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Sommerregen




Autor: Babyface
Rating: 16/18
Kategorie: Drama
Hauptpersonen: Liv, Tom und Bill
Nebenpersonen: Georg, Gustav und Lenny [außerdem noch weitere - unwichtige - Personen]

Inhaltsangabe: Livia, genannt Liv, will einen Neuanfang in Magdeburg starten, da ihr bisheriges Leben nicht ganz so ablief, wie sie es sich vielleicht gewünscht hätte. Sie hält es nie lange mit einem Jungen aus, ihre meisten Verabredungen enden ausschließlich nur beim Sex. In ihrer neuen Klasse trifft sie auf Tom. Er, der typische Mädchenaufreißer, zeigt Liv schließlich was es heißt zu lieben. Doch wie lange zwei solche Menschen es miteinander aushalten können wird sich zeigen. Außerdem wäre da auch noch Toms attraktiver Zwillingsbruder, der auch nicht ganz so abgeneigt von Liv zu sein scheint.


Kapitel 1


Ich schlug die Augen auf. Das grelle Licht durchflutete das Zimmer und rief augenblicklich dieses hämmernde Pochen in meinem Kopf hervor. Meine Augen schmerzten und heiße Tränen liefen an meinen, immer noch leicht geröteten, Wangen herunter.
Langsam hob ich meinen Kopf um mir diesen fremden Raum etwas näher zu betrachten. Mein Blick fiel auf die gegenüberliegende Wand. Durch die vertränten Augen war meine Wahrnehmung etwas geschwächt, doch es müssen mindestens 100 Fotos sein, die dort an der Wand klebten.
Ich verengte meine Augen zu Schlitze um die Personen auf den einzelnen Fotos zu erkennen. Das einzige was ich sah waren Mädchen.
Ich kannte keines davon und ich bezweifelte auch stark, dass der Typ neben mir im Bett sie alle kannte. Doch eigentlich war es mir egal.
So leise wie möglich versuchte ich aus dem Bett zu steigen, bloß weg hier. Dieser schreiende Schmerz in meinem Kopf wurde stärker und ich stöhnte kurz auf. Dem Typen neben mir schien das alles gar nicht zu interessieren. Er muss gestern massenhaft mehr Alkohol getrunken haben als ich, jedenfalls hingen seine Gliedmaßen an den Seiten des Bettes schlaff herunter und machten auch nicht den Anschein als würden sie sich heute auch nur ansatzweise bewegen wollen.
Immer noch unter stummen Schmerzen, suchte ich derweilen meine Handtasche. Sie lag unter einem Haufen Berg von Klamotten, die wir uns gestern vor lauter Ekstase von den Leibern gerissen haben müssen. Ich kramte in der Handtasche rum und fischte mir zwei Aspirintabletten raus, die ich sowieso immer dabei hatte, da ich nach solchen Nächten meistens unter irgendwelchen Schmerzen litt.
Erst als der Schmerz einigermaßen nachließ bemerkte ich, dass ich eigentlich völlig nackt war. Da ich auf so einen „Vorfall“ nicht eingestellt war, schlich ich leise (was eigentlich völlig überflüssig war, da der Kerl wie ein Stein schlief) zu seinem Kleiderschrank.
Ich staunte nicht schlecht, als ich die Massen an Klamotten entdeckte, er hätte mir richtig Konkurrenz machen können aber ich glaube nach meiner Kaufsucht im letzten Monat ein eher doch lachhafter Versuch.
Ich suchte mir eine weiße Dolce&Gabbana Boxershorts raus (der Typ scheint sowieso nur Markenklamotten zu besitzen) und warf mir irgendein T-Shirt mit so einem Gekrakel von ihm über. Zwar rutschte es an allen Enden aber bis zum Bad müsste es schon noch reichen.
Als ich meine restlichen Sachen vom Boden aufsammeln wollte, kam ich nicht drumherum mir meinen Bettnachbarn noch mal genauer zu betrachten. Eigentlich ganz süß wie er da so lag. Seine etwas längeren blond gefärbten Haare fielen ihm leicht verwuschelt ins Gesicht, die braungebrannte Haut schimmerte goldig im Licht der Sonne und die heruntergerutschte Bettdecke ließ einen Blick auf seinen durchtrainierten Körper zu.
Er lag auf dem Bauch sodass ich seine gesamte Hinterseite betrachten konnte. Seine muskulösen Waden, sein süßer knackiger Hintern und dieser einfach wunderschöne Rücken. Ja Rücken hab ich schon immer total anziehend gefunden. Seine breiten Schulterblätter wippten bei jedem Atemzug von ihm auf und ab.
Wehmütig wendete ich meinen Blick von ihm ab. Auch wenn ich es immer anders wollte aber ich werde ihn wohl nie wiedersehen. Irgendetwas sträubte sich in mir auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Durch diese schon etwas merkwürdige Eigenart hielten mich viele Menschen einfach für arrogant. Doch bisher hat mich das nicht weiter gestört da ich ihnen im Insgeheimen Recht geben musste. Ich interessierte mich kaum für meine Mitmenschen und führte bisher eigentlich nur eher oberflächliche Beziehungen, wenn man es überhaupt Beziehung nennen kann.
Meistens basierte diese nur auf Sex. Sonderlich viel Spaß hatte ich dabei eigentlich schon lange nicht mehr. Das anfängliche Kribbeln beim Küssen, Streicheln usw. wich einem eher gelangweilten Desinteresse. Gefühle ließ ich bei mir nur selten zu und wenn dann beendete ich die Beziehung, bevor sie überhaupt richtig anfing.
Doch langsam nervte mich dieser Ruf. Meine Eltern hatten sich früh getrennt. Damals heulte ich mir wochenlang die Seele aus dem Leib, ich versuchte alles sie wieder zueinander zu bringen, doch sie weigerten sich auch nur noch ein einziges Wort miteinander zu reden. Geschweige denn mich mal in den Arm zu nehmen und zu trösten. Ich weiß bis heute nicht den Scheidungsgrund, doch seit den gescheiterten Versuchen wieder eine glückliche Familie zu werden, machte ich nie wieder Anstalten irgendwas in meinem Schicksal zu ändern.
Es passierte einfach und ich nahm es gleichgültig auf. Meine Mom hat mich viel zu früh bekommen und konnte mir nie die Liebe geben, die ich vielleicht gebraucht hätte. Nach der Scheidung zog ich mit meinem Dad ein Jahr nach Brasilien, damit er dort seine geschäftlichen Beziehungen wieder aufblühen lassen konnte.
Ich liebte dieses Land und war enttäuscht als mich Dad ein Jahr später nach Deutschland zurück schickte, damit ich dort einen vernünftigen Schulabschluss machen konnte, da er nie Zeit hatte sich um mich und meine schulische Ausbildung zu kümmern, was mir zu dieser Zeit aber ziemlich egal gewesen war. Na jedenfalls überweist er mir jetzt jeden Monat eine vierstellige Summe aufs Konto und denkt so unsere Vater-Tochter-Beziehung aufrecht erhalten zu können.
Bei meiner Mom erging es mir nicht anders. Als Modedesigner und Managerin war sie fast noch seltener zu Hause als mein Dad. Das einzige was ich wohl von ihr geerbt habe, ist ihre Leidenschaft fürs Shoppen. Ansonsten verbindet uns eher wenig.
Das und auch der Wunsch nach einem Neuanfang ist auch der Grund warum ich gestern von Leipzig nach Magdeburg umgezogen bin. Dass der Neuanfang genauso anfängt, wie mein altes Leben geendet hat, hätte ich allerdings nicht erwartet...

... Oh Gott der Neuanfang, das hieß auch neue Schule. Heute war doch mein erster Tag. Panisch suchte ich nach einer Uhr in diesem Zimmer. Neben dem Bett stand ein großer Funkwecker, der bereits 7.15 Uhr anzeigte. Mist...! In einer Viertelstunde sollte meine erste Stunde losgehen und ich hätte mich schon längst im Sekretariat anmelden müssen.
Hastig suchte ich nun alle Sachen zusammen und versuchte so leise wie möglich aus dem Zimmer zu verschwinden. Im Flur angekommen, entschied ich mich für die nächste Tür rechts und BINGO, Badezimmer gefunden. Er wird ja sicherlich nichts dagegen haben wenn ich mich noch schnell duschte.
Schnell schlüpfte ich aus meinen XXL Klamotten raus und stellte mich vorn Spiegel.
Meine stechend blauen Augen mit dem schwarzen Ring drumherum schauten mich an und ich musste innerlich grinsen. Auch wenn ich meinem Vater in keiner Weise ähnelte aber diese Augen stammten eindeutig von ihm.
Die langen schwarzen Haare mit den blonden Strähnen fielen mir kreuz und quer durchs Gesicht. Ich drehte mich ein paar Mal im Spiegel und bemerkte dass ich wirklich schon wieder abgenommen hatte, nicht freiwillig aber seit dem letzten Stress mit meiner Mom hatte ich einfach keinen Hunger mehr. Ich konnte sogar schon meine Rippen sehen ohne den Bauch einzuziehen, was ich so ganz lustig fand. Leider, so stellte ich fest, wurden dadurch meine Brüste auch kleiner, obwohl mich das eigentlich nicht weiter störte. Hmm... dabei ernähre ich mich fast ausschließlich von Fast Food. Na ja... Meine Haut war braun-rot, das war die Übergangsphase von Solariumröte zu Schokobraun.

Eigentlich hätte ich mir das Solarium sparen können da ich sowieso das ganze Jahr über eine makellose Bräune hatte (noch ein Gen meines Dads) aber ohne ein bisschen „Sonnenstrahlen“ im Winter konnte ich einfach nicht überleben.
Ich zog meine Zahnbürste aus der Handtasche, die ich für den Notfall immer dabei hatte und begann mir die Beißerchen zu putzen. Ich liebte meine Zähne. 3 Jahre Zahnspange hatten sich echt gelohnt. Sie waren grade, ja sogar fast symmetrisch zueinander und jeder Zahn blitzte weiß wie frisch poliert. Wenn eine Person lacht werde ich automatisch von seinen Zähnen angezogen, ich kann mich dann kaum abwenden, so war es schon früher.

Schnell hastete ich unter die Dusche und warf dazwischen noch mal einen Blick auf meine Handyuhr... „Oh verdammt“ rutschte es mir raus, es war bereits 7.25 Uhr.
Ich duschte in Rekordzeit und musste unweigerlich noch mal an den Typen denken der neben mir im Bett lag. So langsam kehrte mein Erinnerungsvermögen zurück. Er war ein Kumpel meines neuen Nachbars und half mir gestern die Kisten in meine neue Wohnung zu schleppen, nachdem ich völlig erschöpft auf der Treppe zusammengebrochen bin. Ich glaube er hieß Lenny oder so ähnlich. Später lud er mich dann zu einer Party ein, zu der ich dann auch gegangen bin weil ich sowieso noch keinen hier kannte. Wir tanzten eng umschlingen und trunken einen Sex on the Beach nach dem anderen. Ich war zu willenlos um mich gegen das zu wehren, was später folgte. Es war sehr heiß gewesen, daran konnte ich mich noch erinnern und irgendwann bin vor Erschöpfung eingeschlafen. Toller Start in mein neues Leben dachte ich mir, hoffentlich sehe ich Lenny so schnell nicht wieder.
Nach Einschäumen und Abspülen und Einshampoonieren und Ausspülen, sprang (im Übertragenen Sinne) ich aus der Dusche und rubbelte mich schnell trocken. Ich zog meine Sachen von gestern Abend an, die Unterhose von Lenny ließ ich jedoch an und das T-Shirt stopfte ich in meine Tasche. Er hat soviel davon, glaub kaum das er was vermissen wird.

Fluchend suchte ich den Fön, bis ich dann ernüchternd feststellen musste, dass dies wohl ein reiner Männerhaushalt ist und ich so was wie einen Fön wohl kaum finden werde. Genervt schnappte ich mir meine Handtasche und rann die Stufen runter. Meine nassen Haare tropften auf den Laminatboden und hinterließen eine kleine Pfütze. Unten fand ich dann auch meine Jacke wieder und zog sie schnell an während ich noch versuchte mein Handy aus der Handtasche zu fischen.
Ich öffnete die Tür und sah die Hausnummer 5. Toll und die Straße??? Schon leicht verzweifelt rannte ich raus um nach einem Straßenschild Ausschau zu halten. An der nächsten Straßenecke stand eines, jedoch musste ich noch mal zurück um meine geliebten Schuhe zu holen, die ich vor lauter Hektik irgendwo im Haus vergessen hatte. Als ich sie dann endlich in irgendeiner Ecke rumliegen sah, steckte ich sie ein, da meine Füße noch leicht schmerzten und sprintete zum Straßenschild. „Leipziger Straße“ murmelte ich geistesabwesend vor mich her und tippte die Nummer des Taxiunternehmens die ich mir am Tag zuvor als erstes eingespeichert hatte. Völlig außer Atem bestellte ich mir ein Taxi in die Leipziger Straße Nummer 5 und wartete eine halbe Ewigkeit ehe dieses verdammte Taxi endlich kam.
„Sorry Süße, war noch ein kleiner Stau“ grinste mich der fette Fahrer an wobei mir fast das Kotzen kam. „Wo soll’s denn hingehen he?!“ „Zur Arkadenallee Nummer 13“ antwortete ich genervt. Das Taxi fuhr los und ich betete das diese Fahrt schnell zu Ende sei...

... Ich warf einen Blick auf mein Handy und schluckte, es war bereits 7.55 und die erste Stunde schon so gut wie um. Ich hoffte auf einen gnädigen Lehrer und mied es noch einmal auf die Uhr zu gucken um nicht noch mal in Panik auszubrechen.
„So da sind wir Kleine, bitte einmal aussteigen, oder willst du noch eine Runde mit mir mitfahren?“ sagte der Taxifahrer und schien das auch völlig ernst zu meinen. Mir wurde übel bei dem Gedanken auch nur noch ein paar Sekunden länger mit diesem Kotzbrocken zu verbringen und so verabschiedete ich mich schnell und drückte ihm einen Hunderter in die Hand. „Moment das ist doch viel zu viel, du bekommst doch noch Wechselgeld“. Ich schaute auf die zusammengeknüllten Scheine in dem Fach auf denen noch Reste von Zigarettenstummeln und Asche klebten. „Nein Danke stimmt so“ sagte ich angewidert und verließ schnell die Straße auf dem das Taxi parkte.
Ich lief die Treppen hoch bis zum zweiten Stock wo meine Wohnung lag, kramte meinen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Eingangstür.
Das Chaos was mich dort erwartete war erschütternd. Ich wusste zwar das ich gestern keine Lust mehr gehabt hatte irgendwas einzuräumen aber das es so schlimm war? Tausende Klamotten lagen auf dem Boden und Kartons stapelten sich in den gesamten Ecken der Wohnung. Das einzige was schon funktionierte war das Telefon und der Fernseher. Der Anrufbeantworter blinkte. Ich beachtete ihn nicht, da es sowieso meine Mutter war um mir irgendwelche bescheuerten Tipps für mein weiteres Leben zu geben, sondern schaltete den Fernseher ein und stellte VIVA an.
Schon wieder ergriff mich Panik, wo war der Fön? Ich suchte sämtliche Kartons ab, bis ich ihn unter etlichen Bergen Von Klamotten fand.
Schnell fönte ich meine Haare glatt und steckte den Pony leicht toupiert nach hinten zurück, sodass mir keine Haare mehr im Gesicht hingen. Ich zog mich aus und entschied mich für einen pinken BH den ich mir gestern gekauft hatte und den dazugehörigen Tanga, weiße Socken. Dann wurde es Ernst.
Ich liebte es Klamotten an -und auszuziehen, bis ich was Passendes gefunden hatte aber in diesem Stress hätte ich anfangen zu heulen können, wenn ich ein sehr emotionaler Mensch gewesen wäre, der ich nun einmal nicht war. So zog ich mir einen hellblauen Jeansminirock an und ein passend dazu ein tief ausgeschnittenes weißes Oberteil, das im hinten frei war und man so einen extrem tiefen Einblick auf beide Seiten meines Körpers hatte.
Einigermaßen zufrieden mit dem Ergebnis wendete ich mich nun meinem Gesicht zu. Make-up benutzte ich nur in äußersten Notfällen da ich dieses Puder auf meiner Haut absolut nicht ertrage konnte, aber mit dieser leicht geröteten Haut brauchte ich dieses sowieso nicht. Ich nahm dezent bronzenen Lidschatten, schwarze Wimperntusche und Kayal, was meine gebräunte Haut und die hellen Augen gut betonte. Schnell noch etwas Lipgloss drauf und Voila fertig war ich.
Ich überlegte ob ich überhaupt irgendwelche Schulsachen brauchen würde, da ich sowieso noch keine Bücher hatte und auch nicht wusste welche Stunden ich heute haben sollte. So steckte ich nur mein Etui, einen Block, etwas Geld und mein Handy in eine Handtasche und streifte mir meine neue rosa Winterjacke mit Fellkapuze über und lief zur nächsten Straßenbahnstation.
Obwohl Magdeburg noch nicht so groß ist wie Leipzig, rannte ich trotzdem mindestens 4 Personen über den Haufen, ehe ich in der Straßenbahn auf den Weg zu meiner neuen Schule saß.
Ich atmete tief durch und bekam ein schlechtes Gewissen (was sehr selten war bei mir) als ich noch einen Blick auf die Uhr riskierte. 8.45 Uhr. Die zweite Stunde war grad in vollem Gange. Etwas nervös rutschte ich auf meinem Platz hin und her und verfluchte innerlich diesen Tag, bis mit einem kurzen Ruck die Straßenbahn endlich hielt.
Von hier aus waren es nur noch ein paar Meter bis zur Schule. Ich sah schon von weitem das riesige Gebäude. Es war schöner als meine letzte Schule, die jetzt wohl wegen Baufälligkeit schon geschlossen sein müsste.
Langsam schlenderte ich den Weg zum Eingangsbereich entlang und öffnete sachte die gewaltige Eingangstür. Ein breiter Gang mit etlichen Schließfächern an den Seiten erstreckte sich vor mir. Ich überlegte kurz was mir der Schulleiter am Telefon gesagt hatte als ich nach dem Sekretariat gefragt hatte. Ich entsinnte mich und ging schnurstracks durch die zahlreichen Gänge. ‚Sekretariat’ stand auf dem Schild an diesem Raum, ich schluckte kurz und klopfte an.

Kapitel 2


„Herein“ rief eine grantige Stimme aus dem Zimmer und ich trat ein. Drinnen roch es verdächtlich nach Kaffee und Qualm und mir wurde schlagartig wieder übel.
„Name“ motzte mich ein großer, unfreundlich aussehender Brillenträger an.
„Livia Jansen“ antwortete ich gleichgültig. „Ach, Livia Jansen? Das ist ja eine Ehre Sie mal bei uns Willkommen zu heißen. Wir warten hier schon seit ZWEI Stunden!!! Wollen Sie das nicht mal erklären?!
Am Ende brüllte er fast, doch ich sprach in ruhigem Ton weiter: „Entschuldigung, aber mein Wecker war noch nicht eingestellt und außerdem kannte ich den Weg noch nicht richtig...“

Ich dachte ich könnte ihn mit meiner ruhigen Tonlage etwas beruhigen, doch im Gegenteil, jedes Wort von mir schien ihn wütender zu machen. „Wehe das kommt Ihnen noch einmal unter, dann werden Sie hier schneller weg sein als Ihnen lieb ist, Fräulein Jansen.“ Ich nickte nur grimmig. Wie kann man an seinem ersten Tag hier schon so dumm angemacht werden?

Schweigend nahm ich den Zettel entgegen, auf dem Herr Birkling, der liebe Direktor, mir meine neue Klasse aufgeschrieben hatte. Unter großer Erleichterung verließ ich den Raum. Hoffentlich kam ich da so schnell nicht wieder hin. Mit der Hoffnung dass wenigstens meine Lehrer einigermaßen erträglich wären, suchte ich den Raum der auf dem Zettel stand. Nach etwa 5 Fehlläufen stand ich dann endlich vor Raum Nr. 28. Zögerlich klopfte ich an die Tür und wurde mit einem kurzen „Ja?“ herein gebeten...


...Ich betrat das Klassenzimmer und dann... ich hielt die Luft an, ich konnte es nicht glauben. Da stand er, mit weit aufgerissenen Augen und leicht geöffneten Mund.

„Ha.. Hallo“ stammelte ich nur kurz, während mir von alldem schwindlig wurde. Wie konnte das sein, dass ausgerechnet ER mein Lehrer sein musste. 4 Monate habe ich gebraucht ihn zu vergessen, ihn aus meinem Gedächtnis zu löschen als ob er nie da gewesen wäre. Und jetzt stand er da.
Die damals so jugendlich aussehenden längeren Haare hatte er sich kurz geschoren, doch das Gesicht war immer noch das Gleiche. Das Gesicht, was ich so oft, so lange und so leidenschaftlich geküsst hatte. Dieser Körper den ich noch drei Monate nachdem er einfach gegangen war, auf mir spürte, heiß, leicht verschwitzt presste er sich an mich und küsste innig meinen ganzen Körper. Daran zu denken war eine einzige Qual.

Er war damals neu in der Schule und machte dort sein erstes Lehrjahr. Angezogen von seiner außergewöhnlichen Ausstrahlung fingen wir auch ziemlich schnell eine Affäre an, die sich damals so schön angefühlt hatte, weil es so verboten war.

Nachdem er mir dann in einem Abschiedsbrief geschrieben hatte, dass er wen anders kennen gelernt hätte, eine in seinem Alter; und sie wahrscheinlich von ihm schwanger war, brach für mich eine Welt zusammen. Ich weinte kaum, doch verzeihen konnte ich ihm nie. Er war immer so besonders gewesen.

Langsam wendete ich meinen Blick von ihm ab und richtete ihn jetzt auf die Klasse.
Alle schauten mich mit mehr oder weniger interessierten Gesichtern an und ich hielt ihrem Blick stand.
Detlef, Herr Brauer; räusperte sich. „Ja...“ er stockte. „Das ist dann also eure neue Mitschülerin.. ähm... willst du dich kurz vorstellen, Liv...äh ja.. willst du?“
Ich schaute in die Klasse und schüttelte sacht den Kopf. Detlef nickte nur und verwies mich auf einen Platz in der hintersten Reihe, anscheinend so weit weg wie möglich von ihm.

Ich setzte meinen Körper in Bewegung und beobachtete die Reaktionen meiner Mitschüler. Die Jungs setzten sich plötzlich aufrecht hin, grinsten und schienen hellauf begeistert von mir.

Die Mädchen allerdings schauten mich entsetzt an. Innerlich musste ich grinsen, es waren die gleichen Reaktionen wie jedes Mal wenn ich einen Raum betrat. Ein Mädel mit blonden Haaren und ziemlich grellen Make-up warf mir einen scharfen Blick zu und formte das Wort „Schlampe“ mit ihren Mund.
Gleichgültig ging ich an ihr vorbei und setzte mich auf den einzig leeren Platz in der linken Ecke der hintersten Reihe. Ich war ganz froh soweit hinten sitzen zu können, so konnte mich wenigstens keiner von hinten anstarren. Ich hasste diese stierenden Blicke im Nacken. „Nun gut, das ist also Olivia Jan..“ „nur Livia“ fauchte ich und warf ihm einen strafenden Blick zu.

Er war der einzige der mich je so genannt hat und nennen durfte, doch das sollte vorbei sein, für immer.
Grimmig erwiderte er meinem Blick und sagte: „Ok dann eben LIVIA Jansen, sie ist von Leipzig hierher gezogen und ist nun in eurer Klasse. Viel Spaß“

Verwirrt schaute ich ihn an. Was sollte denn jetzt dieses „Viel Spaß“? Es reichte mir eigentlich jetzt schon, doch ich blieb ganz ruhig und verzog meine Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln. Er setzte den Unterricht fort und ich war gezwungen ihm irgendwie zuzuhören. Doch schon nach 5 Minuten konnte ich ihn nicht mehr ansehen, immer wieder kamen Szenen von früher aus dem Nichts und versetzten mich zurück an meine alte Schule, wo ich in einem kleinen Nebenzimmer eng umschlungen mit Detlef stand, fast lag und wie wir dort sooft aus lauter Leidenschaft, übereinander hergefallen sind.

Mit einem Schütteln verscheuchte ich den Gedanken aus meinem Hirn und wendete meinen Blick von Detlef ab. Ich sah mich um. Die Jungs saßen, na ja mehr lagen, breitbeinig auf ihren Stühlen und kämpften stark mit sich, dabei nicht einzuschlafen.
Von hinten sahen sie fast alle gleich aus. Ein Drittel der Jungs hatte kurze blonde bis braune Haare, total langweilig.
Das nächste Drittel hatte etwas längere blonde Haare oder einen Iro, was mir schon mehr gefiel. Die restlichen Kerle hatten entweder überhaupt keine Haare, total lange Zotteln oder Dreads, wie der Kerl vor mir.
Bei den Mädchen sah es nicht viel anders aus. Fast alle trugen ihre blonden Haare offen und beugten sich soweit wie möglich nach vorne um mit ihren Titten die Lehrer völlig aus dem Konzept zu bringen.

Ich stöhnte leise auf, aber anscheinend doch zu laut denn der Typ vor mir drehte sich plötzlich um. „Na Süße? Brauchst du noch nen Fremdenführer der dir die Stadt zeigt?“ sülzte er rum und grinste mich breit an. Ich konnte nicht anders und musste auf seine Zähne glotzen. Schön, zwar ein bisschen schief aber süß. Doch diese dämlich Anmache schreckte mich ab. Ich verdrehte meine Augen und wendete meinen Blick von ihm ab. Offensichtlich etwas perplex von dieser direkten Abfuhr, drehte er sich wieder verwundert um und nuschelte so etwas wie: „Na dann eben nich...“

Ich musste grinsen. Dieser Typ erinnerte mich stark an meinen kleinen Cousin der auch immer bockte wenn er irgendwas nicht bekam, was sehr selten vorkam denn er wird praktisch rund um die Uhr verhätschelt.
Als er sich leicht nach rechts drehte, konnte ich nun sein Profil genau betrachten. Er hatte wirklich schöne braune Augen und sein Gesicht war sehr markant. Mich überkam ein leichtes Kribbeln, auf das ich nicht vorbereitet war. Er drehte sich noch einmal, denn er musste bemerkt haben, dass ich ihn beobachtete.
„Was?!“ fragte er nun im leicht gereizten Ton und immer noch mit dieser sturen Miene auf seinem Gesicht. Lächelnd antwortete ich ihm: „Nichts wieso?“ Schlagartig änderten sich seine Gesichtsausdrücke und nun lächelte auch er leicht.
Anscheinend nach einem Gesprächsthema suchend, überlegte er kurz und fragte mich dann leise: „Und wie lang wohnste schon in Magdeburg?“ „Seit gestern erst“ „Und toll hier?“ „Fantastisch“ antwortete ich mit einem leicht ironischen Unterton, den er wohl bemerkt haben muss, denn plötzlich sprudelte er los wie ein Wasserfall, dass hier ja nichts los sei und die Menschen sowieso alle Langweiler wären.

Ich versuchte ihm einigermaßen zu folgen, doch klinkte mich irgendwann aus und nickte nur noch. Detlef räusperte sich. Ich hab gar nicht mitbekommen, dass er aufgehört hatte zu erzählen und die Klasse nun alle auf uns starrten.
„Habt ihr der Klasse oder mir irgendwas mitzuteilen?“ fragte er und sah mich mit einem gekonnten Leherer-steht-über-Schüler-Blick an der mich rasend machte.

„Nein eigentlich nich. Dieses hoch kommunikative Gespräch ist ausschließlich für den Kerl mit den Dreads..“ „Tom“ warf Tom ein.“...Tom und mich gedacht, Herr BRAUER“
Wissend das ich eindeutig zu weit gegangen bin, setzte ich eine ernste Miene auf und guckte Detlef gradeweg in seine unendlich dunklen Augen. Wut breitete sich in ihm aus und ließ ihn leicht rot anlaufen: „Wenn du denkst du kannst hier an deinem ersten Tag, die Welt völlig aus dem Lot bringen und dem Lehrer dumm kommen, hast du dich gewaltig getäuscht Livia Jansen. Noch einmal und du und Tom könnt die Stunde später gerne nachholen!!!“

Ich konnte es nicht fassen. Ich sprang auf: “Danke, ich hatte sowieso was anderes vor“ presste ich zwischen meinen Lippen hervor, schnappte meine Jacke und Tasche und verließ den Raum wissend das diese Aktion wahrscheinlich Konsequenzen hatte...


Die Schüler starrten mir entsetzt und mit weit aufgerissenen Augen hinterher und Detlef war wohl genauso irritiert wie die Anderen. Der einzige, der das wohl sehr lustig fand, war Tom.

Am liebsten wäre er mir wohl gefolgt, doch ich glaube dann wären wir beide von der Schule geflogen.
Ich rannte, so gut das eben mit High Heels ging, den Flur entlang und verlief mich etliche Male ehe ich endlich auf dem Schulhof stand und die warme Frühlingsluft mir etwas klarere Gedanken machte.
Völlig außer Atem setzte ich mich auf die nächste Bank und stützte meinen Kopf auf die Hände.
Was hatte ich nur schon wieder getan, dass dieser beschissene Tag so anfangen musste. Ich schaute auf die Uhr... 9.20 Uhr. Wow mein neues Leben ist grade mal 15 Stunden alt und schon musste ich es wieder vermasseln
. Aber war überhaupt ICH Schuld an dieser Ganzen Sache oder wollte sich Detlef einfach nur rächen. Tja rächen wofür? Dafür dass ich ihn damals so vergötterte, ihm seine Anfangszeit so leidenschaftlich wie möglich machte?
Ich überlegte... Wir haben uns jetzt ein Jahr lang nicht gesehen. Ich war bis vor ein paar Wochen noch in Amerika gewesen und hab da einen Workshop für Streetdancen belegt, bis mich meine besorgte Mutter zurückholte und meinte das hätte keine Zukunft.
Ich wäre dageblieben, allerdings ging das nur mit der Einverständniserklärung meiner Eltern, beider Elternteile versteht sich. Im Nachhinein wusste ich das meine Mom diese Erklärung nicht unterschreiben wollte, weil sie mein Dad auch unterschrieben hat.
Seitdem habe ich ein recht kühles Verhalten ihr gegenüber und war froh als ich endlich nach Magdeburg ziehen konnte. Dass das Leben hier auch nicht besser sein würde, konnte ich ja vorher nicht ahnen....

Ein lautes Räuspern riss mich aus meinem Tagestraum. Ich hob den Kopf und musste blinzeln, die Sonnenstrahlen blendeten meine Augen und ich konnte nichts erkennen.

„War ja eben ne krasse Aktion, die du abgeliefert hast!“ Ich erkannte die Stimme. Tom stellte sich genau vor mir und hinderte die Sonne daran, mir ins Gesicht zu scheinen.
Ich nahm seine Umrisse wahr. Er war relativ groß und wahrscheinlich auch stärker als ich (was nicht grade viel bedeuten muss).
Seine blonden Dreadlocks hatte er zu einem Zopf hinten zusammen gebunden und unter einem Cappi verstaut.
Ich stand auf und sah ihm in seine mandelförmigen, haselnussbraunen Augen.
„Dumme Frage, dumme Antwort.“ Antwortete ich knapp in der Hoffnung ihn irgendwie abwimmeln zu können da ich jetzt lieber alleine sein wollte. Doch er ließ sich davon nicht beirren.

„Ja hast Recht, is eigentlich ganz Ok der Brauer, aber na ja wer versteht schon die Lehrer..., Hey hast du nicht mal Lust was zusammen zu machen? Eis essen, Kino, Disc...“ „ Poppen?“ warf ich mit einem sarkastischen Unterton ein, da ich sowieso wusste dass meine Dates immer so endeten.

Ihm blieb die Spucke weg und schaute mich mit großen Augen an, anscheinend geschockt dass einer so direkt sein konnte.
„Öhm... na ja...“ fing er allmählich an zu grinsen.

Das reichte mir ich stöhnte noch mal kurz auf, verdrehte die Augen und ging los. Ich fragte mich wirklich ob ich so billig aussah, dass ich so was machen würde. Ok, ich tat es ja aber sah ich denn auch so aus?
Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen? Kopfschüttelnd ging ich weiter. Bei jedem Schritt tat mir Tom mehr leid. Er war wirklich sehr nett gewesen und vielleicht sollte das auch nur ein Spaß werden, was ich mir zwar nicht vorstellen konnte aber schließlich verstehen mein Humor auch nur relativ wenig Menschen.

Ich stand an der Straßenbahnhaltestelle und überlegte was ich nun machte. Ging ich zurück oder doch lieber nach Hause. Ich entschied mich noch einmal zur Schule zu gehen, schließlich hatte ich noch nicht mal einen Stundenplan oder Bücher. Meine Füße schmerzten und jeder Schritt wurde langsam eine Qual. Obwohl ich die Schuhe mittlerweile gewöhnt war, konnte ich immer noch nicht länger als 3 Stunden damit gehen, geschweige denn laufen. Ich zog sie aus und meine nackten Füße patschten auf den, von der Sonne gewärmten, Beton.

Langsam schlurfte ich zurück zum Schulhof, zog mir meine Schuhe wieder an und versuchte nicht umzuknicken beim Reingehen. Von Tom war weit und breit keine Spur mehr zu sehen.

Ich klopfte ans Klassenzimmer, wartete jedoch nicht die Antwort ab sondern ging einfach hinein.
Detlef stand immer noch da, das Gesicht zum Fenster gewand. Ich sah ihn an und wartete auf eine Reaktion von ihm. Sein Blick fiel auf mich und dann auf meinen leeren Stuhl. Ich nickte und ging zu meinem Platz. Als ich an Tom vorbei kam, guckte ich ihn kurz an, er allerdings stierte verbissen nach vorne. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Die Stunde verging sehr schleppend und ich vermied es Detlef in die Augen zu schauen. Tom drehte sich kein einziges Mal um und ich langweilte mich tierisch.

Endlich, nach sieben nervigen Stunden, allerdings nicht alle bei Detlef, klingelte es und ich freute mich auf einen ausgiebigen Shoppingnachmittag bis sich Detlef mir in den Weg stellte...

Ich rannte ihn fast übern Haufen, konnte allerdings im letzten Moment abbremsen. „Was ich vorhin gesagt habe, habe ich ernst gemeint Livia“
er schaute mich mit einem undurchschaubaren Blick an.
„Ich habe mich verändert Liv“ fuhr er fort „meine Gefühle haben sich verändert, ich bin erwachsen geworden und außerdem bin ich bereits Vater.“
Bei diesem Satz stockte mir der Atem.
“Was?!“ brachte ich nur leise und leicht keuchend hervor. Er nickte nur stumm. Ich hab zwar damit gerechnet dass es damals sein Kind gewesen ist, als er mit dieser schwangeren Schlampe einfach abgehauen ist aber dass es so wahr war, tat weh.

„Und?“ fragte ich. „Wie soll es jetzt weiter gehen?“ Er zuckte mit den Schultern: „Ich bin dein Lehrer und wir müssen uns auch so verhalten.“ Sagte er in einem leicht mitfühlenden Ton.
Der Direktor kam vorbei. Schlagartig änderte sich der milde Ausdruck auf seinem Gesicht: „Und deshalb erwarte ich dich in zehn Minuten im Klassenzimmer und bring Tom mit, ihr könnt da die restlich Zeit absitzen!“
Mir klappte der Mund runter. Detlef verschwand ohne ein weiteres Wort und Herr Birkling sah mich misstrauisch an.
Ich fasste mich wieder und ging hinaus auf den Schulhof. Die Frühlingssonne schien mir ins Gesicht und heiterte meine Stimmung ein wenig auf. Endlich kam der Sommer. Nach dem Jahr in Brasilien hab ich mich nie richtig wieder an den Winter und die kalte Luft gewöhnt, deswegen fror ich fast ständig.

Ich sah mich um. Toll noch zehn Minuten und dann würde die Hölle auf mich warten. Ich überlegte, wenn Tom dabei sein würde, könnte Detlef keine privaten Gespräche anfangen und mir so den Tag noch länger verderben. Aber wo sollte Tom sein?
Die letzten Schüler gingen grade vom Gelände. Ich seufzte, wahrscheinlich ist er auch schon nach Hause gegangen. Noch fünf Minuten und ich machte mich auf den Weg zu meinem unausweichlichen Schicksal. Meine Knie wurden weich und meine Beine gaben bei jedem Schritt ein bisschen mehr nach. Ich wollte nicht mit ihm alleine sein, nein auf keinen Fall. Völlig geistesabwesend wollte ich grade die Eingangstür öffnen, als sie von innen aufschwang und zwei Kerle mich über den Haufen rannten.

Ich rutschte aus und wäre beinahe die Stufen runtergeknallt, als mich einer dieser zwei Typen grade noch zurückriss.
„Könnt ihr nicht aufpassen?!?! Fauchte ich sie an.
„Beruhig dich, ist doch grade noch mal gut gegangen“ blaffte der Typ der mich gerettet hatte zurück.
Ich schaute hoch. Es war Tom.
„Na toll“ murmelte ich. Doch dann... er war meine Rettung.
„Achso du kannst sowieso noch nicht gehen, wir beide sollen noch nachsitzen“ sagte ich ihm, meinen freudigen Ausdruck dabei unterdrückte ich allerdings.

„Ach schon wieder?“ meldete sich jetzt auch der andere, mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht, zu Wort. Er war etwas größer als Tom und hatte schwarze, ein bisschen längere Haare. Komisch er hatte genau die gleichen Augen wie Tom.

„Halt die Klappe“ sagte der jetzt und schaute mich leicht verärgert an. Ich zuckte nur mit den Schultern und sagte „Denkste ich bin scharf darauf, noch eine Stunde mit dir und diesem Lehrer zu verbringen?!“
„Dann lass es doch einfach“ motzte er jetzt zurück. Ich war wütend. Konnte er nicht einfach mal die Klappe halten und mit mir da jetzt reingehen?
„Bill, wir gehen“ sagte Tom in einem gekonnt lässigem Ton.

„NEIN!!!“ schrie ich ihn fast an.
Erschrocken über mich selber hielt ich mir schnell die Hand auf den Mund. „Bitte...“ fügte ich fast etwas verzweifelt hinzu.
Toms Gesichtszüge veränderten sich. Er schien überrascht zu sein eine so plötzliche Sinneswandlung von mir mitzuerleben. Sein Kumpel Bill dagegen fand das Ganze hier wohl ziemlich witzig und hustete abermals um sein lautes Grinsen zu vertuschen.

Kapitel 3


Ich sah Tom an und warf ihm einen flehenden Blick zu.
„Na ja ist vielleicht besser wenn ich da doch hingehe, will ja schließlich keinen Ärger haben. Bill ich komm dann so inner Stunde nach Hause.“
„Ja alles klar“ antwortete Bill ihm.
Ich war verwundert. Nach Hause? Sollten sie etwa...? Schwul? Nein das konnte ich mir nicht vorstellen. Nicht bei Tom. Egal, ich war zu glücklich um mir darum jetzt Gedanken zu machen.
Ich atmete aus und brachte nur ein knappes „Danke“ hervor.
Zusammen gingen wir rein und kamen wenig später vor dem Klassenraum an. Ich ging als Erste hinein, Tom folgte mir. Der Raum war leer. An der Tafel stand geschrieben: „Ich habe einen dringenden Termin. Aufgaben stehen an der Tafel. H. Brauer“

Ich konnte es nicht fassen. Wofür bin ich heute morgen überhaupt aufgestanden, um jetzt mit einem vermeintlich Schwulen hier in diesem Raum zu stehen und stumpfsinnige Aufgaben zu verrichten??
Ich drehte mich zu Tom um, der sich bereits auf einen Stuhl niedergelassen hatte und mich nun anstarrte. „Was“ fragte ich ihn in einem scharfen Ton.
Tom schien genug zu haben von meinen Launen. Er stand auf und war sichtlich sauer.
„Sag mal hab ich dir irgendetwas getan, dass du mich jedes Mal dumm anmachen musst wenn ich dich angucke?“
Ich hasste es wenn man mich so anschrie, konnte ihn allerdings verstehen und so erwiderte ich seinen Blick nur.
„Wenn du nicht willst das man dich anguckt oder anspricht oder überhaupt mit dir kommuniziert, dann sag es doch einfach. Ich hab nämlich was Besseres vor als mit einer arroganten Zicke hier den restlichen Tag zu verbringen!!!“
Er kam immer näher und stand nun ganz nah vor mir.
Ich konnte seinen heißen Atem auf meinem Gesicht spüren. Er kam noch näher. Ich schloss die Augen und atmete seinen Duft ein.
Er roch gut, nach Sommer irgendwie.
Ich machte die Augen auf. Er hatte aufgehört zu schreien und sah mir nun direkt in meine Augen.
Ich schwieg.
Seine braunen Augen hielten mich in ihrem Bann. Ich schloss die Augen und suchte seine Lippen.
Ich fand sie und küsste zärtlich seine Unterlippe. Wie sanft diese Lippen doch waren, dachte ich mir und öffnete die Augen.
Tom beugte sich leicht runter und sein Piercing streifte meine Lippen. Er öffnete leicht seinen Mund und ich tat es ihm nach.
Unsere Lippen berührten sich. Ich ließ meine Zunge sachte über seine gleiten und streichelte sie zart.
Auf einmal hob Tom mich hoch und setzte mich auf den Lehrertisch. Ich biss ihm dabei versehentlich auf die Lippe doch ihm schien es zu gefallen.
Eng aneinander gepresst wurden unsere Küsse nun leidenschaftlicher.
Er war wirklich ein guter Küsser, doch er schien auch seinen Spaß mit mir zu haben.
Er küsste nun leidenschaftlich meine Hals und knabberte etwas an meinem Ohr. Ich war schon bereit mich ihm völlig hinzugeben als ich plötzlich aufschreckte.
Nein! So sollte es doch nicht anfangen. Ich wollte doch alles anders machen. Mit einem Rucke stieß ich Tom von mir weg.
Er sah mich irritiert an.
Ich rutschte vom Tisch runter, schnappte meine Sachen und verließ den Raum, so schnell wie nur möglich. Tom schrie hinter mir her, ich drehte mich nicht um.
Die Straßenbahn hielt grade und ich stolperte regelrecht hinein.
„Na nu wir haben’s aber eilig heute“ hörte ich eine freundliche Stimme zu mir sagen. Ein knappes „Ja“ war die Antwort.
Ich betete dass die Bahn schnell losfuhr. Ich schaute aus dem Fenster und sah Tom. Er lief zur Straßenbahn doch zu spät, die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich in Bewegung...
Erleichtert fiel ich in meinen Sitz zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Nicht schon wieder.
Die Bahn hielt zirka 300 Meter vor meiner Wohnung.
Völlig erschöpft schleppte ich mich die Treppen hoch. Ich wunderte mich warum ich auf einmal so wenig Energie hatte, normalerweise würde mich dieser Stress jetzt erst mal zu einer ausgiebigen Shoppingtour verleiten aber stattdessen ließ ich mich einfach in meinen geliebten Drehsessel fallen und schloss die Augen.
Ich musste an Tom denken. Wie verdattert er ausgesehen hat als ich einfach weggelaufen bin.
Ich hasste mich dafür.
Noch nie konnte ich einer Konfrontation ins Auge sehen. Ich wich Konflikten meistens eher aus, es sei denn etwas ging mir gewaltig gegen den Strich.
Langsam wurde ich müde und fiel in einen angenehmen Dämmerschlaf.

Das Klingeln riss mich aus meinen Träumen.
Völlig verschlafen griff ich zum Hörer und hätte am liebsten wieder aufgelegt als ich die Stimme am Telefon erkannte.
„Hallo Darling“ meine Mom.
Irgendwer musste zu Besuch sein dem sie beweisen wollte wie toll doch unsere Mutter-Tochter-Beziehung sei, da sie sonst nie so mit mir sprach.
„Hey Mom“ antwortete ich genervt.
„Na wie war denn heut dein erster Tag in deiner neuen Stadt?“
„Herzerfrischend“ antwortete ich ironisch.
„Ich wollte dir nur sagen, dass in den nächsten Tagen wohl ein paar Leute mit ein paar Möbeln kommen werden. Ich war gestern grad zufällig in der Nähe von..“
„Mom? Vielleicht hast du’s ja nicht mitbekommen aber ich bin bereits mehr als versorgt mit Möbeln.“
„Ja ich weiß doch Schatz aber ich hab sie gesehen und konnte einfach nicht anders.“
Ich war gereizt. Jetzt wollte sie sich schon wieder in mein Leben einmischen. Ich hatte keine Lust mehr auf ein Gespräch, deswegen antwortete ich nur „Na ja, danke“
Am anderen Ende der Leitung hörte ich eine Tür zuknallen, was immer es war jemand ist wohl grade gekommen und wieder gegangen. Das letztere schien der Fall zu sein, denn meine Mutter fing an „normal“ mit mir zu reden.
Sie atmete aus: „Du könntest ruhig etwas dankbarer sein“
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“
„Na ja ist jetzt auch egal. Also in den nächsten Tagen müssten sie bei dir eintreffen, wenn du die Möbel wirklich nicht willst, verschenk sie oder schick sie zurück oder mach sonst was mit den Teilen. Falls du mich in den nächsten Tagen erreichen willst, was ich stark bezweifle, musst du auf Handy anrufen. Ich bin auf Geschäftsreise.“
„Geht klar Mom“ sagte ich und hatte den Hörer schon fast aufgelegt als nie noch rief: „Ach und vergiss nicht, dich bei deiner Cousine Lea zu melden. Sie wird morgen 18.“
Bei dem Gedanken an Lea wurde mir ganz schlecht. „Mach ich“ log ich und legte auf.

Lea und ich konnten uns auf den Tod nicht ab. Vorletzten Sommer hatte ich mit ihrem Freund geschlafen und er, so dumm wie er war, hat es ihr gebeichtet.

Komischerweise war sie auf mich sauer. Ihrem Freund hat sie schnell verziehen aber für mich hatte sie kein einziges freundliches Wort mehr übrig.
Ich grinste leicht in mich hinein als ich an ihre dämliche Fresse denken musste als ihr Freund den „Ausrutscher“ gebeichtet hatte. Sie war eine völlige Niete im Bett, dass hatte er mir ständig gesagt.


Ich ging in die Küche machte mir einen Capuccino und schluckte ein paar Amphetamine um wieder ein bisschen Power zu bekommen.
Sie wirkten sofort und ich wirbelte geschlagene zwei Stunden um meine Bude einigermaßen in den Griff zu bekommen. Am Ende schaute ich mir jedes Zimmer noch mal an und war ganz zufrieden mit dem Ergebnis.
Die Wohnung war sehr groß und hatte einen riesigen Balkon von dem ich auf die Straße und noch ein bisschen weiter gucken konnte.
Mein Schlafzimmer war eines der größten Zimmer. In Rot und Weiß gehalten. An der längsten Wand hatte ich mir einen Spiegel einbauen lassen, der sich über die gesamte Breite hinzog. Mein riesiges Bett stand auf dem Laminatboden und wurde von einem Baldachin umschlossen. Es stand direkt vorm Fenster sodass mich meine geliebte Sonne jedes Mal wach kitzeln konnte.
Für meine Unmengen an Sachen hatte ich zwei Kleiderschränke, aber so wie es aussah musste ich mir sowieso noch einen dritten anlegen da die zwei eindeutig zu klein waren.

Ich ging ins Wohnzimmer. Der Plasmafernseher hing an der Wand (ich musste noch schnell meinen Nachbarn rufen, da ich dieses monströse Ding nicht allein an die Wand bekommen habe).
Die schwarze Eckledercouch breitete sich fast im gesamten Raum aus und machte das Zimmer sehr gemütlich.
Die Wohnung wurde erst neu renoviert und war deshalb unglaublich modern gehalten, sodass ich mich gleich wohl fühlte.
Ich ging weiter in die Küche. Aus einem Möbelhaus habe ich mir eine extra angefertigte Einbauküche liefern lassen, die aber schon einige Tage vor meinem Umzug eingebaut worden war (und dass nicht von mir, meine handwerklichen Geschicklichkeiten sind doch sehr begrenzt).
Hier blieb ich erst mal und schlurfte schon leicht hungrig zum Kühlschrank. Was mich da erwartete war allerdings gähnende Leere. Lediglich ein paar Flaschen Wasser standen noch drin. Ich überlegte kurz, nahm mir dann eine Flasche raus und setzte mich aufs Sofa.

Allerdings konnte ich diese Haltung nicht lange genießen, da mein Magenknurren, das Fernsehgucken unmöglich machte und so siegte schließlich Hunger über Faulheit und ich hievte mich aus der Couch um noch ein wenig was einkaufen zu gehen...


Langsam schlenderte ich die Strasse hinunter, auf in den kleinen Supermarkt um die Ecke. Ich schaute auf die Uhr. Es war bereits 19.45 Uhr und um acht macht der Laden zu.

Ich beschleunigte meine Schritte und sprintete zum Eingang. Ich überlegte was ich denn brauchte. Da ich sowieso nicht kochen konnte, brauchte ich also gar nicht soviel Schnickschnack.
Die Verkäuferin starrte mir düster hinterher, in der Ahnung dass ich ihr ihren frühen Feierabend nehmen würde.
Um mich nicht ganz unbeliebt zu machen, peste ich nun um die Regale um mir die ganzen Fertiggerichte zusammen zu suchen.
Ich bog grad um die Ecke, als RUMMS ich mit jemand zusammen stieß. Meine gesamten, noch nicht bezahlten, Einkäufe landeten auf dem Boden.
„Kannst du nich aufp...“ die letzten Worte blieben mir im Halse stecken als ich sah wer vor mir stand.
Tom, dessen Sachen ebenfalls auf dem Boden gelandet waren, schaute mich ärgerlich an.

