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The Voice Within





Autoren: Melo (Bill) / Rebbi (Lené)
Age: (-)
Spoiler: Christina Aguilera "The Voice Within"
Disclaimer: Tokio Hotel, sowie sämtliche real existente Personen sind nicht unser Eigentum. Lené, Fr. Fassner und weitere mögliche Charaktere der Geschichte sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten sind nicht absichtlich.

Inhaltsangabe: Bill befindet sich nach seiner Operation in der Rehabilitation, um seine Stimme wieder auf Fordermann zu bringen. Er geht bei Frau Dr. Fassner, die eine Privatpraxis leitet, in Behandlung und trifft dort auf ihre Tochter Lené. Beide finden sich als enorme Gegensätze wieder und können sich nicht ausstehen. Von Magneten sagt man, dass sie sich anziehen. Fraglich bleibt, ob dies auch für zwei junge Menschen gilt, die unterschiedlicher gar nicht sein können...


Prolog


(by Rebbi)

Seufzend ließ sich Lené auf einen Stuhl am Tisch der Privatpraxis ihrer Mutter sinken. Schon zum zweiten Mal konnte sie nach der Schule nicht direkt nach Hause, und zu leugnen, dass ihr das nicht gefiel, konnte sie nicht. Aber ihre Mutter hatte sich als Spezialistin in ihrem Fach mal wieder einen Härtefall geangelt: Bill Kaulitz. Härtefall, fluchte sie innerlich, denn er nahm ihr all ihre Freizeit. Und, ja, nur wegen dem konnte sie jetzt nicht nach Hause! Na ja, ihre Mutter hätte ja auch einfach etwas Besseres werden können als eine der besten Logopäden im Norden Deutschlands. Zu ändern war daran leider nichts. Und so musste das 17-jährige Mädchen eben hier sitzen, seine Hausaufgaben in der wohl unangenehmsten Atmosphäre machen, die es im weiten Umfeld ihrer Schule gab. Dieser hygienische und immerzu gleich bleibende Geruch, der einem in die Nase zog. Diese furchtbar unbequemen Stühle. Die Patienten, die auf diesen sitzend mal warten mussten, hatten Lené schon früher Leid getan. Nur jetzt würde sie selbst hier sitzen und das sogar für länger. Der Gedanke daran gefiel ihr gar nicht. Genauso viel wie der, dass ihre Mutter diesen Patienten wohl nicht wieder so schnell loswerden würde. Der junge, berühmte Herr – nicht, dass sie was gegen ihn hatte, aber treffen wollte das Mädchen ihn doch nicht so wirklich – hatte es nämlich geschafft, seine Stimmbänder durch seine Singerei so zu strapazieren, dass es ihn letztendlich eine Zyste daran gekostet hatte. Nach der Operation durfte Lenés Mutter ihn jetzt also therapieren und das am besten in der Schnelle der Zeit, die unmöglich war. Dummerweise war ihre Mutter dafür bekannt, dass Unmögliche zu schaffen, zu dem Missfallen des Mädchens. Gerade erst zwei Wochen hatte ihre Mutter es zeitlich geschafft, sie immer von der Schule abzuholen und mit nach Hause zu nehmen. Aber seit dieser Sänger seine Stimmbänder so hatte lädieren müssen, durfte sie jetzt immer zur Praxis laufen. Dort Hausaufgaben machen. Ihre Freizeit verbringen. Und das alles wollte sie nicht. Doch etwas anderes blieb ihr nicht übrig, solange sie keinen Führerschein hatte. Wenn es sie noch so ankotzte, da musste sie durch. Mit diesem leider immer wiederkehrenden Gedanken im Kopf öffnete sie nun ihren Schulrucksack und zog ihr Englischbuch heraus, um sich ihrer Hausaufgabe zu widmen. Nicht, dass sie diese generell verfluchte, aber sie in diesem Umfeld zu machen, hasste sie und sie hatte es auch schon immer getan, seit ihr Vater sich schon in ihrer Grundschulzeit aus dem Staub gemacht hatte. Und vielleicht war auch gerade das der Grund, warum Lené sich nie so recht gut mit Jungs verstanden hatte, auch wenn sie in ihrer Schule schon den einen oder anderen Junge mochte. Aber sie pflegte lediglich mit vielen Mädchen der Stufe einen regen Kontakt, zog sich vor den Jungs eher zurück. Einen Freund hatte sie nicht. Hatte sie auch nie gehabt – Fehlanzeige!
„Lené…, hey“, das Mädchen wandte verwundert den Kopf herum, als ihre Mutter auf einmal ohne eine vorige Ankündigung in den Raum getreten war. „Äh…, oh…, hi“, erwiderte sie ein wenig irritiert und ließ ihren Blick auf das Schulbuch zurückwandern. „Bist du sauer oder warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du gekommen bist?“
„Ich bin gerade erst hier…und außerdem hast du doch ´nen Patienten. Ich weiß doch, dass ich nicht stören darf!“, erklärte das Mädchen und schaute ihre Mutter in normaler Kleidung – nein, nicht im weißen Arztkittel – ein wenig perplex an. Seit wann machte die sich denn solche Gedanken um ihre Tochter? Sonst war es doch immer so gewesen, dass sie sich generell mehr für ihren Job als für Lené interessierte!
„Na, ich dachte eigentlich, du sagst mal ein Wort, wenn du hier bist, damit ich dir wenigstens hallo sagen kann.“
„Das kannst du doch auch machen, wenn du dann fertig bist mit deinem berühmten Patienten!“, fauchte das Mädchen säuerlich; sie fühlte sich einfach wirklich vernachlässigt. Und das auch erst seit den paar Tagen, in denen ihre Mutter diesen jungen Mann betreuen musste, damit er möglichst schnell wieder auf der Bühne stehen konnte. Wirklich nicht, dass sie was gegen ihn hatte – diese ganze Sache um Tokio Hotel, all das in den Medien, war eigentlich immer ziemlich an ihr abgeprallt oder vorbeigegangen –, aber diese Wut ging gerade einfach gegen ihn, weil sie nur durch seine Anwesenheit oder eher Notwendigkeit der Therapie die Freizeit verlor, die sie nach den langen Schultagen in der Oberstufe noch hatte.
„Also ich bitte dich, Lené! Du solltest den Patienten-“
„Frau Fassner?“, krächzte jemand leise aus dem Behandlungsraum. „Warten Sie bitte, Bill. Ich bin gleich wieder bei Ihnen!“
„Oh, mein Gott!“, stieß Lené aus und hielt sich geschockt – zugegeben theatralisch – die Hand vor den Mund. „Du siezt den auch noch, der ist noch nicht mal-“
„Doch er ist 18, meine Liebe!“, ihre Mutter lachte und schien die Wut ihrer Tochter nicht so wirklich ernst zu nehmen. „Bitte reg’ dich doch nicht so auf!“
„Ich reg’ mich aber auf, weil ich jetzt wahrscheinlich nur noch zum Schlafen nach Hause komme, wenn du ab jetzt morgens bis abends mit diesem Bill da Stimmübungen machst!“, knurrte Lené und stach mit ihrem Blick zornig auf ihre Mutter ein. „Nun hör’ aber mal auf…, das ist ja fast infantil! So kenn’ ich dich gar nicht!“, das 17-jährige Mädchen wurde immer wütender, je mehr ihre Mutter sprach. Sie glaubte es nicht und rief jetzt beinahe ungehalten aus: „Und du kannst mal dieses ganze Psychologen-Gelaber auf! Ist ja fast schlimmer als in der Schule!“
„Ui, Lené, soll ich das jetzt als Kompliment nehmen?“, die Ärztin lachte immer noch, aber weil ihre Tochter jetzt eine deutliche Geste machte – so eine wie ein Schlag in die Luft –, verschwand sie wieder und das Mädchen lehnte sich nur erleichtert in seinen Stuhl zurück. Ja, diese ganze Sache brachte sie nur auf die Palme. Kaum verständlich wie so ein eigentlich für ihr Leben unwichtiger Mensch, ihr Leben doch so beeinflussen konnte, dachte Lené genervt und atmete tief aus, um irgendwie von diesen Gedanken loszukommen. Aber ihr Kopf schien da gar nicht mitmachen zu wollen und so saß sie die nächsten fünf Minuten immer noch so da, mit diesem Schmollmund und innerlich schrecklich brodelnd. Zum Glück nur auf diese Weise, denn noch ahnte sie ja noch nicht, was dieser Mensch noch alles in ihrem Leben anrichten würde. Dieser Mensch, über den sie bisher doch eigentlich so wenig wusste…
Englisch. Danach kam Mathe, was eindeutig unangenehmer war. Deutsch und letztendlich noch die Hausaufgaben aus Französisch. Noch nie hatte Lené diese Sprache leiden können. Sie würde dieses Fach auch ganz sicher zum Ende des Schuljahres abwählen. Aber die Hausaufgaben mussten eben doch gemacht werden. Wohl oder übel. Doch bevor sie sich damit befassen würde, tapste sie erst einmal zur Kaffeemaschine, die sich auf einem Regal im gleichen Raum befand. Für diese langweiligen Aufgaben, die die strenge Lehrerin immerzu gab, brauchte man einfach mal ein bisschen Koffein. Okay, zugegeben, generell war Lené fast ein Mensch, der koffeinsüchtig war. Dementsprechend kehrte das Mädchen mit einer großen Tasse des wach haltenden Getränks an den Tisch zurück. Und mit einem lauten Seufzen – warum konnte ihr bloß niemand anderes diese dämliche Hausaufgabe abnehmen? Komisch, dass Lené sich diese Frage nicht ständig bei Französisch-Hausaufgaben stellte. Genau das Gleiche galt dafür, warum sie es jetzt gerade hier tat, wo doch so gut wie niemand in der Nähe war, der ihr helfen konnte. Ihre Mutter hatte in der Schule auch mal Französisch gekonnt, aber das war eben Vergangenheit. Das Mädchen würde beinahe ein Fest sein, wenn es mit dieser Sprache und ihr auch endlich Vergangenheit war.
„Lené?!“, eine gellende Stimme, gerade war das erste französische Wort geschrieben. Genervt verdrehte Lené die Augen und riss den Kopf herum, um auch schön freundlich zu wirken. Es hätte ja sein können, dass ein neuer Patient anwesend war, von dem sie noch nichts mitbekommen hatte. Und ihre Mutter hatte sie schon in ihrer Kindheit beigebracht, wenn sie oft nicht hatte spielen können, sondern stattdessen wartend in genau der gleichen Praxis gesessen hatte, dass sie schön artig und freundlich zu sein hatte. Egal, zu wem. Diesmal war es jedoch nur wieder ihre Mutter. Innerlich stöhnte sie grantig auf, aber nach außen hin hatte sie immer noch das verlangte, liebe Lächeln auf den Lippen. In ihr kochte die Wut weiter und sie sehnte sich einfach nur danach, schnell nach Hause zu kommen. Aber bei den schlechten Busverbindungen aus der Stadt heraus in ihr kleines Dorf war das so gut wie unmöglich.
„Hast du dich jetzt endlich wieder abgeregt, Lené?“, fragte sie ihre Tochter freundlich, die nur mit den Schultern zuckte. Diese wusste eben, dass sie ihre Gefühle nicht zu zeigen hatte. Erst recht, wenn der Patient auch noch direkt daneben stand, wie jetzt gerade auch. Warum eigentlich?
„Hallo…“, krächzte der außergewöhnliche Junge neben ihrer Mutter. Zum Gruß hob er seine Hand leicht, anscheinend wollte er dem Mädchen seine reichen. Die 17-jährige war verwirrt, tat ihm aber den Gefallen. Trotzdem verwunderte sie das doch etwas; diesen Jungen hatte sie sich eigentlich ziemlich arrogant vorgestellt wie alle prominenten oder reichen Gäste, die ihre Mutter hier der Praxis schon gehabt hatte.
„Würdest du dich kurz mit Bill hierhersetzen und vielleicht einfach ein paar Buchstabenübungen machen oder so? Ich muss mal eben kurz runter, es gibt wohl ein Problem mit dem Strom im Keller!“, na, bravo! Innerlich schüttelte Lené nur den Kopf, sie fluchte; doch das alles brachte nichts, denn ihr Mund stimmte fast mit einer gewissen Begeisterung zu.
„Gut, danke, meine Liebe…! Bill, setzen Sie sich doch und-“
„Frau Fassner…, bitte duzen Sie mich doch!“, er flüsterte das viel mehr, aber Lenés Mutter – mit ihrem feinen Gehör, dass sie für diesen Beruf natürlich auch unbedingt brauchte – verstand alles, nickte nur und wiederholte sich korrigiert: „Setz’ dich doch…, das ist meine Tochter Lené. Sie wird sich um dich kümmern, ich bin gleich zurück…und ich beeile mich auch!“, Letzteres sagte sie eher in die Richtung des Mädchens. Welchen Zweck das nun hatte, erkannte Lené nicht genau, aber sie ahnte, dass sie sie so zu Mehr Willigkeit und weniger Ungeduld zwingen wollte. Ehe die 17-Jährige jedoch irgendwas hätte erwidern können, war ihre Mutter auch schon verschwunden und fast ein wenig verhalten – wie sie es aber gar nicht erwartet hatte – ließ sich der Junge, immerhin Frontmann einer umjubelten wie umstrittenen Band, auf den Stuhl am Kopf des Tisches fallen, seine Hände auf seinem Schoß hängen. Ob der deswegen was auf sich hielt?
„Ähm…, gut…, meine Mutter meinte gerade irgendwie, ich soll jetzt noch ´n paar Buchstabenübungen mit dir machen, also-“
„Oh, bitte nicht!“, brachte er irgendwie mit ziemlich rauchiger Stimme hervor. Verwundert grinsend schaute sie ihn an und rutschte einen Stuhl weiter, um ihn besser zu verstehen. Irgendwie hatte sich ihre Laune innerlich beinahe gebessert, bloß durch diesen Kommentar. Und gerade deswegen musste sie ihn jetzt erst einmal ein bisschen necken. Wenn er diese Buchstabenübungen denn schon nicht mochte, dann musste man das auch ausnutzen, dachte Lené sich.
„Ich soll aber mit dir üben. Also…meinetwegen können wir auch gerne das davon zuerst machen, was du am liebsten magst. Aber eben Buchstabenübungen!“, innerlich grinste sie sich einen ab, beobachtete die Reaktion dieses berühmten Jungen aber genau. „Ich mag keine einzige davon! Aber ich schätze, du bist wohl genauso hartnäckig wie deine Mutter, hab’ ich Recht?“, sie zuckte ein wenig unsicher mit den Fragen. Mit so einer direkten Antwort hatte sie dann nicht gerechnet und so war sie im ersten Moment auch ziemlich perplex und ohne einen Schimmer Ahnung, was sie jetzt dazu sagen sollte. Stattdessen wirbelte sie weniger gestenreich mit den Händen herum, um Worte dazu zu finden, während der Junge, der ihr gegenüber saß, nur ein ziemliches Grinsen auf den Lippen hatte. An sich gefiel das dem Mädchen allerdings gar nicht und vielleicht war auch gerade das der Grund dafür, warum sich ihre Zunge ganz plötzlich und schnell entfesselte.
„Das war jetzt nicht nett. Dann fangen wir jetzt mit dem Schwierigsten an!“, damit wurde Lené ein bisschen herrscherisch und irgendwie fand sie gleich nach den ersten lauten Worten Gefallen daran. Wenn das gut lief, konnte sie ihre Mutter gerne noch eine Weile länger mit diesem berühmten Jungen – Bill Kaulitz – alleine lassen. Besser als Französisch-Hausaufgaben eben!
„Vergiss es, ich weigere mich!“, fauchte der jetzt aber und erhob dabei ziemlich seine Stimme. „Oh, oh, oh! Schone deine Stimme, mein Herr!“
„Ich glaub’s nicht, dass ich mich jetzt mit der Tochter meiner Logopädin auseinander setzen muss und-“
„Du solltest deine Stimme anders nutzen, also jetzt bitte die Übung mit T und Z!“, forderte Lené befehlerisch und blickte ihn mit einem zickigen, aber auch ziemlich fiesen Blick an. Den hatte er verdient. Aus ihrer Sicht zumindest.
„Boar, was soll das denn bitte?
„Hab’ ich dir nicht gerade gesagt, dass du deine Stimme schonen sollst? Sagt meine Mutter dir das etwa nicht?“
„Doch oft genug, aber-“
„Also hör’ auf zu reden und mach’ die Übungen!“, fauchte Lené weiter und freute sich innerlich unheimlich, den Grund ihrer Wut mal so richtig zur Sau zu machen. Im Grunde konnte der gute Herr ja auch nichts dazu. Er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort und hinzukommend hatte er sich noch die falsche Logopäden-Praxis in der Stadt ausgesucht.
„Versuchst du deine Mutter zu imitieren oder-“
„Halt’ die Klappe!“, schrie das Mädchen den jungen Star jetzt beinahe an, war selbst erschreckt von der Stimmgewalt in dem Moment. Und der Junge namens Bill schaute sie nur fast ängstlich und vollkommen perplex an. Der letzte Fitzel Stimme war verklungen und nun kehrte eine unheimliche Stille im Raum ein. Ein seltsames Gefühl durchzog das Mädchen, deren Blick auf dem Gesicht des Jungen weilte…


Kapitel 01



Dann fing er sich wieder und holte tief Luft:
„Das ist eine Frechheit. Mein Management bezahlt einen Haufen Kohle um mich von einer Göre anblaffen zu lassen?!“, er stand geräuschvoll auf, fuhr mit einer eleganten Bewegung durch sein Haar und ging in Richtung Ausgang, „Das lasse ich mir doch nicht bieten.“
Just in diesem Moment öffnete Lenés Mutter die Kellertür:
„Huch…Bill! Wo…wo wollen sie –du- denn hin?“
Bill streckte provokant das Kinn vor:
„Ich gehe. Ihre Tochter ist die Unhöflichkeit in Person.“
„Was?“, murmelte sie, „Aber…ich glaube, das war ein Missverständnis, nicht wahr, Lené!?“, sagte sie voller Nachdruck und schaute um die Ecke zu Lené. Ihr Blick war hart und erbarmungslos.
„Also, nein, Mama…! Der ist ´n bisschen unfreundlich geworden und da hab’ ich ihn bloß mal zurechtgewiesen, dass er sich in deiner Praxis ja wohl nicht so aufzuregen hat und dass-“
„Das ist gar nicht wahr, Frau Fassner! Ihre Tochter hat sich erst mal ganz dreist-“
„Ich bin nicht dreist!“, widersprach Lené voller Wut. Eine gute Schauspielerin war sie schon immer gewesen; nicht umsonst hatte sie damals in ihrer Kindheit manches Mal Recht bekommen, nur weil sie so hartnäckig war. Logisch, dass sich diese Sache im Alter noch weiter ausgebildet hatte.
„Ihre Tochter hat aber-“
„Einen Moment, bitte, ihr Zwei…! Wenn das hier so ´n kleiner Flirt wird, dann-“
„Nein!“, schrie das Mädchen seltsamerweise mit dem berühmten Jungen im Chor. Daraufhin konnten die Beiden sich nur anstarren- ungläubig.
„Na, wenigstens seid ihr euch da einig!“, lachte Lenés Mutter, doch ihre Tochter fand das alles andere als lustig. Viel mehr regte sie sich auf, dass sie diesen Bill mit Samtpfoten behandeln zu schien. Ganz im Gegensatz zu ihr als ihre eigene Tochter. Eine Farce war das!
Bill schnaubte wütend:
„Das muss ich mir auf jeden Fall nicht bieten lassen. Eine bodenlose Frechheit ist das.“, er legte die Hand auf die Türklinke.
„Ach Bill, wirklich… das sollte kein Grund sein, die Behandlung abzubrechen. Wir haben so gute Fortschritte gemacht. Einen anderen Logopäden aufzusuchen, würde dich um mehrere Sitzungen zurückwerfen. Wirklich, ich bitte dich. Lené hat sich ganz eindeutig im Ton vergriffen, stimmt’s Schätzchen?“
„Na, klar, Mama…!“, sagte die Angesprochene mit hoher, verstellter Stimme und setzte eine übelschlecht gespielte Engelsmiene auf. „Im Traum…“, murmelte sie selbst noch hinterher, aber das bekam zum Glück keiner mit. „Na, siehst du, Bill…, alles wieder im grünen Bereich. Gebt euch die Hand und alles ist gut!“, alles gut? Im Traum, dachte Lené wieder, drehte den Kopf weg und musste schmunzeln. Wenn der jetzt noch länger hier zur Behandlung sein würde, würden die Nachmittage in der Praxis nach der Schule ja vielleicht gar nicht so langweilig sein. Vorausgesetzt natürlich, dass es vielleicht ab jetzt täglich Probleme mit dem Strom im Haus gab. Aber da konnte man ja auch nachhelfen!
„Lené…, nun gib Bill doch die Hand! Er muss seine Behandlung doch weitermachen, mmh?“, ihre Mutter schaute sie bittend an und letztendlich rang sie sich dazu durch, Bills Hand ganz kurz zu drücken, um sie im nächsten Bruchteil der Sekunde auch wieder loszulassen, als wäre sie mit irgendeinem tödlichen Gift versehen.
Bill kniff die Augen zusammen und wandte sich dann an Lenés Mutter:
„Also gut, dann können wir ja vielleicht jetzt weitermachen, oder?“, krächzte er.
Als Antwort darauf ertönte ein leises Brummen und eine Sekunde später standen sie im Dunklen. Die winzigen Fenster im Wartezimmer spendeten verzweifelt letzte Sonnenstrahlen, der Rest der Praxis lag da, wie in der Nacht.
„Oh nein.“, sagte Lenés Mutter und schlug die Hand vor der Mund, „Da ist wohl eine Sicherung durchgebrannt.“
Im Stillen verfluchte Bill die Tatsache, dass er genau jetzt zu dieser Zeit an diesem Ort war. Tom, Gustav und Georg vergnügten sich irgendwo und er war hier – zu allem Übel mitten in einem Stromausfall.
„Das heißt jetzt bitte was?“, fragte er genervt.
„Oh je, die Tür!“, rief sie und hechtete an Bill vorbei zur Praxistür.
Bill sah Lené fragend an, doch sie blickte ebenso ratlos zurück. Frau Fassner rüttelte verzweifelt an der Tür und fluchte leise.
„Oh nein, oh nein.“, stammelte sie immer wieder, „Und die Bedienung ist im Auto, oh nein, oh nein.“
„Mama?“, Lené ging auf ihre Mutter zu.
„Die Anlage“, sagte sie leise, „Ich habe eine elektronische Verriegelung an die Praxistür anbringen lassen. Mir wurde in letzter Zeit häufiger von Einbrüchen berichtet und dem wollte ich natürlich vorbeugen.“
„Und?“, Bill runzelte die Stirn, „Wir sind doch drinnen und nicht draußen.“
Lenés Mutter nickte:
„Genau, das ist ja das Problem. Wenn der Strom ausfällt, verriegelt die Tür automatisch. Und…da gibt es so einen Code, aber-“
„Aber was?“, fragte Bill ängstlich. Er hatte nicht vor, hier länger als nötig zu bleiben, noch dazu nicht mit dieser nervigen kleinen Göre. Er wollte nach Hause, zu Tom und den anderen, nicht hier drinnen vergammeln.
„Aber der ist in meinem Auto.“, antwortete Frau Fassner kleinlaut.
„Ah ja“, machte Bill und versuchte, seinen Zorn zu unterdrücken.
„Regt euch alle mal ab…! Mama, was ist ´n mit den Fenstern?“, fragte Lené um versuchte, die anderen dazu zu bewegen, Ruhe zu bewahren, denn ihre Mutter und der gute Herr Superstar schienen ja schon beinahe außer Fassung zu sein.
„Lené…“, sie hörte nur die Stimme ihrer Mutter. Ihre Augen hatten sich einfach noch nicht an die wirklich finstere Dunkelheit gewöhnt.
„Du kennst doch die kleinen Fenster…, aber die sind winzig…, da passt nicht mal du durch!“
„Na, super!“, seufzte das 17-jährige Mädchen und grabschte hinter sich mit den Händen an der Wand entlang, um irgendeinen Halt zu finden. Aber das Glück schien auch in diesem Moment nicht mit ihr zu sein. Letztendlich ließ sie es bleiben, auch weil sie da irgendetwas Weiches berührt hatte. Nicht angenehm war das gewesen. Und bei dem Gedanken daran, was das vielleicht hätte sein können, ekelte sie sich fast. Bitte nicht das, was sie dachte!
„Und was ist mit Handys?“, hörte Lené eine krächzende Stimme, die sie als die des berühmten Patienten vernahm. Sie stöhnte nur auf. Zu gut wusste sie nämlich, dass in der Praxis ihrer Mutter so gut wie nie Empfang war. Und sicher auch nicht in dem Moment, wenn man es am dringendsten brauchte.
„Na, super! Kein Empfang!“, kam es wiederum, aber lauter aus der Ecke hinter ihr.
„Sprich leiser, Bill! Das schadet sonst deiner Stimme!“
„Dann sollten Sie gefälligst eine Praxis haben, in der nicht ständig der Strom ausfällt!“, fauchte Bill Kaulitz erneut.
Die 17-Jährige verdrehte nur die Augen, was natürlich niemand sah, und grinste ein wenig hämisch. Sie konnte es einfach nicht lassen, ein bisschen schadenfroh zu sein, selbst wenn sie genauso hilflos in der Dunkelheit stand wie dieser Junge, der ja so eine irgendwie doch außerordentlich gute Art hatte sich aufzuregen.
„Bill! Ich habe dir doch gesagt, dass du deine Stimme schonen musst!“, zischte die Ärztin bedrohlich.
„Ey bleibt zu Hause!“, murmelte das Mädchen nur und kicherte lautlos vor sich hin.
„Bitte seid ruhig!“, warnte Frau Fassner wieder.
„Halt’ die Klappe!“, lauter als gedacht, zwei Stimmen. Und diesmal blieb auch Lené nichts anderes übrig, als in die Dunkelheit hinter sich zu starren, die stark auf ihre Augen drückte.
Ein leises Grummeln durchdrang die vorzeitige Nacht.
„Was war das jetzt?“, fragte Lenés Mutter erschrocken und schien sich zu bewegen.
Bill spürte, wie er rot anlief, aber zum Glück war das schier undurchdringbare Schwarz auf seiner Seite:
„Ähm…ääh, das war mein Magen. Verzeihung! Ich habe es nicht geschafft zu essen.“
Frau Fassner und Lené lachte und auch Bill stimmte schließlich ein.
„Hör zu, Bill, ich schaue eben in den Kühlschrank der Schwestern, da ist bestimmt noch etwas Essbares drin und dann suche ich nach einer Taschenlampe. Vielleicht haben wir ja tatsächlich eine hier.“, Lenés Mutter tastete sich am Empfangstresen entlang, „Und ihr beiden schaut bitte regelmäßig auf eure Handys. Ich bin gleich zurück.“, die schemenhaften Umrisse der Logopädin verschmolzen endgültig mit der Dunkelheit, nur ihre Schritte durchbrachen sie.
„Na super!“, krächzte Bill und warf einen Blick auf sein Handy. Nicht ein einziger Empfangsstrich, „Ich hab noch Termine.“
„Na, die kannst du jetzt erst mal vergessen, glaub’ mir!“, meinte das Mädchen. Sie hielt sich monoton. Einerseits konnte sie die Laune des Jungen, mit dem sie sich hier jetzt gerade alleine befand, bestens erklären - ihre war ja die gleiche. Jedoch konnte sie es doch nicht lassen, daran zu denken, wie traurig er jetzt sein musste. Wie verzweifelt. Milchbubi. Und das hämische Grinsen hatte sich sogleich auf ihrem Gesicht wiedergefunden.
„Halt’ du deinen Mund!“, fauchte er und benutzte wieder verbotenerweise seine Stimme. Und gerade wollte Lené ihn darauf hinweisen, da fiel ihr es wie Schuppen von den Augen, wie sie den jungen Mann doch ein wenig auf die Palme treiben könnte: „Gib dir keine Mühe mit dem Handy. Ich hab’ dir doch gesagt, das bringt alles nichts!“
„Und wann kommen wir dann wieder hier raus?“, fragte er, seine Stimme klang noch verdammt lädiert. Wenn er sie noch mehr belasten würde, wäre sie womöglich bald wieder hin.
Wenn wir Glück haben, noch heute, wenn nicht erst morgen.“
„Ja, und dann?“
„Schone deine Stimme!“, während sie das sagte, musste sie sich bemühen nicht loszulachen. So konnte man jemanden wirklich auf die Palme bringen. Ihm das Reden verbieten, wenn er am wütendsten war. Oder doch nicht?
„Na, schön, eine Pause ist ja auch mal ganz gut.“
Schweigend betrachtete Bill die winzigen goldenen Strahlen der untergehenden Sonne, die sich wie kleine seidene Fäden durch die Miniaturfenster schlängelten. Er seufzte tief und warf, unsinniger Weise, erneut einen Blick auf sein Handy. Dann sprang er plötzlich auf:
„Ist hier irgendwas in der Nähe? Häuser oder so?“
„Spinnst du irgendwie…? Willst du durch diese Mini-Fenster krabbeln und dann wie Spiderman aufs Dach des nächsten Hauses springen oder auf wundersame Weise ´nen Helikopter herbeirufen?!“, fragte sie ihn perplex und starrte in seine vermeintliche Richtung. Doch die Dunkelheit drückte weiter auf ihre Augen, erkennen konnte sie beim besten Willen nichts. Und dieser Junge sagte nichts weiter. Ja, was hatte er denn nun vor?
„Man, natürlich nicht. Ich meine nur...vielleicht könnten wir um Hilfe rufen.“, krächzte er, erbost über ihren wirklich seltendämlichen Kommentar. Er tastete sich zu den Fenstern, öffnete das linke und versuchte zu schreien, doch seine Stimme versagte jämmerlich. Sie glich einem rostigen alten Balken, der im Wind knarrte und ächzte, nicht seiner sonst so angenehmen und sehr melodischen Stimme. Die Wut und Hilflosigkeit trieben ihm Tränen in die Augen und zu allem verschluckte er sich und begann qualvoll zu husten.
Ein wenig panisch tastete sich Lené durch die Dunkelheit. Irgendwie hatte sie als die Tochter der Ärztin ja doch die Pflicht zu helfen. Im kleinen Licht des Fensters war sie endlich zu dem Jungen gelangt, der voller Qualen hustete. Ob er nur schauspielerte? Hoffentlich nicht, denn sonst würde sie ihm vielleicht noch kurzfristig den Kopf abhacken!
Sie klopfte ihm kraftvoll auf den Rücken - ein komisches Gefühl -, bis er sich wieder gefangen hatte. Dann ließ sie ihn, fast wie von einer Tarantel gestochen, wieder los und starrte schweigend auf die Kontur seines zugegeben hübschen Gesichts, welche sie im Licht gut sehen konnte.
„So-so-soll ich vielleicht mal schreien?“, warum musste sie gerade jetzt nur stottern?! „Ich…ich mein’, ich hab’ echt ´n lautes Organ…, g-g-glaub’ ich…zu-zumindest…“, Lené hätte sich gerade selbst in den Hintern beißen können. Aber abgesehen davon, dass das generell schlecht ging, war es auch zu dunkel dafür. Und es blieb ihr auch nichts anderes übrig, als weiter fragend auf die Kontur dieses makellosen Gesichts zu schauen.
„Ja…vielleicht hört dich ja jemand.“, seine Stimme klang furchtbar, viel schlimmer, als nach der Operation und so beschloss er, tatsächlich vorerst ruhig zu bleiben. In nicht einmal einem Monat würde er wieder auf der Bühne stehen müssen und wollten, einen Rückfall konnte er sich jetzt nicht leisten.
Lené brüllte so laut sie konnte, und es war tatsächlich enorm laut, eine Reaktion von Seiten der entfernten Häuserfront kam allerdings nicht. Belustigt dachte Bill daran, dass sie Schrei mit diesem lautstarken Organ vermutlich perfekt hätten schreien können.
„Ich g-glaub, das bringt nichts!“, sagte Lené resigniert und ließ sich auf einen der unbequemen Stühle sinken.
„Warum schreit ihr denn so?“, erklang die Stimme von Frau Fassner, gleich hinter einem schmalen Lichtkegel.
„Wir haben gedacht, dass uns vielleicht von der Siedlung da drüben jemand hört.“, antwortete Lenè und erhielt ein heftiges Kopfnicken von Bill als Unterstützung.
„Nun ja, das ist wohl eher unwahrscheinlich.“, gab Frau Fassner zurück, „Also ich habe hier ein bisschen Brot, Bananen, kalten Tee und Marmelade. Wir können die Magazine vom Tisch räumen und dann ein bisschen was essen. Derweil überlegen wir uns einen Plan. Irgendwie müssen wir hier ja rauskommen.“


