Nägeln herum.
„ Worum geht’s denn überhaupt, fangen wir doch mal da an!“, grinste Emma und sog genüsslich am Glimmstängel.
„ Um einen Typen!“
„ Hast du dich verknallt?“, stieß die Braunhaarige euphorisch hervor.
„ Nein, soweit ist es noch nicht!“, musste Florentine ihre Freundin enttäuschen, „ Ich habe ihn auf dem Rückweg von der Party am Samstag Abend kennen gelernt. Und weißt du, er ist überhaupt nicht mein Typ. Weite Klamotten, Dreads, Machomäßig. Du weißt ja, dass ich von solchen Leuten nicht viel halte.“
„ Wie habt ihr euch denn dann kennen gelernt? Also, wie seid ihr ins Gespräch gekommen?“, fragte Emma neugierig.
„ Sein Hund hat mir ans Bein gepinkelt. Ich war natürlich total außer mir und hab ihn dann zur Rede gestellt, wieso er nicht besser auf seinen blöden Kötter aufpassen kann und so weiter. Er hat dann angeboten, dass wieder gut zu machen. Und zwar nicht mit einer Reinigung sondern mit einem Treffen auf seine Kosten. Ich hab eingeschlagen und ja, war gespannt auf das Treffen. Als wir uns dann gestern Abend getroffen haben, hat er den totalen Macho aushängen lassen. Und das hat mich so richtig angekotzt, dass sag ich dir…“, der Redeschwall Florentines überraschte nicht nur Emma sondern auch sie selber.
Sie hatte Angst davor gehabt, Emma alles zur erzählen, auch weil sie dachte, das diese sie dann für total bekloppt abstempeln würde. Doch es traf das Gegenteil ein. Auch, als Florentine den Namen und die Identität des mysteriösen Typen auflöste und Anfing, über das andere ICH von ihm zu erzählen, was gestern am Schluss raus gekrochen war und welches sie zum Nachdenken erregt hatte.
„ Und seine dann zurückhaltende Art hat mich dann ziemlich Stutzig gemacht. Ich mein, mir war klar, dass er nicht so ist, wie er sonst überall rüberkommt. Aber mit so was hatte ich nicht gerechnet. Und am Ende unseres Treffens, ich weiß nicht. Er tat mir irgendwie so Leid, wie er da auf einmal ganz klein in seinem großen Auto saß und nach meiner Handynummer gefragt hat. Und da hab ich ihm diese einfach gegeben.“, erklärte Florentine den Rest der Geschichte und setzte sich geschafft auf die Bank hin, an der sie gerade vorbeiliefen.
„ Und, meinst du, er ruft dich an?“, fragte Emma, die schon ihre zweite Zigarette angefangen hatte zu rauchen und sah ihre Beste Freundin durchdringend an.
„ Ich hoffe es, irgendwie. Ich möchte wissen, wie er wirklich drauf ist. Wie sein Ich hinter der Fassade von dem von Tokio Hotel ist. Ich hab wirklich echt lange darüber nachgedacht, aber es gibt nichts anderes als das ich ihn noch einmal treffen möchte.“, versuchte Florentine weiter zu erklären.
„ Dann sag zu, wenn er anruft und dich fragt. Punkt aus. Wieso überlegst du da noch so lange?“
„ Weil ich mir eben unsicher bin!“
„ Aber wieso?“, stocherte Emma weiter, „ Ich dachte, du möchtest ihn von der anderen Seite kennen lernen.“
„ Ja, aber was ist, wenn er sein Macho-Ich nicht ablegen kann?“
„ Flo, jetzt komm. Der Junge möchte dich wieder sehen und verzichtet dann auf sein Image. Dann geb ihm auch die Chance und sei dir nicht unsicher!“
„ Ja, dann werd ich wohl aufhören, darüber zu grübeln!“, seufzte Florentine und sah zu Emma, „ Und du bist nicht irgendwie… Überrascht oder so?“
„ Ich bin nur überrascht, dass es Tom ist, der dich so zum Nachdenken angeregt hat. Immerhin hast du mit der Band nichts zu tun und dein Typ ist er nun wirklich nicht. Aber dass hinter deinem ganzen Nachdenken ein Typ dahinter steckt, war mir von Anfang an klar.“, grinste Emma, „ Immerhin kannst du mir nichts verheimlichen, ich bin deine Beste Freundin. Und das schon seid über 10 Jahren!“
„ Ja, weshalb ich auch ziemlich froh bin!“, grinste Florentine, „ Mir ist es zum Anfang hin echt schwer gefallen, dir alles zu erzählen, weißt du das?“
„ Wieso das denn?“, fragte Emma erstaunt nach.
„ Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Es war einfach so. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor deiner Reaktion von wegen Tokio Hotel oder so etwas!“
„ Hey, du weißt ganz genau, dass es mir egal ist, woher du einen Typen kennst oder was er macht. Das er bei Tokio Hotel mitspielt – Ist natürlich erst einmal komisch, aber ich kann damit leben und halt mein Mundwerk für dich.“
„ Danke. Aber das macht mir ja wiederum wider Angst. Was ist, wenn ich mich immer häufiger mit ihm treffe und Gefühle für ihn entwickle und nachher doch alles für ihn nur ein Spaß ist oder diese ganzen kranken Fans davon Wind kriegen?“
„ Kriegen sie schon nicht, dafür wird, denke ich mal, gesorgt. Und zwar nicht nur von deiner Seite aus sondern auch von deren Seite. In solchen Boygroupverträgen steht doch eh immer, dass sie keine Freundinnen haben dürfen, da sie ja sonst Fans verlieren könnten. Das war doch auch damals bei N*Sync so, weißt du noch?“
„ Na komm, von Freundin sein ist noch lange nicht die Rede!“, schlug Florentine Emma leicht auf dem Arm und ließ sich gegen die Rückenlehne der Bank fallen, „ Ich werde einfach ja sagen, wenn er anruft und fragt, und dann werd ich weiter sehen. Ganz einfach!“
„ Sag ich doch.“, zwinkerte Emma ihr zu, erntete erneut einen leichten Schlag auf den Oberarm von Florentine und genoss die Sonne, die auf die Erde knallte.

Kapitel 9 - Na dann…


„ Kommst du heute mit zum See?“, fragte Emma Florentine, als die beiden das Schulgebäude verließen und sich auf den Weg zu ihren Fahrrädern machten.
„ Würde ich liebend gerne, aber ich bin heute verabredet!“, entgegnete die Angesprochene.
„ Mit wem?“
„ Tom!“, antwortete Florentine knapp auf die Frage ihrer besten Freundin und ließ diese überrascht stehen, während sie sich zu ihrem Fahrrad durchschlängelte, um dieses aufzuschließen.
Inzwischen war eine Woche nach dem Treffen und auch nach dem Gespräch über Tom zwischen Florentine und Emma vergangen. In dieser einen Woche hatte sich Tom zwei Tage nach dem Treffen gemeldet. Zwar hatte er nicht, wie Florentine gehofft hatte, schon vorher versucht, sie zu erreichen, aber immerhin hatte er ein Lebenszeichen von sich gegeben und eine Einladung auf ein kühles Getränk für sie parat gehabt, bei der sie nicht Nein sagen konnte.
„ Du hast mir gar nicht erzählt, dass ihr euch treffen wollt geschweige denn, dass er sich gemeldet hat!“, warf Emma ihr vor und schloss selber ihr Rad auf, nachdem sie sich durchgekämpft hatte.
„ Ich hatte es vergessen, vielleicht auch verdrängt, keine Ahnung. Auf jedenfall werde ich ihn heute wieder sehen!“
„ Und wo?“
„ Keine Ahnung, er holt mich von zu Hause ab!“, zuckte Florentine mit den Schultern.
„ Meine Güte, was für ein Luxus ist das denn Bitte? Mit seiner großen Karre?“
„ Ich denke. Glaub nicht, dass der noch andere Autos hat!“
„ Na, bei ihm weiß man nicht so genau.“, witzelte Emma und die beiden Freundinnen schwangen sich aufs Fahrrad.
„ Ich lass mich einfach überraschen und erzähl dir morgen alles, in Ordnung?“, wollte Florentine das Thema beenden.
Sie hatte allein schon beim Gedanken, Tom heute wieder zu sehen, ein Kribbeln im Bauch. Da brauchte sie sich nicht auch noch mit ihrer besten Freundin über diesen zu unterhalten. Sie wollte sich an dem heutigen Abend überraschen lassen. Schauen, ob er wirklich anders war, wie das zweite Treffen verlaufen würde.
„ Hey, hörst du mir überhaupt zu?“, wurde sie von Emma aus den Gedanken gerissen.
„ Sorry, war grad in Gedanken!“, entschuldigte Florentine sich bei der Brünetten.
„ Ich hab’s gemerkt. Ich wollte wissen, was wir in Englisch aufbekommen haben, ich war da auf dem Klo, als Frau Lambert die aufgegeben hat!“
„ Ich glaub, dass war Seite 67 die drei Nummern unter dem Text. So richtig hab ich der da auch nicht mehr zugehört, wenn ich ehrlich bin!“
Emma nickte nur und ließ während der restlichen Fahrt Florentine in ihren Gedanken. Erst als sich ihre Wege trennten, Florentine in die nächste Straße zu ihr einbiegen und Emma noch 4 weiter fahren musste.
„ Wir sehen uns morgen. Und ich will alles wissen!“, rief ihr Emma noch hinterher und sie verschwand in ihre Straße.
Seufzend schloss Florentine ihr Fahrrad vor dem Haus ab und betrat den kühlen Hausflur des Altbaugebäudes, holte die Post aus dem Briefkasten und stapfte die Treppen nach oben.
Wieder fand sie dort ihren Vater vor, der wie in der Letzte Woche auch für sie und ihrem Bruder etwas zu Essen kochte und Nebenbei seine Arbeit im Wohnzimmer erledigte.
„ Und, was habt ihr beiden heute noch vor bei dem Wetter?“, wollte ihr Vater am Tisch wissen.
„ Lukas kommt gleich vorbei und dann wollen wir zum See!“, erklärte Max und stopfte sich die nächste Portion Kartoffeln in den Mund.
„ Und du?“, drehte er sich zu Florentine.
„ Ich mach gleich noch Hausaufgaben und dann bin ich heute Abend verabredet!“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
„ Heute Abend verabredet?“, lächelte ihr Vater.
„ Bestimmt mit Felix.“, grinste Max, „ Der hat Flo bestimmt jetzt endlich mal rumgekriegt!“
„ Ach, halt die Klappe, Max. Nein, ihr kennt ihn nicht. Ich kenn ihn auch noch nicht so lange!“
„ Woher kennst du ihn denn?“
„ Seid wann bist du so neugierig?“
„ Dad hat zuerst gefragt!“, schoss der 16 Jährige dazwischen.
„ Na und? Das heißt noch lange nicht, das ich ihm antworte!“
„ Was bist du denn jetzt so muffig?“, fragte ihr Vater.
„ ’Tschuldige, wollte ich nicht. Na ja, du kennst ihn nicht, Max kennt ihn nicht, aber ich kenn ihn. Und mehr sag ich nicht!“
Damit war für Florentine das Gespräch und auch das Essen beendet. Sie packte ihren leeren Teller, steckte ihn in die Spülmaschine und verließ die Küche, um in ihrem Zimmer ihre Hausaufgaben zu machen und sich auf das Zusammentreffen mit Tom ein wenig vorzubereiten, welches in nicht einmal 3 Stunden stattfinden würde.

Es war kurz nach 19 Uhr, als Florentine aus dem Wohnhaus ging und an der Straße von links nach rechts und wieder nach links sah, nur um sich zu vergewissern, dass sie doch nicht zu spät war. Abgemacht war kurz vor 19 Uhr vor ihrer Haustür, aber von Tom fehlte selber bis jetzt noch jede Spur. Zumindest sah sie seinen großen Geländewagen nicht, welchen man eigentlich nicht übersehen konnte.
Auch wenn sie nicht einmal 2 Minuten draußen stand, wurde Florentine immer ungeduldiger. Er hatte sich bestimmt wieder andersrum entschieden und wollte sich gar nicht mehr mit ihr treffen. Gründe gab es in seinen Augen bestimmt auch mehr als einen. Doch Florentine wollte ihrem schlechten Gewissen eine Chance geben und wartete so weitere geschlagene 5 Minuten. Doch kein Geländewagen kam die Straße entlang gefahren.
Frustriert und leicht gekränkt holte sie schließlich ihren Schlüssel aus ihrer Tasche und drehte sich zur Haustür um, um diese Aufzuschließen, doch ihr klingelndes Handy ließ sie davon zunächst abhalten.
„ Ja?“, nahm Florentine genervt ab.
„ Möchtest du dich nicht mehr mit mir treffen oder warum willst du wieder ins Haus?“, hörte sie die Stimme von Tom.
„ Woher weißt du -?“
„ Ich steh mit dem Wagen drei Autos von dir entfernt. Mein Cadillac ist in der Werkstatt und da musste ich das Auto eines Kumpels nehmen.“
„ Gut, in welcher Richtung stehst du?“
„ Links von dir.“, damit legte Tom auf und Florentine sah die Straße runter.
Sie hörte einen Motor anlaufen und tatsächlich wurde drei Wagen weiter links von ihr das Auto angestellt. Langsamen Schrittes ging sie auf dieses zu und Tom lächelt sie keck an, als er sie entdeckte.
„ Kommt, steig ein!“, rief er durch das offene Fenster und so setzte sich Florentine neben ihn auf den Beifahrersitz.
„ Wie lange stehst du denn schon hier?“
„ Also, ich war schon hier, als du aus der Haustür gekommen bist. War lustig mit anzusehen, wie du immer die Straße hoch und runter geguckt hast!“
„ Du hast mich die ganze Zeit beobachtet?“
„ Klar, mir war langweilig und ich hab doch auf dich gewartet!“, meinte Tom und fuhr aus der Parklücke raus.
„ Und wohin geht es jetzt?“
„ Kennst du das Imood?“, wollte Tom wissen und drehte seinen Kopf kurz zu ihr.
„ Ja, aber nur vom hören her!“
„ Richtig tolle Bar. Und da fahren wir jetzt hin!“
Ohne, dass Florentine noch etwas sagen konnte, brauste Tom die Hauptstraße entlang Richtung Imood. Was der Abend noch für sie bringen würde, war ihr Unklar, aber er würde lustig werden, da war sie sich sicher.

Kapitel 10 – Jemand ganz anderes


„ Ist das Imood nicht ein bisschen zu teuer?“, setzte Florentine zu einem Gespräch an und wollte somit die Spannung ein wenig auflockern.
Immerhin saßen die beiden jetzt schon geschlagene 4 Minuten im Auto, und noch keiner hatte etwas Großartiges gesagt, wodurch sie noch nervöse wurde, als sie es eh schon war.
„ Nein, für mich zumindest nicht. Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du bist eingeladen!“, lächelte Tom sie kurz an und konzentrierte sich wieder auf den Straßenverkehr.
„ Danke!“, entgegnete Florentine und schaute ebenfalls raus, „ Was hast du denn in der letzten Woche so gemacht?“
„ Viel zu viel. Ich war mit der Band für 3 Tage in Frankreich und jetzt arbeiten wir bei Lüneburg an unserem neuen Album weiter. Nur deswegen bin ich jetzt hier in Hamburg und kann mich mit dir treffen. Ein Wunder ist das überhaupt, dass ich heute Abend Zeit habe. Aber die ganzen Sachen habe ich heute Vormittag schon eingespielt und wenn Bill alles einsingt, dann brauch ich nicht dabei zu sein!“
„ Bill ist dein Zwilling, oder?“
„ Ja, so ist es. Aber viel hast du dich nicht mit der Band beschäftigt, oder?“
„ Nein, das stimmt. Ich mein, ich respektier das, was ihr macht, keine Frage, aber meine Musikrichtung ist das nicht!“, gab sie mit einer leichten röte im Gesicht zu.
Immerhin war das eine komische Situation für sie, einem Bandmitglied einer Gruppe, die sie eigentlich überhaupt nicht mochte und um die sie einen großen Bogen machte, zu sagen, dass man die Musik nicht mochte. Zumal ihr Tom an dem heutigen Abend in den paar Minuten, die sie jetzt gemeinsam verbracht hatte, recht Sympathisch vorkam.
„ Was hörst du denn für Musik?“, schmunzelte Tom, der Florentines
Gesichtsfarbenveränderung bemerkt hatte.
„ Ich hör mehr Alternativ, Punk, Rock und Indie. Aber so Pop-Sachen mag ich nicht!“
„ Wir machen ja auch nicht so wirklich Pop sondern Rock-Pop!“, grinste Tom sie an.
„ Ja, das weiß ich wohl!“
„ Komm, gib’s zu, du kennst nur Durch den Monsun!“
„ Und Schrei, aber mehr auch nicht!“
„ Mehr auch nicht? Frechheit, das waren die beiden schlechtesten Lieder, die wir raus gebracht haben!“, regte Tom sich theatralisch auf und schüttelte immer wieder mit dem Kopf.
„ Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit und ich hör mal in andere Songs von euch rein!“, schaute Florentine ihn mit einem aufmunternden Lächeln an.
„ Hätte ich eine CD von uns im Auto, hätte ich dir was vorgespielt. Aber da ich es komisch finde, mit der eigenen Musik Auto zu fahren, liegt hier keine rum!“
„ Dann schau ich einfach morgen mal im Internet rum!“
„ Oder ich schenke dir eine CD. Mit Widmung. Ist doch besser als Internet!“, zwinkerte Tom ihr zu.
„ Ich möchte die nur haben, wenn du extra in einen CD-Laden gehst, dir dort die CD schnappst, kaufst und mir die dann überreichst!“, grinste Florentine.
Oh ja, dies würde sie wirklich gerne einmal erleben. Wie ein Tom Kaulitz in einen CD-Store marschierte, mit seiner CD in der Hand an der Kasse stand und von den Verkäufern mit einem irritierten Blick gemustert wurde.
„ Das sieht doch total bescheuert aus, wenn ICH mit einer Tokio Hotel CD mich an der Kasse anstelle!“
„ Aber genau deswegen möchte ich das doch.“
Tom gab nur ein Brummen von sich und bog die nächste Straße links ab. Selbst Florentine wusste, dass es nicht der Weg zum Imood war, obwohl sie den Laden selbst noch nie besucht hatte. Sie musste ihn wohl weich gekocht haben, denn keine 5 Minuten später parkte er in einer Seitenstraße vor einem CD-Laden und zog seine Sonnenbrille aus dem Seitenfach.
„ Darf ich das dokumentarisch mit meiner Handykamera festhalten?“, scherzte Florentine grinsend, als Tom die Wagentür aufmachen wollte.
„ Nein, sonst landet das bestimmt morgen in der Bild-Zeitung!“, sagte dieser ernst und sah zum Store.
„ Denkst du wirklich, ich würde solche Bilder an die Presse weiter geben?“, fragte sie geschockt und ihr grinsen verflog aus ihrem Gesicht.
Der Gitarrist seufzte und schloss die Tür wieder, wand sich an Florentine und sah sie wieder ernst an.
„ Nein, das denk ich nicht. Tut mir Leid. Aber lass trotzdem bitte die Fotos. Wenn einer der Jungs die sieht, bin ich der Lacher Nummer Eins!“
„ Kein Problem. Und für mich bist du keine Lachnummer, Tom! Ich finds stark, dass du jetzt deine eigene CD kaufst!“, lächelte Florentine vorsichtig, „ Aber zahl nicht mit Karte, sonst sieht man das nachher auf dem Kontoauszug!“
„ Kein Problem, ich hab auch Bares!“, grinste er zurück und stieg nun aus dem Wagen aus.
Florentine beobachtete ihn ganz genau. Wie er sich in dem Laden bewegte und ganz unauffällig zu den Deutschen CD´s spazierte. Er musste die CD´s wohl gefunden haben, denn er sah nach draußen und blickte zum Auto, in dem Florentine saß und ihn aufmunternd ansah. Ihr viel auf, dass er sich sehr zusammen reißen musste, um nicht rückwärts wieder aus dem Laden raus zu gehen.
Es musste an seinem Ego kratzten, dass er nun zur Kasse ging und die CD auf die Ladentheke legte. Das Gesicht, welches die Verkäuferin nach einem Blick auf die CD und auf Tom hatte, würde Florentine nie vergessen. Es war, wie sie fand, ein Anblick für die Götter. Sie sah noch, wie Tom die CD bezahlte, die Tüte entgegen nahm und schnurstracks aus dem Laden zum Auto lief.
„ Und? War’s schlimm?“, grinste Florentine, nachdem Tom sich auf den Sitz gesetzt, ihr die Tüte auf den Schoß geschmissen hatte und den Motor starten ließ.
„ Es ging. Aber die haben mich da alle ziemlich komisch angeschaut!“, stellte er fest und fuhr den Wagen aus der Parklücke raus.
„ Also, ich fands mutig von dir.“
„ Danke. Gleich unterschreib ich dir noch das Booklet und dann können wir ja auch endlich zum Imood!“, grinste Tom und fuhr nun endgültig zur Bar.
Während dessen musste Florentine langsam aber sicher den Hut vor Tom und seiner Art ziehen. Er war jemand ganz anderes als noch beim letzten Treffen. Der Macho Tom war während diesen abends noch nicht einmal zum Vorschein gekommen. Langsam aber sicher gab er ihr das Gefühl, als ob es wirklich nur das Image war, welches er verkaufen musste. Sie fand gefallen an dem Tom, der er privat war. Und leugnen konnte sie nun auch nicht mehr dass sie hoffte, dass es nun wieder nicht ihr letztes Treffen mit dem Musiker war.