„Na kommt jetzt wieder einer deiner bekannten Launenausbrüche?“ sagte er in einem angriffslustigen Ton.
Ich wusste nicht was ich sagen sollte, wollte mich aber irgendwie für das plötzliche Verschwinden von heute Nachmittag entschuldigen.
„Ähm... Sorry... Ich wollte eigentlich nur...“
„Ich ich ich...Wann checkst du endlich, dass sich nicht die GANZE Welt um dich dreht?!“
Er hob seine Sachen auf und rauschte schleunigst an mir vorbei.
Wow das hatte gesessen. Normalerweise würde ich ihm jetzt hinterherlaufen und fragen was ihm denn einfiel so mit mir zu reden, aber ich blieb stehen.
Wie in Trance sammelte ich meine Sachen ein und ging langsam zur Kasse. Die Verkäuferin starrte mich merkwürdig an aber ich sagte nichts dazu.
Toms Worte hallten in meinem Gedächtnis wieder. Ich bezahlte und wandelte zum Ausgang, unfähig irgendetwas von meiner Umwelt mitzukriegen.

Kapitel 4


Jemand tippte mich an.
„Hier, hab aus Versehen deine Schokolade mit eingesteckt“ grummelte Tom und schien über diese Tatsache alles andre als erfreut zu sein.
„Oh“ antwortete ich nur darauf.
Ich kramte in meinem Portemonnaie nach Geld.
„Lass stecken“ fügte er jetzt in einem etwas milderen Ton hinzu.
„Schien ja heut nicht dein bester Tag zu sein.“ Ich nickte stumm.
Um es genau zu nehmen, war es ein ziemlich beschissener Tag gewesen. Erst dieser Horrormorgen mit dem fremden Typen neben mir im Bett, dann dieser äußerst liebenswürdige Direktor, Detlef und dann auch noch Tom.
Obwohl Tom eigentlich noch so ziemlich das Beste zu sein scheint. Ich konnte nicht mehr. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Nicht weil ich ein sehr emotionaler Mensch bin, nein eigentlich ist eher das Gegenteil der Fall, nein ich war einfach erschöpft. Erschöpft und enttäuscht über mein Leben. Dabei sollte es doch alles besser werden.

„Hey was ist denn jetzt los?“ Völlig in Gedanken versunken, schreckte ich hoch.

Entsetzt merkte ich dass mir nun wirklich die Tränen über die Wangen liefen. Schnell wischte ich sie mir weg.
„Nichts“ log ich. Tom sah sich hilflos um, anscheinend wusste er nicht so recht was er sagen sollte, doch dann hellte sich seine Miene auf.
„Hey hast du Lust mit zu mir zu kommen? Ich mein wie ich das so gesehen hab, hast du ja sowieso nichts zum essen und meine Ma kocht echt lecker, also wenn du Lust hast...?“
„Nein danke“ mir war jetzt echt nicht nach einem Treffen mit Toms Familie, doch nur mit Tom?
Er schien enttäuscht und wendete sich ab zum Gehen. Ich zögerte. „Aber...“ begann ich, brach jedoch ab.
„Ja?“ fragte er.
„Du kannst ja mit zu mir kommen, ich meine die Familienpizza reicht bestimmt auch für zwei?!“
Er strahlte. „Ja klar“
„Gut“ sagte ich. Immer noch etwas neben der Spur, gingen wir gemeinsam zu meiner Wohnung.
„Wow“ entfuhr es ihm, als wir bei mir oben ankamen. „Du scheinst ja richtig viel Kohle zu haben? Wa?“
„Tja manche meinen mit Geld könnte man sein Gewissen gegenüber der einzigen Tochter beruhigen“
Er schwieg darauf, wohl ahnend dass er einen wunden Punkt bei mir angesprochen hat.

Wir setzten uns in die Küche und ich schob die Pizza in den Ofen, vergaß aber ihn anzumachen.
Schweigsam saßen wir uns gegenüber. Etliche Minuten vergingen.
„Was ist eigentlich mit dir los?“ fragte Tom mich plötzlich.
„Was soll los sein?“ versuchte ich der Frage auszuweichen.
„Ich seh doch dass du irgendwelche Probleme hast... Also warum bist du vorhin einfach abgehauen, oder warum reagierst du so merkwürdig auf Herrn Brauer oder warum...“ Er brach ab.
Heiße Tränen liefen mir bereits über die Wangen, ich schluchzte kaum merklich auf. Meine Hände zitterten und ich war unfähig auch nur ein Wort hervorzubringen. Es war entsetzlich, noch nie hatte ich vor einem Kerl geweint, selbst wenn er mich noch so sehr verletzt hatte. Ich war kühl und ertrug den Schmerz. Aber diesmal war es anders, ich konnte meine Tränen nicht mehr halten.

Tom stand auf und trat zu mir. Behutsam stellte er mich auf und drückte sanft meinen Kopf gegen seine Schulter.
Ich beruhigte mich und atmete wieder diesen Duft ein, nach Sommer. Sachte nimmt er meinen Kopf in seine Hände, in diesem Moment vertraute ich ihm total.

Ich nahm seine Hände und legte sie an meine Hüfte um mich näher an ihn zu pressen.
Meine Hände schob ich in seine hinteren Hosentaschen, seine gitten langsam zu meinem Hintern. Er schaute mir in die Augen und beugte sich zu mir runter.
Wir küssten uns.
Ich spürte seinen Piercing und ein leichtes Kribbeln durchfuhr mich.
Seine Küsse waren warm und zart.
Meine Trauer verebbte und ich dachte einfach an gar nichts mehr, nur dieser eine Moment zählte. Seine rechte Hand strich mir übers Gesicht. Ich schloss die Augen.
Langsam führte ich ihn in mein Schlafzimmer. Es war schon dunkel draußen und die kleinen Lichter an der Wand, brachten gedämmtes Licht in den Raum. Ich stieß ans Bett, wir waren da....

Mit sanften Händen streifte Tom mir mein Top vom Körper.
Ich bekam eine Gänsehaut und meine Brustwarzen zeichneten sich unter dem BH ab. Ich ließ meine warmen Hände unter sein T-Shirt gleiten und zog es ihm ebenfalls aus.
Er drängte mich aufs Bett und so lag er fest an mich gepresst nun auf mir.
Ich konnte seinen heißen Atem auf meinem Körper spüren und mein Verlangen wuchs an. Er stützte sich mit den Ellenbogen neben meinem Kopfkissen ab und fing nun an erst meine Stirn dann Nase, Mund, Kinn und Hals zu küssen.
Seine Zuwendungen wurden leidenschaftlicher und ein inneres Feuer brodelte in mir.
Mit seinen geschickten Fingern öffnete er gekonnt den BH und küsste zart meine Brüste. Ich gab mich völlig hin und öffnete schnell seine Hose. Sie fiel vom Bett und er und ich waren nur noch von Tanga und Boxers verhüllt.
Von den Brüsten angefangen streichelte er mit seinen Händen meine Körper und ging dabei immer weiter abwärts.
Beim Hintern angekommen, streifte er mir jetzt auch den Tanga ab.
Küssend sinkte er tiefer, bis er angekommen war.
Seine Zunge glitt sachte drüber und bei jeder neuen Bewegung von ihm, stöhnte ich leise auf.
Auch er war bereits nackt und sichtlich erregt.
Er sah mich fragend an und ich nickte.
Er kam näher und mein Atem ging schneller. Langsam drang er in mich ein und mein Körper vibrierte.
Auch er atmete schnell und unregelmäßig.
Seine Bewegungen brachten mich völlig um den Verstand. Ich fühlte ihn so intensiv in mir, dass ich vor Erregung fast geschrien hätte.
Er stöhnte laut auf und bewegte sich schneller. Jetzt war es soweit. Mein Atem beschleunigte und der Sauerstoff wurde langsam knapp.
Ich hielt die Luft an und dann dieses Gefühl. Langsam, immer stärker breitete es sich in mir aus und meine Lust vernebelte mir das Hirn.
Pure Glückseligkeit durchströmte meinen Körper. Nach zwanzig Sekunden atmete ich aus und Toms Bewegungen wurden wieder langsamer. Er zog ihn raus, doch die Leidenschaft blieb.
Ich wälzte mich herum, sodass ich jetzt auf Tom saß. Ich schaute ihn an und ich sah, dass er mehr wollte. Ich beugte mich zu ihm runter und ging tiefer.
Er war immer noch erregt, und ich küsste ihn, ließ meine Zunge verlangend drüber weggleiten und kam wieder hoch.

Wir trieben es die ganze Nacht, voller Leidenschaft, voller Begierde und ohne Reue.
Am Ende waren wir beide total erschöpft und wollten nur noch schlafen. Ich presste mich an seine rechte Seite und schlang ein Bein um seine Hüfte.
Meine Kopf hatte ich auf seinen Arm gelegt und kuschelte mich nun fest an ihn.
Ich hörte seinen Atem, er war langsam und gleichmäßig.
Er schlief.
Ich ließ die Nacht Revue passieren und überlegte wann ich das letzte Mal so befriedigt beim Sex war.
Nicht das ich sonst keinen Spaß hatte, aber mit ihm war es so anders.
Ich fühlte mich so.. so... lebendig.
Im Halbschlaf drehte er sich auf die Seite, sodass er mit dem Gesicht nun zu mir lag. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein kleines Lächeln. Ich fragte mich was Tom für ein Typ sei, schließlich kannte ich ihn noch nicht mal einen Tag aber trotzdem verlieh er mir ein Gefühl der Geborgenheit.
Sanft strich ich ihm mit meiner Hand eine Strähne aus dem Gesicht. Seine Haut war weich und seine Lippen zart. Ich küsste ihn, doch er schlief weiter.
Mit einem letzten Blick auf ihn, schloss auch ich meine Augen...




Dieses Laute Hämmern an meiner Wohnungstür, riss mich aus meinem Schlaf.
Ich schreckte hoch und versuchte mich an letzte Nacht zu erinnern. Neben mir im Bett, und immer noch tief schlafend, Tom.
Ich erinnerte mich und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Es war so schön gewesen gestern.
Das Hämmern holte mich in die Gegenwart zurück. Ich stand auf und wollte grade die Tür öffnen als mir auffiel dass ich gar nichts anhatte.
Auf einem Wäscheberg lag Lennys T-Shirt und ich warf es mir schnell über. Ich drückte auf die Klinke.
„Na endlich junges Fräulein, wir klingeln und klopfen schon mindestens seit zehn Minuten.“

Der Möbelpacker schaute mich etwas entnervt an, sagte aber nichts weiter und marschierte einfach rein, gradeweg an mir vorbei.
„Hey!!“ rief ich, als zwei weitere sich gnadenlos an mir vorbeidrängelten und mich hart gegen die Tür prallen ließen.
„Wo sollen wir die Sachen denn hinstellen?“ fragte mich einer der dreien und ich lenkte sie in ein leeres Zimmer, mit dem ich sowieso noch nicht wusste was ich damit anfangen sollte. „Besten Dank“ sagte ich und zwang mich zu einem Lächeln während ich ihnen etwas Geld in die Hand drückte.
„Und nächstes Mal können sie ruhig vorher anrufen“ schrie ich noch hinterher, doch die Packer hörten dies schon nicht mehr.
Seit wann wurden Möbel denn Samstag geliefert? Ich schüttelte mich und wollte so schnell wie möglich wieder ins Bett.
Im Schlafzimmer angekommen legte ich mich wieder ins Bett und kuschelte mich an Tom.

„Wo warst du denn?“ fragte er mich plötzlich.
„Oh ich hab gar nicht gemerkt, dass du schon wach bist? Ich hab Möbel geliefert bekommen... warum?“
„Ach nur so...“ wich er aus und beugte sich nun über mich.
Ich lächelte ihn an und er küsste mich. Doch plötzlich wanderte sein Blick zu meinem T-Shirt und er stockte.
„Woher hast du das?“ fragte er in einem harten Ton und deutete auf das Oberteil.
Ich war verwundert und ein bisschen entsetzt über seine Tonlage.
„Wieso?“ fragte ich misstrauisch.
„Woher“ schrie er mich jetzt fast an.
Ich wusste nicht was ich sagen sollte, denn es zu erklären würde zu lange dauern und außerdem war ich ihm ja keine Rechenschaft schuldig.
„Gekauft.“ Wich ich ihm aus. Er rollte sich weg von mir.
„Ach das hast du gekauft, ja?!“
„Was dagegen“ fauchte ich ihn nun an, weil ich seine Aufregung überhaupt nicht verstand.
„Woher kennst du Lenny?“
Ich war geschockt. Woher wusste er, dass das Shirt von ihm war?
„Is doch egal.“ Antwortete ich ihm nur und wollte grade aus dem Bett steigen als er nach meinem Arm griff.
„Dieses T-Shirt ist doch von Lenny oder?“
Ich versuchte seine Hand abzuwehren, war aber zu schwach.
„Lass los Tom“ forderte ich ihn auf aber seine Hand schloss sich nur fester um mein Handgelenk.
„Tom!!! Du tust mir weh..“
„Was hast du mit ihm zu tun, wieso hast du sein T-Shirt an?!!“
Ich wollte es ihm nicht sagen, es ging ihn nichts an und mein Handgelenk fing langsam an taub zu werden

Kapitel 5


„Dieser Typ...“ fing Tom plötzlich an, und ich hörte die Aggressivität in seiner Stimme. „... ging voriges Jahr noch auf unsere Schule. Er ist damals rausgeflogen, weil er ziemlich brutal war... auch seinen Freundinnen gegenüber. Vor zwei Monaten hat er dann sein eigenes Modelabel entworfen und ein paar seiner Shirts und Hosen damit bedruckt. Seine Eltern haben Geld ohne Ende, aber bis jetzt kann man die Dinger noch in keinem Geschäft kaufen, es sei denn man bekommt sie von ihm PERSÖNLICH!!“
Bei den letzten Worten schaute er mir direkt in die Augen und ich neigte den Kopf.
Auf dem T-Shirt war tatsächlich ein Name draufgedruckt und mit viel Fantasie konnte man sogar „Lenny“ lesen.
Tom lockerte seinen Griff und ich zog meine Hand zurück.
Sie schmerzte.
Er schaute mich an, doch ich wollte ihm keine Reue zeigen, denn ich hatte keine. Das war doch reiner Blödsinn mit Lenny. Ok vielleicht hatte er ein Label entworfen aber brutal? Nein das nun wirklich nicht.
Tom stand auf und verließ das Zimmer. Ich seufzte kurz und ließ mich zurück in meine Kissen fallen.
Der Ausdruck in Toms Augen machte mir irgendwie Angst. Er war so anders als gestern Abend.
Mir kamen Zweifel auf, ob dass was wir gestern getan hatten, richtig war. Eigentlich war es mir egal, schließlich war es „nur“ Sex, aber ich dachte diesmal würde es anders werden...


Allmählich drang eine Qualmwolke in mein Zimmer.
Ich stand auf und ging in die Küche.
Da stand er, am Fenster.
Seine Zigarette hielt er in der rechten Hand und nahm ab und zu ein paar kräftige Züge. Beim Inhalieren schloss er die Augen.
So stand ich da und beobachtete ihn. Ich weiß nicht warum ich es sagte aber dieses „Es tut mir leid Tom“ rutschte auf einmal aus mir raus.
Er sagte nichts dazu. Ich trat an ihn ran und berührte leicht seinen Arm. Er schubste mich weg und ich prallte hart gegen die Tischkante, biss mir aber auf die Lippe um nicht loszuschreien.
Mit verschleierten Augen zog ich mich ins Bad zurück und begann langsam mir das Shirt vom Leib zu zerren.
Ich stand vor dem Spiegel und drehte mich.
Fast hätte ich laut aufgeschrieen.
Die letzte Nacht hatte sichtliche Spuren hinterlassen, denn tiefe Kratzer waren auf meinem gesamten Rücken verteilt.
Es brannte etwas.
Ohne mich darum weiterzukümmern, da die Erinnerungen an die letzte Nacht mir leichte Stiche versetzten, stieg ich in die Dusche.
Der heiße Strahl prasselte auf mein Gesicht hinab und meine Gedanken wurden etwas klarer. Ich war grade dabei mich einzuschäumen, als die Duschtür plötzlich aufgerissen wurde. Ich drehte mich nicht um, da ich wusste wer es war.
Seine Hände legten sich von hinten an meine Brüste und umklammerten sie fest.
Der heiße Strahl fiel noch immer auf uns herab.
Tom drehte mich mit etwas Gewalt herum und drang ohne Vorwarnung in mich ein.
Ich war überrascht und musste deshalb kurz aufstöhnen, jedoch nicht vor Erregung.
Ich spürte nichts, kein Verlangen und keine Leidenschaft mehr.
Rücksichtslos stieß er immer wieder zu und ich verkrampfte innerlich. Ich sah ihn an. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet, verbissen sah er zur Tür und trieb sein Spiel weiter.
Es fühlte sich an wie eine Vergewaltigung, doch ich sagte nichts dazu. Stumme Tränen rollten mir über meine Wangen, doch Tom schien es nicht zu interessieren. Dann brach er ab und ich sackte zusammen.
Er hatte mich die ganze Zeit etwas gestützt, doch jetzt verließen mich meine Kräfte und ich rutschte die Wand hinunter auf den Boden.
Tom drehte sich nicht um. Er öffnete die Tür, warf sich ein Handtuch über und verschwand aus dem Bad.
Zehn Minuten später, hörte ich auch die Haustür ins Schloss fallen.
Ich kauerte noch immer am Boden und konnte mich nur schwer aufrichten.
Mein Körper schmerzte als ob ich 3 Tage im Vollrausch gewesen wäre. Ich konnte es nicht glauben und wollte es auch nicht.
Gedankenversunken schluckte ich zwei Aspirine, als der Schmerz immer noch nicht nachließ noch eine Penicillin.
Ich, der Schmerz, war betäubt.
Ich fühlte nichts mehr.
Eine große Leere breitete sich in mir aus. Ich war wie in Trance und meine Augen fielen kaum merklich zu. Ich träumte nichts, oder ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Meine Augen schmerzten, als ich versuchte sie zu öffnen.
Mir wurde schwindelig. Mein ganzer Körper streikte. Ich fiel aus dem Bett, in das ich mich wohl irgendwie noch geschleppt hatte und kroch nun ins Bad.
Die Toilette war noch einige Meter entfernt und ich hievte meinen eigentlich total leichten Körper zur Schüssel.
Ich fragte mich, was ich eigentlich da hineingespuckt hatte, schließlich hatte ich seit zirka 2 Tagen nichts mehr gegessen.
Ich wusste nicht was es war, aber es war fürchterlich.
Mein ganzer Magen verkrampfte sich und mein Kopf wurde so schwer, dass er auf dem Boden aufschlug. So blieb ich liegen, unfähig mich auch nur einen Zentimeter zu rühren...

Nach 10 Minuten war alles vorbei und neue Energie durchflutete meinen Körper. Ich stemmte mich an der Kloschüssel hoch und stand endlich wieder auf zitternden Beinen. Es war schon um drei. Das war echt ein beschissener Samstag und die Tabletten hatten mir echt den Rest gegeben.

Ich überlegte was ich heute noch machen sollte, wozu ich überhaupt noch fähig war. Eigentlich ging es mir immer noch nicht so besonders aber den ganzen Samstag hier in der Bude hocken?
Auf Party hatte ich keine Lust, deswegen beschloss ich, mich mal wieder um mein Aussehen zu kümmern.
Schnell, was bei mir ungefähr eine halbe Stunde dauert, zog ich mich an und schnappte meine Sachen.
Draußen war es warm und ich machte mich auf den Weg zum nächsten Kaufcenter. Nach drei, unendlich schönen Shoppingstunden, ging ich noch zum Friseur um meine Haarfarbe mal wieder etwas aufzufrischen, ins Solarium und zur Maniküre. In neuem Glanz betrat ich meine Wohnung.
Der Anrufbeantworter blinkte. Ich drückte drauf. „Hey Livia“ meine Mom „hast du dich schon bei deiner Cousine gemeldet? Sie wartet bestimmt schon auf deinen Anruf.“ Im Hintergrund rauschte es.
Ihr Handy hatte bestimmt schlechten Empfang.
Ich schnappte mir den Hörer und widerwillig suchte ich Leas Telefonnummer raus und tippte sie ein.
„Ja?“ meldete sich Leas irgendwie immer noch total kindliche Stimme.
„Hey Lea, ich bin’s Livia“
Lea schwieg.
„Ich wollt dir nur alles Gute wünschen zum 18.“
„Schlampe“
war die kurze Antwort und das Tuten auf der anderen Leitung sagte mir, dass sie aufgelegt hat.
Ich verdrehte die Augen. Wie kann man nur so nachtragend sein? Na ja war mir eigentlich auch egal.
Ich ging in das Zimmer wo die neuen Möbel standen und packte sie aus. Sie sahen wirklich gut aus. Geschmack hat meine Mom, das muss man ihr lassen. Ich rückte die Möbel irgendwie zusammen und am Ende sah es wie ein zweites Wohnzimmer aus
. Hmm... eigentlich die totale Platzverschwendung aber na ja.
Ich wusste immer noch nicht was ich machen sollte und so fing ich wieder an, an Tom zu denken. Warum war er nur auf einmal wie ausgewechselt gewesen? So eifersüchtig, ich mein wir waren ja nicht zusammen oder so.
Es war doch einfach nur Sex. Seufzend ließ ich mich in meinen Lieblingssessel plumpsen und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Morgen fing genauso grässlich an, wie der letzte. Meine Kopfschmerzen machten mich fast verrückt.
Doch diesmal nahm ich keine Tabletten, da ich so einen Vorfall wie gestern, nicht noch einmal erleben wollte.
Stattdessen sprang ich unter die eiskalte Dusche um meinen Kopf wieder einigermaßen klar zu kriegen. Es ging mir besser, zwar nicht sonderlich aber besser.
Ich verzichtete aufs Haare föhnen und so kräuselten sie sich relativ stark. Ich schaute meinen Körper an.
Er glich eher einer Bullemiekranken als einem Fast- Food Junkie. Ich überlegte wie lange ich schon nichts mehr gegessen hatte und erschrak.
Drei Tage? Schnell sprintete ich in die Küche und machte mir die Pizza warm, die ich ja vorgestern Abend total vergessen hatte.
Sie schmeckte nicht sonderlich aber ich aß trotzdem weiter aus Angst ich könnte noch mehr abnehmen. Ich kam wieder zu Kräften und mir ging es jetzt eindeutig besser.
Ich setzte mich in die Stube und versuchte ein paar Hausaufgaben zu machen, konnte mich aber nicht sonderlich konzentrieren, da ich immer noch an Tom denken musste. Ein zögerliches Klingeln, riss mich aus meinen Gedanken...


Ich stand auf und ging verwirrt zur Tür.
Es wusste eigentlich keiner dass ich hier wohnte, außer meine Mom, Lenny und Tom. Tom? Nein er würde bestimmt nicht zu mir kommen. Nicht nachdem was gestern passiert sei. Ich öffnete die Tür und doch, da stand er.

Er war durchnässt von vorne bis hinten, anscheinend hatte es draußen geregnet. Ich starrte ihn an. Was tat er hier?
„Komm rein...“ flüsterte ich heiser.
Er trat ein und ging zielstrebig in die Küche, ich folgte ihm.
„Wir müssen reden, Liv“

Kapitel 6


Ich nickte, starrte aber weiter zu Boden, zu tief saß noch der Schmerz von gestern Morgen.

„Warum hast du... hast du.. das...“ weiter kam ich nicht, denn heiße Tränen liefen mir wieder die Wangen hinunter.
Tom schloss seine Arme um mich und ich schluchzte leise. Es war dieselbe Situation wie schon vor zwei Tagen und ich roch diesen Duft. Warum musste er nur so riechen.
„Es tut mir Leid, Liv“ flüsterte er mir ins Ohr.
„Ich weiß nicht warum ich es getan habe, aber ich war so wütend auf dich.“ Er flüsterte immer noch.
„Warum“ hakte ich nun vorsichtig nach. „Ich mein, es ist doch egal woher ich ihn kenne... kannte..“ fügte ich noch schnell hinzu.
„Nein!!! Ist es eben nicht. Du weißt nicht wie dieser Typ ist. Er will besitzen... auch seine Freundinnen“ sagte Tom in einem ruhigen Ton.
„Ich hab ihn nur einmal getroffen... und dabei wird es auch bleiben“ Dass ich ihn nur einmal getroffen habe, hörte sich weit weniger dramatisch an, als dass ich nur einmal mit ihm geschlafen habe.
„Ok“ sagte er leise. Er hielt mich immer noch sanft in seinen Armen. „Was ist noch passiert?“ fragte er nach einiger Zeit.
Ich wusste genau was er wissen wollte. Warum ich alleine lebe, die Sache zwischen mir und Detlef, meine Eltern...
Ich sagte es ihm.
Ich sagte es ihm wirklich.
Normalerweise hätte ich meine Vergangenheit vehement verschwiegen, doch es sprudelte nur so aus mir heraus. Der ganze angestaute Stress, verwandelte sich nun in eine endlose Reihe von Wörtern, die Tom unter ständigem Nicken auffasste. Immer wieder stiegen mir Tränen in die Augen, doch Tom beruhigte mich jedes Mal und ich erzählte weiter. Mit meinem Kopf an seiner Schulter verbrachten wir geschlagene zwei Stunden in meiner Küche.
„Und dann kamst du...“ beendete ich soeben meinen letzten Satz und löste mich aus seiner Umarmung.
Ich hatte ihm nicht von der Nacht mit Lenny erzählt, aber das war auch das einzigste.
Seine endlos braunen Augen richteten sich auf mich.
„Deine Augen sind der Wahnsinn“ flüsterte er kaum merklich und lächelte mich an. Ich erwiderte sein Lächeln. Meine Beine schmerzten, ich konnte nicht mehr stehen.
„Gehen wir ins Wohnzimmer?“ Er nickte. Wir setzten uns auf die Couch, ich legte noch eine DVD ein, kuschelte mich an Tom und warf die Decke über uns.
Wir sagten nichts.
Nach einiger Zeit fiel mein Kopf jedoch auf Toms Schoss, er stöhnte kurz auf, beruhigte sich allerdings wieder.
Ich wollte heute nicht mit ihm schlafen, sondern einfach nur seine Nähe genießen. Er strich mir übers Haar und berührte sanft mein Gesicht. „Du bist wunderschön“ waren die letzten Worte Toms bevor ich einschlief...

Um zehn wachte ich plötzlich auf und hatte üble Nackenschmerzen, da ich immer noch auf Toms Schoß lag.
Ich rappelte mich hoch.
Tom schlief noch und der Fernseher rauschte, denn der Film war mittlerweile zu Ende. Ich knipste ihn aus und trat zu Tom.
„Hey aufwachen Tom“ flüsterte ich ihm leise ins Ohr, in der Hoffnung, genau das Gegenteil zu bewirken. Er sah so unschuldig aus, wenn er schlief. Sanft strich ich ihm übers Gesicht. Er regte sich.
„Wa?.... Oh nee... wie spät is das denn?”
“Spät genug” lachte ich leise.
Total verpennt, kraxelte er sich hoch und ich begleitete ihn noch zur Tür.
„Du kannst auch hier schlafen wenn du willst“ bietete ich ihm an.
„Ach nee lass mal... Meine Family will mich schließlich auch noch mal zu Gesicht bekommen“ sagte er schon mitten im Halbschlaf.
„Na dann...“ verabschiedete ich mich und wollte grade die Tür schließen, doch Tom stemmte seinen Fuß dagegen.
„Halt, warte... „
„Ja?!“ blickte ich ihn erwartungsvoll an.
„Ähm... Gute Nacht“ mit diesen Worten ging Tom die Treppen runter, ohne sich noch mal umzudrehen.
„Komischer Typ“ murmelte ich leise vor mir her und schloss die Tür.
Ich war erschöpft. Ich hatte in den letzten drei Jahren nicht so viel geheult, wie in den letzten drei Tagen. Mit der Erkenntnis schlüpfte ich aus meinen Sachen und schmiss mich in meine großes, leider leeres, Bett.
Wow das Wochenende hatte es echt in sich gehabt. Lenny, die Schule und Tom. Tom... Ich musste schmunzeln und schlief ein.

Ich wachte auf.
Glücklich.
Denn ich hatte keine Kopfschmerzen.
Dieses emotionale Hochgefühl rief in mir neue Energien hervor und ich sprang auf, lief unter die Dusche und ließ den kalten Strahl auf mich niederprasseln. Es war phänomenal. Schon ewig hatte ich mich nicht so fit gefühlt.
Ich sprang aus der Dusche, föhnte meine Haare glatt, putzte meine Zähne und überlegte schon mal was ich anziehen sollte.
Das war wohl das erste Problem des Tages. Ich riss meinen Schrank auf.
„Will ich nicht“
„Hatte ich schon vor zwei Wochen an“
„Sieht blöd aus“
„Ist schon aus der Mode“.
Ja und so vergingen dreißig Minuten ohne das ich weiter gekommen wäre. Aber die Zeit machte mir einen Strich durch die Rechnung und langsam stieg der Stressfaktor wieder in mir an.
Letztendlich entschied ich mich für eine knackige Jeanshose (Wow vor drei Wochen hab ich da noch nicht reingepasst) und ein langärmliges, am Rücken freies Top. Dazu noch die Spitzen Stiefel und ab in die Schule.
Auf dem Weg zur Straßenbahn kam ich an einem Bäcker vorbei und kaufte mir noch ein Brötchen, welches ich noch schnell verschlang. Ich musste mich beeilen, aber die Schuhe drückten und mir fiel das Laufen wirklich schwer.
So, endlich geschafft und rein in die Bahn.

Mit einem Ruck fuhr sie los. Ich sah mir die Gegend noch mal an und schwor mir am Wochenende endlich mal wieder Party zu machen. Es läutete und ich sprintete durch die zahlreichen Gänge in Richtung Klassenzimmer.
„Tut mir Leid“ bemerkte ich nur kleinlaut als Herr DR. (darauf legt er besonders viel Wert) Wenzel mich mit einem giftigen Blick bestrafte.
Tja ich machte mich auch bei allen Lehrern unbeliebt, wies scheint. Als ich an Toms Tisch vorbeikam, drückte ich ihm einen Kuss auf die Wange und er grinste mich an. Worauf ich mindestens 10 tötende Blicke von den Weibern erntete, was mich irgendwie irritierte.
Ich mein die können doch nicht alle auf Tom stehen.
Ich setzte mich hin und ließ mich von Wenzels monoton, nervender Stimme berieseln. Nach dieser herzerfrischenden Doppelstunde war endlich Pause und ich hievte meinen trägen Körper aus dem Stuhl.
„Na noch gut geschlafen?“ grinste mich ein überaus gut gelaunter Tom an.
„Ja..., aber ganz schön einsam“ erwiderte ich lachend.
Wir traten in den Flur und da kam uns auch schon der liebe Herr Birkling mit einem hochroten Kopf angetrabt.
„Livia Jansen!!“ schnauzte er durch den gesamten Flur sodass sich mehrere Leute nach uns umdrehten.
Entnervt drehte ich mich in Richtung Birklings.
„Wie ich hörte, sind Sie heute schon wieder zu spät in der Schule erschienen?“
„Na da haben sie wohl richtig gehört“ gab ich zurück, da mich seine penetrante Art einfach nur nervte.
„Jetzt werd nicht auch noch frech. So was dulden wir hier auf unserer Schule nicht, ist das klar??!!“
Ich nickte, drehte mich um und lief, Tom im Schlepptau, los.
Ich lief irgendwohin, bis wir vor einer Tür standen.
„Und jetzt?“ fragte mich Tom, der ein bisschen verwundert schien, was ich hier machte.
„Ich wüsste da schon was...“ fing ich an zu lächeln.
Ein Lehrer bog grad um die Ecke und ich zog Tom schnell in den kleinen Raum rein, der genau vor uns war. Ich hielt ihm den Mund zu und hörte wie der Lehrer an der Tür vorbeischreitete.
Ich wendete mich wieder Tom zu und zog mein T-Shirt aus.
Er schien überrascht.
„Hier?!“ fing er ungläubig an leise zu lachen.
„Wieso nicht?“ grinste ich ihn an und knöpfte seine Hose aus.
„Du bist total verrückt“ lächelte er und begann mich zu küssen.

Wie ich das vermisst hatte. Seine Küsse waren heiß und leidenschaftlich und unsere Zungen wurden eins.
Ich bekam dieses irre Kribbeln und erschauderte leicht.
„Alles klar?“ fragte er leicht besorgt.
„Mehr als das...“ antwortete ich ihm und presste mich eng an ihn.

Kapitel 7


Es klingelte grade als wir fertig waren und wir machten uns leicht verschwitzt wieder auf den Weg ins Klassenzimmer.
„Hey Tom, wo warst du denn??“ schrie eine Stimme hinter uns im Gang. Wir drehten uns um. Der Junge mit dem schwarzen Lidschatten, vom Freitag holte uns ein.
„Mann, ich such dich die ganze Zeit, wir haben heute Bandprobe...“ sagte er völlig erschöpft.

Das kleine Stückchen rennen schien im ziemlich schwer gefallen zu sein.
„Hallo erst mal, ich bin Bill“ wendete er sich jetzt mir zu und gab mir die Hand.
„Hallo, Livia“ antwortete ich ihm völlig perplex.
„Ja sehr schön, also Tom hast du Zeit? Oder musst du wieder irgendwelchen Mädels hinterher jagen?“ fragte Bill, den Blick auf mich geheftet.
Aber was hieß hier irgendwelchen Mädels? Ich zog die Augenbrauen hoch und sah Tom fragend an. Er wich meinem Blick aus und antwortete nur „Ja klar... aber das kannst du mich doch auch fragen wenn wir zu Hause sind“
Er sah etwas ärgerlich zu Bill.
„Gustav wollt’s eben wissen“ zickte der jetzt rum.
„Ja is ok, ich bin da“
„Geht doch“ Bill zog befriedigt wieder ab und ich sah Tom immer noch fragend an.
„Der wohnt bei dir?“ Ich musste es einfach loswerden.
Tom fing auf einmal tierisch an zu lachen und legte einen Arm um mich. Ich schüttelte ihn jedoch ab und sah ihn ärgerlich an.
„Sorry... aber..“ Er prustete wieder los.
„Was in aller Welt ist daran bitte so lustig?“ Ich wurde jetzt langsam wirklich sauer. Er fing sich wieder und antwortete in einem belustigten Ton. „Nu ja, Bill ist mein Bruder, Zwillingsbruder“
„Hahaha, willst du mich verarschen?“
„Ey echt jetzt“
Ich sah in ungläubig an. „Nee oder? Ich mein ihr seht euch doch überhaupt nicht ähnlich“

„Pass auf: Wisch ihm die Schminke aus dem Gesicht, verpasse ihm Dreadlocks und steck ihn in XXL Klamotten, dann hast du nen zweiten Tom“ Er lächelte mich an (oder aus, je nach Sichtweise).
„Is ja der Wahnsinn... und ne Band hast du auch?“ Er sah mich merkwürdig an.
„Sag bloß das wusstest du nicht?“
„Na woher denn? So sonderlich viel erzählst du ja nicht von dir“
„Na ja aber man guckt ja auch mal Fernsehen oder liest Zeitung“
„Also falls du es nicht mitbekommen hast, ich bin erst seit drei Wochen wieder in Deutschland und da hatte ich wirklich nicht sonderlich viel Zeit mir irgendwelche Fernsehsendungen reinzuziehen oder sämtliche BILD Zeitungen durchzublättern. Und ich mein da werdet ihr ja wohl kaum drinstehen“
Er zog die Augenbrauen hoch, ungläubig über das was ich grade gesagt habe.
„Das heißt du kennst UNS gar nicht?“
„Nein ich kenne EUCH gar nicht, woher auch?!“
Er dachte nach, das sah ich ihm an und plötzlich sagte er: „Na ja hast Recht, woher auch. So bekannt sind wir ja nicht.“
Ich nickte, wurde jedoch den Verdacht nicht los, dass er mir etwas verheimlichte. Aber darüber machte ich mir jetzt keinen Kopf sondern schlenderte zusammen mit Tom ins Klassenzimmer wo mir die Mädels auch schon wieder giftige Blicke zuwarfen, die ich jedoch gekonnt übersah.
Ja so vergingen auch die restlichen 5 Stunden nervtötender Unterricht. Ich wollte mich grade auf den Heimweg machen, als mich Tom von hinten fast zu Boden riss.
„Bist du bescheuert?“ blaffte ich ihn an.
„Ruhig Süße...“ Er lächelte und ich musste unfreiwillig mitmachen.
„Wollt dich eigentlich nur fragen, ob du nicht Lust hättest mit mir mitzukommen.. Ich mein zu der Bandprobe. Dann kannste mich mal in voller Leistung erleben.“
„Ach ich dachte das hätte ich schon?“ Ich musste lachen und er verdrehte die Augen.
„Na ja und was is jetzt?“
„Ja klar, mach ich“
„Gut, ich denke mal wir können mit Georg mitfahren, muss den nur mal suchen“ Er griff nach meiner Hand und zog mich mit nach draußen. „GEORG!!!!“ schrie er über den gesamten Schulhof. Ein etwas älterer Junge mit längeren braunen Haaren drehte sich um und winkte uns zu sich.
„Hey kannst du mich und Liv vielleicht mitnehmen?? Achso und Bill natürlich auch, wenn er noch mal aufkreuzen sollte?“
Georg schaute mich intensiv an und lächelte, wobei er Tom leicht zuzwinkerte, was ich allerdings nicht kapierte. Na ja auch egal.
„Mach ich Tommy“ Tom versetzte ihm mit seinem Ellenbogen einen gewaltigen Schlag in seine Rippen, worauf Georg leicht aufstöhnte.
„Tommy??“ lachte ich und musste ihm an die Schulter fassen, weil ich mich fast nicht mehr halten konnte. Tom sah mich verärgert an und schüttelte mich ab. Sofort brach ich den Lachflash ab und sah ihn entschuldigend an.
„Hey Leute Sorry aber ich hab meine Jacke nicht mehr gefunden“ Bill.
Alle stöhnten, anscheinend passierte ihm das öfter. Nachdem auch noch Gustav (Junge mit blonden Haaren und angeblich der Drummer der Band) erschien, quetschten wir uns zu fünft ins Auto und fuhren los.
„Toller Platz“ bemerkte ich, während ich zusammengedrückt zwischen den Zwillingen saß.

Mit einem gewaltigen Ruck (Georgs Fahrkünste ließen echt zu wünschen übrig) hielt der Wagen an und ich schubste Tom heraus, sodass er voll auf dem Bordstein landete. Alle lachten sich schlapp, nur Tom warf mir einen sauren Blick zu, worauf ich nur „Upssss...“ antworten konnte.
„Tja er lag den Frauen eben schon immer zu Füßen“ grinste Bill.
„Fresse Bill“ antwortete Tom sichtlich genervt.
Anscheinend bereute er es schon ein bisschen mich mitgenommen zu haben. Ich entschied mich dafür ihn erst mal in Ruhe zu lassen und ging Bill hinterher, der mir ganz gentlemanlike die Tür öffnete.
Tom kam wütend hinterher gestampft und rempelte mich im Vorbeigehen schön an. Ich verdrehte die Augen und folgte ihm.
Er ging die Treppe hoch und hinein in ein, na ja mehr oder weniger verchaoste Zimmer.

„Wow was für ein Chaos“ bemerkte ich lachend.
„Kreatives Chaos, bitte ja?“ Er war mir glaub ich nicht mehr böse und warf sich gelassen aufs Bett.
Ich sah mich um.
Seine Wände waren weiß und wurden von 3 Schwarzlichtlampen beschienen. Auf den Postern waren irgendwelche Rapper und nackte Weiber. Ich schüttelte den Kopf, typisch Kerle.
Er hatte ein großes, breites, wahrscheinlich auch sehr gemütliches Bett. Am Boden lagen reihenweise Boxers und sonstige Wäsche rum.
Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Pinnwand, wo überall Telefonnummern drangepinnt waren. Ich überlegte, wem sie denn gehören, wurde aber abgelenkt als Tom mich von hinten auf sein Bett zog.
Es war wirklich sehr bequem.
„Na Süße, wie gefällt dir mein Chaos?“
Er lag auf dem Rücken und ich rollte mich auf ihn, sodass ich ihm genau ins Gesicht schauen konnte.
„Du gefälltst mir eindeutig besser“ sagte ich und küsste ihn vorsichtig...


„Hey ihr beiden!“ Bill kam ins Zimmer gestürmt und vor lauter Schreck, stieß Tom mich von ihm runter und ich landete unsanft auf dem Boden. „Sorry Kleine“ sagte er lachend und half mir hoch. Mein Rücken schmerzte doch ich sagte nichts dazu. „Wir wollen anfangen, kommste mit?“
Tom nickte und gemeinsam gingen wir in den Kaulitz-Keller.
„Wow“ entfuhr es mir als ich die Instrumente da liegen sah. „Cool, ich wollte auch schon mal Schlagzeug spielen“ rief ich und setzte mich an die Drums.
Die Jungs sahen mich skeptisch an, wahrscheinlich aus Angst ich könne was kaputt machen oder so. Vor allem Gustav wurde ganz blass und wollte grade Einspruch erheben als ich anfing etwas auf den Dingern rumzutrommeln.
Erstaunt sah er mich an. „Wo hast du denn so spielen gelernt? Das ist ja der Wahnsinn!“ „Nu übertreib mal nicht. Ich hab in Brasilien ein paar mal bei einem Einheimischen geübt. Der hatte da voll das Talent gehabt, mit Trommeln und so. Ja und daher hab ich das mit dem Rhythmus ein bisschen drauf, aber so richtig spielen kann ich eigentlich nich“ sagte ich, legte die Drumsticks weg und übergab Gustav den Platz, der immer noch anerkennend nickte.

Ich setzte mich in eine Ecke und schaute den anderen zu, wie sie ihre Instrumente verkabelten.
„Und Bill du hast nichts drauf?“ lächelte ich ihn an, weil er als einziger kein Instrument aufbaute. Er sah mich verwundert an. „Na ich bin der Sänger“ erwiderte er nur kurz, dann ging es los.
Tom spielte seine ersten Akkorde und es war gigantisch. Der ganze Keller bebte und ich bekam sofort Gänsehaut. Dann setzte Bill mit dem Gesang ein. Er hatte eine relativ tiefe Stimme und ich sah im fest in die Augen. Er wirkte so ernst wenn er sang, völlig konzentriert als ob er gar nicht da wäre, sondern in eine andere Welt versetzt, so gefühlvoll.
Gustav und Georg schienen schon ewig zu spielen. Sie bearbeiteten ihre Instrumente wie Profis. Ich sah zu Tom und er lächelte mich an. Es war wirklich der Wahnsinn wie er spielte.
Ich wendete mich ab und hörte zum ersten Mal seit sie angefangen haben zu spielen, auf den Text.

„Komm und rette mich
ich verbrenne innerlich..“

Ich kannte dieses Lied, konnte mich aber nicht mehr erinnern woher.

„Komm und rette mich
ich schaffs nich ohne dich..“

Ich versuchte mich zu konzentrieren aber es gelang mir nicht, das Lied war einfach zu schön und viel zu schnell zu Ende.
Ich applaudierte am Ende. „Wow Leute das ist der Wahnsinn, habt ihr euch nicht schon mal überlegt das öffentlich zu machen? Ich mein in Clubs auftreten oder so?“
Ich wartete auf ihre Reaktion, angenommen sie wären begeistert von dieser Idee. Doch sie schauten sich nur an und fingen herzlichst an zu lachen. Alle, außer Tom. Er sah schnell zu Boden und verkniff sich einen Blick zu mir zu werfen.
„Was ist daran bitte so lustig?“ fragte ich Bill und die anderen völlig überrascht. „Was daran lustig ist?“ prustete Georg „Na wir sind...“ Doch Tom fiel ihm ins Wort. „Wir sind publikumsscheu...“ schrie er.
Das Lachen hörte schlagartig auf und alle Augen waren auf Tom gerichtet. „Ja wir wollen eben nicht an die Öffentlichkeit und so...“ nuschelte er. „IHR seit publikumsscheu??“ fragte ich in die Runde und sah Gustav an, der sich Hilfe suchend nach den anderen umsah. Doch mit einem Blick zu Tom fingen allmählich alle an zu nicken, was ziemlich dämlich aussah.

„Äh... können wir mal reden Tom?“ durchbrach Bill die Stille. „Nachher“ sagte der nur knapp und fing wieder an auf seiner E-Gitarre rumzuklimpern. Die restliche Band setzte irgendwann auch ein.
Es war komisch. Irgendwas stimmte nicht, doch ich war von dem Gesang und den Instrumenten völlig in den Bann gezogen und schaltete meine Gedanken für einen Moment einfach aus...

Eine Stunde später war die Probe zu Ende und wir gingen alle fünf wieder hoch in die Küche der Kaulitz. „Willst du noch was essen?“ fragte Tom mich. Ich nickte und half ihnen den Tisch zu decken, wobei mir Bill immer komische Blicke zuwarf.
„Was ist los“ fragte ich nach einer Weile genervt, da Bill mich ständig anzustarren schien. „Äh nichts!“ schrie er fast, offensichtlich schockiert das ich es mitbekommen habe. Ich schüttelte nur den Kopf und setzte mich an den Tisch.

Kapitel 8


Die anderen schaufelten ihr Essen nur so rein, als ob sie seit Ewigkeiten nichts mehr zu beißen bekommen hatten, außer Tom. Er stocherte ein wenig lustlos in seinem Essen rum und schien, genau wie ich, keinen sonderlichen Appetit zu haben. Ich stupste ihn vorsichtig unter dem Tisch an, sodass die anderen es nicht mitbekamen. Er sah mich an und zog seine Augenbrauen hoch.
„Keinen Hunger?“ flüsterte ich ihm leise zu. Er schüttelte leicht den Kopf und sah zu Bill, der immer noch, ohne aufzublicken, weiter aß. Er sah irgendwie bedrückt aus, doch ich wusste nich warum und ich wollte ihn lieber nicht mehr nerven.

„Ok Leute, danke fürs Essen, aber ich geh dann mal los“ sagte ich und rückte meinen Stuhl zurück, sodass ich aufstehen konnte. „Was denn vermisst dich Mami schon?“ feixte Gustav, doch ich sah ihn wütend an, was ihn wohl irritierte und er abbrach. Meine Familie wird mich wohl kaum vermissen, dachte ich erbittert und schnappte meine Jacke.
„Tschüss Tom“ sagte ich nur und winkte kurz, da ich eine längere Abschiedsszene jetzt vermeiden wollte. Er hob ebenfalls nur seine Hand, war ihm wohl auch recht so.

„Warte ich fahr dich Liv, brauchst doch nicht zu Fuß gehen.“ rief Georg mir noch hinterher als ich schon fast aus der Tür war. Ich verdrehte die Augen lächelte ihn aber dankend an. Oh man das war jetzt wohl das Letzte was ich wollte, noch so eine halsbrecherische Fahrt.

„Und wie läuft’s mit dir und Tom?“ fragte er mich wenig später als wir im Auto saßen. Ich zuckte nur mit den Schultern, teils kein Interesse es ihm zu sagen und teils zu sehr konzentriert nicht laut aufzuschreien bei dieser Fahrerei.
„Ich mein, versteht ihr euch gut?“ Ich nickte nur und er sah mich etwas mitleidig an was ich überhaupt nicht verstand. „Du...“ fing er an „Ich sag dir das wirklich nicht gerne, aber Tom ist nicht grade der einfühlsamste Mensch und hat schon mehr als ein Mädel verletzt.... Also du bist nicht die erste und wahrscheinlich auch nicht die einzige im Moment. Falls er Schluss macht...“ Ich unterbrach ihn. „Hey Georg, ist ja schön das du mich jetzt beschützen willst, aber ich bin weder mit Tom zusammen, noch sonst irgendwas. Wir machen das aus reinem Spaß an der Freude, ok?“

Ich war selbst verblüfft über meine Worte. Dachte ich denn wirklich so? Konnte ich mir denn keine Beziehung mit ihm vorstellen. Georg kannte Tom überhaupt nicht, er war sehr einfühlsam und man konnte super mit ihm reden, wenn man wollte.

Georg schwieg, anscheinend überhaupt nicht überrascht von meiner Ansage. Ich fragte mich ob Georg schon oft so etwas zu „Toms Weibern“ gesagt hat.
„Wir sind da“ grummelte er tonlos. Ich bedankte mich und drückte ihm zur Verabschiedung, und auch irgendwie zur Entschuldigung, einen Kuss auf die Wange und stieg aus.
Georg lächelte noch leicht und fuhr los. Ich seufzte und ging langsam die Treppen meiner Wohnung hoch, die leer und einsam war...

Ich zitterte und schlüpfte schnell in mein Bett. Es roch noch immer irgendwie nach Tom. Ich schaute rüber zum leeren Platz in meinem Bett. Unwillkürlich traten mir die Tränen in die Augen und ich wischte sie erschrocken weg. Was war denn nur los mit mir? Ich musste doch sonst nicht bei jedem Mist heulen, aber es nützte nichts. Mir flossen die Tränen in Bächen die Wangen hinunter, ich schluchzte und schniefte ohne einen besonderen Grund und am Ende war ich so erschöpft, dass ich einschlief.

... Ich musste mich beeilen, die Straßenbahn fuhr in zwei Minuten los. Ich peste die Straße runter und kam keuchend zum Stehen als mir die Menschen in der Bahn böse Blicke zuwarfen. Schnell setzte ich mich auf einen weit entfernten Platz und versuchte noch schnell ein paar Hausaufgaben zu machen, die ich gestern einfach nicht mehr reinbekommen hab.

Die Bahn hielt und ich schlenderte gemächlich zur Schule. Schon von weitem erkannt ich Tom und wollte grade auf ihn zusteuern, als ich ihn mit jemandem streiten sah. Bill? Ich wunderte mich, hätte nicht gedacht das die sich so streiten konnten. Bill schrie Tom an und Tom war schon völlig genervt und zuckte ständig mit den Schultern.

Ich beschloss trotzdem hinzugehen und so hörte ich noch ein paar Bruchteile von dem was sie sagten: „Du musst es ihr aber sagen... sie wird es sowieso herausfinden“ Bill. „Muss sie aber nicht, wenn du deine Klappe hältst“ Tom. Bill schüttelte verächtlich den Kopf und tippte Tom jetzt, etwas gewaltsam wie ich fand, gegen die Brust. „Ist es dir das wirklich wert?“ fragte Bill und sah Tom milde an. Er nickte stumm.

„Hey Jungs“ Ich hatte genug gehört, genug um nicht zu wissen um was es ging und so wollte ich die Stimmung mal ein bisschen aufleben lassen. Bill drehte sich zu mir um und mit einem letzten Blick auf Tom, verschwand er dann auch.