Kapitel 02


Ein Glück, dachte Lené und seufzte kaum hörbar auf. Sie war nur froh, dass sie jetzt nicht mehr allein war mit diesem berühmten Jungen, den irgendwie doch eine seltsame, aber nicht unangenehme Atmosphäre umgab.
Ihre Mutter hatte die Taschenlampe auf den Tisch gelegt, die nun ein bisschen Licht spendete. Die ganzen Zeitschriften für wartende Patienten hatten sie einfach vom Tisch geschoben und darauf die ganzen Lebensmittel verteilt, die Frau Fassner mitgebracht hatte. Lené gefiel das alles langsam gar nicht mehr, denn auch ihre Mutter schien weitestgehend ratlos und das kannte sie normalerweise gar nicht so von ihr. So fühlte sie sich langsam auch ziemlich hilflos. Die Schwierigkeit wurde jedoch noch dadurch erhöht, dass dieser Typ namens Bill Kaulitz - Frontmann einer Teenie-Band - gerade bei ihnen sein musste. Und immer wenn er sprach, klang er dabei nerviger weise auch noch wie eine Mischung aus Michael Jackson beim untalentierten Singen und ein Braunbär beim Beuteverspeisen. Essen war für das 17-jährige Mädchen in diesem Umfeld jedoch nicht die spaßigste Angelegenheit, aber sie würgte dann wohl oder übel eine Banane herunter, während ihre Mutter und Bill sich doch tatsächlich dem in der Dunkelheit doch technisch recht schweren Versuch widmeten, sich Schnitten zu schmieren. Allein der Anblick der schemenhaften Bewegungen, die man gerade noch erkennen konnte, hätte sie schon fast kichern lassen, aber das verkniff sie sich dann doch und blieb weiterhin stumm, die Bananenschale vor sich liegend.
„Willst du nichts mehr essen?“, fragte diese leise ächzende Stimme in die Stille hinein. Noch undeutlicher als sonst schon, sodass das Mädchen annahm, dass der Erzeuger dieser gerade etwas zu sich nahm.
„Ähm…, ich hatte ´ne Banane, das reicht. Ich bin keine Kuh, die rund um die Uhr isst oder so!“, vielleicht ein wenig zu deutlich, aber Lené hatte gerade einfach mal wieder die Laune dazu verspürt, diesem zugegeben nicht unsympathischen, aber doch recht seltsamen Jungen irgendeinen dummen Kommentar an den Kopf zu schmeißen. Und ihrer eigenen Meinung nach war das ja auch ganz und gar passend gewesen.
„Nun hört doch mal auf zu streiten! Ihr klingt ja schon wie ein altes Ehepaar, ihr Zwei…! Und obendrein sollst du immer noch deine Stimme bitte schonen, Bill!“, ließ ihre Mutter deutlich verlauten und so kehrte wieder Stille ein. Ja, was sollte man auch dazu sagen?
„Kühe essen gar nicht rund um die Uhr. Sie sind nur Wiederkäuer.“, sagte Bill nach einer Weile.
Fr. Fassner warf ihm einen warnenden Blick zu:
„Bill, ich bitte dich.“
Resigniert legte Bill seine angebissene Stulle auf die Untertasse. Hunger hatte er jedenfalls nicht mehr. Er war müde und erschöpft und auch das fahle Licht der Fenster, das wohl vom Mond zu kommen schien, denn die Sonne war vor wenigen Minuten vollends untergegangen, verbreitete eine beinahe nächtliche Atmosphäre.
Frau Fassner, die Bills Müdigkeit wohl bemerkt hatte, stand auf:
„Ich habe noch ein paar Decken im Behandlungszimmer. Wir stellen einfach die Stühle zusammen, und dann könnt ihr beiden euch hinlegen.“, sie eilte mit der Taschenlampe davon.
„Ich hoffe, dass bald jemand kommt. Das Management wird bestimmt jemanden hier her schicken.“, flüsterte Bill, um seine Stimme nicht unnötig zu belasten, „Komisch, nicht wahr? Das ist wie in einem blöden Film.“
Lené lachte:
„Hm, irgendwie schon.“
Bill gähnte und lehnte sich auf dem harten Stuhl zurück:
„Aber solche Geschichten haben ja gottseidank immer ein Happy End.“, er rieb sich fröstelnd die Arme, denn inzwischen war es hier drinnen ziemlich kalt geworden.
„Ja, die Heizungen sind elektronisch, deswegen gehen sie jetzt nicht mehr.“, antworte Lené.
„So ihr lieben.“, trällerte Frau Fassner und versuchte, die angespannte Situation ein wenig zu lockern, „Hier sind zwei Decken für euch. Ich versuche, irgendwas zu finden, was uns weiterhelfen könnte.“, sie reichte Bill und Lené die Decken und verschwand mit der Taschenlampe. Zurück blieb die undurchdringbare Dunkelheit und das leise Atmen der beiden.
„Na dann…“, flüsterte Bill, „Ich versuch mal etwas zu schlafen.“
„Hm.“, machte Lené.
Bill schloss die Augen und versuchte, einzuschlafen. Wenn er aufwachen würde, war alles vorbei. Dann hatte man sie gerettet. Und er würde sich eine neue Logopädiepraxis suchen lassen…
„Du willst jetzt nicht ernsthaft pennen, oder?“, Lené beugte sich nach hinten und versuchte in den Schemen, die sie sah, Bills Gesicht auszumachen. Schließlich erkannte sie es an dem immer wieder auffallenden Glänzen, das wohl aus seinen Augen kam.
„Ähm…, doch eigentlich hatte ich mir das so vorgestellt. Wenn ich nämlich aufwache, dann ist wieder alles okay, ich hier raus und zufrieden.“
„Selbstgefällig nennt man so was, schon mal gehört?“, ja, Lené musste sich selbst zugeben, dass sie diesen Jungen - ob nun berühmt oder nicht - gerade doch etwas arrogant fand. Er ließ sich von allen bedienen, wollte aber anscheinend niemals etwas dafür auf sich nehmen.
„Na, was soll ich denn sonst in der Dunkelheit hier machen?“, fragte er zurück und das machte ihn ihr in dem Moment nur noch unsympathischer. Es schien fast so, als würde er gerade versuchen, all die positiven Punkte, die er bei ihr gesammelt hatte, wieder zu verlieren.
„Also ich schlafe nicht!“
Bill presste wütend die Luft zwischen den Zähnen hervor:
„Also gut, Prinzesschen. Was gedenkst du zu tun?“
„PRINZESSCHEN?“, keifte Lené, „Was fällt dir eigentlich ein du…du…“
„Ich was?“, lachte Bill.
Lené antwortete nicht und so schloss Bill die Augen und hoffte darauf, bald von diesem Schlamassel erlöst zu sein.
„Schläfst du schon?“, fragte sie nach einer Weile.
„Ja!“, sagte Bill genervt. Dieses Mädchen wollte wohl keine Ruhe geben.
„Du bist so ´n Milchbubi, wenn du jetzt schläfst!“, Lené konnte nicht anders, als etwas Neckendes in Bills Richtung zu sagen. Denn wenn sie mit ihrer Vermutung wirklich Recht behielt, dann würde sie sich nachher vor Lachen wegschmeißen. Zumindest dann, wenn sie endlich hier raus waren.
„Ich bin kein Milchbubi…! Frag’ deine Mutter, die kennt mich besser!“
„Meine Mutter?“, Lené musste fast jetzt schon loskreischen vor Belustigung. „Dass ich nicht lache! Die Frau kümmert sich um deine Stimmbänder, nicht um dich an sich!“
„Ja, was weiß ich denn bitte?!“, sagte er etwas zu laut, sodass er seine Stimmbänder eigentlich schon wieder zu sehr belastete. Und das 17-jährige Mädchen erbarmte sich jetzt einmal zur Freundlichkeit: „Pass’ auf mit deiner Stimme, bitte, Bill. Ich glaube, wir wollen alle nicht, dass du jetzt bald nicht mehr singen kannst. Also am besten flüsterst du jetzt nur noch…“, dass er ihr danach scheinbar einen komischen Seitenblick zuwarf, verwirrte mich - angenehm war es keinesfalls.
„Wie auch immer, ich jedenfalls werde jetzt schlafen!“, flüsterte Bill, „Mag sein, dass du mich für einen Milchbubi hältst, aber der Klügere gibt ja bekanntlich nach. Und das bin eindeutig ich.“, er kuschelte sich in die Decke, doch er fror entsetzlich. „Komm her!“, befahl er Lené.
„Ey…, was hast du für Probleme?!“, Lené schrie beinahe, hatte sich blitzschnell aufgesetzt und blickte in die Dunkelheit Richtung Bills Umriss. „Bist du krank? Spinnst du?“
„Krank bin ich wohl…an meiner Stimme…, aber ich spinne nicht. Ich friere nur.“
„Ah ja. Und ich soll deswegen zu dir kommen.“
„Ja.“
„So als Wärmedeckeersatz oder wie?“
„Ja.“
„Kannst du vergessen!“
„Nein“, erwiderte er und wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte sie auch beinahe über diesen Dialog lachen können. „Jetzt komm’ her, dann können wir uns wenigstens gegenseitig wärmen!“
„Na, komm’ du doch!“, im Nachhinein glaubte sie ihren eigenen Worten kaum…
Bill schnaubte verächtlich:
„Mein Gott, wie zickig bist du denn?! Ich will dir nicht an die Wäsche, keine Angst. Da bevorzuge ich eher ältere Frauen.“
„Das will ich gar nicht wissen.“, schnappte sie beleidigt.
Er lachte leise, setzte sich neben sie und zog den kleinen Tisch heran, so, dass sie die Beine darauf legen konnten.
„Achtung, ich leg jetzt meinen Arm um deine Schultern, ja!? Krieg bloß keinen Schreck!“, flüsterte er gehässig.
„Denkst du, mich hat noch nie ein Kerl angefasst oder was?“, fragte Lené herausfordernd.
Bill legte seinen Arm um ihre Schultern und zog sie dicht zu sich heran:
„Ehrlich gesagt glaube ich das nicht, nein. Du bist total zimperlich und hibbelig. Wahrscheinlich hast du noch nicht mal einen Jungen geküsst.“
Mist, war er Gedankenleser, Hellseher? Lené fluchte innerlich und hätte zur Verdeutlichung am liebsten mit all ihren Gliedmaßen um sich geschlagen. Aber das ging ja schlecht. Erstens, weil dieser Junge da an sie gelehnt lag. Und zweitens war es auch noch ein so irrtümliches Gefühl, was sie davon im letzten Moment ganz sicher abhalten würde. Es hatte ihren Körper förmlich unter Kontrolle und lähmte ihn in Teilen völlig.
„Hat’s dir jetzt die Sprache verschlagen oder hab’ ich etwa Recht?“, er hatte sie in der Hand. Und das alles beunruhigte sie nur noch mehr. Jetzt zitterte sie nicht nur leicht vor Kälte, sondern auch noch vor Verunsicherung. Diese Arme, die um sie lagen, waren keine Geborgenheit, die sie normalerweise in dieser Welt symbolisierten. Es war viel mehr das Gegenteil. Sie fühlte sich so unwohl wie selten. Ihr Bauch rumorte vor Hunger, dabei verspürte sie gar nicht das passende Gefühl dazu. Was war das?
„Warum fröstelst du so?“, diese Frage riss sie aus ihrem Gefühls- und Gedankenchaos heraus.
Bill spürte, wie sie mit den Schultern zuckte. Dieses Mädchen war eindeutig ein Fall für Tom, dachte er belustigt, der würde ihr wohl die richtige Einweisung geben. Wenn er hier wieder raus war, sollte er das vielleicht sogar tun…
„Gut, na dann sollten wir jetzt beide schlafen. Keine Angst, ich werde dich nicht beißen.“, er zog sie noch ein Stück zu sich heran, legte den Kopf auf ihren und schloss die Augen. Im Grunde war er viel zu aufgewühlt, um zu schlafen. Alle würden sich Sorgen machen, die Presse würde sicher ebenfalls an diesem schier gefundenen Fressen nagen, das alles würde ein Nachspiel haben. Irgendwann verlangte sein Körper sein Recht und er schlief ein.
Oh, man! Warum musste der sich bloß so nahe an sie heran lehnen? Innerlich verfluchte sie sich selbst, ihr Leben, ihre Situation und vor allem ihre Mutter. Aber es half anscheinend alles nichts. Sie hatte keine Ahnung, wie das hier weitergehen sollte, geschweige denn wie sie das hier überleben sollte. Und während der beliebteste Junge Deutschlands an sie gelehnt, scheinbar schlief, lief in ihrem Kopf alles durcheinander. Sie konnte keinen einzigen Gedanken fassen und so kam sie obendrein natürlich auch nicht auf die Idee, sich ebenfalls schlafen zu legen. An Schlaf war für sie gerade einfach nicht zu denken. Doch wenn Lené nach einer Begründung dafür suchte, traf sie nur auf etwas wie eine hohe Wand voll mit Fragen. Und in genau diesem Moment kehrte dann auch wieder dieses unheimliche Kribbeln in ihren Bauch zurück - irgendwann jedoch schlief sie ein, mit einem Gefühl, das zuvor immer so unbekannt gewesen war…

Ein vorwitziger Sonnenstrahl kitzelte Bills Nase, begleitet von einem hohen und immer wiederkehrenden Ton, der an eine Polizeisirene erinnerte. Mit einem lauten Knall flog die Tür auf und Bill schrak zusammen. Lené blinzelte benommen.
„Bill?“, hörte er die Stimme von seinem Produzenten, „Bill, bist du da?“
„Ja!“, rief er, sprang auf, ohne dabei auf Lené zu achten und eilte an der wild gestikulierenden Frau Fassner vorbei, „Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr. Irgendeine Sicherung ist durchgebrannt und die Tür ging nicht mehr auf und Empfang gab es auch nicht.“
„Aber es geht dir gut?“, fragte er besorgt.
„Ja ja, sicher. Ich will nur gerne nach Hause.“, krächzte Bill.
David nickte:
„Sicher, steig ein, der Wagen steht vor der Tür.“
Ohne jedweden Blick zurück stieg er ins Auto, erleichtert, endlich aus der Praxis und von dieser übergeschnappten Familie befreit zu sein.


Kapitel 03



Bill atmete tief durch und öffnete die verhängnisvolle Tür zur Praxis. Er hoffte inständig, dass Lené nicht da war, denn entweder würde es in dem Sinne peinlich werden, weil Tom sie mit zweifelloser Sicherheit anschmachten würde, oder aber Lené selbst Bills Laune durch ihr zickiges Auftreten verderben.
„Ah, Bill!“, rief ihm Frau Fassner entgegen. „Da bist du ja. Es ist schon sehr spät, ich dachte, du kommst gar nicht mehr.“
„Jetzt bin ich ja da.“, antwortete Bill freundlich, „Mein Bruder, Tom“, er macht eine vorstellende Geste, „kann ja so lange im Wartezimmer bleiben, richtig?“
„Na sicher!“, sagte sie.
„Cool“, machte Tom und schlurfte mit seinen übermäßig riesigen Klamotten in den Warteraum.
„Wartest du noch eine kleinen Moment, Bill?“, Frau Fassner hechtete zum Behandlungszimmer, „Ich bereite eben alles vor.“
„Sicher!“, Bill nickte höflich und folgte Tom.
Im Wartezimmer, über ihren Büchern versunken, saß Lené.
„Hallo!“, sagte Bill kühl und setzte sich neben seinen Bruder.
Am liebsten hätte sie in diesem Moment laut aufgestöhnt, aber sie konnte es sich gerade noch verkneifen. Trotz allem war sie alles andere als erfreut über Bills erneute Anwesenheit in der Praxis. Auch wenn sie es nicht so beabsichtigt hatte, hatte sie doch eigentlich erwartet, Bill nach diesem Chaos nie mehr wieder in der Praxis ihrer Mutter zu sehen. Abgesehen davon erlaubte er es sich jetzt auch noch, sie so kalt zu grüßen. Dann verdient er es einfach ignoriert zu werden, dachte sie sich und beugte sich noch tiefer in ihren Bücherstapel, der an diesem Tag mal wieder ihren Berg von Hausaufgaben darstellte. Diese Lehrer konnten es eben auch nie lassen!
„Wartest du auch hier?“, verwundert sah das 17-jährige Mädchen auf und schüttelte erst einmal den Kopf, um sich klar zu werden, dass er es da doch tatsächlich jemand gewagt hatte, sie zu stören. Aber hingehen ihrer war es nicht Bill gewesen, sondern jemand, der ihm zumindest im Gesicht verdammt ähnlich sah. Und dann traf es Lené wie einen Schlag. Sein dämlicher Zwillingsbruder. Das Doppelpack von Idioten in einem Raum. Ging ja nicht an!
„Nein, ich bin die Tochter von Frau Dr. Fassner“, klärte sie den Typen - für einen solchen hielt er sich scheinbar - hochnäsig auf.
„Tom, das ist die Nervensäge, von der ich dir erzählt-“
„Wer ist denn hier bitte die Nervensäge?!“, fauchte das Mädchen los und hätte diesem Jungen namens Bill mit ihrem Blick am liebsten die Augen ausgestochen.
Bill biss sich wütend auf die Lippe:
„Also bitte, du machst mich grundlos an, führst dich auf wie eine Pseudo-Logopädin, obwohl du sicher nicht den geringsten Plan davon hast und dann fühlst du dich permanent angegriffen. Ich weiß ja nicht, wie es dir gehen würde, aber mich würde das nerven.“, seine Stimme war rau und heiser und konnte nicht den leisesten Ansatz der Wut transportieren, die diese kleine freche Göre bei ihm verursachte.
Just in dem Moment, als Lené antworten wollte, rief Frau Fassner nach Bill und so ging er bereitwillig ins Behandlungszimmer.
„Und?“, fragte Tom. „Hast du heute Abend schon was vor?“
„Nee, aber glaubst du ernsthaft, ich geh’ mit dem Zwillingsbruder“, sie konnte es nicht lassen, als Letztes richtig fies zu betonen, „dieses Idioten da mit seiner kaputten Stimme abends aus, um dann nach ein paar Stunden gleich mit ihm in die Kiste zu springen...? Nee, vergiss es…, sorry…, echt, unter meinem Niveau.“
„Ja, ja, Niveau sieht von unten nur so aus wie Arroganz, was?!“, er grinste sich einen ab.
Zugegeben, das hatte schon was, musste Lené jetzt gerade denken, verscheuchte den Gedanken jedoch schnell aus ihrem Kopf. Der gehörte da weiß-Gott nicht rein. Außerdem hatte sie ja auch etwas zu tun - Hausaufgaben machen.
„Jetzt echt nein?“, kam es, als sie es gerade geschafft hatte, sich wieder zurück in die vorliegende Matheaufgabe zu denken. Genervt seufzte sich innerlich auf, hob mit verdrehten Augen den Kopf und jaulte kaum verständlich: „
„Ja“, dann beugte sie sich wieder hinab und hoffte nur, der Albtraum mit diesen verrückten Zwillingen mochte möglichst schnell enden.
„Also bist du doch so eine prüde Lady, wie Bill meinte, ja?“, Tom strich sich eine seiner Dreads aus dem Gesicht und lächelte freundlich.
„Ich bin nicht prüde…! Ich steig’ nur nicht gleich mit dem Nächstbesten in die Kiste und erst recht nicht mit so ´nem Macho wie dir. Logisch, was…?“, er guckte Lené nur erstaunt an. Zwar immer noch freundlich, aber er schien doch ein wenig überrascht von ihrer Wortwahl.
„Nicht logisch…? Na ja, wenn einem die Hirnmasse an zu viel gutem Aussehen verloren gegangen ist, dann kann auch Beten nicht mehr helfen, scheint so, mmh?“, sie konnte es einfach nicht lassen, diesen Jungen aufzuziehen, dem jetzt einfach der Kiefer aufklappte, genauso wie seine Augen.
Dann fasste er sich:
„Wer hat denn gesagt, dass ich mit dir in die Kiste will?“
„Toooom!“, krächzte Bill aus dem Behandlungszimmer. Er lugte mit dem Kopf durch den Türspalt und winkte seinen Bruder heran, „Ich brauch’ mal Davids Nummer.“
„Ach Lené – Schätzchen, kommst du auch mal eben her?“, rief Frau Fassner hinter ihm.
Bill verdrehte die Augen. Der Tag schien im einfach nicht vergönnt zu sein. Was immer ihn zu dieser Abneigung gegen das zwar ansehnliche, aber so zickige Mädchen bewog, konnte er nicht einmal genau sagen.
Lené trottete wie zu ihrer Hinrichtung:
„Ja?“, fragte sie und würdigte Bill dabei keines Blickes.
„Setz’ dich doch bitte an meinen Computer und such’ mir eine Nummer heraus. Sie muss da irgendwo sein. Es ist ein Bauernhof, ich habe den Namen vergessen, aber da muss irgendwo etwas mit Rehabilitations-Bauernhof stehen. Guck doch bitte nach, ja?“
„Rehabilitations-Bauernhof?“, Lené runzelte die Stirn und hatte keine Ahnung, was sie sich unter diesem Begriff genau vorstellen sollte. Musste irgendwas mit der Arbeit ihrer Mutter zu tun haben. Und solange sie damit nichts zu tun hatte, war sie auch zufrieden. Also beeilte sich das Mädchen, der Bitte ihrer Mutter nachzukommen und suchte die gefragte Nummer heraus. Da sie das ständig machen musste, wenn ihre Mutter gerade mitten in einer Behandlungssitzung war, war es ohnehin schon zur Normalität geworden.
„Hier, Mama“, sie reichte Frau Dr. Fassner die Nummer, die zufrieden lächelte.
„Danke, mein Liebes!“, sie wandte sich von ihrer Tochter ab, zu Bill.
„Schau’ mal, Bill, da könntest du hin. Weit weg von all dem Stress und dort gibt es auch keinen Anlass, dass du viel reden musst!“
Nur aus Neugier hatte Lené noch den Worten ihrer Mutter gelauscht. Jetzt musste sie grinsen, denn ihr Patient - Bill, ja, so hatte er es verdient - schien gar nicht allzu begeistert von der Idee. Und auch wenn das Mädchen selbst nicht wusste, worum es so genau ging - Hauptsache, Bill mochte es nicht. Das spielte ihr in die Karten.
„Ja, wenn du eben wieder singen können willst“, ließ sie altklug verlauten.
„Moment mal, Lené, mein Mädchen, wäre das nicht perfekt für dein Praktikum? Dann hast du was richtig Spannendes, was du am Ende in deinen Praktikumsbericht reinschreiben kannst, nicht wahr?“, innerlich schrie das Mädchen auf, nach außen hin ohne Regung. Sie hoffte nur, augenblicklich im Erdboden versinken zu können.
Bill verdrehte genervt die Augen:
„Das geht nicht, ich meine, ich hab’ Termine und alles.“, krächzte er heiser.
„Ja, na, darum genau geht es ja, Bill! Du hast viel zu viel Stress. Du brauchst Ruhe und Entspannung und viel frische Luft. Dieser Reha-Bauernhof bietet gute Betreuung und viele wirkungsvolle Methoden. Zwei Wochen dort und deine Stimme ist fast wieder perfekt.“, sagte Frau Fassner.
„Da hat sie Recht, Bill.“, mischte sich Tom ein. „Die ganzen Fotoshootings und so, das ist doch eh viel zu viel. Und du lässt dir da ja auch nie rein reden, wenn die anderen sagen, du sollst dich schonen.“
„Dein Bruder hat Recht!“, stimmte Lenés Mutter zu.
„Hm…“, machte Bill und spielte an seinem Handy. Vermutlich hatten sie beide Recht. Auch wenn er sich eigentlich viel ausruhen wollte und vor allem sollte, gelang es ihm tatsächlich nie. Immer kam irgendwer oder irgendetwas dazwischen.
„Der Bauernhof ist Husum, an der Nordsee. Das ist weit weg vom Stress und der Hektik.“, Frau Fassner gab die Nummer in ihr Praxistelefon ein. „Ich werde gleich einmal anrufen und fragen.“, sie verschwand aus dem Behandlungszimmer und ließ Bill, Tom und Lené allein zurück.
„Oh, mann!“, stöhnte Lené auf, viel mehr zu sich selbst als zu den anderen Anwesenden. „Diese Frau spinnt…, ich will ihr doch nicht in ihrem Job nacheifern, die hat doch ´n Rad ab, ganz ernsthaft mal…, ich meine…“, ihre Worte verflossen in einer starken Windböe, die gerade am Fenster vorbeisauste, das auf Kipp stand.
„Halt’ mal deine Klappe, du musst immerhin nur dein Praktikum machen und nicht-“
„Bill, hör’ auf zu reden oder willst du nachher tatsächlich nicht mehr reden können?“, fiel ihm sein Bruder ziemlich dreist ins Wort, aber dem nebenstehenden Mädchen gefiel alles, was diesen momentan sprachlich außer Gefecht gesetzten Kerl kritisierte. Hatte er ihrer Meinung nach aber auch verdient!
„Die labert hier-“
„Ich laber’ gar nix!“, fauchte die 17-Jährige, um sich zu wehren, schaute den Leadsänger von Tokio Hotel nur zornig an und musste sich selbst zurückhalten, um die Fassung nicht völlig zu verlieren.
„Gut…, Leute, hört mal alle her, ich habe in Husum angerufen und-“
„Ich bin weg!“, verkündete Lené, drehte sich auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg zur Tür. Und das einfach so, ohne aufgehalten zu werden. Oder?
„Haaaalt“, rief Frau Fassner und eilte ihrer Tochter hinterher, „Bleibst du wohl stehen…“
„So eine Tussi!“, grummelte Bill.
„Ach, was, ich find’ sie ganz süß.“, meinte sein Bruder und setzte sich auf einen der Stühle. „Ich mein, sie ist halt ein bisschen unreif…“
„Ein bisschen?“, Bill lachte sarkastisch, „Die hat nicht den geringsten Plan, mann.“
Tom zuckte die Achseln:
„Na ja, dann bring ihr doch was bei! Ich meine, ganz ehrlich…, wenn die ein bisschen lockerer ist, dann geht sie dir auch nicht auf den Sack.“
„Da könntest du glatt Recht haben!“, überlegte Bill. „Ich bin einfach nett zu ihr, zeig’ ihr ein bisschen wie das so läuft mit den Bienchen und Blümchen und dann ist sie sicher cooler drauf.“
„Eben!“, Tom grinste gehässig. „Sieh nur zu, dass du dich dann nicht plötzlich in sie verliebst.“
„In sie verlieben? Ganz sicher nicht!“
In diesem Moment kam Frau Fassner zurück:
„Was ich sagen wollte, Bill. Der Reha-Bauernhof ist frei. Theoretisch kannst du dieses Wochenende abfahren.“
Bill schluckte wehmütig:
„Aber das ist ja schon in zwei Tagen.“
„Ja, ja, aber es sind auch nur zwei Wochen, dann hast du es hinter dir.“, sie lächelte mütterlich. „Ich schlage vor, du berätst dich mit deinem Manager und rufst mich heute Abend noch einmal an. Dann kann ich schon reservieren.“
„Nun gut!“, seufzte Bill. „Dann machen wir das so!“, er folgte seinem Bruder aus dem Behandlungszimmer und reichte Frau Fassner die Hand. „Bis nachher dann.“
Sie nickte und verschwand wieder in ihrem Büro. Lené, die scheinbar von ihrer Mutter aufgehalten worden war, hockte, über ihren Schulbüchern vertieft, im Wartezimmer. Bill räusperte sich vernehmlich:
„Tschüss, Lené!“, er winkte kurz, „Wir sehen uns ja dann auf dem Bauernhof. Das wird sicher…, ähm…, schön und so…“
Bill musste sich beherrschen, nicht in Lachen auszubrechen, als er die Praxis verließ.