Kapitel 11 - Eingestehen leicht gemacht


Immer noch hielt Florentine das Album in ihren Händen, überrascht davon, dass Tom tatsächlich über seinen Schatten gesprungen war. So ganz glauben konnte sie das nämlich immer noch nicht, was sich vor knapp 7 Minuten vor ihren Augen abgespielt hatte.
„ Du bist ja jetzt schon ganz fasziniert von der CD, obwohl du sie dir noch nicht einmal angehört hast!“, grinste Tom, der ihren Blick auf die CD bemerkt hatte.
„ Ich kann mich einfach nicht von dir losreißen!“, grinste Florentine ironisch und bereute ihre Aussage sofort wieder.
Tom gab nach ihrer Antwort nur ein breites Grinsen von sich und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn, während die 18 Jährige am liebsten im Erdboden versunken wäre. Unangenehmer ging’s wohl kaum, oder? , dachte sie und stopfte das Album in ihre Handtasche.
„ So, wir sind da!“, erklärte Tom, als sie wieder aufschaute und der Wagen geparkt war.
„ Endlich!“, murmelte sie leise und stieg aus dem Auto aus, noch bevor Tom seine eigene Tür öffnen konnte.
Sofort sprangen ihr die Leuchtbuchstaben des Logos “Imood“ entgegen und bereiteten ihr eine angenehme wärme in ihrem Körper. Wieso, wusste sie selber nicht genau, doch dieses Gefühl gefiel ihr.
„ Alles klar bei dir?“, fragte Tom, der um das Auto rumgekommen war und sich neben sie stellte.
„ Ja, alles bestens. Sollen wir reingehen?“, fragte sie.
Tom nickte nur, schnappte sich Florentines Arm und betrat gemeinsam mit ihr die Bar.
Die Blonde hatte schon viel vom “Imood“ und der dortigen Atmosphäre gehört, von dem freundlichen Personal und den leckeren Cocktails. Allerdings auch von den hohen Preisen, so dass sie sich nie vorstellen konnte, tatsächlich einmal einen Abend hier verbringen zu können. Die Musik in der Bar war nicht zu laut und auch nicht zu leise, ein Mix aus Indie, Funk und Alternativ klang durch die Location. Florentine mochte diese Richtung und fühlte sich sogleich noch wohler, als sie es durch die warmen Schriftzüge draußen schon war.
„ Sollen wir uns nach hinten setzen? Da sind wir mehr unter uns!“, holte Tom sie aus ihrem kurzen Gedankenschub und zeigte in eine dunkle, von den anderen Sitzplätzen abgeschirmte Richtung.
Florentine nickte und so saßen die beiden kurze Zeit später in einer gemütlichen Eckbank, bestellten einen Cocktail und eine Cola und schwiegen eine Weile voreinander hin, bis die kühlen Getränken den Weg zu ihnen gefunden hatten.
„ Auf einen schönen Abend!“, stieß Toms Cola mit Florentines Fruchtcocktail an und die beiden nahmen einen Schluck.
„ Mhm, lecker!“, kommentierte Florentine ihr Getränk und lehnte sich schon etwas entspannter im Sofa zurück.
„ Ja, meine Cola ist auch hervorragend!“, grinste Tom und machte es sich ebenfalls bequem.
„ Das glaub ich dir nur zu gerne!“
„ Willst du mal probieren?“
„ Nein, Danke. Da bleib ich doch lieber bei meinem Cocktail!“, lachte sie und nahm einen weiteren Schluck.
Schnell kam sie mit Tom ins Gespräch und war verwundert über ihre offene und lockere Art, die sie plötzlich gegenüber ihm an den Tag legte. Sie redete mit ihm über Gott und die Welt, ließ den am Anfang kennen gelernten Tom hinten an stehen und konzentrierte sich auf den, der er wirklich war und der ihr gegenüber saß.
Wie selbstverständlich waren die beiden ein paar Zentimeter sich entgegen gerückt und hockten nun Schulter an Schulter und Oberschenkel an Oberschenkel auf dem Sofa.
Florentine musste sich langsam aber sicher eingestehen, dass sie von der Art, die Tom ihr gegenüber hinlegte, und von seiner Sympathie mehr als angetan war. Sie hang förmlich an seinen Lippen und bekam gar nicht genug von den Storys, die er parat hatte.
Inzwischen war sie selber schon bei ihrem dritten Cocktail angekommen und war alles andere als zimperlich, als Tom wie zufällig seine Hand auf ihrem Schulterblatt hinlegte und dort ruhen ließ. Es gefiel ihr sogar, dass er nun ganz seinen Arm um ihre Schulter gelegt hatte und genoss die etwas neidischen Blicke der jungen Frauen von den Nebentischen.Tom, der die Angetrunkenheit Florentines mit einem schmunzeln kommentierte, genoss ebenfalls die Blicke von den Nebentischen. Er war durch und durch ein Frauenschwarm, welches er auch nicht einfach so von seiner Kappe abschreiben lassen wollte. Doch das er hier mit einem Mädchen, einer jungen Frau saß, war für ihn nicht nur neu sondern auch ein Gefühl der Verständlichkeit und einer angenehmen wärme.
Nicht nur Florentine gestand sich langsam ein, dass es kein Fehler war, Tom eine weitere Chance zu geben, sondern auch er selber musste sich eingestehen, dass es alles andere als schlecht war, ihr zu begegnen.
Schon lange war er unzufrieden mit seinem Image und mit der Fassade, die er aufgebrummt bekommen hatte. Er war nicht der, der er in den Medien spielen musste. Er konnte es sogar nachvollziehen, dass Florentine zunächst keinen Bock auf so einen Macho hatte, wie er sich selber dargestellt hatte.
Ihm war es peinlich, dass er dachte, ihr würde diese Masche von ihm gefallen und sie würde nicht dahinter blicken. Doch er hatte Florentine und ihre Art falsch eingeschätzt. Er fing an, die 18 Jährige zu mögen, die sich zuerst verschlossen zeigte, sich nun jedoch öffnete. Auch wenn es mehr am Alkoholpegel lag als an sonst was, war er von ihr einfach nur fasziniert.

Kapitel 12 – Ein kleiner Schritt


Lachend traten gegen Mitternacht die angetrunkene Florentine und der nüchterne Tom aus der Bar. Florentine hatte sich mit dem dritten Cocktail selbst überschätzt und gab inzwischen wirres Zeugs von sich, was Tom zwar auf die Nerven ging, allerdings schmunzelnd über sich ergehen ließ. Ein Zeichen dafür, dachte Tom, dass nächste Mal dazwischen zu gehen.
Sowohl sie als auch er selber waren nach den endlos langen Gesprächen sich einig geworden, den Abend erneut zu wiederholen. Er war lustiger verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatten. Und er war auch Offener und Ehrlicher gewesen, was Florentine nicht gedacht hatte.
Trotz ihrer Angetrunkenheit hatte sie Toms Verhalten als Echt empfunden und keineswegs als Masche eingestuft. Das er alles andere als ein kleiner Macho war, war nun ebenso klar wie die Tatsache, dass er schon seid längerer Zeit mit keinem Mädchen aus war. Dies war beim Italiener die Woche davor Florentine unklar gewesen.
„ … und dann meinte Emma: Mädchen mit einem Arsch wie meinem reden nicht mit Typen mit einem Gesicht wie deinem. Du willst nicht wissen, wie der Typ geguckt hat!“, säuselte Florentine gerade lachend und hackte sich angeheitert wie sie war in Toms Arm ein.
„ Ich kann’s mir vorstellen!“, schmunzelte er und führte sie zum Auto, da sie leicht orientierungslos umher blickte.
„ Auf jedenfall musst du sie mal kennen lernen. Mit der kann man einen Spaß haben!“
Tom kommentierte es weiter mit einem schmunzeln und öffnete ihr die Wagentür.
„ Rein mit dir!“, grinste er leicht und Florentine ließ es sich nicht zweimal nehmen, ließ sich auf den Beifahrersitz plumpsen und legte ihren Kopf in den Nacken.
Tom selber ließ die Autotür wieder ins Schloss fallen und ging um den Wagen rum, um auch selber auf seinem Sitz platz zu nehmen.
„ Hast eigentlich meine CD unterschrieben?“, fragte Florentine in einer Piepsstimme, bei der er vor lauter Schreck fast den Schlüssel fallen ließ.
„ Nein, dass muss ich noch. Und jetzt schnall dich an. Ich glaube es wird Zeit, dass du nach Hause kommst!“
„ Nach Hause? Och nö, ich will noch nicht nach Hause. Lass uns noch was machen!“, grinste sie und drehte sich zu ihm um, „ Irgendwas Lustiges. Dir fällt doch bestimmt was ein, was man noch für lustige Sachen anstellen kann!“
„ Flo, du bist total angetrunken. Drei große Cocktails innerhalb von 2 Stunden sind nichts für dich!“, bemerkte Tom und war kurz davor, ihr selber den Gurt umzulegen.
„ Das ist doch nichts. Ich kann noch mehr!“
„ Aber nicht jetzt. Ich hab morgen auch einen anstrengenden Tag vor mir und du musst morgen auch zur Schule. Also komm, schnall dich an!“
Spielverderber murmelte Florentine noch, zog dann allerdings an dem Gurt und legte ihn sich um.
Die fahrt schließlich zu ihr nach Hause verlief alles andere als laut. Immer müder wurd sie, je länger Tom das Auto durch die Straßen fuhr. Und auch ihr Kopf fing an zu brummen, wenn sie über eine unebene Stelle fahren mussten.
„ Wie viele Stunden hast du denn morgen?“, wollte Tom wissen, als sie an einer roten Ampel zum stehen kamen.
„ Was haben wir denn morgen für einen Tag?“
„ Mittwoch!“
„ Oh, dann hab ich glaub ich 8 Stunden. Oder 10, je nachdem, ob Sport ist oder nicht. Das ist bei uns jede Woche unterschiedlich.“, nuschelte sie leicht und lehnte ihren Kopf an die kühle Autoscheibe.
„ Langsam wirst du doch müde, oder?“, fragte Tom leicht amüsiert und schaute zu ihr rüber.
„ Ja, langsam aber sicher. Und Kopfschmerzen krieg ich auch schon!“
„ Ich seh schon, du bist nicht für Alkohol bestimmt!“
„ Ach, normalerweise ist das bei mir nicht so extrem. Aber die drei Cocktails haben ganz schön reingepfiffen!“, bemerkte sie und fing an sich ihre Schläfe zu massieren.
Tom gab nur ein Nicken von sich und wieder fuhren sie schweigend weiter.
Erst, als sie vor Florentines Wohnhaus angekommen waren, was Tom ohne Navigationssystem gefunden hatte, wurde diese Stille zwischen den beiden unterbrochen.
„ Danke für die Einladung und fürs nach Hause bringen!“, bedankte sich Florentine höflich bei ihm und schnappte sich ihre Tasche vom Boden.
„ Hey, kein Ding. Es hat doch Spaß gemacht, mit dir rauszugehen.“, grinste Tom.
Florentine grinste ebenfalls und öffnete die Beifahrertür, um auszusteigen.
„ Hast du nicht was vergessen?“, hörte sie ihren spendablen Einlader fragen und drehte sich wieder um.
„ Ja, stimmt! Hatte ich vergessen!“, verlegen holte sie die von Tom gekaufte CD aus ihrer Tasche und gab sie ihm.
Dieser zückte einen Stift aus der Beifahrertür und zog das Booklet aus der CD-Hülle heraus.
„ Möchtest du mit oder ohne Widmung?“
„ Na, wenn schon denn schon!“
Dies ließ sich Tom nicht zweimal sagen und kritzelte irgendetwas ins Booklet. Schließlich beendete er sein Geschreibsel mit einer weiteren Unterschrift auf der Vorderseite und steckte es wieder in die CD-Hülle.
„ Vielen Dank, du Womanizer!“, grinste Florentine und hoffte, dass Tom dies als kleinen Scherz empfunden hatte.
„ Nichts zu Danken, Aschenbrödel!“, erwiderte er ebenso ironisch und Florentine nahm ihm die CD ab.
Sie packte diese in ihre Tasche zurück und schloss diese langsam, um noch etwas Zeit zu schinden. Denn irgendwie wollte sie noch nicht gehen. Sich von ihm trennen. Sie wollte ihn erneut treffen, was ihr auf der einen Seite ziemlich unheimlich vorkam.
„ Meinst du, wir… Sehen uns nochmal?“, fragte Florentine leise und blickte kurz zu ihm.
„ Wieso nicht? Ich würde mich freuen, wenn wir nochmal was zusammen machen. Zum Beispiel feiern gehen. Ich geh mit meinen Jungs oft in die Clubs hier in Hamburg, wo man schön auf den Putz hauen kann. Wenn du Lust hast, kannst du ja mal mitkommen!“, zwinkerte Tom ihr zu.
„ Klar, gerne. Ich meld mich dann einfach!“
„ Oder ich meld mich bei dir!“
„ Oder auch so, ja!“, lächelte sie leicht, öffnete erneut die Tür, doch drehte sich noch einmal zu Tom um, „Danke für den Abend!“
Mit einem leichten Kuss auf die Wange verschwand sie dann endgültig aus dem Wagen und ließ Tom alleine dort sitzen, der ihr fasziniert hinterher sah und nicht begreifen konnte, dass er von dem Mädchen, dass ihn beim letzten Treffen noch so zur Sau gemacht hatte, einen Kuss auf die Wange bekommen hatte.
Doch auch ein Tom Kaulitz konnte sich wieder fangen und so fuhr er mit einer komischerweise existierenden Vorfreude auf das nächste Treffen nach Hause.