„Ui, komm ich ungelegen“ fragte ich überflüssigerweise. Tom lächelte scheu. „Ist jetzt auch egal“ meinte er und nahm mich in den Arm.
Zusammen stiegen wir die Treppen empor ins Schulgebäude, auf zu einem weiteren Tag voller sieben Stunden Schulgeleiere und Nervattacken...

Gestresst ging ich nach Hause. Dieser ganze Schulmist würde mich noch mal das Leben kosten, dacht ich bitter und öffnete die Wohnungstür. Der Anrufbeantworter blinkte und ausnahmsweise drückte ich drauf um zu hören wer mich erreichen wollte.
„Hallo Liv, hier ist deine Mom“ Ich wollte wegdrücken aber irgendwie funktionierte die Stopp Taste nicht und so musste ich mir wohl oder übel das ganze Gerede meine Mom mitanhören.

„Dein Schulleiter hat mich gestern angerufen und hat sich beschwert das du so unpünktlich bist, ich hab keine Lust mich auch noch mit deinen Problemen zu beschäftigen, ich hab genug eigene, also sei bitte etwas pünktlicher“

Es piepte und die Nachricht war zu Ende, ich konnte nur verächtlich schnauben. Sie hatte genug eigene Probleme? Seit wann denn das. Sie hatte mindestens 20 Mitarbeiter, die sie nach Belieben rumschubsen konnte und ihre Aufgaben erledigen ließ. Aber typisch, im Selbstbemitleiden war sie schon immer ganz groß gewesen. Es klingelte.

Freudig ging ich zur Tür, war es etwa Tom? Es kribbelte überall. Mit einem Grinsen öffnete ich die Tür, doch es erstarb sofort als ich sah wer vor mir stand.

Kapitel 9


„Lenny?“ keuchte ich. Mit einem Lächeln, hielt er mir eine rote Rose hin, die er jedoch fest umklammerte. „Wollte dich einfach mal wiedersehen, Livia“
Ich konnte es nicht glauben. Was wollte er denn auf einmal. Ich musste sofort an Toms Worte denken, dass er gewalttätig sein sollte. „Komm doch rein“ bat ich ihn und hätte mich im nächsten Moment dafür umbringen können. Warum hab ich ihn nur hereingebeten. Ich sah ihn mir genauer an. Also brutal wirkte er keineswegs. Die leichten Grübchen um seinen Mund hatten eher etwas kindliches und ich musste unwillkürlich lächeln als er mich ansah.

„Warum warst du denn so schnell verschwunden, den einen Morgen?“ Ich überlegte schnell, die Wahrheit konnte ich ihm ja wohl schlecht sagen, also blieb es bei der halben Wahrheit. „Hatte Schule und ich wollte am ersten Tag nicht zu spät kommen, was ich dann aber doch bin“ lächelte ich verlegen.
Er legte seinen Arm um mich. „Und was könnten wir jetzt machen?“ „Keine Ahnung, wozu hast du denn Lust?“ Ich fragte ihn, obwohl ich es mir eigentlich hätte denken können.

Er zog mich in mein Schlafzimmer und dann aufs Bett. Ich wollte mich wehren aber eigentlich hatte ich auch Lust und die kleinen Gewissensbisse gegenüber Tom verschwanden. Es befriedigte mich nicht, nicht wie bei Tom, aber das war mir jetzt egal. Ich wollte Tom irgendwie verletzen, warum wusste ich nicht aber vielleicht hatte es etwas mit dem zu tun was Georg gesagt hat.

„Also du bist nicht die Erste und wahrscheinlich auch nicht die Einzige im Moment“

Ich wollte es mir nicht eingestehen aber es traf mich härter als erwartet und so presste ich mich noch enger an Lenny, an seinen Körper, sodass ich es spüren konnte, spüren wie ich Tom verletzte. Mir stiegen die Tränen in die Augen, doch ich wischte sie schnell weg und trieb das „Spielchen“ weiter.

Später lagen wir, alle Gliedmaßen von uns gestreckt, auf dem Bett. Lenny döste schnell ein. Ich fing an wieder nachzugrübeln, und die Gewissensbisse wurden wieder stärker. Wieso hab ich noch mal mit Lenny geschlafen? Ich hatte Tom es schon beim ersten Mal nicht erzählt und jetzt? Doch warum rechtfertigen? Es ist mein Leben und Tom ist nur ein Teil davon, genau wie Lenny einer war. Etwas zufriedener mit diesem Gedanken schlief schließlich auch ich ein und hörte schon nicht mehr das stürmische Klingeln des Telefons...

Ich war splitternackt als ich aufstand, mein Kopf hämmerte mal wieder wie verrückt und die Aspirintabletten waren weit und breit nicht zu finden. Ich beschloss Paracetamol- Fiebertabletten zu schlucken, da die sowieso die gleiche Wirkung hatten. Ich überlegte was mich denn geweckt hat und da hörte ich es wieder, die Türklingel.

Schlaftrunken taumelte ich zur Haustür und drehte noch mal schnell um da ich ja immer noch nichts anhatte. Ich schlüpfte in ein überdimensional großes T-Shirt und öffnete.
„Hey Kleine“ kam mir ein grinsender Tom entgegen. Die Tabletten benebelten mein Gehirn und so ließ ich einfach die Tür offen und setzte mich ins Wohnzimmer, Tom folgte mir.

„Was denn los? Du siehst so fertig aus? Ich hab vorhin versucht anzurufen, schien aber keiner da zu sein.“ Ich überlegte, was denn eigentlich passiert sei und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. LENNY!! Ich sog die Luft ein. Und Tom war hier. Oh Gott.

„Hallo? Erde an Livia.“ Sagte Tom belustigt. Ich stotterte: „Tom.. Ich.. bin...war...“ Doch ich konnte meinen „Satz“ nicht zu Ende führen, Lenny kam, nur in Unterhose bekleidet, gradewegs ins Wohnzimmer und sah uns beide entgeistert an.
Tom sprang auf, mit hochrotem Kopf und Feuer in den Augen, so wütend hatte ich ihn noch nie gesehen. „WAS MACHST DU HIER?!“ schrie er Lenny förmlich an und bewegte sich taumelnd auf ihn zu.
Ich wusste, ich musste was unternehmen, Lenny war älter und viel stärker, also eindeutig der Überlegenere in dieser Situation. Ich sprang ebenfalls auf. „Tom... lass es mich doch erklären“ „HALT DIE KLAPPE LIV“ schrie er jetzt auch mich an und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Ich schwieg.

„Na na Tommy..., wer wird denn hier Mädchen beleidigen?“ lachte Lenny leicht hämisch und ging mit seinem muskulösen Oberkörper schnurstracks auf Tom zu. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich sprang zu Tom um ihn zurückzuhalten, da Lenny sonst Kleinholz aus ihm machen würde.
„LASS MICH LOS!!!“ schrie er mich an und schubste mich unsanft zur Seite.
„Lenny bitte nicht“ flehte ich ihn an, da ich ansonsten eher hilflos war. Lenny sah zu mir und ich konnte in seinen Augen erkennen, dass er Tom am liebsten eine reingehauen hätte, doch er blieb stehen.
Ich lag kniend neben Tom, Tom warf tötende Blicke zu Lenny und Lenny hatte ein gehässiges Grinsen auf den Lippen. Wie konnte man in so einer Situation nur grinsen?

„Ich hätte nie gedacht das du so naiv und dumm bist, schönes Leben noch Liv“ sagte Tom enttäuscht und wütend zugleich, mit einem letzten Blick zu mir drehte er sich um und verließ die Wohnung...

Ich heulte, ich konnte die Tränen einfach nicht mehr halten. Sie flossen über meine Wangen, meine Nase, meinen Mund ehe sie vom Kinn herabtropften und auf dem kalten Fußboden landeten. Lenny trat hinzu und half mir auf. Ich schluchzte und er drückte mich fest an seine Schulter.
„Hey er ist ja weg, und das kannst du mir glauben, der kommt vorläufig erst mal nicht mehr hierher, das versichere ich dir“
Ich wusste nicht, ob es das ist was ich wollte. Ich wollte Tom verletzen und das hab ich ja jetzt auch geschafft aber ich wollte ihn nicht aus meinem Leben wischen. Ich heulte noch mehr und Lenny sah meine Tränen als einen Grund mich noch fester an ihn zu drücken. Ich wollte allein sein, einfach allein, ohne Tom ohne Lenny, ohne Gewissen.

Sanft drückte ich mich von Lenny weg, der überrascht aufsah. „Geht’s wieder?“ fragte er in einem gespielt fürsorglichen Ton, der mir aber, auf Grund meiner miserablen Lage, entging.
Ich nickte leicht und starrte nach unten, tränenverschmiert.

„Lenny, kannst du jetzt bitte gehen? Ich möchte gern etwas alleine sein....“ Er sah mich resigniert an und wurde etwas trotzig. „Wenn du meinst...“ Er holte seine restlichen Sachen aus dem Schlafzimmer, zog seine Jacke an und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, aus der Wohnung.
Mit einem tränigen Schleier über den Augen, legte ich mich ins Bett und wälzte mich ständig herum, bis ich endlich, gequält von Schuldzuweisungen, einschlief...


Oh man, nein, ich bleib einfach liegen. Es lohnt sich nicht für diesen Tag aufzustehen. Nach ewigem Rumwälzen im Bett, beschloss ich dann aber doch mich hochzuhieven, da ich sowieso nicht mehr schlafen konnte.
Was war das bloß für ein beschissener Tag gestern gewesen.
Ich schüttelte mich bei dem Gedanken an Tom. Wie aggressiv er war, das Funkeln in seinen Augen war einfach.. einfach grauenhaft.
Mein Kopf meldete sich wieder zurück, nicht mit geistreichen Einfällen wie ich das wieder richten konnte, sondern mit Kopfschmerzen. Ich verfluchte innerlich mein Leben und gab dem Köpfchen 2 Tabletten. Der Stress in letzter Zeit ist einfach unerträglich.

Total ausgelaugt, stellte ich die Dusche an und merkte nicht mal wie mir das Wasser hart und kalt auf den Kopf prasselte. Meine Glieder fühlten sich schwach und schwer an und meine Augen waren blutunterlaufen.
Ich verzog das Gesicht als ich in den Spiegel schaute. Ich war regelrecht blass, was ich eigentlich noch nie war und mein Körper sah dünn und kraftlos aus.
Ich wendete meinen Blick ab und schlüpfte in Jeans und Blazer. Rasch möbelte ich mein Gesicht ein bisschen auf, damit ich mich noch unter Menschen zeigen konnte. Hunger hatte ich mal wieder keinen aber notgedrungen aß ich noch ein Brötchen und machte mich dann auf den Weg zur Hölle.

Die ersten Sonnenstrahlen, an diesem Morgen, schienen mitten in mein Gesicht und hellten mein Gemüt ein wenig auf. Ich betrat den Schulhof und riss den Mund auf, ich konnte nicht glauben was ich da sah.

Da stand er, Tom, mit einer billigen blonden Schlampe aus unserer Klasse. Seine Hand an ihrem Arsch und mit einem kurzen Blick zu mir, schlang er auch die andere um ihre Hüfte und küsste sie stürmisch auf ihre rotgemalten Lippen. Er küsste sie Sekunden, die mir wie Ewigkeiten vorkamen. Die blonde Schlampe presste sich immer mehr an Tom, bis sie fast umfielen.
Ich konnte ihr hysterisches Lachen hören als er sich von ihr löste. Mit ihren rosa Nägeln umwickelte sie ihre blonden Haare und schaute verführerisch zu Tom.

Tom grinste, doch es war kein Grinsen. Nein, es war eher ein fieses Gelächter. Ein Gelächter, das nur ich hören konnte. Es brannte sich in mein Gedächtnis ein und hämmerte dort weiter. Ich presste meine Hand auf die Schläfen, das war doch alles nicht wahr.
So schnell konnte Tom doch keine Neue finden.

Betrübt ging ich ins Schulgebäude. Hinter mir kam jemand angelaufen, ich wollte mich nicht umdrehen, wollte nicht wissen wer es ist.
Jemand klopfte mir auf die Schulter: „Ich glaube der Spaß ist vorbei..“ und schon ging er weiter. Verwirrt sah ich ihm nach. Es war Georg.
Ich fragte mich was das jetzt schon wieder zu bedeuten hatte. Da fiel es mir wieder ein.


„Wir machen das aus reinem Spaß an der Freude...!“

Ich konnte mich noch gut erinnern, wie ich es vor zwei Tagen zu Georg gesagt habe. Damals kam es mir so real vor, aber jetzt?
Ich war verzweifelt, war es jetzt wirklich vorbei? Was? Was war vorbei, ich mein es hat doch nie richtig angefangen.
Ich seufzte und betrat die Klasse. Die dämliche Schlampe von Tom sah mich triumphierend an als wolle sie sagen „Ich hab gewonnen“. Ich schenkte ihr einen gelangweilten Blick obwohl ich innerlich tobte. Am liebsten wäre ich auf sie losgegangen, doch mit hoch erhobenem Kopf stolzierte ich an ihr vorbei als ob es mir egal wäre.

Kapitel 10


Ich ging zu meinem Platz. Tom würdigte mich keines Blickes, was noch schlimmer war als wenn er total ausgerastet wäre.
Ich wollte eine Emotion von ihm, irgendein Gefühl, doch da war nichts, nicht mal Hass.
Stumm setzte ich mich und stumm blieb ich auch die restlichen Stunden in denen ich immer wieder mit ansehen musste, wie „Schlampe“ sich in der Pause auf Toms Schoss setzte und ihre Haare durch ihre Finger zwirbelte.
Nach 6 endlosen Stunden war ich endlich erlöst.

Ich war völlig fertig als ich auf den Schulhof trat. Die Bäume rauschten leise im Wind und wiegten bei jeder Brise sanft hin und her.
Und da kam er wieder, dieser Duft, nach Sommer, nach Tom. Doch Tom war nicht da, er stand abseits, Hand in Hand mit, wie ich mir vorhin ständig anhören musste, Denise.

Ich spürte noch immer den heißen Atem auf meinem Gesicht, als wir zum ersten Mal miteinander geschlafen haben.
Es war so himmlisch, so befreiend und so unglaublich schön, dass es wie Stiche ins Herz waren, wenn ich Tom auch nur ansah.

Ich beschleunigte meine Schritte gen Ausgang und wollte grade auf die andere Straßenseite wechseln, als ein rotes Cabrio genau vor meiner Nase hielt und stürmisch hupte.

„Na Puppe“ rief mir Lenny aus dem Auto aus zu. „Soll ich dich mitnehmen?“
Ich wusste nicht was ich machen sollte.
Lenny war zwar ganz nett, aber ich hatte keine besonders große Lust mit ihm den heutigen Tag zu verbringen.
„Na was ist jetzt“ maulte er jetzt schon etwas ungeduldiger. Ich zuckte nur mit den Schultern und stieg ein.
„Zu mir oder zu dir?!“ ich guckte ihn überrascht an, worauf er, als Anerkennung für seinen eigenen Witz, in lautes Gelächter ausbrach.
„Zu mir“ antwortete ich gelangweilt und Lenny startete den Motor. Ich drehte mich noch einmal um und sah Tom.
Da stand er, immer noch mit Denise aber mit einem Ausdruck auf seinem Gesicht, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ...

Lenny hielt vor meiner Wohnung und kam, wie selbstverständlich, noch mit hoch zu mir.

„Hey was hältst du davon, wenn ich bei dir einziehen könnte. Ich mein, du wohnst allein, ich wohn allein...“
Ich starrte ihn an, war das jetzt ernst gemeint?
„Was ist?“ fragte er nachdem er meinen Gesichtsausdruck wohl richtig gedeutet hatte.
„Meinst du nicht, das ist etwas zu früh? Ich kenn dich ja kaum.“
„Ach, das hat dich an deinem ersten Tag hier auch noch nicht gestört“ grinste er mich an.
Ich wurde wütend, wahrscheinlich wusste er genau, dass ich ziemlich betrunken an diesem Abend war und er mit mir alles hätte machen können.
„Na los, wenn du jetzt nicht Ja sagst, werde ich dich solange nerven bis du endlich JA sagst“ er lächelte und ich musste unweigerlich mitlächeln.
Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee mal ein bisschen Abwechslung zu bekommen, schließlich würde ich alleine sowieso die ganze Zeit über Tom nachgrübeln.
„Na gut“ sagte ich mit einem Anflug eines Lächelns.
Überschwinglich nahm er mich in die Arme und hob mich hoch.
„Man du bist ja leicht“
„Nee du bist so stark“ und das war ungelogen, seine Armmuskeln waren unübersehbar.
„Ich hol nur nochein paar Sachen für den Anfang und dann bin ich wieder da“ er streichelte meine Wange und gab mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund.

Ich überlegte was das für eine Beziehung werden sollte, was Lenny jetzt von mir erwartete. Sind wir nur Mitbewohner oder sollte das jetzt etwas Ernstes zwischen uns werden.
Ich mochte ihn, aber eine Beziehung? Nein, das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich pflanzte mich auf das Sofa. Wie konnte Tom nur gedacht haben, dass Lenny in irgendeiner Weise gewalttätig wäre.
Dieses milde Lächeln, diese freundlichen Augen, die zarten Hände, so sah kein brutaler Mensch aus, dessen war ich mir sicher. Und doch, es musste etwas geben, was Tom so sicher machte.
Ich hörte die Tür zuknallen und wurde aus meinen Gedanken gerissen. Lenny kam herein, mitten auf mich zu und setzte sich halbschräg auf mich, sodass ich meine Füße etwas hochnehmen musste.
Er nahm mein Gesicht in seine Hände ohne auch nur ein Wort zu sagen, und küsste es leidenschaftlich, verlangend. Jetzt wusste ich was er wollte und ich stimmte in Gedanken zu, es war nur Ablenkung. Mein Gewissen setzte aus. Nur nicht mehr an Tom denken, war mein einziger Gedanke....


Die Woche verging.
Tom hatte jeden Tag eine Neue an seinen Lippen hängen und wahrscheinlich auch im Bett liegen. Er hinterließ eine Spur gebrochener Herzen, was ihm anscheinend nichts ausmachte.
Jeden Tag wurde er kühler zu mir, bis er mich am Ende wie Luft behandelte, was schlimmer war als jeder Wutausbruch.
Die Schulstunden wurden zum alltäglichen Horrorszenario, weil Detlef mich anscheinend auf dem Kieker hatte was ich überhaupt nicht verstand.
Was bitte hatte ICH denn IHM getan? Ich verstand die Welt nicht mehr, was in letzter Zeit sowieso nicht ungewöhnlich war.
Lenny brachte mich jeden Tag zur Schule und holte mich auch jeden Tag wieder ab. Ich war fast 24 Stunden mit ihm zusammen, was mich wirklich nervte.
Er folgte mir auf Schritt und Tritt, wohin ich ging er kam mit, was ich auch machte, er tat es mir nach. Ich war am Verzweifeln.
Der tägliche Sex mit ihm war eine routinierte Prozedur, bei der ich weder Lust noch Spaß empfand im Gegensatz zu ihm.
Mit jedem weiteren Male, schien er mehr zu klammern und mehr mich für sich alleine haben zu wollen.
Er bezog das neu möblierte Zimmer nebenan, indem er aber leider nie lange blieb.
Also um es kurz zu machen, mein Leben ist an einem emotionalen Tief angekommen.

Ich legte mich ins Bett, zu erschöpft noch was zu essen, zu erschöpft noch irgendwelche Hausarbeit zu machen und sogar zu erschöpft mich auszuziehen.
Ich lag einfach nur da, meine Beine und Arme weit von mir gestreckt und litt unter üblen Bauchkrämpfen, die ich wohl meinen Tagen zuschreiben konnte.
Außerdem hatte ich mal wieder tierische Kopfschmerzen, die sich auch nicht dadurch besserten, dass Lenny die Tür zum Schlafzimmer zuschmiss. Anscheinend hatte er ziemlich schlechte Laune, was mir aber relativ egal war.

Mit einem gewaltigen Ruck schmiss er sich aufs Bett, sodass mir ganz übel wurde.
„Pass doch mal ein bisschen auf, mir geht’s nich so gut“ meckerte ich ein wenig rum.
Er stöhnte und beugte sich bereits über mich um mich zu befummeln. Ich schubste ihn weg.
Doch er kam schon wieder an.
„Oh nein Lenny, ich hab heut keine Lust“
„Dann mach dir eben welche“ sagte er in einem merkwürdig schrillen Ton
„Können wir nicht einmal nicht miteinander schlafen? Geht das?“ schrie ich ihn etwas lauter als beabsichtigt an weil mir seine penetrante Art echt auf die Nerven ging.
Er war bereits mit seinen Händen auf den Weg zu meinen Brüsten, doch ich schlug sie weg.
„Sag mal spinnst du?“ schrie er jetzt auch mich an.
„Ich hab eben keine Lust“ keifte ich zurück.
„Na komm schon, hab dich nicht so“
„NEIN!!!“
Das reichte, er setzte sich auf mich und hielt mich an den Armgelenken aufs Bett gepresst fest.
„Lass mich los“ brüllte ich in einem irre lauten Ton, dass er vor Schreck seinen Griff etwas lockerte.
Sofort schmiss ich ihn von mir runter und wollte grade aus dem Zimmer laufen als er mich von hinten umklammerte.
„Bleib hier Livia!!“ schrie er mich an und seine tiefe, aggressive Stimme machte mir Angst.
„Nein!“ schrie ich und biss ihm aus Reflex in die Hand.
Er reagierte blitzschnell und seine flache Hand schnellte auf mein Gesicht zu. Er traf mich knapp unter dem Auge und ich wurde, auf Grund seiner enormen Kräfte, an den Schrank geschmissen.
Ich schrie vor Schmerz laut auf. Ein kleines Blutrinnsal lief meine Schläfe hinab und mein Kopf hämmerte schmerzvoller denn je.
Er kam auf mich zu. Mit letzter Kraft richtete ich mich auf, doch ZACK lag ich auch schon wieder auf dem Boden, da Lenny zum zweiten Mal ausholte.
„HÖR AUF...“ jammerte ich unter Tränen und hielt schützend die Hände vor mein Gesicht.

Meine heißen Wangen waren gerötet und brannten, die Tränen liefen an ihnen hinab und durchnässten meine Hände.
Er zog mich auf die Beine und hielt mich an den Schultern.
„Du solltest meine Wünsche erfüllen“ grinste er mich jetzt hämisch an. Ich suchte dieses unschuldige Gesicht wiederzuerkennen, doch es gelang mir nicht.
Ich sah nur noch seinen Wahn, ja er war wahnsinnig, wahnsinnig und besitzergreifend, so wie es Tom gesagt hatte.
Er schüttelte mich grob, als ich ihm nicht antwortete.
Leise konnte ich nur „Warum..?“ hervorbringen.
Er sah mich irritiert an und der Druck seiner kräftigen Hände ließ ein wenig nach.
Ich nutzte diese Chance und riss mich los. Wie eine Irre sauste ich durch die Tür und in den Flur, Lenny kam mir schreiend hinterher.
Bei jedem seiner Worte zuckte ich zusammen, doch ich rannte so schnell ich konnte den Flur entlang und riss die Tür auf.
Im Treppenhaus übersprang ich jede zweite Stufe, nur weg war mein Gedanke, nur weg.
Hinter mir konnte ich die lauten Tritte Lennys hören und musste anfangen zu keuchen.
Wie konnte ich nur so dumm sein, wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen?
Warum hab ich nicht auf Tom gehört.
Heiße Tränen liefen mir wieder die Wangen hinunter, doch ich rannte weiter. Immer weiter..
Weiter.. immer weiter...
Ich hörte Autogehupe hinter mir und drehte mich erschrocken um.
Lenny verfolgte mich in seinem Cabrio.
„Bleib stehen du Miststück, ich krieg dich ja doch....“ Sein dröhnendes Lachen hallte in meinen Ohren wieder, und ich suchte nach Nebenstraßen.
Ich nahm jede verwinkelte Straße nur um mich zu verstecken, damit er mich mit dem Auto nicht verfolgen konnte.

Ich war völlig am Ende, meine Beine trugen mich kaum noch und es hatte angefangen zu regnen.
Es war ein warmer Sommerregen, aber trotzdem fror ich und brach immer wieder erschöpft zusammen.
Ich zitterte am ganzen Körper und meine Knie waren aufgeschrammt und blutig.
Meine Schläfe pochte, mein Kopf dröhnte, meine Wangen brannten und ich hatte eine Scheißangst Lenny über den Weg zu laufen.
Meine Verzweiflung stieg an, da ich so gut wie niemanden kannte und nicht wusste wo ich hinlaufen sollte.
Deshalb rannte ich weiter, ohne zu wissen wohin, ich rannte. Mein Herz schmerzte und meine Seiten teilten immer wieder Höllenstiche aus.

Kapitel 11


Plötzlich blieb ich stehen. Ich konnte nicht mehr laufen. Meine nackten Füße waren völlig durchgefroren und konnten mich nicht mehr halten.
Ich sackte auf die Straße.
Diese Straße, ich erkannte sie wieder.
Ich lag vor Toms Haus. Mit letzter Mühe hievte ich mich noch mal hoch.
Da bog das rote Cabrio um die Ecke.
Ich war geschockt. So schnell wie ich konnte humpelte ich zur Haustür und hämmerte wie wild dagegen.

„TOM!!! MACH AUF BITTE!!! TOHOOM!!!“
Ich schrie mir die Seele aus dem Hals.
Doch niemand öffnete.
„TOM!!!“ schrie ich nun noch lauter.
Lenny hielt den Wagen an und stieg aus.
„BITTE TOM!!“ flehte ich unter Tränen.
Lenny kam zähnefletschend auf mich zu.
Mit meinen Fäusten schlug ich so fest gegen die Tür wie ich konnte, in der Gewissheit ich würde es nicht überlegen wenn Lenny mich erreicht.
Lenny betrat die Auffahrt.
Ich schrie...


Im letzten Moment öffnete jemand die Haustür.
Ich fiel in dessen Arme und die Haustür wurde zugeschlagen.
Ich war in Sicherheit.
Sekunden später hämmerte Lenny so fest wie nur möglich gegen die Tür, doch sie blieb standhaft. Nach etlichen Minuten startete ein Motor und Stille kehrte ein.
Ich schluchzte, das war zuviel für mich.
Verzweifelt klammerte ich mich an meinen „Retter“ fest und wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen.
Ich wollte Lennys Hände nicht länger auf meinem Körper spüren, seine dreckigen Worte nicht mehr hören.
Mein Gesicht war vollständig von einem Tränenschleier bedeckt, den ich mir nicht traute wegzuwischen aus Angst die Realität wahrzunehmen.
Jemand streichelte sanft über meinen Kopf und drückte mich etwas von sich weg.
Ich sah in Toms haselnussbraune Augen und wieder rollten dicke Tränen über meine Wangen, die von tiefen Schluchzern begleitet worden.
„Beruhige dich Liv“ sagte er und strich mir behutsam am Rücken entlang.
Langsam atmete ich ein und aus, bis das Schluchzen verebbte.
„Was ist denn nur los?“ Ich wusste das er eine Erklärung wollte, eine Erklärung dafür warum ich jetzt hier heulend vor ihm stand und einem Nervenzusammenbruch nicht weit entfernt schien.
Doch ich war unfähig zu sprechen, zu tief saß der Schmerz, den Lenny mir körperlich aber auch seelisch zugefügt hatte.
Verstört sah ich Tom in die Augen.
„Mein Gott du zitterst ja und überall dieses Blut. Komm mit“ Ich folgte ihm und bemerkte nur teilweise die dicken Decken die er mir vorsichtig umlag.
Innerlich zitterte ich noch immer.
„Was hast er bloß mit deinem Gesicht gemacht?“ sagte Tom erschrocken als er mich genauer ansah.
Ich schloss die Augen um zu verhindern dass noch mehr Tränen sich ihren Weg nach draußen bahnen konnten, doch sie liefen schon.
Schnell holte er einen Eimer mit warmen Wasser, Lappen und Verbände.
Vorsichtig tupfte er mit dem wassergetränkten Lappen meine Schläfen ab, bei jeder Berührung von ihm zuckte ich zusammen.

„Das sieht übel aus“ meinte Tom und man sah seine Wut in seinen Augen. Ich konnte nicht sagen ob es Wut über mich ist, die ihm nicht vertraut hat und nicht glauben wollte dass Lenny ein brutaler Mädchenschänder ist oder über Lenny, dem ich diese ganze Sache zu verdanken hatte.
Oder war es Wut über sich selber? Vielleicht hätte er mich nicht allein lassen sollen, er wusste wie gefährlich Lenny ist.
Das Wasser hatte sich rot gefärbt.
Die Blutreste klebten noch immer in meinen Haaren, auch wenn Tom versuchte sie so gut wie möglich herauszuwaschen.

„Warum tust du das?“ fragte ich plötzlich leise und kraftlos Tom.
Er wendete seinen Blick von mir ab.
„Jeder macht mal Fehler...“ doch ich sah den enttäuschten Ausdruck in seinen Augen. Er hatte gedacht, ich würde ihm vertrauen. Dem war auch so.
Doch ich war zu arrogant um mir meinen Fehler eingestehen zu wollen. Ich wollte es nicht wahr haben. Ich musste es am eigenen Leibe erfahren, was es heißt nicht genug Vertrauen in eine Person zu haben.
Ich schämte mich dafür.
„Es tut mir so leid Tom...“ flüsterte ich kaum hörbar.
Er schüttelte leicht den Kop und legte einen Finger auf meine Lippen.
„Ruhig, ruh dich aus. Ist schon gut.“ Ich wusste das es für ihn nicht „schon gut“ war, doch ich war dankbar für seine Worte und lehnte mich, in Decken gehüllt, gegen ihn.
Tom schreckte kurz auf, legte dann aber seinen Arm um mich was mich mehr als beruhigte.
Völlig erschöpft aber mit Tom an meiner Seite, schlief ich langsam ein....


...Mitten in der Nacht wachte ich auf.
Ich kuschelte mich fest an Tom, der zu schlafen schien, um ganz nah bei ihm zu sein.
Um seine Wärme spüren zu können, um IHN einfach wieder spüren zu können.
Spüren das er da war und auf mich aufpasste.

„Alles ok?“
Ich schreckte hoch. Tom hatte also doch nicht geschlafen.
Ich nickte verlegen.
Ich wollte mich aufsetzten, verzog aber schmerzerfüllt das Gesicht, weil mit einem Mal meine Knie fürchterlich brannten.
Ich zog die Decke zurück.
Man konnte das Blut durch die Jeans hindurchsickern sehen. Ein Teil war schon fest, doch ein anderer süffzte noch leicht.
Tom verzog vor Schreck das Gesicht und ich schaute weg. Dieser Anblick brachte leichte Würgreflexe zum Vorschein.
„Das muss behandelt werden Liv“ Ich nickte, traute mich aber immer noch nicht hinzuschauen.
„Soll ich dir helfen?“ fragte er liebevoll. Ich nickte wieder.
Vorsichtig knöpfte er meine Hose auf und streifte sie ein Stück herunter. Ich biss die Zähne zusammen. Der Jeansstoff scheuerte an der Wunde und verbreitete höllische Schmerzen.
Tom reichte mir ein Kissen.
„Beiß darein wenn’s zu doll weh tun sollte“ Ich hielt mich bereit, doch Tom zögerte.
„Ich will dir nicht weh tun“
Ich lächelte ihn leicht an und gab ihm ein Zeichen das es losgehen konnte.
Er zog an der Hose und ich wäre fast gestorben. Diese Höllenqualen waren zuviel. Mit voller Wucht biss ich ins Kissen und Tränen des Schmerzes rollten wieder über meine Wangen
Doch die Hose war unten.
Der Anblick war allerdings auch nicht erträglicher.
Die schon ein wenig verheilten Stellen waren wieder aufgerissen worden und die noch offenen bluteten stärker denn je.
Ich krümmte mich vor Schmerz und vermied es mir die Wunde genauer zu betrachten.

Tom konnte es ebenso wenig vertragen und lenkte seinen Blick erst mal auf mich. Mitleidend starrte er mich an.
„Es tut so weh“ heulte ich auf.
„Ich weiß“ er tätschelte mir den Rücken und versuchte mich irgendwie zu beruhigen.

„Das muss desinfiziert werden“
Ich stöhnte auf.
Er holte eine kleine Sprühflasche und weitere Tücher.
„Soll ich?“ fragte Tom vorsichtshalber. Ich nickte.
Er sprühte und ich schrie ins Kissen, was meinen Schrei etwas dämpfte. Tom schaute erschrocken zu mir, tupfte die Stelle schnell ab und verband es.
Die gleiche Prozedur musste auch noch an dem anderen Knie durchgeführt werden, die nicht grade einfacher war.
Nachdem beide verbunden waren, setzte Tom sich wieder neben mich.

„Danke“ hauchte ich erschöpft, vom Schreien und Heulen.
Er holte mir frische Sachen aus seinem Schrank, in denen ich augenblicklich verschwand.
Als ich mich umzog, warf er mir immer wieder Blicke zu.
„Du bist dünn geworden“ bemerkte er nachdem ich mich wieder, in Decken eingehüllt, auf die Couch setzte.
Ich zuckte mit den Schultern.
Ich wollte so schnell wie möglich wieder in seine Arme, die mich beschützten und wo ich in Sicherheit war.
Doch er stand auf.
„Ich leg mich in mein Bett“ Ich war erschüttert. Nein bitte geh nicht, bleib bei mir. Ich wollte es nicht, doch ich musste mir wohl eingestehen, dass er immer noch sauer auf mich war, dass ich ihm nicht geglaubt hatte.
„Willst du hier schlafen?“ Ich schaute ihn an und konnte wieder nur die Schultern zucken. Wo sollte ich denn sonst hin? Wollte er mich vielleicht rausschmeißen?

Kapitel 12


Ich blickte zu Boden.
Jetzt war alles egal.
„Tom...?“ setzte ich an, konnte aber nicht weiter reden, da er mich mit einem herausfordernden Blick ansah.
„..bitte... Ich weiß das ist viel verlangt aber...“
Dieser Blick von ihm machte mich wahnsinnig.
„Was ist?“
„...kann ich nicht bei dir schlafen? Ich hab Angst“ Ich wollte es nicht, nicht schon wieder, doch die Tränen kamen und ich fragte mich ob ich denn noch was andres könnte außer heulen.
Er sah mich nachdenklich an.
„...bitte...“ wiederholte ich noch mal.

Er reichte mir die Hand.
Ich nahm sie und fühlte es, diese Geborgenheit, als ob ich da angekommen wäre wo ich immer hin wollte.
Meine und seine Hand verschmolzen miteinander. Am liebsten hätte ich sie gar nicht mehr losgelassen. Diese warme, zarte Hand,
Langsam erhob ich mich, doch knickte wieder ein.
Tom stützte mich und hob mich hoch. Ich hätte nicht erwartet dass er so stark wäre, doch er trug mich bis in sein Zimmer. Ich umklammerte fest seinen Hals.

Sein Bett war noch genauso weich wie beim letzten Mal und ich fühlte mich wohl, trotz der Schmerzen.
Tom verschwand kurz ins Bad und kam in Boxershorts bekleidet wieder heraus.
Er legte sich dicht neben mich und streifte die Bettdecke über uns beide.
Ich zitterte noch immer und Tom zog mich näher an sich ran um mir seine Wärme zu spenden. Es wirkte. Ein wohliges Gefühl durchströmte meinen Körper und breitete sich in jedem Winkel aus.
„Tom?“ flüsterte ich jetzt wieder.
„Ja?“ Er war schon im Halbschlaf.
„Was du alles für mich tust... danke...“
Ich hörte die regelmäßigen Atemzüge über mein Gesicht streifen und diesen Duft. Ja dieser Duft, Sommer, er gehörte wieder mir, das hoffte ich zumindest.
Noch eine Weil lauschte ich einfach Toms lebenserhaltendem Atem, bis ich nach einer halben Ewigkeit wie mir schien, die Augen nicht mehr offen halten konnte und eng an Tom gepresst, einschlief....

...Ich fühlte eine zarte Hand mein Gesicht berühren, doch ich hielt die Augen geschlossen.
Zu schön war dieser Moment.
Er fuhr mit seinen Fingern meine Konturen entlang und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht.
Ich lächelte.
Ruckartig zog er seine Hand zurück und ich öffnete die Augen.
„Morgen!“ flüsterte Tom mir entgegen.
„Morgen“ antwortete ich ihm
Ich lag noch immer in seinen Armen und dicht an ihn gelegen.

„Wie geht’s dir?“ fragte er mich nach einer Weile des Schweigens.
Ich fühlte mich immer noch kraftlos und schlapp. Meine Beine taten weh, als ob ich einen Marathonlauf hinter mir hatte und mein Gesicht brannte heiß.

„Ganz gut“ log ich.
Er strich mir wieder übers Gesicht und ich fragte mich ob er noch sauer war.

„Tom?“
Er sah mich fragend an.
„Warum hast du mir geholfen gestern? Ich hab dich enttäuscht und du hast dich so... liebevoll... um mich gekümmert...“
Ich stockte, eigentlich wollte ich ihm noch so viel sagen, doch ich konnte nicht weiter. Schweigend saß ich ihm nun gegenüber und sah betreten zur Seite.
„Hätte ich dich draußen stehen lassen sollen und ihn seine Spielchen weiter treiben lassen?!“

„Danke Tom“ hauchte ich jetzt nur noch.
Er nickte.
Ich wollte schweigen, doch ich musste es einfach loswerden.
„Woher wusstest du, dass Lenny so brutal ist? Ich mein das hätte doch auch einfach ein Gerücht...“
Ich brach ab als ich in Toms Auge eine Träne glitzern sah, die er aber schnell wieder wegwischte.
„Nein! Ich weiß es.. weil.. weil...“
„Du musst es mir nicht sagen, Tom“ unterbrach ich ihn schnell doch er redete weiter.

„Vor einem Jahr...“ er wurde ganz leise „da war ich mit einem umwerfenden Mädel zusammen. Wir haben echt alles zusammen gemacht. Ich konnte ihr total vertrauen, echt das war die beste Zeit die ich je hatte.“
Ich horchte auf.
„Wir waren grade drei Monate zusammen, echt ne geile Zeit hinter uns gehabt und dann kam ER.“
Ich wusste wer mit ER gemeint war. Lenny hat mir erzählt, dass er vor ca einem Jahr erst nach Magdeburg gezogen ist, das stimmte ungefähr mit Toms Story überein.

„Sie war sofort hin und weg von ihm und ihn hat es nicht gestört, dass sie einen Freund hat. Ich flehte sie an bei mir zu bleiben, doch sie ging...“
Ich schluckte.
„Nach drei Wochen kam sie erst immer mit blauen Flecken an, worauf sie nur sagte, das sie die Treppe heruntergefallen war oder sich gestoßen hat. Ich wollte es nicht wissen, da sie mich so verletzt hatte.“
Tom stiegen wieder die Tränen in die Augen.
„Doch dann eine Woche später war sie weg. Man hat herausgefunden, dass Lenny sie schwer misshandelt hatte und sie ihn letztendlich angezeigt hatte. Sie wurde anonym in eine andere Stadt gebracht. Ich weiß bis heute nicht wo sie ist oder wie es ihr geht. Lenny ist nur von der Schule geflogen und hat Sozialstunden bekommen, da er noch nicht volljährig war. Ich hätte ihn umbringen können, wenn er mit seinem selbstgefälligen Grinsen an unserer Schule vorbeikam, um sich seine nächsten Opfer zu suchen...“
Er brach ab und sah mir tief in die Augen.

„Hast du sie geliebt?“ fragte ich und mein Herz schlug mir bis zum Hals....


..Langsam schüttelte er den Kopf.
„Ich hab noch nie jemanden richtig geliebt.“
Ich wusste nicht wieso aber es beruhigte mich das er dieses Mädchen nicht liebt oder geliebt hat.
„Das tut mir Leid, sie war dir wohl sehr wichtig?“
Er nickte und ich bekam augenblicklich ein schlechtes Gewissen wegen meinen Gedanken.
Ich hielt es nicht mehr aus.
„Tom, es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe aber ich dachte ich könnte mich auf meine Menschenkenntnisse verlassen und es hat mich so wütend gemacht, das du mir das einreden wolltest und...“
„Du brauchst dich nicht andauernd entschuldigen, Liv“ unterbrach mich Tom mit einem Lächeln.
„Es ist ja schließlich dein Leben.“
Ich seufzte. Ja leider war es MEIN gottverdammtes Leben.

Plötzlich kam Tom näher.
Mein Herz raste wie verrückt als sein Gesicht sich meinem näherte.
Unsere Lippen berührten sich fast.

„TOHOOOM!!!“ brüllte es aus dem Nebenzimmer.
Wie von einem elektrischen Schlag getroffen, entfernten wir uns voneinander.
Mist warum grade in diesem Moment? Wer hat da geschrien?
Doch diese Frage erübrigte sich im nächsten Moment, als ein nur in Boxers bekleideter Bill die Tür aufstieß.
„Oh verdammt“ rief er erschrocken als er mich auf Toms Bett liegen sah. Schnell warf er sich irgendein T-Shirt von Tom, was auf dem Boden lag, über und grinste uns verlegen an.

„Hab gar nicht gewusst, dass ihr wieder miteinander redet, und dass du gleich bei uns schläfst und... na ja is jetzt auch egal. Tom ich will endlich essen. Mom und Gordon sind zu Freunden gefahren und kommen erst morgen wieder, also los schwing deinen Hintern endlich hoch..“
Tom warf ein Kissen nach Bill.
Der warf es zurück, doch Bills Trefferquote lag bei Null und so traf er mich mitten im Gesicht.
Das ließ ich natürlich nicht auf mir sitzen, sprang hoch und warf ihn aufs Bett.
Ich setzte mich auf ihn und schlug mit dem Kissen auf ihn ein.
Er lachte, ich lachte, Tom lachte.
Meine Knie schmerzten, doch ich achtete nicht darauf und so fing eine herrliche Guten-Morgen-Kissenschlacht an, die Ich und Tom natürlich gewannen.
Völlig fertig sprang ich auch schnell unter die Dusche, wobei mir auffiel dass ich seitdem ich hier bin, meine Probleme ein wenig vergessen hatte.

Tom hatte diese Fähigkeit alles in seinen Bann zu ziehen und so auch mich. Bist du in diesem Bann gefangen, kommst du nicht mehr los und es ist sinnlos sich dagegen zu wehren.
Ich vergaß meine Probleme, die Schmerzen und Lenny für einen Moment.
Und da war nur noch er, Tom...

...Ich ging runter in die Küche, wo mir schon der Geruch von aufgebackenen Brötchen entgegenschlug.
„Na du siehst ja klasse aus.“ Lachte Bill als er mich in Toms viel zu groß geratenen Sachen sah.
„Was sollt ich denn machen?“ zickte ich ein wenig rum, worauf Bill schwieg. Tom und ich hatten ihm die Sache bruchweise erzählt, die einzelnen Details natürlich weggelassen.
Bill schien genauso entsetzt zu sein wie Tom, anscheinend hatte er Toms Erlebnisse noch gut im Gedächtnis behalten.

„Wann willst du denn zurück in deine Wohnung?“ fragte Bill zögerlich worauf Tom ihm strafende Blicke zuwarf.
Ich überlegte. Mir grauste es davor zurück zu gehen, nur der Gedanke daran dass Lenny sich dort noch aufhält und mich überrascht wenn ich zurück gehe, ließ mich erschaudern.

Kapitel 13


„Alles ok?“ fragte Tom mich sanft und strich mir über den Rücken.
„Du kannst solange bleiben wie du willst, Liv.“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.. ich muss ja auch noch zur Schule und..“ Ich brach ab als ich merkte das meine Worte überhaupt keinen Sinn ergaben.

„Ich kann mitkommen wenn du willst. Wir können deine Wohnung durchsuchen ob er noch da ist.“ Ich nickte.

„Dann würde ich sagen, wir gehen gleich los weil wir sonst nämlich noch zu spät zur Schule kommen.“ sagte Bill und schob elanvoll seinen Stuhl zurück.
„Du kommst auch mit?“ fragte ich völlig überrascht. Ich hätte nicht gedacht das er mitkommen würde. Anfangs erschien es mir als ob Bill mich in irgendeiner Weise ablehnte, so als ob ich sowieso nur eine gewisse Zeit mit ihm verbringen würde.

„Na klar komm ich mit oder denkst du Tom könnte es alleine mit Lenny aufnehmen?“ Tom verdrehte die Augen vor soviel Wahrheit. Es hört sich zwar blöd an aber ich war erleichtert das Bill dies ansprach. Ich glaube auch nicht dass Tom es im Ernstfall alleine mit Lenny schaffen könnte.
„OK“ sagte ich und warf ihm ein dankendes Lächeln entgegen.
Gestärkt und frischen Mutes machten wir uns mit dem Bus auf den Weg zu meiner Wohnung. Die Fahrt verlief relativ still und mein Herz raste wie verrückt als wir die steinernen Stufen zu meiner Wohnung empor stiegen.

Tom öffnete vorsichtig die Tür, sie war nicht verschlossen. Mir klappte der Mund runter und Tränen stiegen mir in die Augen.
Meine gesamte Wohnung war vollkommen verwüstet. Tische umgeworfen, die Stühle hatten keine Beine mehr, in der Couch waren große Risse und der Fernseher lag auf dem Boden. Scherben lagen verteilt in der ganzen Wohnung und man hatte große Mühe auch nur einen Schritt zu gehen ohne blutende Füße zu bekommen.
Ich konnte es nicht fassen. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich stellte mir vor wie Lenny, aus Wut über mich, die Wohnung zernahm. Die Tränen rollten nun.
Ich schlug die Hände vors Gesicht und sackte zu Boden. Wie kann man nur so grausam sein. Ich schluchzte und schniefte.

„Das kriegen wir wieder hin, Süße, wir schaffen das schon.“ Toms Hand berührte sacht meine Wange und wischte die entstandenen Tränen beiseite.
Ich stand auf und sah mir das Chaos erneut an.
Der Gedanke Lenny könne hier irgendwo sein machte mich verrückt.

„Wir gucken jetzt mal in jedes Zimmer, bleib du lieber hier Liv.“ Sagte Tom und wollte sich grade auf den Weg machen, doch ich hielt ihm am Armgelenk zurück.
Seine Augen wanderten zu meiner leicht zitternden Hand und er nahm sie in seine.

„Bin gleich wieder da, dauert nur ein paar Minuten.“
„Seid vorsichtig!“ presste ich nun auch unter meinen bebenden Lippen hervor. Er nickte und ging mit Bill im Schlepptau zum ersten Zimmer.

Minuten, die mir wie Stunden vorkamen, vergingen und ich erwartete jeden Moment den großen Knall.
Doch er blieb aus.
Auch in den anderen Zimmern schien nichts außer das Chaos zu sein.
Ich beruhigte mich ein bisschen und ging gemeinsam mit den Jungs in das letzte undurchsuchte Zimmer, mein Schlafzimmer.

Der Baldachin vom Bett war runtergerissen und die Federn vom Kissen waren überall verstreut. Auf dem Spiegel, der sich über die gesamte Wand schlängelte stand mit großen Lippenstiftlettern „SCHLAMPE“ geschrieben.
Mein Blick fiel auf meinen Schrank.
Ich sah das verwischte Blut, MEIN Blut und mir wurde übel.
Leichte Dellen waren zu erkennen, die wohl mein Kopf verursacht haben muss.
Es war der Horror. Das ganze Szenario spielte sich im meinem Kopf ab.
Immer und immer wieder.
Der Wutausbruch Lennys, wie er mich ans Bett presste, ins Gesicht schlug, gegen den Schrank stieß und schließlich bis zur völligen Erschöpfung verfolgte.
Schwindelanfälle überkamen mich und ich brach zusammen.
Tom, der dies anscheinend schon die ganze Zeit beobachtet hatte, fing mich auf und ich klammerte mich fest an ihn.

Seine Arme hielten mich fest.
Ich schloss die Augen und fühlte wieder seine Wärme...

„Liv alles ok?“
„Mhmm!“ Sachte streichelte er meinen Kopf, der an seiner Schulter lehnte. Ich hob ihn hoch und sah ihn an. Seine Augen waren so wunderschön, so endlich, so warm.
Ich streckte mich ein wenig sodass ich auf gleicher Höhe war.
Sein Mund stand leicht geöffnet vor meinem. Unsere Lippen näherten sich. Sein Piercing berührte sanft meine Lippe.
Es kitzelte und ich verzog meinen Mund zu einem kleinen Lächeln. Unsere Lippen berührten sich.
Endlich, nach so vielen Tagen. Der Kuss war zart und doch himmlisch.
Ich spürte, was ich schon zu lange nicht mehr gespürt hatte.
Glück.
Und es war das schönste Glück was man sich nur vorstellen konnte. Seine Zunge bat um Einlass und ich gewährte sie ihm. Langsam öffnete ich meinen Mund worauf unsere Zungen sich vereinten.
Er war anders als alle Küsse die ich je erlebt hatte. Er war wahr, es war echt. Es war mehr als nur Lust und Spaß, es waren echte Gefühle.

Ich weiß nicht wie lange wir so standen.
Ein Räuspern riss uns dann aber doch in die Realität zurück.

„Ich will euer junges Glück ja nicht stören aber ich glaub wir verpassen sonst die Straßenbahn“ Bill druckste etwas rum, anscheinend war es ihm doch relativ unangenehm uns zu stören da er den Raum auch gleich wieder verließ.

Ich nickte und löste mich aus Toms Umarmung.
Schnell zog ich mir frische Unterwäsche und „normale“ Sachen an. Dass Tom mich dabei die ganze Zeit beobachtete störte mich nicht. Ich war immer noch wie benebelt von diesem unglaublichen Gefühl.

Nach einer nervenzerreißenden Suche nach meinen Schulsachen, die Lenny „glücklicherweise“ verschont hatte, sprinteten wir drei zur Straßenbahn. Im letzten Moment sprangen wir hinein und suchten uns völlig fertig einen Sitzplatz.

In der Schule angekommen, ging Bill der kurioserweise mit seinem Bruder nicht in einer Klasse war, in seinen Raum und wir schlenderten gemütlich zu unserem.