Wen hätte sie gerade lieber geohrfeigt - diesen Typen, der sich da so überaus vornehm von ihr verabschiedete, oder ihre Mutter, die diese wahnsinnig üble Idee gehabt hatte, sie zu ihrem Praktikum auch auf diesen Bauernhof zu schicken? Diese Frage verscheuchte Lené jedoch aus ihren Gedanken und beugte sich dann wieder über ihre Schulbücher. Es konnte doch nicht sein, dass einem die Lehrer jeden Tag so viele Aufgaben gaben, dass man kaum zu etwas anderem kam.
„Und freust du dich, meine kleine Maus?“.
Die 17-Jährige brummte. Kleine Maus, aus dem Alter war sie nun aber wirklich raus!
„Ja, Mama, ich freu’ mich!“, sie wusste es selbst nicht, wie sie es fertig gebracht hatte, das überhaupt über ihre Lippen zu bringen, aber irgendwie musste es geschehen sein.
„Na, das klingt doch gleich alles viel freundlicher, mein Mädchen! Und außerdem hast du ja auch unseren lieben Bill, jemanden in deinem Alter dabei, also kann’s doch nicht allzu langweilig werden oder was meinst du?“, sie seufzte nur, fast unvernehmbar, und zog den Kopf noch tiefer hinter den Berg Bücher hinab.
Na, bravo, schoss es ihr nur durch den Kopf. Konnte ja kaum noch besser werden. Es graute ihr jetzt schon vor diesem Tag, dem Beginn ihres Praktikums. Dabei hatte sie sich ihr Praktikum eigentlich genau anders vorgestellt. Entspannt, ohne ihre Mutter und dort, wo sie es mochte. Aber sie wollte doch nicht auch Sprachtherapeutin wie ihre Mutter werden, dazu hatte sie keinen Nerv. Doch gegen das Praktikum war jetzt scheinbar nichts mehr zu machen, denn jetzt hatte sie endlich einen Platz. Ihre Lehrer würde es nach dem langen Aufschub freuen, aber sie sicher nicht.
Und dummerweise kam der Tag, an dem Lené dann in dem Kombi ihrer Mutter saß, auf dem Weg zu diesem dämlichen Bauernhof, mitten in der Einöde wahrscheinlich. An der Fensterscheibe lehnte Lené und musste gerade an diesen Jungen namens Bill denken, wegen dem sie hier war. Bei diesem Gedanken stieg wieder ein gewisses Wutgefühl in ihr auf, aber sie behielt sich ein, weil sie wusste, dass dieses Ärgernis eh alles nichts brachte. Trotz allem konnte sie sich ein Schnaufen nicht verkneifen. Leider deutete es ihre Mutter völlig falsch und bemerkte:
„Noch ´ne halbe Stunde, meine Liebe, dann haben wir’s geschafft!“, sie seufzte nur und verlor immer mehr die Anspannung in ihren Muskeln, viel mehr wegen der Ungeduld. Ihre Mutter drehte den Kopf zu ihr um und musterte misstrauisch ihren unzufriedenen Gesichtsausdruck.
„Nun guck’ nicht so…, ich bin sicher, es wird toll!“
„Wie du meinst, Mama!“, murrte das siebzehn Mädchen und verdrehte die Augen. Ihre Mutter hatte echt Nerven, dachte sie. Es würde nicht toll werden, sicher nicht, eher alles andere als das.
„Sprich nicht so genuschelt. Du bist sonst kein Vorbild für meinen Patienten!“
„Ich scheiß’ auf deinen Patienten!“, fauchte Lené und drehte ihren Kopf letztlich ganz weg.
„Hör’ auf damit, mein liebes Mädchen…! Benimm dich und sei nett zu Bill, er ist…“
„…nicht nett!“, setzte sie den Satz knurrend fort und hatte plötzlich ein unheimlich gutes Gefühl in sich. Warum nur?

„Also wirklich. Du benimmst dich wie ein kleines Kind. An Bill ist nichts auszusetzen. Er ist höflich und geduldig.“, sagte Lenés Mutter streng.
Dann breitete sich eine unangenehme Stille aus. Die Landschaft, die an ihnen vorbeiflog, wurde zunehmend bewaldet und ländlich. Plötzlich wurden sie von zwei schwarzen Vans mit verdunkelten Scheiben überholt.
„Na, so was Freches!“, murmelte Frau Fassner und hubte. „Sag’ mal, Schätzchen, was ist eigentlich mit der Liebe bei dir? War da nicht der eine Junge aus deiner Schule, mit dem du gehen wolltest?“
Lené runzelte die Stirn.
„Nee, Mama…, da ist kein Junge in meiner Klasse…oder so!“, wenn ihre Mutter sich da einmischte, das hasste Lené. Dauernd versuchte sie, sie irgendwie auf Jungs hinzuweisen, die ihr vielleicht gefallen könnten. Als müsste sie ihre Tochter unbedingt noch innerhalb kürzester Zeit unter die Haube bringen.
„Keinen, den du gut findest?“, hakte Frau Fassner noch mal nach, ihre Tochter stöhnte nur. „NEIN, Mama! Nein, da ist keiner, der nett ist!“
„Wird aber mal Zeit bei dir, dass du-“
„Nein, MAMA! Ich brauche keinen Freund!“, und so deutlich, wie sie jetzt in den Rückspiegel schaute, sodass die Mutter es sah, ließ diese es dann auch bleiben zu widersprechen.
„Na, gut. Dann eben nicht, aber wenn du –“
„NEIN!“, sagte Lené mit Nachdruck.
„Oh, sieh mal!“, rief Lenés Mutter. „Das ist das Meer. Ist das nicht wunderschön?“
Die Straße, in die sie abgebogen waren, führte unmittelbar an einem Strandstück entlang. Überall lagen riesige Steine, wuchsen Bäume und Büsche – dazwischen rauschte das Meer.

Bill blickte seufzend aus dem Fenster:
„Oh, mann…! Das ist ja voll in der Pampa.“
Saki, der ihn zur Hinreise begleitete, lachte laut:
„Ja, das wird schwer für dich.“
„Hmm…“, murmelte Bill, „Hauptsache, ich muss mir mein Essen nicht alleine fangen oder mir meine Milch melken oder so.“
„Kopf hoch.“, Saki klopfte ihm auf die Schulter- „Das wird schon.“
Der Fahrer bremste langsam und kam vor einer rieseigen Scheune zum Stehen. Dahinter wuchsen weitere, deutlich kleinere Häuser aus den Feldern. Alles war grün und voller Blumen und Tiere. Hie und da weideten Kühe und Schafe, die von einem schwarzen Schäferhund bellend zusammengetrieben wurden. Weit dahinter galoppierten einige Pferde.
„Herzlich willkommen!“, rief ein dicker Mann mittleren Alters, der seine Mistgabel zur Seite legte und ihnen entgegen eilte.
Bill stieg aus und warf einen geringschätzigen Blick auf den blauen Kombi, der hinter ihnen zum Stehen gekommen war. Frau Fassner und die kleine Nervgöre stiegen aus.
„Hallo Bill.“, Lenés Mutter reichte ihm fröhlich die Hand.
Ihre Tochter stieg hinter ihr aus dem Auto und sah sich missmutig um. Wahrscheinlich erging es ihr nicht anders als Bill: Sie waren mitten im Nirgendwo, fern ab von Zivilisation und dem hektischen Leben. Alles was hier lebte, stank nach Mist. Das einzig Positive, so fand Bill, war das wahrlich angenehme und beruhigende Rauschen des Meeres, das kaum einen halben Kilometer vom Bauernhof entfernt war.
„Hi!“, sagte Bill und versuchte freundlich zu lächeln – es misslang kläglich.
„Hm!“, machte Lené, ebenso wenig erfreut wie er.


Kapitel 04



„Wie…wie geht’s so?“, fragte der 18-Jährige sie wiederum so leise wie zuvor. Lené wunderte es, wie dieser „Superstar“ plötzlich so zurückhaltend geworden war, doch sie versuchte sich das nicht anmerken zu lassen. Viel zu sehr hatte sie ja eigentlich auch mit ihren eigenen Gefühlen zu tun, die sie momentan zugegebenermaßen ziemlich verwirrten. Vor allem gerade. Dummerweise.
„Ähm…, ja…, geht schon und dir…? Wie ist’s mit…mit der Stimme?“, das Mädchen hätte sie gerade am liebsten in den Hintern gebissen. Wo war denn plötzlich ihre Selbstsicherheit geblieben?
„Ich denke, es-“
„Bill…, Lené, ihr Lieben!“, Frau Dr. Fassner kam zu den beiden Jugendlichen herangeeilt. „Ich muss hier noch ein bisschen was regeln…, damit hier nachher auch alles glatt geht. Vielleicht geht ihr zusammen spazieren und schaut euch schon mal ´n bisschen die Gegend an. Was meint ihr?“, ein fragender Blick. Doch ehe einer der beiden etwas hätte erwidern können, hatte sich die Logopädin schon wieder abgewandt. Und Lené, die eigentlich nicht allzu begeistert von den Worten ihrer Mutter gewesen war, warf einen genervten Blick - tonlos seufzend - über die Landschaft um den Bauerhof herum. Klar, die Gegend anschauen, schoss es ihr durch den Kopf. Großartig, und damit machte sie nur noch eine verwerfende Geste.
„Na, dann lass’ uns mal gehen“, kam es nur von Bill. Wie bitte? Gehen?
Bill rollte die Augen und setzte sich in Bewegung. Er steuerte das Meer an – viel Interessanteres würde es hier wohl nicht zu erkunden geben. Als sie außer Sichtweite waren, warf er einen knappen Blick über die Schulter und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte es vermisst zu rauchen und genau genommen hatte man es ihm immer noch untersagt. Aber diese eine kleine Zigarette nach mehr als zwei Monaten würde ihn getrost nicht umbringen.
„Was tust du da?“, fragte Lené stirnrunzelnd.
„Wonach sieht es denn aus?“, Bill erklomm eine der Dünen und warf einen Blick aufs Meer.
„Äh…, nur mal so nebenbei…! Wenn du Pech hast, kannst du es jetzt gleich - so in fünf Minuten - vergessen, das mit dem Singen. Dann wird das nämlich alles nix mehr!“, Lené sah Bill an. Wie konnte er denn nur so naiv sein, jetzt zu rauchen? Er hatte seine Therapie nicht einmal zur Hälfte überstanden. Seine Stimme klang immer noch ziemlich brüchig und trotz allem rauchte er. Wie verrückt musste man denn sein, wenn man Sänger war? Sie schlug sich die Hand vor die Stirn, als ihr all dies durch den Kopf schoss.
„Ich brauch’ jetzt eine…, ist doch alles egal!“, murrte der Junge nur, der neben ihr herlief, und nahm wiederum einen tiefen Zug. Sie sah ihn einen Moment lang an. Vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde. Verrückt, er war verrückt, dachte Lené ein zweites Mal, sah ihn entgeistert an.
„Was?!“, fragte der 18-Jährige; er war scheinbar darauf aufmerksam geworden. Und das Mädchen neben ihm machte das nur noch wütender. Wie konnte man nur so mit seinem Körper umgehen? Okay, Rauchen, das taten viele. Schädlich oder nicht, interessierte heute eben keinen mehr. Aber Bill, sollte schon auf so etwas achten. Generell als Sänger. Erst recht, wenn er gerade erst eine Stimmband-Operation hinter sich hatte. Aber den Anschein, darüber Bescheid zu wissen, machte er nicht. Genau das machte Lené plötzlich irre wütend. Mehr als das. Sodass sie schon nicht mehr wusste, was sie tat…
„Lass’ das!“, zischte sie und schlug ihm die Zigarette mit einer solchen Gewalt aus der Hand, dass sie die heiße Glut spürte, zugleich Bills Handknöchel.
„Autsch…!“, große, braune Augen schauten sie an. „Sag’ mal, spinnst du?!“
Er rieb sich die rechte Hand und sah sich nach seiner Zigarette um. Sie lag, einiger Meter weiter gebrochen im Sand:
„Na, großartig!“, murmelte er wütend, „Was fällt dir denn ein? Du hast überhaupt kein Recht, mich vom Rauchen abzuhalten. Was ich tue, geht dich einen Scheißdreck an. Du hast keinen Plan vom Leben und spielst dich auf die die Weltretterin schlechthin. Du musst echt irgendwelche Komplexe haben“, sagte er wütend und stampfte wütend mit dem Fuß auf. Der weiche Dünensand unter ihm gab plötzlich nach. Er ruderte wild mit den Armen und versuchte sein Gleichgewicht zu halten.
„Waaah“
„Bill!“, schrie Lenè entsetzt und packte ihn an der Schulter, um ihn festzuhalten.
Die Düne gab endgültig nach, sackte mit viel Staub und einem knirschenden Geräusch zusammen, sodass die beiden ins Stolpern gerierten und schließlich den Sandhügel hinunterrollten. Lené krallte sich an Bill fest, während er vergebens versuchte, das Rollen zu stoppen. Mit einem dumpfen Plopp landeten sie genau am Sandstrand, vor ihnen das blaue, unendlich weite Meer. Lené lag halb auf ihm, die Arme ängstlich vor dem Gesicht verkreuzt.
„Bist du okay?“, fragte Bill besorgt und richtete den Oberkörper ein Stück auf.
„Ja…, geht schon…“, seufzte die 17-Jährige und drückte sich hoch. Der Sand blieb an ihren schwitzigen Händen hängen. Ein komisches Gefühl. Nur warum schwitzig?
„Hast du dir wehgetan oder so?“, noch mal fragte er nach ihrem Wohlbefinden. Warum denn? Gerade hatte er sie noch so angemacht und plötzlich war er überfreundlich. Dabei waren sie doch nur wegen ihm hier unten gelandet.
„Nein, geht schon!“, wiederholte Lené und sah Bill dabei zu, wie er sich aufsetzte. Aber im Gegensatz zu ihr stand er nicht völlig auf, sondern blieb im Sand sitzen, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen. Verwirrt blickte das Mädchen auf den Dunkelhaarigen hinab. Was hatte der denn jetzt vor? Da sitzen zu bleiben? Mitten in der Düne? Mit Blick auf das Meer? Nicht, dass ihr die Atmosphäre, die Aussicht nicht gefiel, aber sie fand das alles gerade doch schon ein wenig grotesk.
„Lass’ uns wieder darauf gehen!“, sagte sie und blickte ihn auffordernd an.
„Nee, warum denn…? Ist doch schön hier oder nicht?“, ohne eine Antwort zu erwarten, drehte er seinen Kopf wieder nach vorne und blickte nach vorne auf den Horizont, den das Meer ihnen so gerade wie ein Lineal darbot. Lené seufzte tonlos, schüttelte sich, weil sie so mit sich selbst rang, und ließ sich schließlich neben Bill in den Sand fallen, eine Windböe ihr Haar verwehend. Sie schnaubte.
„Was ist los?“, wollte der 18-Jährige von ihr wissen und schaute sie von der Seite her lächelnd an.
„Nichts, schon gut“, murmelte sie. Wenn Haare verwehten, war das doch eigentlich kein Grund zum Aufregen, fand sie plötzlich und schwieg jetzt, den Blick ebenfalls aufs rauschende Meer hinaus gerichtet. Niemand sprach mehr. Alles schien so natürlich. Nur war für Lené alles anders. In ihr tobte ein Chaos, das sie nicht unter Kontrolle zu bringen vermochte. Den Grund dafür kannte sie nicht. Letztendlich schloss sie nur die Augen, in de Hoffnung, es auf diese Weise loszuwerden, doch…
„Was machst du da?“, seine Stimme.
Bill runzelte die Stirn und blickte Lené verwirrt an. Sie schien auf seltsame Weise in sich gekehrt und ganz offensichtlich fühlte sie sich in seiner Nähe unwohl:
„Ist dir schlecht oder so?“
Lené schüttelte den Kopf, öffnete trübsinnig die Augen und blickte wieder aufs Meer. Auch wenn Bill eigentlich immer etwas zu sagen hatte, war selbst er in diesem Moment ratlos. Obgleich er Lené im Grunde nicht leiden konnte, hatte er doch Mitleid mit ihr. Sie schien einsam und irgendwie bedrückt. Woran genau es lag, vermochte er nicht zu sagen, aber verstehen konnte er sie trotz alledem. Er wusste, wie es war, sich einfach schlecht zu fühlen, ungerecht behandelt, vom Rest der Welt. Verwirrt und frustriert von Gefühlen, die man sonst nicht hatte. Bill sah sie zum ersten Mal bewusst an: ihr braunes lockiges Haar tanzte mit dem Wind, ihr rundliches und blasses Profil glänzte sanft im goldenen Sonnenlicht. Eigentlich war sie ein sehr schönes Mädchen, aber ihre blauen Augen waren voller Verwirrung und Missmut, Zweifel und Wut. Wie konnte jemand so hübsches so ganz und gar nicht im Einklang mit sich selbst sein?
Lenè räusperte sich - ganz offensichtlich hatte Bill sie angestarrt. Verlegen richtete er seinen Blick auf den feinkörnigen gelblichen Sand und verscheuchte seine Gedanken. Sie mochte hübsch sein, aber leiden konnte er sie deswegen trotzdem nicht.
Dass Bill sie jetzt gerade scheinbar wirklich mehr als auffällig angestarrt hatte, verunsicherte das Mädchen noch mehr. Nicht, dass es jemand außer ihr bemerkt haben mochte - hier in der Einöde war ja niemand außer ihnen -, und doch fühlte sie sich in seiner Gegenwart tatsächlich nicht wohl. Okay, eigentlich war das immer schon so gewesen, von ihrer ersten Begegnung an, kam es Lené in den Sinn. Und jetzt konnte sie es auch ein paar Sekunden lang nicht bleiben lassen, ihn nachdenklich anzuschauen. Ja, warum verstanden sich die beiden eigentlich nicht? Es war einfach von Anfang an so gewesen. Schon von der ersten Sekunde an waren sie sich gegenseitig unsympathisch gewesen und das hatte sich bis zum heutigen Moment nicht geändert. Gründe dafür hatte es nie so wirklich gegeben, diagnostizierte sie in Gedanken und richtete ihre Augen wieder hinauf aufs Meer. Die heute recht seichten Wellen glitzerten in dem Sonnenlicht, strahlten in ihre Augen, ließ sie tränen, ohne Grund. Eigentlich…
„Ähm…, sollen wir vielleicht mal weitergehen oder magst du-“, er hielt mitten im Satz inne und starrte sie wiederum an. In ihr Gesicht. Noch ahnte sie nicht, warum.

„Was ist?“, fragte Lené und klopfte sich den Sand von Hosen.
„Ähm… nichts. Gar nichts. Alles gut!“, krächzte Bill und vermied es, sie anzusehen.
Aus irgendeinem Grund hatte er ein komisches Gefühl. Vielleicht waren es die kommenden Tage. Immerhin hatte er sich noch niemals auf einem echten Bauernhof befunden. Während der ersten Studioaufnahmen waren sie zwar auf einem ähnlichen Gelände gewesen, aber damals war Bill zum Singen dort. Was ihn hier erwarten würde, stand mithin in den Sternen. Er stand auf, befreite sich ebenfalls vom Sand und deutete die Düne hinauf:
„Sollen wir?“, er packte einige Grashalme und versuchte, sich daran hochzuziehen, um nicht im weichen Untergrund zurück zu rutschen. Vermutlich machte er dabei alles andere als eine gute Figur, aber das war ihm egal. Er wollte zurück. Er wollte sein Zimmer beziehen. Er wollte seine Ruhe haben. Nichts weiter.
Wortlos liefen sie zurück. Saki und der Fahrer verabschiedeten sich herzlich von Bill und versprachen, morgen einen Bodyguard zu schicken, gesetzt dem Fall, dass einige Fans doch Wind davon bekämen, wo sich Bill gerade aufhielt.
„So, Bill. Ich zeig’ Ihnen jetzt ihr Zimmer.“, sagte der rundliche Bauer mit dem Schnurrbart.
Bill versuchte, zu lächeln, aber seine Züge formten wohl mehr eine Grimasse. Der Kerl stank erbärmlich nach Mist und Schweiß, seine Latzhosen waren bis zu den Knien voller Dreck und seine Fingernägel so rabenschwarz, als hätte sie seit Jahren kein Wasser mehr gesehen.

Bill rümpfte die Nase. Na, der Bauer, dem die beiden hier folgen sollten, roch tatsächlich nicht so wie ein Stadtmensch, eben wie ein viel arbeitender Bauer, dachte Lené und konnte sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund ein Grinsen nicht verkneifen, während Bill zwei Meter Abstand auf dem ganzen Weg zu den Zimmern hielt. Berührungsängste halt, schoss es ihr durch den Kopf, aber genau da musste sie wieder an diese Sache in der Düne denken und genau das wollte sie eigentlich nicht.
„So…, da wären wir“, verkündete der Bauer gut gelaunt und öffnete die Tür zu einem Zimmer. „Das wäre dann euer Reich?“
„Unser…?“, Bill und sie im Chor. Perplex wie er scheinbar sah auch sie ihn an. Und der Bauer schien nichts Besseres zu tun zu haben als zu lachen.
„Keine Panik…, ´n Doppelzimmer halt!“, noch immer bekamen sie ihre Münder nicht zu. Und die Panik, die der Gastgeber doch so zu unterbinden versuchte, stieg trotz allem in beiden Jugendlichen gleichzeitig auf.
„Mit Tür in der Mitte, wisst ihr?“
„Ach so!“, Sprechchöre lagen den beiden ja wirklich! Aber nur ohne jegliche Absprache.
Bill warf einen Blick auf die Tür in der Zimmermitte, die sich just diesen Moment öffnete. Ein großer schlanker Junge mit halblangen blonden Haar und hellen Augen stolperte ihnen in ausgewaschener Jeans und einem karierten Hemd entgegen.
„Huch!“, machte er und grinste. „Die Gäste sind schon da?“
„Kaspar!“, grunzte der dicke Bauer. „Mach’, dass du wegkommst. Die beiden wollen ihre Zimmer beziehen.“
„Ich bin schon weg!“, er zwinkerte, warf einen kurzen Blick auf Lené und lächelte, „Bis später!“
Kaspar sauste an ihnen vorbei, aus der Hütte hinaus in Richtung Stall.
„Entschuldigung. Das war mein Sohn, Kaspar. Er hat noch eben die Zimmer fertig gemacht“, erklärte Kaspars Vater. „Eure Taschen bringe ich gleich. Dann könnt ihr Ruhe auspacken und danach trinken wir eine Tasse Tee zusammen.“
Bill runzelte die Stirn und seufzte leise. Das Zimmer war geräumig und gut eingerichtet. Am Fenster stand ein gemütliches Doppelbett, daneben ein hölzerner Schrank und auf der gegenüberliegenden Seite ein Tisch mit vier Stühlen und einige Regale. Kein Fernseher, kein Computer, nichts, womit er sich die Zeit hier vertreiben konnte.
„Ich nehm’ das hier!“, sagte er zu Lené und ließ sich aufs Bett fallen.