Kapitel 13 – Er ist doch mein Typ


Nur mühsam quälte sich Florentine am nächsten morgen aus dem Bett und nahm erst mal eine Tabletten gegen die nun wieder aufsteigenden Kopfschmerzen und den Kater, den sie erwartete.
Sie schlurfte ins Bad, machte sich fertig und ging weiter Richtung Küche, um sich einen Kaffee zu holen, den sie mehr als benötigte, um wieder einigermaßen fit zu werden.
„ Warst du gestern zu lange weg oder warum siehst du so fertig aus?“, fragte ihr Vater, als sie sich zu ihm an den Tisch setzte und ihren Kaffee trank.
„ Ich hab gestern 3 etwas zu große Cocktails getrunken. Die sind mir wohl nicht so gut bekommen!“, entgegnete sie ihm und stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab.
„ Hast du denn vorher was gegessen?“
„ Nein, nach dem Mittagessen hatte ich keinen Hunger mehr!“
„ Gut, dann beschwer dich auch nicht, wenn du dann so leicht angesäuselt warst. Ist doch klar, dass du dann voller bist, als wenn du was davor noch gegessen hättest!“, grinste ihr Vater und legte die Zeitung weg, „ Mit wem hast du dich denn jetzt getroffen?“
„ Mit niemanden!“, brummelte Florentine vor sich hin.
„ Verkauf mich nicht für blöd. Ich hab gestern gesehen, wie du in das Auto zugestiegen bist. Also?“
„ Paps, muss ich dir alles erzählen?“, fragte sie schon leicht zickig und lehnte sich auf ihrem Stuhl mürrisch zurück.
„ Nein, aber mich interessiert es einfach!“, grinste ihr Vater süffisant, faltete seine Zeitung zusammen und blickte sie ernst an, „ Versteh doch die Neugierde deines Vaters!“
„ Ach Pa, irgendwann erzähl ich’s dir. Aber jetzt muss ich los, Emma wartete auch nicht lange an der Ecke!“, entgegnete Florentine, nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse, schnappte sich noch schnell ihre Tasche und verschwand mit einem lauten Tür zu knallen die Wohnung.
„ Und? Wie war’s gestern?“, wurde sie von ihrer Besten Freundin am Treffpunkt begrüßt.
„ Es war… Ehm… Nett. Ja, es war nett!“, antwortete die blonde Schülerin und fuhr vor, mit einer verdatterten Emma hinterher.
„ Wie, nett. Und mehr nichts? Nichts passiert? Kein Kuss? Kein rummachen? Der Kerl hat sich ja wirklich dran gehalten!“, staunte Emma nicht schlecht und hatte Florentine eingeholt.
„ Na ja, ich hab ihm zu Schluss einen Kuss auf die Wange gegeben. Aber das kann auch daran liegen, dass ich nicht mehr die nüchternste war.“
„ Du warst Betrunken?“
„ Nein, nur angeheitert!“
„ Na und? Du hast trotzdem bestimmt ne Menge Unsinn von dir abgegeben, oder? Komm, sag schon. Ich will alles wissen!“
„ Also gut, ich hab ihm von dir erzählt!“, erinnerte sich Florentine selbst dran, „ Und daran, wie du mal Betrunken nen Türsteher angeblafft hast, weil er seine Flirtkenntnisse ausprobieren wollte!“
„ Du hast was? Bist du des Wahnsinns?“, ungläubig starrte Emma auf das Seitenprofil Florentines.
„ Sorry, ich war angetrunken. Du weißt, dass ich dann den größten Mist laber!“
„ Ja, aber ausgerechnet das. Und dann auch noch von mir. Was soll der denn jetzt von mir denken?“
„ Ehm… Erstens ist das doch egal und zweitens hab ich ihm nicht erzählt, dass du zu dem Zeitpunkt Volltrunken warst!“
„ Es wird ja immer schlimmer!“, seufzte Emma theatralisch auf und war froh, endlich an der Schule anzukommen und Florentine ordentlich durch zu wuseln.
„ Hey, nimm es nicht tragisch. Ich dachte, er interessiert dich nicht so!“
„ Er geht mit dir aus, also muss er mich irgendwie interessieren!“
Florentine musste sich zusammen reißen, innerlich allerdings war sie einem Lachanfall schon längst verfallen. Emma war die Beste im Aufregen und es machte ihr einen Heidenspaß, ihr dabei zuzuschauen, wie sie fast in die Luft ging.
Schließlich waren die beiden an der Schule angekommen, und nachdem sie ihre Fahrräder abgeschlossen hatten machten sich die beiden auf den Weg zu den ersten beiden Stunden Pädagogik.
„ Hausaufgaben gemacht?“, erkundigte Florentine sich bei Emma, als sie sich an ihre Plätze gesetzt hatten.
„ Hatten keine auf, Nuss!“, entgegnete Emma und holte ihre Sachen aus der Tasche.
Beide saßen keine 5 Minuten später schon halb schlafend im Unterricht. Wieder wurde irgendein Film gezeigt und kaum einer passte auf, was in dem Film genau drin vorkam.
Florentine wusste noch nicht einmal, wie der Titel lautete und Florentine hatte noch nicht einmal mitgekriegt, dass der Film seit 5 Minuten lief, denn kurz, nachdem Herr Beirents eingetrudelt war, schloss sie ihre Augen und fing an, vor sich hin zu dösen.
„ Hey, Flo!“, flüsterte Emma eine halbe Stunde später und stupste Florentine kurz an.
„ Was? Ich versuche grade, meinen schlaf nachzuholen!“, entgegnete sie gereizt und fuhr sich müde über ihre Augen.
„ Ja, das kannst du auch später machen. Aber was mich grad viel mehr interessiert, ist dein Gegenstand in deiner Tasche!“, erklärte Emma und deutete auf ihre umgefallene Tasche und auf die CD, die nun sichtbar zu sehen war.
„ Oh, scheiße!“, nuschelte Florentine, bückte sich schnell auf und sammelte alles heraus Gefallende wieder ein.
„ Ist das ne CD von Tokio Hotel?“, wisperte Emma ihr zu und sie brachte nur ein kurzes Nicken zustande, „ Hast du dir die selber gekauft?“
„ Nein, Tom. Weil ich nur Durch den Monsun und Schrei kannte!“
„ Was? Er hat dir die CD gekauft?“, rang Emma überrascht nach Luft und stieß ihren Satz lauter aus, als sie wollte.
„ Frau Zukovski, Frau Lieberberg, haben Sie uns irgendetwas mitzuteilen oder schauen Sie sich endlich weiter den Film an? Wenn nicht, dann können sie ihre Privatgespräche gerne draußen fortführen!“, sagte Herr Beirents in einem lauten Ton und die beiden jungen Frauen hielten ihre Klappe.
Geschlagene 60 Minuten später klingelte es endlich zur erlösenden, ersten Pause.
„ So, und jetzt erzähl mir Bitte, was es mit der CD auf sich hat!“, stellte Emma ihre beste Freundin zur Rede, als sie den Kursraum verließen.
„ Ich kannte halt nur 2 Lieder, und er meinte, das wären die schlechtesten, die sie je raus gebracht hätten. Nun ja, dann hab ich ihm gesagt, dass er mir ja eine kaufen könnte. Und dann hat er wirklich seinen Schweinehund überwunden, ist in einen CD-Laden gestapft und hat mir wirklich die CD gekauft. Seine eigene CD. Ich hät’s ja selber nicht für Möglich gehalten, aber wovon man nicht alles überrascht wird, wenn der Tag lang ist!“, seufzte Florentine auf schaute, für Emma zu, verträumt aus dem Schulfenster.
„ Du magst ihn, oder?“, fragte Emma ruhig und lehnte sich ans Fensterbrett.
„ Ja. Mehr, als mir irgendwie lieb ist!“, seufzte sie erneut.
„ Und das wäre?“, fragte ihre beste Freundin weiter und die 18 Jährige begrüßte ein paar Mitschüler aus ihrer Stufe, bevor sie zur Antwort ansetzte.
„ Er gefällt mir. Und er hat mir gezeigt, dass ich auch auf Typen stehen kann, wenn diese nicht den Typ entsprechen, die ich bevorzuge!“
Während Florentine nach dieser Aussage weiter Richtung Schulhof marschierte, als ob es irgendwie das Normalste der Welt sei, musste Emma erstmal zweimal schlucken, bevor sie ebenfalls ihren Gang nach draußen fortsetzen konnte.

Kapitel 14 – Wunden heilen nie


2 Tage nach dem Treffen mit Tom verging keine einzige Stunde, ohne das sie an ihn dachte.
Zumindest kam Florentine das vor, als sie am Mittagstisch saß und in Erinnerungen an den Dienstag schwelgte.
Wenn sie sich alles noch einmal durch den Kopf gehen ließ, war das, was sie erlebt hatte, eigentlich mehr als unreal gewesen. Zu unreal für ihren Geschmack. Doch sie hatte es selber erlebt, und so war es für sie doch real und nicht das Gegenteil.
„ Wieso kann man eigentlich nicht mehr vernünftig mit dir reden, ohne dich in deinen Träumen zu unterbrechen?“, fragte Max kopfschüttelnd und löffelte den Rest seiner Suppe aus.
„ Hast du mit mir geredet?“, wollte Florentine wissen.
„ Ehm, ja?! Ich rede seit geschlagenen 10 Minuten mit dir. Oder eher gesagt versuch ich es. Aber du gibst mir ja keine Antworten auf meine Fragen. Nur ein Mhm. Aber das reicht mir nicht. Irgendwas hast du!“
„ Ich hab überhaupt nichts. Ich bin einfach nur müde!“
„ Oder verschossen. Eines von beiden ist garantiert richtig!“
„ In wen soll ich denn Bitteschön verknallt sein, kannst du mir das mal verraten?“
„ Na ja, vielleicht in den Unbekannten Freund von vor 2 Tagen?“, grinste Max sie an und war sich so ziemlich sicher, dass er Recht hatte. Doch seine große Schwester verneinte seine Frage.
„ Da läuft nichts. Glaub mir!“
„ Aber das Letzte Mal gesehen hast du ihn auch nicht, oder? Wie heißt der überhaupt?“
„ Meine Güte, wieso sind 16 Jährige, pubertierende Jungs eigentlich so nervig? Wird Zeit, dass du ne Freundin abkriegst!“, stellte Florentine fest und räumte ihr Geschirr in die Spülmaschine.
„ Im Gegensatz zu dir hatte ich nach Mam’s Unfall 2 Freundinnen. Du hattest gar keinen Typen an der Angel.“, konterte der 16 Jährige und bereute das Ausgesprochene sofort wieder, als er die traurigen Augen seiner Schwester sah.
„ ’Tschuldige, das war unreif von mir. Wollte ich nicht!“
„ Schon gut. Kann ja nicht jeder so unsensibel sein wie du.“, presste sie noch zwischen die Lippen, ehe sie aufgelöst die Küche verließ und einen unsicheren, kleinen Bruder zurück ließ.
Max wusste, dass das, was er getan hatte, nicht nur falsch, sondern auch sehr unpassend war.
Im Gegensatz zu ihm hatte seine ältere Schwester mehr an dem Tod ihrer Mutter zu knabbern, als er selber. Sein Vater hatte bei einem Vater-Sohn Gespräch von vor drei Wochen erwähnt, dass er sich Sorgen um den Zustand Florentines machte. Auch wenn der Tod ihrer Mutter 4 Jahre zurück lag, schien sie den Verlust nicht überwunden zu haben, auch wenn es nach Außen hin nicht den Anschein nahm.
Max nahm seinen Mut zusammen und ging 4 Minuten später zu Florentines Zimmer.
„ Flo?“, klopfte er zweimal an die Tür und wartete eine Weile, bis er fortfuhr, „ Es tut mir wirklich Leid. Ich wollte das nicht.“
Im Zimmer rührte sich nichts und Max überkam immer mehr das schlechte Gewissen. Nicht das er es schon längst besaß, doch es wurde immer stärker.
„ Ich bin ein Vollidiot, das weiß ich. Ich hab über das Gesprochene nicht nach gedacht und das tut mir wirklich Leid!“, er verstummte kurz und musste dann leise auflachen, „ Hast du das gehört? Deinem Bruder tut etwas Leid. Und das kommt vom Herzen.“
Wieder gluckste er rum.
„ ’Tschuldige, dass ich mich grad noch kindischer benehme als ich es eh schon tu, aber ich find das einfach – Hey, wo willst du hin?“, während er weiter vor Florentines Tür stand und über seine eigene, wahre und vom Herzen kommende Entschuldigung lachen musste, wurde diese geöffnet und seine große Schwester trat heraus, an ihm vorbei und nahm ihren Schlüssel von der Anrichte.
„ Ich geh weg.“, sagte sie mehr zu sich selber als die Frage ihres Bruders zu beantworten.
„ Und wohin? Gehst du jetzt wegen mir? Es tut mir wirklich Leid, Flo!“
„ Ich brauch Ruhe und muss nachdenken. Ich bin auf dem Friedhof!“, war das Letzte, was sie an ihren Bruder ausrichtete und verschwand durch die Wohnungstür.

Lange war Florentine am Friedhof gewesen. Am Grab ihrer Mutter, die sie so schrecklich vermisste. Seit 4 Jahren schon war sie diesem Verlust ausgesetzt, von ein auf den anderen Tag war ihr Leben umgekrempelt worden und sie hatte sich eines geschworen. Keine feste Partnerschaft einzugehen. Auch wenn dieses in vielen Ohren kindisch und albern klang, wollte sie diesen Verlust keinem Partner antun. Voralldingen nicht, wenn man vorher wie ihre Eltern 16 Jahre verheiratet war und zusammen mit 2 Kindern eine glückliche Familie hatten.
Das war auch der Grund dafür, warum sie mit ihren 18 Jahren immer noch Single war. Sie wurde durch den Verlust und des Verhaltens ihres Vaters, der sich damals immer mehr der Arbeit gewidmet hatte, zwar reifer und selbstbewusster, doch innerlich verkrampfte sie sich immer wieder und kam der Versuchung nahe, ihr Versprechen, was sie ihrer Mutter am Grab gegeben hatte, zu brechen.
2 Mal war sie in ihrem Leben verliebt gewesen. Beide Male hatte sie sich mit Händen und Füßen gegen eine Beziehung gewehrt. Die Folge war, dass ihr Herz Wunden erhalten hatte und sie als Eiskalt dargestellt wurde.
Doch was wirklich in ihr Vorging, wenn sie kurz davor stand, jemandem ihre Liebe zu gestehen und eine Bindung mit ihm einzugehen, wusste kaum einer.
Sie hatte in der eigenen Familie mitbekommen, wie schnell der Tod kommen konnte. Auch wenn man nur jemanden helfen wollte.
Nun befand sie sich auf dem Heimweg. Heimweg war der falsche Ausdruck, denn nach Hause wollte sie nicht. Auch nicht, als es anfing, wie aus Eimern zu gießen und ihre Kleiderstücke innerhalb von Sekunden durchnässt waren.
Sie ging an den Leuten vorbei, die sich am Hafen untergestellt hatten, die Unterschlupf suchten und diesen auch fanden, lief gelassen an Leuten mit ihren Regenschirmen vorbei, die mit dem Kopf schüttelten, als sie sie, durchnässt wie sie war, sahen.
Doch Florentine interessierten die anderen Blicke der Menschen nicht, die nicht verstehen konnten, warum sie durch den Regen lief und so nass wurde.
Sie liebte es einfach, mit den Schuhen in den Händen durch einen Sommerguss zu laufen und sich von den Regentropfen bis auf die Haut durchnässt zu lassen.
Es gab ihr ein bestimmtes Gefühl, so etwas wie Freiheit und Sorgen los werden. Ja, so könnte es auch sein. Ihre Sorgen wurden vom dem herab prasselndem Wasser weggespült und deswegen fühlte sie sich so frei. Frei und Geborgen in dem kühlen Nass.
Erschöpft fiel sie auf eine Bank, fast gegenüber von dem Musicaltheater der König der Löwen, welches sie so sehr liebte.
Der Regen war schwacher geworden, doch trotzdem war immer noch stark genug, dass die Passanten das Weite suchten und sie so neben ein paar einpackenden Geschäftsleuten alleine am Hafenbecken war.
Sie zog ihre Knie auf die Bank, dicht an ihren Körper und bettete ihren Kopf darauf. Ihr Blick wanderte auf ihre Schuhe, die von der Bank abstanden. Auf dem Asphalt hielt dieser schließlich an und sie beobachtete die Ameisen, die sich ihren Weg zu ihrem Quartier suchten und dabei immer wieder von Regentropfen abgetroffen wurden.
Plötzlich fand sie neben dem Ameisen ein Schuhpaar, wo eine weite Hose fast die weißen Schuhe bedeckten.
Sie schaute auf. Entweder musste es Zufall oder Schicksal sein. Oder war beides ein und dasselbe?