„Hast du schon mal 15 Gesichter mit dem gleichen blöden Gesichtsausdruck gesehen?“ fragte Tom mich als wir vor unserem Klassenzimmer standen. Ich schaute ihn nur verständnislos an worauf er zu grinsen begann.
Schnell griff er nach meiner Hand und stieß die Tür auf. Er zog mich hinein, legte seine Hand in meinen Nacken und küsste mich leidenschaftlich.

Ich schloss die Augen, was war das denn jetzt?
Als ich sie wieder öffnete, hätte ich fast einen Lachflash bekommen. Jetzt wusste ich was Tom meinte.
Die gesamte Schülerschaft, inklusive Detlef, starrten uns mit offenen Mündern an. Die Weiber liefen allesamt rot an, währenddessen die Kerle sehnsüchtige Blicke zu uns warfen. Detlef war einfach nur geschockt. Und ich genoss es, es ihm endlich heimzahlen zu können.

Wir lösten uns voneinander und sahen uns an, worauf wir dann wirklich in Lachen ausbrachen. Unsere Mitschüler stierte immer noch wie gebannt auf uns brachten kein einziges Wort hervor.

Hand in Hand gingen wir zu unseren Plätzen, nachdem das Klingeln auch schon den Unterricht beginnen ließ.
Die Stunden vergingen schnell, dank dem Gedanken an Tom und so standen wir fünf, Georg und Gustav miteingeschlossen, nach sieben Stunden schon wieder vor der Schule.

„Soll ich euch mitnehmen?“ fragte Georg mal wieder ganz höflich.
Ich versuchte schnell eine Ausrede zu finden, doch die anderen nickten bereits begeistert. Anscheinend war ich die Einzige, die sich um ihr Leben ETWAS sorgte.
So saßen wir wieder zusammengequetscht auf den Weg zu meiner Wohnung in Georgs Auto.

„Wir könnten dir helfen deine Bude wieder in Ordnung zu bringen!“ sagte Gustav nachdem auch er die Geschichte von mir und Lenny erfahren hat. Ich bedankte mich und zusammen betraten wir meine Wohnung.
Es war seltsam, irgendetwas stimmte nicht...

...Es war stockfinster in der Wohnung. Irgendwer musste alle Vorhänge zugezogen und die Rollladen heruntergelassen haben. Ich tastete nach dem Lichtschalter und schlug mit voller Wucht dagegen als mich ein fürchterlicher Schmerz übermahnte.

Das Licht ging an und ich sah meine blutende Hand. Ich starrte mit offenem Mund zu dem Lichtschalter, er war übersäht von kleinen Nadeln, wovon sich nun einige in meiner Hand befanden.
Ich schrie. Die Nadeln steckten sicherlich einige Zentimeter tief.

„Was ist los?“ fragte Tom mich, doch schwieg als er mein schmererfülltes Gesicht sah und sein Blick auf meine Hand fiel.
„Oh Gott dieses Miststück, wie kann man nur so räudig sein.“ Langsam zupfte er mir die kleinen Nadeln aus meiner Hand und zuckte jedes Mal zusammen als ich ein kurzes „AH!“ ausstieß.
Ich wusch mir die Hand und verband sie.
Die Jungs wuselten derweilen in die Räume und zogen die Vorhänge auf.
Zehn Minuten später versammelten sie sich im Flur.
„Wo ist Bill?“ fragte ich weil er nirgends zu sehen war. Sie zuckten die Schultern.
Merkwürdige Geräusche drangen aus der Küche an unsere Ohren, die sich irgendwie nach Bill anhörten.
„Bill?“ ging ich als erster in die Küche. Da stand er, die Hand an den Mund gepresst und über dem Waschbecken gelehnt.
„Was ist los?“ Er deutete nur auf den Küchentisch worauf auch mir schlagartig übel wurde.
Eine tote Maus lag mit einem Stecknadel aus dem Bauch ragen, alle viere von sich gestreckt auf dem Tisch und ein kleines Blutrinnsal lief quer darüber.
Ich drehte mich angewidert weg und blinzelte nur ab und zu auf die Maus.

„Hey da ist ein Zettel neben dem Ding“ bemerkte Georg und griff danach, die Maus schien ihn nicht sonderlich zu stören.
„Was steht drauf?“ fragte ich ohne die Antwort überhaupt wissen zu wollen.

Kapitel 14


Georg knüllte den Zettel schnell zusammen. „Ähm... nichts“ sagte er und wollte ihn grade wegschmeißen als ich ihn ihm aus der Hand riss. Mit zitternden Fingern entfaltete ich das Stück Papier.
Meine Augen weiteten sich vor Nervosität.
„WENN ICH DICH NICHT KRIEGE, DANN KEINER“ stand in Großbuchstaben auf dem weißen Zettel.
Vor Schreck ließ ich es fallen, worauf Tom es hochhob und ebenfalls las.
„Dieses Arschloch, er ist so ein dreckiger Perversling, ich könnte ihn...“
„Du musst ihn anzeigen“ unterbrach Bill Tom.
Ich schüttelte ängstlich den Kopf. „NEIN...“ schrie ich und zeriss den Zettel in Toms Hand.
„Aber er wird dich sonst nie in Ruhe lassen. Was ist wenn er dich in der Nacht überrascht? Ich mein wir können ja nicht ewig hier bleiben und wenn er dann kommt...“ Tom stieß Bill in die Rippen, da ich mittlerweile blass war und mir die Hände auf die Ohren presste damit ich die schmerzliche Wahrheit nicht hören konnte.
Ich wusste das er Recht hatte, Lenny würde irgendwann wieder kommen und dann würde es nicht so glimpflich ablaufen wie beim letzten Mal. Aber wenn ich ihn anzeigte und die Polizei würde nichts unternehmen, was dann? Aber nichts konnte schlimmer sein als dieser Psychoterror, die ständige Angst Lenny könnte jeden Moment auftauchen.
„Ok ich mach’s“ sagte ich nach einiger Zeit des Schweigens...


„Bist du sicher?“ fragte Tom mich zweifelnd. Ich nickte energisch und griff nach dem Hörer.
„Tot“ sagte ich als kein Tuten im Hörer erklang.
„Müssen wir wohl persönlich zur Polizei gehen“ schlug ich schnell vor, bevor ich mir es noch mal anders überlegte.

Auf dem Revier ging alles sehr hektisch zu. Die Sekretärin schaute mich genervt an als ich sagte, dass ich Anzeige erstatten will.

„Gegen was?“ blaffte sie mich an. „Beleidigung?, Mobbing?“
„Körperverletzung und Drohungen“ unterbrach ich sie und schaute ihr direkt in ihre erschrockenen Augen.
„Oh... warte einen Moment“ nuschelte sie verlegen und verschwand.

Nach fünf Minuten kam sie wieder mit einem nett aussehenden Polizisten im Schlepptau.
„Guten Tag“ sagte Herr Naumann, was ich an dem Schildchen an seiner Uniform lesen konnte, und reichte mir und den anderen die Hand.
„Willst du eine Aussage machen?“ fragte der Polizist. Ich nickte langsam, denn so allmählich hatte ich doch Zweifel bekommen.
„Nun gut, dann gehen wir beide am besten ins Nebenzimmer.“
„ALLEIN?“ meldete sich jetzt auch Tom zu Wort.
„Ja vorerst schon, nichts gegen euch, so sind nun mal die Regeln.“
Tom schaute wütend, nickte dann aber und setzte sich zusammen mit den anderen auf die Stühle, die neben dem Verhörraum waren.
„Wir warten“ sagte er noch zu mir, worauf ich ihn leicht anlächelte.
„Danke Tom“ und ging zusammen mit Herrn Naumann in den kleinen Raum.


Es standen zwei Stühle und ein Tisch darin. Ich setzte mich auf den einen und mir gegenüber der Polizist. Ich wurde langsam aufgeregt und meine Beine fingen willkürlich an zu zittern.
Leise atmete ich ein und aus.
„Alles ok? Kann es losgehen“
„Ja...“ sagte ich schwach.

Das Verhör war eine einzige Qual. Ich musste jedes verdammte Detail mindestens dreimal wiederholen. Woher ich ihn kannte, warum ich mich auf ihn eingelassen habe und so weiter. Irgendwann kam es mir schon so vor, als ob ich selbst daran Schuld sei, dass ich fast vergewaltigt worden wäre. Herr Naumann versuchte es zwar so angenehm wie möglich zu gestalten, doch meine Angst war jetzt unausstehlich.
Die Bilder aus der vorletzten Nacht bahnten sich ihren Weg in meinen Kopf und hinterließen dort höllische Schmerzen. Mir wurde schwindelig und total übel.

Doch bevor ich HALT sagen konnte, war alles zu Ende.
„Das war es dann erst mal, hast du wirklich gut gemacht. Ich möchte jetzt noch mit den Jungs sprechen, kannst du sie mal reinschicken?“
Ich nickte und stand auf. Der Flur war hell beleuchtet, was mir jetzt erst auffiel, nachdem ich den düsteren Raum verlassen hatte.
Ich ging zu den Jungs.
„Und wie war es?“ fragten sie wie aus einem Munde, ich zuckte nur mit den Schultern und sagte sie sollen ebenfalls reingehen. Völlig perplex zogen sie ab und ich setzte mich erschöpft auf den Stuhl.
Es war wirklich der Horror gewesen dieses ganze Dilemma noch mal durchspielen zu müssen, aber es war vorbei.
Fünfzehn Minuten später kamen dann auch die anderen raus und Tom als Letzter. „Gehen wir“ flüsterte er mir leise ins Ohr und gemeinsam verließen wir die Polizeistation.

„Sie nehmen Lenny vorzeitig fest“ sagte ich als wir schweigend nebeneinander hergingen. „Aber sie wissen nicht wie lange...“
Tom schwieg, Bill und die Jungs waren schon nach Hause gegangen.
„Er darf sich mir, bis auf 100 Meter nähern, weiter nicht. Wenn ich Glück habe, muss er sogar in eine andere Stadt ziehen aber sie müssen ihn erst noch verhören.“
Tom schwieg immer noch.
„Was ist los?“ fragte ich abrupt und blieb stehen.
Tom sah mich an und ich erschrak. Warum war er so wütend?

„WIESO hast du mir nicht gesagt, dass du mit ihm schon geschlafen hattest, bevor das alles passiert ist? Du hast mir NIE erzählt das du gleich am ersten Abend mit ihm in die Kiste gesprungen bist. WAS IST EIGENTLICH LOS MIT DIR?“ Er schrie die letzten Worte, wobei ich jedes Mal zusammen zuckte.
„Ich.. ich... wollte es dir ja erzählen aber du... ich mein ich wollte dich nicht noch mehr verletzen...“ sagte ich entschuldigend und musste mir schon wieder die Tränen verdrücken.
„Ich dachte wir vertrauen uns, ich hab gedacht ich hör nicht richtig als mir der Polizist das eben gesagt hat.“ sagte Tom jetzt in einem etwas milderen Ton.
Ich sah traurig zu Boden.
„Mir fällt es so schwer jemandem zu vertrauen...“ schluchzte ich leise.
Tom nahm mich in den Arm.
„Versuch es einfach... Vertrau mir...!“

Ich hob meinen Kopf, seine Augen waren feucht und sein Mund bebte. Meine Lippen wanderten zu seinen und er erwiderte den Kuss...


...Die Sonne ging langsam unter und der Himmel erstrahlte in rot-orange über unseren Köpfen. Warme Regentropfen fielen auf unsere gewärmte Haut. Eng umschlungen standen wir einfach nur da. Er schwieg, ich schwieg. Ewig standen wir so da, drumherum nichts. Da waren nur wir.
„Die Sonne geht unter.“ Flüsterte Tom und sein Atem streifte an meinem Ohr.
„Kann ich mit zu dir? Ich möchte jetzt nicht allein sein, nicht allein in dieser Wohnung.“ Bittend sah ich ihn an.
„Na klar, denkst du ich lass dich allein nach allem was du durchgemacht hast?“
Ich schaute zu Boden, es war mir ein wenig peinlich soviel Mitleid zu bekommen. Früher hätte ich es nicht ertragen, die ganze Zeit so bemuttert zu werden, jetzt brauchte ich es fast.
Er griff nach meiner Hand und gemeinsam gingen wir die Straße entlang, zu Tom nach Hause. Es war schon stockfinster als wir endlich sein Haus erreichten. Völlig durchnässt, da es auf dem Weg noch richtig angefangen hatte zu regnen, standen wir nun im Flur und zitterten ordentlich.
„TOM? Bist du auch endlich mal zu Hause? Oh wer bist du denn?“
Eine Frau, wahrscheinlich Toms Mom, schaute um die Ecke und beäugte uns misstrauisch. „Äh.. ich bin Livia, eine Freundin von Tom.“ Stieß ich schwer atmend hervor.
„Ach eine „Freundin“ schon wieder?“ sagte sie und schaute ernst zu Tom. Leise und zu Tom gewand flüsterte sie: „Ich frag mich wie viele Herzen du noch brechen willst, mein Sohn.“ Tom verdrehte nur die Augen und zog mich mit in sein Zimmer.
Es hatte sich nicht viel verändert seit ich das letzte Mal hier war. Lediglich die Nummern an der Pinnwand waren mehr geworden, was mich auch nicht weiter wunderte.
„Und alles wieder erkannt?“ fragte er lächelnd ohne den Blick von mir zu wenden.
„Wie könnt ich dieses Chaos hier vergessen?“ neckte ich ihn und trat einen Schritt auf ihn zu.

„Ich hab dich so vermisst“
„Ach wirklich?“ fragte ich ungläubig. „Das sah aber diese Woche ganz anders aus“
„Hey ich muss mich ja schließlich auch mal ablenken!“ rechtfertigend sah er mich an und ich musste grinsen. Es sah so süß aus wenn er mich mit so einem verstörten Gesichtsausdruck anstarrt.
„Schon ok“ lachte ich und umarmte ihn.

Kapitel 15


Unsere nassen Sachen klebten an unseren Körpern und auch wenn es drinnen relativ warm war begann ich zu zittern.
„Mist, ich hab schon wieder keine Sachen dabei, also wenn das so weitergeht besitze ich bald deinen gesamten Kleiderschrank“ grinste ich und zog mein T-Shirt über den Kopf. Die blauen Flecke von Lennys brutalen Übergriffen, waren nun deutlich zu erkennen. Langsam kam Tom auf mich zu und streichelte sanft über die entstandenen Blutergüsse.
Seine Küsse auf meiner Haut brannten wie Feuer. Er steckte seine Hände in meine hinteren Hosentaschen und zog mich näher zu sich.
Geschickt öffnete er den BH und streifte ihn ab. Nachdem auch er sein Shirt ausgezogen hatte, standen wir da, eng aneinandergepresst mit unseren nackten, nassen Oberkörpern.
Seine Finger glitten gefühlvoll über meine Brüste und streichelten sie zart.
Jede Berührung von ihm, umnebelte mich wie eine sanfte Wolke.

Seine nasse Hose war bereits unten, sodass er nur in Boxershorts bekleidet, schnell das Licht dämmte.
Langsam kam er wieder auf mich zu und seine warme Hand rutschte in meine Hose. Mein Herz raste, mein Puls stieg. Was war das?
Mein Atem beschleunigte und mir kam es so vor, als ob jegliche Luft in diesem Zimmer entwich. Meine Hände schwitzten und waren eiskalt.
Oh Gott gleich breche ich zusammen, dachte ich als Toms Hand tiefer wanderte.
Es war kein Gefühl der Erregung, nein ganz und gar nicht.
Es war Panik.
Warum Panik? Es war doch nur Tom? Nein es ging nicht, nein ich bekomme keine Luft.
Ich schloss die Augen, Tom hatte jetzt auch meine Hose abgestreift.
Nein!
Er fing an, an dem Tanga rumzufummeln.
Nein!
„HÖR AUF!!“ schrie ich...

Erschrocken wich er von mir zurück. Seine Augen waren geweitet und schauten mich angstvoll an.
Das war zuviel ich lief raus, raus aus dem Zimmer, ins Bad. Es steckte ein Schlüssel und schnell versperrte ich die Tür. Die Luft war immer noch knapp und so öffnete ich schnell ein Fenster, da ich sonst zu ersticken drohte.
Das kann nicht sein, was war denn das jetzt? Ich hatte wirklich Panik, Panik vor soviel Nähe.
Es lag nicht an Tom, nein absolut nicht. Es lag an mir.
Verwirrt schaute ich in den Spiegel. Mein Kopf wies noch immer Blessuren aus der schrecklichen Nacht vor. Meine Augen waren gerötet von dem ständigen Weinen und ich war immer noch fast nackt.
Ich suchte nach etwas was ich mir schnell überziehen konnte. Ein schwarzes, ziemlich enges T-Shirt lag auf dem Boden und ich zog es an.
Es roch nicht nach Tom, musste wohl Bill gehören überlegte ich und besah mich abermals im Spiegel. Bills Shirts standen mir wesentlich besser als Toms.
Es klopfte.
„Livia? Bist du da drin?“
Erschrocken sog ich die Luft ein.
„Hey was war denn los?“ fragte Tom besorgt und klopfte noch mal gegen die Tür.
Ich öffnete.
Ratlos stand er mir gegenüber. Den Tränen nahe stützte ich mich in seine Arme.
„Ich weiß nicht was los war“ schluchzte ich „mir blieb auf einmal die Luft weg und ich musste wieder an Lenny denken wie er... wie er..“
„Pscht..“ machte Tom und drückte mir seinen Finger auf die Lippen.
„Ist schon ok, Kleine“ sagte er und strich mir sanft über den Rücken. „Wollen wir schlafen gehen? Ich glaub es war anstrengend genug heute.“ Ich nickte zustimmend und zusammen gingen wir in sein Zimmer.
„Schmuckes Teil was du da anhast übrigens“ lachte Tom und schubste mich ins Bett. Ich lachte und schlüpfte müde unter die warme Bettdecke. Wenig später warf Tom sich neben mich.
Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss und kuschelte mich dann fest ein. Sekunden später war auch Toms Hand wieder unter meiner Decke und wanderte zu meinem nackten Po. Schnell wich ich einige Zentimeter zurück.
„Tom bitte ich kann nicht...“ „...noch nicht...“ fügte ich schnell hinzu als ich seinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkte.
Er nickte und küsste mich ebenfalls. Er tat mir leid, wie er so dalag. Ich wollte „Es“ ihm zwar nicht verwehren aber ich konnte im Moment einfach nicht. Zu frisch waren die Erinnerungen an Lenny und zu frisch die Wunden, die er mir zugefügt hatte.
Ich schaute zu Tom. Er hatte die Augen geschlossen und sah bereits aus als wäre er schon eingeschlafen.
„Ich brauche dich!“ formten meine Lippen ohne das auch nur ein Ton rauskam...

°°°Ich bin in einem dunklen Raum. Dicke Regentropfen fallen von der nassen Zimmerdecke auf die Erde hinab. Mir ist kalt und mein Atem hinterlässt Dampfwolken in der Luft. Ich höre Schritte hinter mir und drehe mich erschrocken um. Ein Mann mit schwarzer Kapuze auf dem Kopf steht direkt vor mir. Ich kann ihn nicht erkennen.
Seine Hände greifen zu der Kapuze und streifen sie ab. Oh nein es ist Lenny. Seine Augen sind blutunterlaufen und schwarz. Ich schreie doch es kommt kein Ton heraus.
Lenny presst seine Hände auf meinen Mund, sodass ich keine Luft bekommen.
Seine kalten Finger gleiten über meine Haut. Erst jetzt bemerke ich, dass ich völlig nackt bin.
Tränen laufen mir über die Wangen. Ich wische sie weg, doch es sind keine Tränen... Es ist Blut. Lennys Zunge leckt über meine Brüste, ich zittere noch mehr, doch seine Hand ist noch immer fest auf meinen Mund gepresst. Er drückt mich runter, sodass ich jetzt kniend vor ihm sitze. Ich kann seine Gier in seinen dunklen schwarzen Augen erkennen. Ich will weglaufen, doch ich kann mich nicht bewegen, bin gelähmt.
Lenny zieht sich aus. Nein. Nicht schon wieder. Nein bitte nicht.
Noch immer hat er seine kräftige Hand auf meinen Mund gepresst.
Nein! Ich will nicht!
Ich beiße ihm in die Finger und er nimmt sie fluchend zurück.
Ich schreie und heule und schlage um mich.
Lennys schwarze Augen werden braun.
Ich schreie noch mal, und diesmal mit Ton.°°°


„Liv, Liv, LIVIA!!!“ Eine feste Hand packte mich und rüttelte mich kräftig durch.
„Hey aufwachen!“ sagte diese mir bekannte Stimme.
Ich machte meine Augen auf. Es war immer noch stockfinster. Eine warme Hand streichelte sanft meine Wange, die feucht und verschwitzt ist.
„Tom“ flüsterte ich und fiel in seinen Arm. Schwer atmend kuschelte ich mich fest an ihn.
„Du hast nur geträumt, Kleine... es war nur ein Traum.“
„Aber es... es...es war so real!“ stotterte ich.
„...nur ein Traum...“
Ich schlief in Toms Armen ein, voller Angst noch mal so einen schrecklichen Albtraum zu erleben...

Kapitel 16


Eine sanfte Brise umwehte mein Haare, das mir durch den Wind immer wieder ins Gesicht fiel. Ich öffnete die Augen und sah den leeren Platz neben mir.
Wo war nur Tom?
Ich legte meine Hand auf seine Seite. Sie war noch warm, er musste erst vor kurzem aufgestanden sein. Ich drehte mich um und da stand er.
Tom stand in Boxershorts auf dem Balkon, der aus seinem Zimmer ragte.
Die warmen Sonnenstrahlen ließen seine Haut bräunlich schimmern.
Zu schön war dieser Anblick.
Er ließ seine Hand sinken und ich sah die halb fertig gerauchte Zigarette. Ich hasste dieses Zeug. Küsse schmecken wie Rauch und die Haut nimmt denselben widerlichen Geruch an wie die Kippe.
Schon ewig hatte ich ihn nicht mehr rauchen gesehen, das letzte Mal als er...
Schmerzlich erinnerte ich mich an diesen Tag.
Als er wie ausgewechselt mir in die Dusche gefolgt ist und dort, ohne Gefühle, mein Innerstes verletzte. Schmerz umhüllte mich damals wie eine schwarze Wolke.
Doch das war vorbei. Tom hatte sich so verändert.
Immer noch blinzelte ich zu ihm. Zu gern würde ich jetzt diesen Rücken streicheln und küssen. Ich wollte es mir nicht eingestehen aber ich brauchte Tom mehr als alles andere in diesem Moment.
Ich frag mich wie man sich so schnell verändern kann und seufzte, wohl etwas zu laut.
Tom drehte sich um und seine sorgenvolle Miene wich einem überraschten Lächeln.
„Morgen Livi...“ flüsterte er und strich mir sanft über meine Stirn und Wange entlang.
„Morgen...“ hauchte ich zurück, noch völlig verschlafen.
Er legte sich wieder zurück ins Bett und eine Rauchwolke umnebelte mich. Wegen meiner extrem geruchempfindlichen Nase roch ich alles doppelt so stark.
Angewidert verzog ich das Gesicht und steckte meine Nase schnell unter die Bettdecke.
„Was ist los?“ fragte Tom mich etwas belustigt.
„Dieser Rauch... Das ist so eklig...“ stieß ich mit gedämpfter Stimme aus der Bettdecke hervor.
„Achso“ lachte er und verschwand im Bad.
Gedankenverloren stieß ich die Bettdecke mit meinen Füßen zurück und schlenderte zum Balkon, an die Stelle wo eben noch Tom gestanden hat.
Sommerliche Sonnenstrahlen fielen auf meine Haut und ließen sie augenblicklich erwärmen. Dieser Duft, den ich nur von Tom kannte, schlug mir entgegen.
Ein Duft nach Sonne und Sommer.
Genießerisch schloss ich die Augen und ließ mich von dem warmen Sommerwind liebevoll umwehen, und verflogen war der Schmerz der vergangenen Tage...


...Ein flüchtiger Kuss auf den Hals, worauf sich meine Nackenhaare leicht aufstellten, verrieten mir dass Tom zurück war.
„So besser?“ fragte er und sein angenehmer Geruch umhüllte mich.
„Viel besser!“ sagte ich und drehte mich zu ihm um. Seine braunen Augen leuchteten glücklich und sein Mund umspielte ein kleines Lächeln.
„Was ist lo...“ wollte ich fragen, doch Tom strich mit seinem Finger über meine Lippen.
„Ich bin so glücklich, dass du bei mir bist, Liv.“
Ich lächelte und stellte mich auf die Zehenspitzen damit ich seine Lippen mit meinen verschließen konnte. Diese Küsse raubten mir jedes Mal den Verstand.
Langsam lösten wir uns voneinander und sahen uns tief in die Augen.

„Hey ihr Turteltauben, das Frühstück ist fertig.“
Bill lehnte am Türrahmen und hatte uns wahrscheinlich schon die ganze Zeit beobachtet. Leicht grinsend kam er auf uns zu und drückte mir einen Guten-Morgen-Kuss dicht neben den Mund. Ich sah ihn überrascht an und Tom schnappte nach Luft.
Doch bevor auch nur einer ein Wort sagen konnte, verließ Bill Toms Zimmer schon wieder und trampelte die Treppen runter.

„Was war das denn jetzt?“ fragte Tom mich und warf mir misstrauische Blicke zu.
„Das fragst du mich?“
„Ja das frag ich dich!“ Tom starrte mich etwas grimmig an.
„Du tust ja grad so als ob ich das gewollt hätte?!“ sagte ich in einer komisch klingenden Stimmlage.
„Hast du etwa nich?“
„Oh Tommy, bist du etwa eifersüchtig auf deinen kleinen Bruder?“ lachte ich und stieß ihn aufs Bett.
Tom verdrehte die Augen, anscheinend angenervt von diesem überaus schönen Spitznamen.
„Oh Tommyschatzi...“
Das reichte ihm. Er zog mich zu sich aufs Bett und setzte sich auf mich. Mit seinen flinken Fingern kitzelte er jeden Quadratzentimeter meines Körpers durch und dachte nicht daran aufzuhören als mir schon vor lauter Lacherei die Tränen ins Gesicht stiegen.
„Ok du hast gewonnen, TOM!“ stieß ich halb lachend, halb weinend keuchend hervor.
„Du hast keine Chance gegen mich!“ rief Tom und ließ sich mit voller Wucht auf mich fallen.
So lagen wir da, bzw. Tom lag auf mir und ich konnte mich keinen Zentimeter rühren.
Erst als auch Toms Mom von unten „FRÜHSTÜCK!!!“ rief, rollte er sich von mir.
Gemeinsam trotteten wir die Treppe zur Küche runter, wo es schon herrlich nach frischen Brötchen roch und seit langem hatte ich mal wieder richtig Appetit...

In der Küche war es warm und angenehm. Ein großer runder Tisch stand mitten im Raum und auch ansonsten war die Küche modern eingerichtet.
„Morgen“ begrüßte ich etwas schüchtern Bill und Toms Mom.
Bill grinste mir schelmisch entgegen, worauf Tom ihm wütende Blicke zuwarf. Oh man der war doch nicht wirklich eifersüchtig auf Bill?
Ich setzte mich auf den einzig leeren Stuhl, neben Tom und gegenüber von Toms Mom.
Mitleidig sah sie mich an, nachdem Tom vorwurfsvolle Blicke von ihr geerntet hatte.
Was sollte das denn?
Mutter und Sohn schauten sich etliche Sekunden schweigend an. Ich wendete meinen Blick ab, weil ich nicht wusste warum sie dies taten, doch ich bekam ein merkwürdiges Gefühl.
Egal, die Brötchen schmeckten zu lecker um sich noch weiter Gedanken über Nichtigkeiten zu machen.
Ich haute ordentlich rein. So wie ich es schon lange nicht mehr gemacht habe.
„Und Livia? Wohnst du noch bei deinen Eltern?“ fragte mich Toms Mom, Simone wie ich herausgefunden hatte, in einem interessierten Ton.
Ich habe diese Frage schon erwartet, doch trotz allem verlieh sie mir einen kalten Stich ins Herz.
„Nein, seit ungefähr zwei Wochen nicht mehr.“ Antwortete ich möglichst beiläufig, in der Hoffnung sie würde das Thema wechseln, doch anscheinend schien sie es brennend zu interessieren, warum ein 16 jähriges Mädchen nicht mehr bei seinen Eltern wohnt.
„Ach und warum nicht? Mussten sie beruflich wegziehen oder haben sie finanzielle Probleme?“
Ich lachte kurz auf bei dem Gedanken daran, dass sie mich vielleicht wegen Geldknappheit weggegeben hätten.
„Nein, ich bin freiwillig ausgezogen. Meine Eltern sind geschieden, schwimmen in Geld und sind unfähig sich um ihre einzige Tochter zu kümmern, und ich bezweifle dass sie mich in irgendeiner Weise vermissen.“
Wow das klang ziemlich hart aber die Realität war hart. Simone schaute mich mit großen mitleiderfüllten Augen an. Ihre Hand zuckte in meine Richtung, so als wollte ihre Hand auf meine legen und mir ihr Mitgefühl aussprechen, doch sie schwieg, was mir tausendmal lieber war.
Tom legte, ohne dass es einer sehen konnte, seine Hand auf meinen Schenkel und streichelte ihn sanft. Mit einem gequältem Lächeln sah ich ihn an.
Das restliche Frühstück verlief eher schweigsam. Simone wollte nicht noch mal in so ein Fettnäpfchen treten und beließ es dabei Tom mit bösen Blicken zu strafen. Was hatte sie denn nur?
Nach dem Frühstück erklärten Bill und ich uns bereit, den Tisch abzuräumen und abzuwaschen. Tom schien darüber nicht sehr begeistert aber hätte er sich beschwert, hätte er mir helfen dürfen und so siegte die Faulheit über die Eifersucht.

Ich räumte den Tisch ab, während Bill schon mal das Wasser einließ. Ich wollte mir grade das Handtuch schnappen um abzutrocknen, als Bill mich plötzlich mit Wasser bespritzte.
„Hey!“ schrie ich und wischte mir die Tropfen aus dem Gesicht.
Bill lachte nur und spritzte mir eine zweite Fuhre entgegen.
Das ließ ich nicht auf mir sitzen, schubste ihn vom Waschbecken weg und nahm eine handvoll Wasser, die ich ihm über seine grade erst frisch gestylten Haare klatschte.
„Nein, nicht die Haare!!“ schrie er und schüttelte sie kräftig, sodass ich wieder alles zurückbekam. Eine wilde Wasserschlacht artete aus und Bill und Ich waren völlig aus der Puste. Grade wollte ich ihm ein nasses Handtuch über sein Gesicht schmeißen, rutschte jedoch aus und landete in Bills Armen, die mich glücklicherweise auffingen.
Ich schaute ihn an, diese Augen erinnerten mich immer an Tom. Genauso warm und zärtlich schauten sie.
Ein lautes Räuspern riss mich aus meinen Gedanken.

Kapitel 17


„So sieht das also aus, wenn man abwäscht ja?!“ grimmig und die Augen zu Schlitze verengt, starrte er uns an.
„Ach Tom...“ fing ich meinen Satz an und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.
Trotzig blickte er mich an.
„...nu sei doch nicht son Spielverderber.“ Sanft streichelte ich ihm über die Wange, worauf sich seine Gesichtszüge entspannten. Bill kam ebenfalls auf ihn zu und tätschelte ihm seinen Kopf, was irgendwie lustig aussah.
„Ja wenn der Tommy so eifersüchtig ist, kann er jetzt mit Livia den Abwasch alleine machen ja?!“ sagte er in einer babyhaften Singsangstimme.
Tom schlug seine Hand weg und warf ihm ein gespieltes Lächeln entgegen.
„Gut Billyboy dann kannst du uns ja alleine lassen“ antwortete Tom und verbannte Bill aus der Küche.
„Sei doch nicht zu herzlos zu deinem Bruder!“ sagte ich gespielt entsetzt.
„Dann sei DU nicht so herzlos zu mir!“ Ich zog die Augenbraue hoch.
„Ach komm ist jetzt auch egal, lass uns abwaschen.“ Tom nickte und schnell war die Küche wieder sauber.
„Ich geh dann erst mal ins Bad!“ rief ich als Tom schon die Tür zu seinem Zimmer öffnete.
„Ok“
Im Bad angekommen, stellte ich mich erst mal unter die Dusche, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Die Verbände waren noch angelegt und ich hatte alle Mühe sie sorgfältig wieder auseinander zu binden. Der Anblick meiner geschundenen Knie rief bei mir ein Schwindelgefühl hervor.
Mit zitternder Hand wusch ich die Blutreste von meinen Beinen. Die Wunde war schon etwas verheilt und so stellte ich die Dusche an.
Das Wasser brannte auf der Verletzung und so war ich in Bruchteilen von der Zeit, die ich sonst brauchte, fertig.
Die blauen Flecken und Blutergüsse verheilten langsam und waren jetzt schon grün, anstatt blau oder rot. Mit einem Seufzer wickelte ich mir das Handtuch um, da „meine“ Sachen noch in Toms Zimmer lagen. Mit Gräuel dachte ich daran, dass ich bald noch mal in meine Wohnung musste um ein paar Sachen herauszuholen.
Ich öffnete die Badezimmertür und wollte grade schnell über den Flur huschen, als ich mit einer enormen Wucht mit Bill zusammenstieß.
„Hey hey nicht so stürmisch!“ Mit knallrotem Kopf lächelte ich ihn an. Seine Augen glitten über meinen nassen, aber vom Handtuch bedeckten Körper. Leider war das Handtuch etwas kurz und ging mir nur knapp bis unter den Arsch.
Um seine Lippen bildete sich ein verschmitztes Lächeln und er kam langsam auf mich zu. Was sollte das denn jetzt? Schnell lief ich in Toms Zimmer und schlug die Tür zu.
Bills verdatterten Gesichtsausdruck bekam ich nicht mehr mit und so stand ich schwer atmend in dem warmen Raum und versuchte mich zu beruhigen.
Was ist denn nur los mit mir? Es war doch nur Bill? Nur der „kleine“ Bruder von Tom.
Tom! Wo war er denn?
Ich kramte mir ein paar Sachen aus Toms Schrank und warf sie mir, mehr schlecht als recht, über. Die Hose rutschte allerdings immer runter und so beschloss ich sie auszulassen. Aber ganz ohne Hose war natürlich auch schlecht.
Ja ich musste wohl oder übel noch mal zu Bill. Nur mit Tanga und T-Shirt bekleidet schlüpfte ich in den Flur und wollte grade an Bills Zimmertür klopfen als ich Toms Stimme hörte.
Leise schlich ich den Flur entlang und ging stellte mich auf die vorletzte Stufe der Treppe um, um die Ecke sehen zu können. Da stand er, er und Toms Mom. Sie schienen sich zu streiten. Tom hob alle zwei Sekunden abwehrend die Hände und Simone hatte ihre in die Seiten gestemmt. Ich lauschte angespannt und konnte einige Sätze aufschnappen.
„Du hast es ihr noch nicht mal gesagt? Tom wie viele Herzen willst du eigentlich noch brechen?“ Simone sprach im harten Ton.
„Was soll ich denn bitteschön machen?“ Auch Tom wurde bei jedem Wort lauter.
„Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit der Wahrheit? Tom, du bist 16 Jahre, du kannst nicht ewig so weitermachen und rücksichtslos jeden verletzen, der deinen Weg kreuzt!“
„Ich belüge keinen! Die Mädchen wussten immer worauf sie sich einlassen!“
Simone wurde etwas sanfter und legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Doch Tom... Du belügst dich selber...“
Tom riss sich los. Völlig aufgebracht kam er auf mich zu. Wie vom Blitz getroffen sauste ich die Treppen hoch und verschwand leise in Toms Zimmer.
Mein Herz raste, hatte doch mich bemerkt? Und was hat er mir noch nicht gesagt?
Meine Gedanken überschlugen sich, doch viel Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, denn Tom stand mit einem Mal vor mir...


Ich wendete mich ab und setzte mich aufs Bett. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Langsam zog ich das XXL-Shirt über meine Knie, die noch immer verschürft waren.
Tom setzte sich neben mich und schwieg, wie sooft in letzter Zeit.
Er starrte die gegenüberliegende Pinnwand an, die Handynummern, die Nummer der vielen Mädchen, die Tom wahrscheinlich alle flachgelegt hatte.
Auf einmal stürzte er hoch.
Wie im Wahn riss er die Pinnwand herunter und zerriss die vielen kleinen Blätter. Papierschnipsel flogen durch die Luft und Toms plötzlich aggressives Verhalten machte mir Angst.
„TOM!!“ schrie ich, doch er schien mich nicht zu hören. Immer wütender zerstückelte er jede einzelne Nummer und warf sie auf den Boden.
Ich stand auf, ängstlich, aber doch wollte ich ihn beruhigen. Diese Raserei von ihm ließ mich zusammenzucken und ich hielt, 20 Zentimeter von ihm entfernt, an.
Seine braunen Augen blitzten mich an, doch er hörte auf. Geknickt ließ er die Pinnwand fallen und nahm mich in den Arm.
Seine Wangen waren feucht.
Er ließ mich los und setzte sich wieder aufs Bett.

„Findest du dass ich ein Heuchler bin?“ fragte er mich nach einer gewissen Zeit.
Ich sah ihn nur an. Ich wusste es nicht. Ich konnte es ihm nicht sagen, dafür kannte ich ihn zu kurz. Ich wusste nicht was in ihm vorging.
Ich sagte nichts, sondern senkte nur meinen Kopf.
Verletzt schaute auch er weg.
„Du denkst es also auch...“ sagte er jetzt in einem verächtlichen Ton.
„Nein Tom...“versuchte ich es ihm ruhig zu erklären.
„Denkst du es ist alles meine Schuld, dass ich niemanden lieben kann? Denkst du es gefällt mir mit anzusehen, wie etliche Mädchen nach einer „Beziehung“ mit mir zugrunde gehen? Denkst du ich will das?“ Plötzlich stiegen ihm die Tränen in die Augen und er versuchte erst gar nicht sie zurück zu halten.
„Wieso scheint alle Welt zu denken, sie wüssten besser über mich Bescheid als ich selbst?“
Er stand wieder auf und ging auf den Balkon. Ich wusste nicht ob ich ihm folgen sollte. So tiefe Gefühlsausbrüche habe ich bis jetzt bei ihm noch nie erlebt und ich wusste nicht wie ich damit umgehen sollte.
Ich erhob mich und stellte mich hinter ihn. Eigentlich wollte ich ihn beruhigen, wollte ihm sagen, dass er Recht hatte, doch meine Lippen formten andere Wörter.

„Hast du Gefühle für mich, Tom?“
Ich wusste selber nicht, warum ich dies sagte, doch diese Frage schwebte mir schon etliche Tage durch den Kopf.
Gespannt wartete ich auf eine Antwort...

Er drehte sich um und seine feuchten Augen sahen mich traurig an.
„Liv..“ fing er an und jegliche Hoffnung auf ein Gefühl von ihm war zerstört. Ich wusste selber nicht ob ich ihn liebte, aber ich hatte doch gehofft es von ihm zu hören.
„...ich weiß nicht wie Liebe ist aber ich hatte noch nie so starke Gefühle für ein Mädchen, wie für dich.“
Er nahm mich in den Arm.
„Du gibst mir so ein Gefühl der Wärme... Wenn du nachts neben mir liegst und ich deinen Atem auf meiner Haut spüre, ist es als ob ein warmer Sommerregen meine Sinne streift. Sooft lieg ich abends wach und horche auf deine regelmäßigen Atemzüge, wie sich dein zarter Körper leicht hebt und senkt und immer wieder berühre ich deine Wange um wenigstens einen Teil von dir zu spüren...“
Mein Atem stockte. So empfand Tom für mich? Noch nie hatte jemand seine wahren Gefühle mir gegenüber geäußert. Ich wusste nicht wie man damit umgeht. Reglos stand ich einfach vor ihm und atmete durch den leicht geöffneten Mund.
Warum hatte ich bloß solche Angst meine Gefühle zuzulassen, warum?
Mit zitternden Händen löste ich mich aus seiner Umarmung und trat einen Schritt zurück.
Traurig sah mir Tom dabei zu, in der Gewissheit, dass ich seine Gefühle nicht erwidern könne.
Mit Tränen in den Augen verließ ich das Zimmer und setzte mich vor seine Tür. Mit angewinkelten Knien und den Kopf auf sie gestützt, wurden meine Wangen langsam feucht. Etliche Minuten saß ich so da, etliche quälende Minuten in denen ich nicht wusste was ich machen sollte.
Was ist nur los mit mir? Tom hat Gefühle für mich und ich? Ja es waren Gefühle aber würden sie reichen?
Zwei zierliche Hände packten mich fest an den Schultern und zogen mich hoch. Ich schaute, tränenverschmiert, in Simones ernstes Gesicht.
„Hat er es also wieder einmal geschafft.“ Kopfschüttelnd ließ sie mich los.
Sie meinte Tom. Ich wurde wütend. Warum dachte sie nur so von ihrem eigenen Sohn?

Kapitel 18


„NEIN!“ schrie ich sie etwas lauter als gewollt an. Überrascht drehte sie sich um und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Nein!“ sagte ich noch mal nachdrücklich.
„Tom ist ein wunderbarer Mensch.“ Und wieder kämpfte ich mit den Tränen.
„Es gab noch nie einen Menschen der soviel für mich getan hat wie Tom. Er war da als ich ihn brauchte, versorgte und beschützte mich UND...“ Ich erinnerte mich an Simones Worte „...er ist NICHT rücksichtslos. Er ist der sanfteste Mensch den ich kenne!!!“
Ich weiß nicht was mich geritten hat, Simone so anzuschreien und ich weiß auch nicht warum ich diese Worte ausgesprochen habe. Ich konnte es nicht mitanhören, dass Tom die Schuld für seine Gefühle gegeben wurde. Diese Gefühle, die meinen so ähnelten.
Verblüfft starrte mich Simone an und wendete sich dann, nach ewigen Sekunden, von mir ab. Taumelnd lief sie die Treppe hinunter und würdigte Bill, der grade hochkam, keines Blickes.

„Was ist denn hier los?“ fragte er völlig unschuldig und mit einem leichten Grinsen im Gesicht, das jedoch auf Grund meiner Tränen sofort erstarb.
Ich schüttelte nur den Kopf, ich wollte es ihm nicht erklären, nicht jetzt.
„Kann ich mir mal eine Hose von die leihen?“ fragte ich ihn völlig erschöpft, da ich immer noch in Tanga und T-Shirt war. Er nickte schnell und ging in sein Zimmer. Ich folgte ihm.
Bills Zimmer war viel ordentlicher als Toms. Die Wände wurden in schwarz-rot gehalten und das restliche Zimmer ebenso.
„Gibst du dich auch mit meiner alten Latzhose zufrieden?“
Ich lächelte „Klar“
Die Hose passte und ich ließ die Träger locker runter hängen.
„Ach ein T-Shirt wäre vielleicht auch nicht schlecht.“ Bittend sah ich ihn an, doch er kramte schon ein weißes, enganliegendes Achselshirt hervor.
Ich drehte mich um zog das lange Shirt von Tom aus. Ich hörte wie Bill die Luft einsog und eisern schwieg. Schnell streifte ich mir Bills Shirt über und war erfreut als auch dieses passte.
Zufrieden begutachtete ich mich im Spiegel und küsste Bill sanft auf seine Wange.
„Danke“ flüsterte ich und verließ das Zimmer.
Ich stand im Flur, unschlüssig wo ich als nächstes hin sollte. Ich entschied mich für Toms Zimmer. Leise klopfte ich an und Sekunden später stand auch schon Tom vor mir.
„Seit wann klopfst du an?“ fragte er mich mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck.
Seine Tränen waren getrocknet und nichts deutete darauf hin, dass er soeben einen wüsten Gefühlsausbruch hinter sich hatte.
Ich zuckte nur mit den Schulter und trat hinein.
Wieder schwiegen wir uns an. Ich setzte mich auf einen Sessel und beobachtete ihn.
„Bill alte Sachen?“ fragte er wie aus dem Nichts. Ich nickte, er seufzte.

„Ich hab vorhin gehört was du zu meiner Mom gesagt hast...“
Erschrocken blickte ich ihn an, worauf er leicht lächelte.
„Danke...“ hauchte er unter seinen bebenden Lippen hervor.
Langsam schritt er auf mich zu. Ich suchte mit meinen Augen irgendeinen Punkt, den ich anstarren konnte, doch ich fand keinen. Tom stand jetzt direkt vor mir. Meine Augen suchten immer noch panisch. Er kniete sich zu mir nieder und ich war gezwungen ihm in seine wunderschönen Augen zu sehen.
Mein Atem ging schneller, meine Hände zitterten und ich nahm nur noch ein merkwürdiges Rauschen in meinen Ohren wahr.
Er nahm mein Gesicht in beide Hände und schloss seine Augen, wie ich.
Ich spürte seinen heißen Atem näher kommen und mir wurde ganz warm. Unsere Lippen berührten sich, ja verschmolzen miteinander. Sein Piercing kitzelte.
Sachte öffnete er den Mund und schob seine Zunge vorsichtig in meinen. Seine Hände wanderten weiter in meinen Nacken und er schob mich näher zu sich.
Unsere Zungen spielten leidenschaftlich miteinander und die tausend Schmetterlinge in meinem Bauch flatterten aufgeregt durcheinander.
Es war der leidenschaftlichste, vollkommenste Kuss den ich je erlebt hatte.
Tom zog mich hoch, sodass wir uns jetzt gegenüber standen. Meine Hände gleiteten zu seinem Hintern.
Doch plötzlich hob er mein Shirt leicht hoch und krabbelte mit seinen Fingern über meine nackte Haut. Angstgefühle durchströmten mich, doch ich konnte mich nicht loswenden von Tom. Bitte, bitte nicht Tom.
Ich begann wieder zu zittern. Bitte Tom, hör auf, schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Zerstöre nicht diesen Augenblick.
Er ließ sie sinken und strich mir über den Rücken. Dankend atmete ich aus und öffnete die Augen. Tom lächelte mich an. Dieses Lächeln sagte mehr als tausend Worte...

Ein zögerliches Klopfen, riss uns aus unseren Gedanken?
„Ja?“ sagte Tom und öffnete die Tür.
Simone stand mit gesenktem Kopf davor und stammelte leicht rum.
„Ähm... Tom es tut mir leid..“ sie lugte um die Ecke und sah mich mit einem kleinen Grinsen im Gesicht neben der Couch stehen.
„Ach habt ihr euch also schon ausgesprochen?“ Tom nickte, immer noch etwas ärgerlich über seine Mutter.
„...Und? Seit ihr jetzt zusammen oder..?“
Tom drehte sich abrupt um zu mir und ich zog die Augenbrauen hoch. Doch dann stand ich hoch, stellte mich neben ihn und drückte ihm einen kleinen Kuss auf den Mund.
„Kann man so sagen!“ grinste ich ihn an.
Tom schaute mich mit einer Mischung aus Freude und Überraschung an, fing sich dann aber wieder.
„Ja!“ lächelte er jetzt auch zu seiner Mutter.
Simone nickte und warf uns noch ein paar besorgte aber trotzdem zufriedene Blicke zu, bevor sie den Raum verließ.
Glücklich nahm Tom mich in den Arm, und ich erwiderte es. Wie lange ich mich danach gesehnt habe. All die lästigen Schulstunden und Pausen, die ich ihn beobachten musste, wie er mit einer anderen rummachte. Ich seufzte zufrieden und schmiss mich auf Toms Bett, worauf auch er einige Sekunden später, folgte.
Zufrieden kuschelte ich mich an ihn und schlang ein Bein um seine Hüfte. Mit einem Lächeln auf seinen süßen Lippen fing er an mein Bein zu streicheln, ganz sanft.
Meine Augen fielen zu und ich träumte seit Ewigkeiten, wie es mir vorkam, keine Albträume...


...Die restliche Woche verging wie im Fluge. Die Schulstunden wurden erträglicher, dank Toms lehrernervenden Unterbrechungen des Unterrichts. Nicht selten kam es vor, dass wie beide zum Direktor mussten. Ich eigentlich nur weil ich die Einzige bin, die über seine Streiche lachte (abgesehen von den 15 blonden Schlampen in unserer Klasse, die über jede Bewegung von Tom total hysterisch anfingen zu lachen, was mir allerdings immer noch ein Rätsel war).
Herr Birkling war schon drum und dran mich rauszuschmeißen, doch dank meiner überaus „fürsorglichen“ Mutter, die dieser Schule einen Haufen Geld gespendet hatte, übersah er einfach meine Missetaten.
Tom allerdings kam nicht so glimpflich davon. Nach 6 Tadeln, wurde er für drei Tage von der Schule suspendiert, was ich eher als eine Belohnung als eine Strafe ansah.
Für mich war es jedenfalls der Horror, drei Tage ohne Tom zur Schule zu gehen. Diese dämlichen Blondinen schauten mich an, als ob ich Tom gefressen hätte und ohne Unterbrechungen, kam mir jede Stunde doppelt so lang vor.

Simone dagegen schien weniger begeistert von Toms Sonderurlaub zu sein. Ich kam grade nach Hause, da hatten sie sich auch schon wieder in den Haaren.
„Wann wirst du endlich erwachsen, Tom Kaulitz!“ brüllte sie los, während Tom nur stur dastand.
„Ist doch nicht meine Schuld wenn mich alle Lehrer auf dem Kicker haben.!!“ Schrie auch Tom nicht grade leise zurück.
Verzweifelt hob Simone die Hände und ging wütend in die Küche.