Die 17-Jährige zog nur eine Schnute. Gerade bei dem Spaziergang mochte Bill ja echt ausnahmsweise einmal normal gewirkt haben, aber jetzt stach seine Arroganz wieder mehr denn je hervor. Er wollte hier doch tatsächlich seinen Anspruch auf das Zimmer geltend machen, als wäre er König von welchem großen Land auch immer.
„Ähm…, ich würd’ aber lieber da schlafen…, ich brauch’ Licht“, bemerkte sie. Nicht, dass sie auf einen Streit oder so etwas aus war, aber sie mochte es nicht, wenn andere Menschen meinten, einfach alles so in Besitz nehmen zu können, wie es ihnen gerade in den Kram passte.
„Na, dann geh’ darüber, da ist sicher auch Licht!“, er deutete in Richtung des nächsten Zimmers, das wesentlich weniger von Licht durchdrungen war. „Nee…, ich möchte aber hier schlafen!“, warum Lené hart blieb in diesem Moment - eigentlich war sie ja sonst nie so -, konnte sie sich selbst nicht erklären. Vielleicht wollte sie diesem Superstar-Jungen einfach mal die Stirn bieten, zeigen, wo der Hammer wirklich hing.
Bill stütze sich auf die Ellenbogen uns sah sie ernst an:
„Ich finde nicht, dass wir darüber diskutieren müssen! Wenn du dich recht erinnerst, sind wir wegen mir und meiner Gesundheit hier. Es geht also nicht um dich, sondern um mich. Ich möchte dieses Zimmer haben, damit wirst du leben müssen. Und vielleicht hörst du jetzt auf hier blöd rumzustreiten und lässt mich in Ruhe“, sagte er mit rauer aber unfehlbar eindringlicher Stimme.
„So, wo sollen denn die Taschen hin?“, fragte der Bauer, der soeben zurückgekehrt war.
„Meine können Sie hier lassen. Die von Lené bitte ins andere Zimmer. Haben Sie vielen Dank!“, antwortete Bill kühl, bevor Lené überhaupt die Chance hatte, etwas zu sagen.
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, ging in die andere Zimmerhälfte und knallte die Tür zu. Bill sah ihr kopfschüttelnd nach. Eigentlich war es nicht seine Art unhöflich oder ausfallen zu werden, aber er war missmutig gestimmt und hatte schlechte Laune. Die nächsten zwei Wochen würden der pure Horror werden. Der einzige Lichtblick im Dunkel war seine Stimme. Wenn alles wieder in Ordnung war, könnte er zurück auf die Bühne, zurück ins Scheinwerferlicht, zurück in die jubelnden Massen…
Er ging zu seinen Taschen und begann seine Sachen in den Schrank zu verteilen, der allerdings zu wenig Platz bot, so, dass er auf die Regale ausweichen musste. Anschließend schminkte er sich nach, richtete sein Haar und sah sich in dem Bauernhaus um. Er war viel größer, als es den Anschein machte. Es gab ein Dutzend Räume, ein riesiges und unheimlich komfortables Badezimmer und eine lange Küche, die scheinbar gleichzeitig als Esszimmer fungierte.
„Suchst du was?“, frage jemand hinter ihm.
Erschrocken drehte sich Bill um und blickte in Kaspars Gesicht:
„Äh…nee. Ich hab mich nur ein bisschen umgeschaut.“
Er lächelte höflich:
„Ach so. Und deine Freundin?“
„Meine WAS?“, fragte Bill entsetzt.
„Deine FREUNDIN? Das hübsche Mädchen, mit dem du hergekommen bist.“, Kaspar setzte Wasser an und holte eine Vielzahl Tassen aus dem Schrank.
„Sie ist nicht…um Gottes willen…nein, sie ist nicht meine Freundin.“, Bill setzte sich auf einen der Stühle und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. „Sie ist die Tochter meiner Logopädin.“
„Oh!“, machte Kaspar. „Da hat deine Logopädin aber eine sehr schöne Tochter.“
„Findest du?“, murmelte Bill, „Ihr Charakter ist in jedem Fall nicht schön.“
„Hm, Frauen sind kompliziert. Vielleicht missverstehst du sie einfach“, Kaspar verteilte Teebeutel in die Tassen und stellte sie auf den hölzernen Esstisch.
„Wie auch immer. Sie ist ein Biest. Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden“, antwortete Bill und rieb sich die Augen.
Kaspar lächelte höflich:
„Nichtsdestotrotz werde ich sie mal holen gehen. Der Tee ist ja gleich fertig.“
Bill nickte und lächelte. Komischer Kerl, aber irgendwie sympathisch.


Kapitel 05



Die Tasche stand noch unausgepackt auf dem Boden, Lené saß mit mürrischem Blick auf dem Bett. Sie hatte jetzt schon keine Lust mehr, hier zu sein. Dieser Bill! Warum meinte er dauernd, sie zurechtweisen zu können? Wie sie das hasste! Am liebsten würde sie ihm mal so richtig ein langes Bein stellen, damit er sich langlegte. Ein wenig unrealistisch in der Metapher. Nicht, dass der kleine, große Superstar sich noch ein Bein brach und sie dann Schuld war! Aber ganz wörtlich gesehen würde sie ihm schon gerne mal zeigen, dass sie nicht irgendein dummes Mädchen war, mit dem er umspringen konnte, wie er es wohl sonst machte - in seiner Welt des Musik-Business.
Ein Klopfen an der Tür riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Gleich sprang sie auf, warf einen genervten Blick auf ihre immer noch geschlossene Reisetasche und zog ihre Finger nervös durch die Haare. Wahrscheinlich stand schon wieder dieser Dummkopf Bill vor ihrer Tür und wollte irgendwas von ihr. Entweder sie nerven oder Mister Ever-Perfect hatte irgendwas von seinem überaus wichtigen Schminkutensilien vergessen. Na, wenn er sich was von ihr leihen wollte, da war er bei ihr aber mittlerweile echt an der falschen Adresse, dachte sie, bevor sie mit aufgesetzt heller Stimme fragte: „Ja…?“
Die Tür öffnete sich und der Kopf eines Jungen erschien. Allerdings nicht mit einer hübschen, schwarzen Mähne, wie Bill sie hatte, sondern eine dunkelblonde. Wer war das denn? Verwundert schaute sie diesen Jungen an. Durchaus mit einem schönen Aussehen gesegnet, aber die 17-Jährige wollte nicht so recht glauben, dass er so nett war, wie er auf den ersten Blick wirkte.
„Hallo, du“, er lächelte. Okay, er konnte tatsächlich süß lächeln.
„Hi“, machte sie nur und sah ihn aufmerksam an. In seine Augen. Wirklich schöne. Mit einem außergewöhnlichen Braun, hell.
„Dein…, ja…, der Junge, der mit dir angekommen ist, wartet schon in der Küche. Wir wollten jetzt Tee trinken“, meinte er. Mit einer Stimme, schön, hell - nicht einmal halb so unangenehm wie Bills manchmal. Aber auch nicht so weich wie die des Letzeren.
„Kommst du dann?“, eindringlich, drängend. Nein, so mochte sie das dann auch nicht!
„Ja, komme…“, sagte sie bewusst leise und folgte ihm, der sie gar keines Blickes - so schien ihr - mehr würdigte. Seltsamer Typ, aber durchaus interessant. Und hübsch. Mit einem tiefen Blick. Hatte Lené auch schon einmal gesehen, und das war nicht einmal so lange her…

Bill hatte die Arme vor der Brust verschränkt und lauschte Frau Fassner, die den Ablauf der nächsten Tage erklärte. Er hatte jeweils morgens nach dem Frühstück und am Nachmittag Stimmenübungen, so wie abends eine Art Gesangsübung mit der zweiten Therapeutin, bei der Lené ihr Praktikum absolvierte. Die übrige Zeit war entweder Freizeit oder ein bisschen Arbeit, wobei Bill inständig hoffte, dass ihm letzteres nicht allzu oft begegnen würde.
„Mit den Übungen fangen wir dann morgen an. Heute Abend solltest du dich etwas ausruhen, Bill“, sagte Frau Fassner und schlürfte ihren Tee.
„Wenn ihr wollt, zeig’ ich euch vorher noch ein bisschen das Gelände“, sagte Kaspar und nickte Bill zu.
„Klar, warum nicht!?“, Kaspar wurde ihm mit jedem Moment angenehmer. Vielleicht war es die Tatsache, dass er ein Junge war oder aber einfach, dass Bill jemanden hatte, mit dem er reden konnte, ohne gleich ausflippen zu willen. Wenn er sich mit Kaspar beschäftigte, musste er nicht auf Lené zurückgreifen.
„Na dann los!“, sagte er fröhlich und lief schnellen Schrittes zum Stall. Lené und Bill folgten ihm.
„Das Gelände ist echt groß. Deswegen nehmen wir die Pferde, sonst lauft ihr euch eure Stadtfüße wund“, erklärte Kasper und deute auf drei wunderschöne braune Stuten, „Könnt ihr reiten?“
Bill kniff die Augen zusammen:
„Äh…, nee. Und ich glaube nicht, dass ich auf so ein Ding raufgehe.“
Kaspar lachte:
„Das Ding ist eine Pferd und keine Angst. Reiten ist leicht!“, er wandte sich an Lené. „Was ist mit dir?“
„Ich kann reiten…, sollte kein Problem sein“, meinte sie grinsend und lächelte den Jungen an, der ihr einen bewundernden Blick zuwarf. Sie verwunderte das etwas, viele Mädchen in ihrem Alter konnten doch reiten.
„Du kannst dann Sternchen nehmen…, sie ist ein wenig temperamentvoll, sollte aber kein Problem für dich sein!“, sie nickte und er deutete auf die mittlere Stute der drei. Sie nahm das durchaus hübsche Pferd am Halfter und führte es ein Stück von den anderen weg, um sich mit ihm bekannt zu machen. Beruhigend strich sie ihm über den Hals, blies ihm in die Nüstern, was es genüsslich wiehern ließ. Sie mochte das und rieb ihr Maul an ihrer Schulter. Sternchen war fast wie das Reitpferd von dem Hof, auf dem sie reiten gelernt hatte; Lené begann auf sie einzusprechen.
„Gefällt sie dir?“, Kaspar kam lächelnd zu ihr und strich der Stute auch über den Hals. Erst jetzt fiel es dem 17-jährigen Mädchen auf, dass die Stute bereits gesattelt und aufgetrenst war.
„Ja…, sie ist hübsch…und ganz lieb, scheint mir.“
„Na, wenn du dich mit ihr verstehst, spricht ja nichts dagegen.“
„Und was ist mit mir?“, funkte Bill dazwischen und drängte sich nun auch vor. Lené merkte sofort, wie Sternchen anfing zu trippeln. Scheinbar störten sie Bill hektische Bewegungen; typisch für viele unerfahrene Pferde.
„Du reitest bei mir mit. Ich will kein Risiko eingehen, wenn du noch nicht mal weißt, wie du aufsteigen musst!“, ließ Kaspar verlauten und wandte sich wieder ihr zu. Sie sah noch, wie Bill die Augen verdrehte und einen Schritt nach hinten machte.
„Ich bring’ Lieschen…, also die dritte Stute zurück. Passt du eben auf die zwei hier auf, bitte?“, bat Kaspar Lené und sie nickte gleich, warf ihm noch ein Lächeln zu, bevor er Anstalten machte, die dritte Stute am Halfter zu nehmen. Ihr Blick flog von Kaspars entzückendem, muskelstarkem Rücken zu Bill. Er schien gerade zu stolpern. Im tiefer werdenden Sand. Was machte der denn da?
„Passt auf, VERDAMMT! PASS’ AUF!“, schrie Lené panisch, ließ ihre Stute los und riss Bill zu Boden. Die zweite Stute hatte fast angefangen zu steigen, weil Bill sich ihr scheinbar bedrohlich genähert hatte. Und jetzt lag er im Sand auf dem Boden. Das Mädchen hingehen hatte sich gerade noch abfangen können.
„Oh, mann, Bill…! Du musst aufpassen…!“, sagte sie ärgerlich, noch ein wenig beunruhigt, hielt ihm ihre Hand hin und strich der zweiten Stute den Hals. „Pferde haben auch Gefühle. Du musst ihn sagen, wenn du nahe kommst!“, erklärte sie ihm, während er sich - wieder auf festen Füßen stehend - den Sand von den Klamotten klopfte. „Ja…, klar, ich will jetzt auch Experte bei den Viechern werden, echt, ey…! Scheiß-Vieh!“
„Halt’ deine Klappe…, das Pferd kann auch nichts dazu!“, fauchte sie und schaute ihn ungläubig an. Sie konnte nicht glauben, wie jemand so wenig Herz haben konnte. Bill hatte sie das bis dahin nicht zugetraut. Und vielleicht auch der stechende Blick in seine Richtung. Jetzt war bei ihr endgültig unten durch!

„Alles in Ordnung?“, fragte Kaspar und sah besorgt zu Bill.
„Sicher!“, fauchte er und warf einen wütenden Blick in Richtung Lené. So ein dummes Kind.
„Bei dir auch?“, Kaspar folgte Bills Blick zu Lené.
„Ja, natürlich!“, sie grinste, reichte ihm die Zügel seines Pferdes und stieg mit einer Leichtigkeit auf ihres, die Bill neidisch machte.
„Nicht schlecht!“, meine Kaspar zwinkernd und wandte sich dann wieder an Bill, „Tu deinen Fuß hier rein“, er deutete auf den silbrig glänzenden Steigbügel, „Okay, und nun hältst du dich hier fest – ja genau – dann holst du Schwung und dann-“
„BILL!“
„Waha-hah!“
Bill hatte eben aufsteigen wollen, doch seine glitschigen Finger (die er hatte, weil er zugegebenermaßen sehr nervös war) waren von den Haltern geglitten. Hätte sich Kaspar nicht rechtzeitig hinter ihn gestellt, wäre er sicher wieder auf dem Boden aufgeschlagen. Zweimal hatte ihm für heute wirklich gereicht.
Nach einigen Anläufen saß Bill ihm Sattel, vor ihm Kaspar.
„Na, dann los!“, rief er fröhlich und trieb das Pferd sanft an, „Also hier ist die Koppel. Da lassen wir die Pferde den ganzen Tag über draußen, damit sie Auslauf haben und fressen können. Abends holen wir sie dann in den Stall. Wir haben insgesamt elf Pferde, weil hier zum Teil auch Reittherapien gemacht werden. Und meine Mutter gibt außerdem Unterricht. Auf dem umzäunten Gebiet dahinter grasen unsere Kühe. Es sind nicht ganz so viele, aber sie geben gute Milch. Wir melken sie immer morgens. Sonntags ist Bauernmarkt in der Stadt, da geht unsere Milch immer echt schnell weg. Daneben sind die Schafe. Unsere Hündin Sherry bewacht sie. Sie ist ganz lieb, also keine Angst haben.“
Kaspar hatte nicht untertrieben. Das Gelände war riesig und es gefiel Bill. Endlos weite saftige grüne Wiesen auf der sich der stinkende Geruch verlor, dahinter ein kleines Wäldchen. Das Meer befand sich auf der anderen Seite, gewissermaßen vor dem Bauernhof. Doch selbst hier noch hörte man es rauschen, den Gesang der Möwen, das Pfeifen des Windes, der über das Wasser jagte. Kasper zeigte ihnen noch die verschiedenen Ställe und Gästehütten, bis er schließlich vorschlug, noch ein Stück am Wasser zu reiten.
„Aber…das ist doch bestimmt gefährlich oder? Ich meine…, der Sand ist voll weich und so“, gab Bill zu bedenken und krallte sich bereits prophylaktisch an Kaspers Rücken.
„Deswegen reichten wir im Wasser. Da ist der Sand griffiger und die Pferde rutschen nicht weg“, antwortete er lächelnd.
„Ich find’ die Idee echt super!“, meinte Lené und warf Bill einen gehässigen Blick zu.
Bill kniff die Augen zusammen, verbiss sich jedoch jegliche Antwort. Er musste auf ihre dämlichen Provokationen nicht reagieren. Er war soviel besser als sie.
Kaspar hatte tatsächlich Recht: die Pferde liefen ganz mühelos am Strand entlang. Das Wasser peitsche um ihre Fesseln, die Mähnen flatterten und ihr dunkles Fell glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Der Wind strich angenehm durch Bills Haar und über seine Haut. Er fühlte sich frei und unbeschwert. Langsam ließ er Kaspar los, spreizte die Finger und genoss die Kühle des Windes. Kaspar schien es zu merken, denn er beschleunigte das Tempo noch etwas.
„Wow, das ist echt geil!“, krächzte Bill über die zischende Luft hinweg.
„Ja, auf jeden Fall!“, antwortete er.
Bill lächelte und warf einen Blick nach links zu Lené. Sie schien den Ausritt ebenfalls zu genießen und ganz ein mit Sternchen zu sein. Als sie seinem Blick begegnete, sah sie rasch wieder weg und Bill erinnerte sich wieder an Toms Worte, dass sie sicher weniger aufdringlich und quengelig sein würde, wenn er nett zu ihr war und ihr ein bisschen über die Männer-Frauen-Welt zeigte, in der sie scheinbar noch nicht sonderlich weit gegangen war. Nun, er würde darüber nachdenken, aber jetzt genoss er zunächst einmal dieses unheimlich befreiende Gefühl.
Lené schüttelte wie wild ihren Kopf. Sie musste unbedingt diesen Gedanken, dieses Bild loswerden, das sich gerade eben in ihren Kopf festgekrallt hatte. Bills Gesicht. Lächelnd. Von seiner Mähne umrahmt, die so schön vom Wind verweht wurde. Fast ein Traumbild. Wie im Traum. Nur war das Leben ja kein Traum, sondern die krasse Wirklichkeit…
„Sternchen ist wirklich ein tolles Pferd“, sprach das Mädchen schließlich zu Kaspar, der gerade direkt neben ihr ritt. Sie musste jetzt einfach irgendetwas sagen, um wieder die normalen Gefühle zurückzuerlangen. Einen Blick zurück auf Bill vermied sie ganz bewusst, obwohl sie meinte, seine Augen auch einen Moment lang auf ihr weilen bemerkt zu haben.
„Ja, ich glaube, dich mag sie auch…! Ich hab’ sie nur selten so ruhig bei einem völlig unbekannten Reiter erlebt“, lobte Kaspar und lächelte sie an, mit diesen Augen. Mittlerweile hatte sie wirklich Gefallen daran gefunden, wenn er sie so ansah. Dann glänzten seine Augen. Und irgendwoher meinte sie das wiederum zu kennen, woher nur?
„Wenn du magst, können wir jetzt jeden Abend ausreiten gehen. Ich glaube, die Pferde freuen sich auch, wenn sie mal öfter von so guten Reitern wie dir ausgeritten werden.“
„Danke“, sie lächelte ihn an, spürte aber auch, wie sie leicht rot anlief. Warum das nun wieder? Ein Blick nach hinten wiederum bewusst vermieden. Dunklere Augen wollte sie gerade nicht sehen, warnte Lené sich selbst.
„Ich mag das Meer“, bemerkte sie, um nicht wieder in Schweigen verfallen zu müssen, und warf einen schwärmerischen Blick aufs Meer hinaus. Die Brandung schien ein wenig mehr zu werden, deswegen lenkten sie ihre Pferde ein wenig mehr auf den trocknen Sand, damit sie nicht auf die Idee kamen, vor einer mächtigeren Welle zu scheuen.
„Ja, ich liebe es auch, hier zu sein…! Wenn die Dünen nicht zum Teil geschützt wären, könnte ich stundenlang durchreiten!“, die 17-Jährige schaute ihn an und nickte zustimmend. „Oh, ja!“
„Können wir ja mal machen…, dann wieder mit Sternchen und Georgia“, er deutete auf sein eigenes Pferd, dessen Fell in der untergehenden Sonne leicht glitzerte.
„Ja…“, antwortete Lené leise, war aber ein bisschen zurückhaltend, fast schüchtern geworden, ohne Grund. „Georgia hat schönes Fell…, ´n bisschen braun…und rot…, könnte fast ein Fuchs sein“, sie musste einfach sprechen, um sich selbst davor zu bewahren, nach Fassung ringen zu müssen. Warum auch immer ihr Verstand momentan auszureißen versuchte.
„´N bisschen deinen Haaren ähnlich…, so wie Sternchen. Ihr passt echt zusammen…mit der gleichen hübschen Haarfarbe…“, ihren Blick streng aufs Meer hinaus gerichtet. Ein paar gesprühte Tropfen einer hohen Welle kühlten gerade angenehm ihr Gesicht. Unbeobachtet, das dachte sie, die Augen geschlossen, aber gleich zweier Paar Augen betrachteten ebenjenes, rötliches und gewelltes Haar, welches der Wind so vor ihr Antlitz wehte…
Nur das Rauschen der Wellen war zu hören. Lené genoss diese weichen Geräusche in ihren Ohren, es entspannte sie, ließ ihre Sinne frei werden. Ihre Gedanken auch. Und so verlor sie wenigstens für ein paar Sekunden all ihre Vorbehalte, Vorurteile, Sorgen. Alles schien so schön zu sein, alles ohne Einschränkungen. Als sie jetzt daran dachte, mit wem sie gerade hier war und - ja - ritt, da fühlte sie sich noch mal tausendmal besser. Das alles ohne eine vernünftige Erklärung. Sie wusste nicht, warum. Es fühlte sich einfach nur wunderschön an. Geborgenheit, woher? Lange hatte sie so etwas nicht gespürt. Gefühlschaos, doch es wandelte sich wieder, als Neues in ihre Ohren drang. Das Wasser scheint angenehm zu sein“, kam es nun wieder von Kaspar, er lächelte, glücklich. Ja, hier am Meer konnte man eigentlich auch nur glücklich sein, schoss es dem Mädchen durch den Kopf.
„Was denkt ihr, wenn wir die Pferde an den Dünen abstellen und uns mal ein bisschen abkühlen?“, Kaspars Frage. Nicht unverständlich. Ihr stand der Mund offen. Und Bill?


Kapitel 06



„Alles, Leute, aber ohne mich!“
Lené warf ihm einen Seitenblick zu, schien sich mithin aber mehr für Kaspar zu interessieren:
„Na dann, los.“
Kaspar nickte zufrieden und führte die Pferde in eine flache Düne, band die Zügel an einen flachen Strauch und zog in einer eleganten Bewegung sein kariertes Hemd aus.
„Aber das Wasser ist noch nicht besonders aufgewärmt.“
„Kein Problem!“, Lené lächelte, formte ihr schönes Haar zu einem Dutt und entkleidete sich ebenfalls.
Bill beobachtete, wie sich die beiden vorsichtig ins Wasser bewegten.
Aus irgendeinem Grund verspürte er einen scharfen Stich der Eifersucht. Er mochte Kaspar, aber scheinbar war er in erster Linie darauf aus, anderen zu gefallen und das war ganz sicher nicht schwer. Die tägliche Arbeit als Helfer auf dem Bauernhof hatte seinen Körper muskulös gemacht. Das blonde Haar fiel ihm schräg über die Augen und er hatte diesen gewissen Blick, den auch Tom hatte, wenn er ein Mädchen beeindrucken wollte.
„Na los, habt euch nicht so.“, rief Bill übellaunig und blickte zu Lené. Ihr weiblicher Körper harmonierte im perfektem Lichterspiel mit der untergehenden Sonne. Die einzelnen Strähnen ihrer improvisierten Frisur tanzten um die blassen Schultern, das Wasser spülte sanft und schaumig um ihre Schenkel. Ein weiteres Mal an diesem Tag fiel Bill auf, wie schön dieses sonst so anstrengende Mädchen war.
Kaspar schöpfte ein Hand voll Wasser und schleuderte sie nach Lené.
„Hey!“, rief sie lachend und bereitete sich für eine Revanche vor.
Das braunhaarige Mädchen warf einen Blick zurück, um einen Moment dem strahlenden Sonnenlicht auszuweichen. Sie musste die Augen so sehr zusammenkneifen, um nicht zu weinen. Den Jungen, der vor ihr ins Wasser jagte - Kaspar -, schien das allerdings gar nicht zu stören. Er warf sich gerade in eine kommende Welle, als Lené sich abwandte.
Sie ließ ihren Blick zum Strand schweifen. Zu Bill, der da saß, weil er sich ja streng geweigert hatte, mit ins Wasser zu kommen. Okay, sein eigenes Ding, dachte sie sich jetzt und wollte sich gerade wieder abwenden, um sich jetzt auch weiter ins Wasser zu trauen, da fand sie seinen Blick. Auch er hatte seine Augen zusammengekniffen, geschützt vor Sonnenstrahlen. Aber sie sah er, starrte er beinahe so an, obwohl ihm das Licht doch zu schaffen machen schien.
„Lené, nun komm schon!“, Kaspars Ruf. Sie wandte sich nach vorne. Doch zuletzt spürte sie noch ein Stechen in ihren eigenen Augen. Es tat weh. Aber es war nicht das Licht. Es war nicht die Sonne, es war dieser Blick. Und er kam von Bill.
Wie wild schüttelte sie unter Wasser getaucht den Kopf. Die Kälte tat ihr gut, sie konnte wieder klar denken. Ja, für einen Moment hatte sie sich glatt so gefühlt, als würden ihr ihre Sinne entgleiten. Warum nur?
Bill verdrehte genervt die Augen. Sollten die beiden nur machen. Wahrscheinlich war es nur gut für Lené, wenn ein Junge sie an die Hand nahm und ihr zeigte, was es zwischen Logopädiepraxen und Hausaufgaben noch gab. Er stand auf, klopfte sich den feinen Sandkrümel von den Hosen und rief Kaspar zu:
„Ich geh zu Fuß zurück!“
Kaspar nickte und konzentrierte sich wieder voll und ganz auf Lené, die soeben auftauchte, ihr Haar mit einem glänzenden Wasserschweif zurück warf und lächelte. Es kostete Bill einige Mühe, den Blick von ihr abzuwenden. Schließlich kam er sich selbst lächerlich vor. Für dieses Mädchen war im Grunde nur Antipathie zu empfinden und was tat er? Er ergötzte sich an ihrem Anblick. Wütend über sich selbst und seine hilflose Lage stapfte er zum Bauernhof zurück.
Na, super! Lené seufzte. Bill hatte sich gerade abgewandt und verschwand nun langsam hinter den Dünen. Mit seinem andächtigen Gang. Sie mochte ihn. Nur sah er auf seinen meterlangen Beinen - ja, ein wenig übertrieben - nicht so aus, als könnte er es heil durch die Unebenheiten mancher Dünen schaffen. Na ja, war jetzt seine Sache, dachte sie sich und versuchte sich den Gedanken aus dem Kopf zu jagen, dass sie sich jetzt um den Jungen Sorgen machte musste. War ja nicht so, dass es ihr Patient war, viel eher der ihrer Mutter. Warum musste sie auch ausgerechnet hier ihr dämliches Praktikum machen? Andererseits…
„Jetzt komm mal her, die Wellen sind hier drüben viel besser“, Kaspar war ein wenig abgetrieben und winkte die 17-Jährige jetzt zu sich. Sie war ein wenig vorsichtig. Was war denn der Unterschied zwischen den Wellen hier und ein, zwei Meter weiter rechts? Unverständlich Gedanken waren das nebenbei auch noch. Was war nur mit ihr los? Kaspar. Ob das an ihm lag? Oder an der Situation hier? Sie juckte sich nur nachdenklich an der nassen Schläfe.
„Was ist los, Lené?“, und plötzlich schwamm er direkt vor ihrer Nase. Nee, nicht Bill, aber aus irgendeinem Grund wäre ihr das in diesem Moment tatsächlich lieber gewesen.
„Ist dir das Wasser etwa zu kalt?“, fragte er lächelnd und schüttelte sich das Haar aus den Gesicht.
„Nee, schon okay!“, antwortete sie.
„Okay!“, er schwamm noch weiter auf sie zu, „Sag mal…heute Abend findet etwas weiter unten am Strand ein kleines Fest statt. Das ist einmal im Jahr. Eigentlich nicht ganz so spannend, aber das Ereignis des Jahres, was daran liegt, dass es sonst hier nie was gibt, außer dem Sonntagsmarkt. Ähm…hast du vielleicht Lust, da heute Abend hinzugehen. Ein Kumpel von mir spielt mit seiner Band da, die sind echt gut.“, Kaspar sah sie mit seinen hellen Augen durchdringend an.
„Ähm…“, ein wenig hilflos, ratlos sah sich das 17-jährige Mädchen um. Ja, was sollte sie denn jetzt sagen? Ein Kumpel von mir spielt mit seiner Band da, die sind echt gut…