Kapitel 15 – Eine weitere Bekanntschaft


„ Ist dir nicht kalt?“, war das erste, was Florentine von dem Typen mit Sonnenbrille und Regenschirm, mit Kapuze und Cap zu hören bekam.
„ Tom?“, war das einzige, was sie verwundert heraus bekam.
„ Ja, und jetzt komm, bevor du noch krank wirst!“, sagte er, zog Florentine unsanft von der Bank, hielt ihr den Regenschirm über den Kopf und eilte mit ihr schnellen Schrittes am Hafen entlang, um ja nicht erkannt zu werden.
„ Was machst du hier?“, fragte sie ihn außer Atem, als sie auf der Hauptstraße angekommen waren und diese überquerten.
„ Ich bin mit Fitz spazieren gegangen, als es angefangen hat, aus Eimern zu gießen. Heute Abend hätte keiner Zeit gehabt und grad war auch keiner da. Aber der Köter musste raus. Er wartet im Auto auf mich!“, antwortete Tom ihre Frage und lotste sie zu seinem Wagen.
Er hielt ihr die Beifahrertür auf, schloss diese zu und stieg wenig später selber ein.
„ Und dann hab ich dich gesehen, wie du da zusammen gekauert auf der Bank saßt.“, erklärte er ihr und startete den Motor.
„ Ach so… Ja, ich hatte meine Jacke vergessen!“, versuchte sie ihm zu erklären und starte aus dem Fenster.
„ War es denn deine Absicht, dich in den Regen zu setzen?“
„ Ich war spazieren, als es angefangen hat!“, entgegnete Florentine, „ Außerdem liebe ich den Sommerregen und da laufe ich ganz gerne einmal durch. Vielleicht kennst du das ja auch, wenn du viele Sorgen hast und du diese irgendwie wieder los werden willst. Und so war das heute bei mir eben der Fall. Wenn Regen auf mich prasselt, denke ich oder eher gesagt, habe ich die Hoffnung, dass die Sorgen, die ich besitze, weggespült werden und –“
„ Alles okay mit dir?“, fragte Tom und sah verunsichert zu Florentine rüber.
Diese hatte in ihrem plötzlichen Redeschwall nicht bemerkt, wie eine einzelne Träne über ihre Wange gekullert war.
Auch das noch, der hält mich doch für total bekloppt, dachte sie und fuhr schnell mit ihrem Handrücken drüber.
„ Klar, alles bestens… Meine Haare sind nur ziemlich nass, die tropfen alle. Hoffentlich wird dein Auto nicht zu nass.“, entschuldigte sie sich und blickte nach hinten, „ Da ist ja Fitz. Na du kleiner Scheißer? Wie geht’s dir?“
Tom merkte, das Florentine ihre schlechte Laune und ihre Sorgen überspielte und ihm damit nicht zu Last fallen wollte. Vielleicht wollte sie ihren Kummer, den sie besaß, auch einfach nur verdrängen und nicht mehr dran erinnert werden. Solche Situationen kannte er immerhin zu gut.
„ Willst du noch mit zu mir kommen? Ein warmes Getränk trinken? Kaffee, Kakao, Tee?“, fragte Tom nach einer Weile, in der Florentine sich nach hinten zu Fitz gewandt hatte und ihm hinterm Ohr kraulte.
„ Oh ja, eine heiße Tasse Schokolade tät mir jetzt ganz gut. Danke!“, drehte sie sich zu ihm um und nahm Fitz mit nach vorne auf ihren Schoß.
Der Dackel machte es sich auf diesem bequem und ließ sich genüsslich von ihr verwöhnen.
„ Du scheinst ihn ja doch zu mögen, oder?“, fragte Tom und schielte auf Fitz.
„ Ja. Würdest du einen Hund in dem Augenblick mögen, während er dich anpinkelt?“
Tom musste schmunzeln und auch um Florentines Mundpartien bildet sich ein kleines grinsen.
„ Inzwischen kannst du ja auch sogar drüber grinsen!“
„ Ja, besser als immer noch sauer zu sein. Ist ja auch nicht wirklich seine Schuld.“, entgegnete sie und blickte zu ihm, „ Es kann auch am Halter liegen, der den Hund einfach so auf ein armes, junges Mädchen aufgehetzt hat und sie dadurch kennen lernen wollte!“
„ Ja, genau so einer bin ich auch!“, erklärte Tom ihr ironisch und hielt in einer dunklen Einfahrt eines großen, alten Gebäudes.
„ Sag bloß, du wohnst hier!“, stieß Florentine heraus, als sie zusammen mit dem Hund kurze Zeit später die Treppe des Flurs hochstiegen.
„ Ja, hier wohn ich, wieso?“
„ Nichts wieso. Aber dann musst du einfach nur verdammt viel Geld haben.“, sagte sie ehrlich und die beiden blieben vor einer großen Eingangstür stehen, „ Ich verdräng das nur immer wieder gerne, dass du bei Tokio Hotel mitspielst, damit nicht wieder das Machogesicht vor meiner Nase auftaucht!“
„ Find ich gut!“, sagte Tom knapp und schloss die Tür auf.
Sofort hechtete der Hund in das Innere der Wohnung, oder auch des Lofts, und wurde von Toms Zwillingsbruder laut und herzlich begrüßte.
„ Da bist du ja wieder du kleiner Bengel. Bist du schön nass geworden? Dann muss ich dich jetzt wohl erst einmal trocken machen. Nicht dass du dich nachher noch erkältest oder so. Das wäre ja total furchtbar. Wie ich Tom kenne, hat –“, sein Bruder verstummte, als er Tom und Florentine ebenfalls durch die Tür reinspazieren gehen sah und vor ihm stehen blieben.
„ Sag bloß, du hast das Viech vermisst!“, sagte Tom mit großen Augen und legte die Hundeleine auf den Sessel, der neben ihnen stand.
„ Ja man. Darf ich das nicht?“, er erhob sich wieder und blickte nun zu Florentine, „ Ich bin Bill. Toms Zwillingsbruder!“
„ Florentine!“, antwortete sie und nahm seine Ausgestreckte Hand entgegen, „ Toms… Ehm… Pinkelbekanntschaft!“
Bill prustete sofort los und auch Tom konnte sich ein Grinsen auf dem Gesicht nicht verkneifen. Florentine allerdings war das Ganze super peinlich und schnell versuchte sie, die Sache richtig zu stellen.
„ Das verstehst du falsch. Ich meinte Pinkelbekanntschaft in dem Sinne, weil dein blöder Köter mir ans Bein gepinkelt hat und ich dafür eine Entschädigung von ihm bekommen habe!“
Bill erholte sich schnell wieder und musterte sie dann von Kopf bis Fuß.
„ Ach so. Die Bekanntschaft bist du. Ich hab schon von dir gehört. Du willst gar nicht wissen, wie peinlich Tom der Auftritt war. Aber das ist so typisch für ihn. Da er das Flirten einfach nicht drauf hat, schickt er Fitz los, damit er’s richten kann!“
„ Ja, das hatte ich auch bereits in Erwägung gezogen, wieso ausgerechnet ich für den Baum gehalten werden musste!“
„ Na ja, Schluss mit der Unterhaltung. Ich hol dir ein Handtuch und mach dir dann n warmen Kakao. Sonst kriegst du ne Erkältung und das wäre doof!“, erklärte Tom, der das Angefangene Gespräch in seinen Augen so schnell wie möglich beendet haben wollte, damit nicht noch mehr Peinlichkeiten raus kommen würden.
Erst jetzt merkte Bill, dass Florentines Haare auf den Parkettboden tropften und ihre Kleidung alles andere als trocken war.
„ Was hast du gemacht, wenn ich fragen darf?“, wollte er sofort wissen.
„ Ach, ich war spazieren und da hat es angefangen zu regnen!“, versuchte sie ihm weiß zu machen.
„ Und ihr ist nichts besseres eingefallen, als sich auf eine Bank zu setzen und noch mehr nass zu werden!“, erklärte Tom weiter, der mit einem großen Handtuch aus dem Badezimmer wieder herauskam, „ Wo ist eigentlich Mam?“
„ Die ist einkaufen. Die müsste aber sofort wieder auftauchen!“
„ Sehr schön. Dann werde ich sie fragen, ob sie Flo was zum Anziehen leihen kann!“
„ Quatsch. Das braucht sie nicht. Gib mir einfach nur den versprochenen Kakao und ich bin wieder weg!“
„ Unsinn, du bist Willkommen. Und länger als einen versprochenen Kakao kannst du auch bleiben!“, sagte Bill und führte Florentine in die Küche, „ Weißt du, dann lernt man mal endlich wieder jemanden anderes kennen und hängt nicht immer mit den gleichen, komischen Leuten rum. Erzähl mal, was machst du denn so. Gehst du zur Schule?“
Tom überreichte der inzwischen zum erzählen beginnenden Florentine das Handtuch, machte sich an den warmen Kakao dran und lauschte dem Gespräch zu, dem Florentine nun hilflos ausgesetzt war. Denn wenn Bill mehr über jemanden wissen wollte, dann richtig.

Kapitel 16 – Irritation lässt grüßen


Nach 10 Minuten, in denen die drei jungen Leute in der Küche saßen und Bill Florentine eine Frage nach der anderen Stellte, während diese sich versuchte, durch den Kakao etwas aufzuwärmen, tauchte die Mutter der Zwillinge auf und begrüßte Florentine.
„ Hey, ich bin die Mutter der beiden Chaoten, nenn mich ruhig Simone. Du musst bestimmt Florentine sein, oder?“, fragte sie direkt nach und stellte die Einkaufstüten auf die Ablage.
„ Ehm, ja. Die bin ich!“, gab Florentine verwundert zu und wand sich von Bills gestellter Frage ab.
Viel mehr interessierte sie grade, woher Simone wusste, wer sie war. Doch auf die Antwort brauchte sich nicht lange zu warten. Simone setzte sich gegenüber von ihr auf einen Stuhl, schnappte sich die Tasse ihres älteren Zwillingssohnes Tom und nahm einen Schluck.
„ Du fragst dich bestimmt, wieso ich sofort auf deinen Namen gekommen bin!“, lächelte sie und stellte die Tasse wieder vor Tom hin, der alles andere als begeistert aus der Wäsche guckte, „ Nun, Tom hat viel über dich erzählt. Ich möchte hier jetzt nicht übertreiben, aber du bist halt das Erste Mädchen, mit dem er sich seit dem Erfolg der Band getroffen und danach darüber geredet und berichtet hat.“
Unter dem Tisch hörte man, wie etwas gegen diesen knallte und Florentine sah kurz zu Tom, der schmerzvoll sein Gesicht verzog.
„ Tom, du brauchst nicht versuchen, mir unter dem Tisch meinen schönen Beinen irgendeinen Schaden zuzufügen. Ich finde, Florentine kann ruhig wissen, dass du über sie erzählst. Immerhin hat sie sogar ein Recht darauf zu erfahren, was du über sie berichtest. Nachher stimmt das alles gar nicht, was du uns in die Ohren gelegt hast!“
Mit einem offenen Mund starrte Tom auf seine Mutter und konnte nicht glauben, wie bloß er vor ihr gestellt wurde. Bill hingegen krümmte sich innerlich vor lachen und war kurz davor, dieses laut rauszuprusten. Florentine allerdings war es genauso unangenehm wie Tom. Vielleicht sogar noch mehr.
„ Hast du eigentlich das Trauma mit dem ollen Köter verkraftet oder hast du immer noch einen kleinen Schaden von dem Tier?“, fragte Simone.
„ Ehm. Also ehrlich gesagt hab ich kein Trauma gehabt. Einen Schaden, denke ich, hab ich auch nicht abbekommen. Inzwischen kann ich sogar eher über die Situation lachen!“, gab Florentine irritiert zur Antwort.
„ Ach ja, ich finde, dass gehört auch dazu. Über sich selber lachen. Das ist immer die beste Medizin.“, lächelte Simone, „ Die Jungs können das zum Glück auch, sonst wär’s hier auch ziemlich langweilig, denke ich. Ich mein, ist es sowieso, wenn die Jungs nicht hier sind. Dann ist hier Tote Hose. Da muss ich mir wirklich was einfallen lassen, um mal wieder nach Herzenslust zu lachen und-“
„ Mam, ist gut jetzt. Ich denke nicht, dass Florentine das sonderlich interessieren wird, wie du dich in deiner Einsamkeit zum lachen bringst. Außerdem hatte ich Florentine gerade gefragt, ob Niederländisch einfach ist und sie mir was beibringen kann. Pack mal lieber deinen Kram aus und stell die Sachen dahin, wo sie hingehören!“, griff Bill in das Gespräch der beiden Frauen ein.
„ Ist ja schon gut.“, äffte sie in seinem Ton nach und wand sich erneut Florentine zu, „ Die Jungs sind manchmal so was von ätzend, wenn sie weiblichen Besuch haben. Ich glaube, die bräuchten wirklich mal weibliche Bandmitglieder, damit sie wieder lernen, wie man sich vor ihnen benimmt. Bei mir tun sie’s nämlich nicht!“
Tom und Bill rollten mit den Augen. Ihnen war der Auftritt ihrer Mutter mehr als unangenehm. Besonders Tom, der sich seit dem Auftauchens Simones sich lieber in ein dunkles Loch verkrochen hätte als an dem Tisch mit zu sitzen, bereute schon, mit Florentine hier hin nach Hause gekommen zu sein und sich nicht mit ihr in ein Café gesetzt zu haben.
„ ’Tschuldige das Verhalten meiner Ma, aber die ist immer so, wenn wir Besuch haben.“
„ Unserer Mam, Tom.“, korrigierte Bill seinen Bruder und wollte sich wieder Florentine zuwenden, als Tom sich auch schon rechzeitig erhob und diese Flehend ansah.
„ Gehen wir in mein Zimmer? Da kannst du dann den Rest deines Kakaos trinken!“, ohne auf ihre Reaktion zu warten, nahm er sie am Arm und zog sie leicht vom Stuhl hoch.
Florentine formte mit ihren Lippen ein „Entschuldigung“ in Bills und Simones Richtung, versuchte noch zu lächeln und ließ sich von Tom mitschleifen.
Erst als sie in seinem Zimmer angekommen war und Tom die Tür lauter als gewollt ins Schloss fallen ließ, brach sie ihre Stille.
„ Was sollte das denn jetzt? Ich fand das Gespräch mit Bill und deiner Mutter nett. Wieso ziehst du mich dann einfach weg und tust so, als ob ich nur wegen dir hier wäre?“, flüsterte Florentine Tom sauer zu, da sie nicht wollte, das die andern beiden in der Küche ihr Gespräch mitbekamen.
„ Weil es mich genervt hat. Du kennst die beiden doch gar nicht. Das wäre in einem Desaster geendet!“
„ Für dich oder für mich?“
„ Für uns beide.“, erklärte Tom ihr, doch dann sah er auf den Boden und tat, als ob seine Schuhe das interessanteste auf der ganzen Welt wären, „Aber eher für mich.“
„ Ist es dir denn so peinlich, dich von deiner Familie ein bisschen auf den Arm nehmen zu lassen?“, fragte Florentine verwirrt, „ Also, ich mein. So schlimm war es doch gar nicht. Man kann doch wohl auch mal darüber lachen, oder?“
„ Fänds du’s etwa schön, wenn deine Ma dich vor jemanden zum Affen macht, den du magst?“, fragte er eingeschnappt zurück, „ Mein Dad geht ja schon manchmal zu weit, aber der wohnt in Hannover und ihn sehe ich nicht oft. Aber Mam ist einfach nur schlimm, was das angeht. Kennst du solche Situationen denn überhaupt nicht?“
„ Es wäre sehr schön, wenn meine Mam das tun würde.“, brach sie sauer aus sich heraus, „ Es wäre überhaupt schön, wenn sie mit mir wieder reden würde. Ich fänds schön, wenn sie wieder bei mir wäre so wie deine Mam noch bei dir ist. Aber bei mir geht das nicht. Nicht sie besucht mich, sondern ich besuche sie. Auf einem Friedhof an einem Grab, wo die Blumen schon längst verwelkt sind und ich nicht weiß, wie es aussehen würde, wenn ich mich ebenfalls nicht etwas um das Grab kümmern würde!“

Kapitel 17 – Erzählen


Wie angewurzelt stand Tom nun Florentine gegenüber. Er wusste nicht, was er machen sollte, als Florentine ihre Tasse in das Regal neben sich stellte und das Handtuch, was sie um die Schulter gelegt hatte, auf den Boden schmiss.
„ Ich glaube, ich geh jetzt besser!“, erklärte sie und machte große Schritte zur Zimmertür.
„ Tut mir Leid.“, brachte da Tom endlich seinen Mund auf und machte einen Schritt auf Florentine zu, „ Es tut mir Leid, was ich gesagt habe. Ich wollte dich nicht verletzen. Und es tut mir Leid, dass deine Mutter nicht mehr da ist. Aber ich hatte davon doch gar keine Ahnung!“
Während Tom sich so gut es ging entschuldigte, war es bei Florentine vorbei mit der Coolness und in ihrem Inneren verkrampfte sich alles. Ehe sie beide sich versahen, waren auf Florentines Wange zwei glitzernde Tränen zu finden.
„ Sind es immer noch die nassen Haaren?“, fragte Tom leise.
„ Nein!“, versuchte Florentine noch durch gepresste Lippen zu antworten, doch ihre eigene Stimme versagte.
Sie hatte sich geschworen, vor anderen nie wieder eine Träne zu vergießen um zu zeigen und zu beweisen, dass sie alles andere als Mitleid brauchte. Doch sie konnte diese nicht mehr zurück halten.
Heute hatte schon einmal jemand sie soweit gebracht. Und das war ihr eigener Bruder gewesen. Und nun stand Tom dort, völlig unvorbereitet und ahnungslos.
„ Komm mal her!“, ohne groß zu zögern, ließ Florentine sich in seine Arme fallen und fing an, bitterlich zu weinen, „ Beruhig dich erst einmal, und dann kannst du mir, wenn du möchtest, alles erklären. Oft hilft es, über seinen Kummer zu sprechen!“
Florentine nickte nur und nahm seine Worte gar nicht wahr, sah das Gesicht ihrer Mutter vor ihren Augen und presse immer mehr ihr Gesicht an Toms Schulter, nur um sicher zu gehen, das dort jemand war, der sich um sie kümmerte.
Als sie sich nach ein paar Minuten beruhigt hatte, löste sie sich von Tom und trocknete die restlichen Tränen mit ihrem Handrücken.
Ihre Schminke war verlaufen und auf Toms T-Shirt waren schwarze Flecken von Wimperntusche vorzufinden.
„ ’Tschuldige!“, murmelte sie und sah auf den Fleck.
„ Schon okay. Ich hol dir einen Pfefferminztee, du beruhigst dich noch ein bisschen und dann erzählst du mir, was los ist!“, bestimmte Tom und sauste aus dem Zimmer.
Florentine schüttelte leicht ihren Kopf und ließ sich auf das gemachte, große Bett fallen. Ab und zu musste sie noch eine Träne aufhalten, die über ihre Wange rollte, doch sie hielt sich zurück und war froh, als sie nicht mehr alleine war und Tom mit einer großen Tasse Pfefferminztee in der einen und einem großen Kaffee in der anderen Hand zurück ins Zimmer kam.
„ Hier.“, hielt er ihr die Tasse entgegen und Florentine nahm sie dankend an.
Als Tom sich ebenfalls aufs Bett gesetzt hatte und einen Schluck genommen hatte, sah er sie wieder an. Auch Florentine nahm einen kleinen Schluck aus dem heißen Becher und fühlte sich schon gleich etwas besser.
„ Tut’s gut?“
„ Ja, danke. Mir geht’s schon wieder etwas besser!“
„ Seid wann ist denn deine Mutter tot?“
„ Inzwischen sind es 4 Jahre!“, erklärte sie ihm ruhig und atmete tief durch, „ Aber es kommt mir gar nicht so lange vor. Ich habe oft das Gefühl, dass es erst vor kurzem passiert ist, weil ich alles noch genau vor Augen habe!“
„ Woran ist sie denn gestorben?“, fragte Tom neugierig.
„ ’Wie ist sie gestorben’ passt besser. Ein Auto hat sie erfasst, als sie einem kleinen Kind auf der Straße helfen wollte!“
„ Das ist bitter. Warst du dabei?“
„ Ich war nicht direkt dabei. Also doch, eigentlich schon. Ich saß mit meinem Vater und meinem kleinen Bruder in einem Café um die Ecke und wir haben auf sie gewartet, weil wir uns dort treffen wollten. Mein Bruder hatte eine gute Note in einer Mathearbeit bekommen und ich ebenfalls eine in Englisch. Das wollten meine Eltern ein bisschen feiern, weil das bei meinem Bruder in der 5ten Klasse nichts Alltägliches war. Und dann ist sie nicht gekommen und irgendwann fuhr ein Krankenwagen an dem Café vorbei und wir haben uns gewundert und dann meinte der Betreiber, dass dort auf der Straße weiter wohl grad ein ziemlich schrecklicher Unfall passiert ist. Nun ja, wir Kinder waren neugierig und mein Bruder ist vorgerannt, um sich alles genau anzugucken. Auch, weil er Notarzt werden wollte. Mein Vater und ich sind hinterher und als wir dann da ankamen und gesehen haben, wie die Notärzte auf dem Boden hockten und dem Opfer helfen wollten, haben wir von Max nur noch ein ’Das ist Mama’ wahr genommen und gesehen, wie er in die Mitte gerannt ist. Mein Vater ist hinterher und hatte gehofft, dass Max falsch geguckt hatte, aber als er dann da stand und den aufgelösten Max wegziehen wollte, ist er selber zusammen gebrochen und ich stand dann dort, zwischen dieser Menschenmenge und war total aufgelöst!“, wieder schniefte Florentine nach diesem Vortrag und wischte sich mit dem Handrücken erneut über die Augen, nahm einen großen Schluck und fuhr fort, „ Irgendwann kam mein Vater zurück, einen weinenden Max an der Hand und er selber kämpfte mit den Tränen, zog mich mit und fuhr mit uns nach Hause. An dem Tag bis die Polizei kam haben wir nicht gesprochen. Keiner von uns hatte was gesagt. Mein Vater saß die ganze Zeit alleine im Wohnzimmer und hat auf das Familienbild auf dem Wohnzimmertisch gestarrt, mein kleiner Bruder hatte sich in sein Zimmer verkrochen und ich saß auf meinem Bett und konnte gar nicht realisieren, was passiert war.“
Tom hörte sich alles ruhig an und war geschockt von dem, was ihm zu Ohren kam. Das Florentine schon ihre Mutter verloren hatte, war für ihn ein Schlag ins Gesicht gewesen. Doch die Umstände, durch die ihre Mutter gestorben war, waren noch heftiger.
„ Hast du es jetzt realisiert?“, wollte er wissen und rückte nähe an sie heran, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war.
„ Ich realisiere es eigentlich von Tag zu Tag mehr, das Ma nicht mehr wiederkommt. Nach dem Tod konnte ich erst zwei Tage später so richtig weinen und die Trauer raus lassen. Ich hatte vorher gedacht, Mama käme zurück aus dem Krankenhaus oder hatte auf ein Zeichen meines Vaters gewartet, dass wir sie besuchen könnten. Aber nichts war. Erst zwei Tage später hat er gesagt, dass an dem Freitag die Beerdigung stattfinden würde. Bis dahin hatte ich so Illusionen wie gesagt.“
„ Das ist ganz schön übel!“, brachte Tom heraus.
„ Ich hab mich inzwischen an ein Leben ohne Mutter gewöhnt!“
„ Aber wenn dann so ein Idiot wie ich kommt und dich daran erinnert, ist es auch wieder blöd, oder?“
„ Ach, mach dir da keine Sorgen. Du warst heute nicht der Erste, der mich schmerzlich dran erinnert hat!“, versicherte Florentine Tom und schlug so sein schlechtes Gewissen aus dem Weg.
„ Wieso, wer denn wenn ich so fragen darf?“
„ Mein Bruder Max hat mich heute am Tisch daran erinnert. Gut, er hat sich dafür entschuldigt, was auch nötig war, trotzdem hätte er es nicht machen brauchen!“
„ Was hat er denn gesagt?“, wollte Tom neugierig wissen und schob schnell hinterher, „ ’Tschuldige, aber es interessiert mich, irgendwie. Nimm mir das nicht übel. Ich möchte dir nur irgendwie helfen!“
„ Ist schon gut. Wir sind irgendwie auf das Thema Verabreden und so weiter gekommen. Mein Vater und er wissen, dass ich mich mit jemanden treffe, allerdings nicht, mit wem. Er hat mich darauf angesprochen und mich aufgezogen und meinte, dass ich doch total verschossen wäre, ich hab dann irgendwas von blöden, neugierigen Pubertierenden Jungs gesagt und er hat gemeint, dass er nach Mamas Tod immer schon 2 Freundinnen hatte und ich keinen. Das hat mich verletzt, weil er nicht weiß, was in mir vorgeht, verstehst du?“
„ Hat es denn was mit dem Tod deiner Mutter zu tun?“
„ Ja. Ja, das hat es wirklich. Ich habe mir am Grab von ihr, als alle anderen schon fort waren, geschworen, nie eine Beziehung einzugehen, um den Partner, den ich Liebe, nicht zu verletzen. Ich weiß, wie schnell der Tod kommen kann und wie schnell dieser eine ganze Familie kaputt machen und auseinander reißen kann. Auch wenn es nur eine Beziehung ist. Ich möchte den Schmerz meinem Partner einfach nicht antun, weil ich weiß, wie es ist. Und es ist einfach schrecklich!“