„Hallo mein Schatz“ begrüßte ich Tom und drückte ihm ein Kuss auf seine zusammengekniffenen Lippen.
„Schlechter Tag?“ lachte ich und boxe ihm aus Spaß in den Arm.
„Hör bloß auf!“ antwortet er und schlurft erschöpft die Treppen hoch.
Lächelnd folge ich ihm, wie süß er doch ist. Sein in Baggypants hängender Hintern, wackelt mir bei jedem Schritt, lustvoll entgegen. Belustigt kneife ich rein.
„Hey!“ beschwert er sich lautstark und macht einen Satz nach vorn.
„Upsss...“ versuche ich mich zu beherrschen und zwinkere ihm unschuldig zu.
Er schüttelt nur grinsend den Kopf und pflanzt sich auf sein Bett.
„Und was machen wir heute?“
„WIR?! Du kannst dich gerne alleine vergnügen, ich hab Hausarrest!“
Ich stöhnte.
„Na toll!“
„Aber wir können uns ja auch hier beschäftigen...!“ grinste er mich an und hauchte mir einen seiner leidenschaftlichen Küsse auf die Stirn, doch ich drückte ihn weg.
„Och nö Tom. Ich will endlich mal wieder Party machen!“
Genervt ließ er seine Verführermaske fallen und sah mich mit leicht zusammengekniffenen Augen an.
„Schön, dann amüsiere dich eben mit BILL. Ihr scheint euch ja sowieso herrlich zu verstehen!“
Geschockt sah ich ihn an. Musste er jetzt so eine Eifersuchtsnummer schieben?
„Nur weil DU Scheiße gebaut hast, musst du mich jetzt nicht so dumm anmachen, OK?!!“ schrie ich ihn an.
Mit seinen herrlich braunen Augen , die mich schon fast wieder so weit hatten, dass ich mich entschuldigte, funkelte er mich zornig an und verschwand kurze Zeit später ins Bad. Die Tür fiel scheppernd ins Schloss und ich schmiss mich aufs Bett.
„Kerle...“ seufzte ich und starrte an die Decke.
Müssen auch alles komplizierter machen, als es eigentlich ist. Ich schloss meine Augen und hörte wie leise die Tür geöffnet wurde.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Schon süß wie er versucht sich zu entschuldigen.
Ich hörte Schritte und wie sie langsam neben dem Bett zum Stillstehen kamen. Meine Augen waren noch immer geschlossen und mein Grinsen wurde immer breiter.
Sachte legte er sich neben mich und strich mir die zersausten Haare aus dem Gesicht. Ich legte meine Hand an seinen Nacken und zog ihn zu mir runter.
Unsere Lippen trafen sich und verschmolzen verlangend miteinander. Doch irgendetwas fehlte aber ich wusste nicht was.
Meine Zunge glitt sanft über seine Oberlippe und stupste sie vorsichtig an, sodass er seinen Mund öffnete. Vorsichtig bewegten sich unsere Zungen, im Gleichtakt. Sein Piercing brachte die kleinen Schmetterlinge in meinem Bauch zu fliegen und...
MOMENT! PIERCING???

Kapitel 19


Geschockt öffnete ich die Augen...
„BILL?!“ ungläubig starrte ich ihn an.
„Wa.. Was tust DU denn hier?“ verzweifelt schubste ich ihn von mir weg und hoffte inständig dass Tom diese Szene nicht bemerkt hatte. Immer noch über mir gebeugt, konnte ich sein rasendes Herz pochen hören und fast, aber nur fast, tat er mir ein bisschen leid.
„Ich.. ich wollte nur... ich weiß nicht...“ stammelte er verlegen ohne sich auch nur einen Zentimeter zu rühren.
Ein lautes Räuspern ließ ihn hochschrecken. Oh Gott, was war das nur für ein Tag. Tom stand, mit hochrotem Kopf, an der Tür und blickte voller Hass zu Bill.
Oh Nein, bitte lass es ihn nicht gesehen habe, bitte nicht.
„Runter von meiner Freundin!“ schrie Tom und riss Bill am T-Shirt unsanft nach hinten.
Ich schlug die Hände vors Gesicht.
„Beruhig dich Alter!“ meldete sich jetzt endlich Bill zu Wort.
„Beruhigen? Was zum Teufel habt ihr denn da gemacht?“
Ich lugte zwischen meinen Fingern hervor. Er hatte es nicht gesehen? Er hatte es nicht gesehen. Viel zu laut atmete ich aus, worauf alle Blicke auf mich gerichtet waren.
„He? Was habt ihr gemacht?“ fragte Tom, aber schon weniger aggressiv.
Panisch suchte ich nach einer Notlüge: „Er ist gestürzt, hier...“ und zeigte eine leere Red Bulldose hoch „... du solltest echt mal aufräumen.“
Misstrauisch nahm er die Dose und warf sie in den Mülleimer.
Dankend sah mich Bill an und am liebsten hätte ich ihn erwürgt. Was sollte das denn? Mich einfach so zu küssen.
Doch dann überfiel es mich. Ich hatte den Kuss erwidert und ich wusste was gefehlt hat. Toms Unterlippenpiercing. Nein, ich hab es ja nicht bemerkt, oder?
Schweigend sah Tom mich an. Dieser durchdringende Blick machte mich ganz nervös. Als ob er mich scannen könnte. Ich wendete meinen Blick von ihm ab.
„Na gut ich geh dann mal. Wollte eigentlich nur fragen ob ihr Lust habt mit ins Alex zu kommen.“ Sagte Bill und hoffte wahrscheinlich auf Ablehnung.
„NEIN!“ schrie ich ihn fast an.
Tom zog seine Augenbrauen hoch und sah mich irritiert an.
„Eben wolltest du doch noch Party machen?“
„Ja das hat sich eben geändert.“ Lächelte ich ihn so unschuldig wie möglich an.
Bill zuckte nur mit den Schultern und ging endlich. Erleichtert atmete ich aus.
„Die Polizei hat angerufen“ unterbrach Tom die Stille.
„Wann?“
„Vor ein paar Minuten. Hast du nichts gehört?“
Ha als ob ich bei dem Geknutsche noch irgendwas mitbekommen hätte.
Scheinheilig schüttelte ich den Kopf.
„Sie haben Lenny vorläufig in Untersuchungshaft gesteckt. Bis jetzt hat er noch nichts zugegeben aber er wird nach dem Prozess wahrscheinlich in eine andere Stadt ziehen müssen, also brauchen wir uns keine Sorgen mehr um dieses Arschloch zu machen!“
Sanft legt er einen Arm um meine Schulter. Seine Wärme umfängt mich und gleichzeitig tritt mein schlechtes Gewissen wieder auf. Wie konnte ich Bill nur küssen, nach allem was Tom für mich getan hat?
Bill... Seine Haut war so zart und seine Küsse so süß..
Nein Livia. Nein! Er hat dich geküsst obwohl du das nicht wolltest.
Innerlich hätte ich schreien können. Was macht Bill nur mit mir?

...In den nächsten Tagen war ich schwer damit beschäftigt meine Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen. Ich ließ mir von meiner Mom neue Möbel liefern, tauschte die Schlösser aus, damit ich auch sicher gehen konnte dass Lenny nicht mehr in meine Wohnung konnte und ließ alles was kaputt geworden ist wieder reparieren, anschrauben und ersetzen.
Tom konnte mir nicht helfen, da er das ganze Wochenende noch Hausarrest hatte und von Bill wollte ich mir nicht helfen lassen.
Ich versuchte ihm so gut wie nur möglich aus dem Weg zu gehen, was sich als sehr schwierig erwies, wenn man unter einem Dach lebte.
Doch dieser eine Nachmittag wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dieser Kuss war einfach so... zärtlich gewesen. Wie sich seine sanften Lippen auf meine gelegt haben.
Sofort schaltete sich meine Vernunft wieder ein. Wie kann ich nur so was denken? Fassungslos schüttelte ich den Kopf und vergewisserte mich dass mich niemand sah.
Dieser Typ macht mich noch ganz verrückt.
Träge sammelte ich ein paar Sachen zusammen und bestellte mir ein Taxi, das mich zurück zu Tom brachte.
Ich hasste es noch immer, allein in dieser Wohnung zu schlafen. Immer wieder kehrten die Erinnerungen zurück und drängten sich in mein Bewusstsein, sodass ich völlig panisch umherlief, ohne Weg und Ziel. Selbst jetzt, wo Lenny in Untersuchungshaft saß und ich wusste dass er nicht zu mir konnte, überfielen mich Angstzustände als wäre er genau neben mir.
Simone hatte kleinlaut vorgeschlagen, dass ich mal einen Psychiater aufsuchen sollte, doch als ich deswegen fast an meinen morgendlichen Cornflakes erstickt wäre, schwieg sie lieber. Niemals würde ich auch nur einen Schritt über die Schwelle eines Seelenklempners machen, der sich ausschließlich damit beschäftigt seelische Störungen und winzig kleine Psychosen und Neurosen zu entdecken, wovon es bei mir wahrscheinlich Gott weiß genug von gab.
Nein dann lieber fast jede Nacht schweißgebadet aufwachen und sich ganz fest an Tom rankuscheln.

Ich klingelte und ein gut gelaunter Tom öffnete mir die Tür.
„Nanu? So gute Laune heute?“ fragte ich völlig erstaunt, da er die vorigen Tage mit einer griesgrämigen Schnute umherging.
„Meine Mom hat den Hausarrest aufgelöst und ist kurzerhand mit Gordon nach Hamburg gefahren. Wollen ins Musical oder so. Das heißt...“ er nahm mich in den Arm „..wir haben das ganze Wochenende für uns!“ Er strahlte mich an, wie ein kleines Kind, das nach Disneyland fährt.
„Super!“ rief ich und küsste ihn stürmisch.

Irgendetwas schlurfte die Treppen runter und kam auf der letzten Stufe plötzlich zum Stehen.
Ich drehte mich in Toms Umarmung so, dass ich zur Treppe blicken konnte und da stand er. Traurig und mit glasigem Blick starrte er uns an.
Ich löste mich aus Toms Umarmung.

„Hey!“ sagte ich und blickte zu Boden.
„Hey!“ antwortete auch er und schlurfte weiter Richtung Küche.

Er tat mir leid. Egal ob er mich geküsst hatte oder nicht. Ihn so leiden zu sehen, tat weh.
Tom zog mich an den Hüften wieder zu sich und versuchte mich weiter mit Küssen zu beglücken.
„Ähm... Vielleicht können wir Bill ja mitnehmen wenn wir was unternehmen. Ich mein er ist ja sonst ganz alleine zu Hause.“
Tom stutzte, wollte aber anscheinend keinen Streit mit mir anfangen.
„Meinetwegen!“ knurrte er und gab mir einen letzten flüchtigen Kuss auf die Stirn...

...Ich seufzte kurz und machte mich auf den Weg zur Küche, im Schlepptau meinen eifersüchtigen Freund.
„Bill...“ fing er an als wir sie grade erreicht hatten. Doch Bill suchte anscheinend angestrengt im Kühlschrank etwas zu essen, obwohl der eigentlich immer voll war.
„BIHILL!!“ schrie Tom ihn an, der augenblicklich die Augen aufriss und den Teller mit der restlichen Pizza fallen ließ. Tausend Scherben verteilten sich binnen kürzester Zeit auf den Boden.
„Was?!“ fragte er völlig verdattert als ob er aus einer Art Trance erwachte.
„Hast du Lust heute Abend mit in Prinzz Club zu kommen?“
Ratlos sah er uns an und fing dann ziemlich dämlich an zu nicken.
„OK!“ riefen Tom und ich wie aus einem Mund, worauf wir anfingen zu lachen.
Bill blickte uns nur müde an und verschwand dann aus der Küche.
„Was er bloß immer hat frag ich mich!“ sagte Tom und zuckte die Schultern.

Kapitel 20


Ja was er bloß hat. Es war doch nur ein Kuss gewesen, nur ein Kuss.
Selbst wenn seine braunen Augen mir jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeikam, sehnsüchtige Blicke zuwarfen, selbst wenn mich ein leichter Schauer durchfährt, wenn ich sehe wie seine schwarzen, unbändigen Haare ihm verführerisch in sein zartes Gesicht fallen, es war nur ein KUSS.

Verzweifelt stiefelte ich die Treppen hoch und schloss mich ins Bad ein. Jetzt war erst mal Fertigmachen angesagt und dabei kann ich normalerweise wirklich keinen einzigen Moment an etwas anderes denken, als mein Aussehen. Ganz konnte ich dieses egozentrisch-eitle Wesen eben doch nicht ablegen.
Langsam schlüpfte ich aus meinen Klamotten und stellte mich, wie sooft, vor den großen Badezimmerspiegel.
Die blauen Flecke und Blutergüsse waren verschwunden. Eine bräunlich-glänzende Haut strahlte mir wieder entgegen. Als einziges Andenken an diese grauenvolle Nacht behielt ich eine winzige Narbe an der rechten Seite meiner Stirn. Sie stach weiß hervor auf der sonst so makellosen Haut und ich ärgerte mich tierisch darüber. Nicht dass sie mich sonderlich entstellt hatte, aber diese Narbe erinnerte mich jedes mal, wenn ich sie betrachtete, an die grässlichen Einzelheiten dieser Nacht.

Ich stieg in die Dusche und ließ den heißen Strahl auf mich niederprasseln. Als ich schließlich völlig verschrumpelt die Dusche wieder verließ, hüllte ich mich in ein extra großes Handtuch ein und föhnte meine Haare glatt, da sie sonst zu allen Seiten abstehen würden.
Zufrieden und immer noch mit dem Handtuch verhüllt, tapste ich hinaus auf den Flur.

„Hey hey Schönheitskönigin. Ein Wunder dass du überhaupt noch Haut hast, solange wie du duschst.“ Tom kam mir entgegen, mit einem breiten Grinsen auf seinen wunderschönen Lippen.
Ich schmunzelte nur und zog ihn näher zu mir ran. Seit dem kleinen Zwischenfall hatten wir nicht mehr miteinander geschlafen und ich glaube er sehnte sich danach, endlich wieder meinen Körper spüren zu können, doch er musste wohl noch etwas warten.
„Ist das Bad frei?“ ein ungeschminkter und völlig zerzauster Bill trat aus seinem Zimmer und bahnte sich einen Weg ins Bad.
Ich nickte und zog Tom mit in sein Zimmer.
Warum hab ich bloß gesagt dass er mitkommen sollte. Es würde die Hölle werden, heute Abend.
„So was ziehen wir denn heute Abend an?“
„Wir?“ fragte Tom und sah mich irritiert an.
„Das sagt man so“ lachte ich und gab ihm eine Kopfnuss. Ärgerlich wühlte er in seinem Schrank und suchte sich eine viel zu große Hose (was für ein Wunder), ein weißes Vokal Shirt raus und passend dazu ein weißes Cappi mit einem schwarzen Tuch darunter, und zog sich um.
Ich beobachtete ihn, leicht wehmütig. Wenn ich nur endlich wieder diese zarte Haut spüren könnte, seine geschmeidigen Lippen auf meinem Körper. Ein angenehmes Kribbeln durchfuhr mich und ich lächelte ihn kurz an, was Tom allerdings nicht realisierte. Er war zu sehr damit beschäftigt, seine Mähne unter dieses Cappi zu stopfen.
„Tada!!!“ strahlte er mich an, als er dann letztendlich auch die letzte seiner Dreads unter die Haube gesteckt hatte.
Mit einem seiner Ich-krieg-jede-rum-Blicke kam er wie Germanys next Topmodel auf mich zugewatschelt und ich konnte mich vor Lachen kaum halten.
„Perfekt“ prustete ich laut lachend hervor und zog ihn zu mir aufs Bett.
„So und jetzt ich“
Erschreckt verzog er das Gesicht.
„Den ganzen Koffer?“ fragte er hilflos.
„Nein!“ beruhigte ich ihn.
„Puhhh“ er atmete aus und fasste sich ans Herz.
„Nur solange bis ich was gefunden habe, was mir gefällt..“
Er stöhnte. „Womit hab ich das verdient?“
„Mit mir!“ antwortete ich ihm und zog schon mal das erste Outfit heraus.
Die nächste halbe Stunde wurde zu einer reinen Nervenprobe für Tom. Ich probierte weitere 10 Outfits an, bei denen er entweder nur müde den Kopf schüttelte oder den Daumen in die Höhe streckte, was mir aber auch nicht groß weiterhalf.
„Tom du bist keine große Hilfe, wenn du mich nicht mal anguckst, wenn ich dir was zeige.“
„Hase.. wir haben noch eine Viertelstunde ehe wir uns mit den Anderen treffen und es ist völlig egal was ich zu dir sage, du hörst sowieso nicht auf mich. Und außerdem hab ich es satt, ständig zu spät zu kommen weil irgendwelche Divas nicht fertig werden?“
„Was soll das denn heißen? Irgendwelche Divas?“
„Bill... er braucht mindestens genauso lange wie du.“
„Ok ok ich beeil mich ja!“ genervt nahm ich das erste Outfit und zog mich an.

Ich trug einen hellblauen Jeansminirock, meinen schwarzen Triangelbikini und darüber ein pinkes Netzshirt. Man konnte ziemlich viel Haut sehen aber das war mir bei der Wärme in diesen überfüllten Discos eigentlich ziemlich egal.
Meine Haare band ich mir zu einem Zopf, der mir seitlich über die linke Schulter fiel.
„Stiefel oder High Heels?“ fragend sah ich Tom an, der mich aber nicht mal ansah.
„Stiefel“ rief er, die Hände auf die Augen gepresst und schon wieder halb am Einschlafen.
Ich runzelte die Stirn und entschied mich für die High Heels.
Schnell noch etwas dezenten Lidschatten, Wimperntusche und hellen Gloss und...

„Fertig!“ brüllte ich das gesamte Haus zusammen und Tom guckte müde hoch.
Doch als er mich sah, fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf.
„Du... Das ist... HEIß!! Süße!“ Ich verdrehte die Augen vor soviel männlicher Bewunderung.
„Danke!“ grinste ich und zog ihn zu mir hoch.
Ich konnte seine Begierde in seinen Augen ablesen. Am liebsten hätte er mir die Klamotten allesamt wieder vom Leibe gerissen, doch er beherrschte sich und gab sich damit zufrieden einen sehnsüchtigen Blick in mein Dekolté zu werfen...

„Dann kann’s ja endlich losgehen“
„Ja sofort!“ schnell kramte ich noch ein bisschen Geld, Handy und sonstige Kleinigkeiten die man für einen ausgiebigen Discoabend brauchte, zusammen und ging raus in den Flur, wo auch schon Bill und Tom warteten.

Mir blieb die Luft weg als ich Bill in diesem unheimlich engen und zerrissenen Jeans sah. Seine Augen waren schwarz umrandet und hatten einen so schmerzlichen Ausdruck, dass es mir fast das Herz zerriss. Über dem enganliegenden Shirt, trug er eine schwarze Lederjacke auf der irgendein chinesisches Zeichen oder so draufgestickt war. Es sah aus, wie selbstgemacht aber mir gefiel es.

„Auf geht’s“ rief ich gespielt gutgelaunt und griff nach Toms Hand, die sich sofort mit meiner verhakte.
Das Taxi, was wir vorher noch bestellt hatten, kam nicht pünktlich und so standen wir, auch wenn es schon Anfang Sommer war, zitternd in der nächtlichen Kälte.
Die Laune sinkte immer mehr in den Keller und ich fror ungemein. Doch als ich mich etwas an Tom rankuscheln wollte, machte er nicht mal annähernd Anstalten einen Arm um mich zu legen.
„Liv, ich hab nicht mal genug Wärme um mich selbst zu wärmen!“ sagte er und verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Na toll“ gab ich gekränkt zurück und bestrafte ihn mit einem meiner bösesten Blicke.

Etwas berührte sanft meinen Nacken, erschrocken drehte ich mich um.
Bill legte seine, eben noch getragene, Lederjacke um meine Schulter und guckte mich erwartungsvoll an.
„Oh danke!“ bemerkte ich nur knapp und sah peinlich berührt auf den Boden.
Tom verdrehte, wie sooft, seine Augen und sagte gar nichts mehr dazu.

Minuten später erschien das Taxi und wir quetschten uns zu dritt hinten rein.
„Prinzz Club“ sagte ich schnell, als ich merkte dass die anderen beiden eisern schwiegen.
Na das konnte ja ein toller Abend werden.
Dunkle Straßen und Laternen huschten an unseren Augen vorbei, bis wir vor einer lärmenden Eingangshalle zum Stehen kamen.
Die Warteschlange war vor dem Club war ziemlich lang, was unsere Laune nicht wirklich verbesserte.
Seufzend bezahlten wir das Taxi und stellten uns an.

Die Leute starrten uns alle komisch an, was mich irgendwie irritierte.
„Was haben die denn alle?“ fragte ich völlig perplex in die Runde.
Tom und Bill schauten sich einen kurzen Moment tief in die Augen, zuckten dann aber nur mit den Schultern und drängelten sich weiter vor.
Nach zwanzig schier unendlichen Minuten standen wir endlich in einem völlig überfüllten Nebenraum der Disco und versuchten in die riesige Halle vorzudringen.

„Hey!!“ Gustav und Georg waren soeben zu uns gestürmt und halfen so gut wie möglich die undurchdringliche Menschenmasse zu passieren.
Völlig erschöpft ließen wir uns auf eine freie Couch fallen, die Georg und Gustav vorsichtshalber noch frei gehalten hatten.
„Oh Gott, nächstes Mal gehen wir doch lieber wieder in einer unserer schönen kleinen Clubs.“ Sagte Tom und warf sich neben mich aufs Sofa.
Stumm nickte ich ihm zu.
Meine Kehle kratzte und war tierisch trocken.
„Soll ich uns was zu trinken holen?“ fragte ich und versuchte schon mal mit meinen Augen mir einen Weg durch das Gewühle zu bahnen.
„Ja!“ stimmten alle zu und wenig später kam ich mit einem voll beladenen Tablett mit Vodka Bull, Sex On The Beach, Tequila und sonstigen alkoholischen Getränken auf unsere Couch zugesteuert.

„Du bist ein Traum“ grinste mich Tom an und nahm sich schon mal zwei Gläser.
Ich lächelte ihn nur an und trank meinen Vodka-O.
Die Stimmung war gut und ich wollte endlich tanzen.
„Komm schon Tom!“ bettelte ich vergebens als dieser streikte.
„Ich kann nicht tanzen Schatz!“ war sein einzigstes Argument.
Verzweifelt sah ich die anderen drei Jungs an und auch sie hoben kopfschüttelnd ihre Hände.
„Dann geh ich eben alleine..“
Zu heißen Rhythmen schwang ich meinen Hintern auf die Tanzfläche und versuchte die nervenden Blicke der eifersüchtigen Mädels einfach zu ignorieren.
Es war brechend voll und tierisch heiß und ich war froh, ein nur sehr kurzes und luftiges Oberteil zu tragen.
Ich sah mich um.
Einige wenige Jungs tanzten, oder zumindest sollte es das darstellen. Allesamt hoben sie ihre Hände in die Luft und grölten ab und zu ein paar dämliche Sprüche, die ich aber auf Grund der allgemeinen Lautstärke nicht verstand.
Die Mädchen tanzten teilweise so nuttig, dass es mich wunderte, sie nicht in einer anderen Szene anzutreffen. Ich konnte nur den Kopf schütteln und suchte nach Leuten die ich kannte.
Schon wenige Minuten später sah ich auch eine, was mich aber nicht unbedingt erfreute.
Diese dämliche blonde Schlampe, äh.. Denise, die Tom am ersten Tag nach unserem Streit an seiner Backe kleben gehabt hat, watschelte da mit mindestens fünf anderen Freundinnen, die ihr allesamt sehr ähnlich waren, rum und kräuselte ihre langen Laukern, wie üblich über ihren Finger.
Sogar durch diesen Lärm konnte ich ihr hysterisches Lachen hören. Zum Kotzen.
Doch das Lachen wurde immer lauter, oh nein... sie wird doch nicht.
„Na Schlampe?“
Genervt drehte ich mich um und sah in die gehässig dreinblickenden Augen von Denise.
„Was für eine Freude!“ lächelte ich gekünstelt und wollte mich umdrehen, doch sie hielt mich am Handgelenk fest.
„Bist du bescheuert?“ rief ich und schlug ihre Hand weg.
„Immer ruhig du Miststück... Ist Tom auch hier?“
Verwundert sah ich sie an. Kann ihr doch egal sein, ob MEIN Freund da ist oder nicht.
„Pass auf“ fing ich an und fuchtelte wütend mit meinem Zeigefinger vor ihren Augen rum „wenn du glaubst, Tom wäre noch mal so verzweifelt, sich mit einer wie dir abzugeben, dann muss ich dich leider enttäuschen!!“
Wissend lächelte sie mich teuflisch an. Das gefiel mir nicht, ganz und gar nicht.
„Schätzchen, denk bloß nicht, dass Tom sich noch lange mit dir abgibt. Ich kenne ihn, wahrscheinlich schon zehnmal so lang wie du und glaub mir, früher oder später ist er weg, ja weg und du bist wieder alleine. So hat er es bis jetzt gemacht und so wird er es auch immer machen. Glaub nicht du bist was Besonderes. Du bist ein Spielzeug für ihn, mehr nicht.“

Wow, das saß. Aber dennoch wollte ich es nicht glauben. Egal wie er früher war, er ist NICHT so. Nein auf keinen Fall. Nicht so wie ich ihn kennen gelernt habe.

Kapitel 21


„Schließ nicht von dir, auf Andere!“ konterte ich noch schnell und verließ die Tanzfläche.
Ich ging zu Tom, der schon ziemlich angeheitert war und setzte mich neben ihn.
„Nahhhh Puppe..!!“ Ich zog eine Augenbraue hoch, worauf die gesamte Mannschaft anfing höllisch zu lachen. Sie hatten wahrscheinlich schon mehr getrunken als ich dachte.
Tom lallte schon ganz schön und ich hatte echt keine Lust ihn nachher nach Hause zu schleppen.
Der Einzige der noch nicht 1,8 im Kessel hatte, war wohl Bill, der immer noch starr auf der Couch hockte.
„Iich jeh mal füüür kleine Toms!“
„Tommmys!!“ schrieen Gustav und Georg hinterher und fingen wieder herrlich an zu lachen. Langsam torkelte Tom davon und ich hielt mir nur die Hand vors Gesicht, wie konnte man sich in kürzester Zeit, so schnell betrinken? Unbegreiflich!
Georg hakte mich in die Seite ein und schunkelte zu „Pump It“ im Gleichtakt.
Gustav schien es irre witzig zu finden und hielt sich vor Lachen seinen Bauch.

Mir war das alles ziemlich peinlich, denn viele Leute drehten sich bereits zu uns um, und als Georg auch noch mitsang schüttelten sie nur die Köpfe.
Peinlich berührt nahm ich noch ein Glas von dem schon wieder gefüllten Tablett und wollte erst mal frische Luft schnappen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte.
Der Kampf mit den Massen war schwieriger als erwartet, doch ich schaffte es und stand wenige Meter vom Prinzz Club entfernt an einer Ecke und atmete die mehr oder weniger frische Luft ein.
Doch anstatt mein Gehirn mal ein wenig durchzulüften, wurde es allmählich ziemlich schwummrig um mich. Das Sex on the Beach in meiner Hand schmeckte aber zu gut um es einfach wegzukippen und so trank ich weiter.
Dumpfe Schritte hinter mir, ließen mich aufhorchen und erschrocken drehte ich mich um.
„Wir müssen reden, Liv!“
„Bill! Hast du mich erschreckt!“
Seine Augen waren glasig und anscheinend hatte auch er einen über den Durst getrunken.
„Ich kann so nicht weitermachen..“
Oh nein. Ich wusste was jetzt kam, und ich wollte es nicht hören.
„Bill hör zu...“
Doch er dachte nicht daran mir zuzuhören sondern stellte sich noch näher neben mich, sodass ich seinen Atem hören konnte.
Schnell sog er die Luft ein und schnell pustete er sie wieder aus. Mein Herz hämmerte wie wild gegen meine Rippen und der Alkohol vernebelte mein Gehirn.
Er nahm meine Handgelenke und führte seine Lippen zu meinem Ohr.
„Weißt du wie es schmerzt, wenn ich euch zusammen sehe? Wie glücklich ihr seit wenn sich eure Lippen treffen. Dieses Glitzern in euren Augen wenn ihr euch nur berührt. Es bringt mich völlig um den Verstand...“
Es war nur ein Flüstern, nur ein Wispern und doch kribbelte es am ganzen Körper. Bill sah mich durchdringlicht an und ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden.
„Versteh mich nicht falsch, Tom ist mein Bruder und wahrscheinlich der wichtigste Mensch in meinem Leben aber...“
Er stockte. Mein Atem war unkontrolliert und ich hatte Angst jeden Moment zusammenzubrechen. Seine Hände waren immer noch fest um meine Gelenke geschlossen und auch sie zitterten.
„..ich.. ich hab mich in dich verliebt Liv!“

Ich riss die Augen auf. Das konnte doch nicht sein. Oh bitte lass es einen schlechten Traum sein.
Doch da stand Bill, so real wie nie zuvor. Seine trüben Augen auf mich geheftet.
Der Lärm der Disco war verflogen. Ich hörte nichts. Nur meinen und seinen Atem. Ganz nah beieinander.
Immer näher kamen seine Lippen. Ich schloss die Augen.
Die vergangenen Tage flogen an mir vorbei, als wären sie Träume, die ich noch mal träumen muss. Lenny, Tom, BILL.
Bilder schossen durch meinen Kopf.
Tom und ich, in meinem Bett, in der Schule. Heiß und verschwitzt.
Lenny über mir. Seine Hand, das Blut...
Und dann.. Bill. Wie er über mir lag, mit weit aufgerissenen Augen und zitternden Händen. Sein Piercing, dieser Kuss.
Bill Lippen berührten die meinen, sachte öffnete er seinen Mund.
Tom! Er stand in der Tür. Es hätte alles vorbei sein können... ALLES!
Mit einem Schlag wurde mir das bewusst, wovor ich mich die ganze Zeit gesträubt hatte. Ich liebte Tom... ja ich liebte ihn, wie noch niemanden zuvor...
„Nein Bill!“ schrie ich und ging einen Schritt zurück.
Seine Hände lösten sich und hingen nun schlaff an seinem Körper.
„Ich kann das nicht. Ich kann Tom nicht so hintergehen. Ich will es nicht... Er vertraut mir...“
Bills Miene verfinsterte sich und ein höhnisches Lachen kam heiser aus seiner Kehle.
„ER vertraut dir? Vertraust DU ihm?“
Was meint er? Natürlich vertraue ich Tom. Ich sah Bill böse an. Warum musste er nur so über seinen eigenen Bruder reden?
„Was soll das Bill! Natürlich vertraue ich ihm...“
Ein Grinsen huschte über seine Lippen.
„Und er erzählt dir ALLES?“
„Ja!“ sagte ich fest entschlossen von der Richtigkeit.
„Dann hat er dir bestimmt auch erzählt, dass wir seit ungefähr einem Jahr mit unserer Band „Tokio Hotel“ so berühmt sind, dass wir in ausverkauften Hallen spielen und uns die Mädels praktisch zu Füßen liegen?!“
Ich lachte auf. „Ja klar Bill, träum weiter..“
Er trat einen Schritt auf mich zu und beugte sein Gesicht nah an meins. Seine Worte glichen eher einem Flüstern und mit jedem weiteren Satz aus seinem Mund, ballte sich die Wut und Verzweiflung in mir.
„Tom hat so viele Weiber flachgelegt, dass er sie selbst nicht mehr zählen kann. Hast du dich nie gewundert warum uns alle immer so anstarren? Hast du dich nie gefragt woher Tom fast jedes Mädchen an unserer Schule kennt? Glaubst du, sie mögen Toms innere Werte? Wohl kaum. Er ist ein Star Liv. Ein Star der jede Bequemlichkeit eines Stars ausnutzt wo es nur geht...“
„HÖR AUF BILL!!“ schrie ich. Ich konnte es nicht mehr mitanhören.
„Die Wahrheit tut weh, was? Ja so ist es. Tom verletzt viele Mädchen, zu viele...“
„NEIN! DU LÜGST!“ Tränen schossen mir in die Augen. Tränen des Zorns. Ich wusste dass Bill nicht log, es war offensichtlich gewesen, dass irgendetwas nicht stimmte mit den beiden. Und ich? Ich war zu blind es zu sehen. Ja zu blind. Benebelt von all den Gefühlsduseleien, benebelt von Toms Charme und seinem unwiderstehlichem Duft.
Es machte mich sauer. Sauer auf Tom und sauer auf Bill und sauer auf mich.
„Ich lüge nicht!“ wisperte Bill als ob er seine Worte bereits bereute.
Klar, der Alkohol gibt Sachen preis, die man sonst lieber verschweigen würde. Doch es war zu spät.

Bill berührte sanft meine Wange, doch ich schlug sie weg.
„Fass mich nicht an Bill!“
Wie im Wahn lief ich los. Rein in die Disco.
Und da stand er.
Mitten auf der Tanzfläche.
Mit Denise.
Eng umschlungen bewegten sie sich zu „Time of my life“.
Wie konnte er nur, wie konnte er mir das nur antun.
Ich drängelte mir einen Weg zur Tanzfläche. Ich rempelte Leute an, doch es war mir egal.
Noch zwei Meter dann war ich da.
Denise sah mich und blickte hoch. Unsere Blicke trafen sich. Oh diese Schlange.
Noch einen Meter und ihre Lippen umspielten ein hämisches Grinsen. Sie beugte sich runter.
Ich blieb stehen. Wage es dir nicht, oh nein wehe.
Mit ihrem Finger hob sie Toms Kinn an und führte ihre Lippen zu seinen. Gleich trafen sie sich. Mein Magen verkrampfte sich. Ich bekam kaum noch Luft...

Kapitel 22


„Spinnst du?!“ Tom funkelte Denise böse an und schubste sie einige Zentimeter von sich weg.
„Was soll das denn werden?“
Denise zuckte nur die Schultern und rempelte mich im Vorbeigehen an.
Irritiert drehte Tom seinen Kopf und erschrak. „Liv!“
Wütend stampfte ich auf ihn zu. Oh Tom, das war zuviel. Egal wie unschuldig du mich jetzt ansiehst, DAS war zuviel.
„WIE KONNTEST DU MICH SO HINTERGEHEN!!“ Ich schrie ihn an, mit voller Lautstärke und es war mir egal, dass mittlerweile die Musik ausgegangen war und uns alle Leute anstarrten.
„Was?! Ich hab doch nur mit ihr getanzt. Jetzt halt mal die Luft an...“
„ICH MEINE NICHT DIESE BILLIGE SCHLAMPE TOM!“
Hinter mir hörte ich ein wütendes Keuchen was offensichtlich von Denise stammte.
„Musst du hier jetzt so eine Szene machen?“
Ich glaubte meinen Ohren nicht. Was sagte er da? Ich ihm eine Szene machen?
Die Tränen flossen nur so über meine Wangen und brannten sich dort ein. Es waren Tränen der Enttäuschung. Wie konnte er mir das nur antun.
„Und ich habe dir vertraut... Ich SOLLTE dir vertrauen. DU HAST GESAGT ICH KANN DIR VERTRAUEN!!“ Ich schrie Tom an. All meine Wut und Verzweiflung kroch aus mir heraus und legte sich in diese Wörter. Sie taten so weh. Jedes einzelne Wort schmerzte in mir. Zu genau konnte ich mich daran erinnern.

„Versuch es einfach... Vertrau mir...!“

Genau das waren seine Worte. „Vertrau mir“ und ich war so naiv und hab ihm vertraut.
Tom schien immer noch nicht zu kapieren, warum ich so ausflippte. Er schaute mich mit einem ziemlich genervten Blick an und seine Augen flackerten, was wohl dem Alkohol zu verdanken war.
„Liv, ich weiß nicht was du hast aber können wir das bitte zu Hause klären?!“
Er wurde wütend, das sah man ihm an.
„Du kannst mich mal Tom! Vielleicht vergnügst du dich lieber mit deinen BANDKOLLEGEN...!“
Es war raus.
Tom sah mich an. Geschockt suchten seine Augen einen Funken Gefühl bei mir, doch vergebens.
„Liv... ich.. woher weißt du... ich mein, ich wollt es dir ja sagen aber...“
„HÖR AUF TOM!“ heulte ich. „Ich hab dir viel zu lang vertraut und wahrscheinlich auch viel zu viel anvertraut.“
„DU VERSTEHST DAS NICHT!“ schrie jetzt auch er. Doch es war keinesfalls mitfühlend, nein. Es klang aggressiv und verteidigend.
Doch es war mir egal. Die Wut war zu groß, als dass ich mir darüber Gedanken machte.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu, sodass ich ganz dicht neben ihm stand. Ich roch den verräterische Alkohol und flüsterte.
„Ich hoffe du hattest Spaß als du mich flachgelegt hast. Ich dachte du wärst anders Tom aber du bist genauso ein egozentrisches Arschloch wie-“ RUMMS
Ich knickte ein, meine Wange brannte.
Geschockt sah Tom zu seiner Hand....

...Minuten vergingen. Minuten in denen ich nicht wusste was eben passiert war. Ich kniete einfach nur da, umgeben von 200 Leuten, die mich allesamt begafften.
Ich horchte auf, doch da war nur mein Keuchen umgeben von allgemeinem Gemurmel.
Langsam kehrte die schmerzvolle Erinnerung zurück.
Tom, seine Hand.
Das Blut pochte in meinen Schläfen und nur mühsam hob ich meinen Kopf.
Da stand Tom. Sein entsetztes Gesicht, rief in mir nur noch mehr Hassgefühle hervor.
Wie konnte er mich nur schlagen, wie konnte er das nach all dem nur tun?
Was hab ich ihm denn getan?
Langsam kam er auf mich zugetorkelt. Er hatte eindeutig zu viel getrunken. Seine Augen huschten hilflos über die Menge und blieben an mir kleben.

„Liv... ich... es tut mir leid...“
„DU ARSCHLOCH!“ schrie ich und heiße Tränen rollten wieder über die bereits gerötete Wange.
Georg und Gustav, die die ganze Sache anscheinend mitangesehen haben, eilten nun zu uns herüber.
„Liv, ich wollte dich nicht schlagen“
Entschuldigend hob er seine Hand, doch ich zuckte zusammen und wich ihr aus.
„FASS MICH NICHT AN... NIE WIEDER!“
Doch Tom machte nicht Halt. Wie im Wahn kam er immer schneller auf mich zu, doch Gustav und Georg hielten ihn fest.
„LASST MICH LOS!!! ICH WILL ZU IHR!!“ Er schrie. Lauter als ich es je von ihm gehört hatte. Die beiden hatten alle Mühe ihn festzuhalten, da er jetzt auch wild um sich schlug.
„NEIN!!! ICH WILL ZU LIV!! LIVIA!! IHR ARSCHLÖCHER, LASST MICH LOS!“

Ich konnte das nicht mehr ertragen. Was kann Alkohol nur aus einem Menschen machen. Ich musste hier raus.
Raus aus der Disco.
Weg von Tom.
Weg von meinen Gefühlen.

Tränenverschmiert bahnte ich mir einen Weg durch die Menschenmasse und hörte noch Toms verzweifelte Schreie hinter mir.
„LIVIA!! KOMM ZURÜCK! NEIIIIIIN!! LASST MICH LOS. ICH MUSS ZU IHR!!“

Ich rannte und rannte.
Bloß weg von Tom.
Kühle Luft umfing mich und brachten leichte Würgreflexe zum Vorschein.
Keuchend sinkte ich in eine dunkle Ecke nieder und stützte meinen schmerzenden Kopf auf meine Knie.
Schluchzend und völlig erschöpft, hörte ich nicht die Schritte, die leise auf mich zukamen.
„Liv?“
Diese Stimme... So sanft und doch so ehrlich.
Es war Bill.
„Ich wollte nicht das, das passiert. Ich wollte nur, dass du die Wahrheit erfährst...“
„Es ist nicht deine Schuld Bill!“ antwortete ich knapp und mit tränenerstickter Stimme.
„Na ja aber hätte ich es dir nicht gesagt dann...“
„...dann hätte Tom mich weiter belogen und mir vorgespielt, dass er Gefühle für mich hätte. Wäre das BESSER?!“
Ich war total aufgebracht. Ich wollte Bill nicht anschreien aber es platzte einfach heraus.
Tom hatte mich so verletzt. Erst die Lügen, dann die Ohrfeige. Das war einfach zuviel.
„Nein, wahrscheinlich nicht“ antwortete Bill kleinlaut.
„Wollen wir nach Hause gehen?“
Ich schüttelte energisch den Kopf.
Nie wieder würde ich auch nur einen Fuß über die Schwelle der Kaulitz’ wagen. Nie wieder würde ich in Toms Bett schlafen und nie wieder würde ich seine Nähe ertragen können...

„Ich werde wieder in meiner Wohnung ziehen und da auch bleiben.... Tut mir leid Bill!“ sagte ich als ich seinen enttäuschten Gesichtsausdruck bemerkt habe.
Schnell bestellte ich mir ein Taxi.
„Soll ich mitkommen?“
Irritiert starrte ich ihn an. Nein auf keinen Fall wollte ich noch so einen Zwilling. Nein. So schwer es mir auch fallen wird, aber den Kontakt abzubrechen wird wohl das Beste für mich sein.
Ich würde es nicht ertragen, ständig an Tom erinnert zu werden.
„Nein Bill. Heute nicht. Morgen nicht und auch die anderen Tage nicht. Es ist besser so...!“
Das Taxi hupte und mit diesen Worten verabschiedete ich mich von Bill und in Gedanken auch von Tom...

„Was denn so alleine diesen wunderschönen Abend? Keinen abbekommen heute was?“
„Arkadenallee 13“ schniefte ich nur knapp ohne auf die Frage des ekelhaften Taxifahrers einzugehen.
„Keine Unterhaltung? Dann eben nicht!!“
Stöhnend lehnte ich mich in den Sitz und versuchte krampfhaft weitere Tränen zurück zu halten. Diese Stille lud geradezu dazu ein, seinen Gedanken nachzuhängen. Tom... Wie konnte er mich nur belügen. Wie konnte er mich nur schlagen.
Nein ich will nicht mehr daran denken.
Nein, nein, nein...

„Können sie das Radio bitte anstellen?“
Glücklicherweise stellte er keine weiteren Fragen, sondern tat wie ihm geheißen.
Sie spielten eine mir bekannte Melodie.
Ja sie war von den Ärzten.
Um mich ein bisschen abzulenken, horchte ich einfach auf den Text.

„Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut...“

Ob es Hass war, was Tom dazu gebracht hat mich zu schlagen?
Nein... Ich wollte nicht mehr an ihn denken... ich wollte es einfach nicht.

„Du musst deinen Selbsthass nicht auf andre projizieren...“

Ist es Selbsthass? Tom hat gesagt, es fällt ihm schwer jemanden zu lieben oder gar Gefühle zu zeigen, doch HASSTE er sich deswegen?
Nein!!! Ich tu es schon wieder. Ich denke schon wieder an ihn.

„Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe...“

Oh ja sie wollten mich quälen.
War es ein Schrei nach Liebe? War es das was Tom wollte??

Ich hielt mir die Ohren zu, ich konnte nicht länger dieses Lied hören.
„SCHALTEN SIE DAS AB!“ schnauzte ich den Fahrer an, der mich grimmig musterte und dann so was knurrte wie „Entscheide dich doch mal!“.
Die Musik verstummte und ich atmetet auf. Ich wollte nicht mehr an Tom denken, doch er drängte sich immer wieder in meine Gedanken und verursachte da Chaos hoch drei.
„Wir sind da. Macht 20 Euro!“
Ich bezahlte und verließ schnell das Taxi. Was für eine Horrorfahrt, was für eine Horrornacht, was für ein Horrorleben. Mein Leben.

Kapitel 23


Ich seufzte und trampelte erschöpft die steinerne Treppe empor. Der neue Schlüssel klackte im Schloss und ich betrat, die mir so fremd gewordene Wohnung.

Das einzig gute daran war, dass mich hier nichts an Tom erinnerte. Alles war neu gestrichen und eingeräumt worden.
Ganz neu... Fremd. Aber wahrscheinlich besser... Hoffentlich besser.

Ich ging ins Bad und schaute in mein verheultes und müdes Gesicht. Wie schrecklich. Meine sonst so strahlenden Augen waren leer und feucht.
Kein Funken Lebensmut, kein Gefühl, kein gar nichts fand mehr in diesen Augen Platz. Was ist nur aus mir geworden.
Früher war ich viel stärker, viel selbstsicherer und viel eigenständiger.
Was hat Tom nur aus mir gemacht... Ein Wrack.
Ein seelisches Wrack.
Früher wäre es mir egal gewesen, wenn mich wer angelogen hätte, denn ich würde nichts empfinden. Die Gefühle der Anderen waren mir immer gleichgültig. Ha das musste sich irgendwann rächen.
Und was ist jetzt? Jetzt habe ich so viele Gefühle in mir das ich nicht mehr weiß wohin damit. Starke Kopfschmerzen überkamen mich.
Ich hatte schon lange keine mehr gehabt, aber was soll’s.
Altes Leben ich bin wieder da.
Auf in eine emotionslose, träge Welt, die ich mit Egoismus und Gleichgültigkeit regiert habe. Willkommen zu Hause Liv...

...Müde und ausgelaugt zog ich mich aus und schlüpfte, nur in Unterwäsche, ins Bett.
Es war grausam die ganze Zeit seinen Gedanken nachzuhängen, denn ich konnte nicht mehr.
Ich wollte nichts mehr spüren.
Nichts mehr fühlen, wollte meine Emotionen für einen Moment einfach nur abstellen.

Träge hievte ich mich noch mal aus meinem Bett und ging an den Medizinschrank.
Ich hatte mich vorsorglich mit allerhand Beruhigungs-, Schmerz-und Fiebertabletten eingedeckt.
Zögerlich nahm ich die erste Packung raus.
Starke Schmerzmittel, verschreibungspflichtig stand in großen Lettern auf der Rückseite.
Ha das war genau das was ich brauchte.
Meinen Schmerz betäuben.
Meine Gefühle betäuben.
Einfach nichts mehr denken.
Gierig schluckte ich eine Tablette und warf eine halbe Stunde später einen zweite hinterher.

Langsam breitete sich eine wohlige Wärme in mir aus und ich musste unwillkürlich anfangen zu kichern.
Wie in Watte eingepackt, schwebte ich zu meinem Bett.
Es war fantastisch.
Keine Gefühle, kein Tom, keine Schmerzen.

Es war als ob die Welt sich geändert hatte. Alle Probleme schienen so weit entfernt, dass es lachhaft wäre auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.
Einfach nur himmlisch.

Mein Handy klingelte und klingelte.
Tänzerisch bewegte ich mich darauf zu.
„Tom ruft an“ blinkte es auf dem Display. Ha du Arsch wirst nie wieder an mich rankommen. Hörst du? Nie wieder.
Ich werde nie wieder so naiv sein und irgendjemandem vertrauen. Nein und dir erst recht nicht. Du bist Schuld daran, dass ich so verwundbar geworden bin, du bist Schuld daran.
Ich drückte ihn weg und schaltete das Handy aus.

Ich brauche keinen Menschen der mir zuhört, dem ich vertrauen kann. In dieser Scheiß beschissenen Welt da draußen ist man auf sich alleine gestellt, man muss überleben.
Und ich werde überleben, alleine.

Die Müdigkeit übermahnte mich genauso schnell wie die Wirkung dieser Tabletten.
Taumelnd rutschte ich zurück ins Bett und ziehe mir die Bettdecke über den Kopf.
Abgeschirmt von etlichen Problemen, die in der nächsten Zeit auf mich zukommen werden.
Aber es ist mir egal.
Die alte Livia Jansen ist zurück und sie wird überleben, ohne Gefühle.

Mein Wecker klingelte.
Ich zog mir die Bettdecke bis über die Ohren, sodass ich dieses fürchterliche Geräusch nicht länger ertragen musste.
Die grellen Sonnenstrahlen brannten in meinen Augen und ließen kleine Tränen hervorkullern. Verdammte Sonne. So glücklich, als ob es kein Leid in dieser Welt gibt, scheint sie jeden verdammten Tag.
Eigentlich liebte ich die Sonne, doch mein Gemüt ließ dies im Augenblick nicht zu.
Mühsam kletterte ich aus dem Bett und warf mich sofort zurück als ich diese hämmernden Kopfschmerzen bemerkte.
Oh Gott was war das?
Schlimmer als alles was ich davor kannte.
Wie tausend kleine Messerstiche bohrten sie sich in meinen Kopf. Fürchterlich.

Blinzelnd erkämpfte ich mir den Weg zum Medizinschränkchen und holte zwei weitere Tabletten raus.
Wäre doch gelacht wenn man die nicht besiegen könnte.
Und tatsächlich. Eine halbe Stunde später waren sie wie weggeblasen und ich konnte den Seelenschmerz wieder ertragen.
Das musste ich ausnutzen... SHOPPEN!!!
In der Zeit wo ich bei Tom gelebt habe, bin ich fast nie Shoppen gegangen. Aber diese Zeit war vorbei. Genau!!
Geliebte Kreditkarten, ihr könnt eure Arbeit wieder fortsetzen.
Voller Vorfreude machte ich mich ans Werk und richtete mich innerhalb von einer Stunde so her, dass keiner auf die Idee gekommen wäre was ich in den letzten Wochen hinter mir hatte.
Minirock, pinkes Top, Sneakers und offene Haare. Perfekt, für den perfekten Shoppingtag.

Elanvoll schnappte ich mir mein Handy, wo mittlerweile 5 entgangene Anrufe zu vermerken waren, und suchte mein Portemonnaie.
Meine Augen weiteten sich. Verdammt... In die Disco hatte ich nur Kleingeld mitgenommen und die ganzen Kreditkarten bei Tom gelassen.
Mist! Mist! Mist!
Typisch.

Wütend über mich selber schnappte ich mir das Telefon und wählte eine mir nur zu gut bekannte Nummer.
Das Tuten war zu hören und ich betete inständig, dass Simone rangeht.