Bill, der hatte auch eine Band. Nicht, dass sie schon viel von Tokio Hotel gehört hatte, aber sie glaubte schon, dass sie um einiges besser waren als die Band von einem Kumpel von Kaspar. Trotzdem wusste sie immer noch nichts Anständiges zu antworten und blickte ein wenig verwirrt im Wasser umher, das ihr jetzt ganz plötzlich doch ein wenig kalt geworden war. „Nun sag’…“, forderte Kaspar ein wenig ungeduldig, als sie ein paar Züge Richtung Ufer tat. „Ich weiß…nicht…, aber ich denke schon!“, sie wollte nicht ablehnen. Erstens war es ja schon so, dass Kaspar ihr ziemlich sympathisierte, und zweitens würde sie so wenigstens nicht einen solchen langweiligen Abend wie Bill verbringen. Der würde nämlich nichts sagend – und zwar buchstäblich – in seinem Zimmer sitzen und vor sich hinvegetieren wie eine Palme mitten in der Einöde. Da durchflutete Lené doch ein wenig die Schadenfreude und sie grinste zufrieden in sich hinein.
„Was hast du denn nun schon wieder?“, kam es wiederum von Kaspar und…der war plötzlich ungewollt nahe gekommen.
„Nichts weiter. Aber wir sollten jetzt vielleicht zurück, meinst du nicht?“, fragte sie.
„Klar, wenn du willst.“, er strecke die Hand nach ihr aus, „Ich würde mich echt freuen, wenn du mitkommst.“


„Du glaubst nicht, was das für eine Scheiße hier ist.“, motze Bill ins Telefon, „Überall stinkende Tiere. Und der Sohn von dem Bauer, Kaspar, der fährt voll auf Lené ab.“
„Aber das ist doch gut für dich!“, sagte Tom lachend, „Dann bist du sie wenigstens los…oder stört dich das etwa?“
„Was?“, keifte Bill und ließ sich ins Bett fallen, „Ganz sicher nicht, ich bin froh, wenn die mir nicht unter die Augen kommt.“
„Wenn du das sagst!“, antwortete sein Bruder etwas ironisch, „Jetzt hör auf zu reden und schon deine Stimme. Wir brauchen dich in vier Wochen wieder auf den Bühne, Alter.“
„Ja, ich weiß!“, Bill seufzte resigniert. Er vermisste die Shows so sehr. Er wollte endlich wieder singen, sich im Scheinwerferlicht bewegen, die kreischenden Fans hören.
„Gut, Bill. Ich ruf dich morgen nochmal an. Halt durch. Ich komm dich nächstes Wochenende besuchen. Saki fährt mich zu dir.“, sagte Tom.
„Ehrlich? Na Gott sei Dank. Okay, dann mach’s gut Alter!“, Bill legte auf und war froh darüber, dass er wenigstens seinen Bruder in dieser Einöde sehen würde. Tom würfe ihn so sehr aufmuntern, dass es für den Rest der Woche anhielt und dann war dieser Schlamassel hier auch schon geschafft.
Es klopfte und eine schlanke, recht ansehnliche Frau trat ein. Bill erkannte sofort, dass es Kaspars Mutter sein müsste. Sie hatte das gleiche blonde Haar, die gleichen schönen hellen Augen.
„Entschuldigen Sie, Bill. Wir wollen gleich essen. Ich dachte, ich sagen Ihnen bescheid, bevor wir anfangen.“, sie lächelte freundlich und senkte demütig den Kopf.
Bill nickte:
„Kann ich vielleicht was helfen?“
Kaspars Mutter sah ihn überrascht an:
„Gerne, aber ich will Ihnen keine Umstände machen. Immerhin sind sie Gast hier.“
„Kein Problem!“, Bill sprang auf, „Ich helf doch gerne.“
Er folgte ihr die Küche, in der sie bereits Tee getrunken hatten und stellte säuberlich das Geschirr auf den Tisch, das Kaspars Mutter Marianne ihm reichte. Danach versuchte er sich daran, widerspenstigen Salat zu schneiden, als er plötzlich Gelächter vernahm.
„Und dann musste ich dem blöden Schaf hinterher rennen. Ich hab zwei Stunden gebraucht, um das Mistvieh einzufangen.“, Kaspar steckte den Kopf durch die Küchentür.
„Sag mal, wo warst du? Du solltest mir beim Essen helfen!“, schimpfe Marianne, „Stattdessen muss unser Besuch hier arbeiten. Das ist wirklich eine bodenlose Frechheit.“
„Ach was!“, lachte Bill, „Ich mach das echt gerne, kein Ding!“
Just in diesem Moment lugte auch Lené hervor. Bill zuckte zusammen, rutsche mit dem Messer ab und schnitt sich in den linken Zeigefinger, „SCHEIßE!“Bill und freiwillig arbeiten? Genau das war das Bild, was Lené da gerade unter die Augen gekommen war. Und anschließend das von Blut, das plötzlich ein Viertel des bereits geschnittenen Salats benetzte. Trotzdem hingen ihre Gedanken immer noch in einer gewissen Ungläubigkeit zurück, die sie in diesem Moment weder zu definieren, noch überhaupt zu realisieren fähig war.

„Nun, schau’, Kaspar…“, eine schlanke Frau – sie sah Kaspar augenscheinlich ähnlich – sprach und das Mädchen erkannte, dass es Kaspars Mutter sein musste. Genau der schlängelte sich jetzt ein wenig unsanft an ihr vorbei, sodass sie sich am Türrahmen festklammern musste. Einen Grund dafür gab es nicht, die Türen hier hatten eigentlich einen außerordentlichen weiten Rahmen.

„Ja, Mama, ich mach’ schon…“
„Kommen Sie, Bill…, ist nicht schlimm, gar kein Problem…, setzen Sie sich…, ich hole Ihnen etwas zum Desinfizieren und dann ein Pflaster, einverstanden?“, sprach die Frau freundlich und verließ die Küche, nicht ohne mir ein nettes Lächeln zuzuwerfen. Eines, das dem von Kaspar ähnlich sah. Sie mochte dieses Lächeln. Aber allzu sehr beschäftigen konnte sie sich damit gerade auch nicht. Ihr Blick fiel wieder auf Bill, der ein wenig von der Rolle, wie Lené schien, auf seine leicht blutende Fingerkuppe starrte. Und mit der anderen Hand näherte er sich der Wunde…
„Ähm…, Bill, du“, er stoppte mitten in seiner Bewegung, „…du solltest das nicht machen…, sonst kommen Bakterien in die Wunde.“
„Ja, stimmt…“, bestätigte Kaspar mit einem Lächeln in ihre Richtung, während er den Salat sortierte und neu wusch. Sie mochte seine Augen, wirklich. Sie waren so hell, strahlend. Wirklich…einfach…außergewöhnlich.
„Tatsächlich?“, fragte Bill etwas ärgerlich. Die beiden konnten ruhig wieder gehen und weiterflirten, aber sie sollten ihn gefälligst da raus halten, „Na da bin ich ja beruhigt, dass ich beiden mich vor dem sicheren Tod durch bakterielle Infektion bewahrt habt.“
„Ach komm schon, Bill.“, sagte Kaspar lachend, „Wir meinen es nur gut. Immerhin können wir es nicht verantworten, dass du deinen tausenden Fans wegstirbst, hm?“
Grade als er zu einer giftigen Antwort ansetzen wollte, kam Marianne und verarztete seinen Finger:
„So, alles wie neu!“
Bill lächelte dankbar:
„Und, darf ich jetzt weitermachen?“
„Keine Chance, Bill. Sie bleiben jetzt da sitzen. Es ist ja fast alles fertig und Sie haben wirklich mehr als genug geholfen.“, sie stellte ihm eine Tasse mit lauwarmen Pfefferminztee hin, „Mein Gewissen ist schon schlecht genug.“
„Aber das brauch es doch gar nicht!“, grinste Bill und trank einen Schluck.
Ein paar Minuten später war alles bereit und die Bewohnerschaft des Bauernhofs, die aus Kaspars Familie bestand, der im Übrigen noch drei kleiner Geschwister hatte, einer Logopädin mit Namen Dr. Wagner und den Neuankömmlingen in Form Bill selbst, Lené und ihrer Mutter, hatte sich am Tisch versammelt.
Das Essen war köstlich und reichlich. Nichts Außergewöhnliches oder Exotisches, stinknormales Brot, Salat und eine große Auswahl an Wurst und Käse. Keine exotischen Speisen, wie er sie aus den ganzen Hotels kannte, die man weder am Aussehen noch am Geschmack identifizieren konnte.
Kaspar war einen Blick auf die Uhr:
„Verdammt!“
„Was ist denn los?“, fragte sein Vater, der sich als Gerd vorgestellt hatte.
„Lené und ich wollten zum Sommerfest.“, antwortete er und stand auf.
Bill, der grade genüsslich seinen Tee schlürfte, verschluckte sich hustete das warme Getränk tröpfchenweise über den Tisch.
„Na nu!“, machte Marianne, „Der Tee war wohl ein bisschen heiß?“
Bill verzog das Gesicht und nickte:
„Entschuldigung!“, er stand auf und lief an Kaspar vorbei ins Bad, um sich Hände und Mund zu waschen. Er warf Lené einen ärgerlichen Blick zu, wusch sich und ging dann in sein Zimmer, um sich ein anderes Shirt anzuziehen.
Lené indes lief ihm hinterher, weil sie unweigerlich Bills Zimmer durchqueren musste, um in ihr eigenes zu gelangen.
„Geht’s noch?“, krächzte Bill, weil er grade oberkörperfrei vor seinem Schrank stand.
„Hab dich nicht so!“, antwortete sie kühl und ging in ihr Zimmer. Offensichtlich brauchte sie nicht lange, denn sie ließ die Zwischentür so lange offen.
„Hast du schon mal was von Privatsphäre gehört?“, motze er und zog umständlich das frische T-Shirt über den Kopf.
„Du wolltest doch, dass ich das hintere Zimmer nehme.“, antwortete Lené lachend, „Warum hast du überhaupt so schlechte Laune?“
„Ich hab keine schlechte Laune!“, keifte Bill. Was bildete sich diese Göre eigentlich ein?
„Natürlich nicht!“, sagte Kaspar, der grade in Bills Zimmer gekommen war. „Du kannst auch einfach fragen, ob du mitkommen kannst, statt gleich schlechte Laune zu schieben.“


Kapitel 07



Bill riss entsetzt die Augen auf:
„Bitte?“, er knirschte wütend mit den Zähnen, „Meinst du ehrlich, dass ICH es nötig habe, dich zu fragen, ob ich irgendwo mit hinkommen darf? Das ist nicht zu lächerlich, das ist dreist.“
Doch anstatt Kaspar ebenfalls wütend wurde, lächelte er:
„Nein, Bill. Tut mir Leid, so meinte ich das nicht. Aber du bist ganz offensichtlich verärgert, weil ich dich nicht gefragt habe. Also…willst du mitkommen? Ich geb dir ein paar Sachen von mir, damit du nicht auffällst.“
Bill schnaubte ärgerlich, besann sich jedoch eines besseren. Er sollte Kaspars Angebot annehmen, sonst würde er einen grauenvollen Langeweiletod sterben.
„Okay.“
„Na bitte!“, Kaspar nickte, „Komm mit, ich geb dir was zum Anziehen.“
Lené schnaubte, als sie die beiden Herren der Schöpfung sich nebenan ankeifen hörte. Nun gut, Bill regte sich dabei sehr viel mehr auf als Kaspar, trotzdem schienen sich die beiden alles andere als grün. Eher so was wie Streithähne, dachte sie und musste unweigerlich grinsen. Gleichzeitig fiel ihr jetzt aber auch ein, dass sie ja dementsprechend auch noch Zeit hatte, sich ein etwas gewählteres Outfit für das Fest anzuziehen. Sie konnte da ja schon mit ein paar hübscheren Klamotten auftauchen, wofür hatte sie sie denn sonst eingepackt? Schon ganz in Gedanken um die ganzen hübschen Kleider, die sie mit auf die Reise – oder wie auch immer man das hier nennen konnte – genommen hatte, schloss sie jetzt die Tür und begann in ihrem Schrank nach einer ausgefallenen Abendgarderobe zu schauen. Sie wollte damit nicht unbedingt auffallen, das sagte sich das Mädchen gleich, aber sie wollte auch nicht aussehen wie das letzte Bauernweib. Und neu aufgelegte Schminke, das konnte doch auch nie schaden.
Letztendlich entschied sich die 17-Jährige für ein schwarzes Cocktailkleid, das ihr bis den Knien reichte. Was sie daran besonders mochte, war die weiße Blume, die vor ihrem Bauchnabel platziert war. Generell, das Kleid machte etwas her, war aber zugleich nicht zu aufdringlich, aber elegant. Ein paar Minuten später hatte sich dann auch die Sache mit der Schminke erledigt und gerade schlüpfte sie noch in ihre schwarzen, hochhackigen Lackschuhe, als die Tür auch schon wieder aufging. Gerade konnte sie noch erkennen, wer da störte. Zwei Jungs. Unterschiedlicher denn je. Aber in diesem Moment unterschieden sie sich in ihrem Blick kaum…
„Ähm…“, machte Bill und blinzelte zweimal, um sich zu vergewissern, dass es sich bei dieser Schönheit tatsächlich um Lené handelte, „Du siehst…“
„…wahnsinnig toll aus!“, beendete Kaspar seinen Satz.
„Danke!“, sagte sie etwas schüchtern.
„Lené? Schätzchen?“, ihre Mutter drängelte sich an den Jungs vorbei, „Entschuldigt ihr uns einen Moment?“
„Klar!“, sagte Kaspar höflich und verließ zusammen mit Bill das Zimmer.
„Also…weißt du, du bist ja nicht so oft auf solchen Festen. Da…trinkt man viel Alkohol und wird ausgelassen.“
„Ähm…, ja…, soll schon mal vorkommen, Mama…, aber du kennst mich ja…, ich trinke jetzt nie so viel“, meinte das Mädchen, sobald die beiden Jungs die Zimmertür hinter sich geschlossen hatten. „Ja…, aber bei euch Jugendlichen ist das ja immer so ´ne Sache.“

„Mama…, bitte, du weißt doch, dass ich noch nie derbe betrunken war oder so was“, Lené war nicht ganz klar, worauf ihre Mutter hinauswollte. Nur vielleicht war das so ja auch genau ganz gut so.
„Ähm…, ja, ich weiß…, aber mir geht’s gerade um was anderes…“, ein wenig verwirrt schaute die 17-Jährige ihre Mutter an, die jetzt ein wenig nervös in ihrer Hosentasche zu wühlen begann. Hosentasche – so was war ziemlich klein…und wirklich viel verstauen konnte man darin auch nicht. Aber beispielsweise…
„Das wollte ich dir geben!“, Frau Fassner reichte ihr ein kleines blaues Kondom, „Ich meine, man weiß ja nie, wie’s kommt, hm?“
„Mama!“, ungläubig starrte sie Frau Dr. Fassner an. Das konnte sie doch nicht ernst meinen!
„Echt…, hier…hier gibt’s weit uns breit keinen Typen, den ich toll finde oder so!“, dies musste sie einfach von sich geben, allein aus Pflichtgefühl schon.
„Naja… aber du scheinst ja mit dem Kaspar gut auszukommen. Und…wenn dir das nicht wichtig wäre, warum hast du dich dann so hübsch gemacht?“, fragte Lenés Mutter voller Argwohn, „Ich will einfach nur sicher gehen, Liebling. Immerhin hast du damit noch keine Erfahrungen und…ich will nicht, dass…nun ja, du weißt schon.“, das Thema schien ihr ganz offensichtlich unangenehm zu sein.
Ein wenig scheu nahm sie ihrer Mutter das Ding – ja, anders wollte sie gar nicht darüber deken – aus der Hand und ließ es ganz schnell in das kleine Handtäschchen fallen, das sie am linken Arm trug.

„Mama…, ich will echt nicht, dass du denkst, dass ich das unterschätze oder so…, aber…wenn ich so was in der Art auch nur…ansatzweise vorhätte, da würde ich schon irgendwie aufpassen…, weißt du, was ich meine…?“, ihre Mutter ließ ein wenig verlegen ihren Blick wandern, seufzte und sagte schließlich:
„Gut…dann wünsche ich dir viel Spaß, mein Schatz. Und seid nett zu Bill. Er hat es wirklich nicht leicht!“

„Sie sah echt gut aus, meinst du nicht?“, fragte Kaspar und lehnte sich an die kühle Außenfassade des Haupthauses.
„Hm!“, machte Bill. Normalerweise war er nicht oberflächlich. Wenn er jemanden nicht leiden konnte, dann konnte er auch noch so gut aussehen – das änderte nichts an seiner Antipathie. Aber bei Lené war es in der Tat schwierig.
„Ehrlich. Ich find sie richtig hübsch.“, wiederholte Kaspar schwärmerisch.
„Na toll, dann füll sie ab und schnapp sie dir.“, antwortete Bill gereizt.
„Ach Bill, sei doch nicht so.“, kicherte Kaspar, „Lené ist ein tolles Mädchen.“
„Du kennst sie doch gar nicht!“, schnappte Bill.
„Ja und du auch nicht. Aber du trittst ihr immer feindlich gegenüber und dann wird sie auch ärgerlich und dann seid ihr beide giftig zueinander. Deshalb könnt ihr euch nicht leisten!“, sagte Kaspar in einem Tonfall, als wüsste er um alle Geheimnisse der Welt.
„Ja, wie du meinst!“, antwortete Bill resigniert. Er hatte keine Lust, sich mit Kaspar über ein Mädchen zu streiten, die ihn mal sonst wo konnte. Sollten Lené und Kaspar sich doch vergnügen und anschließend in heißer Begierde übereinander herfallen, wie wilde Tiere.
„Da bin ich!“, rief Lené und eilte zu ihnen.
Ein wenig verunsichert – und das sicherlich noch wegen der kurzen Stippvisite ihrer Mutter – blickte Lené strahlend in die Runde der zwei Jungs, die schon warteten. Scheinbar hatten sie sich gerade sogar mal ganz angeheitert unterhalten. Das Mädchen war schon ein wenig verwundert. Hatten die beiden Streithähne das gegenseitige Ankeifen etwa aufgegeben?

„Gehen wir dann?“, sie fragte das, während Bill und Kaspar sich immer noch ein wenig seltsam verhielten – und das immerhin in schweigendem Zustand. „Ja…“, und kaum hatte sie es realisiert, hatte sich Kaspar auch schon bei ihr untergeharkt, während Bill bei den ersten Schritten nur ein wenig Fehl am Platze wirkend nebenher trottete.
Bill rümpfte die Nase, als ihm ein penetranter Geruch von gebratenem Fisch in die Nase stieg. Kaspar hatte auch gewiss nicht untertrieben, als er das Fest als kleines Dorffest degradiert hatte. Dicht am Strand standen ein paar Schmuck- und Fressstände und etwa in der Mitte war eine Tanzfläche aufgebaut, die etwas größer als zehn mal zehn Meter sein mochte. Am Ende der Fläche stand eine kleine, mehr improvisierte als tatsächliche Bühne auf der ein paar Hanseln im karierten Hemd standen. Bill lächelte, weil er sich daran erinnerte, wie er zum ersten Mal auf der Bühne stand – nicht weniger unprofessionell, aufgeregt und eingeschüchtert.
„Das sind meine Kumpels!“, rief Kaspar stolz über den Lärm hinweg, „Fisherman’s House, heißen sie. Lasst uns mal näher rangehen!“
Kaspar schritt gleich auf die Bühne zu, auf der gerade seine Freunde – ja, ihre Show abzogen. Performen konnte man das nicht nennen, dachte Lené und warf einen leicht grinsenden Blick Richtung Bill. Ja, das, was Bill immer so mit seiner Band anstellte, oder eher das, was die 17-Jährige darüber wusste, das klang nach Performen.
„Kommt!“, das hörte man nur gedämpft gerufen durch die dröhnende Musik, die durch die schlechte Tonqualität der Verstärker verfälscht wurde. Zusammen traten die beiden näher heran. Nebenbei konnte sie es nicht lassen, dem Jungen neben ihr neugierige Blicke zuzuwerfen. Also Bill. Nicht, dass sie ihre Meinung über ihn jetzt plötzlich geändert hatte, aber sie wollte doch schon gern wissen, wie seine Reaktion zu dieser Band war, die aus Kaspars Freunden bestand. Der begann bei ihrem Ankommen nämlich gleich durch das Getöse jedes einzelne Bandmitglied vorzustellen. Einer von denen hieß Peer, mehr bekam man nicht so wirklich mit. Das schien nun auch Kaspar zu bemerken, er blickte ein wenig hilflos drein. Und Lené war auf der Stelle vom Mitleid erfasst, nicht nur wegen Bills ungeduldigem Blick. Was hatte der denn nun schon wieder?
„Ähm…, was spielen die denn so für Musik?“, fragte sie, um einfach mal etwas zu sagen. Irgendwie wollte sie Kaspar, der ganz begeistert von der Aufführung seiner Kumpels schien, nicht vor den Kopf stoßen, indem er ihr Desinteresse daran bemerkte.
„Ja…, so Rock generell…“, sehr auskunftsreich, nicht wirklich. Und Bill, der das als – ja, vielleicht – professioneller Musiker neben bei mitbekommen hatte, drehte sich jetzt weg. Lené wunderte sich, dass sie durch das Getöse nicht noch sein provokantes, unzufriedenes Raunen gehört hatte, was er sonst immer von sich gab, wenn etwas nicht ganz dem entsprach, wie er es sonst kannte…in seinem Himmel der Stars.
Bill sah sich nach einem Getränkestand um, kramte ein bisschen Kleingeld aus der Tasche und holt sich ein schönes kühles Bier. Eigentlich sollte er Alkohol bisweilen vermeiden, allerdings hatte er just in diesem Moment einfach totale Lust drauf. Er lehnte sich an einen Stehtisch und verfolgte das Konzert, das in wenigen Sekunden beginnen sollte. Bis eben hatten sie wohl ihren Soundcheck gehabt. Mal sehen, was die Jungs so drauf hatten.
„Willst du was trinken?“, fragte Kaspar und lächelte charmant.
„Ähm…“, Lené warf einen unsicheren Blick zu Bill, der mit einem äußert zufriedenem Blick an einem Glas Bier nippte, das er sich gerade geholt hatte. Warum sie zu ihm schaute? Das wusste sie selbst nicht mal so recht. Nicht, dass sie sein Bier haben mochte. In der Regel mochte sie das echt nicht gerne trinken. Ach, was war sie denn wieder so durcheinander!?
„Willst du nun?“, Kaspar holte sie zum Glück zurück auf den Boden in der Welt der Realität zurück. Seine Stimme mittlerweile schon ungeduldig geworden und das antisympathisierte in dem Moment ein wenig. Sie kam sich fast gehetzt vor, auch wenn das in dieser Situation eher unmöglich schien.
„Ähm…, ich nehm’
„Schon gut, musst ja nix nehmen!“, und ehe sie ihren Mund noch einmal aufmachen konnte, war er auch schon abgezischt. Und Bill, zu dem ihr erster Blick nun wanderte, der schaute ein wenig seltsam. Seine Augen blitzten. Blitzten? Ging das denn?
Wohlwollend beobachtete er, wie Kaspar sich enttäuscht den Weg zur Bar bahnte. Im Grunde konnte er Kaspar gut leiden, aber die Art, wie er mit Lené umging, ging ihm verdammt auf die Nerven. Er behandelte sie wie ein kleines begehrenswertes Prinzesschen. Was war an diesem nervigen Biest schon begehrenswert?
Lené sah sich etwas hilflos um und spielte nervös an ihrem Haar. Das bunte Scheinwerferlicht der Bühne brach sich an ihren glänzenden Lippen. Der seichte Nordostwind forderte ihr Kleid zu einem Tanz auf und der feine Sand spielte um ihre schmalen Fesseln. Eigentlich sah sie hübsch aus, wie sie da stand und unsicher zur Bühne sah. Bill konnte sich mithin gar nicht mehr daran erinnern, wann er sich das letzte Mal Gedanken über ein Mädchen gemacht, geschweige denn eines gehabt hatte. Ihm fehlte sowohl die geistige als auch die körperliche Nähe zu einem Menschen des anderen Geschlechts.
Ohne, dass er tatsächlichen Einfluss auf das hatte, was er tat, setzten sich seine Beine in Bewegung und liefen auf sie zu. Kurz vor ihr kam er zum Stehen und am liebsten wäre er sofort wieder umgekehrt, doch stattdessen strecke er den Arm aus und hielt ihr sein Bierglas unter die Nase.
„Magst du?“, nuschelte er.
Ähm…, nee…, ich…ich trink’ nicht so gerne Bier!“, das war das, was Lené irritiert antwortete, als ihr Bill praktisch gerade sein Glas Bier unter die Nase hielt. Hatte er irgendwie etwa ihre Gedanken gelesen, aber sie falsch gedeutet oder so ähnlich? Allein Allein die Frage brachte sie nur noch mehr durcheinander und das machte ihr Angst, die Kontrolle zu verlieren.
Na ja…, ich dachte…, du hast halt so geschaut…!?“, bemerkte der Junge unsicher als Begründung und machte Anstalten sich wieder abzuwenden. Aber eigentlich gefiel es dem 17-jährigen Mädchen, dass sie jetzt – wenigstens für die wenigen Minuten von Kaspars Abwesenheit – nicht so alleine da rumsaß. So was musste schon dumm aussehen, vor allem bei ihrem Outfit, das sie ja nicht gerade wenig Mühe gekostet hatte.
„Wie…? Was…? Wie hab’ ich ´n geschaut?“, Lené hätte sich gerade für die vielen Sachen ohrfeigen können, die ihr durch den Kopf gingen. Aber sie konnte nichts dagegen machen, genauso wenig wie sie es erklären konnte.
„Mmh, weiß auch nicht…, aber…, ähm…, wie findest du die Band denn so?“, er nickte in Richtung der Bühne. Sie zuckte ein wenig mit den Schultern und überlegte, ob das Kratzen in Bills Stimme normal war. Doch da klingelte es in ihrem Kopf und es kam warnend von ihr: „Pass’ auf wegen deiner Stimme…“, doch diesmal war es anders. Nicht, um zu ärgern, zu provozieren. Nein, sie machte sich einfach…so etwas wie Sorgen.
Bill schluckte und sah sie einen Moment an. Eigentlich hatte er eine Standpauke von ihr erwartet und keine Fürsorge.
„‘Tschuldigung!“, murmelte er etwas verlegen und lächelte.
Lené lächelte zurück:
„Ist ja deine Stimme und ich schätze, du wirst sie noch gut brauchen können!“
Er blickte sich um, senkte den Mund zu ihrem Ohr und sagte:
„Sollen wir uns-“
„Irgendwo hinsetzen?“, beendet Lené grinsend seinen Satz.
Bill nickte und deutete in Richtung Dünen. Kaspar konnte er im Getümmel nicht mehr entdecken, aber den würden sie früher oder später sicher vor der Bühne wiederfinden.
„Ganz schön laut da!“, sagte Bill, nur, um überhaupt etwas zu sagen. Er hatte ein merkwürdig befremdendes Gefühl und kam sich selbst lächerlich vor, weil er Lené doch augenscheinlich nicht leiden konnte.
„Hm!“, machte Lené und ließ sich mit einem Seufzer in den Sand fallen. Sie zog die Schuhe aus, stellte sie fein säuberlich neben sich und sah zur Bühne.
Bill hob mit seinem Fuß eine kleine Kuhle aus und postierte sein Bier hinein, damit es nicht umkippte.
„Willst du wirklich nichts? Ich mein…ich trink auch nicht so gerne Bier, aber manchmal ist das ganz cool. Du müsstest mal Georg sehen.“, Bill lächelte verträumt, „Wenn der sich nach einem schlechten Konzert die Kante gibt. Junge, geht der ab.“
Er rappelte sich umständlich auf und imitierte Georgs mehr als femininen Gang im alkoholisierten Zustand, „Einmal war er so zu, dass er eine unserer PR-Agentinnen angemacht hat und die ist lesbisch, aber sowas von. Na jedenfalls hat sich Georg Socken unter sein Shirt gestopft, meine Stiefel angezogen und hat sie nach einem Quicki gefragt!“
Lené lachte und schlug sich die Hand vor den Mund:
„Und? Wie ist das ausgegangen?“
„Unsere PR-Agentin und ihre Freundin haben Georg die Brustnippel lang gezogen. Er hatte riesen blaue Flecke und konnte die nächsten zwei Konzerte nicht oben ohne spielen.“, kicherte Bill und erinnerte sich sehnsüchtig an die Szenerie. Langsam setzte er sich wieder, „Das fehlt mir alles so. Ich vermisse die Bühne und ich vermisse die Jungs und das Team. Ich fühl mich seit Wochen wie in einem falschen Film, oder wie in einer Tragödie in die ich gar nicht gehöre. Ich will endlich wieder auf die Bühne!“
„Mmh…, dafür solltest du jetzt erst einmal aufhören zu reden, meinst du nicht?“, lange und ein wenig durchdringend – so, wie sie es eigentlich nur bei Menschen tat, die sie länger kannte – sah Lené Bill an, der ja augenblicklich fast ein wenig verträumt vor sich hingeredet hatte. Irgendwie konnte sie sich selbst nicht vorlügen, dass er ihr auf diese Weise wirklich sympathischer wurde; gleichzeitig mochte sie es aber auch nicht, dass er ihr irgendwie auch imponierte, in dem er so von seiner Leidenschaft – dem Spielen in der Band – sprach. Sie konnte von sich selbst leider nicht behaupten, dass sie irgendetwas so Passioniertes an sich hatte. Vielleicht war es das, was bei ihr in dem Moment zu einem seltsamen Bauchgefühl führte.
„Ähm…, du kannst ruhig sagen, wenn’s dich stört, wenn ich so rede!“, bemerkte der Junge, der neben ihr saß, und gleich hörte sie den leicht beleidigten Ton aus seiner Stimme heraus. Eine kleine Zicke, schoss es Lené in den Kopf, aber sie musste grinsen, weil sie es ihm einfach nicht böse nehmen konnte – zumindest nicht in diesem Augenblick, warum auch immer.
„Nein, nein…, um Gottes Willen, nein, das stört mich nicht…! Ich…ich find’s ja…irgendwie sogar…echt schön“, sie sagte das einfach so dahin. Na ja, eher ihre Gedanken. Nur dummerweise waren sie in diesen Worten nicht ganz lasterfrei. Jedenfalls nicht lasterfrei für Bills Ohren, wie die 17-Jährige fand. Sie wollte es am liebsten gleich rückgängig machen, aber viel zu schnell begriff sie, dass es unmöglich war.
„Wie…? Schön…? Du…du findest es schön…?“, Bills Stimme war leise. So schonte er sie zumindest mal. Aber Lené bezweifelte ernsthaft, dass er gerade so leise sprach, weil er seine Stimme schonen wollte. Viel mehr hatte sie da etwas anderes im Sinn…
„Ähm…ja!“, flüsterte sie.
Bill sah sie an und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, ihr näher zu kommen. Er vergaß ihre Zickereien, ihren ausfallenden und beleidigenden Charakter, ihre unbegründete Arroganz und ihre penetrante Art, ihm auf die Nerven zu gehen. Er vergaß, dass sie die Tochter seiner Ärztin war und dass er sie nach dieser ganzen Therapiegeschichte vermutlich nie wieder sehen würde – er vergaß alles für diesen einen Moment.
Vorsichtig rutschte er ein Stück näher und legte Mittel-und Zeigefinger unter ihr Kinn um es leicht anzuheben. Bill schloss die Augen uns näherte sich ihr, bis seine Lippen die zarten und so unendlich weichen Lippen Lenés berührten.