Kapitel 18 – Einfach Ja sagen


Vieles hätte Tom von Florentine erwartet, nur nicht dieses Geständnis, dass sie ihm wohl gerade gemacht hatte.
Er hatte gedacht, sie wäre der Beziehungstyp, da sie seine Machomasche alles andere als Antörnend fand und ihm die kalte Schulter gezeigt hatte.
„ Warst du denn nie an einem Punkt, als du gedacht hast, ich gehe eine Bindung mit ihm ein?“, fragte er leise nach.
„ Doch, zweimal war ich kurz davor. Aber ich füge mir selber lieber einen Schaden zu als eine Beziehung einzugehen. Ich wusste selber zu dem Zeitpunkt nicht, woher ich diese Kraft nehme, in der Situation Nein zu sagen. Für bekloppt halten kannst du mich aber trotzdem!“, versuchte Florentine zu lächeln und nahm einen großen Schluck des etwas abgekühlten Tees.
„ Ich halte dich nicht für bekloppt. Ehrlich gesagt find ich’s sogar ziemlich stark, dass du dein Versprechen einhältst!“, lächelte er nun ebenfalls, „ Auch wenn das Versprechen etwas absurd ist!“
„ In manchen Augen mag das wohl sein, aber bis jetzt hatte ich kein Problem damit!“
„ Wieso bis jetzt? Hat es sich geändert?“
Ertappt sah Florentine auf den Holzboden, der in Toms Zimmer ausgelegt war. Konnte sie ihm schon soweit vertrauen?
„ Wenn es dir unangenehm ist, können wir auch über was anderes reden!“, versuchte Tom, Florentines Blick vom Boden wegzukriegen.
„ Ach Quatsch, irgendwann muss es ja eh raus. Wieso also jetzt nicht gleich?“, fragte sie und schaute zu ihm auf, doch brachte keinen Ton raus.
„ Alles klar bei dir?“, lachte Tom auf, als sie immer noch nichts sagte und er dies mehr als amüsant fand.
„ Klar, bei dir auch?“, fragte sie zurück und er bejahte dies ebenfalls.
Doch schon war wieder diese lustige Stimmung vorbei und stattdessen nahm eine Angespannte Stimmung die Oberhand in dem Zimmer und zwischen den beiden ein.
„ Ja… Also ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich anfangen soll. Kurz und knapp erstmal. Ich mag dich. Ich mag dich wirklich. Mehr als mir lieb ist und mehr als ich gedacht hatte. Und das, obwohl du überhaupt nicht mein Typ bist und ich mich auch noch dazu innerlich überreden musste, deine Einladungen anzunehmen. Aber seit dem letzten Treffen kann ich an nichts mehr anderes denken als an dich.“, Florentines Blick wanderte wieder zu ihren Schuhen, „ Das hörst du bestimmt ständig von irgendwelchen Fans, die du triffst oder was weiß ich nicht alles von wem noch. Aber ich hatte, wenn ich’s übertreiben will, kaum einen anderen Gedanken außer Schule als dich im Kopf und ich finde, dass solltest du wissen. Ich mein, ich hab ja selber was dagegen, dass mein Kopf verrück spielt, aber irgendwie habe ich keine Lust, mich wieder dagegen zu wehren, weil ich weiß, dass es mir nichts nützt und… Ja, um es kurz und knapp zu sagen, du hast mir ordentlich den Kopf verdreht! Und das im wahrsten Sinne des Wortes!“
„ Wow, und das aus deinem Mund. Ich bin beeindruckt!“, grinste Tom und stellte seinen Kaffee auf seinen Nachttisch.
„ Hör auf, dich darüber jetzt auch noch lustig zu machen. Meine Erklärung hab ich ernst gemeint!“
„ Ich mach mich nicht darüber lustig. Aber du überraschst mich einfach immer wieder!“, erklärte Tom ihr ernst und sein grinsen im Gesicht verschwand, „ Und mögen tu ich dich auch!“
Florentine wurde durch Toms Satz ganz anders und alles um sie herum fing an, ihr unangenehm zu sein. Auch Toms Worte, die in ihren Ohren rauschten.
„ Na, wenn das jetzt auch zwischen uns geklärt ist, kann ich ja gehen!“, entschied sie sich deswegen für den einfachsten weg, stellte ihre Tasse ebenfalls auf seinen Nachttisch und stand vom Bett auf.
„ Du willst gehen? Nach dem du mir alles erzählt hast und mir beichtest, was du fühlst und ich ebenfalls erwidere, dass ich dich mag? Läufst du wider vor deinen Gefühlen fort, weil du deiner Mutter am Grab ein Versprechen gegeben hast und weiß, wie das hier enden wird, wenn du nicht gehst?“
Das Tom es alles andere als toll fand, wenn sie nun gehen und das Weite suchen würde, war ihr schon irgendwie klar gewesen, aber nicht in diesem Ausmaß, wie er es jetzt raus ließ.
„ Mag sein, dass es an dem Versprechen meiner Mutter liegt, aber-“, Florentine verstummte in ihrer Erklärung, da Tom ebenfalls aufgestanden war und nun seinen Zeigefinger auf ihre Lippen legte.
„ Wir kennen uns noch nicht lange, das wissen wir beide. Aber du bist die Erste, mit der ich mich seit Jahren wieder treffe und bei der ich mich wohl fühle. Ich habe Spaß mit dir und kann über jeden Scheiß lachen. Ich kann mein scheiß Image ablegen und bei dir der sein, der ich wirklich bin. Der hinter dem Macho Tom steckt, der in den Medien immer präsent ist. Ich mag dich unheimlich gerne und frag mich nicht, wie du das geschafft hast, obwohl du oft zickig warst, wenn wir uns gesehen haben. Vielleicht ist es mir aber auch deswegen nicht schwer gefallen, dich zu mögen. Eben weil du anders bist, als die anderen Mädchen, die ich in den 3 Jahren kennen gelernt hab.“, inzwischen hatte Tom in seinem Redeschwall wieder seinen Finger von ihren Lippen genommen und war einen halben Schritt ihr näher gekommen, „ Das mit deiner Mutter tut mir unglaublich Leid und respektiere auch, dass du ein Versprechen ihr gegenüber nicht gerne brechen willst. Aber überleg dir mal, was wäre, wenn du es nie brechen würdest. Du wärst allein. Wärst einsam. Glaub mir, ich weiß, wie man sich einsam fühlt. Nicht von jemanden geliebt zu werden und… Oh Gott, was laber ich hier eigentlich für eine Scheiße?“
Er trat zwei Schritte von der überraschten Florentine weg und schüttelte den Kopf.
„ Vergiss, was ich gesagt hab. Vergiss alles. Ich opfere mich hier auf und gebe meine Gefühle seit langem wieder Preis. Aber ich weiß selber, dass du ein verdammter Sturkopf sein kannst und dir nicht rein reden lässt. Tut mir Leid, wenn ich dich aufgehalten hab. Wenn du gehen willst, dann geh.“
Nun war sie nicht nur überrascht von seinen weiteren Worten, sondern auch mehr als verwirrt. Tom hatte gesagt, er hätte seine Gefühle preisgegeben, obwohl er es nicht brauchte, da sie eh keine Beziehung eingehen wollte oder ähnliches. Doch hätte er wirklich mit ihr zusammen sein wollen, wenn er weiter gesprochen hätte? Zu viel ging durch Florentines Kopf.
Auch, als sie anstatt zu gehen, die zwei Schritte, die Tom von ihr gewichen war, in seine Richtung ging und ihm so lange und intensiv in die Augen schaute, bis sie sich klar und deutlich in diesen wieder spiegeln konnte.
Wie von selbst legte sich eine Hand um seinen Nacken und zog seinen Kopf zu ihr runter. Ihre Lippen berührten sich wenig später vorsichtig und tasteten sich immer näher aneinander heran.
Tom, der von Florentines Kuss überrascht war, wurde nun auch mutiger, legte einen Arm um ihre Taille und zog sie noch näher zu sich heran.
Ihre Lippen, die sich vorher an das Neue getastet hatten, wurden nun neugieriger auf den jeweils anderen und inzwischen passte kein Blatt Papier mehr zwischen die beiden.
Nach einer, den beiden endlos vorkommenden Zeit, lösten sie sich voneinander und sahen sich intensiv an. Auf dem Gesicht Florentines breitete sich langsam aber sicher ein Lächeln aus und auch Tom blieb seines nicht verborgen.
„ Darf ich noch bleiben?“, fragte sie vorsichtig nach.
„ So lange wie du willst!“, erwiderte Tom und setze erneut seinen Mund auf die lächelnden Lippen ihrer, verschränkte seine Hände hinter ihrem Rücken und fühlte sich endlich wieder eins. Geborgen und Frei.

Kapitel 19 – Hoch und Heilig


„ Ich ruf dich an!“, sagte Tom, als er vor dem Wohnhaus von Florentine hielt und diese ihm einen letzten Kuss verpasste.
„ Das will ich auch hoffen!“, entgegnete sie, drückte ihm erneut kurz ihre Lippen auf seine und stieg dann aus dem Auto aus.
Gentleman Like wartete Tom so lange, bis Florentine durch die Haustür eingetreten war und bis er oben im 2ten Stockwerk in den Fenstern Licht sah. Dann wusste er, dass Florentine es heil nach Hause geschafft hatte, ließ die Bremse los und fuhr wieder zurück.
Florentine kam mit einem Lächeln auf den Lippen im Flur an, streifte die Schuhe von ihren Füßen und hing ihre immer noch feuchte Sweatshirt Jacke über die große Heizung neben der Wohnzimmertür.
Gerade wollte sie sich aufmachen, um sich fertig fürs zu Bett gehen zu machen, als sie aus dem Wohnzimmer die Stimme ihres Vaters vernahm.
„ Flo?“, kam es gedämpft aus dem Raum und sie ging zur Tür.
„ Ja?“
„ Wo bist du gewesen?“, wollte ihr Vater wissen, der den Fernseher leiser gemacht hatte und sich zu ihr umdrehte, „ Max hat mir erzählt, dass ihr Streit hattet und er sich falsch verhalten hat. Ist alles okay bei dir?“
„ Ja, bei mir ist alles okay.“, entgegnete sie lächelnd, „ Und das mit Max und mir ist für mich auch schon erledigt. Schläft er schon?“
„ Na, hör mal mein Fräulein, es ist auch schon kurz nach halb eins. Natürlich schläft er schon. Seit einer Stunde. Er hat sich nur so große Vorwürfe gemacht, weil du nicht nach Hause gekommen bist!“
„ Braucht er sich aber nicht. Mir geht es wieder blendend. Ich bin jetzt auch im Bett. Bis morgen, Dad!“, sie drückte ihrem, mit dem Verhalten seiner Tochter überforderten Vater einen Kuss auf die Wange und verschwand im Bad, wo sie sich fertig machte und sich schließlich in ihr Bett begab, wo sie schnell einschlief.

„ Herrje, deine gute Laune möchte ich haben!“, war Emmas erster Kommentar, als sie am vereinbarten Treffpunkt auf Florentine wartete, die mehr als pünktlich kam und ein Strahlen auf den Lippen hatte.
„ Die geb ich aber nicht her!“, erwiderte Florentine.
„ Schade.“, schmollte Emma ironisch auf, „ Darf man fragen, woher die kommt?“
„ Ach, das kommt von gestern!“, lächelte ihre beste Freundin daraufhin und schwenkt mit dem Fahrrad leicht hin und her.
„ War da irgendwas besonderes?“, hackte die 18 Jährige nach und Florentine fing an, rumzustottern.
„ Ja… Gestern war einfach toll. Gut eigentlich nicht so. Aber diesen Tag werde ich nie vergessen, weißt du? Es ist einfach so… Ich weiß nicht wie ich das sagen soll und –“
„ Hör auf dir jetzt irgendwas zusammen zu reimen sondern Red Klartext. Ich hab kein Bock, dir alles aus der Nase rauszuziehen!“
„ Gut, dann lass uns nach der Schule n Döner holen und uns irgendwo in Ruhe hinsetzen!“
„ Und dann erzählst du mir, wieso du so gut gelaunt bist?“
„ Versprochen. Hoch und Heilig!“, lächelte Florentine und machte das Indianerehrenwort.
Emma grinste ebenfalls und zusammen fuhren die beiden ruhig und gelassen weiter zur Schule.
Dort war Florentines überaus positive Laune immer noch nicht gestorben und keiner blieb von ihren Lachanfällen in den ungünstigsten Momenten verschont. So verliefen die 7 Stunden schneller als gedacht und es war Zeit, so fand Emma, endlich die Wahrheit für das Gute-Laune-Mädchen Florentine zu erfahren.
So fuhren die beiden nach der Schule direkt zum nächsten Dönerladen, holten sich jeweils einen Döner und etwas zu trinken und machten es sich im Park an der Elbe auf der Wiese gemütlich.
Die Sonne stand nun am höchsten und die beiden Freundinnen kamen ordentlich ins Schwitzen, als sie noch mit ihren Sommerjacken bekleidet Platz in den prallen Sonnenstrahlen machten.
„ So, und jetzt raus mit der Sprache, wieso bist du seit heute Morgen so gut drauf?“, hielt es Emma nach dem ersten bissen von ihrem Döner nicht mehr aus.
„ Also gut. Bevor ich anfange zu berichten, musst du mir hoch und heilig versprechen, niemanden davon zu erzählen. Sonst bin nicht nur ich im Arsch sondern auch der jenige, um den es geht!“, Florentine wartete, bis Emma nach einem weiteren bissen ihre Forderung bejahte und fuhr fort, „ Gut, alles fing gestern Vormittag an, als ich eine Auseinandersetzung mit Max hatte. Ich verschwende seit dem letzten Treffen mit Tom einfach ziemlich viele Gedanken an ihn und das hat er mitgekriegt. So sind wir aneinander geraten und irgendwann hat er das Thema fester Freund und ich angeschnitten. Er hat keine Ahnung davon, was ich Mam am Grab versprochen habe und einhalten will. Er weiß davon genauso wenig wie alle anderen.“
„ Ich halte von dem Versprechen ja auch nicht sonderlich viel, aber das weißt du ja!“, viel Emma ihr ins Wort und nahm wieder einen bissen von ihrem Döner.
„ Ich bin auch kurz davor, es wirklich zu brechen!“, gestand Florentine, als Emma schlucken wollte und sie sich fast verschluckte.
„ Du bist kurz davor? Was soll das heißen? Jetzt sag es endlich!“
Doch bevor Emma mit der Wahrheit aus ihrer Neugier befreit wurde, erzählte Florentine ihr erst einmal unbeirrt weiter, was sie nach dem Schlag von Max getan hatte. Von ihrem Besuch am Friedhof, von ihrem Gang an der Elbe und dem einsetzenden Regen. Schließlich war sie an dem Punkt der Erzählung angekommen, wo Tom mit ins Spiel kam. Emma brachte nur ein lächelndes ’Wow, wie süß und romantisch!’ von sich, während ihre beste Freundin weiter erzählte.
„ Bill ist auch ein total netter. Mit dem hab ich mich richtig gut verstanden. Oh, und seine Mam ist auch verdammt nett. Total locker drauf und einfach nur lustig.“, war Florentine dabei eifrig zu erzählen.
„ Du hast seine Mutter kennen gelernt?“, fragte Emma überrascht.
„ Ja. Einfach nur eine tolle Frau. Auch wenn ich sie nicht sonderlich gut kenne. Aber ihrem ersten Eindruck nach zur Folge muss sie einfach ein lieber, lustiger Mensch sein, der ihre Söhne einfach liebt!“
„ Und was war dann?“
„ Simone hat halt Tom in Verlegenheit gebracht, der daraufhin das Gespräch beendet hat und mich mit in sein Zimmer geschleift hat. Dort hatten wir dann eine Diskussion darüber, wieso er mich da weggezerrt hat, wenn ich mich doch amüsiert habe und dann kam der Spruch ’ Fänds du’s etwa schön, wenn deine Ma dich vor jemanden zum Affen macht, den du magst?’“, äffte Florentine in dem gleichen Ton wie Tom ihn drauf hatte nach, „ Und dann sind bei mir die Sicherungen durch gebrannt. Weißt du, zuerst erinnert dich dein kleiner Bruder schmerzlich an den Tod deiner Mutter und dann kommt auch noch jemand, den du total gern hast und macht genau das selber, nur dass er davon überhaupt keine Ahnung hatte!“
„ Jetzt sag nicht, er hat dich getröstet. Oh mein Gott, wie schön kitschig ist das denn Bitte?“, fragte Emma und ließ sich rücklings auf das Gras fallen, „ Erzähl weiter, ich will alles Weitere hören!“
„ Also gut, er hat mich getröstet und mir immer weiter liebe Worte zugesprochen. Ich hab immer mehr Vertrauen und weg gekämpfte Gefühle für ihn entwickelt und ihm schließlich die Ganze Story erzählt. Wie Mam ums Leben kam und wie schwer es mir seitdem fällt. Und auch, welches Versprechen ich ihr am Grab gegeben habe.“
„ Du hast ihm das echt gesagt? Das Geheimnis, dass nur ich wissen sollte? Ich bin enttäuscht von dir, Florentine Lieberberg.“, meinte Emma ironisch und setze sich wieder auf, „ Und was war dann?“
„ Dann habe ich gesagt, dass ich bis jetzt kein Problem mit dem Versprechen hatte. Aber eben bis jetzt. Und dann hab ich ihm erklärt, was ich fühle und wie ich mich fühle. Und er hat es ebenfalls gestanden. Aber dann meinte er, es sei ja eh alles für die Katz, seine ganzen Gefühle nun Preis zugeben, weil ich ja ein totaler Sturkopf bin und eh keine Beziehung eingehen möchte!“, erzählte Florentine weiter, doch wurde schon wieder von der Blondine neben ihr unterbrochen.
„ Na, der kennt dich ja schon fast genauso gut wie ich. Das du einer der größten Sturköpfe der Welt bist, ist ja nicht zu leugnen!“
„ Und das du einer der größten Labertaschen bist, die immer dazwischen reden müssen, ist auch Weltbekannt, oder?“
„ Schon gut schon gut. Was passierte dann?“
„ Dann hab ich ihn geküsst!“
„ Du hast was?“
„ Ich habe ihn geküsst. Direkt auf den Mund. Gut, es war ein kleiner, zarter Kuss, aber irgendwann hielten wir es beide nicht mehr aus und haben unsere Münder aufeinander gepresst.“
„ Und jetzt? Was ist jetzt?“, fragte Emma, nachdem sie alles verdaut hatte und biss in ihrem Döner, der schon lauwarm war.
„ Ich weiß es nicht. Ich war den ganzen Abend bei ihm und bin erst um halb eins oder so nach Hause gekommen. Er meldet sich, wenn er wieder Zeit hat. Momentan arbeiten sie an ihrem dritten Album und danach geht es wieder nach Amerika!“
„ Also seid ihr nicht zusammen?“
„ Nein, aber um ehrlich zu sein, kann ich mir nichts Schöneres momentan vorstellen!“
„ Ich glaub, dich hat’s voll erwischt!“, grinste Emma und drückte ihre Freundin an sich.
„ Und wie, das hat es!“