„Kaulitz?“
Oh Gott hat mich doch noch nicht verlassen.
„Ja hallo hier ist Livia...“ weiter kam ich gar nicht, denn Simone fing sofort an munter drauf loszuplappern.
„Livia? Was ist denn passiert? Tom kommt gar nicht mehr aus seinem Zimmer raus und gestern hat er die ganze Zeit versucht dich anzurufen. Wir durften das Telefon nicht eine Stunde besetzen, weil er Angst hatte, du rufst an. Also was ist denn los mit euch beiden? Oder dreien?
„Dreien?“
„Ja Bill ist auch die ganze Zeit so komisch. Geht seinem Bruder aus dem Weg und wenn sie sich sehen, könnte man meinen sie hassen sich bis aufs Blut. Obwohl es Bill eigentlich ganz gut gehen müsste...“
Wieso müsste es ihm gut gehen?
Egal.
Ich wollte nicht mehr an diese verdammten Zwillinge denken und dabei wird es auch bleiben.
„Ich wollte eigentlich nur meine restlichen Sachen abholen Frau Kaulitz.“
Stille auf der anderen Seite der Leitung. Simone war bestimmt überrascht von meiner distanzierten Art aber es war besser so. Kein Kaulitz bringt mehr mein Leben durcheinander.
„Ja du kannst es dir abholen Livia!“
„Ok dann komm ich vorbei.“ Sagte ich noch schnell bevor ich auflegte.
Na klasse jetzt musste ich wieder dahin.
Aber du schaffst das. Du bist stark.
Ganz so stark allerdings auch nicht, meine Kopfschmerzen machten sich wieder bemerkbar und so legte ich noch eine Tablette nach, bevor ich mich auf den Weg machte...
Das Taxi hielt genau vor Toms Haustür. Ich bezahlte schnell und sprang aus dem Auto.
Langsam ging ich die Auffahrt hoch und klopfte zögerlich an der Tür.
Mein Herz pochte wie verrückt als die Tür sachte geöffnet wurde...

Kapitel 24


„Ach Livia komm doch rein!“
Puh schon wieder Glück gehabt. Es war Simone und ich betrat den Flur.
Dieses Haus brachte so viele Erinnerungen hervor, dass mir ganz schlecht wurde. Wie wir hier standen im Flur... durchnässt... zitternd... aber glücklich.
Nein!
Verbanne diese Gedanken sofort aus deinem Hirn.
„Tom ist am Busbahnhof und...“
„Jaja ist mir egal. Ich will nur schnell meine Sachen holen.“
Ich wollte es nicht wissen was Tom macht. Bei welchem Weib er seine Gefühlsmasche anwendet, nur um sie ins Bett zu kriegen. Nein, das interessiert mich kein Stück.
Verwundert starrt mich Simone an.
„Ich hab deine Sachen schon zusammengepackt. Liegen alle in Toms Zimmer.“
Ich bedankte mich und rannte die Treppen hoch.
Seltsame Geräusche drangen aus Bills Zimmer, welches direkt neben Toms lag.
Hm wahrscheinlich Besuch. Georg oder Gustav oder so. Na ja soll mir egal sein.

Ich öffnete Toms Zimmertür und das liebgewordene Chaos empfang mich wieder einmal. Ahhhhhh warum muss mich auch alles an diesen Mistkerl erinnern?
Sein Zimmer roch genau wie er. Frisch und sommerlich.
LIV! Jetzt reiß dich zusammen.

Meine Sachen lagen säuberlich gestapelt, auf Toms Bett.
Seufzend setzte ich mich daneben und begutachtete noch ein letztes Mal Toms Zimmer.
Es sah alles so verlassen aus, ohne ihn. So leer...
Nun ja so soll es sein.
Ich stopfte meine Sachen in einen Beutel und schlenderte aus dem Zimmer.
Grade setzte ich meinen Fuß auf die erste Stufe, als sich hinter mir eine Tür öffnete.
Bills Tür.
Ich erstarrte.
Wagte nicht mich umzudrehen.
„Wer bist du denn?“
Moment... Eine Mädchenstimme? Ruckartig drehte ich meinen Kopf und was ich da sah ließ mir meinen Mund runterklappen.

Ein Weib, nur in Unterwäsche bekleidet, trat aus Bills Zimmer und ihre grünen Augen beäugten mich misstrauisch. Ihre langen rotblonden Haare wellten sich leicht und hingen ihr verführerisch ins Gesicht. Doch nicht, dass das genug wäre. Sekunden später setzte auch Bill seinen Fuß vor die Tür und erschrak.
Er war nur in Boxers bekleidet, die seinen kleinen süßen Hintern *seufz* bedeckten.
„LIV? Was machst du denn hier?“
Ich war unfähig zu sprechen.
Konnte er sich so schnell trösten? Konnte er mich wirklich so schnell vergessen? Was bin ich denn eigentlich hier? Eine Witzfigur?
„Ich hab nur meine Sachen geholt!“ antwortete ich knapp und so kühl, wie man es mit einer zitternden Stimme nur machen konnte.
„Ihr kennt euch?“ fragte dieses nichts ahnende Biest.
„Flüchtig!“ gab ich zurück und warf Bill einen vernichtenden Blick zu.
„Warte mal... Ich kenn dich doch. Du bist doch die Neue an unserer Schule, oder?“
Ich stöhnte. Die Neue? Ahhhrrr dieses Mädel machte mich völlig fertig.

„Livia!“ sagte ich knapp und funkelte sie wütend an.
„Aha.. Ich bin Tina..“
„Und Tina? Hältst du es nicht mal für nötig dir was anzuziehen?“
Peinlich berührt schaute sie an sich herunter und wurde im selben Moment knallrot.
„Ohhh...“ lächelte sie mich mit einem so unschuldigen Blick an, dass es mir fast die Sprache verschlag. Sie war kleiner, sah aber trotzdem energiegeladener aus als ich.
Schleunigst rannte sie an Bill vorbei und schloss die Tür, sodass Bill und ich alleine waren.
Na toll das hatte mir grade noch gefehlt.
„Liv es ist nicht so wie es aussieht...“
„Ach. Für mich sieht das so aus dass du deinem Bruder in nichts nachstehen willst he? Wahrscheinlich bist du gar nicht so unschuldig wie du immer vorgibst zu sein. Aber weißt du was? Es interessiert mich nicht mehr! Noch viel Spaß mit deiner TINA“
„Liv bitte..“
Er rannte zu mir und legte eine seiner heißen Hände auf meine Schulter. Seine Augen waren traurig und leer.
„Lass mich los!“ zischte ich angespannt zu ihm, worauf er sofort nachließ.
„SCHÖN!“ schrie er mich auf einmal an.
Er schrie mich an? Hallo? Wütend blickte ich ihn an. Nie wieder sollte einer so mit mir umgehen.
„Willst du wissen wer Tina ist? Sie ist meine Freundin. Ja genau meine Freundin.“
Ich lachte kurz auf.
„Und du denkst sie wird dich glücklich machen ja? Denkst du das wirklich?“
Erstaunt sah er mich an und beugte sich dann tief zu mir runter, sodass er nur flüstern brauchte.
„Wenigstens werde ich geliebt...“
Das reichte. Aufgebracht schubste ich ihn von mir weg und lief die Treppen hinunter. Wie kann man nur so unsensibel sein. Wie kann man nur so ein ARSCHLOCH sein??

Mit Tränen in den Augen riss ich die Tür auf. Doch durch den Schleier konnte ich nichts mehr sehen und rannte voll in zwei andere Personen rein.
RUMMS!
„Ahhhh TOM!” schrie eine aufgebrachte Mädchenstimme.
Nein nicht noch so ein Weib, das ertrage ich nicht.
„Tati... Alles ok mit dir?... LIV?!“
Entsetzt starre ich ihn an. WAS ZUR HÖLLE WAR DAS FÜR EIN MÄDCHEN?
Ich brach in Tränen aus, meine Tabletten hörten auf zu wirken und die Kopfschmerzen hämmerten stärker denn je.
Schluchzend griff ich nach meinen verstreuten Sachen, ohne Tom auch nur noch eines Blickes zu würdigen, rannte ich los.
Zwei Menschen in so kurzer Zeit, so schnell zu verlieren, tat verdammt weh...

...Fast blind lief ich durch die vielen Straßen und huschte in letzter Sekunde, in die nahe liegende Straßenbahn.
Heulend ließ ich mich auf einen Sitz plumpsen. Was für ein beschissener Tag.
Ok dass Bill sich so schnell tröstete, konnte ich irgendwo nachvollziehen, obwohl ich es nie von ihm gedacht hätte, aber TOM?
Wir waren zusammen und was macht er? Er sucht sich eine Neue? So schnell?

Angespannt presste ich meine Finger auf die Schläfen.
Diese Schmerzen... unerträglich.
Und ich musste diesen Schmerz alleine bewältigen.
Ja ich war ALLEIN!
Bill hatte Recht, ich wurde nie geliebt und werde auch nie geliebt. Oh Gott wie schmerzvoll die Wahrheit doch sein kann.

Die Straßenbahn hielt und ich schlenderte unglücklich zu meiner Wohnung.
Fast zu schwach die Treppen hoch zu gehen, schleppte ich mich von einer Stufe zur nächsten.
Tabletten.
Das war jetzt das einzige was ich brauchte.
Meine Hände zitterten, sodass ich nur mit Mühe das Schlüsselloch traf.
Ich ließ alles fallen und hievte meinen trägen Körper zum Medizinschrank.
Drei Tabletten waren noch drin, die ich allesamt mit einmal schluckte.
Das Warten war unerträglich. Immer wieder kehrten die Bilder zurück. Die Bilder die ich so sehr verabscheute. Bilder von Lenny und Bill und Bills kleinem Flittchen und Tom.
Ja Tom. Tom du bist Schuld an meinem Dilemma. Du ganz allein.

Herrlich diese Wärme, die einen umgibt.
Einfach herrlich.
Glücklich und zufrieden ging ich ins Bad und sah in den Spiegel. Meine Grübchen waren, durch das Dauergrinsen, deutlich hervorgehoben.
Auch die Wangenknochen stachen hervor, was aber wohl daran lag, dass ich nicht den geringsten Hunger verspürte.
Endlich... Die Tabletten zeigten Wirkung.

Das Telefon läutete, doch ich ließ den Anrufbeantworter rangehen.
„Liv, komm schon geh ran... Ich weiß das du da bist. Lass es mich doch wenigstens erklären...“

Wie konnte er es wagen sich jetzt noch bei mir zu melden.
Es war ja wohl offensichtlich, dass er sich ziemlich schnell trösten konnte. Tati!!!
Tzzz... Nein, ganz sicher würde ich nicht noch einmal auf dieses Arschloch reinfallen.
Wütend ging ich zum Telefon, wo Tom weiter plapperte.

„Bitte Liv... Wenn du schon nicht mit mir reden willst, dann hör mir wenigstens zu. Tati. Sie ist meine...“

Jetzt reicht’s.
Aufgebracht nahm ich ab.

„ICH WILL ES NICHT WISSEN TOM! ES IST MIR SCHEIßEGAL MIT WEM DU RUMMACHST! LASS MICH ENDLICH ZUFRIEDEN!!!“

Ich schmiss den Hörer zurück in die Gabel und sank zusammen. Diese Stimme, sie hatte mir meine ganze Kraft geraubt. Es machte mich einfach so fertig sie zu hören.
So unschuldig.
Was redete ich da. Unschuldig?? Alles aber nicht das.


Kapitel 25


Trotzdem.
Es nützte nichts.
So sehr ich mich auch dagegen sträubte, ich konnte die Wahrheit nicht länger vor mir verbergen.
Ich liebte Tom.
Ich liebte ihn noch immer.
Nicht nur mein Körper, meine ganze Seele verzehrte sich nach ihm.
Nach ihm, nach seinen Worten, seinen Berührungen, seinen Küssen.
Die Tabletten halfen nichts mehr. Der innere Schmerz war so gegenwärtig, dass es mir fast das Herz zerriss.
Warum musste ich mich nur in IHN verlieben. Warum?
Konnte er nicht sehen, dass ich mit Liebe nicht umgehen kann? Konnte er es nicht sehen?
Ich war zu schwach für Liebe, zu schwach für Gefühle.
Und doch ist es passiert. Und jetzt schau mich an Tom. Schau was du mit mir gemacht hast. Ich bin nur noch eine leere Hülle. Ohne Leben, ohne Leidenschaft. Wie konntest du mir das nur antun.

Es ist zu spät, dir meine Gefühle zu äußern. Du würdest es nicht verstehen. Ich würde nicht wollen, dass du es verstehst.
Es ist zu spät.
Werde doch glücklich mit deiner TATI!
Werdet doch alle glücklich. Tom, Bill, Tati, Tina... Werdet doch alle glücklich...

...Der Wecker klingelte und das schrille Geräusch drang in meine Ohren. Was für ein Lärm, als ob mein Kopf auseinanderspringen würde. Müde drückte ich ihn aus und kullerte mich aus dem Bett. Wie ich solche Morgen hasste.
Kopfschmerzen, Magenschmerzen, schlechte Laune und zu allem Übel auch noch Schule.
Es war einfach niederschmetternd.
Kraftlos schleppte ich mich zum Bad und nahm erst mal eine mehr oder weniger aufmunternde Dusche.
Meine sonst so aufwendig ausgesuchten Sachen, wurden durch einfache Jeans, Netztop und Flip Flops ersetzt.
Früher als sonst machte ich mich auf den Weg, um noch vorher bei der Apotheke vorbeigehen zu können.
Die Straße war noch leer. Genauso leer wie mein Kopf. Leer, bis auf die Schmerzen. Die blieben.
Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne schien mir ins Gesicht und verdeckte die Schatten um meine Augen. Alles kam mir so fremd vor, als ob ich nie hier gewesen wäre.

Die Apotheke war leer. Mit Ausnahme einer älteren Dame, die zwischen den Regalen mit den „Wunderpillen“ rumkramte.
„Schönen Guten Tag junges Fräulein. Wie kann ich ihnen weiterhelfen?“
Ha Guten Tag. Ja was für ein toller Tag. Die Verkäuferin machte einen netten Eindruck, doch trotz allen verschlechterte sich meine Laune immer mehr.
„Ich brauche Norfloxiamitikum!“
Die Frau beäugte mich misstrauisch ehe sie ihren Mund wieder öffnete.
„Das sind starke Antidepressionsmittel...“
„Ich weiß!“ antwortete ich nur knapp.
„Tut mir leid, aber die sind verschreibungspflichtig.“

Verdammt. Ich brauchte diese verdammten Tabletten. Ich brauchte sie.
Ich wusste es genau.
Ohne sie könnte ich den heutigen Schultag einfach nicht überstehen. Ich würde die ganze Zeit Tom sehen, und vielleicht auch noch Bill.
Nein das würde ich nicht aushalten.
Ich überlegte wo ich die Tabletten her hatte, und da fiel es mir schlagartig wieder ein.
Es waren gar nicht meine.
Meine Mom hatte sie vor Monaten fast täglich benutzt und war in den Apotheken bereits registriert gewesen.
Einen Versuch könnte es nicht schaden.

„Die Tabletten sind nicht für mich. Sie sind für meine Mom. Sie leidet schrecklich unter Depressionen. Manchmal heult sie den ganzen Tag und vergisst mich völlig.“
Oh Gott, wie man nur so ein Süßholz raspeln kann. Gott sei Dank konnte ich mich seit meiner frühsten Kindheit so verstellen, dass es nicht mal meine eigenen Eltern mitbekommen haben, wenn ich gelogen habe.
Mitleidig sah mich die Apothekerin an und fragte: „Wie heißt denn deine Mutter?“
„Diana Jansen“ antwortete ich in einem übertriebenen gequälten Ton.
Besorgt tippte sie den Namen in den Computer ein und huschte mit ihren Augen schnell über den Monitor.
„Da haben wir sie ja. Diana Jansen. Eigentlich dürfte ich dir dieses Medikament gar nicht mitgeben...“
„Bitte, meine Mom ist kaum noch in der Lage zu gehen. Sie quält sich wirklich!“
Verständnisvoll nickte sie und verschwand im hintersten Teil der Apotheke.
Oh Danke.
Wenigstens würde ich DIESEN Tag überstehen.

„So bitte sehr. Und Gute Besserung an deine Mutter.“
Ich nickte und verließ schleunigst den Laden. In meiner Hand, meine Rettung. Zumindest für die nächste Zeit.
Hastig ging ich zur Straßenbahn und fuhr zur Schule, wo wahrscheinlich die Hölle auf mich warten würde.
Ich ging den breiten Weg zum Eingang entlang und kramte die Tabletten hervor. Ha was bin ich doch für ein Genie. Ich hatte noch zwei Minuten ehe der Unterricht begann und so setzte ich mich auf die Stufen der Treppe vor der Eingangstür und öffnete die Packung.
Die meisten würden schon in ihren Klassenräumen sitzen und die, die das noch nicht taten, würden heute nicht mehr kommen.

Meine zittrigen Hände umklammerten die Packung und lösten die erste Tablette aus ihrer Hülle.
„LIV!“
Ich ließ die Tablette fallen und sprang vor Schreck auf. Die Einzelpackungen lagen verstreut auf dem Boden und einige Tabletten lösten sich grade von selbst.
„Scheiße!“ jammerte ich, drehte mich um und sah in Toms entsetzte Augen.
„Was machst du denn hier?!“ fraget ich hasserfüllt und rutschte auf den Boden, wo meine „Seelentröster“ lagen.
Panisch kratzte ich sie zusammen und bemerkte nicht, dass Tom ebenfalls auf die Knie gefallen war.
„Das gleiche könnte ich dich auch fragen“ antwortete er und hob die Arzneipackung auf.
„Norfloxiamitikum? Gegen was sind die denn?“ Verwundert sah er mich an.
Wütend riss ich ihm die Packung aus der Hand.
„Das geht dich verdammt noch mal einen Scheißdreck an. Kümmere dich um dein eigenes Leben.“
„Ich lasse aber nicht zu, dass du dir deines zerstörst!“ Er deutete mit seinem Finger auf die Warnhinweise der Schachtel. „Nur bei starken Depressionen“
Sein Blick war so sanft und so hartnäckig, dass mir fast schon wieder die Tränen gekommen wären. Doch ich hielt sie auf. Ich wollte keine Schwäche zeigen. Nicht vor ihm und auch sonst vor niemanden.
Gleichgültig lächelte ich ihn an.
„Danke, dass hast du ja bereits gemacht...“
Mit diesem Satz beendete ich unsere „Unterhaltung“ und öffnete die Eingangstür zur Schule...

...Ich konnte seine stechenden Blicke in meinem Rücken spüren, doch ich ging weiter und verschwand im Mädchenklo. Hierhin würde er mir bestimmt nicht folgen.
Erschöpft löste ich zwei weitere Tabletten und schluckte sie runter. Ich ging ans Waschbecken und spülte nach. Es kratzte in der Kehle und am liebsten hätte ich sie wieder hochgewürgt aber sie taten ihre Wirkung.
Ich sah in den Spiegel, der genau vor mir hing. Meine traurigen Augen starrten müde zurück. Das sonst so strahlend, stechende Blau wich langsam einem tristen Grau. Was hab ich nur aus mir gemacht? Was hat ER nur aus mir gemacht.
Es klingelte zur Stunde und ich packte meine restlichen Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zum Klassenraum.
Zögerlich klopfte ich an und trat nach einem mürrischen „Herein“ ein. Na toll. Erste Stunde und ich musste auch noch Detlef ertragen. Es war die reinste Hölle.
Detlef sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und verwies mich stumm auf meinen Platz. Genau vor Tom. Ich hätte heulen können als ich in Denise´ schadenfroh grinsendes Gesicht sah. Tom würdigte ich keines Blickes mehr, auch wenn er jeden einzelnen Schritt von mir genau beobachtete.
Eine hitzige Wärme umgab mich. Ja es war nicht mehr die angenehme Wärme, die ich sonst immer gefühlt hatte, es war Hitze, unerträgliche Hitze und auch die Wölkchen blieben aus. Die Wölkchen die mich sonst immer umgaben und mich vor meinen Problemen und den Rest der Welt abgeschirmt hatten. Wo waren sie? Vielleicht hatte ich zu wenig genommen?
Ob zwei Tabletten gereicht haben?

Nervös klapperte ich mit meinen Fingernägeln auf dem Tisch rum und fragte mich wann diese elendige Stunde endlich zu Ende sei. Ich brauchte noch eine Tablette, das war klar.
Detlef sah mich und meine störenden Nägel genervt an und ich steckte sie schnell in meine Tasche. Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl hin und her. Erst zehn Minuten waren vergangen und mein Herz raste beunruhigend schnell. Heimlich steckte ich mir die Schachtel mit den Tabletten in die Hosentasche und hob meine Hand.
„Ja Oliv... äh…Livia?!“
“Könnte ich mal bitte kurz rausgehen? Mir ist schlecht...“
„Soll dich vielleicht wer begleiten, bevor du abklappst oder...“
„NEIN!“ rief ich schnell und verschwand schleunigst aus dem Raum.
Wäre ja noch besser, wenn noch einer erfahren würde, dass ich Antidepressiva nahm.
Hastig löste ich die Tabletten aus der Hülle und stopfte sie, zusammen mit Wasser aus der Mädchentoilette, runter. Ich hatte mich für zwei entschieden, da die eine sowieso nicht half.
Etwas zufriedener machte ich mich auf den Rückweg und setzte mich auf meinen Platz.
„Alles in Ordnung?“ fragte Tom besorgt, doch ich ignorierte ihn.

Er sollte mich zufrieden lassen, ALLE sollten mich zufrieden lassen. Ich saß auf meinem Stuhl und dachte ich schwebe. Alles um mich herum begann sich zu drehen. Der Stuhl, der Tisch, die Menschen und ich. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und mein Rachen begann merkwürdig zu kratzen. Es war als ob meine Füße vom Boden abheben und ich sanft durch den Raum fliegen würde. Ich kreiste hin und her, durch den gesamten Raum, ohne Zeit. Doch dann, mein Stuhl begann seltsamerweise zu wackeln, aber ich schwebe doch? Bin doch frei? Warum wackelt er? Über die rosa Punkte in meinem Auge, huschten schwarze Schatten. Dunkle brutale Männer.
„NEIN!“ schrie ich, doch das einzige was zurück kam waren gedämpfte Stimmen. Ich konnte nicht verstehen was sie sagten. Mein Kopf schlug hart auf dem Boden auf. Boden? Ich war doch in der Luft? Ich schwebe doch, ich schwebe...
Der Tag wich der Nacht. Unendliche Stille umgab mich. Das letzte was ich hörte, war ein verzweifeltes Keuchen.
Nein nicht irgendeins.
Es war meins...

Kapitel 26


Es ist schwer die Spur im Sand zu finden
Denn Staub und Sturm stehlen mir die Sicht
Doch wie ein warmer Sommerregen
Regnest du auf mein Leben
wie ein Herr aus Tropfen auf den heißen Stein


Eine zarte Hand berührte mein Gesicht. Ich ließ die Augen geschlossen. Selbst wenn ich sie aufmachen hätte wollen, würde es mir nicht gelingen.
Durch meine Lider konnte ich das grelle Licht erkennen.
Meine Glieder fühlten sich schwach und leblos an. Ja fast wie tot. Jemand hob sachte meine Hand und schob sie in seine. Diese Hand, sie war so warm, so weich, so unschuldig.
In meinem Kopf drehte sich alles. Vorsichtig hob ich meinen Kopf ein Stückchen, ließ ihn aber sofort wieder zurückfallen, da die Schmerzen zu stark waren.
Die Hand drückt fester zu. Die andre strich behutsam über mein Gesicht. Es fühlte sich so gut an, geborgen, sinnlich.
Wem gehörten diese Hände? Langsam öffnete ich ein Auge und blinzelte dieser Person entgegen.
„Livia!“
Tom sprang auf und umschloss meinen gebrechlichen Körper. Wieso war es Tom. Warum musste er mir diese Seelenschmerzen zufügen. Hatte er nicht schon genug zerstörst?
„Lass mich los“ hauchte ich ihm entgegen, da ich zu schwach war, ihn anzuschreien.
Doch er reagierte nicht. Verzweifelt klammerte er sich an mir fest und ich spürte etwas Feuchtes an meiner Wange.
Es waren nicht meine Tränen. Es waren SEINE. Warum weint er, warum? Müsste nicht ich diejenige sein, die weint? Muss nicht ich die ganzen Schmerzen ertragen?
„Tu mir das nicht an!“ sagte ich mit zittriger Stimme, worauf Tom mich sofort los ließ.
„Was?“ schluchzte er.
„Deine Nähe... ich... ich kann es nicht ertragen...“
Es war die Wahrheit, ich konnte seine Nähe nicht mehr ertragen. Sie war zu schön, zu gut, zu einfach. Nein es ging nicht mehr. Egal was er mir angetan hat, ich konnte ihn nicht mal mehr hassen.
Verstört setzte er sich auf einen Stuhl, der neben meinem Bett stand.
Wo war ich überhaupt? Draußen war Lärm zu hören und die Wände hier drinnen sahen nicht grade nach einem Krankenhaus aus.
„Du warst zu instabil für eine Fahrt mit dem Krankenwagen“ sagte Tom traurig, als er meinen schweifenden Blick sah.
Wieso war er immer noch hier. Er sollte weg, sollte rausgehen, mich und mein Leben verlassen. Doch er saß da. Irgendwie wütend und verzweifelt und doch so traurig und angstvoll.
„Du bist vom Stuhl gefallen. Einfach so. Dein Kopf hat stark geblutet, aber es ist nichts Ernstes haben die Notärzte gesagt. MENSCH LIV WARUM HAST DU DIESE SCHEIß TABLETTEN GENOMMEN?“
Er schrie die letzten Worte so laut, dass ich dachte mein Kopf zerspringt. Schmerzvoll verzog ich mein Gesicht, worauf er seine Stimme wieder etwas senkte.
„Ich hab gedacht du bist tot, als du da einfach lagst. Du warst so leblos. Dein Herz hat kaum geschlagen und ich konnte deinen Puls nicht mehr spüren. Diese... diese Tabletten waren dafür verantwortlich. Du hattest zu viele geschluckt, es war eine Überdosis. ACH LIVIA UM EIN HAAR WÄRST DU GESTORBEN!“
Er konnte seine Tränen nicht mehr aufhalten. Er quälte sich, das sah man ihm an. Ich konnte es nicht mit ansehen, doch es war eine Genugtuung. Er litt, er litt unter meinen Schmerzen. Er litt genauso wie ich gelitten habe.
„Warum also Liv, warum hast du sie genommen. Warum nur?“
Ich antwortete ihm nicht. Es ging ihn nichts an. Ich wollte nicht dass er es erfährt. Er stand auf und kam auf mich zu. So wütend, so verletzt. Er packte mich an den Schultern und schüttelte mich durch.
„VERDAMMT SAG ES MIR LIV, SAG ES MIR DOCH!“
„WEGEN DIR!“
Ich schrie diese beiden Worte, obwohl sie mir meine ganze Kraft nahmen, doch es war mir egal. Sollte er es doch wissen, sollte er es doch wissen wem ich diese Scheiß Lage zu verdanken hatte.
Er ließ mich los und sank zurück in seinen Stuhl. Fassungslos starrte er mich an. Ja damit hättest du nicht gerechnet was? Das war zuviel für dich, zuviel für deine schwache Seele.
„Geh...“ flüsterte ich dir entgegen und du stehst, ohne mir einer deiner traurigen Blicke zu schenken, auf und verlässt das Zimmer, mich und meine Trauer...


...Es klopfte an der Tür. Sollte es womöglich Tom sein? Oder Bill? Wollten sie mir sagen, wie leid ihnen alles tat?
Die Tür sprang auf und Herr Birkling, begleitet von zwei Männern in roten Kitteln, kamen herein.
„Wie ich sehe, bist du ja bereits aufgewacht.“
Herr Birklings Stimme war hart und vorwurfsvoll. Er sah mich verächtlich an und schüttelte ab und zu seinen Kopf.
„Hier, das sind zwei Herren von der Notaufnahme. Sie müssten dich noch mal untersuchen, bevor du ins Krankenhaus verlagert werden kannst.“
„Ich gehe nicht ins Krankenhaus!“
Verwundert sahen mich die drei Herren an. Ich würde nie, NIEMALS in eines von diesen Einrichtungen gehen. Ich hatte panische Angst davor. Dieser Geruch machte mich wahnsinnig. Es roch nach Krankheit, nach Tod. Nein KEINER würde mich dazu bringen können, eine dieser beschissenen Einrichtungen zu besuchen.
„Und warum wenn ich fragen darf?“
„Das geht sie nichts an!“
„Oh und wie mich das etwas angeht, schließlich hat die Schule, die Verantwortung für dich, solange du dich in ihr befindest!“
„Dann übernehme ich eben die Verantwortung für mich allein!“
Herr Birkling stutze und sah die Notärzte hilfesuchend an, die wiederum nur verdutzt mit den Schultern zuckten.
„Wir konnten deine Eltern nicht erreichen.. also liegt es bei dir ob du ins Krankenhaus gehst oder nicht“
„Ich geh nicht!“
Entschlossen richtete ich mich in meinem Bett auf, was wohl auf der Krankenstation in der Schule lag. Herr Birkling funkelte mir zornig entgegen. Mir war übel, aber es ging mir wesentlich besser als vorhin. Vorsichtig steckte ich einen Fuß aus dem Bett und stand kurze Zeit später auf wackeligen Beinen.
„Auf deine Verantwortung!“ sagte einer der Notärzte und hielt mir ein Blatt Papier auf dem „Einverständniserklärung“ stand, vor die Nase. Er gab mir einen Stift und ich unterschrieb.
Immer noch kopfschüttelnd steckte er es in seine Tasche und gab mir ein paar leichte Beruhigungstabletten. Ha als ob diese Mistdinger helfen würden.
Zähneknirschend nahm ich sie an und verließ das Zimmer so schnell wie möglich.

Draußen angekommen, atmete ich tief ein, was augenblicklich zu Schmerzen in der Brusthöhle führte. Ich knickte kurz ein, riss mich dann aber zusammen und ging in mein Klassenzimmer um die restlichen Schulsachen zu holen.
Der Raum war, abgesehen von meinen Schulsachen, völlig leer.
Erschöpft setzte ich mich auf meinen Platz und schaute aus dem Fenster. Dicke Regentropfen klatschten dagegen. Der Himmel war grau und trist, wie meine Stimmung. Die Bäume bogen sich unter dem starken Druck des Windes.
Die Autos fuhren schnell an der Schule vorbei, als ob sie wüssten, welche Tragödie sich hier abspielte. Es waren nur wenige Menschen zu erkennen. Ein alter Mann, der seinen Hut festhielt damit er nicht weggeweht wurde, klammerte sich an seinen Stock und ging seines Weges und dann noch zwei Jungs. Moment! Tom? Und Bill? Ja sie waren es. Frierend stehen sie am Straßenrand und winken zu einem anhaltenden Auto.
Ein Mädchen, ungefähr in meinem Alter steigt aus. Ein Mädchen? Die kannte ich doch. Es war Tati! Tom umarmte sie und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Oh warum denn so zurückhaltend Herr Kaulitz, sie haben doch sonst auch keine Scheu. Ich schnaubte verächtlich und beobachtete Bill. WAS?! Bill umarmte sie ebenfalls und auch den Kuss vergaß er nicht. In welchem Film spiel ich hier überhaupt mit? Sie sahen so glücklich aus. Bis auf Tom. Er lächelte Tati zwar entgegen, doch seine Augen schrieen. Dieser gequälte Blick, warf mich völlig aus der Bahn. Sie stiegen ins Auto und mit einem lauten Quietschen fuhr es davon.
Ratlos stand ich am Fenster, sammelte meine Sachen ein und machte mich auf den Weg zur Straßenbahn. Ich ging den langen Flur entlang, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich wollte. Meine Beine wagten einen Schritt vor den Anderen und ich ließ sie machen, in Gedanken bei Tom und Bill. Wer war dieses Mädchen, das den beiden anscheinend den Kopf verdreht hatte? Ich dachte Bill hätte eine Freundin? TINA!
Ein leises Schluchzen brachte mich zurück in die brutale Realität...

...Ein Mädchen hockte zusammengekauert auf der Treppe und stützte ihren Kopf in die Hände. Sie schniefte und ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden.
Langsam hob sie ihren Kopf. Ihre Augen waren blutunterlaufen, so als ob sie die ganze Zeit geheult hatte. Ihre langen, leicht gewellten, braunen Haare hingen wirr im Gesicht.
„Was ist?“ schluchzte sie.
Die Stimme war zittrig, aber dennoch sanft. Ihre braunen Augen glitzerten mir unglücklich entgegen. Eigentlich interessierte es mich nicht sonderlich, was andere Leute für Probleme hatten aber dieses Mädchen faszinierte mich irgendwie.
„Probleme?!“ fragte ich und mit möglichst viel Mitleid in meiner Stimme.
„Was geht’s dich an!“
Das fragte ich mich allerdings auch. Ich hab genug eigene Sorgen und doch, da war etwas, weshalb ich mich nicht losreißen konnte. Sie schien mir so ähnlich.
„Kerle?“ Ich wusste das es stimmte. Schon immer hatte dieses XY-Chromosomale Geschlecht die Begabung, Frauen zum Heulen zu verleiten und so war es auch dieses Mal.
Das Mädchen sah mich verwundert an und nickte stumm. Ich wusste es.
Unschlüssig was ich machen sollte, setzte ich mich einfach neben sie.
„Du auch, nicht wahr?“
Verblüfft starrte ich sie an. Woher wusste sie das? Völlig überrumpelt fing auch ich an zu nicken.
„Chiara!“ sagte sie und hielt mir ihre Hand hin. Sie schien etwas glücklicher zu sein aber immer noch durchzog ein dunkler Schatten ihre Augen.
„Livia!“ gab ich zurück und schüttelte leicht Chiaras Hand.
So saßen wir da. Ziellos und unglücklich. Die Minuten vergingen, in denen wir uns nur anschwiegen.
„Hast du ihn geliebt?“ platzt es plötzlich aus mir heraus. Ich weiß nicht wie ich darauf komme, doch ich will es wissen, will wissen ob es noch Liebe gibt.
Sie nickt wieder und warme Tränen verlassen ihre glänzenden Augen.
„Er.. er war so.. so anders und doch liebte ich ihn. Ich liebe ihn noch immer.“
Sie war verletzt und ein tiefer Groll entwickelte sich langsam in mir. Ein Groll gegen diesen Typen, der ihr das angetan hat. Ich kannte sie nicht, doch ich fühlte mich ihr so verbunden, dass es mir fast Angst machte.
„Was ist passiert?“
Sie holte tief Luft.
„Du musst es mir nicht sagen wenn du nicht willst...“
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Vor einem Jahr bin ich weggezogen, meine Eltern hatten Arbeit gefunden und mussten in eine andere Stadt. Zu der Zeit war ich mit diesem Typen zusammen. Er gab mir alles. Wärme, Geborgenheit und vor allem Liebe. Ich kenne keinen Menschen, den ich jemals so geliebt habe oder lieben könnte. Mein Herz ist gebrochen als ich ihn verlassen musste. Tagelang hab ich nichts gegessen, nicht geschlafen, nur geheult. Doch wir blieben in Kontakt, er hat mir immer wieder seine Treue geschworen, hat gesagt wie sehr er mich liebt und das ich die Einzigste für ihn bin...“
Sie stockte und wischte sich die Tränen mit einem ihrer Ärmel ab. Es fiel ihr schwer über die Vergangenheit zu sprechen, doch es schien mir als ob eine große Last von ihr abfiel, als diese schweren Worte über ihre Lippen kamen.
„Und jetzt wurden meine Eltern versetzt und wir konnten wieder hierher ziehen. Ich hab mich so gefreut, weil ich ihn wiedersehen würde. Ich hab ihm davon nichts erzählt, es sollte eine Überraschung werden. Und als ich dann heute zum ersten Mal wieder an diese Schule kam, sehe ich wie er Hand in Hand mit einer Anderen geht, wie er sie zärtlich küsst... Ich hab gedacht die Welt bricht zusammen. Er hat mich angelogen, die ganze Zeit. Ich bin ihm den ganzen Tag aus dem Weg gegangen, er weiß nicht mal dass ich überhaupt da bin!“

Ich sah in ihre unschuldigen Augen. Der Schmerz spiegelte sich in ihnen wieder. Ich vergaß für einen Augenblick meine Probleme und nahm sie in den Arm.
Ich wusste nicht was mit mir los war. Ich war so verändert. Ich scheute sonst die Nähe zu sämtlichen Leuten und vor allem deren Probleme.
Ich wusste nicht, warum es diesmal anders war.
„Wer ist dieser Typ?“ fragte ich sie.
Meine Wut war grenzenlos. Wie konnte man dieses Mädchen nur verlassen? Sie ist so... so... rein, so natürlich, so unglaublich!
Angespannt wartete ich auf diesen Namen und meine Augen weiteten sich als sie antwortete.
„Bill, Bill Kaulitz!“

Kapitel 27



…Aufgebracht sprang ich auf.
„WAS?!“
Fassungslos starrte ich sie an, worauf ich nur einen irritierten Blick zurückbekam. Er hatte eine Freundin und machte mit dieser… dieser… TINA rum?
„Was ist los? Kennst du ihn?“
Chiara stand nun ebenfalls auf und verzog ihre Augenbrauen zu einem fragenden Blick. Oh Gott sie war so unwissend, so unschuldig.
„Ach äh... Flüchtig!“ stotterte ich mir einen zurecht.
„Und warum springst du dann so entsetzt auf?“
Mist. Ihre Augen durchdrangen meinen Kopf. Mir wurde schwindelig. WER ist dieses Mädel? Skeptisch schaut sie mich an.
„Na ja also... ich hätte eben nie von ihm gedacht, dass er so was macht.!“
Verlegen schaue ich auf den Boden und weiche so ihren Blicken aus. Es war nur die halbe Wahrheit, aber auch die verletzte sie mehr als gewollt.
Sie nickte verständnisvoll und setzte sich wieder seufzend auf die kalten Stufen. Ich konnte es noch immer nicht glauben. BILL? Bill war mit ihr zusammen gewesen? Es machte keinen Sinn für mich, es machte einfach keinen Sinn.
„Ich glaube ich gehe nach Hause.“
Chiara erhob sich und stemmte müde ihren Rucksack auf den Rücken.
„Machs gut!“
Sie ging den breiten Flur entlang. Ihre zierliche Gestalt wirkte so verletzlich. Sie erinnerte mich an mich selbst. Man konnte ihren Schmerz fühlen, wenn man in ihrer Nähe war. Sie musste Bill wirklich geliebt haben, sie musste ihn lieben.
„CHIARA?!“ Ich brüllte über den Flur, was mir etliche Kraft raubte, da ich immer noch ziemlich schwach war. Erschrocken drehte sie sich um.
„Willst du... ich mein hast du Lust... ähm Cappuccino?!“ Verwirrt sah sie mich an und ich fragte mich, warum ich sie grade eingeladen hatte. Wollte ich ihr helfen? ICH und HELFEN? Es war so absurd und doch, vielleicht wollte ich ihr wirklich helfen. Sie faszinierte mich irgendwie.
Doch als sie kehrt machte und zielsicher auf mich zusteuerte, wusste ich was ich wollte. Ich wollte nicht allein sein. Nicht allein mit mir, mit meinen Gedanken und mit meinen Schmerzen.
„Gut, ich komm mit.“ Sie klang nicht begeistert aber dennoch dankbar.
Zusammen schlenderten wir zur Straßenbahn und fuhren zu meiner Wohnung. Ich schloss auf und trat hinein.
„HIER wohnst du? Allein?“
Ich nickte.
„Wow, so ein Leben hätte ich auch gerne.“
Ich lachte ironisch.
„Glaub mir, willst du nicht!“
Begeistert wuselte sie durch meine Bude und setzte sich dann kurze Zeit später neben mich. Es piepte. Der Cappuccino war fertig und ich eilte in die Küche. Der Anrufbeantworter blinkte und gedankenverloren drückte ich auf die Starttaste.

„Hallo Livia, hier ist deine Mutter. Ich habe geschäftlich etwas in der Nähe von dei...“

Weiter kam sie nicht, denn ich drückte einfach die Vorspultaste. Es interessierte mich herzlichst wenig, wo mit wem und wann sie irgendwo war. Die nächste Nachricht wurde angezeigt und ich drückte den Knopf.

„Liv? Hier ist Bill...“

SCHOCK! Entsetzt blicke ich zu Chiara, die mit weit aufgerissenen Augen, abwechselnd den Anrufbeantworter und dann mich anstarrte.

„...ich hab gehört was passiert ist, und wollte einfach nur wissen wies dir geht und... ich... ich... es tut mir leid, was ich zu dir gesagt habe...“

Schnell hämmere ich auf den AB ein, sodass Bills Stimme allmählich erstirbt.

„Ich dachte du... du kennst ihn nur FLÜCHTIG?“
Verdammt, warum muss auch immer ich in so eine miese Lage kommen. Mir wurde tierisch warm. Ich spürte wie mein Kopf immer röter wurde. Was sollte ich denn jetzt sagen?
Dass ich Bill geküsst habe? Dass er mir immer eine gewisse Wärme gegeben hat? Dass ich mich irgendwie zu ihm hingezogen gefühlt habe?
NEIN ganz bestimmt nicht.
„Na ja er geht eben in die gleiche Jahrgangsstufe wie ich, da lernt man sich eben so kennen.. ähm... flüchtig eben...“
Sie hob ihre Augenbrauen und jeder Blinde hätte sehen können, dass sie mir nicht glaubte. Komisch. Noch nie hat jemand gemerkt dass ich lüge, auch wenn man mir sonst wenig Vertrauen geschenkt hat, aber eine Lüge von mir aufzudecken, galt als so gut wie unmöglich.
Doch anscheinend war es möglich.
„Aha!“
Ihre Stimme klang auf einmal hart. Ich stellte die beiden Gläser auf den Tisch und bot ihr eines an.
„Nein danke. Ich glaub ich geh jetzt lieber.“
Ich nickte und wollte mich grade erheben.
„Lass man. Ich find den Weg schon alleine.“
Rasch sammelte sie ihre Sachen auf und wenig später hörte ich auch schon die Tür ins Schloss fallen. Weg war sie.
Was war eigentlich los mit mir? Hatte ich diese besondere Gabe, Menschen aus meinem Leben zu vergraulen, zu verdammen?
Von Kopfschmerzen geplagt ließ ich mich in mein Bett fallen. Ich hatte keine Antidepressiva mehr, die hatten sie mir in der Schule schön abgenommen und so schnell würde ich auch keine mehr bekommen. Träge kramte ich die Beruhigungstabletten aus meiner Tasche und warf sie mir ein. Keine Veränderung. Ich hab es gewusst.
Mein Kopf sank in die Kissen und da waren sie wieder. Willkommen Probleme. Meine Gedanken schweiften wieder zu Tom. Ich spürte noch immer seine zarte Hand auf meinem schmerzenden Kopf. Er war so sanft. Wäre ich sehr, SEHR gutgläubig, hätte man meinen können, er liebt mich wirklich...


...Der Morgen danach fing genau so grässlich an wie die letzten. Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerzen ballten sich zu einer gewaltigen Macht, die mich aufstöhnen ließ als ich das Bett verließ. Wenn es einen Gott geben würde, würde er mich sterben lassen. Mir ging es so dreckig.
Ich kramte mir ein paar Klamotten aus dem Schrank und ging ins Bad. Auch die morgendliche, „erfrischende“ Dusche erfüllte nicht ihren Zweck. Ich fror und draußen war der schönste Sonnenschein.
Ich zog mich an und verstaute mein zerstrubbeltes Haar unter einem Cappi. Scheiß aufs Aussehen.
Überhaupt nicht hungrig stopfte ich mir noch schnell ein trockenes Brötchen rein und verließ schleunigst meine Wohnung, um die Straßenbahn noch zu erwischen.
MIST! Da fuhr sie, genau 5 Sekunden zu früh.
Na toll. Rechtzeitig zur Schule schaffte ich es jetzt auch nicht mehr und Geld fürs Taxi hatte ich auch nicht mit. Grrr... wie ich das hasste.
Gelangweilt machte ich mich zu Fuß auf den Weg und dachte an die 5 Kilometer entfernte Schule. Aber gar nicht auftauchen, wäre zu fatal, da ich sonst wohl von der Schule fliegen würde.
Meine Füße taten weh. Ich war schon nach den ersten 200 Metern ziemlich erschöpft.
Ich wollte grade auf die andere Straßenseite wechseln, als mich fast ein schwarzes Auto überfuhr.
„KANNST DU NICHT AUFPASSEN!“ brüllte ich so laut, dass es fast unmöglich gewesen wäre, dies zu überhören. Und so war es auch. Das Auto hielt.
„Liv!?“
Na toll. Tom stieg aus dem Auto und schaute mich skeptisch an.
„Was machst du denn hier?“ fragte er mich völlig ahnungslos.
„Wonach sieht es denn aus?“
Warum meinte es das Schicksal nicht einmal gut mit mir und unterlässt diese ironischen Zwischenfälle.
„Warum gehst du denn zu Fuß?“
Er stellte sich genau in den Weg, sodass ich keine Chance hatte vorbei zu kommen.
„Weil es mir einen Mordsspaß macht?“
Er wusste nicht mehr was er sagen sollte. Meine ausweichenden und angreifenden Antworten, machten ihm echt zu schaffen. Pah so sollte es sein.
„Sollen wir dich mitnehmen?“
„Wir?“
Ich hatte echt keine Lust mit Bill und Tom einen auf „Gut Kumpel“ zu machen.
„Nicht mal wenn die Welt untergehen würde!“
Ok das war gelogen. Zu gern wäre ich mitgefahren, hätte die Nähe von Tom genossen und mir den 5000 Metermarsch gespart, doch das wollte ich ihm nicht gönnen.
„Überleg dir das Liv. Wir haben erste Stunde bei Birkling und die Welt WIRD untergehen!“

Kapitel 28


Mist das hatte ich völlig vergessen. Diese verdammte Englischklausur. Verpasse ich sie, bleibe ich sitzen, soviel war sicher.
Zähneknirschend sagte ich nur „Meinetwegen“ und stieg ein. Tom platzierte sich neben mich.
Dieser Duft, Toms Duft stieg mir in die Nase und ich öffnete schnell ein Fenster, damit ich nicht noch auf falsche Gedanken kam.
„Hier ziehts!“
Diese Stimme, sie kam mir so bekannt vor. Ein Mädchen mit rotblonden Haaren, tippte mir von hinten auf die Schulter. TINA!
„Kannst du mal bitte zumachen? Meine Haare wehen ganz durcheinander!“
Ich blickte nach hinten und sah wie Tina einen Taschenspiegel und Bürste aus einer Handtasche kramte und anfing ihre Mähne zu kämmen. Bill saß daneben und begrüßte mich mit einem kurzen „Hi“. Ich nickte nur und schloss dann das Fenster.
So eine Zicke, wie konnte Bill Chiara nur gegen so ein Biest austauschen? Unbegreiflich.
Ich kannte die Person die am Steuer saß nicht und drehte mich in die andere Richtung. WAS? TATI? Könnt ihr nicht mal alle aufhören mich zu quälen?
„Du bist so ein Arschloch!“ flüsterte ich zu Tom, der mich allerdings nur verdutzt ansah.
„Was?“ bemerkte er nur.
„Schleppst deine kleine Schlampe hier mit rum...“ Ich deutete auf Tati und warf ihr wütende Blicke in den Rücken.
Tom grinste.
„Eifersüchtig?“
Für diese Bemerkung hätte ich ihm am liebsten eine gescheuert. Ich? Eifersüchtig? Natürlich war ich das aber das sollte er NIE erfahren.
Böse funkelte ich ihn an. Vorsichtig berührte er meine Hand und lächelte. Ich zuckte zusammen und riss meine Hand weg.
„Oh Gott Liv, das ist meine Cousine!“ zischte Tom mir angespannt entgegen?
Cousine? Cousine? Hätte er das nicht mal eher sagen können?
„Das hab ich dir doch versucht die ganze Zeit zu erklären, aber du hörst mir ja mal nicht mehr mal zu!“
Ups. Ok diese Qualen hätte ich mir wohl eindeutig sparen können. Etwas erleichterter fuhren wir weiter. Aber wieso erleichterter? Das ändert doch nichts an der Tatsache, dass er mich angelogen und geschlagen hat.
Ich seufzte kurz und das Auto hielt. Wir waren da. Schule. Noch zwei endlose Jahre.
Bill sprang als erstes aus dem Auto und ich hörte wie ihm ein ersticktes Schreien entfuhr. Ich sah aus dem Fenster, konnte aber nichts erkennen.
Langsam stieg ich aus dem Wagen und wäre am liebsten gleich wieder in ihm verschwunden. Denn da stand sie, Chiara! Mit weit geöffneten Augen starrte sie Bill und Tina an, doch als sie mich erkannte, schien ihr Atem stillzustehen...

...Regungslos standen wir da. Ohne Zeit, ohne Raum. Die Welt hatte aufgehört sich zu drehen.
Bill ging taumelnd auf Chiara zu und Tina, die sich an Bill festklammerte, folgte ihm widerstrebig.
„Chiara... seit wann.. ich mein wieso... DU HIER?“
Ich sah die von Tränen genässten Augen Chiaras und den Schmerz, der in ihnen lag. Sie schnaubte verächtlich.
„Ja schon seit gestern, aber du... du hattest ja nur Augen für dieses... dieses Flittchen da...“
Bill ging einen Schritt auf sie zu und wollte ihre Hand greifen.
„Chiara, es, es ist nicht so wie du denkst...“
„BILL ICH DACHTE DU LIEBST MICH!“
Ihr Schreien hallte über den bereits leeren Schulhof und die Tränen waren jetzt unaufhaltbar. Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und rannte. Rannte an mir vorbei, wobei sie noch so etwas wie „Lügnerin“ murmelte und schlug die große Eingangstür hinter sich zu.