Kapitel 08



Einen Herzschlag lang war sie ganz starr und steif, doch als er ihr beruhigend über die Schulter strich, entspannte sie sich. Behutsam fuhr er mit der Zungenspitze über ihren halb offenen Mund. Es schein ihm, als würde sie nicht oft geküsst, aber das konnte ihn nicht davon abhalten, sie vorsichtig in den Sand zu drücken, sich über sie zu lehnen und sich bedacht einen Weg zu ihrer Zunge zu bahnen. Als sie einander berührten, fuhr Lené überrascht zusammen.
„Entspann dich!“, flüsterte er.
Bill küsste sanft ihren schmalen duftenden Hals und strich mit der rechten Hand über ihre Wange. Er verspürte einen jähen Anflug von Erregung, hielt sich aber zunächst zurück. Schließlich wollte Bill sie nicht überfallen.
Er war so warm. Zärtlich. Seine Hand, wie sie sanft über ihre Wangenknochen strich. Die andere Hand in ihrem Nacken. Sie war so weich. Lené wurde warm. Ums Herz. In sich. Sie war unruhig. Sie realisierte das, ja, sie wollte das. Es gefiel ihr. Ein Schein der Unwirklichkeit. Sie mochte dieses Empfinden. Sie genoss seine Berührungen. Keine Angst. Und da war nichts Negatives mehr. Nichts gegen ihn. Gegen Bill. Er war liebevoll. Er tat ihr gut. Sie mochte ihn…wirklich. Vorurteile verweht. Sich auf ihn einlassen. Es gelang ihr. Seine Sanftheit war Schuld. Sein seichter Atem, der ihre Haut stetig streifte. Eine Hand, die jetzt auf ihrer Hüfte verweilte. Seine. Sie musste zustimmen, sie wollte es. Sie genoss. Seine Augen, aufgeschlagen. Ihr Blick hineingelangt. Sie glänzten, seine, sie strahlten. Lené, sie mochte das. Sehr. Diese Augen, tief wie ein Meer, voller Hoffnung, reich an Wärme. Sie hielten das Mädchen fest. Und es…hielt sich am Jungen fest. Der, der sie küsste. So, wie es noch niemand getan hatte. Keiner vor ihm. Aber es gefiel Lené. Sein Geschmack, sein Geruch, dafür tat sie alles. Seine Wärme genießend, ihn auch streichelnd. Am Rücken. Er schein es zu mögen, in den Kuss lächelnd. Die Sterne am Himmel wie seine Augen. Als wären sie Bestandteil desselben. Ein unvergesslicher Moment, Sekunden. Keine Kontrolle. Ein Gefühl des…Wahnsinns in ihr. Sie wollte es nie mehr gehen lassen. Sie wollte ihn nie mehr gehen lassen. Nie mehr…
Bills Atmen ging etwas schneller, sein Herz raste. Was auch immer dieses Mädchen tat -denn im Grunde tat sie eigentlich nichts außer sich ihm hinzugeben - es machte ihn verrückt. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sein Zeitgefühl verschob sich völlig – küsste er sie seit Sekunden oder seit Stunden? Bill richtete sich etwas auf und strich mit seinen Nägeln über die Innenseite ihres Oberschenkels.
„Hey!“, hauchte sie, „Das…kitzelt.“
Bill grinste frech und wiederholte den Vorgang.
„Hallo!“, Lené piekste ihn lachend in die Seite. „Hör’ auf damit, ja!?“
„Okay!“, flüsterte Bill und schob seine Handfläche an ihrer weichen Haut hinauf, bis er ihren Schritt erreichte. Er beugte sich erneut über sie und schob mit der andren Hand die Träger von ihren Schultern, während er weiterhin ihren Hals küsste.
Und nicht nur das, nein. Er hatte sie berührt. Berührt an Stellen, die unberührt bleiben sollten. Dort, wo sie niemals seine Hand hatte wissen wollen. Niemals. Aber jetzt? Wie war das geschehen? Wie war das möglich? Sie glaubte es nicht…
„Was…was…“, schwer atmend, um Kräfte ringend, „…hast du gemacht…? Was…fällt dir…“, lauter, „…ein? Was, dachtest du, was…“, Fassung verloren, „…du mit mir machen kannst?!“, starrend auf ihn. Ihn, den Versteinerten. „Du…du…darfst mich nicht anfassen…, du…, das…, fass’ mich nie wieder an…! NIE WIEDER! Hau’ ab…!“, schreiend. Und so kraftlos, schlecht, wie sie sich auch fühlte.
„Was?“, Bill sah sie ungläubig an, „Aber ich dachte, du willst auch, ich meine…, das…, ich wollte doch nicht…“, stammelte er. Er hatte ihr in keinem Fall zu nahe treten wollen und sie schon gar nicht gegen ihren Will berühren wollen.
„Bill…, ich…“, unsicher, durcheinander schaute sie zu ihm. Sie wusste doch selbst nicht mehr. Sie wollte nicht. Nein, ganz sicher. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Nein. Aber warum…war es dann so geschehen? Sie war doch bei sich gewesen oder nicht?
„Ich…, es…, ich muss gehen…“, sie wusste ja selbst kaum, was sie da sprach. Unbeholfen hievte sie sich aus dem Sand hoch. Ihr Kleid sicher voll damit, aber das war ihr egal. Am liebsten wollte sie in diesem Moment nur ganz weit weg von hier. Ja, sofort, genau jetzt. Nur etwas hielt sie davon ab. Unbedingt in diesem Augenblick.
„Lené! Das war jetzt echt nicht so gemeint… tut mir Leid!“, sagte Bill und das meinte er ehrlich. Er war der letzte, der jemanden zu etwas Ungewolltem zwingen würde.
„Alles klar, hier?“, es war Kaspar, der auf sie zugeeilt kam, „Gibt’s Probleme?“
„Nein!“, antwortete Bill säuerlich. Der hatte ihm grade noch gefehlt. Er würde wieder mit seiner Beschützertour kommen und Bill würde das Arschloch sein.
„Lené?“, fragte Kaspar und legte den Arm um ihre Schultern. „Sollen wir nach Hause gehen?“
Wieder Wärme, aber diesmal eine andere. Vielleicht nicht so schön, falscher Gedanke. Jedenfalls fühlte sie sich geborgen. Lené. Denn Kaspar hatte beschützend seinen Arm um ihre Schulter gelegt.

„Ja…, ja…, okay…“, antwortete sie mit rauchiger, schwacher Stimme auf seine Frage und machte gleich einen Schritt vorwärts. Aber allein das kostete sie schon viel Kraft. Wie sollte sie es da überhaupt zurück zum Bauernhof schaffen? Hilflos hob sie ihren Kopf gen Sternenhimmel – sie mochte ihn – und ließ ihn wieder sinken. Da waren noch zwei Füße, rechts von ihr. In der gleichen Geschwindigkeit.
„Hallo..., was wird das jetzt bitte?“, wie egal ihr das doch gerade war!
„Komm’ her, ich trag’ dich.“, sagte Kaspar, legte seine Arme um Rücken und Knie und hob sie hoch. Er warf Bill einen stirnrunzelnden Blick zu.
Was um alles in der Welt wurde hier gespielt? Lené tat ja grade so, als hätte er sie vergewaltigen wollen. Sie hatte ihm gesagt, er solle aufhören und er hatte es getan. Wo in Gottes Namen lag das Problem.
„Ach, fickt euch doch!“, murmelte er leise und ließ sich wieder in den Sand fallen. Er trank sein Bier in großen Zügen und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Natürlich wusste Bill, dass das zur Heilungsförderung sicher nicht beitragen würde, aber das war ihm per se egal. Er fühlte sich beschissen und wollte nicht über Verantwortung oder Konsequenzen nachdenken. Sollten sie ihm doch alle den Buckel runterrutschen. Er hatte schließlich nichts verbrochen. Lené hatte ihm das Gefühl gegeben, dass sie dasselbe wollte…
Leicht wie eine Feder und ohne weiteres Kraftaufbringen schaffte Lené es auf Kaspars Armen zurück zum Bauernhof. Nicht, dass er zwischendurch nicht mal kurz aufgeseufzt hatte vor Erschöpfung, aber seine Stärke imponierte ihr doch. Und vielleicht war das auch gerade die Ursache ihres momentan enormen Sicherheitsgefühls. In seinen Armen, von ihm getragen. Es war ein schönes Gefühl. Nicht so offen wie bei Bill. Einschränkungen? Ja, die gab es, aber nur gedanklich, unbedacht.
„Was war plötzlich mit dir los…? Du sahst so fertig aus!“, das waren seine ersten Worte, als sie im Bauerhaus wieder angekommen waren. Sogleich bugsierte er sie sanft den dunklen Flur entlang zu den Gästezimmern. Bills und ihrem. Und als es dann durch den Raum des Letzteren ging, schnappte sie seinen Geruch auf. Einerseits…mit Wohlwollen? Warum? Sie mochte diesen Geruch, unbestritten. Aber sie wollte sich selbst nicht mehr glauben.
„Ähm…, ich…, vielleicht bekommt mir die Luft hier nicht so gut…oder so…“, erwiderte Lené ein wenig verspätet auf Kaspars Frage hin und atmete tief durch, als sie endlich die mehr oder weniger vertraute Umgebung ihres Gästezimmers vor Augen hatte. „Hast du vielleicht was Falsches gegessen?“, hakte der Bauernjunge weiter nach und das Mädchen spürte seine intensiven Blicke auf ihr immer noch ziemlich mit Sand benetztes Kleid. „Ich…ich weiß nicht…“, sie war unsicher. Warum in seiner Gegenwart? Er war doch nicht Bill. Auch nicht wie Bill. Er war anders. Er kümmerte sich. Im Gegensatz zu Bill tat er nichts, was sie nicht wollte. Nur…was wollte sie eigentlich? Und was nicht? Feststand, dass Kaspar so lieb war, sich liebevoll um sie kümmerte, nach ihrem Befinden fragte. Da gab es doch eigentlich nichts zu meckern, oder?

Bill starrte trübsinnig in den Sand. Was hatte er sich dabei eigentlich gedacht? Er hatte für sein Verhalten beim besten Willen keine Erklärung. Wie auch – schließlich konnte er Lené alles andere als leiden. Es musste seine wochenlange Abstinenz sein. Er war nicht ausgelastet, das war alles. Und Lené war grade da gewesen. Falscher Ort, falscher Zeitpunkt – Pech gehabt. Alles halb so wild.
Bill schnipste den Zigarettenstummel in die Dunkelheit und rappelte sich auf, um zurück zu gehen. Er brauchte jetzt erst einmal Schlaf und morgen würde die Welt schon wieder anders aussehen.
Als er das Haupthaus erreicht hatte, schlich er leise sie Treppen hinauf, weil fürchtete, sonst Kaspars Eltern zu wecken. Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, hörte er gedämpfte Stimmen. Es waren Kaspar und Lené. Erschrocken hielt er die Luft an und drückte sich gegen das Wand, als könnte man ihn so nicht mehr sehen. Da diese jedoch angelehnt war und nur ein schmaler Spalt Licht auf in seinen Teil des Zimmers fiel, war er wohl vorerst in Sicherheit.
„Hat Bill irgendwas gemacht oder so?“, drang Kaspars besorgte Stimme durch den Türspalt.
„Bill…? Nein, um Gottes Willen…! Bill, doch nicht…, wie…wie kommst du denn darauf?!“, nein, zugeben, zugeben würde Lené das niemals. Auch wenn sie es gerne getan hätte. Nur es war ihr auf eine gewisse Art und Weise dann doch zu peinlich. Immerhin hatte sie ja irgendwie mitgemacht, auch Gefallen daran gefunden.
„Na ja…, weil er gerade so rumgefaucht hat, als ich dich mitgenommen habe“, meinte Kaspar und schaute die 17-Jährige immer noch durchbohrend an. Nein, nein, solche Blicke mochte sie in der Regel gar nicht!
„Ähm…, nee, keine Ahnung, was der hat…! Lag vielleicht am Bier…, möglicherweise verträgt er nichts“, dachte sie sich ein wenig was aus, um Kaspar zu besänftigen. „Ja, so sieht der auch aus!“, der Bauernjunge lachte höhnisch und schlug ihre Bettdecke zurück. „Nun gut…, aber ich mach’ mir echt Gedanken, was hast du nur gemacht, Lené?“, sie mochte es, wenn sich jemand um sie sorgte. Und wenn es dann auch noch eine Junge war, umso besser. Lené grinste und vergaß für einen Moment sogar ihr Unwohlsein.

„Äh…, ähm…, weiß ich nicht…“, nuschelte sie schließlich als verspätete Antwort. „Du solltest dich jetzt wirklich erst mal hinlegen…!“
„Und was ist mit meinem Kleid?“, ein wenig verwirrt blickte Lené an sich hinab. „Ist jetzt erst mal egal!“, wiegelte er ab und deckte sie zu. Sich selbst ließ er auf die Bettkante sinken. Sein Blick in ihre Richtung gerichtet. Ja, sie konnte nicht bestreiten, dass ihr die Situation hier im Augenblick gefiel.
„Tut mir Leid, dass du dich nicht so amüsiert hast. Es war eigentlich gut gemeint. Aber vielleicht machen wir morgen Abend mal was zusammen. Wir haben ein kleines Kino hier“, er räusperte sich, „vielleicht hast du ja nach Feierabend Lust. Ich hab’ gehört, du machst hier dein Praktikum.“
„Ja, stimmt…, aber das ist ja jetzt nicht gerade die Arbeit, die dazu gehört…! Aber…klar, so nach Feierabend ist das sicher ´ne tolle Idee. Aber bitte ohne Patienten oder dergleichen!“, sagte Lené und grinste Kaspar an. Der lächelte auch. Stille. Und irgendwie wollte sie, dass das nicht verging. Es war schön, es tat gut. Sie mochte es wirklich, sie mochte…
Eine Tür knallte. Und sie wusste im nächsten Moment auch schon genau, warum, wer es gewesen war. Sie wusste es. Bill.
Er riss die Zwischentür auf, denn es war die Hauptzimmertür, die er wütend geworfen hatte:
„Seid ihr jetzt fertig mit euren Datevereinbarungen? Ja?! Schön, ich würde nämlich gerne schlafen!“, seine Augen huschten über Lené. „Und du solltest aufpassen, Kaspar, manche Frauen sind nicht nur unberechenbar, sondern auch noch skrupellos.“
Bill wandte sich um, schaltete die kleine Nachtischlampe neben seinem Bett an und setzte sich Kopfhörer auf, um Musik zu hören und von den gottlosen Flirtereien der beiden verschont zu bleiben. Zwar hatte Bill die Augen geschlossen, aber irgendwann merkte er, dass Kaspar gegangen und Lené sich schlafen gelegt hatte. Er grübelte bis zum frühen Morgengrauen über diesen kuriosen Abend, bis sein Körper schließlich aufgab und Bill in einen unruhigen Schlaf fiel.
Der erste Morgen auf diesem Bauernhof begann sowohl für Bill – an den sie momentan eigentlich gar nicht gerne denken mochte – wie auch für Lené damit, dass die Mutter des Bauernhofs die beiden weckte. In einer halben Stunde sollte es Frühstück geben. Irgendwie schafften sie es ohne Worte, lediglich mit Gesten, sich zu arrangieren, sodass sie beide rechtzeitig fertig wurden. In der Küche saßen die beiden dann zusammen mit Kaspar, dessen Mutter und Frau Dr. Fassner am Tisch und frühstückten frische Brötchen, die einen wirklich natürlichen, gut aromatisierten Geschmack hatten.
„Bill…, Sie werden heute Morgen wieder ihre üblichen Sitzungen mit mir und dem Kollegen machen…und, Lené…, du könntest in der Pause vielleicht die Sachen für die neue Buchstabentherapie zurechtlegen. Das wäre lieb.“

„Wie…? Und den Rest hab’ ich frei?“, Lené schaute verwundert wie wütend zu ihrer Mutter. „Was soll das denn?“
„Was hast du denn, Mädchen?“, fuhr Kaspars Mutter dazwischen. Mütter, schoss es ihr nur wütend durch den Kopf.
„Na, wegen so ´nem Miniding muss ich meine Freizeit in zwei Teile teilen, was soll das denn?!“, entrüstete sie sich. „Du bist hier ja immerhin zum Praktikum, Lené…, keine Diskussion!“
„Da kann man doch trotzdem ´ne Menge machen!“, kam es von dem Bauernjungen. Wir könnten die Pferde auf die Koppel hinterm Hof bringen und dann vielleicht mit zweien ausreiten…bis zu Pause…und danach schauen wir mal.“
„Ja, gute Idee, Kaspar!“, stimmte ihm seine Mutter zu. Er lächelte das 17-jährige Mädchen an.
Bill lächelte spöttisch und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich gab es ihr irgendeine innerliche Befriedigung, wenn sich mehrere Männer um sie mühten. Er hatte gestern Abend tatsächlich angenommen, sich in ihr getäuscht und sie falsch eingeschätzt zu haben. Das war ein Irrtum. Sein Gefühl hatte ihn nicht betrogen – dieses Mädchen war eine Plage. Bill tupfte sich dezent den Mund mit seiner Serviette, stand auf und lächelte gezwungen:
„Na, dann viel Spaß euch beiden“, er wandte sich an Frau Fassner. „Ich geh’ schon mal vor.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er die geräumige Küche, Lief ins freie und ließ sich auf einer Bank an der Stirnseite des Bauernhofs nieder, um seine Morgenzigarette zu rauchen.
Perplex blickte Lené Bill nach. Was sollte die Show denn jetzt? Patienten widersetzten sich in der Regel nicht. Und obendrein war es auch nicht gerade die feinste Manier, während andere noch aßen, einfach so den Tisch zu verlassen. Sie konnte nur schnauben.
„Tut mir Leid. Er hat wohl ein wenig schlecht geschlafen“, kommentierte Frau Dr. Fassner in Richtung Bäuerin, die nur verständnisvoll nickte. Kaspar grinste sich grundlos einen ab und Lené flogen noch immer die vielen Gedanken im Kopf herum. Was gestern geschehen war, mit Bill. Und jetzt die Dinge, die dem nachgefolgt waren. Sie versuchte sie zu verstehen, aber es misslang ihr – warum auch immer. Unwillkürlich seufzte sie auf.
„Müde…?“, kam es lächelnd von dem Bauernjungen.
„Geht schon“, lehnte sie ab und unbeabsichtigt – mit vielleicht einem Hintergrund, den nur Lenés Gewissen kannte – klang sie dabei doch jetzt recht unfreundlich.