Kapitel 20 – Ein Vater-Tochter Gespräch


Florentine kam es vor wie Wochen, bis Tom sich das nächste Mal bei ihr meldete. Dabei waren gerade einmal 2 Tage vergangen, seitdem die beiden sich das letzte Mal gesehen hatten.
Doch die Sehnsucht nach ihm und die Langweile, die sie empfand, ließen diese Zeit schier unendlich vorkommen.
„ Und, wie geht’s dir?“, erkundigte sie sich bei ihm.
„ Es geht wohl. Studioaufnahmen sind zwar anstrengender als gedacht, weil Georg, die Pflaume, immer alles vermasselt, aber sonst alles bestens. Und wie ist es bei dir?“
„ Mir geht’s auch gut. Schule wird nur immer stressiger, wo wir jetzt die letzten Klausurenwoche anstreben und ich noch mal richtig reinhauen muss!“
„ Oh, du Arme. Eine runde Mitleid für dich!“, meinte Tom ironisch, „ Hast du denn zwischendurch nochmal Zeit und Lust, was mit mir zu machen?“
„ Überhaupt nicht. Ich hab die Schnauze voll von dir!“
„ Also gut, wenn das so ist, sag ich halb Neun morgen bei dir vor der Haustür!“
„ Okay, ich bin dann um halb zehn draußen!“
„ Ja, das kommt dann für mich auch ganz passend. Um neun Uhr bestell ich dann einen Liegetisch in der White Lounge!“, entgegnete Tom gelassen und Florentine blieb die Luft weg.
„ Du willst mit mir in die White Lounge? Bist du irre? Das kann ich mir nicht leisten!“, schnappte Florentine nach Luft und setzte sich Kerzengerade im Bett auf.
„ Ich lad dich doch ein. Außerdem ist das echt klasse da. Die haben leckeres Sushi!“, erzählte Tom fröhlich weiter.
„ Du kannst mich doch nicht schon wieder einladen!“, seufzte sie theatralisch auf und fasste sich an die Stirn.
„ Klar kann ich das! Und ich tu es sogar noch gerne. Ohne schlechtes Gewissen!“, sagte er locker und sie hatte sein Gesicht vor ihr, wie er frech dabei grinste.
„ Also schön. White Lounge. Morgen Abend, halb neun vor meiner Haustür. Muss ich sonst noch an irgendetwas denken?“
„ An Gute Laune, Bitte. Ich habe keine Lust, mich morgen wieder anpflaumen zu lassen!“, meinte Tom nach kurzer Zeit des Überlegens ernst.
„ Das wird nicht passieren. Glaub mir. Und wenn, dann mein ich es ironisch!“, versicherte Florentine ihm.
„ Gut, dass will ich auch hoffen. Sonst war’s das für immer!“, witzelte Tom, „ Aber gut, ich bin morgen pünktlich vor deiner Tür mit dem Cadillac. Nicht das du nachher wieder Stunden suchst. Muss wieder zu meinem Baby. Wir sehen uns morgen!“
„ Ja, bis morgen. Und viel Spaß!“
Schließlich war das Gespräch zwischen den beiden beendet und voller Vorfreude auf den morgigen Freitagabend drückte Florentine auf den Roten Hörer ihres Handys.
Grinsend lief sie dann in die Küche, um sich eine große Schüssel Cornflakes zu machen und sich mit diesen zu ihrem Lernmaterial zu begeben.
„ Wenn ich bloß in dein Köpfchen schauen könnte, um zu wissen, wer oder was der Grund dafür ist, dass du in letzter Zeit so gute Laune hast!“, bemerkte ihr Vater, den sie in der Küche vorfand und in seinen Kaffee rumrührte.
„ Tja, das bleibt wohl mein Geheimnis!“, grinste seine Tochter und nahm sich eine Schüssel aus dem Schrank, gefolgt von Cornflakes und Milch.
„ Ach, komm schon, Flo. Sag mir den Grund, sonst hetz ich dir nen Privatdetektiv auf!“
Mit den Cornflakes und einem Glas Wasser setze sich Florentine schließlich gegenüber ihren Vater hin und nahm einen ersten Löffel.
„ Gut, ich erzähl es dir aber nur, weil ich dir vertrauen kann und du mein Vater bist. Kein Wort zu Max oder irgendwem anders, okay?“
„ Du hast mein Indianer Ehrenwort, Flo, ich werd keinem dein Geheimnis verraten!“
„ Also gut. Ich habe jemanden kennen gelernt, wie du ja mitbekommen hast. Es ist aber nicht irgendjemand sondern jemand, der in den Medien präsenter den je ist. Weißt du, ich hab das zu Anfang selber nicht geschnallt, als ich ihn das Erste Mal getroffen habe. Um ehrlich zu sein, hatte es mich auch überhaupt nicht interessiert, wer da stand. Immerhin hat sein Hund mich angepinkelt und da war mir meine Hose wichtiger als alles andere!“
„ Wie, du hast jemanden dadurch kennen gelernt, weil sein Hund dir ans Bein gepinkelt hat?“, Florentines Vater verfiel ins Lachen.
„ Ja, inzwischen kann ich auch darüber schmunzeln, aber zu dem Zeitpunkt war ich extrem sauer!“
„ Gut, dass kann ich nachvollziehen. Aber jetzt hast du mich neugierig gemacht, erzähl weiter!“
So erzählte Florentine ihrem Vater die ganze Geschichte, wie es weiter ging nach dem ersten und nach dem zweiten Treffen, dass sie ihm nach dem Streit mit Max am Hafen zufällig getroffen hatte und er der Grund war, wieso ihre Laune an dem Tag plötzlich wieder so fröhlich war. Doch die Identität Toms verheimlichte sie ihm bis zum Schluss. Schließlich hielt es ihr Vater nicht mehr länger aus.
„ Und wie heißt der nette Herr, der in den Medien vorkommt und der dich die ganze Zeit einlädt, der dir den Kopf verdreht hat und weswegen du so eine gute Laune hast?“
„ Er heißt Tom! Gitarrist von Tokio Hotel. Nicht mein Typ, aber ich mag ihn unglaublich gerne, weil er anders ist als ich gedacht hab und etwas Besonderes ist!“, erklärte Florentine geradeaus.
„ Tokio Hotel? Ist das nicht diese Teenieband, die so oft wegen allen Möglichen Sachen in den Zeitungen steht und im Fernsehen zu sehen ist?“
„ Ja, ich hab doch gesagt, dass Tom in den Medien präsent ist!“
„ Ja, aber dass es einer von denen ist. Donnerwetter!“, staunte ihr Vater und haute einmal, wie er fand, lustiger Weise auf den Tisch.
„ Paps, er ist auch nur ein Mensch!“, entgegnete Florentine schon leicht gereizt, „ Er ist nicht anders als du oder Max oder keine Ahnung wer. Der einzige Unterschied besteht immer noch darin, dass er einfach bekannt und viel unterwegs ist!“
„ Ist ja schon gut, Kleines. Ich möchte das auch nicht anzweifeln. Erstens seh ich es ja genauso wie du und zweitens kenne ich deinen Tom gar nicht. Ich würde es an deiner Stelle aber nicht deinem kleinen pubertierenden Bruder erzählen. Der sieht das alles schon wieder ganz anders!“
„ Also kann ich auf dein Stillschweigen zählen?“
„ Für wen hältst du mich denn? Natürlich kannst du das!“, aufmunternd lächelte ihr Vater seine große und erwachsene Tochter an.
„ Danke!“
„ Nicht dafür! Wann seht ihr euch denn wieder“, erkundigte sich ihr Vater weiter.
„ Er hat mich für morgen in die White Lounge eingeladen!“
Florentines Vater pfiff anerkennend durch die Lippen.
„ Wow, White Lounge. Ist das nicht diese teure Sushibar in Barmbek?“
„ Ja, die da beim Stadtpark, glaub ich.“
„Und wie kommst du dahin?“
„ Tom holt mich morgen ab. So gegen halb neun oder so, wieso?“
„ Dann muss ich doch mal ganz unauffällig aus dem Küchenfenster gucken, wenn du abgeholt wirst!“, grinste er sie an und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
„ Pa, ich warne dich, wenn du dich auch nur irgendwie erkennbar machst, dann-“
„ Was dann? Ich bin doch nur neugierig auf ihn, mehr nicht. Er wird mich dann schon nicht sehen. Du wirst davon auch gar nichts mitkriegen!“; grinste er wieder und wand sich seiner Zeitung zu, „ Und jetzt geh weiter lernen!“
„ Mit vergnügen!“, grinste Florentine, stand mit ihren Cornflakes und ihrem Glas Wasser auf und verließ die Küche.
Nun wusste ihr Vater über sie und Tom Bescheid und es tat ihr gut, mit jemanden Außenstehendes über die ganze Situation gesprochen zu haben.