Ja klar, warum wendet sich eigentlich nicht die GANZE Welt gegen mich. Fassungslos starrte ich ihr hinterher. Oh Bill du Mistkerl, wegen dir hab ich jetzt dieses Riesenfiasko.
„SCHEIßE!“ schrie er auf einmal los.
„Du kennst sie?“
Tina zuppelte Bill leicht am Ärmel und warf ihm einen ihrer zickigsten Blicke zu.
„Ja!“ sagte er träumend und starrte ins Leere.
Tina tippelte unruhig von einem Fleck auf den nächsten.
„Na gut, auch egal. Können wir dann?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, zerrte sie Bill mit sich und küsste ihn hastig auf den Mund. Er reagierte nicht einmal, als ob es sie gar nicht gebe. Völlig verwirrt taumelte er den Weg entlang und verschwand wenig später hinter der Tür.
Und ich? Ich stand immer noch da. Musste immer noch an Chiaras entsetztes Gesicht denken, an ihre traurigen Augen, ihre wütenden Blicke. Es war wie ein Stich ins Herz.
Plötzlich hörte ich ein leises Atmen, direkt neben meinem Ohr. Es muss schon die ganze Zeit da gewesen sein, doch es fiel mir jetzt erst auf.
Und dann erinnerte ich mich wieder. TOM!
Doch ich bewegte mich trotzdem nicht. Konnte nicht. Wollte nicht. Wollte weiter seinen Atem spüren, irgendwas von ihm spüren, einfach nur bei ihm sein.
Ich weiß nicht, was mich dazu brachte, doch meine Hand glitt nach hinten und ich fühlte die seine, in meiner. Erst zuckte er zusammen, doch dann drückte er sie fest. Seine Hand, sie war so warm, so zärtlich, so real. Wie lange hab ich mich danach gesehnt. All diese Tabletten konnten nicht meinen Schmerz besiegen, konnten sie nur betäuben. Ich wusste jetzt, dass nur Tom mich retten konnte. Mich retten vor mir selber, vor etwas was ich nicht sein will. Ich liebte Tom. Habe Bill nie geliebt. Hab nur das Gefühl, geliebt zu werden, geliebt. Doch bei Tom war es echt, geradezu brutale Realität, wenn man Liebe so nennen konnte. Und ich habe gedacht, ich könnte es nie.
Könnte nie jemanden lieben, jemandem verzeihen, jemandem vertrauen. Es fiel mir immer noch schwer, doch ich konnte.
Konnte es mit all meiner Seele und mit der ganzen Kraft meines Körpers. Denn nur er, Tom, konnte diese Gefühle in mir hervorrufen.
Ich spürte einen weiteren Druck an meiner Hand und erst da wurde mir eigentlich bewusst, was ich hier tat.
Ruckartig löste ich mich von seiner Nähe und drehte mich um. Seine Gesichtszüge waren sanft und mit leicht geöffneten Lippen, stand er so dicht vor mir, das wir fast eins waren.
Er holte kaum Luft.
„Ich liebe dich Liv...“

...Ich merkte nicht mal wie mir die Tränen an den heißen Wangen runterliefen. Dieses Gefühl betäubte mich. Dieses Gefühl der Glückseligkeit, der Vollkommenheit.
Ich wollte kämpfen, doch ich tat es nicht. Zu lange schon hab ich mich dagegen gewehrt, ich war zu erschöpft weiter zu kämpfen. Kraftlos ließ ich mich in Toms Arme fallen und schluchzte.
Es war wie eine Befreiung.
Eine Befreiung vor mir selber, vor meiner Trauer, meinen Hass.
Es fiel von mir ab, stückchenweise, bis nur noch ein kleines Häufchen blieb.
Tom schloss mich fest in seine Arme und legte seinen Kopf auf meine Schulter. Schon etliche Male standen wir so da, nur wir zwei, eins. Doch diesmal war es anders. Der Funke wurde zum Feuer.
Es loderte. Er nahm mein Gesicht in beide Hände und führte seine Lippen sanft zu meinen. Dieser Kuss, so salzig, vermischt mit seinen und meinen Tränen, er sollte nicht enden. Wir waren verbunden, verbunden für die Ewigkeit.
Es war ein zarter, ja fast nur ein Hauch von einem Kuss aber dennoch brachte er all die Liebe in mir zurück, die seit Tagen verschlossen schien. Sie breitete sich in mir aus wie ein Feuerwerk, sprudelte in jede Zelle meines Körpers und verebbte erst in den Fingerspitzen.
Ich spürte wieder seinen Piercing, der meine Lippen angenehm zum Kribbeln brachte, konnte ihn wieder spüren.
Wie lange hatte ich mich danach gesehnt.
Es waren nur wenige Tage, nur wenige Tage, die mir vorkamen wie qualvolle Jahre. Doch es war vorbei. Ich wusste jetzt wo ich hingehörte.

Unsere Lippen lösten sich voneinander. Das Band war gebrochen, doch das Gefühl blieb. Dafür liebte ich ihn.
Ich schluchzte noch immer, leise, kaum merklich, doch es war ein Anlass für Tom, mir zärtlich über die Wange zu streichen und so die restlichen Tränen beiseite zu wischen.
Die Sonnenstrahlen wärmten unsere Körper, ließen ihn wieder neue Energien erfahren.
Toms braune Augen strahlten mir glücklich entgegen.
Oh Tom, ich will dich nie, NIE wieder verlieren.
„Danke...“ hauchte er mir ins Ohr und ich verstand.
Ich hatte ihm verziehen, verziehen für die Schmerzen die er mir zugefügt hatte. Ich wollte ihn leiden sehen, wollte ihm am Boden sehen, so wie er es mit mir geschafft hatte, doch ich konnte nicht. Ich war zu abhängig von ihm, von seiner Wärme, seiner Liebe.

Die Stunde hatte schon längst begonnen. Das Klingeln nahmen wir beide nicht mehr war. Langsam griff ich wieder zu seiner Hand und verschloss sie mit meiner.
Endlich.
Ich gehöre wieder dir Tom.
Bitte verlier mich nicht noch einmal, denn das würde mir endgültig das Herz brechen.
Langsam schlenderten wir die Treppe empor und drückten die schwere Eingangstür beiseite. Hand in Hand gingen wir fluraufwärts, Richtung Klassenzimmer. Vor der Tür blieben wir stehen.
Tom griff auch nach meiner zweiten Hand und führte beide an seine Hüfte, seine Hände legte er um meinen Hals. Diese warmen Augen trafen die meinen und ich war sicher, dass sie etwas von ihrem alten Glanz zurück gewannen. Es konnte nur so sein.
„Ich liebe dich!“ flüsterte er noch einmal, als ob er die Worte, bei jedem weiteren Male, mehr genoss.
„Ich dich auch...!“
Es war nur ein Wispern und doch war es so klar, dass diese Worte in meinen Ohren widerhallten.
Er lächelte und küsste noch einmal sanft meine Lippen.
Ja ich gehöre dir Tom und nie könnt ich dich hassen. Ich liebe dich.

Kapitel 29


Wortlos öffnete Tom die Tür und gemeinsam wagten wir den Schritt in die Hölle...
...Totenstille empfing uns. Alle hoben ruckartig ihre Köpfe und starrten uns mehr oder weniger begeistert an. Bei Denise Anblick hätte ich am liebsten laut aufgelacht. Ihr vor Schreck verzogenes Gesicht glich dem eines geschlagenen Hundes.
Ich drückte leicht Toms Hand und spürte den Gegendruck. Was für ein Gefühl. Er lächelte mich kurz an, ehe Birkling wie vom Teufel gejagt, auf uns zusteuerte.
„SIE SIND ZU SPÄT!“ schnauzte er uns in voller Lautstärke entgegen.
Wir nickten nur zaghaft.
„Denken Sie etwa mit dieser Einstellung schaffen sie es dieses Schuljahr zu bestehen?“
Birkling schaute mich finster, ja geradezu hämisch an. Oh ja das würde ihm gefallen, mich nicht zu versetzen oder besser noch, mich gleich von der Schule zu werfen.
Wir schwiegen, trotz der Verlockung ihn anzuschreien.
„SETZEN!“
Stillschweigend setzten wir uns auf unsere Plätze und begannen die Prüfungsaufgaben durchzuarbeiten. Es war mir jetzt schon klar, dass ich diese Klausur nicht bestehen würde, zu wenig Zeit, zu viel Ahnungslosigkeit.
Ich seufzte. Tom drehte sich rum und lächelte mir aufmunternd zu. Ich zwinkerte kurz und gab mich dann wieder den Aufgaben hin.
35 Minuten später klingelte es und ich war noch nicht einmal mit der Hälfte fertig. Hastig krakelte ich noch ein paar englische Sätze hin, ehe mir Birkling das Blatt mit einem triumphierenden Lächeln aus der Hand riss.
Ich stöhnte und erhob mich aus meinem Stuhl.
„Und?“ fragte Tom mich.
„Ich werds nicht schaffen!“ sagte ich mit einer Spur Verzweiflung.
„Ach, sag so was nicht...“
Er nahm mich in die Arme und wieder ernteten wir erstaunte und eifersüchtige Blicke.

„Liv, also das mit der Ohrfeige, das wollte ich nicht. Ich hatte viel zu viel getrunken und wurde so sauer als du gesagt hast...“
„Schhhhh....“
Ich legte ihm meinen Zeigefinger auf die Lippen und löste ihn durch meinen Mund ab. Ich wollte nicht noch mal daran erinnert werden, nicht noch mal an diese eine Nacht, die zum zweiten Mal mein Leben zerstört hatte.
Es war vorbei, war Vergangenheit.
„Nur noch eins... warum hast du mir nie erzählt das du eine eigene Band hast, also die auch richtig berühmt ist?“
Gespannt wartete ich auf eine Antwort. Tom schien das sehr unangenehm zu sein. Er biss sich auf die Unterlippe.
„Weißt du... Ich hätte nie gewusst ob du wirklich richtige Gefühle für mich hast. Siehst du nicht, wie manche Leute mich anstarren? Ich wollte nicht einfach nur eine Eroberung für dich sein... Ich wollte mehr.“
„Du hättest es mir später sagen können, es gab so viele Gelegenheiten.“
„Oh glaub mir, das wollte ich auch. Nächtelang hab ich wach gelegen und überlegt wie ich es dir beibringe aber dann... dann war ich so glücklich mit dir und ich hab gedacht, ich sollte das Glück nicht auf die Probe stellen.“
„Und mich weiter anlügen...“
„Oh bitte Liv, es tut mir leid...!“
Ich lächelte leicht. „Schon okay!“ und küsste ihn.
Man merkte wie die Anspannung von ihm abfiel. Er zog mich an den Hüften zu sich ran und schob mich auf seinen Schoß.
„Könnt ihr eure perversen Spiele nicht woanders treiben?“ keifte uns Denise von der Seite an.
„Aber klar doch!“ lachte ich und schleifte Tom mit in den Flur.
Unsere Zungen fanden ihren Weg und betasteten, als ob es das erste Mal wäre, ihren Partner.
Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich!! Ich konnte es nicht oft genug denken „Ich liebe dich!“ geschweige denn sagen.
Ich hatte ihn endlich wieder...

...Ein Räuspern riss uns auseinander. Bill stand mit skeptischer Miene vor uns und tippelte von einem Fuß auf den anderen.
„Äh, ich nehme mal an, ihr seid wieder zusammen?“
Nanu? Warum nahm er das denn auf einmal so locker? Ich zog beide Augenbrauen hoch und musterte ihn verwundert. Er verstand wohl und zog mich an einem Ärmel näher zu sich ran.
„Liv? Kann ich mal mit dir reden?“
Ich nickte und befreite mich aus Toms Umarmung.
„Was ist los?“ raunte er in Bills Richtung.
„Kannst du uns nicht einmal zufrieden lassen?“
Oh er war wohl immer noch ziemlich eifersüchtig. Wütend starrte er zu Bill, der genervt die Augen verdrehte und mich abwartend ansah.
Ich küsste Tom und strich ihm sanft über die Wange, dann gesellte ich mich zu Bill und gemeinsam gingen wir ein paar Meter Richtung Ausgang, wo wir ungestört waren.
Bill wollte grade anfangen zu sprechen, doch ich unterbrach ihn.
„Warte Bill, bevor du anfängst mir noch mehr Wahrheiten über Tom zu erzählen, bitte... behalt sie für dich. Es tut mir leid, wenn ich dir Hoffnungen oder so gemacht habe, aber ich liebe Tom und... hey was gibt es da zu lachen?“
Bills Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln und irritiert schaute ich ihn an.
„Ich hab nicht vor, dir noch eine Liebeserklärung zu machen Liv. Ich weiß jetzt dass Tom dich liebt und ich würde meinem Bruder so was nie antun, und außerdem, ich glaub ich hab dich nie wirklich geliebt...“
Was? Das kam aber jetzt ein bisschen zu plötzlich.
„Warum hast du es dann gesagt? Warum warst du die ganze Zeit so eifersüchtig? WARUM BILL?“
Verzweiflung lag in seinen Augen. Verstört wendete er seinen Blick von mir ab und sprach leise aber dennoch klar weiter.
„Du kennst Chiara, nicht wahr?“
Ich nickte, was Bill aber nicht sah, da er immer noch abgewandt von mir sprach.
„Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen aber, ihr... ihr seid euch so, so ähnlich...“
Ich war sprachlos. Genau dieselben Gedanken hatte ich gestern auch gehabt. Nicht dass wir uns äußerlich her sehr ähnelten, nein es war eher die Art, der Ausdruck.
Verblüfft starrte ich Bill an, der sich grade umgedreht hatte.
„Weißt du, ich konnte Chiara nie wirklich vergessen, ich hab sie immer geliebt, doch dann...“
„Was?“ flüsterte ich atemlos.
„...dann kamst du!“
Ich riss die Augen auf.
„Du hast mein ganzes Leben durcheinander gebracht Liv. Ich konnte an nicht anderes mehr denken als an dich, aber nur... nur weil du mich an sie, an Chiara erinnert hast. Ich hatte sie so schrecklich vermisst, war so verzweifelt, du hast all dies genommen. Und als ich dich dann in den Armen meines Bruders sah, wollte ich ihn verletzen, meine eigenen Bruder. Du solltest mir gehören, aber erst jetzt ist mir klar geworden, dass du wahrscheinlich die Erste bist, die Tom je geliebt hat...“
Mein Mund stand offen, ich konnte kaum atmen, geschweige denn sprechen, doch ich tat es trotzdem.
„Und was willst du jetzt von mir?“
„Deine Hilfe!“
Hilfe? Fragend sah ich ihn an.
„Ich will Chiara nicht noch einmal verlieren!“
Chiara. Er liebte sie noch immer.
„Was ist mit Tina?“
Schweigend sah er zu Boden und zuckte die Schultern. Seinen gequälten Gesichtsausdruck ignorierte ich. Selbst Schuld. Er hatte sich sein Schicksal selbst gewählt.
„Tina, also ich... ich mag sie ja...aber Chiara liebe ich nun mal und es würde mir das Herz brechen, wenn ich sie jeden Tag sehen müsste, ohne sie berühren zu dürfen.“
Ich verstand es. So ging es mir jeden Tag mit Tom. Seine Nähe war unerträglich aber seine Abwesenheit tödlich.
„OK ich helfe dir Bill...“
Freudestrahlend nahm er mich in die Arme, doch ich schob ihn weg.
„...aber nur unter einer Bedingung!“


Kapitel 30


Er nickte heftig mit dem Kopf.
„Rede mit Tom. Ich kann es nicht ertragen, wenn ihr euch die ganze Zeit so ankeift. Und außerdem will ich Tom nicht so leiden sehen, wenn du mit mir sprichst.“
„Du liebst ihn wirklich, oder?“
Ich wurde leicht rot und nickte schließlich.
„Ok ich rede mit ihm.“
Es klingelte und wir gingen zurück zu Tom, der Bill immer noch finster anstarrte.
Sofort zog er mich zurück in seine Arme und verschränkte sie hinter meinem Rücken, sodass ein Entkommen nicht möglich war.
„Tom? Können wir kurz reden?“
„Ich? Mit dir? Vergiss es!“
Das war klar. Tom dieser Sturkopf. Flehend schaute ich ihn an und seine Gesichtszüge erweichten sich. Er stöhnte und ließ mich los. Ich ging in den Klassenraum und ließ die beiden alleine.
Drinnen angekommen war Detlef schon dabei, hastig etwas an die Tafel zu schmieren.
„Ihr macht diese Aufgaben. Ich muss zur Gesamtkonferenz und wehe...“ Er deutete auf ein paar Kerle in der letzten Reihe. „..wehe einer haut ab wenn ich nicht da bin!“
Ein lautes Gegröle war noch von hinten zu hören, bevor Detlef den Raum verließ.
Ich setzte mich auf meinen Stuhl und wartete dass Tom endlich wieder reinkommen würde. Soviel mussten sie nun auch nicht klären. Er war mindestens schon eine halbe Stunde weg.
„Na? Hat dich dein Tommy schon wieder verlassen?“
Denise grinste mich mit ihren rotgemalten Lippen an und fummelte wieder in ihren blonden Locken rum. Ohhh wie mich das auf die Palme brachte, doch ich schwieg eisern, wollte auf keinen Fall noch einmal mit diesem Flittchen Streit anfangen.
„Ach Schätzchen, sieh es doch endlich ein, er wirft sie alle irgendwann weg..“
Unweigerlich musste ich lachen. Ach Denise du bist so ahnungslos, so unwissend.
Sie sah mich verwirrt an und man konnte ihr kleines Hirn praktisch arbeiten sehen.
„Weißt du, es wundert mich überhaupt nicht, dass er solche Schlampen wie dich wieder abschiebt. Billig kann man eben IMMER haben...“
Ha das hatte gesessen. Ich wollte zwar nichts sagen aber für diesen dämlichen Gesichtsausdruck hatte es sich trotzdem gelohnt.
Entsetzt klappte ihr Mund runter, versuchte sich aber wieder einigermaßen zu fangen.
„Und du denkst bei dir ist das anders ja?“
Wütend funkelte sie mir entgegen.
„Nein, sie weiß es...“
Tom stand hinter ihr und schob sie leicht zur Seite, sodass er mich küssen konnte.
Gott ich danke dir für deinen Segen.
Denise starrte uns ein letztes Mal, mit einem so finsteren Blick an, bis sie schließlich kehrt machte und wütend das Klassenzimmer verließ.
Ich umarmte Tom für dieses perfekte Timing und legte meine Lippen wieder auf seine...
„Alles geklärt?!“ fragte ich während einer kurzen Atempause.
Er nickte. „Danke!“
„Wofür?“
„Ohne dich, hätte ich kein einziges Wort mehr mit Bill geredet. Jetzt weiß ich das er nicht mehr auf dich steht. Glaub mir, dass hätte ich nicht noch einmal ausgehalten...“
Das schlechte Gewissen plagte mich. Er wusste nichts von diesem einem Kuss mit Bill. Der Kuss, der damals soviel Gefühle für Bill hervorgerufen hatte.
Ich wusste nicht, ob ich es ihm sagen sollte. Er würde es nicht verstehen. Nicht jetzt.
Ich entschied mich, es ihm irgendwann einmal zu sagen. Wenn es nicht mehr so frisch ist, keine alten Wunden aufreißt.
„Schon ok“ sagte ich und lächelte ihn an.
„Hauptsache, ihr geht wieder wie normal Menschen miteinander um...“
„Ähm Liv?“
„Ja?“
„Willst du nicht wieder zu uns ziehen? Es ist so leer ohne dich und seit jetzt auch fast jeden Tag Tina bei uns ist, halte ich es kaum noch aus. Ich vermisse dich so, deine Nähe, dein Lachen, dein.. ach einfach alles!! Bitte!!“
Er schob seine Unterlippe ein wenig hervor, wie bei einem trotzigen Kleinkind und blinkerte mir mit seinen, mich so wahnsinnig machenden, braunen Augen an.
Aber ich wusste nicht was ich machen sollte. War es nicht etwas zu früh? Leicht unsicher schaute ich zu Tom und da war es klar.
Ich konnte, wollte nicht länger alleine sein, wollte ihn nicht alleine lassen.
Schon zu lange waren wir getrennt.
„Ok“ flüsterte ich und Tom sprang auf und zog mich hinterher.
Er bedeckte mein gesamtes Gesicht mit Küssen und strahlte als wäre er die Sonne persönlich. So sehr liebst du mich Tom?
Es ist unglaublich.
Unglaublich schön.

So verging der Tag im nu. Tom und ich konnten die Finger voneinander nicht lassen und verbrachten jede freie Sekunde damit, die verloren gegangenen Küsse wieder aufzuholen.
Chiara begegnete ich an diesem Tag nur einmal. Ich wollte sie aufhalten, doch sie ignorierte mich gekonnt. Ihr kalter Blick schreckte mich vor noch mehr Initiative ab und so ging ich ihr so gut wie möglich aus dem Weg.
Ich würde Bill helfen, Chiara wieder zurück zu gewinnen, doch es benötigte Zeit.
Tina hing weiterhin an Bills Arm fest und ließ ihn nur ungern in seine Klasse zurück gehen, damit er Unterricht machen kann. Ich verstand Bill nicht. Warum machte er nicht einfach mit Tina Schluss?
Die Klingel erlöste uns von der letzten Stunde und gemeinsam gingen Tom und ich aus dem Schultor.
„Kommst du noch mit zu mir? Dann kann ich ein paar Sachen von mir holen, wenn du nicht willst, dass ich wieder deine XXL-Klamotten trage.“
Er grinste. „Das sah aber verdammt heiß aus, Süße!“
Ich verdrehte die Augen. „Das saß so locker, da hätte ich auch nackt gehen können.“
„Deswegen ja!“
Ich seufzte. Unverbesserlich dieser Kerl.
Ich wollte grade auf die Straßenbahn zuschreiten, als ich Chiara sah. Sie stand an der Haltestelle und schaute ziemlich finster drein.
Ich wollte umkehren, doch Tom streckte schon die Hände in die Höhe.
„Hey Chiara!“
Sie drehte sich um und erschrak.
„Hallo Tom. Lange nicht mehr gesehen.“
Er drückte sie kurz. Anscheinend sind sie früher wunderbar miteinander ausgekommen.
„Hallo Chiara!“ sagte ich, doch sie nickte nur kurz.
„Ohhh es tut mir leid Chiara. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Ich wollte dich nicht noch mehr verletzen.“
„Ach und indem du mich anlügst, hilfst du mir oder was?“
„Mein Gott was hätte ich denn tun sollen? Hätte ich etwa: Hey Chiara ich hab gehört wie dein Bill mit einer anderen vögelt! sagen sollen?“
Sie schaute beleidigt auf den Boden und Tom sah uns nur verwirrt an. Anscheinend hatte er überhaupt keine Ahnung um was es eigentlich ging.
„Man, es ist nur... Bill liebt dich Chiara!“
Sie schnaubte und verdrehte genervt die Augen.
„Hör auf damit Livia. Ich glaube dir kein Wort mehr. Er läuft den ganzen Tag mit dieser Schlampe rum und DU sagst mir, dass er mich liebt? Vergiss es Liv....“
Mit diesen Worten stieg sie in die nächste Straßenbahn und ließ uns allein...
„Was war das denn?“
„Erklär ich dir ein andres Mal Tom. Ich hab jetzt echt keinen Nerv dafür!“
Das stimmte, denn urplötzlich stellten sich diese verdammten Kopfschmerzen wieder ein und zerhämmerten meinen sowieso schon geschädigten Kopf.
„Alles ok mit dir?“ fragte Tom besorgt als er meine zusammengekniffenen Augen sah.
„Geht schon!“ röchelte ich heiser und versuchte zu lächeln, was mir allerdings gehörig misslang.

Kapitel 31


„Lass uns gehen!“ Tom griff nach meiner Hand, wofür ich ihm sehr dankbar war, denn ich fürchtete jeden Moment umzufallen.
Wir setzten uns auf zwei freie Plätze und fuhren zu meiner Wohnung.
„Wow, hier hat sich ja viel verändert“ bemerkte Tom als wir die Wohnungstür aufschlossen.
Ich nickte nur. Viel Zeit hatte ich damit verbracht, meine gesamte Bude auf den Kopf zu stellen nur um nicht bei jeder Kleinigkeit an Tom erinnert zu werden. Jetzt kam sie mir seltsam fremd vor, so als ob ich nur zu Besuch wäre, was ich ja auch war.
„Ich pack nur ein paar Sachen zusammen“ rief ich und verschwand im Schlafzimmer.
Ich riss meinen Schrank auf und schaufelte Berge von Klamotten in einen Koffer und versuchte ihn zuzubekommen.
„TOHOOOM!“
Ein gedämpftes „Hm?“ drang aus der Stube.
„Kannst du mir mal bitte helfen?“
Er kam ins Schlafzimmer, wo ich ächzend auf dem Koffer saß und versuchte ihn abzuschließen. Unmöglich. Tom grinste bei dem Anblick.
„Na? Brauchst wohl eine starke Männerhand die dir hilft was?“
„Ja, aber du würdest mir auch schon reichen...“
Ich lachte ihn an und er stimmte mit ein. Wie ich das vermisst hatte. Diese traute Zweisamkeit. Sein Lachen brachte mich jedes Mal fast um den Verstand.
Er setzte sich mit mir auf den Koffer und schaffte es ihn zu verschließen.
„Geschafft!“ sagte ich und lehnte mich erschöpft gegen Tom.
„Soll ich Georg anrufen? Der kann uns abholen, dann müssen wir den Koffer nicht bis zur Haltestelle schleppen.“
Georg? Oh Gott, noch so eine Fahrt würde mein schwaches Herz nicht verkraften, aber andererseits hatte ich echt keine Lust dieses verdammte Ding zu tragen.
„Ok“
Er tippte die Nummer in sein Handy und bestellte Georg zu mir. Wow. Es muss der Wahnsinn sein, solche verlässlichen Freunde zu haben, überhaupt ECHTE Freunde zu haben, und nicht ständig mit dem Gedanken leben zu müssen, dass sie dich nur wegen deines Geldes erdulden. Es klingelte.
„Muss Georg sein“ sagte Tom und hievte den schweren Koffer den Flur entlang.
Es war Georg. Grinsend stand er in der Diele und begutachtete uns zwei.
„Na das ihr zwei euch noch mal zusammenrafft hätte ich echt nicht gedacht!“
„Aufhören zu denken Georg!“ sagte Tom und stellte den Koffer vor seinen Kumpel.
Georg, welcher wohl der stärkste von uns dreien war, hievte das Teil mit einer Leichtigkeit die Treppe runter.
„So und rein ins Vergnügen“ sagte Georg und öffnete mir die Autotür. Haha was für eine Ironie. Etwas mulmig stieg ich ein und Tom neben mir. Der Motor heulte auf und mit einem Affentempo rasten wir durch die Stadt. Es war weit mehr erträglicher als die letzten Male, aber auch diese Fahrt überlebten wir nur knapp.
Nervig völlig am Ende, stiegen Tom und ich aus und ließen Georg den Koffer noch reintragen.
„Hey danke alter“ verabschiedete sich Tom und ich drückte ihm noch schnell einen Kuss auf die Wange auf, ehe wir das Haus betraten.
„TOM? Bist du das?“
„Ja Mom!“
Simone kam aus der Küche und bliebe wie angewurzelt stehen als sie mich sah.
„Hallo“ begrüßte ich sie ein wenig schüchtern.
Das letzte Mal als wir uns gesehen haben, war nicht grade mein bester Tag.
„Liv? Was machst du denn hier?“
Sie starrte auf den Koffer und dann zu Tom.
„Schon verstanden“ grinste sie und verschwand wieder in der Küche.
Wir gingen hoch in sein Zimmer und ich erschrak. So viel Müll wie hier rumlag, gab es nicht mal in den besten Zeiten bei mir. Berge von Klamotten türmten sich meterhoch in den Ecken und überall lagen Dosen und Pizzaschachteln rum. Der einzig freie Fleck war wohl das Bett, wo ich mich auch gleich draufsetzte.
„Sorry hatte noch keine Zeit zum Aufräumen!“ sagte Tom als er mein erschrockenes Gesicht sah.
„Keine Zeit? Keine Lust würde ich sagen...“
Er zuckte nur mit den Schultern und ging ins Bad.
Ich seufzte. So sehr ich ihn auch liebte aber in diesem Chaos wollte ich auf keinen Fall leben. Ich erhob mich vom Bett und sammelte die leeren Dosen und Schachteln ein und verstaute sie in mehreren Beuteln. Danach sammelte ich die Klamotten von Tom ein und schmiss sie in die Wäsche. Na ja schon besser. Schnell riss ich noch die Fenster auf um die herrliche Nachmittagssonne ins Zimmer zu lassen.
Tom kam grade ins Zimmer und sah verwirrt in das aufgeräumte Chaos.
Ich grinste ihn nur an und zog mit zu mir aufs Bett.
„Oh Baby dafür darfst du dir alles wünschen was du willst..“
Vorsichtig küsste er meine Lippen und sein Piercing rief augenblicklich dieses angenehme Kribbeln in mir hervor.
„Ich hab dich so vermisst“ flüsterte ich ihm entgegen, doch er verschloss meinen Mund bereits mit seinem und ich konnte einfach nichts anderes machen, als mich ihm völlig hinzugeben. Einfach nur frei sein, frei mit ihm, frei für die Unendlichkeit...

...Plötzlich durchzuckte es mich wie tausend Stromstöße. Seine Hände umfassten liebevoll mein Gesicht und seine zarten Lippen küssten sachte meinen Mund.
Er legte sich auf mich. Sein Gewicht lag schwer auf meinen Rippen und doch erregte es mich total, so nah bei ihm zu sein.
„Warte..“ flüsterte ich.
„Worauf?“
Ich hielt meinen schnellen Atem an, damit Tom die Geräusche besser hören konnte. Sie waren ganz nah. Toms Mum machte unten das Abendbrot und ich wollte nicht gestört werden. Wollte nicht unterbrochen werden, nicht das Band das uns verband zerschneiden.
Er lächelte und legte sich neben mich.
„Ok..“
Ich streichelte seine feinen Gesichtszüge und ein leichtes Kribbeln durchfuhr meine Hand. Was hast du nur an dir Tom Kaulitz, was hast du nur, dass du mich so wahnsinnig machen kannst?
„Ich liebe dich!“
Sein Flüstern drang in mein Ohr als wären es die schönsten Worte die man hören konnte. Es klang so ernst und doch so leidenschaftlich, so als wolle er sich am liebsten gleich wieder auf mich stürzen.
Die Tür wurde aufgerissen und Bill stand mitten im Zimmer.
„Oh ähm.. hab ich ganz vergessen, dass du wieder bei uns wohnst Liv. Na dann herzlich willkommen!“
Er lachte leicht und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Danke Bill“
Ich lag immer noch eng an Tom geschmiegt auf dem Bett und die Situation kam mir ziemlich komisch vor.
„SCHAHATZ“ Bill zuckte augenblicklich zusammen und drehte sich langsam um. Tina stand genau hinter ihm und begrüßte ihn freudestrahlend mit einem Kuss auf den Mund.
„Hab dich schon überall gesucht, kann ja nicht wissen das du bei Tom und ... LIVIA? Was machst du denn hier?“
Tina sah mich ungläubig an und verzog ihren Mund zu einem unglaubwürdigen Lächeln.
„Schön dich mal wieder zu sehen...“
Wow sie log ohne rot zu werden, das musste schon wirklich mit Respekt belohnt werden.
„Ja freut mich auch“ und wieder eine Lüge.
Ihre zuckersüße Art brachte mich fast um den Verstand.
Sie legte ihren Arm um Bills Hüfte und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf er nickte und beide verschwanden.
Seltsam... wenn Bill Chiara doch liebt, warum kann er sich nicht einfach von Tina trennen? Was ist nur mit ihm los?
Doch ich konnte meine Gedanken nicht zu Ende führen, denn Tom drehte meinen Kopf in seine Richtung.
„Woran denkst du?“
Ha woran ich dachte? An alles und nichts. Wenn man Tom in die Augen blickte, konnte man einfach an nichts denken und doch schwirrten tausend Wörter in meinem Kopf.
„Dass ich dich liebe“ sagte ich und küsste seine warme Stirn.
Er lächelte und erhob sich vom Bett.
„Essen fassen!!“
Er zog mich in die Höhe und küsste mich ein letztes Mal ehe wir die Treppe hinab zur Küche stiegen. Ein angenehmer Geruch empfing uns bereits. Toms Mum kochte echt die leckersten Spaghettis weit und breit.
Tina und Bill saßen schon am Tisch und schwiegen sich an.
„Ach da seid ihr ja“ begrüßte uns Simone und tat uns einen ordentlichen Batzen Nudeln auf den Teller.
Ich setzte mich auf meinen „alten“ Platz und musste unwillkürlich anfingen zu grinsen. Nie hätte ich gedacht jemals noch mal an diesem Tisch zu sitzen, nicht mit diesen Personen, nicht zu dieser Zeit. Und doch tat ich es. Es kam mir immer noch vor wie ein Traum, doch er sollte NIE enden.
Genüsslich verspeiste ich das Essen und beobachtete immer wieder Tina von der Seite. Sie schien ihr Essen kaum angerührt zu haben.
„Keinen Hunger?“ fragte ich und deutete auf ihre Spaghettis.
Sie schüttelte nur leicht den Kopf und starrte zu Bill. Was ist nur mit denen los, schoss es mir wieder durch den Kopf. Eigenartig.

Kapitel 32


Tina und Bill halfen Simone beim Abwasch und Tom und ich gingen wieder in sein Zimmer. Tom schloss die Tür hinter sich ab und ich legte mich aufs Bett.
„Es ist so schön dich wieder bei mir zu haben“ wisperte Tom und küsste mich zärtlich.
Er stützte sich mit den Armen auf das Bett, doch ich legte meine Arme um seine Hüfte und zog ihn zu mir...
... Da war es wieder, dieses irre prickelnde Gefühl, das sich in meinen Körper ausbreitete und eine angenehme Wärme verbreitete. Es durchfloss sämtliche Zellen meiner Haut und ließ mich leicht stöhnen.
Tom legte sich wieder auf mich und ich spürte seine Nähe, konnte sie fühlen, hören. Sein Atem wurde schneller und ich spürte ihn, spürte ihn ganz nah bei mir.
„Tom“ stöhnte ich kaum hörbar auf.
Er drehte seinen Kopf in meine Richtung und seine Lippen näherten sich meinem Mund. Und dann diese eine Berührung, dieser eine Kuss brachte mich völlig aus dem Gleichgewicht. Mein ganzer Körper schien zu schwanken, ein Taumel völliger Glückseligkeit.
Ich spürte keine Angst mehr bei den Berührungen, keine Kälte mehr, keine Panik. Ich war wieder ich, war wieder da, meine ganze Seele, die sich im hintersten Winkel versteckt hatte. Meine Zunge spielte mit der seinen, sanft, doch dann immer leidenschaftlicher, fordernder.
Es erregte mich.
Brachte mich um den Verstand.
Toms warme Hände glitten über meinen Körper und jeder seiner Berührungen brannten wie Feuer auf meiner Haut.
Doch es war das Feuer der Leidenschaft, wie ein Feuerwerk das zu explodieren drohte. Er streifte mir das Top vom Körper und bedeckte ihn mit tausend kleinen Küssen.
Meine Nackenhaare stellten sich auf und eine leichte Gänsehaut überzog mich. Ich legte meine Arme in seinen Nacken und zog ihn näher zu mir runter.
Ich zog ihm sein Shirt über den Kopf und warf es beiseite. So nah waren unsere Körper schon lange nicht mehr beieinander gewesen. Er setzte sich auf meine Hüfte und streifte die BH Träger von meinen Schultern, bis ich völlig nackt vor ihm lag. Er küsste sanft meine Brüste und bei jeder seiner Berührungen stöhnte ich kurz auf.
Meine Hände glitten zu seinem Hintern und mit einem Ruck war Toms Hose aus. Ich spürte seine Erregung, hörte sein Verlangen. Er wollte mehr... ich auch.
Hastig knöpfte er meinen Rock auf und warf ihn zu den restlichen Klamotten. Das einzige was uns noch bedeckte war die Unterwäsche.
Mein Atem war laut und ich hatte Angst das Bill oder sonst wer es hören konnte. Ich richtete mich auf, doch Tom drückte mich mit sanfter Gewalt zurück in die Kissen. Seine feuchten Hände glitten an meinen Oberschenkeln entlang und zogen mir mein letztes Kleidungsstück nun endgültig aus. Auch seine Boxers lag bereits in der Ecke. Seine Zunge tastete jeden Winkel meines Körpers ab. Er richtete sich auf und meine Hand umfasste sanft sein Glied. Er stöhnte und sein Keuchen war mittlerweile genauso laut wie meines.
Vorsichtig führte ich sein Glied ein und richtete mich ebenfalls auf. Ich umklammerte mit meinen Beinen seine Hüfte. Tiefer und immer tiefer drang Tom in mich ein.
Gefühle wie ich sie noch nie erlebt hatte, umspülten mein Hirn.
Ich stöhnte.
Immer lauter.
Lauter und lustvoller.
Toms Bewegungen wurden schneller und ich presste mich eng an ihn. Wollte jede seiner Berührungen genau spüren, fühlen, erleben.
Mit jedem weiteren Male wurde meine Lust bis ins Unendliche gesteigert.
Ich hielt die Luft an, meine Nägel krallten sich in Toms Rücken fest und dann war es wieder so weit. Tausend kleine Schmetterlinge bahnten sich ihren Weg in meine Brust und hinterließen ein so unbeschreiblich schönes Gefühl, dass ich beinahe vergessen hätte weiter zu atmen.
Vorsichtig zog Tom ihn raus und legte sich erschöpft neben mich.
„Ich liebe dich!“ hauchte er mir ins Ohr und streichelte meinen nackten Körper.
Noch immer lag ich schwer atmend in den Kissen, überwältigt von der Masse von Gefühlen. Lust, Liebe, Leidenschaft...
Unsere verschwitzten Körper schmiegten sich eng aneinander.
Endlich fühlte ich mich vollkommen. Das verlorene Stück wurde wieder zugefügt und Tom und ich waren endlich wieder eins...
Ich lauschte noch eine Weile seinen gleichmäßigen Atemzügen, ehe auch ich die Augen schloss...

...Ich wachte auf. Der Wecker zeigte 5.00 Uhr an. Ich lag noch immer in Toms Armen, eng an ihn gedrückt. Ich weiß nicht warum ich aufgewacht war. Langsam richtete ich mich auf und jetzt wusste ich es wieder. Stöhnend ließ ich mich zurück sinken. Kopfschmerzen. Es war als ob mein Kopf zerspringen würde. Ich zuckte zusammen. Es war zu schlimm. Ich brauchte unbedingt eine Tablette, nur eine einzige.
Ich presste mir meine Hand auf die Stirn und wimmerte leise. Es waren Höllenqualen. Der Schmerz zog sich bis in den hintersten Winkel meines Hirns. Ich konnte kaum noch klar denken. Alles war verschwommen. Meine Hand griff nach unten und wühlte in meiner Handtasche nach irgendwelchen Pillen. Ich ertastete eine Packung und zog sie raus. Gott sei Dank. Ich wusste zwar wenn ich jetzt eine nehmen, der ewige Kreislauf von Schmerzen und Tabletten schlucken nie enden würde, doch es war zu viel für mich. Immer weiter breitete sich das Hämmern in meinem Kopf aus, bis es schließlich die empfindlichste Stelle erreicht hatte und ich kurz aufschrie.
Mit zitternden Händen löste ich zwei Tabletten aus der Packung und führte sie zu meinem Mund. Eine Hand griff nach meinem Handgelenk.
Tom.
„Tu es nicht Liv“ Er war aufgewacht, anscheinend von meinem Schmerzensschrei. Heiße Tränen liefen mir die Wangen entlang.
„Ich kann nicht mehr Tom. Bitte nur eine...“
Er schüttelte den Kopf und öffnete meine Hand, die sich verzweifelt an die Tabletten klammerten.
„Willst du noch mal so enden, wie vor zwei Tagen? Willst du das wirklich?“ Ich heulte. Mein ganzer Körper verkrampfte sich. Das waren die Entzugserscheinungen. Mein Atem war nur gedämpft. Tom nahm mir die Tabletten aus der Hand und legte sie auf den Nachtschrank. „Bitte Tom...“ wimmerte ich, doch er blieb hart und legte sich halbschräg auf mich drauf, sodass es sinnlos war.
Krämpfe durchfuhren meinen Körper und ich zuckte immer wieder zusammen. Tom streichelte meinen Kopf und ich wimmerte und schrie zwischendurch.
Selbst Tom kullerten ein paar Tränen übers Gesicht als er sah wie ich litt.
„Gleich ist es vorbei“ sagte er immer wieder und küsste meine Stirn. Stunden vergingen, Stunden, die die schmerzvollsten meines Lebens werden sollten.
Mir war furchtbar kalt. Ich zitterte am ganzen Leib und Übelkeit stieg in mir hoch. Es wollte einfach nicht aufhören, wollte nicht enden.
Ich war schon völlig erschöpft, am Ende meiner Kräfte. Könnte ich doch nur eine einzige Tablette schlucken... Nur eine.
Tom holte einen Pullover aus seinem Schrank als er merkte wie ich fror. Vorsichtig zog er ihn mir über, da er Angst hatte noch mehr Schmerzen hervorzurufen. Jede seiner Berührungen, die vor ein paar Stunden noch so schön gewesen waren, brannten sich jetzt ein, als seien sie kleine heiße Nadeln, die sich durch meine Haut bohrten.
„Ich kann nicht mehr...“ schluchzte ich leise, da mir mittlerweile die Kräfte fehlten.
„Bitte..“ flehte Tom.
Wieder durchzog mich ein eiskalter Schauer. Ich wollte ja durchhalten, wollte es für Tom, doch es war so schwer.
Ich schloss meine, von Tränen genässten, Augen und versuchte ruhig zu atmen. Tat nichts anderes außer atmen. Meine Gedanken setzten aus, ich vergaß die Welt um mich herum. Vergaß mich, Tom, den Schmerz. Wollte einfach nur atmen, nur leben.

Kapitel 33


Ich weiß nicht mehr wie lange ich so dalag, als ich wieder aufwachte stand die Sonne bereits am Horizont und schien in Toms Zimmer. Ich spürte nichts mehr. Keinen Schmerz, nur noch ein leichtes Ziehen in meinem Hinterkopf.
Ich schaute auf die Seite wo Tom völlig erschöpft eingeschlafen war. Seine Hand lag noch immer auf meinem Oberkörper.
Ich drückte sie leicht weg und drehte mich zur Seite.
Toms Gesicht war so einmalig. Selbst in Bill konnte ich dieses Gesicht nicht wiedererkennen. Außer den Augen, sahen sie sich kaum ähnlich und doch waren es die Augen, die mich so faszinierten.
Toms feine Gesichtszüge wurden von der Sonne beschienen.
Was wäre ich bloß ohne ihn. Was hätte ich diese Nacht nur ohne ihn gemacht. Ich hätte wieder Tabletten genommen und der Teufelskreis hätte erneut begonnen.
„Danke“ flüsterte ich ihm zu und strich eine Haarsträhne aus seinem Gesicht.
Er öffnete die Augen und lächelte.
„Ich liebe dich...“
...Er rückte näher zu mir und küsste sanft meine heiße Stirn. Es fühlte sich so gut an endlich wieder seine Nähe spüren zu können.
Es war fast Mittag als ich mich endgültig aus dem gemütlichen Bett quälte. Doch es war anders als sonst. Ich stand mit einem angenehmen Gefühl auf, mit einem Gefühl der Wärme und Geborgenheit.
Tom lag noch zwischen den Kissen und blickte mir müde entgegen.
„Du bist ganz schön dünn geworden Liv“
Ich wendete mich ab. „Ich weiß“.
Der viele Stress in letzter Zeit hatte mir richtig zugesetzt und mein Körper war ausgemergelter denn je. Doch das sollte sich ändern.
„Lass uns essen gehen“ schlug ich vor und wollte Tom aus dem Bett hieven, doch da er stärker war als ich zog er mich zu sich und zusammen plumpsten wir aufs Bett.
„Hey“ lachte ich und schmiegte mich an seinen immer noch nackten Körper.
„Ich bin so froh, dass ich dich wiederhabe“ flüsterte er mir zu und ich legte meinen Kopf auf seine Brust. „Ich hab dich so vermisst, das kannst du dir gar nicht vorstellen...“ Oh und wie ich es mir vorstellen konnte. Hat er mich nur halb so doll vermisst wie ich ihn, wäre er wahrscheinlich zu Grunde gegangen.
„Hey hörst du das auch?“ fragte Tom auf einmal und zog sich schnell ein T-Shirt über.
Ich hielt meinen Atem an und lauschte in die Stille. „Nein, was denn?“ „Sei doch mal still... Hörst du das nicht?“
Ich horchte auf, war mucksmäuschenstill und ja... da war etwas.
„Tom.. das ist... ein STÖHNEN!“
Ich setzte mich auf und presste mein Ohr an die gegenüberliegende Wand, die genau Toms von Bills Zimmer trennte.
„Das ist Tina...“
Tom lachte. „Na die scheinen ja Spaß zu haben!“
Ich fand das ganze weniger lustig. Was dachte Bill sich eigentlich dabei? Will Chiara zurück haben aber vögelt weiter mit Tina?
Ich schüttelte nur den Kopf.
„Findest du das nicht auch merkwürdig?“ fragte ich Tom, der nun grinsend mit dem Ohr an der Wand hing.
„WAS?! Das Bill endlich mal anfängt sein Leben zu genießen? Nö... eigentlich nicht. Ich mein wenn er glücklich ist?“
Oh Gott wie konnte man nur so wenig Feingefühl haben.
„Ach und ist er denn glücklich?“
Tom schien zu überlegen und schüttelte dann aber den Kopf.
„Sah in letzter Zeit eigentlich nicht so aus.“
Ich verstand Bill nicht. Wenn er Chiara doch liebte, warum sagte er ihr es nicht einfach, macht mit Tina Schluss und alles ist gut?
Nein! Stattdessen verletzt er gleich zwei Mädels.
„Das reicht jetzt“ rufe ich und ziehe Tom von der Wand.
„Ich hab Hunger. Lass uns frühstücken!“
Tom nickte, schnappte nach mir und legte mich kurzerhand über seine Schulter.
„TOM!“ schrie ich und krallte mich an seinem Rücken fest. Tom schrie auf.
Erschrocken ließ ich los und mit einem dumpfen Schlag landete ich auf der Erde.
„Was ist denn mit dir los?“
Langsam hob er sein Shirt und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.
Tiefe Kratzspuren, die anscheinend von letzter Nacht stammten, zogen sich über seinen gesamten Rücken.
Schmerzvoll verzog er das Gesicht und streichelte liebevoll seine Wunden.
„Oh Tommy...“
„Mach dich nicht lustig ja?“
„Wie könnte ich...“
Mein Lachen hallte durch den Flur und im Nebenzimmer wurde es augenblicklich still.
„Schön jetzt hast du ihnen die Nummer versaut!“
„Spinner!“
Ich seufzte und machte mich auf den Weg in die Küche.
Simone hatte bereits den Tisch gedeckt und grinste als sie mich in Toms viel zu großem Pullover sah.
„Na gut geschlafen?“ Ha was für eine Frage. Es war die reinste Höllennacht, mal abgesehen von dem ersten Teil, aber das musste Simone ja nicht unbedingt erfahren.
„Ja super“ ich lächelte zurück und setzte mich auf einen leeren Stuhl.
Wenig später folgte Tom, der sich sofort zwei Brötchen schnappte und sie lustvoll verschlang.
„Wo bleiben denn Tina und Bill?“ fragte Simone und schaute verwundert in den Flur.
Tom lachte wobei er sich an seinem Brötchen verschluckte und kräftig röchelte. Ha geschieht ihm ganz recht.
„Ich glaube die haben noch zu tun“ presste er zwischen einem Dauerhusten hervor.
Ich gab ihm einen leichten Tritt unter dem Tisch und warf einen bösen Blick rüber, den er aber nur schulterzuckend entgegennahm.
„Ich schaue mal wie weit sie sind.“
Ohne noch einmal zu Tom zu gucken erhob ich mich vom Frühstückstisch und betrat leise die Treppe. Auf keinen Fall wollte ich sie bei irgendetwas stören, was mir selber peinlich gewesen wäre.
Oben angekommen versuchte ich irgendwelche Geräusche ausfindig zu machen, doch nichts. Nicht mal ein kleiner Atemzug war mehr zu hören.
Vielleicht sind sie wieder eingeschlafen, schoss es mir durch den Kopf.
Ich beschloss noch mal ins Bad zu gehen und mich zu duschen.
Leise öffnete ich die Tür und wollte grad das Bad betreten als ich vor Schreck wie angewurzelt stehen blieb...
...“TINA!“ schrie ich und lief zu ihr, doch sie wich zurück.
Sie war splitterfasernackt und ein dünnes Blutrinnsal lief über ihren linken Unterarm. In ihrer Hand hielt sie eine Klinge.
„WAS TUST DU DENN?“ Ich war so aufgebracht das ich sie förmlich anschrie.
„Geh weg...“ wimmerte sie leise und rückte nun noch ein Stück weiter nach hinten.
Vorsichtig ging ich auf sie zu, meine Augen waren noch immer auf die tiefen Schnitte an ihrem Arm gerichtet. Ich versuchte ihr die Klinge aus der Hand zu reißen, doch sie setzte schon wieder an.
„Bleib wo du bist...“ stöhnte sie mir entgegen und drückte die Klinge leicht in ihr Fleisch.
„Hör auf damit Tina!“
Ich war schockiert. Nie hätte ich bei ihr gedacht, dass sie so etwas machen würde. NIE.
Ihre Augen drehten sich, hüpften unsicher in den Augenhöhlen herum.
„Tina... Gib mir die Klinge!“ Langsam trat ich einen Schritt auf sie zu, wollte sie in den Arm nehmen, sie beruhigen.
„NEIN!!!“ schrie sie mit einer enormen Kraft, dass ich zurückwich.
Tränen liefen ihr über die Wangen.
Sie sackte zusammen, schlug mit den Knien auf den kalten Fliesenboden auf und wimmerte leise Bills Namen.
Die Tür wurde aufgerissen und Bill stand im Türrahmen. Geschockt starrte er auf das Szenario, schubste mich grob zur Seite und schloss die am Boden kauernde Tina in seine Arme ein.
Das Blut war bereits bis auf den Fußboden vorgedrungen und hinterließ dort eine kleine Pfütze.
„Was tust du denn...“ flüsterte Bill ihr zu. „Du wolltest doch aufhören damit!“ Er streichelte sanft ihre Haare und Tinas Kopf war an Bills Brust gelehnt.
Doch was mich am meisten schockierte, war dass Bill anscheinend gewusst hatte, dass Tina sich ritzt. Warum hat er denn nie etwas gesagt? Warum Bill...