Er lief ein Stück und ließ sich dann auf einer kleinen hübschen blauen Bank direkt an der Koppel nieder. In der Nähe des Begrenzungszaunes standen zwei wunderschöne Pferde und unwillkürlich erinnerte er sich an ihren kleinen Ausritt. Kaspar, so nett er auch war, machte keinen Hehl daraus, dass er Interesse an Lené hatte und Bill war sich sicher, dass der gute Kaspar nicht der Knutsch-und-Kuschel-Typ war, für den er sich ausgab. Doch Lené schien naiv genug zu sein, auf diesen Unsinn herein zu fallen. Im Grunde war es ihr nicht zu verübeln, schließlich hatte sie keinerlei Erfahrung mit Männern. Bill schalt’ sich in Gedanken einen Narren, weil er an diesem herrlichen Morgen an diese fürchterlich hysterische Nervensäge dachte. Herrgott, er hatte sie doch nur geküsst.
„Kann ich auch eine haben?“, frage eine helle Stimme links neben ihm.
Bill drehte den Kopf in dieselbe Richtung und blickte in ein schönes Mädchengesicht. Sie hatte dunkelgrüne Augen und trug das braune Haar zu Pflechtezöpfen, die ihr jeweils links und rechts über die Schulter bis zur Brust fielen.
„Äh…was?“, fragte Bill etwas verdutzt.
Das Mädchen setzte sich neben ihn und rollte die Augen:
„Eine Zigarette!“
Bill lachte:
„Oh…äh…klar. Entschuldige!“, er reichte ihr seine Zigarettenschachtel nebst Feuerzeug.
„Warte mal, du bist doch dieser Tokio Hotel Typ!“, sagte sie und kniff die Augen zusammen.
Bill seufzte etwas schwermütig:
„Ja. Ich bin Bill. Und du bist?“
„Jenny!“, sagte sie lächelnd und gab ihm die Hand, „Du siehst ganz schön anders aus, wenn du nicht diese Emo-Schminke um die Augen hast.“
„Emo-Schminke?!“, er funkelte sie an, „Ich bin kein Emo!“
Jenny zwinkerte ihm zu:
„Gut, dann eben nicht. Sieht aber besser so aus, mein Lieber.“, sie strecke sich ungeniert und lehnte sich breitbeinig zurück.
„Bist du neu hier?“, fragte Bill, um das Thema zu wechseln.
„Jau. Ich mach ein freiwilliges ökologisches Jahr. Aber um ehrlich zu sein, hab ich mir das cooler vorgestellt. Ich meine, das ist jetzt schon der dritte Bauernhof. Langsam geht mir das gewaltig auf den Zeiger.“, sie grinste ihn an, „Und du? Bist bestimmt nicht hier, um Kühe zu melken oder?“
„Nein!“, grinste Bill, „Ich bin in Behandlung. Ich hab was mit der Stimme.“
„Oh!“, machte Jenny und zog genüsslich an der Zigarette, „Na dann solltest du wohl schnell wieder gesund werden. Ist ja sicher nicht so gut für dich und deine Band und eure ganzen Kreischkinderfans.“
„Du magst uns wohl nicht besonders, hm?“, fragte er und lachte. Er fand es unheimlich sympathisch, das sie ihm gegenüber so konfrontationslos offen war.
„Naja, was heißt nicht mögen. Ich steh nicht so auf Pop.“, antwortete Jenny und grinste ihm frech entgegen, „Oder Pop-Rock oder wie das heißt. Aber hey, jedem seine Musik. Ich bin nur echt überrascht, dass du so cool drauf bist!“
„Ja, ich fürchte, da bin ich der einzige hier.“, seufzte Bill und warf demonstrativ einen Blick aufs Haupthaus, „Die anderen beiden in unserem Alter sind einfach durchgedreht. Da wäre der Sohn des Besitzers, den du sicher auch schon kennengelernt hast, der sich aufführt wie Casanova himself und dann noch die hysterische Tochter meiner Ärztin, die von nichts einen Plan hat aber an allem rummeckert.“
„Oh je!“, machte Jenny, „Na dann ist es ja gut, dass ich dich kennengelernt hab.“

„Lené, mein Schatz? Ich geh schon mal ins Behandlungszimmer. Wärst du so lieb, nach Bill zu suchen und ihn zu mir zu schicken?“
„Ähm…, ja, klar, Mama…“, aber eigentlich seufzte Lené in diesem Moment schon wieder etwas genervt in sich hinein. Nein, sie hatte gerade wirklich nicht so die Lust, sich aufgerechnet auf die Suche nach diesem Typen zu machen, der den einen Tag so drauf war und den anderen wieder so. Und wenn ihre Erinnerungen an die letzten Tage zurückkamen, dann fühlte sie sich bei dem Gedanken an ihn sowieso alles andere als wohl. Trotzdem blieb ihr ja nach ihrer eigenen Zustimmung nichts anderes übrig, als jetzt eben nach Bill zu suchen. Ein Problem würde dabei natürlich die Orientierung sein. Aber von einem anderen ahnte das Mädchen bisher noch nichts. Lené kickte ein paar Steine vor sich her, als sie den Schotterweg hoch zu dem Stallungen und der Koppel beschritt. Dort vermutete sie Bill, denn sie wusste, dass er sich nicht mehr in seinem Zimmer aufhielt. Und viel weiter als bis zu den Pferden waren sie ohne Kaspars Begleitung ja auch noch nie gegangen. In der Ferne sah sie nun auch schon seine immerzu hochtoupierte Mähne. Eigentlich sollte diese Yuka-Palmen-Nachahmung dabei ja auch alleine sein, aber das war sie nicht, denn daneben befand sich noch ein Schopf mit geflochtenen Zöpfen und glänzendem langen Haar, das die 17-Jährige auf den ersten Blick bewunderte, dann beneidete. Die Situation begriffen. Und jetzt tat sie plötzlich ein riesiges Loch in ihrem Magen auf. Keine Gedanken mehr, ein wenig durcheinander, ihre Muskeln wollten sich nicht mehr so recht steuern lassen. So wich sie vom Schotterweg ab und lief quer über die huckelige Wiese zu den Stallungen, die in der Nähe der Koppel Schutz boten, zugleich aber auch einen hervorragenden Blick auf den Zaun der Koppel. Da befand sich Bill. Warum auch immer. Lené wollte jetzt nicht auf der Stelle auf sich aufmerksam machen; sie wusste selbst nicht herum. Erst mal abwarten, sagte sie sich selbst im Kopf und tapste leise durch die Tür in den Schuppen, in dem sich die Pferdeboxen befanden. So leise sie auch war – ein paar Pferde begannen gleich unruhig zu werden durch den fremden Besuch. Ein paar wieherten leise, die anderen scharten mit den Hufen. Das Mädchen sah sich ein wenig hilflos um, aber ein Wallach vor ihrer Nase wurde immer unruhiger und so trat sie notgedrungen an ihn heran.
„Hey, ist doch gut…“, sprach sie langsam auf ihn ein und blies ihm in die Nüstern. Sogleich beendete das dunkelbraune Pferd das Schaben und schaute Lené nur mit seinen großen, feuchten Augen an.
Ja…, du bist ein ganz braver…“, flüsterte sie ihm zu, lächelte ihn an und strich ihm ein paar Mal über den Hals in der Hoffnung, ihn so milde zu stimmen. Schließlich senkte der Wallach seinen Kopf weniger interessiert und Lené wagte das Risiko einzugehen, sich jetzt wieder von ihm zu entfernen. Sie seufzte und eilte jetzt schnellen Schrittes in die Sattelkammer. Ihrer Ansicht nach müsste das der Raum sein, vom dem aus sie durch ein Fensterchen direkt nahe des Koppelzaunes war. Dann konnte sie ihn endlich sehen, mit wem Bill da stand. Ein Mädchen, ja, so viel wusste sie schon. Aber trotzdem wollte sie es nicht so recht glauben.
„…geht schon…! Wie gesagt, die Tochter der Ärztin…ist echt so ´n bisschen komisch drauf…, aber sonst fühle ich mich hier eigentlich ganz wohl…! Und wie ist das bei dir? Geht’s hier besser, als auf den anderen Bauernhöfen?“, sie nahm Bills Stimme wahr und jetzt konnte sie ihn auch sehen. Er stand an einen Pfosten des Zauns gelehnt und kniff auf eine gewisse Art und Weise seine Augen zusammen, weil die Sonne ihn blendete.
„Na ja…, ja, eigentlich schon…! Und ich meine, wenn hier nicht ständig so Vollpfosten rumlaufen würden – du bist da ja echt mal ´ne Ausnahme –, dann wär’s sogar noch besser auszuhalten!“, das Mädchen grinste, sie grinste. Lené wollte das nicht glauben und stand angespannt an die Wand gelehnt, weiterhin aus dem kleinen Fenster lugend.
„Nett von dir…, aber du hast schon Recht…! Ist echt cool, wenn hier auch mal ´n paar vernünftige Leute rumlaufen, mit denen man sich ordentlich unterhalten kann.“
Tja, siehst du mal!“, wie sie da stand! Lené traute ihren Augen nicht. Hüfte raus, Hand dran und wahrscheinlich blinzelte sie auch noch so, als wäre die Sonne tausendmal heller als in Wirklichkeit. Und der Höhepunkt kam ja noch, jetzt strich sie ihren Zopf zurück. So, als gehörte sie zu den Supermodels dieser Welt. Ging’s noch?
Die 17-Jährige schnaubte und sah plötzlich seinen Blick in ihre Richtung schnellen. Sofort zog sie ihren Kopf zurück, traute sich kaum zu atmen. Angst vor Verrat.
Bill runzelte dir Stirn:
„Hast du das auch gesehen?“
„Nö, was denn?“, fragte Jenny und folgte seinem Blick.
„Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen.“, murmelte Bill und machte ein paar Schritte auf den Stall zu. Es konnte schließlich durchaus möglich sein, dass sich ein Journalist hierher verirrt hatte und darauf hatte er beim besten Willen die geringste Lust.
„War sicher nur eins der Pferde. Und wo wir grade bei Tieren sind. Ich muss zu den Kühen. Letzte Woche habe ich es einmal vergessen, sie zu melken und da waren sie ziemlich ärgerlich mit mir.“, Jenny, die eine dunkle Latzhose und darunter ein sehr knappes weißes Hemdchen trug, klopfte sich die Stiefel ab und grinste, „Ich muss an die Arbeit. Wir sehen uns dann nachher. Wenn du Bock hast, können wir ja mal die Gegend erkunden. Ich hatte bis jetzt auch noch nicht so viel Zeit hier. Ich hab gestern meine letzten Sachen geholt, weil ich ja auch hier wohnen muss.“
Bill lächelte charmant:
„Klar. Besser als hier zwischen Pferdescheiße und ranziger Milch rumzuhängen.“
Jenny zwinkerte:
„Würde ich es nicht besser wissen, würde ich sagen, dass du nicht berühmt bist.“, damit lief sie in einem eleganten zügigen Gang zu Weide.
Lächelnd sah ihr Bill nach. Jenny war wirklich cool. Und sie war nett und unkompliziert, so, dass man mit ihr umgehen konnte und zwar auf einem vernünftigen Niveau. Davon mal ganz abgesehen war sie auch noch gutaussend und scheinbar sehr sportlich. Tom hätte sich bestimmt sofort die Finger nach ihr geleckt.
Bill warf ein weiteres Mal einen Blick in den Stall und beschloss hineinzugehen. Es konnte schließlich nicht schaden, wenn er nachsah. Als berühmter Star konnte man nicht paranoid genug sein. Er ging über die hölzernen Bodendielen, die unter seinem Gewicht quietschten und ächzten, links und rechts prächtige Pferde, die allerdings etwas unruhig durch seine Anwesenheit wurden. Dann vernahm er plötzlich ein leises Rascheln in der hintersten Ecke neben dem kleinen Fenster.
„Lené?“, fragte er, als er das schlanke dunkelhaarige Mädchen entdeckte. Sie sah ihn etwas ertappt an, „Was machst du bitte hier?“
„Ähm…, ich…ich…, ich wollte nach…nach den…Pferden gucken…, wa-wa-weil meine Mutter hat gesagt, dass…dass ich-“
„Kann es sein, dass du mich hinterher spionierst oder so?“, Bill kratzte sich am Kopf und verdrehte die Augen, was eigentlich gestikulierend gar nicht zusammen passte. Nur war das gerade Lenés kleinste Sorge.
„Ähm…, na-na-nein…, ich…ich sollte doch…nur…nur gucken, wo…“
„…ich bin…?“, fragte er und amüsierte sich seinem Grinsen nach zu schließen scheinbar köstlich. Das dunkelhaarige Mädchen war von der Situation allerdings alles andere als angetan. Und für ihr Stottern konnte sie sich ebenso verfluchen. Das verriet eben alles.

„Na, du hättest ja auch einfach mal nach mir rufen können. Da hättest du mich auch gefunden!“, meinte er vorwurfsvoll und Lené wunderte sich noch über seine ruhige Art. Eindeutig zu früh gefreut!
„Stattdessen belauschst du mich scheinbar. Na, hat’s Spaß gemacht…? Glaubst du nicht, mir reicht’s schon, wenn ich sonst alltäglich immer irgendein Mikrofon unter die Fresse gehalten bekommen?!“, Wut, sie spürte Lené, aber plötzlich fand auch sie wieder Kraft. Und Mut. Woher auch immer.
„Ich glaub’, ich sollte dir eher die Frage stellen, ob’s dir Spaß gemacht hat, mit dieser Playboy-Titelseiten-Girl-Imitation zu flirten?!“, fragte Lené höhnisch und grinste. So viel Sarkasmus hatte sie nicht mal von sich selbst in diesem Augenblick erwartet.
„Moment mal…! Ist das etwa Eifersucht bei unserer kleinen Lené…?! Dass ich nicht lache!“, jetzt war Bill derjenige von beiden, der sich eins ins Fäustchen lachte. Und das Mädchen stand ihm nur erstarrt gegenüber, bis sich ihre Zunge zum Glück wieder entknotete: „Sag’ mal, hast du noch alles bei dir oder was geht ab…?! Hör’ auf rumzuspinnen und guck’ dich mal an, damit-“
„Das mit dem Angucken sollte ich wohl eher sagen…?! Wer ist denn hier diejenige von uns Beiden, die so scheu zu Jungs ist, weil sie keine Ahnung von Beziehungen hat?! Ich oder du…?! Dass ich nicht lache, du bist siebzehn und hattest wahrscheinlich nicht mal ´nen-“

„Halt’ deine verdammte Klappe“, schrie Lené außer sich und konnte ihre Hände nicht mehr still halten. Hoch erhoben.

„Oh, oh, oh…! Muss ich Angst kriegen, dass du gewalttätig wirst oder…“, Bill erstarrte und brach sich selbst ab. Lené war auch erstarrt. Ihr Gesicht nur Angst widerspiegelnd. Bills Miene gleichend.
Mit einem lauten Wiehern trat eine schöne Stute, zwei Boxen von ihnen entfernt gegen die Verriegelung, bis diese schließlich nachgab und mit einem lauten Krachen aus den Angeln flog.


Kapitel 10



„Scheiße!“, rief Bill und trat soweit zurück, bis ihm die Wand den Weg versperrte. Er zog Lené, die ungläubig da stand und auf das zerbrochene Tor starrte, mit sich.
Das Pferd lief aus der Box, wieherte und scharrte unruhig, schlug immer wieder mit den Beinen aus und schien ganz verrückt zu werden. Es drehte sich um sich, bis die Hinterläufe der Stute unmittelbar vor Bill und Lené ausschlugen.
Mit einem Aufschrei duckte sich Bill unter die Hufen, zerrte Lenè am Handgelenk, so dass die auf die Knie fiel. Sie schien vor Angst ganz starr und unfähig, auch nur irgendetwas zu ihrer Sicherheit zu unternehmen.
„Wir müssen hier raus!“, rief Bill über das Wiehern des Pferdes hinweg. „Sonst bringt uns das Vieh noch um.“
Die Stute trat abermals nach ihnen und verfehlte sie dieses Mal nur um Haaresbreite. Einstweilen wurden auch die anderen Tiere ängstlich und begannen, sich gegen ihre Boxen zu stemmen. Wenn sie den Stall nicht irgendwie verlassen konnten, würde es keinen guten Ausgang nehmen.
„Bill! Lené!“, schrien zwei Stimmen durch die unmögliche Lautstärke. Es waren Kaspar und Jenny. Bills Herz klopfte noch heftiger vor Erleichterung.
„Bleibt, wo ihr seid!“, rief Jenny, warf ihre Zöpfe nach hinten und ging langsam auf das Pferd zu, „Ruhig, Tamara. Ganz ruhig.“
Die Stute schlug wieder aus und diesmal trafen die Hufen die Holzwand unmittelbar links von Bill und Lené und hinterließen ein hässliches Loch in den Brettern.
„Verdammt!“, rief Jenny, „Ich brauch ein Seil, Kaspar. Wir müssen sie einfangen.“
„Okay!“, Kaspar rannte aus dem Stall und kam nach ein paar Sekunden mit einem dicken aus Hanf gedrehtem Seil wieder zurück.
Jenny stellte sich breitbeinig vor das Pferd, band eine Schlaufe in den Strick und schleuderte es gezielt auf die wilde Stute zu.
„Ich hab’ sie!“, rief Jenny und lief langsam zurück, um das Pferd aus dem Stall zu kriegen.
Tamara schlug noch immer aus, wieherte und wehrte sich gegen den Zug der von Jenny ausging.
„Los, raus, jetzt!“, rief Kaspar, eilte bedacht an der Stute vorbei und lief auf Bill und Lené zu. „Kommt schon!“, er packte Lené und bedeutete Bill, ihm zu folgen.
Erstarrt, versteinert. Ein paar Meter von der Stalltür entfernt blieb Lené stolpernd stehen. Neben ihr Bill. Sie zitterte. In die Luft starrend. Sie realisierte gar nichts. Sie war nicht hier, da war nur Angst, mehr nicht. Und ihre Beine gaben unter ihr nach, jetzt.
„Lené!“, zwei Stimmen, die erschreckt ihren Namen ausriefen. Und als sie paralysiert ihren Blick wieder hob, sah sie auf der linken Seite Bills Hand an ihrem Oberarm. Am anderen Kaspars. Und die beiden sahen sich nun an.
„Komm’ rauf“, Bill. „Komm’ schon…“, Kaspar, der besorgter klang. „Alles okay?“, fragte er gleich hinterher. Lené immer noch unfähig, ihren Mund aufzumachen. Sie nickte nur. Ein Wunder, dass sie dazu überhaupt in der Lage war.
„Lené…, hey…“, seine Stimme. Nein, nicht Kaspars. Bills. Auch seine Hand blieb an ihrem Arm, rutschte nun hoch zu ihrer Schulter. Und noch immer nahm das Mädchen das alles nicht wirklich wahr. Sie merkte nicht, was mit ihr geschah. Sie realisierte es nicht. Sie war gefesselt. Unfähig für Taten. Wie in einer Seifenblase, die nicht zu zerstechen war.
„Hey…, sag’ was…“, immer noch er. Die andere Berührung war vergangen. Nur noch seine Finger, die meine Haut sanft berührten.
„B-Bill…“, warum nur diesen einen Namen? Warum nicht mehr? Oh, mann!

Lené stöhnte auf. Alles wahrnehmend. Sich über sich selbst ärgernd. Sie verfluchte sich selbst. Sie wollte weg. Nur weg aus dieser Situation. Weg von Bill. Weg von Kaspar. Sie wollte niemanden mehr sehen. Obgleich des Schocks. Alles war ihr so egal.
Ihre Füße trugen sie. Immer schneller. Weiter. Weg. Rufe, die ihr nachfolgten, aber sie hörte sie schon lange nicht mehr. Letztendlich verstand sie aber nichts mehr. Rein gar nichts. Sie verstand die Welt nicht, sich selbst nicht, ihre Gefühle nicht, genauso wie ihre Reaktionen. Alles war durcheinander gewürfelt. Keine Gedanken mehr, musste sie sich einreden, um scheinbar nicht verrückt zu werden. Solange, bis sie in ihrem Zimmer angekommen war und sich kraftlos auf ihr Bett fallen ließ.

„Bill?“, rief Jenny besorgt, nachdem sie die Stute beruhigt hatte, „Alles klar bei dir?“
„Ja…ich denk schon.“, murmelte er etwas verstört. Die Angst steckte ihm noch in den Gliedern und er konnte sich Lenés Verhalten nicht erklären.
„Was habt ihr gemacht, dass Tamara so dermaßen wild geworden ist?“, fragte Kaspar erstaunt, „Sie ist schon immer temperamentvoll gewesen, aber sowas hat sie noch nie gemacht.“
„Frag das Lené!“, maulte Bill, der sich langsam wieder fing, „Sie hat rumgeschrien. Kein Wunder, dass das Vieh da abgegangen ist.“
„Ich bin mir sicher, dass du auch nicht ganz leise warst!“, entgegnete Kaspar giftig.
„Wenn sie mich ver-“, begann Bill, doch Jenny machte eine herrische Geste.
„DAS REICHT JETZT!“, sie stellte sich zwischen die Fronten. „Kaspar, geh du einfach nach Lené schauen und Bill, du gehst du deiner Therapeutin. Das ist ja hier wie im Kindergarten.“
Bill und Kaspar funkelten sich noch einen Herzschlag lang wütend an, bis sie schließlich in verschiedene Richtungen abgingen. Jenny seufzte kopfschüttelnd.

„Da bist du ja endlich!“, rief Frau Fassner aufgebracht, „Lené sollte nach die suchen. Wo ist sie denn überhaupt?“
Bill zuckte die Schultern und ließ sich auf den Behandlungsstuhl fallen. Missmutig starrte er auf seine schwarzen Fingernägel. Er hatte keine Lust mehr – er wollte hier wieder weg. Nach Hause zu Tom und zu den Jungs, zu seinem Team und seinen Freunden. Er wollte wieder singen, schreien und das Jubeln der Fans genieße, schweißgebadet in den Backstageraum laufen und sich über das gelungene Konzert freuen.
„Gut, dann machen wir nochmal die Übung von unserer letzten Sitzung.“, erklärte Lenés Mutter und setzte sich ihm gegenüber.


„Lené?“, rief Kaspar durch die geschlossene Tür.
Die Tür war offen. Warum kam er nicht einfach rein? Das waren Lenés Gedanken, als sie Kaspars Stimme gedämpft von vor de Tür wahrnahm. Aber sagen konnte sie nichts. Ihre Stimmbänder schienen immer noch verknotet. Warum auch immer waren Tränen auf ihren Wangen. Einfach so ohne Grund. Der Schock, dem schob sie das selbst zu. Etwas anderes konnte es nicht sein. Oder irrte sie sich da mit ihren eigenen Gefühlen?

„Kann ich reinkommen…, bitte…?“, wieder seine Stimme. Das Mädchen konnte immer noch keinen Ton über ihre Lippen bringen. Und so hörte sie im nächsten Moment nur noch die Tür aufgehen.
„Alles okay…?“, er sprach sanft, wirklich liebevoll und, nein, das sollte Lené jetzt am besten erst gar nicht denken. „Ja, geht schon…“, murmelte sie nur und war froh, dass ihre Stimme wieder zu funktionieren schien. „Was…ist denn los…?“

„Nichts…, ich…, es…, ich…, es war einfach ein bisschen…zu viel…, denk’ ich…“, wirklich fast unfassbar, dass sie überhaupt so viele Worten auf einmal über die Lippen bekam. „Okay…, ähm…, soll ich dich alleine lassen…oder geht’s…?“, sie zuckte mit den Schultern, obwohl sie eigentlich lieber ein wenig Zeit für sich gehabt hätte. „Na ja…, brauchst du vielleicht…irgendwas, Lené…? Ich meine…, wenn ich dir helfen kannst…, wa-wa-weißt du…, ich mach’ mir echt Sorgen…“, er klang seltsam. Und gerade das bereitete dem Mädchen Unbehagen.
„Nein…, ist okay…“, lehnte sie schließlich ab, auch wenn sie sich damit nicht so recht sicher war, ob sie das Richtige tat oder nicht. „Okay…, da-da-dann lass’ ich dich mal allein, wenn’s recht ist!“, sie nickte einfach nur so motorisch und wartete ab, bis sie die Tür ins Schloss fallen hörte. Dann erhob sie sich aus dem Kissen. Immerhin hatte sie Kaspar die ganze Zeit nicht ins Gesicht geblickt. Gedanken und schließlich hatte sie erst mal das Gefühl, sich wenigstens wieder ein wenig ansehnlich zu machen. Sie tapste zur Tür, blickte den Flur entlang. Zum Glück niemand. Sie stirrte zum Badezimmer gegenüber und hüpfte rüber, aber mitten im Sprung stoppt sie, als sie seine Stimme hörte. Intensiv, aber nicht leise. Wirkungsvoll für sie. Und ein Schauer auf ihrem Rücken.

„Komm schon Bill!“, sagte Frau Fassner mit Nachdruck.
„Nicht schon wieder!“, seufzte Bill schwermütig und fuhr sich durchs Haar, „Nicht schon wieder diese Aufgabe. Wir haben das schon hundert Mal gemacht und die Fortschritte sind minimal. Ich bitte Sie, geben Sie mir eine Aufgabe, die hilft. Ich…ich kann einfach nicht mehr.“, er presste die Lippen aufeinander und blinzelte beschämt die Tränen beiseite, die sich in seine Augen geschlichen hatten.
„Wie meinst du das, Bill?“, Lenés Mutter sah ihn besorgt an und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Materialschränke.
Bill atmete tief durch und schüttelte traurig den Kopf:
„Das geht jetzt schon so lange. Es kommt mir vor, als würde die Therapie endlos sein. Ich kann nicht mehr, Doktor Fassner. Ich bin der Übungen leid und ich will endlich nach Hause, auf die Bühne. Wissen Sie, was es für ein Gefühl ist, wenn man in einem Meer aus tausend Lichtern steht? Wie die Wärme der Scheinwerfer den Schweiß trocknet und einen gleichzeitig auch wieder zum Schwitzen bringt? Kennen Sie das Gefühl, wenn man auf der Bühne die Augen schließt und all den Geräuschen zuhört, die einem selbst gelten? Und wenn man die Augen wieder öffnet und die Leidenschaft und Sehnsucht in den Gesichtern der Fans liest und das Glück, wenn ich beginne zu singen? Können Sie sich das Gefühl vorstellen, dass man nach dem Konzert hat, wenn alles vorbei ist und ich geschafft, aber völlig befriedigt mit den drei Menschen zusammensitzen kann, die mir neben meiner Familie alles bedeuten?“, Bill fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Er wusste, dass seine Therapeutin sah, dass er weinte, aber er wollte es ihr trotzallem nicht so offensichtlich machen, „Jeder Tag, den ich hier bin und den ich in Ihre Praxis muss quält mich und verschlimmert mein Bühnenheimweh. Ich weiß, dass sie die beste Ärztin für diesen Bereich in Deutschland sind, aber bitte, es muss etwas geben, dass das alles beschleunigt. Ich halte es nicht mehr aus. Ich…kann einfach nicht mehr.“