Kapitel 21 – Zeit fürs Kennen lernen


„ Und dir macht es wirklich nichts aus?“, wollte Tom zum wiederholten Male wissen, doch Florentine verneinte es.
„ Nein, wirklich nicht. Ich mag Bill, und die andern beiden kennen lernen würd ich auch schön finden. Die Frage ist grade nur, ob du es auch möchtest!“, entgegnete sie.
„ Ich wollte es dir überlassen. Aber ich denke, jetzt ist es eh zu spät!“, versuchte er zu grinsen und startete den Motor.
Florentine lehnte sich in dem bequemen Sitz zurück und schloss kurz die Augen. Der Abend wird dann bestimmt sehr feucht-fröhlich-lustig, dachte sie mit einem inneren seufzer und schloss für kurze Zeit die Augen, während sie dem Trubel im hinteren Teil von Toms Auto notgedrungen zuhören musste.
Bill und die andern beiden Bandmitglieder und beste Freunde von Tom hatten gefragt, ob sie ebenfalls mit in die White Lounge kommen könnten.
Prinzipiell hatte Florentine da nichts gegen, immerhin kam sie mit Bill klar und die andern beiden hatten auch während der Zeit mit Tom ihr Interesse geweckt, doch das es ausgerechnet jetzt sein musste passte ihr nicht wirklich, zumal sich die zwei nach ihren Zugeständnissen nicht mehr gesehen hatten.
Zudem fragte sie sich, was passieren würde, wenn sie jemand in Begleitung der vier nicht unbekannten Herren sehen würde. Auch wenn es ihr lächerlich vorkam, sich darüber Gedanken zu machen, ging ihr dieses nicht aus dem Kopf. Sie wusste nicht, wie die Fans drauf waren, aber dass sie dann Zielscheibe irgendwelche Internetbeleidigungen oder ähnliches wurde, war ihr bewusster den je.
Trotzdem stieg sie zusammen mit den Jungs wenig später in einer dunklen Gasse aus dem Auto, gefolgt von einem großen, kräftig gebauten Mann mit Anzug und Krawatte.
„ Das ist Tobi, er wird uns heute Abend begleiten, damit nichts passiert!“, erklärte Tom ihr leise, „ Wegen unserem Bekanntheitsgrad haben viele immer Angst, uns könnte etwas ohne sie zustoßen!“
„ Vielleicht haben sie ja nicht unrecht. Ich mein, ich bin zum Beispiel ein ganz böses Mädchen, welches dir in der nächsten Ecke eines über den Schädel haut!“, gab Florentine weniger begeisternd von sich.
Tom entging es natürlich ganz und gar nicht, dass Florentine sich alles andere als Wohl in ihrer Haut fühlte.
Er hatte selber keinen genauren Plan, wie er nach allem weiter mit ihr umgehen sollte, zumal sie seitdem nur einmal kurz miteinander telefoniert hatten und in diesem Gespräch nicht wirklich viel rausgekommen war, was die beiden betraf.
Trotzdem wollte und konnte er auch irgendwie die Bitte der Jungs, diese mitzunehmen, nicht einfach so ausschlagen. Natürlich war es unfair von ihm gewesen, Florentine vor vollendeten Tatsachen zu stellen, doch er hatte keine Ahnung, was er hätte tun können. In der Hinsicht hatte er noch einiges zu lernen, das wurde ihm in diesem Augenblick mehr als deutlich.
„ Was ist? Kommt ihr mal? Ich habe einen schweinischen Riesen Hunger auf leckeres Sushi!“, drehte Bill sich im gehen halb zu den beiden um, die hinter ihnen gelaufen waren, und rieb sich genüsslich die Hände.
„ Jaja, wir machen schon!“, entgegnete Tom ebenso erfreut wie Florentine inzwischen aussah und betrat wenig später mit ihr und den anderen das Lokal.
Schon nach kurzer Zeit war von Florentines lausigen und quengelnden Gesichtszügen nichts mehr zu sehen, eher machte sie den Anschein, als ob sie das Lokal so aus der Rolle brachte, dass sie vergaß, mit wem sie überhaupt hier war.
Tom musste sie in den angemieteten Raum schon fast mitziehen, so erstarrt war sie von dem Ambiente, die das Restaurant ausstrahlte.
„ Wow!“, meinte sie knapp, als sie sich auf das riesen Sofa setzte und sich alles noch einmal genau anschaute.
Die Räume, die sie bis jetzt gesehen hatte, waren alle weiß gehalten. Überall standen gemütliche Sitzsofas, die meistens zusammen geschoben worden waren und auf denen man sich breit wie sonst was machen konnte.
Die Lichteffekte, meist in Rot gehalten, verbreiteten eine wohltuende Atmosphäre und Florentine vergaß den im Auto aufgestiegenen Ärger, dass sie mit Tom nicht allein den Abend verbringen würde.
„ Was möchtest du trinken?“, riss Bill, der sich neben sie gesetzt hatte, aus ihren Tagträumen und hielt ihr die Karte entgegen.
„ Eine Cola, Danke!“
„ Eine Cola? Kein Cocktail? Kein Drink? Einfach nur eine Cola?“, überrascht riss Bill die Augen auf und starrte sie ungläubig an.
„ Ja, nur eine Cola. Vielleicht nehm ich später noch was anderes, aber man sollte es doch eher ruhig angehen lassen, oder nicht?“, zwinkerte sie ihm noch zu und reichte ihm die Karte wieder.
„ Das hat dir bei unserem Cocktailabend aber auch wenig ausgemacht!“, grinste Tom, der das kurze Gespräch mitbekommen hatte, „ also, sofort mit einem Cocktail anzufangen!“
„ Ja, aber ich hab’s am nächsten Tag ziemlich bereut!“
„ Wie, ihr ward schon mal hier?“, wollte nun Georg wissen, der sich ebenfalls ins Gespräch einklinken wollte.
„ Nein, wir waren im Imood!“, klärte Tom seine Freunde auf und musste grinsen, „ Sollten wir übrigens nochmal wiederholen.“
„ Ach, muss nicht unbedingt sein. Ich fand die Bedienung jetzt nicht so toll!“
„ Da muss ich ihr Recht geben. Die Bedienung ist nicht die freundlichste!“, fügte sich nun auch Gustav mit ins Gespräch ein.
Während sie also damit begannen, sich über dieses und jenes zu unterhalten, merkte Florentine schnell, dass es unfair gegenüber Tom gewesen war, ihn bezüglich des Mitkommens der Jungs anzumachen.
Eigentlich hatte sie nun ihren Spaß und mit den Jungs verstand sie sich besser, als sie gedacht hatte.
Besonders Bill und Georg hatten es ihr mit deren witziger Art angetan und auch Gustav gab mehr Preis, als sie angenommen hatte.
Nur Tom war der jenige, der sich am meisten aus allen raus hielt und alle Reden ließ, ohne selbst zu Wort kommen zu wollen.
Dieses ließ Florentine wieder rum stutzig werden und so klinkte sie sich schließlich aus einem Gesprächsthema raus, um mit Tom ein bisschen quatschen zu können.
„ Und? Lustig?“, wollte dieser wissen, als Florentine sich neben ihn gesellte.
„ Ja, lustiger, als ich angenommen hatte. Hast du auch deinen Spaß?“
„ Ach ja, es ist amüsant zu sehen, wie dich die drei nicht unterkriegen. Normalerweise passiert so etwas sehr häufig, dass, wenn Leute dabei sind, die die Jungs kaum bis gar nicht kennen, schnell die Flucht ergreifen, weil wir generell einfach zu viel Sinnloses Zeugs labern, wenn wir unterwegs sind. Aber du ziehst auch noch voll mit und ich glaube, damit haben zumindest Gustav und Georg nicht mit gerechnet. Bill kennt dich ja schon, der hat sich gefreut wie n Elch, als es darum ging, ob ich ja sage oder nicht. Ich glaub, der mag dich!“
„ Mhm, er ist irgendwie so wie du!“, entgegnete Florentine und nahm einen Schluck von ihrem kühlen Getränk.
„ Das muss in der Familie liegen. Soll vorkommen, dass Zwillinge oft gleich sind!“
„ Echt? Hab ich noch nie gehört!“, grinste Florentine, „ Aber jetzt mal ohne Witz, würdet ihr euch nicht so gleich verhalten, würde ich euch nicht als Zwillinge einstufen. Ihr seid vom aussehen her so unterschiedlich, dass man noch nicht mal richtig glauben kann, das ihr Brüder seid!“
„ Ich kann’s manchmal selber kaum glauben, was für einen durchgeknallten Bruder ich habe!“, seufzte Tom und schaute Richtung Bill.
„ Zwillingsbruder!“, korrigierte dieser ihn laut, da er etwas mitbekommen hatte.
„ Der passt perfekt zu meinem Bruder!“, meinte Florentine leise, nachdem Bill sich wieder umgedreht hatte, „ Mein Bruder hat auch überall Ohren. Ich frag mich wirklich, ob der in unserer Wohnung überall Mikrofone aufgestellt hat. Der weiß einfach alles!“
„ Ich denke, das liegt in den Genen von kleinen Geschwistern. Bill ist ja auch 10 Minuten jünger als ich!“
„ Na ja, Max zwei Jahre!“
„ Oh Gott, dann ist der ja grad in der schlimmsten Phase der Pubertät! Mein Mitleid hast du!“
„ Vielen Dank. Das nehm ich mir jetzt sehr zur Herzen, dein Mitleid!“
Beide grinsten sich an und fielen danach wieder in ihre Gedanken. So saßen sie also dort und warteten auf das Essen, während die andern drei, die nun auch ihren Bodyguard zum Mist reden gebracht hatten, sich über alles Mögliche kaputt lachten.
„ Geht dir das nicht ein bisschen auf die Nerven oder machst du sonst mit bei dem ganzen?“, fragte Florentine nach einiger Zeit, in der sie sich die vier angeguckt und angehört hatte.
„ Eigentlich mach ich mit. Aber jetzt hab ich dich eingeladen und sollte mich mehr mit dir unterhalten als mit den andern vier Spaßten!“, erklärte Tom ihr grinsend und stellte sein leeres Glas auf den Tisch, „ Langsam können die auch wohl mal mit dem Essen kommen. Ich krieg schon richtigen Hunger!“
„ Du bist so n kleiner Vielfraß, kann das?“
„ Ach, es geht. Ich hab heute noch nicht so viel im Magen gehabt, von daher! Möchtest du noch was trinken? Vielleicht auch jetzt etwas Alkoholisches!“
„ Ja, ein kleiner Cocktail tät mir jetzt wohl ganz gut. Vielleicht einen Palm Beach. Haben die den hier überhaupt?“, neugierig luckte Florentine in die vor ihr liegenden Getränkekarte und war weniger begeistert, als sie einen ihrer Lieblingscocktails nicht vorfand.
„ Und? Zu finden?“, wollte Tom wissen und beugte sich selber kurz zur Karte runter.
„ Leider nicht, dann nehm ich halt einen Pina Colada. Den kann man ja auch immer trinken!“, zwinkerte sie ihm zu und legte die Karte wieder zurück in die Mitte der Sitzgruppe.
So bestellte Tom einen Pina Colada und eine Cola, die kurze Zeit später mit dem sehnsüchtig erwarteten Sushi gebracht wurde.
„ Dann mal guten Appetit und auf einen schönen, langen Abend!“, stießen alle miteinander an und machte sich über den rohen Fisch her.
Der Hunger war nach dem für ihren Geschmack großartigem Sushi gestillt, der ein oder andere Cocktail schon verdrückt und Florentine hätte sich nicht besser fühlen können.
Zwischen Gustav und Tom fühlte sie sich Pudelwohl und dem Gequatschte der Vier konnte sie nur noch mit tränentrüben Augen zugucken und zuhören.
Sie hatte nicht gedacht, dass sie dieser Abend so sehr amüsieren würde wie er es nun zu diesem Zeitpunkt tat.
Wieder wurde ihr bewusst, welche Vorurteile sie gegenüber in der Öffentlichkeit stehenden Personen hatte und bereute dieses zu sehr.
Hätte sie gewusst, dass nun fast alles, was in den Medien gesendet wurde, eigentlich totaler Käse war, hätte sie von anfang an ein ganz anderes Bild der Personen gehabt, die Gegenüber von ihnen saßen.
Allein schon Gustav wurde völlig falsch dargestellt. Der sonst eher ruhige Schlagzeuger lieferte einen Kontra nach dem anderem und brachte Florentines Lachmuskeln gehörig zum arbeiten.
Nie hätte sie gedacht, dass sich hinter diesen Images solche Typen befanden, die nun mit ihr auf den Sitzsofas saßen und einfach Spaß hatten.
„ Noch ne Runde?“, rief Georg in den Lachanfall von Bill und Florentine und sah alle mit schon leicht glasigen Augen an.
„ Auf jeden!“, fügte Gustav bei und die nächste Bestellung machte schon seine Runden.
„ Sag mal, Flochen!“, witzelte Bill, der den einen oder anderen Cocktail schon verdrückt hatte, „ Wie schauts jetzt eigentlich bei dir aus?“
„ Wie, wie schauts bei mir aus?“, wollte die angesprochene wissen.
„ Na, ich mein mit der ganzen Situation. Sahst ja nicht sehr begeisternd aus, als Tom dir von uns im Auto erzählt hat!“
„ Ach, bis jetzt find ich’s eigentlich ziemlich lustig!“, entgegnete sie daraufhin, „ Hät’ nicht gedacht, das ihr solche Witzkobolde seid!“
„ Ach, das war noch längst nicht alles, da geht noch mehr!“, grinste Tom Florentine an, „ Was meinst du, wie das aussieht, wenn wir so richtig auf Achse sind?“
„ Oh ja, da müssten wir eigentlich weiter machen. Wie wär’s mit Golden Cut?“, fragte Bill wieder in die Runde.
„ Ich bin dabei!“
„ Oh ja, ich auch!“, kam es von Gustav und Georg sofort aus einem Mund.
Ein kurzer Seitenblick zu Tobi verriet Florentine, dass dieser alles andere als Begeistert von der Idee war und wohl kurz davor stand, Verstärkung zu holen.
„ Was ist mit euch beiden?“, sah der Schwarzhaarige nun Tom und Florentine an.
„ Also, mir ist es egal, wie ist es mit dir?“, wollte Tom von ihr wissen.
„ Ja, mir auch. Lust hätte ich schon. Aber ist der Club nicht teuer?“
„ Hör auf mit deinem Teuer. Frauen haben da freien Eintritt. Außerdem gehst du mit vier Herren in den Club, da wirst du schon kein Geld los!“, versicherte Georg ihr zwinkernd und so war es wohl beschlossene Sache für alle, für alle außer Tobi, der sich nun den Kopf darüber zerbrach, wie er nun als nächstes Vorzugehen hatte.

Kapitel 22 – Gewissheit


Es war kurz nach zwölf, als die fünf angetrunkenen, jungen Leute den Club betraten und es sich in einer Sitzecke, die glücklicherweise frei wurde, bequem machten.
Sofort wurde die nächste Runde an Getränken bestellt, und Florentine ließ es sich nicht nehmen, sich endlich wieder einen Wodka-RedBull zu gönnen.
„Der Club scheint ja richtig angesagt zu sein!“, rief sie Tom zu, der sich neben sie gesetzt hatte.
„Ist er auch. Ich mag ihn, irgendwie. Ist hier immer ganz angenehm!“, zwinkerte er ihr zu und machte sich auf dem Sofa breit, wobei er, zufälligerweise natürlich, seinen Arm auf Florentines Schulter platzierte.
„Ja, glaub ich auch. Ich mag’s hier, irgendwie!“, nickte sie ihm zustimmend zu, „Doof, dass ich vorher nie hier her gekommen bin. Hab ich ja richtig was verpasst!“
„Ach, das holste heute Abend alles nach. Morgen musst du ja eh nicht früh raus, von daher!“
„Und was ist mit euch? Keine Studioaufnahmen?“
„Nein, wir haben morgen frei.“, lächelte Tom glücklich.
Die Studioarbeiten waren nämlich kein Zuckerschlecken und so hatte er allen Grund dazu, sich auf den morgigen Off-Day zu freuen.
„Und was machst du dann so, wenn du nicht ins Studio musst?“, wollte Florentine von ihm wissen.
„Meistens schlafe ich den ganzen Tag. Zu was anderem bin ich dann einfach zu fertig. Geht ja alles auf die Knochen und auf deinen Körper. Ist ja kein Vergnügen!“
„Das weiß ich inzwischen selber!“
„Ich wollts nur nochmal klar gestellt haben!“, zwinkerte er ihr zu und nahm die beiden Getränke von Tobi entgegen, die er ihm herhielt.
„Dann auf einen weiteren, lustigen Abend!“, prostete Tom an Florentines fast überschwappendes Getränk und nahm einen großen Schluck.
Inzwischen war er selber zu alkoholischen Getränken umgestiegen und hatte Tobi dazu verpflichtet, alle nachher heile mit seinem Auto nach Hause zu bringen.
Dieser hatte zudem nach Aufbruch in den Club Verstärkung in Form eines zweiten Bodyguards und des Produzenten geordert, damit er alles unter Kontrolle halten konnte.
Den Produzenten, welcher sich bei Florentine als David Jost vorstellte, war ihr sofort sympathisch gewesen. Er schien ein richtiger Freund der vier Jungs zu sein, denn er wurde sofort in die Runde eingeschlossen und schien sich prächtig mit diesen zu amüsieren.
Doch der Grund, weshalb sie sich am meisten an diesem Abend so wohl fühlte, war die Tatsache, dass sie keine Ausgeschlossene Person war.
Alle behandelten sie, als ob sie Florentine seit Jahren kennen würden. Dabei kannte sie Tom gerade mal drei Wochen. Die Jungs ein paar Stunden beispielsweise zwei Tage.
„Was machst du eigentlich? Gehst du zur Schule?“, erkundigte David sich bei ihr und ließ von dem Gespräch der anderen ab.
„Ja, ich besuch grad die 12te Klasse und mache nächstes Jahr mein Abitur!“
„Sehr schön. Klappst denn?“
„Ja, ich denke schon. Bis jetzt schauts eigentlich ganz gut aus. Ich bin in der Sache optimistisch, weißt du?“
„Gehört auch dazu. Weißt du denn schon, was du danach machen möchtest?“
„Mhm, irgendwas mit PR fände ich interessant. Allgemein etwas anderes als im Büro sitzen. Etwas erleben und jeden Tag nicht wissen, was man genau machen muss. In der Bank zum Beispiel reist du wenig und hast die ganze Zeit Geldscheine vor dir liegen oder musst Kredite aufnehmen. Und in der PR Branche ist ja jeder Aufgabe anders. Das würde mich schon sehr reizen!“
„PR, dann kannste ja für die Jungs anfangen. Die brauchen immer wieder gute Sachen!“, lachte David kurz und klopfte Tom, der neben ihm auf der anderen Seite saß, auf die Schulter, „Aber Nein, jetzt Spaß bei Seite. Der Job ist wirklich nicht ohne. Und du hast Recht, die ganze Zeit das gleiche zu machen würde mir auch richtig auf den Keks gehen!“
„Was machst du denn genau als Produzent?“
„Eigentlich ja die Musik der vier produzieren, aber ich manage auch viele ihrer Termine mit und begleite sie fast überall hin. Also eigentlich so gut wie überall hin.“
„Er ist sowas wie unser Ersatzpapa, wenn wir ein Problem haben, können wir immer zu ihm und uns quasi ausheulen!“, erklärte Tom Florentine laut über Davids Schulter hinweg.
„Ach so. Sowas braucht man aber auch, oder?“
„Ja, besonders Tom. Der heult ja wirklich wegen jedem Dreck. Du brauchst dem eigentlich nur einmal ein falsches Wort zu sagen und er rennt heulend raus!“, witzelte David und grinste zu Tom rüber, „ Eigentlich ist das so ne richtige Heulsuse!“
„Stimmt doch gar nicht!“
„Ach, jetzt red dich da doch nicht raus. Wir wissen es doch alle!“, meinte der Produzent weiter und legte einen Arm um Florentines Schulter, „ Schau mal, er will es noch nicht einmal zugeben. Er ist nicht nur eine Heulsuse sondern auch noch eine Memme!“
„Ja, schon gut, David. Und du hast zu viel getrunken!“, erklärte Tom daraufhin gereizt und verließ die beiden.
Wieso er so ein kleines Drama daraus machte, dass David in einem angeheitertem Florentine eigentlich nur Unsinn erzählte, wusste er selber nicht. Vielleicht lag es auch daran, dass er selber etwas Intus hatte und deswegen so gereizt reagiert hatte. Oder er war nicht gut drauf gewesen, zu antworten, weil es ihm wichtig war, was Florentine wirklich über ihn dachte. Er schob es aufs Letztere und gestand sich immer mehr ein, das Florentine es wirklich in kurzer Zeit geschafft hatte, ihm den Kopf zu verdrehen. Zwar hatte er es ihr selber schon einmal gesagt, an dem Abend von vor zwei Tage, doch richtig eingestehen konnte er sich es jetzt erst.
Wenn er an diesen Abend dachte, machte sich eine ungewohnte Wärme in seinem Körper breit. Von den Fußspitzen bis hin zu seiner Stirn. Auch, wenn er nun zu ihr hinüber sah. Und wenn sie ebenfalls seinen Blick suchte und kurz in seine Augen schaute, fing es an, leicht zu kribbeln.
Er wusste von Bill, dass man es dann kurz davor war. Nämlich verliebt zu sein. Jemanden so sehr zu mögen, dass man ihn nicht mehr los lassen wollte.
Tom selber hatte dieses Gefühl noch nie vorher erlebt. Sowieso war er bei Mädchen immer sehr zurück haltend gewesen und so fiel es ihm umso schwerer, den Macho in den Medien abzugeben, der er eigentlich gar nicht war und darstellen wollte.
Manchmal verfluchte er das Management und dessen Verträge, Ideen und deren Umsetzungen.
Deshalb war er glücklich darüber, dass er nicht nur bei seiner Familie und Freunden, sondern auch bei jemanden neues sich selber sein konnte. So, wie er war, ohne sich zu verstellen. Und er war sich sicher, dass es…-
„Hey, alles in Ordnung bei dir?“, wurde er durch Florentine aus seinen Gedanken geholt, die mit einem neuen, frischen Getränk neben ihm auftauchte.
„Ja…Danke!“, antwortete er und nahm das Getränk dankend an, „Ich hab gar nicht gemerkt, dass du los warst, etwas zu trinken zu holen!“
„Ja, du warst irgendwie weg. Nachdem David und ich geredet haben. Tut mir Leid, wenn David dich irgendwie verletzt hat!“
„Da kannst du ja nichts für. Und ehrlich gesagt bin ich’s gewöhnt. Aber manchmal geht es mir total auf den Sack!“, gab Tom zu und nahm einen großen Schluck, „Ich mein, du kennst das doch bestimmt aus. Du hast doch einen kleinen Bruder, geht der dir nicht auf die Nerven?“
„Oh doch, frag nicht nach Sonnenschein. Ganz schön schlimm, was er manchmal für Sprüche drauf hat. Ich wünschte, er würde auf einem anderen Planeten leben…-“, fing Florentine an, sich über Max aufzuregen und gestikulierte mit ihren Armen und Händen hin und her, während Tom sich zurück lehnte und sie dabei beobachtete.
„Tom, hörst du mir überhaupt noch zu?“, stoppte sie nach einer Weile ihren Redegewand und blickte ihn ernst an.
„Jaja, Türlich höre ich dir zu!“, meinte Tom, doch konnte er sich an die letzten Sätze nicht wirklich mehr erinnern.
„Mhm, irgendwie kann ich das nicht so ganz glauben!“, grinste Florentine und drehte sich zu ihm um, „Du hattest nämlich auch nicht den Eindruck gemacht!“
„Ach, das hat nur so ausgeschaut, wirklich!“, beteuerte er weiter, doch konnte damit die 18 Jährige nicht von dem Glauben, dass er eigentlich kaum etwas mitbekommen hatte, abbringen, „Also gut, ich hatte meine Gedanken woanders!“
„Geht doch, wieso immer Lügen und nicht gleich die Wahrheit sagen?“, fragte Florentine.
„Tja, manchmal ist das eben nicht so einfach!“, entgegnete Tom und fiel damit fast wieder in Gedanken.
In Gedanken zu dem Mädchen, das eigentlich gegenüber von ihm saß und ihn erwartungsvoll anschaute.