Kapitel 34


Auch ihm liefen nun die Tränen über die Wangen, an seinen Händen klebte Tinas Blut.
„Ich hol Verbandszeug“ sagte ich heiser und wollte grade das Badezimmer verlassen.
„Liv...“
„Was?“
„Sag bitte Tom und meiner Mom nichts ok? Sie würden es nicht verstehen...“
Ich zögerte, blickte zu Tina und nickte.
Ich fand es zwar nicht richtig es ihnen nicht zu sagen aber schließlich war es Bills Sache oder zumindest die von Tina.
Leise trippelte ich die Treppe hinunter. Das Verbandszeug lag in der Küche. Ich schaute hinein. Es war keiner mehr zu sehen und der Tisch war bereits abgedeckt. So schnell wie möglich kramte ich einige Tücher und Desinfektionsmittel aus dem Medizinschrank und machte mich wieder auf den Weg ins Bad.
Tina hatte bereits Unterwäsche und T-Shirt an, als ich eintraf. Doch immer noch zitternd hockte sie auf dem Badewannenrand und umklammerte Bill, der versuchte sie zu beruhigen.
Ich trat zu den beiden und wollte Tinas Arm nehmen, doch sie zog ihn zurück.
„Fass mich nicht an!“ hauchte sie mit ihrer kraftlosen Stimme.
Bill nahm mir die Tücher mit einem entschuldigenden Blick aus der Hand und fing an Tinas Unterarm zu versorgen.
Warum durfte ich sie denn nicht berühren?
Behutsam wischte Bill ihr das Blut von dem Arm, desinfizierte ihn und verband es mit einem sauberen Tuch.
Erst jetzt bemerkte ich, dass der andere Arm schon etliche Ritze aufwies, doch sie mussten erst vor kurzem entstanden sein, denn Narben waren noch nicht zu erkennen. Doch sie würden folgen, dessen war ich mir sicher...

... Irritiert verließ ich das Bad nachdem meine Frage: „Kommt ihr ohne mich klar?“ nickend entgegengenommen wurde.
Ich schloss die Tür hinter mir und hörte noch das leise Wimmern Tinas. Was war denn bloß los mit ihr? WAS WAR LOS?
Ich hörte Schritte auf der Treppe und wenig später steckte Tom seinen Kopf um die Ecke.
„Hey du kommst ja gar nicht wieder. Scheint dir ja zu gefallen bei den beiden was?!“ Er lächelte mir zu und ihm zurück zu lächeln fiel mir deutlich schwer, nach all dem was ich soeben gesehen hatte.
„Äh... ja ich komme sofort!“ stieß ich schwer atmend hervor.
Tom sah mich verwundert an, verließ dann aber die Treppe und rauschte ab ins Wohnzimmer.
Ich durfte es Simone nicht sagen, doch was mir noch viel schlimmer erschien, war die Tatsache, dass ich es Tom auch nicht sagen durfte. Grade jetzt, jetzt wo wir uns wieder vertrauen. So frisch...
Ich biss mir auf die Unterlippe. Verdammt. Warum gab es nicht einen wunderschönen Moment der nicht durch irgendwelche Schwierigkeiten versaut wurde.
Seufzend trippelte ich die Treppe runter und setzte mich neben Tom auf das Sofa.
„Na die ernähren sich wohl von Luft und Liebe was?“ kicherte Tom mir entgegen. Ich nickte leicht und versuchte mich auf den Fernseher zu konzentrieren.
Das Flimmern machte mich leicht müde.
„Hey Schatz alles ok mit dir? Du siehst so bedrückt aus?“
Vor Schreck sog ich laut die Luft ein. „Ähm nichts.. nichts.. wirklich!“ Ich versuchte nochmals zu lächeln, diesmal etwas glaubwürdiger.
Zufrieden legte Tom seinen Arm um meine Schulter und zog mich zu sich. Seine Wärme machte mich noch immer völlig verrückt. Doch diesmal störten diese hinterhältigen Gedanken an Bill und Tina.
Ich musste unbedingt mit Bill reden.. Tina ließ es ja nicht zu.
Sie wirkte so verstört, so ganz anders als ich sie kennen gelernt habe. Es muss ihr etwas furchtbares zugestoßen sein...
Ich kuschelte mich fest an Tom. Seine Hand glitt zärtlich über mein Gesicht.
Plötzlich hörte ich Geräusche über mir. Die Badezimmertür wurde aufgerissen und laute Stimmen drangen daraus hervor. Anscheinend stritten Tina und Bill heftigst miteinander.
Ich löste mich aus Toms Umarmung und peste die Treppen rauf.
„ICH KANN NICHT MEHR TINA!“ brüllte Bill und schüttelte Tina heftig an den Schultern.
Tinas Gesicht war tränenüberströmt.
Sie hatte einen Pullover an der ihre zerritzten Unterarme gut versteckte.
„Bitte..!!!“ wimmerte Tina und krallte sich an Bill fest.
Er ließ von ihr los und schaute sie aus einer Mischung von Wut und Mitgefühl an.
Er schüttelte den Kopf und schlurfte zurück in sein Zimmer. Erst jetzt bemerkte Tina mich und warf mir missbilligende Blicke zu.
„Was ist los? Willst du mir jetzt wieder helfen ja? Willst du das? Willst du das alles wieder in Ordnung kommt? Willst du das Bill und ich zusammen bleiben?“
Fassungslos starrte ich sie an.
So aufgebracht hatte ich sie noch nie gesehen.
„Heuchlerin!“ flüsterte sie mir im Vorbeigehen zu und verschwand auf der Treppe, wenig später folgte das Türknallen.
Sie war weg.
„LIV? ALLES OK BEI DIR?“
Es war Tom. Er rief mir von der Stube aus zu.
„ALLES OK!“
Keine Antwort, was darauf schließen lässt, dass er sich mit der Antwort zufrieden gibt.
Doch ich musste es jetzt wissen. Musste wissen was mit Tina los ist, warum Bill nicht mit ihr Schluss macht. Ich hatte keine Lust mehr auf Geheimnisse.
Zögerlich klopfte ich an Bills Zimmertür...
„Was!“ ertönte es von der anderen Seite der Tür.
„Darf ich reinkommen? Ich muss mit dir reden Bill!“
Ich hörte ein Schlurfen und wenig später wurde die Tür aufgerissen. Bill sah ziemlich mitgenommen aus.
Dunkle Augenringe zeichneten sich auf seinem feinen Gesicht ab. Er schaute müde drein, grade so als ob er eben erst aufgestanden wäre.
Er hielt mir die Tür auf und ich trat ein.
„Also was ist!“ fauchte Bill mir entgegen.
„Was los ist? Bill schau doch Tina mal an, dann weißt du was los ist!“
„Das geht dich nichts an...!“
Wie konnte er nur so stur sein. Sah er denn nicht wie schlecht es Tina ging?
„Und ob mich das was angeht. Wer kam denn zu mir und wollte Hilfe? WEM SOLLTE ICH DENN HELFEN?!“
Das war zuviel für Bill. Er sackte auf seinem Bett zusammen und fing an zu schluchzen. Einzelne Tränen benetzten seine bräunliche Haut.
Es war ein Jammer ihm dabei zuzusehen.
Langsam ging ich auf ihn zu und streichelte seinen Rücken.
„Erzähl es mir doch einfach...“ flüsterte ich ihm zu.
„Ich.. ich kann nicht Liv!“
„Warum denn nicht? Siehst du nicht wie schlecht es Tina geht?“
Sein Schluchzen wurde stärker. Blöde Frage, natürlich wusste er wie schlecht es Tina ging. Aber warum ließ er es nicht zu dass man ihr half?
„Ich hab es versprochen!“ presste Bill unter einem leisen Schluchzer hervor.
Versprochen... versprochen?
„Wem hast du es versprochen?“
„Na Tina! Sie will nicht dass es einer erfährt und bitte Liv erzähle auch nicht Tom von dem Ritzen... Bitte...!“
Ich nickte wieder zögernd mit dem Kopf. Wie ich es hasste ein Geheimnis vor Tom zu haben, aber es musste wohl so sein, für Tina, für Bill.
„Bill du kannst ihr nicht helfen! Nicht alleine...!!!“
Er schob mich grob von sich weg.
„Doch Liv, ich bin der EINZIGE der ihr helfen kann, hörst du? DER EINZIGE!!! Und das macht mich fertig...“
Geschockt sah ich ihn an. Seine Augen waren geweitet, als ob ich seine Gedanken erraten müsste, damit er sein Versprechen nicht bricht.
„Nur... nur DU? Wieso?“
Er seufzte und ließ sich ins Bett fallen. Mit den Augen zur Decke gerichtet, fing er an ein Lied zu summen. Was sollte denn das jetzt?
„BILL!!!“ schrie ich ihn an.
Er schreckte auf.
„JETZT SAG ENDLICH WAS MIT DIR LOS IST!“
Wieder rannen Tränen über sein müdes Gesicht, doch er öffnete den Mund.
„Weil.. weil nur ich sie...“ RUMMS die Tür wurde aufgerissen und Tom stand im Rahmen.

Kapitel 35


„Liv da bist du ja! Ich hab dich schon vermisst!“ Er grinste mich an, doch als er Bill sah, wie fertig er aussah, schaute er mich fragend an.
Ich zuckte nur die Schultern, doch ich wusste, ich hatte meine Chance verpasst. Bill hätte mir alles erzählt, doch Tom hat es versaut. Bill stand auf und zischte an uns vorbei. Die Badezimmertür wurde aufgerissen und wenig später drehte sich der Schlüssel im Schlüsselloch...
„Na toll!“ knurrte ich in Toms Richtung.
„Was?“ Ich konnte ihm es nicht sagen.
„Ach nicht so wichtig!“ Und ob es das war. Doch ich sah dass Tom bereits misstrauisch mich beäugte und er sollte auf keinen Fall denken ich hätte wieder was mit Bill.
„Komm mit runter!“ sagte Tom und ich folgte ihm.
Meine Gedanken drehten sich einzig und allein um Bill und Tina. Ich wollte es unbedingt wissen, musste es wissen, denn wie sollte ich sonst Bill helfen?
Tom und ich setzten uns auf die Couch und kuschelten ein bisschen. Es war schön endlich wieder in seinen Armen zu liegen, neben ihm aufzuwachen und neben ihm einzuschlafen. Für einen Moment vergaß ich Tina. Zu glücklich war ich.
„Ich liebe dich!“ hauchte Tom mir entgegen und knabberte an meinem Ohr.
„Ihhh lass das!“ kicherte ich und kitzelte ihn durch bis er vor Schmerz aufstöhnte.
„Pass auf.. mein Rücken!“
Ich lachte. Die Kratzer an seinem Rücken waren richtig tief. Der Arme.
Ich schaute meine Nägel an und tatsächlich. Drei Stück waren abgebrochen.
Ich strich liebevoll über Toms Wunden, worauf er erregt aufstöhnte.
„Oh Baby.. ich mach alles was du willst aber bitte... bitte hör nicht auf damit!“
„Wirklich alles?“ Ich strich ihm noch sanfter über seine Verletzung.
Er stöhnte als Antwort. „ALLES!“
Ich sprang auf.
„Ok.. dann geh mit mir shoppen!“
Er stöhnte nochmals aber diesmal nicht vor Erregung sondern vor Enttäuschung.
„Ohhh.... Liv tu mir das nicht an!“
Ich zog eine Schnute.
„Du hast gesagt ALLES!“
Er zog mich in eine Umarmung und küsste sanft meine Stirn.
„Nagut!“
Ich strahlte und gab ihm zum Dank einen Kuss.
Ich peste die Treppe hoch und sammelte schnell mein Geld und Handy zusammen ehe ich wieder zu Tom raste.
„So willst du gehen?“ fragte Tom und sah mich verwundert an.
Ich schaute an mir runter und schlug mir die Hände vor die Stirn.
„Oh verdammt!“ Ich hatte nur Toms viel zu großen Pullover an und war noch nicht mal geduscht.
„Gib mir 30 Minuten!“ rief ich und riss die Badezimmertür auf.
Ich schreckte zurück.
Bill saß auf dem kalten Fliesenboden. Sein Kopf lag auf seinen angewinkelten Knien und ein leises Schluchzen war zu hören.
„Bill? Alles ok?“
Er schreckte hoch. Grade so als ob er eben erst mitbekommen hat dass wer im Zimmer ist.
„Nichts ist ok!“ wimmerte er.
Das war meine Chance.. Jetzt würde ich endlich erfahren, was mit Tina los ist...

...Langsam bewege ich mich auf ihn zu. Setze mich neben ihn, auf den kalten Boden. Er hebt seinen Kopf.
Erschrocken starre ich ihn an. Er sieht so furchtbar aus. Seine Schminke ist verlaufen und hängt ihm im ganzen Gesicht. Noch nie hab ich ihn so gesehen.
Seine Augen sind blutunterlaufen und seine Haut wirkt irgendwie fahl.
„Erzähl es mir...“ sage ich leise und nehme ihn in den Arm.
Ich weiß das er es machen wird. Er kann so eine große Last nicht alleine tragen.
Sein Kopf fällt schluchzend auf meine Schulter.
Es ist komisch.
Noch nie hab ich mich so bemüht jemandem zu helfen. Es war mir schlichtweg egal wie es um die anderen steht.
Hauptsache meine Probleme wurden gelöst.
Doch ich konnte ihn jetzt nicht alleine lassen.
Ich sah im tief in die Augen.
„Was ist los mit Tina?“
Er stöhnte kurz, richtete sich etwas auf und beginnt leise zu erzählen.
„Sie.. sie ritzt sich weil.. weil... vor ein paar Tagen da... da hat sie jemand sehr verletzt!“
„Verletzt?“
Ich merkte das es nicht die ganze Wahrheit war. Er wich meinen Blicken aus.
„Wer hat sie denn verletzt?“ Ich versuchte so gut wie möglich hinter dieses Geheimnis zu kommen.
„Ihr Bruder!“
„Sie hat einen Bruder?“
„Äh... jahhh... Felix!“
„Und was hat er gemacht?“
Er schwieg. Sein Blick war verschlossen. So langsam kam es mir albern vor ihn ständig anzubetteln mir seine Probleme zu erzählen. Ich wollte ihm ja helfen, aber er sollte es auch wollen.
„Was Bill? Was hat er gemacht?“
Noch immer keine Reaktion. Ich stand auf.
„Mein Gott Bill, wenn sie Probleme mit ihrem Bruder hat, dann soll sie mit ihm reden...!“
„UND WIE SOLL SIE DAS MACHEN WENN ER TOT IST?“
Bill schlug sich die Hand vor den Mund, ich sah ihn geschockt an.
Tot? Tinas Bruder? Tot?
Jetzt verstand ich es.
„Er... er ist tot?“ stotterte ich leicht verwirrt.
Bill nickte leicht.
„Wieso? Ich mein woran... warum ist er gestorben?“
Bill kniff seine Augen zusammen und wieder rannen ihm einzelne Tränen die Wangen entlang.
„Er war drogenabhängig... ein Junkie... Er hat es in der Welt nicht mehr ausgehalten. Aber Tina... Tina hat ihn geliebt. Sie wollte ihn nie aufgeben.. hat für ihn gekämpft. Ihn in jede Beratungsstelle geschleppt die sie kannte, doch er konnte damit nichts anfangen, hat irgendwann Angstzustände bekommen, sich von der Außenwelt abgeschirmt, bis er sich schließlich den goldenen Schuss verpasst hat!“
„Goldener Schuss?“
„Eine Überdosis, die Dosis die dich für immer von deinen Schmerzen befreit. Den Todesschuss...“
„Das ist ja... fürchterlich!“
„Für Tina ist eine Welt zusammengebrochen. Sie hat ihn gefunden Liv... tot... seine Arme waren übersät mit blauen Flecken und Einstichstellen...“
„Aber.. aber was hat das alles mit dir zu tun?“
Er senkte seinen kopf und wendete seinen Blick aus dem Fenster. Verträumt sieht er in die so glücklichen Sonnenstrahlen. Pure Ironie...
„Ich bin der Einzige den sie noch hat... dem sie vertraut. Ihre Eltern haben Felix verstoßen. Seit er drogenabhängig war, wollten sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Tina hat sie gehasst dafür. Als er gestorben ist kam sie sofort zu mir. Ich wollte sie beruhigen aber als ich dann sah dass sie sich bereits geritzt hatte war ich nur geschockt. Ich WOLLTE ihr helfen Liv... aber ich weiß nicht wie...“
„Machst du darum nicht mit ihr Schluss? Weil ihr Bruder gestorben ist?“
Er schüttelte sanft den Kopf.
„Nein sie... sie hat gesagt...“ Tränen stiegen ihm wieder in die Augen.
„...sie... sie will sich umbringen wenn ich sie verlasse...“

Kapitel 36


...Mir wurde leicht schwindelig.
Sie wollte sich umbringen? So viele Gedanken schwebten in meinem Kopf. Tinas Bruder tot. Sie ritzt sich. Will sich das Leben nehmen. Bill...
Bill weinte, ich weinte mit ihm.
So viel Wahrheiten konnte selbst ich nicht vertragen.
Tina war mir nie sehr sympathisch gewesen, doch jetzt schämte ich mich für diese Verurteilung. Klar das sie die ganze Zeit so anhänglich gewesen ist.
Sie hat sich an dem einzigen Menschen festgeklammert, der ihr noch etwas bedeutet.
„Deshalb konntest du nicht mit Tina Schluss machen...“
Er nickt nur. War zu schwach auch nur ein einziges Wort zu sprechen, zu denken.
Ich wagte kaum zu atmen.
„Versprich mir das du mit niemandem darüber redest Liv. Bitte du musst es mir versprechen!“
„Es wird rauskommen Bill!“
„NEIN!“ Du musst es mir versprechen... sie will nicht das es einer weiß... sie schämt sich dafür!“
Ich verstand das.
Jetzt kam mir dieses Tablettenschlucken ebenso absurd vor wie das Ritzen. Doch es schien die gleiche Wirkung zu haben. Sie nahmen für einen Moment den Schmerz. Körperlichen oder Seelischen...
„Sie denkt sie ist Schuld an dem Tod von Felix. Sie denkt sie hätte mehr machen können...“
„Das konnte sie nicht!“ flüsterte ich ihm zu.
„Ich weiß... Aber sie glaubt es nicht. Sie ritzt sich um den Schmerz zu spüren... Sie will genau das fühlen was auch ihr Bruder gefühlt hat!“
Schweigen.
Ich konnte Bills Atem hören.
Unsere Köpfe waren aneinandergelehnt. Immer wieder wurden sie durch einen Schluchzer sachte gegeneinander geschlagen.
„Wir müssen ihr helfen Bill... Auch Chiara zu liebe. Sie wird dir nicht ewig nachtrauern.“
Ich wusste die Erinnerung an Chiara schmerzte immer noch doch es war die Wahrheit.
Chiara wusste nichts von diesem Geheimnis und so verstand sie auch nicht warum Bill nicht mit Tina Schluss machen konnte.
„Versteh mich doch Liv, ich kann mich nicht von Tina trennen. Es wird ihr immer schlecht gehen... Ich will nicht Schuld an ihrem Selbstmord sein.“
„Liebst du Chiara?“
„Mehr als alles andere in dieser Welt!“
„Dann kämpf um sie... Wir finden schon eine Lösung. Das mit Tina ist schlimm aber sie muss auch einsehen, dass du ein eigenes Leben führst... Du kannst ja nicht immer für sie da sein... Und sie wird es irgendwann einsehen...“
„Meinst du?“
„Ganz sicher!“
Ha wenn er wüsste. Tina würde Bill nie freiwillig aufgeben. Vorher nicht und nach diesem Schicksalsschlag erst recht nicht. Doch ich konnte diesem verzweifelten Blick von Bill nicht länger Stand halten.
Klar wir müssten Tina helfen, doch als aller erstes müsste sie es auch WOLLEN.
Ich legte meinen Arm um seine Schulter und ein kleines Lächeln huschte über sein hübsches Gesicht.
Die Tür wurde aufgerissen.
Toms Blick fiel auf uns beide, auf meinen Arm, auf Bills gefrorenes Lächeln.
Unsicher blieb er stehen...
„Was wird das denn?“ fragte er kühl und richtete seinen Blick auf uns zwei am Boden kauernden Gestalten.
Blitzschnell zog ich meine Hand von Bills Schulter und verschränkte sie vor meiner Brust.
„Wir haben uns nur unterhalten!“ sagte ich und schenkte Tom ein ehrliches Lächeln, welches er allerdings eher skeptisch aufnahm.
„Und warum sieht Bill so aus als ob er grade durch die Niagarafälle gewandert wäre? Hast du.. hast du etwa geheult?“
Bill schüttelte seinen Kopf und die schwarzen Haarsträhnen flogen ihm wild ums Gesicht.
„Ich... mir ist nur was ins Auge gekommen...“
Tom zog eine Augenbraue hoch und musterte uns weiter, bis ich schließlich aufstand und ihm einen zarten Kuss gab, der ihn zu besänftigen schien.
„30 Minuten hast du gesagt!“ meinte Tom und deutet auf mein Outfit.
„Bin gleich da!“ erwiderte ich und schob ihn mit sanfter Gewalt aus dem Badezimmer.
Ich ging zu Bill.
„Wir schaffen das schon!“ sagte ich aufmunternd und drückte ihn ein letztes Mal ehe er mich allein ließ.
So schnell wie ich konnte sprang ich unter die Dusche, putzte mir die Zähne, föhnte meine Haare und suchte ein passendes Shoppingoutfit raus.
Tom wartete schon ungeduldig im Flur.
„Mensch Liv wie lange brauchst du.... oh wow...!“
„Wow? Tom bitte..“
Ich fühlte mich echt nicht besonders. Ich hatte eine normale hellblaue Jeans an, ein weißes Tank Top und meine Haare hingen mir wirr im Gesicht. Schnell setzte ich noch eine Sonnenbrille auf.
„Dafür hat sich das Warten nun wirklich mal gelohnt!“ Er grinste und küsste mir auf die Stirn.
„Ist jetzt auch egal... Hauptsache SHOPPEN!“
„Ja... hauptsache Geld ausgeben...!“
„Ach komm schon!“
Ich nahm ihn an der Hand und schlenderte raus. Wir bestellten uns ein Taxi, das uns direkt zu den Einkaufszentren fuhr.
Es war ein Paradies.
Zugegeben, kaufsüchtig war ich schon immer, aber diesmal war es einfach unglaublich.
Wir gingen wirklich in jedes! aber wirklich jedes Geschäft was uns über den Weg lief. Ich war völlig in meinem Element. Schuhe, Brillen, Parfüm, Röcke, Bikinis... Ich wusste gar nicht wo ich meinen Blick zuerst hinwerfen würde.
Dank meines liebevoll sorgendem Vater, der mir jeden Monat einen Batzen Geld überwies, war ich nach 6 himmlischen Shoppingstunden 20 Tüten reicher.
Tom stöhnte mir hinterher und meckerte immer wieder über meinen schnellen Shoppingschritt. Doch beim Einkaufen konnte mich einfach keiner stoppen.
Erschöpft aber überglücklich setzte ich mich auf eine nahe gelegene Bank. Tom ließ sich neben mich fallen und legte seinen Kopf in meinen Schoß.
„Woher nimmst du nur all die Energie...“
Ich lachte.
„Aus meinen extrem muskulösen Beinen!“
„Ach? Zeig doch mal!“ Er lachte und schob meine Jeans hoch bis zu den Knien.
„Tom.. nicht hier!“ grinste ich und lächelte die vorübergehenden Leute entschuldigend an.
„Liv?“
„Ja?!“
„Vorhin... im Bad... ich mein worüber habt ihr denn geredet?“
Mist.. ich wusste das diese Frage irgendwann kommt, aber so schnell?
„Äh... wir haben über Tina geredet!“
„Ach.. hat er dir Tipps gegeben oder was?“ lachte er.
„Tipps?“
„Ey komm... bei den ging es doch heute morgen richtig ab... Vielleicht kann man sich ja mal ein paar Anregungen holen?“
„TOM! Du Sau!“
Er grinste mir frech entgegen.
„Stimmt.. als ob wir so was brauchen würden!“
Ich schlug die Hände vors Gesicht. Wie peinlich kann man eigentlich sein?
„Hey Maus!“
Ich schaute ihn gespielt gequält an.
„Ich liebe dich!“
„Ich dich doch auch“ antwortete ich.
Wir lächelten uns an. Ein Schatten legte sich über unsere Gesichter.
„Hallo!“ begrüßte uns eine kühle Stimme...
...Es war Chiara.

Kapitel 37

Sie schaute uns beide an, als ob wir Schwerverbrecher waren.
„Na? Wieder glücklich vereint?“ Ihre Stimme war kühl und abwertend.
Sie hielt zwei Tüten in der Hand und sah ziemlich fertig aus.
Tom richtet sich auf und hielt ihr seine Hand hin, die sie allerdings nur kurz betrachtet ehe sie sich wieder mir zuwendete.
„Äh.. ja wir sind wieder zusammen“ stammelte ich.
Irgendwie machte mich ihre Anwesenheit tierisch nervös. Tom, der anscheinend beleidigt war weil er von einem Mädel abgewiesen wurde, verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Wir wollten grade was essen gehen.. ähm willst du vielleicht mitkommen?“ fragte ich sie und boxte Tom ungemerkt in die Seite, als der mich fragend ansah.
„Mit euch?“
„Ja wir sind keine Monster Chiara!“ sagte Tom und starrte sie wütend an.
Ihr Blick wurde etwas weicher.
„Tut mir leid.. Ihr könnt ja nichts dafür, dass das mit Bill so gelaufen ist!“
„Bill?“
Tom starrte mich verdutzt an und ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Er wusste ja noch nicht mal die Sache von Bill und Chiara.
„Erzähl ich dir später!“ flüsterte ich ihm schnell zu.
„Und? Hast du Lust?“ fragte ich noch mal.
Sie schien zu überlegen.
Abzuwägen.
Sie bewegte langsam ihren Kopf, was man wohl als kleines Nicken deuten konnte.
„Schön“
Schnell sprang ich hoch und zog Tom an der Hand mit. Alle drei gingen wir in ein kleines Restaurant und setzten uns an den einzig freien Tisch.
„Ganz schön voll hier“ bemerkte ich und ignorierte dieses merkwürdige Schwindelgefühl.
Wir bestellten unsere Speisen und sahen schweigend in die Runde.
Keiner sagte etwas. Ab und zu war ein leises Husten zu hören, doch ansonsten war es still. Die anderen Gäste in dem Restaurant unterhielten sich angeregt über die verschiedensten und belanglosesten Dinge, nur uns fehlte jegliche Art von Gesprächsthemen.
Tom schien schon echt genervt zu sein. Ständig stöhnte er und schaute gelangweilt in die Runde.
„Oh Leute das reicht mir jetzt. Entweder ihr sagt mir jetzt warum ihr alle solche Gesichter macht oder ihr könnt alleine essen!“
Ich schaute ihn an. Seine herausfordernden Blicke konnte ich nicht ertragen. Mit einem kurzen Blick zu Chiara, die mir zunickte, fing ich an zu erzählen.
Die ganze Sache.
Von Bill, von Chiara, das er beteuerte sie zu lieben, von Tina, von Chiaras Rückkehr, alles auf einmal. Tom schwieg die ganze Zeit und runzelte die Stirn.
Als ich fertig war, sah ich, dass Chiara den Tränen schon wieder nahe war.
„Und er.. Bill hat wirklich gesagt das er dich noch immer liebt?“
Sie nickte.
„Das hätte ich wirklich nicht gedacht von ihm. Er hat zu mir gesagt, dass er mit dir Schluss gemacht hat. Ich wusste nicht mal was von euren Telefonaten!“
Er schien sichtlich schockiert.
Ich wusste nicht ob es so gut war, dass Tom diese ganzen Sachen jetzt wusste, schließlich hat er sich grade wieder mit Bill zusammengerafft und ich konnte sehen wie sich die Wut gegen seinen Bruder wieder aufbaute.
„Du musst Bill doch hassen!“ sagte Tom und schaute sie ärgerlich an.
Er war nicht ärgerlich auf sie, viel mehr auf Bill, dass er ihr so was angetan hat.
Sie schüttelte nur den Kopf.
„Ich.. ich kann ihn nicht hassen. Ich liebe ihn!“
Toms Augen weiteten sich.
„Du liebst ihn? Nach all dem was er mit dir gemacht hat? Nach all den Lügen?“
Ich räusperte mich kurz und stieß Tom in die Seite, um ihn daran zu erinnern dass es bei UNS genauso war. Schließlich hat Tom mich auch die ganze Zeit angelogen und doch konnte ich nicht aufhören ihn zu lieben. Mit seinen Fehlern...
Er schien es zu verstehen und warf einen mitleidenden Blick zu Chiara.
Unser bestelltes Essen kam und wir fingen an zu essen.
Tom stach immer wieder wütend auf sein Essen sein und murmelte so etwas wie „..der kann was erleben...“.
Es machte mir Angst, ihn so reden zu hören.
Bill hatte zur Zeit weiß Gott andere Probleme. Klar sie hingen alle irgendwie zusammen aber trotzdem war es erst mal wichtiger Tina zu helfen, als Bill eine reinzuwürgen.
Unsere Teller waren leer und der Kellner kam mit der Rechnung.
„Ich mach das!“ sagte Tom, als Chiara grade ihr Geld rausholen wollte.
„Danke“ murmelte sie und warf ihm einen traurigen Blick zu.
Tom bezahlte und wir verließen das Restaurant.

„Ich bestell uns ein Taxi, dann brauchst du nicht mit dem Bus fahren!“ sagte ich und tippte bereits die Nummer in mein Handy.
Chiara stand verlegen daneben, anscheinend war es ihr etwas peinlich dass wir uns so um sie kümmerten. Tom legte beschützerisch einen Arm um ihre Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf sich ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht bildete.
Es war süß wie er sich um sie bemühte.
Richtiger Stolz überkam mich.
Als ich ihn kennen gelernt habe, hätte ich nie gedacht dass er so sein könnte. Ich hab ihn nur als Macho gesehen, ohne Verantwortung durch die Gegend vögelt und dann versucht schnellstmöglich das Weib wieder abzuwimmeln.
Doch ich hatte mich getäuscht. Und das machte mich stolz.
Das Taxi kam und wir fuhren erst zu Chiara. Als sie ausstieg bedankte sie sich noch mal wegen dem Essen und der Taxifahrt. Ich winkte ihr zum Abschied, doch Tom stieg aus, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ich war erstaunt. Aber eifersüchtig? Nein das wohl nicht. Ich wusste dass Tom Chiara mag und schon immer gemocht hatte. Doch plötzlich musste ich mich an Bills Worte erinnern.
„Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen aber, ihr... ihr seid euch so, so ähnlich...“
Vielleicht sieht Tom das genauso? Vielleicht... NEIN ermahnte ich mich. Tom liebt mich, das weiß ich genau. Ich schaute noch mal aus dem Fenster.
Chiara lächelte ihn an und er strich ihr noch mal über die Wange ehe er wieder einstieg und sich das Taxi in Bewegung setzte.
Ich schwieg und Tom grinste mich an.
„Eifersüchtig?“ Ich zog die Augenbrauen hoch.
„Red keinen Quatsch!“ Ich wendete mich von ihm ab und starrte weiter aus dem Fenster.
Doch Tom drehte mein Gesicht wieder zu sich und schaute mir tief in die Augen, was bei mir immer noch dieses angenehme Kribbeln auslöste.
„Ich liebe dich Baby und daran wird sich auch nichts ändern!“
„Ich weiß“, antworte ich ihm.
„Hast du nicht was vergessen?“ fragte er und grinste mich wieder an, worauf auch bei mir ein kleines Lächeln übers Gesicht huschte.
„Ich liebe dich auch!“
„Geht doch!“
Er lachte und ich legte meinen Kopf auf seine Schulter. Ich kann nicht mehr ohne ihn leben, das musste ich mir eingestehen.
Wir sind angekommen und meine Panik wuchs an.
Was würde Tom bloß mit Bill machen? Er klingelte und jemand öffnete die Tür.
„DU ARSCH!!“ schrie Tom und sprang ins Haus...

...Bill wich zurück und sah seinen Bruder verstört an.
Tom packte ihn am Kragen und schlug mit seinem Fuß die Tür zu.
„Wie bekloppt bist du eigentlich?“ schrie er Bill an.
„Was? Ey komm mal wieder runter!“
Tom stieß ihn unsanft gegen die Wand.
Das reichte jetzt aber.
„Tom... hör auf damit!“ bat ich meinen Freund und nahm seine Hand.
„Findest du es ok was er mit Chiara gemacht hat?“
„Nein... aber trotzdem... lass ihn...“
Verständnislos sah er mich an. Die Wut in seinen Augen ließ mich leicht erschaudern und all die Wärme war daraus entwichen.

„Was ist denn überhaupt los?“ fragte Bill ganz unschuldig.
„Was los ist? Kannst du dir das nicht vorstellen? Wie konntest du Chiara nur so was antun? ICH DACHTE DU HAST SIE GELIEBT?“
Tom schlug mit seiner Faust hart in Bills Gesicht. Erschrocken schlug ich meine Hand vor den Mund und blieb wie versteinert stehen. Bill taumelte leicht und sackte dann zu Boden. Tom schien ebenso verstört über seine Handlung. Hatte seinen eigenen Bruder zu Boden geschlagen. Und ich wusste wie sehr Tom Bill liebte. Er war schließlich sein Bruder.
Minuten vergingen. Alle schwiegen. Tom sah hilflos zu Boden.
„Ich liebe sie immer noch...“ flüsterte Bill plötzlich, seine Augen zu Tom gewandt.
Tom kniete sich neben ihn und half ihm hoch.
„Sorry für... für den Schlag Bill!“
Er nickte.
„Ich versteh dich ja...“
Ein kleines Blutrinnsal lief an seiner Unterlippe entlang und tropfte schließlich auf den Boden.
„Was ist nur mit uns passiert Tom...“
Tom schüttelte nur den Kopf und nahm seinen Bruder in den Arm. Tränen stiegen mir in die Augen und ich konnte ein leises Schluchzen hören, doch es kam nicht von mir.
„...es wird alles wieder gut...“
„Versprichst du es Tom? Kannst du DAS versprechen?“
„Ja... ich verspreche es!“

Kapitel 38


Ihre Wangen waren feucht, ihre Augen blutunterlaufen. So standen sie da.. eine Ewigkeit wie mir schien. Irgendwann bin ich leise an ihnen vorbeigeschlichen. Wollte diese traute Zweisamkeit nicht stören. Wollte sie alleine lassen.
Ich ging in Toms Zimmer, legte mich in Toms Bett und hörte sie draußen leise erzählen, lange erzählen. Ich schloss die Augen, kuschelte mich in Toms Bettdecke und schlief langsam ein...

...Jemand streichelte sanft meine Wange. Es kitzelte und ich verzog meine Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln.
„Du siehst so süß aus wenn du schläfst!“ flüsterte mir mein Gegenüber ins Ohr.
„Und wenn ich wach bin nicht?“
„Doch... dann noch viel süßer...“
Ich öffnete die Augen und blickte in ein tiefes, warmes Braun. Tom kniete dicht neben dem Bett und lächelte mir zu.
„Ich habe mit Bill geredet...“
Erschrocken sah ich ihn an. Was hat er ihm erzählt? Das mit Tina? Dass ich es auch weiß? Ich hatte ihm noch nichts erzählt... Lebte mit dieser Lüge.
Seine Stimme war warm und zärtlich.
Er flüsterte die ganze Zeit.
„Er hat es mir erzählt... Mit Tina... und dem Ritzen...“
Oh nein er wusste es. Wusste das ich ihn angelogen habe. Ihm nichts erzählt habe.
„Ich weiß dass Bill mit dir darüber geredet hat.“
Ich schluckte. Jetzt war es amtlich. Er wusste es also.
„Tom ich... ich wollte es dir ja sagen.. aber.. aber Bill...“
„Psst...“ Er legte mir einen Finger auf die Lippen und küsste mich auf die Stirn.
„Ich bin dir nicht böse Liv.“
„Bist du.. bist du nicht?“
„Nein. Bill weiß das er dir ein Geheimnis anvertrauen kann und du es niemandem sagst. Ich hätte es genauso gemacht!“
„Dann ist alles wieder in Ordnung?“
Er nickte und stand auf. Stand auf um sich kurze Zeit später wieder neben mir nieder zu lassen. Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und unsere Lippen fanden ihren Weg zueinander. Ich rollte mich auf ihn und spürte sein hartes Glied zwischen seinen Beinen.
Ich war glücklich in diesem Moment. Es standen endlich keine Lügen mehr zwischen uns, bis auf den Kuss zwischen Bill und mir, doch dieses Problemchen schien mir winzig im Vergleich zu Tinas.
Hitzig zogen wir uns gegenseitig aus. Und kurze Zeit später konnte ich Tom schon in mir spüren. Er ergoss sich in mir und pure Glückseligkeit umfasste mich.
Später lagen wir einfach nur nebeneinander, sagte nichts, taten nichts. Lagen einfach nur da. Arm in Arm, verschlungen miteinander, eine Einheit.
Die ersten Sonnenstrahlen schienen bereits ins Zimmer als wir endlich die Augen schlossen. Ich nahm Toms Hand und verschränkte sie mit meiner. Legte meinen Kopf auf seine Brust und schlief ein, begleitet von den Herztönen meiner Seele.

Die Tage vergingen.
Tina bekam ich nur selten zu Gesicht. Sie kam, warf mir hasserfüllte Blicke zu und verschanzte sich in Bills Zimmer. Dort blieben sie die meiste Zeit. Abgeschottet von der Außenwelt, als ob es nur sie gäbe. Nur Bill und Tina, doch ich wusste das es nicht so war. Tina schien es ein bisschen besser zu gehen, doch als ich Bill fragte ob Tina sich denn immer noch selbst verletzte, wich er meinen Blicken aus und sagte immer nur „manchmal...“. Ich war verzweifelt. Ich konnte Bill nicht helfen, ihm nicht und Tina nicht und Chiara erst recht nicht. Manchmal kam sie vorbei. Chiara. Immer mit Bedacht Bill nicht zu treffen. Wir erzählten. Ich und Tom und Chiara, doch es waren nur sinnlose Gespräche. Sie hatten keinen Sinn, kein Ziel.
So verging die erste Woche. Wir gingen wieder in die Schule, noch eine Woche, dann waren Sommerferien. Tom und ich würden die Klasse grade so schaffen. Wir hatten die Englischklausur mit Biegen und Brechen bestanden.
Das Wochenende sollte nur uns beiden gehören. Nur Tom und mir. Kein Bill, keine Tina, keine Chiara. Nur wir zwei.
Hand in Hand und voller Vorfreude gingen wir nach der Schule zu ihm nach Hause. Es war keiner weiter da. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.
„Ich bin übers Wochenende zu Gordon gefahren. Bill ist bei Tina. Macht keinen Unsinn. Hab euch lieb. Simone.“
„Gordon? Wer ist denn Gordon?“ fragte ich völlig perplex da ich noch nie etwas von ihm gehört hatte.
„Ach.. der neue Freund meiner Mum. Aber der ist schon ganz ok!“
„Das heißt.. das heißt wir haben das ganze Haus für uns alleine... das ganze Wochenende...“
Er lächelte und zog mich an den Hüften zu sich heran. Ich küsste ihn, und leckte vorsichtig an seiner Unterlippe. Er öffnet seinen Mund und ich schob meine Zunge sachte hinein. Sanft legten sie sich aufeinander, spielten miteinander, tasteten sich ab.
Wir bewegten uns vorwärts, Richtung Wohnzimmer. Ich ließ mich auf die Couch fallen und Tom hinterher, auf mich drauf. Er lag schwer auf meinen Rippen und das Atmen fiel mir schwerer. Sein ganzer Körper presste sich nun auf meinen und ich bekam kaum Luft. Doch ich wollte diesen Moment nicht zerstören. Er war zu schön. Er legte seine Arme um meinen Kopf, sodass ich ihm genau in die Augen blicken konnte. Es waren die schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. So warm, so zärtlich, so leidenschaftlich, als ob ein Feuer in ihnen brennen würde.
Ich würgte. Ich wusste nicht was los war, doch Toms Gewicht drückte auf meinen Bauch und ich musste würgen. Schnell stieß ich ihn von mir runter und rannte ins Badezimmer.
Ich übergab mich...
...Erschöpft sackte ich auf dem Boden zusammen. Was war denn jetzt los? Ich war doch gar nicht krank. Mir ging es doch eben noch so gut?
Ich hievte mich hoch und schloss die Tür ab. Ich wollte jetzt keinen sehen, nicht mal Tom. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und weinte stumm.
Ich wusste nicht wieso aber mir war so schrecklich übel. Der Geruch von Putzmitteln lag in der Luft. Heute war Freitag, das heißt Simone hatte das ganze Haus geputzt. Dieses ätzende Zeug zog sich bis in den hintersten Winkel meiner Nase und rief wieder dieses Schwindelgefühl hervor, das mich seit einiger Zeit plagte.
„Schatz? Alles ok bei dir?“ Tom klopfte und drückte die Klinke herunter.
„Hey... warum hast du denn abgeschlossen?“ Seine Stimme klang besorgt.
„Mir.. mir geht’s nicht so gut... Ich komme gleich!“
„Bist du sicher? Soll ich nicht lieber einen Arzt rufen?“
„Nein... ich bin gleich soweit!“
Er ging.
Und ich stürzte schon wieder zur Kloschüssel. Was war nur los? Schnell wischte ich mir die Tränen vom Gesicht und richtete mich wieder einigermaßen her.
Bloß nicht misstrauisch machen.
Ausgelaugt stiefelte ich die Treppe herunter und ging ins Wohnzimmer, wo mich auch schon ein besorgter Tom erwartete.
Er nahm mich in den Arm, doch ich konnte seine Umarmung nicht erwidern. Steif stand ich vor ihm und ließ mit mir machen, was er wollte.
Ich zitterte. Nicht vor Kälte, sondern vor Erschöpfung.
„Du hast doch irgendwas“
„Nein.. ich...“
„Nun sag schon Liv!“
Es schien ihn irgendwie wütend zu machen das ich ihm nichts sagte.
„Was willst du denn hören?“ schrie ich ihn an und kämpfte gegen die erneut aufsteigenden Tränen. „Willst du hören wie schlecht es mir geht? Das ich eben kotzen war? Dass mir ständig schwindelig ist? Ja? Soll ich es dir sagen?“
„Liv ich...“
„Ja du wusstest es nicht... Du weißt überhaupt nichts mehr in letzter Zeit weil du viel zu beschäftigt bist, dich um CHIARAS Probleme zu kümmern!!!“
Ich schlug mir die Hand vor den Mund. WAS hab ich da eben gesagt? Ich war doch gar nicht eifersüchtig... oder doch?
Tom sah mich schockiert an.
„Das stimmt nicht...“ verteidigte er sich stotternd.
„Ich... ich dachte du wolltest ihr auch helfen? Ich mein du... du...“
„Ja... ich weiß Tom.“
Traurig stand ich auf und verließ das Wohnzimmer. Zurück blieb ein irritierter Tom und tausend Fragen...

Kapitel 39


...Ich legte mich ins Bett. Ganz weit nach außen, sodass ich Toms Nähe, der wenig später kam, nicht spüren konnte.
„Was ist nur mit dir los“ hörte ich ihn flüstern und unterdrückte dabei die Tränen.
Ich tat so als ob ich schlief.
Versuchte ganz gleichmäßig zu atmen.
Er strich mir übers Gesicht und legte sich dicht neben mich. Ich begann zu weinen. Konnte es einfach nicht mehr aufhalten. Tom konnte es nicht sehen, da mein Gesicht der Außenseite zugewandt war. Er strich mir nur immer wieder übers Gesicht, bis seine Hand ganz feucht war von meinen Tränen.
„Liv... sag mir doch einfach was los ist...“ flüsterte er weiter in die Dunkelheit.
„Ich weiß es nicht Tom“ antwortete ich leise schluchzend.
Ich drehte mich zu ihm um und vergrub mein Gesicht in seiner warmen Brust.
„Ich liebe dich Liv und keiner.. hörst du keiner wird sich je zwischen uns stellen... das verspreche ich dir. Chiara ist... nur eine Freundin. Aber du Liv, du bist mein Leben!“
Ich weinte noch mehr.
Diese Worte bedeuteten mir so viel.
„Es... es tut... tut mir leid Tom. Ich will Chiara helfen aber.. wir.. wir haben kaum noch Zeit für uns und ich... ich fühle mich so hilflos, verstehst du?“
„Ja ich weiß. Mir geht es auch so. Ich weiß dass wir ihr nicht helfen können. Das kann nur Bill.“
Beruhigend strich er mir über den Rücken.
„Aber Bill braucht selber Hilfe...“
„Ja um Bill zu helfen, müssen wir Tina helfen aber...“
Er sah mich an.
„...das schaffen wir nicht alleine. Wir brauchen einen Profi... einen.. einen...“
„Psychiater“ beendete ich seinen Satz.
Er seufzte.
„Ja genau.“
„Verdammt Tom. Das ist alles ein verdammter Teufelskreis... Sie wird nicht zum Psychiater gehen. Sie wird das alles nicht machen. Wir.. wir müssen ihr Zeit geben. Zeit heilt alle Wunden... oder nicht?“
„Vielleicht...“
Ich schaute ihn an. In seinen Augen konnte ich genau die gleiche Hilflosigkeit wie in mir erkennen. Nichts gegen diese Hilflosigkeit ausrichten zu können war das Schlimmste.
„Ich rede morgen mit Bill. Vielleicht schafft er es Tina zu einem Psychiater zu überreden.“
„Ich glaube Bill ist im Moment der einzige Psychiater den Tina braucht!“
„Aber Bill schafft das nicht mehr lange Liv. Er liebt Chiara.. irgendwann wird er daran zu Grunde gehen. Glaub mir. Er ist mein Bruder.“
„Ich glaube dir“ flüsterte ich ihm zu und gab ihm einen Kuss bevor ich meine Augen schloss.
„Ich liebe dich Schatz!“

Der nächste Morgen begann wieder mit den alltäglichen Kopfschmerzen und Übelkeit. Nach einem schnellen Sprint ins Bad und der ausgiebigen Kotzerei, sackte ich mal wieder erschöpft auf dem Badewannenrand zusammen und ließ meinen Tränen freien Lauf.
„Liv? Alles ok bei dir?“
Ha immer diese Ironie. Klar bestens. Könnte nicht besser gehen.
„Ich.. ich dusch mich nur schnell!“
Ja genau das war es was ich jetzt brauchte. Eine kalte, na ja oder zumindest lauwarme Dusche. Ich zog mich aus. In letzter Zeit sah ich nicht mehr so abgemagert aus. Der Appetit hatte irgendwie zugenommen.
Ich stieg in das prasselnde Wasser und erfrischte meine Gedanken. Im Moment wusste ich gar nicht warum ich immer so schlecht drauf war. Ich mein die Kopfschmerzen hatte ich schließlich schon immer, die kommen und gehen eben mal und diese Übelkeit war wahrscheinlich auch nur so eine Phase.

Ziemlich gut gelaunt machte ich mich fertig. Haare, Styling, Klamotten. Frisch und munter stieg ich die Treppe hinab und begrüßte Tom mit einem Guten-Morgen-Kuss.
„Na mein Schatz? Gut geschlafen?“
„Neben dir doch immer Baby! Was denn so gut drauf heute?“
„Na wenn man so einen Freund wie dich hat?“
„Schleimerin!“
Er lachte und schob mich an den Hüften zum Tisch hin. Vorsichtig legte er mich darauf und küsste leidenschaftlich meinen Hals als es an der Tür klingelte.
„Verdammt.. Immer im falschen Augenblick!“ stöhnte er und ließ von mir ab.
„Ich gehe schnell. Merk dir die Stellung.“
Ich zwinkerte ihm kurz zu und ging an die Tür. Langsam öffnete ich sie, wo mir auch schon ein angenehmer Geruch entgegenschlug.
„Na? Lust auf frische Brötchen?“
„Tati?!“
„Überrascht?“
„Äh... ja... also komm doch rein!“
Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und schlenderte Richtung Küche.
„Ahh mein Lieblingscousin!“
Tom hob beide Augenbrauen.
„Tati? Was machst du denn hier? Ich dachte du bist..“
„... schon wieder in London? Nein, ich fahre erst in einer Woche ab und da hab ich mir gedacht, besuchst du doch einfach noch mal den Tommy und seinen Bruder!“
Sie legte einen Arm um Tom, der ziemlich verdattert ausschaute. Ich musste grinsen.
„Ja Bill ist aber gar nicht da!“
„Nicht? Na ja was soll’s. Essen kann man auch zu dritt!“
Tom lächelte, warf mir aber trotzdem einen sehnsüchtigen Blick zu.
Ja wunderbar unser gemeinsames Wochenende. Na ja immerhin war es ja nur ein Frühstück und seltsamerweise hatte ich schon wieder richtig Hunger.
„Na dann lasst uns essen!“ sagte ich und stierte gierig nach den Brötchen.
Wir setzten uns alle drei an den Tisch und ich stopfte alles mögliche Zeugs in mich hinein. Brötchen, Joghurt, saure Gurken, Cornflakes. Tom sah mich irritiert an.
„Seit wann isst du denn soviel?“
Ich zuckte nur die Schultern.
„Wenn’s schmeckt!“
Tati beäugte mich misstrauisch, was mich irgendwie nervös machte.
„Und? Ähm... was machst du so in London?“
„Ich arbeite da, als Aupair seit einigen Monaten. Kommt nur selten vor dass ich mal zu Hause bin.“
„Echt? Aupair? Ist sicher ziemlich spannend!“
„Ja klar spannend schon aber diese kleinen Bälger können echt rotzfrech sein!“
Tom lachte.
„Oh ja kann ich mir vorstellen. Also ich glaube für mich wäre das nichts. So den ganzen Tag auf solche kleinen Wuselviecher aufzupassen? Hilfe...“
„Äh... Liv? Alles ok bei dir? Du bist irgendwie ganz blass!“ sagte Tati und beugte sich zu mir rüber.
„Ich.. ich..“
Schnell sprintete ich die Treppe hoch und hing wieder über der Kloschüssel. Oh Gott was war das nur für eine Krankheit? Mir ging es eigentlich super und dann ganz urplötzlich immer diese Übelkeit.
Zitternd lehnte ich mich gegen die kalte Wand und stützte mein Gesicht auf die Knie.
„Verdammt, verdammt, verdammt!“ schluchzte ich und bemerkte gar nicht das die Tür leise geöffnet wurde.
„Liv?“
Tatis Arm legte sich um meine Schulter. Ich schaute nicht hoch.
Wir schwiegen. Wie ich es schon die ganze Zeit gemacht hatte.
„Liv... ich... ich will dir ja nicht zu nahe treten aber... kann es sein dass du SCHWANGER bist?!“



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