Kapitel 23 – Ein lustiges Erwachen und eine böse Erkenntnis


Die fünf hatten zusammen mit Begleitung die Nacht zum Tage gemacht, und so torkelte gegen fünf Uhr morgens die angetrunkene Meute aus dem Club.
„Isch….Kann nimma!“, säuselte Bill geschafft, der an den Armen Tobis aus dem Club gehievt werden musste.
„Und isch erst!“, beklagte sich Tom und krallte sich an den Ärmel Florentines Jacke, die ebenfalls nicht gerade nüchtern in die frische Luft trat.
„Isch will….Ins Bett!“, quengelte sie und sah zu Tobi, der neben ihr lief und mit Mühe und Not Bill auf den Beinen hielt, „Bringst… Bringst du misch… Nach Hause?“
„Ja, ich bringe dich und die anderen alle nach Hause. Und zwar sicher. Aber erstmal müssen wir heile zum Auto gelangen!“, meinte der angesprochene und zog David zur seine Seite, damit er ihm mit Bill weiterhalf.
Die anderen 4 konnten sich noch gut selbst auf den Beinen halten, auch wenn Tom immer noch verzweifelt versuchte, an Florentines Jacke halt zu finden.
Schließlich kamen alle nach endlos vorkommenden Minuten an Toms geparktem Auto an. Doch da dieser zu klein für die sechs angetrunken beispielsweise volltrunkenen Leute war, zückte Tobi den Schlüssel des Vans raus, mit dem er dem Auto Toms gefolgt war.
„Nein…Isch will mit meinem Auto fahren!“, meinte Tom, als er sah, das Tobi nicht seinen sondern den Wagen der Securitys ansteuerte.
„Tom, da passen nicht alle rein, verstehst du? Und ihr müsst jetzt alle heile nach Hause. Hol das Auto morgen ab oder so, aber jetzt geht es mit dem Van heim!“
Der 19 Jährige gab daraufhin nur noch ein Murmeln von sich und stieg schließlich hinter Florentine als letzter in den großen Wagen ein.
Für Tobi verlief die Rückfahrt alles andere als ruhig. Bill war schlecht vom vielen Alkohol und wollte nur noch raus, David war dabei, ihn davon abzuhalten, Gustav war auf dem hinterem Sitz eingeschlafen und Georg, Florentine und Tom lachten über Sachen, die Tobi noch in 100 Jahren nie lustig finden würde.
Auch wenn er diesen Job gerne und voralldingen auch die Zusammenarbeit mit den vier Jungs sehr genoss, war er in solchen Situationen sehr angenervt und würde sie am liebsten in die nächste Tonne klopfen.
„Florentine!“, rief er nach hinten ins innere des Wagens und die drei hörten auf zu lachen.
„Ja?“, kam ein quicken von der jungen Frau.
„Wo wohnst du?“, wollte er wissen, hielt an der roten Ampel an und sah nach hinten.
Das Gesicht Florentines würde er nie vergessen, denn sie suchten fieberhaft nach der Antwort, wo sie zu Hause war.
„Isch… Hab das vergessen!“, gab sie zu, nachdem sie lange Zeit überlegt hatte und Tobi schon weiter gefahren war.
„Du hast wirklich vergessen, wo du…-“
„Ist egal, Tobi… Floschen schläft bei mir!“, brüllte Tom ihm fast ins Ohr und legte einen Arm um ihre Schulter.
„Stimmts, Flo?“
„Ja, stimmt!“, grinste diese ebenfalls, wie es betrunkene Leute in Feierlaune immer taten, und drückte ihm euphorisch einen Kuss auf die Wange, welchen er nur mit einem Raunen kommentierte.

Die Sonne schien fröhlich in das große Zimmer, Vögelgezwitscher war durch die zuen Fenster zu hören und innen drinnen streckte und reckte sich ein müder Tom, ging mit seinen Händen über sein Gesicht, rieb sich den Schlaf aus den Augen und drehte sich zur Wand, um in Ruhe weiter zu schlafen, doch bekam allerdings alles andere als ein Auge noch zu.
Neben ihm lag jemanden, die Schultern waren bis auf den BH-Träger frei und ein Blick unter die Bettdecke verriet ihm, dass sie außerdem eine seiner Boxershorts anhatte.
Er selber lag ebenfalls, so wie immer, nur mit einer Boxer im Bett. Doch trotzdem war der Schock, plötzlich neben sich jemanden im Bett zu haben groß.
Auch, als diese Person sich umdrehte, die Augen aufschlug und ein Kreischen den stillen Raum erfüllte.
„Aaaaahhhhhh!“, schrie Florentine auf, zog die Decke bis zu ihrem Kinn und schubste den verdutzen Tom aus dem Bett, „Was machst du hier?! Geh… Ich hab nichts an!“
„Ganz ruhig!“, beruhigte Tom sie und stand vom Boden auf, „Du bist immerhin in meinem Bett und…-“
„Oh Gott, welche Boxershorts hab ich an?“, verwirrt hob sie die Decke hoch und starrte auf die blau Karierte Boxershorts.
„Das…Ehm…Ist meine!“, bemerkte Tom und kratzte sich am Hinterkopf, „Aber ich weiß nicht, wieso du die hast. Und voralldingen nicht, wieso du nur im BH da liegst!“
Nach diesem Kommentar zog Florentine schneller als Tom gucken konnte die Bettdecke wieder hoch und wurde Knallrot im Gesicht.
„Jetzt sei keine Tomate. Was zu verstecken hast du nicht!“
„Hast du geguckt?“, fragte sie verblüfft.
„Nein, aber das, was ich gesehen habe, reicht mir!“, meinte er und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, mit der Angst im Nacken, wieder von Florentine aus seinem Bett geworfen zu werden, „ Aber jetzt mal was anderes. Wir waren doch gestern Abend weg, oder?“
„Ja, glaub ich schon. Aber ich denke, wir haben beide zu viel getrunken!“
„Frag nicht nach Sonnenschein. Wenn wir noch nicht mal wissen, wie du, oder wir, oder halt hier ins Zimmer gekommen sind und…-“
„Morgen, seit ihr auch am Rätseln, wieso andere Personen mit euch ein Bett teilen?“, kam Simone ins Zimmer und grinste die beiden an.
„Ja, wieso?“
„Weil Bill bei mir im Bett liegt, sabbert und schläft!“, erklärte sie den beiden verdutzten Gesichtern und grinste, „Ihr wart wohl gestern sehr wild feiern. Bill hatte noch nicht einmal Zeit sein heiliges Make Up zu entfernen. Der kann gleich erstmal schön mein Bett abziehen!“
„Mam, könntest du eventuell…Raus gehen?“, räusperte sich Tom kurz.
„Ouh, ich störe? Tschuldige, das hab ich nicht mitgekriegt. Ach, habt ihr Hunger? Frühstück steht auf dem Tisch!“, zwinkerte sie den beiden noch zu und schloss wieder die Tür.
„Bill hat nicht ernsthaft bei deiner Mutter im Bett gepennt und sabbert vor sich hin, oder?“, hackte Florentine bei Tom nach, als die Tür ins Schloss gefallen war.
„Doch, ab und zu kommt das vor. Aber auch wirklich nur, wenn er richtig besoffen ist!“, erklärte Tom ihr mit einem grinsen im Gesicht, „Damit kannst du den gleich aufziehen, der wird sich nicht darüber aufregen, dass du es weißt, der wird sich in Grund und Boden schämen, das eine weitere Person sein kleines Geheimnis weiß!“
Ernst sah er Florentine an, die sich das lachen nicht mehr verkneifen konnte: „Vorausgesetzt, du erzählst es wirklich keinem und gehst auch nicht zur Presse!“
Aprut hörte Florentine auf mit dem lachen, verschluckte sich und sah Tom enttäuscht und verletzt an.
„Glaubst du wirklich, ich renne zur nächst besten Presse, um denen zu erzählen, das Bill sabbert und in dem Bett seiner Mami schläft? Oder das ein gewisser Tom Kaulitz ganz anders ist, als er sich gibt? Denkst du wirklich, ich würde das machen? Ich wäre dazu fähig?“
Entrüstet stand das blonde Mädchen auf und suchte ihr Hose auf dem Boden, während Tom neben ihr hilflos dastand und selbst kaum wusste, wie er reagieren sollte. Schnell zog sich Florentine die Boxershorts runter und schlüpfte in ihre eigene Jeans, zog ihr Top von gestern Abend an und suchte ihre Tasche.
„Flo, so war das nicht gemeint. Ich… Natürlich weiß ich, dass du nicht zur Presse rennen würdest und…-“
„Ach, so viel vertrauen hast du also doch wieder in mir?“, fragte sie ihn scharf und fuhr hoch, „Hör mir mal gut zu. Ich habe lange nicht mehr jemanden vertraut wie dir und ich denke, dass das Gleiche auf Gegenseitigkeit beruht! Und dann stellst du so ne scheiße auch noch in Frage?! Natürlich hau ich gleich zur Presse ab, ich hab auch nichts Besseres zu tun!“, giftete Florentine weiter und zog sich ihre Jacke über. Sie war verletzt von Toms Worten und das zeigte sie ihm jetzt auch.
Sie hatte gedacht, dass er ihr so etwas nach allem, was die beiden sich gegenseitig anvertraut haben, nicht zutrauen würde, abgesehen davon, dass sie es nie in Erwägung gezogen hatte.
„Hey, ist gut… Ist… Tut mir Leid, das war scheiße von mir!“, versuchte Tom, Florentine weiter zu beruhigen und schaffte es auch schließlich, „Wirklich, das war total dumm und unüberlegt von mir. Es tut mir wirklich Leid!“
Er sah, wie Florentine selbst mit sich rang und kam einen Schritt weiter auf die junge Frau zu, die sich aufs Bett setzte: „Flo? Wirklich. Das war einfach nur Bescheuert von mir!“
„Ist schon gut. Weißt du? Eigentlich kann ich dich sogar irgendwie verstehen!“
Stirnrunzelnd setzte Tom sich zu Florentine aufs Bett.
„Wirklich. Ich mein, wir kennen uns nicht lange, und bei deiner Person und dem, was du tust, wäre ich auch vorsichtiger mit dem, was ich sage, mache und wem ich was anvertraue. Ich kann deine Unsicherheit verstehen!“, gab sie zu und ließ sich rückwärts aufs Bett plumpsen, „Ich hab gerade selber etwas überreagiert, war auch nicht fair von mir!“
„Ist schon okay!“, meinte Tom und sah sie an, „Sollen wir frühstücken?“
„Darf ich denn noch mit frühstücken?“
„Klar darfst du noch mit frühstücken, wieso nicht?! Von mir aus darfst du immer mit frühstücken!“, lächelte er leicht und half Florentine, wieder aus dem Bett.
Schnell zog er sich noch das nächst beste T-Shirt über und die beiden schlürften Richtung Küche.

Kapitel 24 – Ein gesprächig am Küchentisch


In der Küche roch es nach aufgesetztem Kaffee und aus dem Radio dröhnte der neue Sommerhit ’All Summer Long’ von Kid Rock, den Florentine ziemlich gut gefiel. Doch als sie die Zeilen ’ Sipping whiskey out the bottle, not thinking 'bout tomorrow’ hörte, viel sie nur noch in den Stuhl und atmete ein und aus.
„Alles okay bei dir, Florentine? Oder ist dir noch schlecht von gestern?“, fragte Simone und goss Kaffee in drei große Becher ein.
„Nein, ist schon gut, mir geht’s gut!“, entgegnete Florentine und schaute auf ihren Kaffee, den Simone ihr auf den Tisch stellte.
„Schläft Bill noch?“, erkundigte Tom sich, nachdem er an seinem Kaffee genippt hatte.
„Ich bin hier, du Tröte!“, vernahm er hinter seinem Rücken und drehte sich um. Florentine hätte sich beinahe an ihrem Kaffee verschluckt, so sehr würde sie jetzt am liebsten Lachen.
Im Türrahmen stand Bill, die Haare querbeet auf seinem Kopf, sein Make Up von gestern Abend war über die Hälfte seines Gesichts verteilt und auf seinem T-Shirt waren Reste der Zahnpasta zu sehen.
„Da bist du ja endlich. Hast du gut geschlafen?“, fragte seine Mutter ihn, während Bill sich zu Tom auf die Bank setzte.
„Mhm, ja!“, grummelte der gefragte verschlafen und rieb sich die Augen, „Flo?“
„Ja?“
„Du hier?“
„Ehm… Ja… Ich habe es auch nicht mehr bis nach Hause geschafft!“, antwortete Florentine Bill gelassen, während dieser zwischen seinem Zwillingsbruder und ihr hin und her guckte.
„Oh Nein, Bill. Du brauchst jetzt nichts Falsches zu denken. Wir waren nur im Bett!“, versicherte Tom ihn.
„Ja, im Bett und haben nur beieinander geschlafen…“, pflichtete Florentine ihm hastig bei.
„Genau…Und nicht miteinander!“
„Schon gut schon gut, so genau wollte ich es am frühen Sonntagmorgen auch nicht wissen!“, erklärte Bill und schielte zu Florentines Kaffee rüber, „Wieso hat unser Gast Kaffee und der Hausherr keinen?“
„Weil du noch nicht einmal der Hausherr bist!“, schüttelte Simone den Kopf und reichte ihm ebenfalls eine Tasse, „Wo ward ihr gestern eigentlich überall?“
„Ach, überall. Keine Ahnung!“, sagte Tom, nahm noch einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee und verabschiedete sich dann, um ausgiebig zu duschen.
„Mhm, eigentlich kann ich mich nur noch an eine Sushibar und an einen Club erinnern!“, gab Florentine Simone zur Antwort.
„Ach, du meinst bestimmt die White Lounge. Ein sehr toller Laden. Da bin ich oft mit Gordon, wenn er hier ist. Gordon ist übrigens der Stiefvater der beiden.“
„Ach so, dass wusste ich nicht!“
„Jetzt weißt du es ja. Mhm… Noch Kaffee?“, fragte Simone, da Florentine ihren Kaffee aufgetrunken hatte.
„Ja, wäre nett von Ihnen…Ehm… Dir!“, schmunzelte Florentine und gab ihr ihre Tasse.
„Du bist ja ganz schön süß, Flochen. Siezt meine Mutter. Ach Gottchen, dass letzte Mal, dass sie gesiezt wurde, war von David. Und das war vor 4 Jahren!“, grinste Bill sie an.
„Oh ja, und du hast noch einen auf dem Tee.“, lachte Simone, „Du denkst einfach nur noch, dass es das letzte Mal war, weil du es dort das letzte Mal mitgekriegt hast!“
„Kann auch sein. Aber halte es mir nicht immer vor die Nase!“
„Ich will ja nicht stören, aber geht das bei euch immer so… Ehm… ab?“, fragte Florentine dazwischen. Sie kannte solche Gespräche nicht, und euch, als sie das erste Mal hier zu Besuch war, war ihr diese Art aufgefallen, die sie nicht kannte. Auch nicht zwischen ihr und ihrem Vater, der für sie Mutter und Vater inzwischen in einem war.
„Ja!“, kam es von den beiden angesprochenen, die sich dann anschaute und kräftig lachen mussten.
„Kennst du sowas nicht? Zwischen dir und deiner Mutter?“, wollte Simone wissen.
„Nein, ich bin ohne Mutter in den letzten Jahren aufgewachsen?“
„Du Arme. Wie ich es hasse, wenn Mütter einfach so ihre Familien verlassen. Schlimm so etwas. Man sollte diesen Frauen wirklich…“
„Mam, Florentines Mutter ist tot, nicht abgehauen!“, kam Tom dazwischen, der noch einmal in die Küche gekommen war, da er etwas vergessen hatte, und das Gespräch mitbekam.
Florentine war in der Zwischenzeit blass geworden und starrte auf ihre Tasse.
„Oh… Das…Wusste ich nicht… Das… Tut mir Leid, Florentine…Wirklich… Ich hatte ja keine Ahnung… Das deine Mutter…“
„Ist schon gut, Simone. Du konntest es ja nicht wissen!“, erklärte Florentine und versuchte zu lächeln, welches allerdings gründlich in die Hose ging.
„Nein… Man sollte nicht immer so vorschnell urteilen. Das mach ich immer und… Das ist mir jetzt wirklich einfach nur noch unangenehm, Florentine. Wirklich unangenehm. Kannst du mir das bitte nicht übel nehmen?“
„Ja, das kann ich!“, antwortete das blonde Mädchen zur Überraschung Toms.
„Darf man…Ehm…Fragen…Wann sie gestorben ist?“, fragte Bill nach einer Weile der Stille vorsichtig.
„Vor vier Jahren. Oder vier eineinhalb, ich verdräng das immer ein wenig.“
„Und…Wie ist das passiert?“, fragte Simone weiter. Ihre Neugierde aber auch ihr Mitgefühl war ihr deutlich anzusehen.
„Mam, dass geht nun zu weit.“, herrschte Tom dazwischen und blickte zu Florentine, die nur den Kopf schüttelte.
„Nein, ist schon gut. Es tut gut, darüber zu sprechen, weil ich vorher immer alles in mich rein gestaut habe. Das hat mir nicht gut getan. Und wenn es die beiden interessiert, dann ist das schon okay!“
Tom zuckte nach Florentines Antwort nur mit den Schultern und verließ die Küche, um endlich zu duschen.
„Macht es dir wirklich nichts aus? Ich möchte nichts bei dir hoch kochen lassen.“
„Nein, ist schon in Ordnung. Wisst ihr, in diesen 4 Jahren seit ihrem Tod habe ich außer mit meiner Familie und mit meiner besten Freundin mit niemanden darüber gesprochen. Und das ist lange her. Ich merke grade selber, dass es ein Fehler war, mit niemanden professionellem zu sprechen.“
„Hat sich das schon so bei dir fest genagt?“, fragte Bill.
„Bill, es wird sich nicht ändern, dass ich nach den Tod meiner Mutter nicht mehr an sie und an diesen Unfall denke!“
„Also ist sie bei einem Unfall ums Leben gekommen?“
„Ja, und ich war fast dabei kann man schon sagen!“, Florentine blickte in die Mitfühlenden Gesichter und bekam einen Kloß im Hals. Sie kannte diese beiden Menschen, die gegenüber von ihr saßen, nicht. Doch trotzdem vertraute sie ihnen ihre Geschichte an, die sie, nachdem sie sie Tom erzählt hatte, niemanden mehr berichten wollte. Zu groß war wieder die Angst des Verlustes und so schmerzlich die Erinnerungen an das, was passiert war, doch sie wusste, dass das darüber sprechen die beste Therapie war, nicht mehr zu oft daran erinnert zu werden.
So erzählte sie den beiden die ganze Geschichte, über den Tod ihrer Mutter und das Leben danach.



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