Lené erstarrte, traute ihren Ohren immer noch nicht. Sie rieb sich nervös mit der Fingerspitze in einem von beiden herum und starrte nur gen Wand, daneben die Badezimmertür. Moment mal, das…hatte Bill gerade wirklich alles gesagt? Jedes einzelne Wort? So verweint klingend? Nein. Nein, das konnte sich die 17-Jährige beim besten Willen nicht vorstellen. Aber sie traute sich auch nicht, in die Richtung zu gehen, aus der man immer noch ein leises, weinerliches Seufzen vernahm. War es also doch wahr? War das hier Wirklichkeit, Realität? Je mehr Lené zu diesem Glauben gelangte, desto mehr spürte sie ein gewisses Gefühl in sich aufsteigen. Mitleid, Mitgefühl und dazu noch ein Drang zu helfen. Nur wie? Ja, Bill, er verlangte Hilfe, er wollte wieder auf die Bühne. So weit hatte sie das verstanden. Er hatte keine Kraft mehr, diese Therapie zu machen. Keine Kraft mehr, weil er wieder seinen Alltag brauchte. Das Rampenlicht, die Fans, die Musik, seine Freunde. All das, was er so liebte und schätzte in seinem Leben. Da schoss Lené eine Sache in ihren Kopf, die sie nun einen Moment lang an sich selbst denken ließ. Was war eigentlich mit ihr? Was liebte sie, was schätzte sie in ihrem Leben? Gab es irgendwas, wofür sie kämpfte? Irgendwas, einen Grund? Ja, vielleicht, dass sie die Schule gut abschließen und später einen guten Beruf ergreifen würde, aber sonst? Sonst gab es nicht allzu viel. Sie war kein Mensch, der sich auf Partys freute. Sie war immer anders gewesen als andere. Aber hatte sie denn deswegen kein Lebensziel, keine Motivation? Bill hatte sie ganz klar, aber er brauchte sie wie die Luft zum Atmen. Und jetzt war ihm die Luft einfach ausgegangen. Das erste Mal in seinem Leben, scheinbar…
„Bill…, ich…, weißt du, ich versteh’ dich…, wirklich…, aber mein Job ist es nun mal deine Stimme wieder in Ordnung zu bringen…und das geht nun mal nicht anders als mit solchen Übungen…, so dröge sie auch seien mögen.“
„Aber ich kann nicht mehr…“, hörte Lené ihn wiederholt sagen und atmete tief durch. Ja, er tat ihr wirklich Leid. Ihr Blick spiegelte das nur wider, wenn auch unbewusst.
Bill atmete ein paar Mal tief durch und versuchte, sich zu fangen. Seine Nerven lagen seit geraumer Zeit blank, es war nicht verwunderlich, dass begann durchzudrehen.
„Du wirst nur mit konsequenten Übungen wieder gesund. Je nach deiner Gefühlslage und den Fortschritten deiner Stimme können wir die Therapiesitzung Stück für Stück verlängern, aber das dauert seine Zeit. Wir sind schon so gut vorangekommen, Bill. Deine Stimme wird doch immer besser. Du kannst fast normal reden. Das kratzige in deiner Stimme ist auf die Reizung durch die Operation zurückzuführen. Allerdings, und das hast du ja inzwischen bemerkt, kannst du noch nicht laut reden, geschweige denn singen, aber ich versichere dir, wir sind auf dem besten Weg.“, Frau Fassner strich ihm zärtlich über den Unterarm, „Du wirst wieder nach Hause können, aber ein wenig mehr Zeit musst du dir und deiner Stimme noch geben.“
„Hm!“, machte Bill und blinzelte, „Kann ich kurz…können wir…fünf Minuten Pause machen?“, schluchzte er und hielt sich die Hände vors Gesicht. Seine Augen brannten und in seiner Kehle spürte er dieses merkwürdige Gefühl. Er wollte nicht, dass sie ihn richtig weinen sah.
„Natürlich, Bill. Ich warte hier.“
Er rutschte von der Liege und eilte aus der Tür, an jemandem vorbei, den er aus seinen wässrigen Augenwinkeln heraus nicht mehr identifizieren konnte, lief ins Bad und gab seinen Tränen nach. Eigentlich wollte er nicht weinen. Er war nicht der Typ, der weinte. Allerhöchstens aus Zorn oder wenn Tom mal wieder gemein zu ihm war. Aber ansonsten gab es nie einen Grund zu weinen. Bill liebte sein Leben, es war perfekt so in seinen Augen. Anstrengend und nervenaufreibend, aber genau das brauchte er, um zu existieren. Umso schlimmer war es jetzt für ihn, dass er vollkommen verloren und absolut nicht im Einklang mit der Welt auf den Badezimmerfliesen eines Bauernhauses hockte und heulte. Er versuchte, dass laute Schluchzen zu unterdrücken, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Seine Schminke lief tränenförmig seine Wangen hinab und tropfte auf die makellos weißen Fliesen.
Warum zur Hölle musste das alles ausgerechnet ihm passieren. Es gab Sänger, die viel mehr Konzerte spielten und Stress hatten und trotzdem nie eine Zyste an den Stimmenbändern bekamen. Und er? Er verausgabte sich mal ein bisschen und bumm… Und das mit nicht einmal zwanzig.
„Bill?“, jemand hatte die Badezimmertür geöffnet.
Hastig wischte sich Bill über die Augen und blinzelte die Feuchte beiseite. Lené hatte sich vor ihn gehockt und sah ihn besorgt an.
„Man, was willst du denn?“, keifte Bill. Lené war nun wirklich die allerletzte, die er in einem solchen Moment sehen wollte, „Geh weg!“
„Aber ich-“
„GEH WEG!“, schrie Bill und schlug wütend mit der rechten Faust auf den Badewannenrand.
„Hey, was ist denn hier los?“, Jenny lugte aus dem Türrahmen. Ihr Blick fiel auf Bill und ihr neugieriges Gesicht wurde augenblicklich ernst, „Bill? Geht’s dir nicht gut?“, sie eilte auf ihn zu.
„Wir kommen schon klar, danke!“, sagte Lené trocken.
Jenny runzelte die Stirn:
„Hast du ein Problem, oder was?“, sie wandte sich an Bill, „Was ist mit dir? Ist was passiert?“
Er schniefte:
„Nein, alles gut.“
Lené streckte die Hand nach ihm aus, doch Bill funkelte sie so wütend an, dass sie mitten in der Bewegung inne hielt und den Arm schließlich ganz zurück nahm.
„Würdest du jetzt endlich gehen?“, sagte er leise aber bestimmt. Sie sollte ihm einfach aus den Augen gehen und ihn verdammt noch mal in Ruhe lassen.
Sie wollte dem etwas entgegensetzen, aber sie besann sich wohl eines besseren, presste die Lippen fest aufeinander und verließ das Badezimmer.
„Kleiner Nervenzusammenbruch, hm?“, fragte Jenny zärtlich.
„Ja, man!“, Bill grinste verlegen.
„Ach, das passiert mal.“, Jenny lächelte, „Ich hol dir erstmal eine heiße Schokolade und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“
Bill nickte dankbar. Auch wenn er Jenny im Prinzip nicht kannte, so hatte er sie doch jetzt schon in ihr Herz geschlossen. Sie war das erste Mädchen, das ihm Freundlichkeit entgegenbrachte, obwohl sie kein Interesse an Tokio Hotel oder seinem persönlichen Ruhm hatte.
Nach der heißen Schokolade ging es ihm tatsächlich besser. Er meisterte die Übungen während der Therapiesitzung mit Bravour und beteiligte sich anschließend zusammen mit Jenny an der Vorbereitung des Abendbrots. Bill verzichtete dieses Mal darauf, den Salat zu schneiden und begnügte sich stattdessen eher damit, das Geschirr kunstvoll auf dem Tisch zu platzieren. Irgendwie erinnerte ihn dieses Procedere an seine Kindheit, als er noch zusammen mit Tom, seiner Mutter und seinem Vater zu Abend gegessen hatte. Fand er diese Bauerntradition des gemeinsamen Essens am Anfang eher lächerlich, so mochte er sie jetzt umso mehr. Kaspars Mutter hatte zwar penetrant versucht, ihn vom Helfen abzuhalten, aber es machte ihm Spaß und munterte ihn auf und so ließ er sich nicht breitschlagen.
Als sich alle am Tisch versammelt hatten, breitete sich allerdings ein unangenehmes Schweigen aus, ausgehend von den Jugendlichen, die heute einen mehr als differenzreichen Tag gehabt hatten.
„Und?“, fragte Kaspars Vater, „Was macht ihr heute Abend?“
Kaspar grinste:
„Lené und ich wollten ins Kino. Mal sehen, was so kommt.“
„Da darf unsere liebe Lené aber nicht enttäuscht sein. Das Kino ist eher ein Kinochen.“, lachte der dicke Bauer.
„Ach, das stört mich nicht. Ist doch schön, wenn’s nicht so groß und man unter sich ist.“, antwortete Lené und Bill hätte ihr am liebsten eine der Tomaten an den Kopf geworfen, die er auf seinem Teller zu liegen hatte. Grade weil man in diesem Kino „unter sich“ war, wollte Kaspar mit ihr dort hingehen. Er hatte den Abend in seinem Kopf ganz sicher schon geplant und Lené schien tatsächlich so naiv zu sein, das nicht zu merken.
„Und ihr zwei?“, fragte Kaspar Mutter und reichte Bill den Brotkorb.
„Ähm…“, begann er, doch Jenny klopfte ihm grinsend auf die Schulter.
„Bill und ich machen eine Kneipentour. Da ich ja auch neu hier bin, ist das sicher witzig, stimmt’s?“, Jenny zwinkerte ihm zu und warf ihre schönen Zöpfe über die Schultern.
„Klar!“, grinste Bill zurück.
„Warum verbindet ihr das nicht einfach?“, schlug Frau Fassner vor, „Dann könnt ihr zusammen gehen. In einer Gruppe hat man doch immer mehr Spaß. Erst ins Kino und dann in die Kneipen, wobei ihr es mit dem Alkohol nicht übertreiben solltet. Auch wegen deiner Stimme nicht, Bill.“
„Ja, warum eigentlich nicht?“, nickte Kaspar.
Lené und Bill funkelten sich einen Moment an und stimmten schließlich schweigend zu.
„Na dann!“, rief Jenny, „Ich würde sagen, dann machen wir uns in einer halben Stunde los.“


Kapitel 11


Eine knappe halbe Stunde später stand Lené mehr oder weniger bereit – seelisch wohl am wenigsten, gestylt auf jeden Fall – in ihrem Zimmer und prüfte noch einmal, ob sie auch alles Notwendige in ihre kleine Handtasche gesteckt hatte, die sie mitnehmen wollte. Sie betrachtete sich selbst auch noch mal in dem Spiegel, der an der Wand hing. Zu dem Anlass eines Kinogangs und Kneipengangs – auf letzteren hatte sie zugegeben wirklich nur wenig Lust – hatte sie ein schlichtes Outfit gewählt. Eine enge Jeans und dazu ein Top, das sie gerne trug. Vielleicht würde es mal Glück bringen, wobei auch immer. Lené ahnte ja auch noch nicht, was sie an diesem Nachmittag und dem anschließenden Abend so alles erwarten würde.
„Ach…, du auch fertig…?“, kam es herablassend von hinten und als Lené sich umwandte, stieß sie mit ihrem Blick gleich auf die stechenden Augen von einem gewissen Jemand. Dieser war zu ihrer Nicht-Verwunderung natürlich Bill.
„Sag’ mal…, das nächste Mal klopfen, ne…?! Hätte ja sein können, dass ich gerade halbnackt hier rumstehe!“, sagte sie warnend und in einem ebenso herablassenden Ton, wie er es zuvor getan hatte. „Na ja, ich glaube, dir würd’s ja sogar gefallen. Dann würde ich gehen und deinen lieben Kaspar hierherschicken, dann kannst du ihm einen vorstrippen, was denkst du?!“, sie starrte ihn nur fassungslos an und suchte nach den passenden Worten, um etwas Fieses zurückzugeben. Und gerade glaubte sie sie gefunden zu haben, da schlug die Tür auf es blickte tatsächlich gerade Kaspar herein. Im Gegensatz zu Bill und mir schien er glänzender Laune zu sein.
„Na, alles klar…? Habt ihr alles?“, fragte er und blickte uns beide abwechselnd an. Ich war immer noch ein wenig irritiert und wechselte bei meinen Blickkontakten mit denen mit Bill und denen mit Kaspar. Den schien das aber wiederum auch durcheinander zu bringen.
„Hab’ ich was verpasst oder so?!“, er blickte deutlich perplex rein. „Ach, ich musste Bill gerade nur ein paar Benimmregeln erklären. Ich bin immer noch ein wenig verwundert, dass er die vorher nie kannte!“, zog die 17-Jährige den Jungen auf, der nun mit grimmiger Miene und verschränkten Armen neben ihr stand. Kaspar, der die Situation zwischen den beiden nun begriffen zu haben schien, kommentierte es nicht weiter und bemerkte stattdessen: „Nun gut…, seid ihr fertig…? Weil wir ansonsten nur noch auf Jenny warten müssen.“
„Ja, sind wir“, antwortete Lené gleich, ohne einen eventuellen Widerspruch von Bill zuzulassen. Der hatte aber auch keinen, meinte aber hinzufügen zu müssen: „Tja, die braucht eben länger als Lené, weil sie sich ein etwas edleres Outfit ausgesucht hat!“, fast in einem höhnischen Ton. Das Mädchen neben ihm ignorierte es gekonnt, auch wenn Bill die Miene genug verriet. Der grinste nur, während Kaspar ein wenig unbeteiligt da stand und schließlich näher an Lené herantrat. Sie lächelte ihn an und er tat es ihr gleich.
„Schönes Oberteil“, kam es mit einem bewundernden Blick aus seinem Mund und er strahlte die 17-Jährige an. „Dan-“
„Ah, Jenny!“, das war Bill, der jetzt in einem übertriebenen Freudentaumel auf Jenny zuging, die gerade in der Tür erschienen war. In einem recht kurzen, rosa Cocktailkleid. Eindeutig glamouröser als Lené, aber die interessierte das gerade gar nicht. Viel mehr gefiel es ihr nicht zu sehen, was Bill da gerade tat. Der spielte gerade die Rolle des Romeo perfekt, der seine Julia zehn Jahre nicht gesehen hatte. Auf diese Weise nahm er zumindest Jenny in den Arm, fand sie. Kindisch, schoss es ihr nur durch den Kopf und sie gab sich Mühe wieder mit lächelndem Gesicht zu Kaspar neben sich zu blicken.
„Okay, dann lasst uns mal losgehen!“, ließ Jenny eine Minute später verlauten, nachdem Bill sich nach Lenés Ermessen genügend gefreut haben musste. Gemeinsam machten sich den Weg. Zum Auto. Kurzer Weg also.
„Ich fahre.“
„Na, du wirst uns ohnehin nicht nach Hause bringen, Kaspar!“, zog Jenny ihn auf, was Bill und Lené erst einmal gar nicht verstanden. Aber als alle im Auto ihre Plätze einnahmen, dämmerte es dem Mädchen, dass der Kneipenabend nicht ganz so harmlos ablaufen würde, wie es sich das eigentlich vorgestellt hatte. Und noch wusste es ja auch nicht, wie Recht es später damit haben würde.
„Was für ´nen Film wollen wir eigentlich schauen, Kaspar…? Was läuft? Ich hab’ vergessen, mich mal schlau zu machen!“, ließ Jenny fallen und so machten natürlich auch die anderen beiden fragende Gesichter und lauschten aufmerksam der Antwort des Bauernjungen: „Also…ich wäre für Horror…! Also mal was Spannendes und nix für schwache Nerven, oder?!“, er beeilte sich mit dem Reden, um den Überblick über die Straße nicht zu verlieren. Und Lené hoffte einfach nur inständig, dass er seine Konzentration auch behalten würde.
„Super, finde ich klasse! Und wer will Popcorn?“, fragte Jenny in die Runde, sie wirkte schon richtig gut gelaunt. „Ich“, verkündete Lené sofort und grinste und Kaspar, der den Wagen fuhr, hob zur Meldung auch kurz die Hand, konzentrierte sich dann aber richtigerweise wieder gleich auf den Straßenverkehr.
„Ich bevorzuge ja Nachos!“, führte Jenny ihr alleiniges Gespräch fort und jetzt sah Lené Bill neben sich grinsen. „Ja…, ich auch…! Eben nichts mehr für kleine Kinder und so!“, dass Lené seinen Seitenblick spürte, wunderte sie nicht, aber es verletzte sie. Und zwar mehr, als sie sich selbst zuzugeben vermochte.
„Okay, dann ist doch ganz klar, wer zusammen sitzt!“, rief er jetzt auch noch aus. „Jenny und ich…und Lené und Kaspar. Na, wenn das nicht passt!“
„Du hast ja gar kein Problem, ´ne egozentrische Führungsfigur darzustellen, was, Bill?!“, kam es Lené schließlich über die Lippen, ohne dass sie es in diesem Wortlaut wollte. Kein Wunder, dass Bill ihr zuerst einmal nur einen stechenden Blick wie auch sonst zuzuwerfen wusste. Sie wich diesem aus. Unangenehm, dazu ihr Gedanke. Aber seine Abwehr traf sie mehr, als sie es selbst mal wieder wollte. Heute lief irgendwie nichts in ihrem Sinne, das hätte sie in diesem Augenblick wohl zu Recht behaupten können.
„Weißt du…, du musst echt ziemlich schwach sein…, wenn ich mir so angucke, was für dämliche Sachen du manchmal von dir gibst…? ´N kleines Mobbingopfer aus der Grundschule oder wie sieht’s aus?“, von da an schwieg Lené, sagte nichts mehr und den folgenden Gesprächen der anderen schenkte sie auch keine Aufmerksamkeit mehr, bis das Auto schließlich stoppte.
Kaspar räusperte sich vernehmlich und auch Jenny warf Bill einen warnenden Blick zu. Was er da gesagt hatte, tat ihm bereits Leid, bevor ihm die Worte über den Mund gekommen waren. Er wusste, wie beschissen es sich anfühlte, in der Schulzeit ein Außenseiter zu sein. Er wusste, dass man am liebsten nicht mehr aufstehen wollte und man sich dreimal überlegte, ob sich all der Ärger für den Tag lohnte. Bill war immer ein Außenseiter gewesen, genau wie Tom. Ihre Mitschüler hatten sie gehasst, weil sie anderes waren als die graue unscheinbare Masse. Man hatte Bill als „Schwuchtel“ bezeichnet oder zur „Transe“ degradiert. Auch wenn er diese Worte alle tapfer über sich hatte ergehen lassen, spürte er doch noch heute, wie schmerzhaft sie waren. Heute liebte man ihn wegen seiner ungewöhnlichen Art, wegen seines Aussehens. Man akzeptierte ihn als ausgefallenen Sänger und kritisierte ihn in der Regel konstruktiv. Wenn er sich eins wünschte, dann dass er sich nie wieder in der Rolle des Außenseiters befinden wollte. Umso schlimmer war es, dass er Lené mit genau dieser Tatsache konfrontierte, denn eigentlich müsste Bill der Letzte sein, der sich Späße darüber erlaubte. Allerdings war er zu stolz, sich zu entschuldigen und so beließ er es bei einem genuschelten „War’n Scherz“ und schwieg den Rest bis zum Kino.

„Na, der hört sich doch gruselig an, oder?“, meinte Jenny und deute auf ein ziemlich blutiges Filmplakat.
„Ja, find ich auch!“, stimmte ihr Kaspar zu und warf einen Blick auf Lené, die noch immer etwas verstört schien. „Was meinst du?“
„Hm!“, machte sie.
Kaspar strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht:
„Also wenn du jetzt nicht gleich wieder gut Laune hast, dann werde ich dich so lange kitzeln, bis du dich totlachst.“, flüsterte er.
Bill verdrehte die Augen, doch Lené schien abermals angetan von Kaspar Casanova.
„Das wäre ja Totschlag!“, sie grinste.
„Und das wäre ziemlich schade, deswegen solltest du lieber von alleine lächeln, denn dein Gesicht ist noch viel bezaubernder, wenn du lachst“, sagte er und zwinkerte.
„Also ich bin für den Film, den Jenny ausgesucht hat“, sagte Bill laut und klopfte Kaspar freundschaftlich auf der Schulter, damit er von Lené abließ. Diese Dauerflirtereien nervten ihn gewaltig.
„Okay, dann holt ihr beide das Popcorn oder die Nachos oder was immer ihr essen wollt und Jenny und ich kümmern uns um die Karten.
„Aber-“, protestierte Bill, doch Jenny warf ihm einen freundlichen aber zugleich mahnenden Blick zu. „Wenn’s sein muss.“
Er bedeutete Lené mit ihm zu kommen und tatsächlich setzte sie sich in Bewegung – wenn auch widerwillig.
Kaspars Vater hatte insofern Recht gehabt, als dass das Kino tatsächlich nur ein „Kinochen“ war. Es gab nur zwei Säle à zwanzig Mann. Dafür hatte es diesen alten hölzernen Charme, den Bill an älteren Inneneinrichtungen mochte. Die Wände waren mit dunkelroten Täfelungen verziert und auf dem Boden lag tiefgrüner altehrwürdiger Teppich. Etwa in der Mitte befand sich eine breite hölzerne Treppe mit kitschigem goldenen Geländer, die hinauf zu den beiden Sälen und dem Popcornstand führten. An der Decke hin ein gläserner Kronleuchter, der eine angenehme Atmosphäre in der kleinen Eingangshalle verbreitet.
„Voll schön, oder?“, sagte Bill.
Lené zuckte die Schultern:
„Kann schon sein.“
Resigniert sah er sie an und abermals meldete sich sein schlechtes Gewissen:
„Hör’ zu, das war nicht so gemeint. Ich bin ein bisschen gereizt und so. Die Nerven…du weißt ja.“
„Was kein Grund ist, dass du das an mir auslässt, meinst du nicht?“, antwortete sie schnippisch und stellte sich an.
„Hallo?“, rief Bill empört. „Du hast mich doch in diese Laune gebracht. Immerhin hast du mich verfolgt und belauscht und dann wären wir noch beinahe von einem Pferd zertrampelt worden“, er konnte nicht glauben, dass sie ihm, statt seine Entschuldigung anzunehmen, unbegründete Vorwürfe machte. Dieses Mädchen hatte wirklich irgendein Problem. Und ganz obendrein war sie auch noch dermaßen zickig, dass Bill bereits genervt von ihr war, wenn sie auch nur den Mund aufmachte, um etwas zu sagen.
„Sag’ mal, was erdreistest du dich eigentlich?“, Lené funkelte ihn wütend an. „Du tust so, als wärst du Gott in Frankreich. Du hast nicht das geringste Recht, dich so zu benehmen. Du bist nämlich nichts Besseres, nur weil du ein paar blöde Lieder singst oder Preise gewonnen hast, okay? Du hattest Glück, dass man dich entdeckt hat, weiter nichts. Also bild’ dir nichts drauf ein.“
Bill wollte zu einer ärgerlichen Antwort entgegensetzten, doch just in diesem Moment fragte der Verkäufer, womit er dienen konnte.
„Zweimal Popcorn und zweimal Nachos mit Käse bitte!“, antwortete Bill und schob das Geld über den Tresen.
Lené stand mit verschränkten Armen daneben und hielt nach Kaspar und Jenny Ausschau.
Bill nahm die Fressalien dankend entgegen und drückte ihr das Popcorn in die Hand.
„Und? Warum hast du mich dann geküsst?“, fragt er und schalt’ sich in Gedanken einen Narren, weil er sich fest vorgenommen hatte, diesen Ausrutscher einfach zu vergessen.
„Wie bitte?“, sie sah in empört an.
„Der Kuss, gestern Abend. Das kam ja wohl nicht von ungefähr“, antwortete Bill und streckte herausfordernd das Kinn vor.
„Zuerst mal hast du mich geküsst und nicht andersrum.“, protestierte sie.
Bill kniff die Augen zusammen:
„Äh…du hast mitgemacht.“
Lené verzog angewidert das Gesicht:
„Und du hast mich befummelt.“
„Ich habe bitte was?“, presste er ärgerlich hervor. „Du hast sie ja nicht mehr alle, du-“
„DAS REICHT JETZT!“, rief Jenny, die gefolgt von Kaspar, die Treppe hinaufgestolpert kam. Sie hakte sich bei Bill unter und grinste. „Lasst uns lieber in den Film gehen. Die Werbung hat grade angefangen.“
Verwirrt sah Lené Bill und Jenny nach, die sich jetzt – besonders Letztere – stolzierend auf die Tür des Kinosaals zubewegten, in dem er Film laufen sollte, den sie sich anschauen wollten. Na ja, von ihr konnte man nicht reden! Die 17-Jährige war ja in dieser Hinsicht nicht gefragt worden. Jenny hatte es einfach bestimmt und niemand hatte ihr widersprochen. So hatte Lené sich auch nicht dazu durchringen können und jetzt saß sie im Salat. In einem Horrorfilm. Und das, obwohl sie noch nie in einem gewesen war, geschweige denn jemals einen hatte besuchen wollen. So was nannte sie einfach nur niveaulos und für Leute, die nichts Besseres zu tun hatten, als sich entweder mit irgendwelchen Klischee-Lovestorys im Kino die Zeit totschlugen oder eben die harte Variante von Horrorfilmen wählten. Im Grunde war es aber ihrer Meinung alles das Gleiche und genau deswegen verabscheute sie es einfach nur so. Außerdem…
„Gibst du mir die mal kurz? Dann könntest du vielleicht schon reinrutschen…“, das riss das Mädchen aus seinen Gedanken. Es war Kaspar. Er lächelte sie gut gelaunt und fordernd an. Verwirrt gab sie ihm die beiden Popcorntüten, die sie die ganze Zeit gehalten hatte, und rutschte nach ihm in die Sitzreihe. Bill und Jenny waren schon vorgegangen. Dementsprechend saß Jenny jetzt ganz außen, Lené nahm auf dem Sitz neben Bill Platz, Kaspar dementsprechend zur ihrer Linken. Zwischen zwei Jungs, schoss es Lené durch den Kopf und allein die Vorstellung gefiel ihr schon, hätte ihr nie gefallen. Aber jetzt befand sie sich in genau dieser Situation. Obwohl sie eigentlich gar nicht wollte. Es war einfach so gekommen. Und heraus kam sie jetzt auch nicht mehr. Sie konnte ja kaum zu Kaspar sagen, dass sie ihren Platz tauschen wollen würde, um nicht zwischen zwei Jungs zu sitzen. Der würde sie auslachen. Das wollte sie nicht. Und Bill? Dem würden wieder nur irgendwelche dummen Kommentare einfallen – verletzend und niveaulos. Ja, so, wie er es wohl pflegte mit Menschen umzugehen, die nicht nach seiner Pfeife tanzten, genauso…
„Hey…, alles okay…?“, wiederum wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Jetzt konnte sie es ja fast schon verfluchen, dass sie immer wieder in ihren Gedanken versank. Und gerade immer dann, wenn Kaspar sie gerade so ansprach. Das war ein wenig peinlich. Dabei meinte er es ja irgendwie auch nur lieb.
„Ja, ist schon okay…“, sprach sie nur leise und versuchte ihren Blick jetzt konzentriert auf die Leinwand zu richten, auch wenn sie eigentlich gar nicht wirklich wahrnahm, was da eigentlich lief. Es war ihr auch egal; sie wusste selbst nicht, warum.
„Und…warum umklammerst du das Popcorn dann so…? Ich meine, wenn du unbedingt willst, werd’ ich’s dir nicht wegnehmen…, aber ich dachte eigentlich, eine Tüte für jeden, mmh…?“, Kaspar grinste sie an und als sie nach einem Augenblick auch endlich begriff, worauf er hinauswollte, fiel alles von ihr ab und sie konnte jetzt auch mal grinsen. Und dann ließ sie auch endlich die Popcorntüten locker und reichte dem Jungen links neben ihr gleich eine davon. Er lächelte nur und richtete seinen Blick seltsamerweise gleich wieder auf die Leinwand. War die Werbung so interessant oder was? Verwirrt schaute Lené noch kurz zu ihm, seufzte dann leise und wollte sich gedanklich auch gerade dazu durchringen, auch endlich Konzentration auf das scheinbar ‚Wesentliche’ zu richten. Doch davon wurde sie auch diesmal abgehalten. Es war zum Verfluchen, schoss es ihr zum zigsten Mal an diesem Tag durch den Kopf. Oder doch nicht?
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, nun war es der Junge zu ihrer Rechten, der sie angesprochen hatte. Namens Bill. Und das wusste Lené auch ganz genau, doch daran denken wollte sie nicht. Warum? Er hatte sie verletzt, ihr wehgetan, mehr als das. Es tat weh, immer noch. Und sie würde es nicht vergessen. Nicht so schnell. Nein. Und auch nicht, wenn der gute Herr ein bisschen gereizt war, wie er es selbst ausgedrückt hatte. Nein, sie würde das nicht vergessen. Genauso wenig, wie dass er sie geküsst hatte. Dass er sich über sie hergemacht hatte. In einem Moment, in dem sie sich selbst nicht hatte wehren können. Er hatte sie betört, mit Absicht. Und das auch nur in Hinblick auf seine eigenen Absichten. Er wollte Spaß haben. Aber was er währenddessen mit ihr – mit Lené – machte, das war ihm komplett egal! Arschloch, dachte sie nur und hätte vor Wut am liebsten um sich getreten.
„Was hast du gesagt?“, das Mädchen war erstarrt und riss den Kopf herum. Ihr Blick in Bills Gesicht, der ein wenig verwirrt wirkte.
„Nichts…nichts hab’ ich gesagt…“, presste sie hervor und hatte beim Anblick seiner Augen wirklich Probleme, sich selbst zu bändigen, in Zaun zu halten.
„Ach so…, hast du…denn gerade gehört, wie ich dich angesprochen hab’?“, er grinste. War das etwa ein hämischer Blick?
„Wie wär’s, wenn der gute Herr Kaulitz einfach mal seine Klappe hält, he?!“, mit jeder Silbe wurde sie lauter. Trotzdem versuchte sie weiterhin die Kontrolle über sich beizubehalten. Noch einen Moment lang starrte sie Bill hasserfüllt an und dann drehte sie blitzschnell ihren Kopf herum, um Kaspar anzustrahlen wie ein Honigkuchenpferd.
„Wann fängt ´n der Film jetzt an?“, stellte sie irgendeine belanglose Frage, um irgendetwas sagen zu können, den Weg aus dieser Situation herauszufinden. Kaspar starrte sie nur an, sein Mund stand offen, aber eine Antwort kam daraus nicht.
„Wa-Wa-Was ist los?“, ja, was war denn los?
„D-Du…du weinst ja…“, seine Augen blieben an ihr hängen. Sie verstand nicht. Und selbst als sie glaubte, zu begreifen, was er meinte – sie wollte es nicht glauben. Letztendlich spürte sie von links nur noch diese warmen Arme, sich grundlos um sie schließend – eigentlich grundlos.


Kapitel 12


Bill runzelte die Stirn, entschloss sich allerdings, einfach nach vorne zu sehen und sich auf den Film zu konzentrieren, dessen Anfang sich durch den markerschütternden Schrei eines Kindes ankündigte. Er warf einen Seitenblick zu Jenny, die sich voller Vorfreude die Hände rieb – sie schien wohl eine Schwäche für Horrorfilme zu haben. Sie zwinkerte ihm zu:
„Jetzt geht’s los. Ich hoffe, du bist keine Memme.“
Er grinste ihr frech entgegen:
„Soll das ein Scherz sein? Du wirst mit wohl gleich schreiend und voller Angst in den Armen liegen und hoffen, dass es vorbei ist mit den Erschreckszenen.“
Jenny beugte sich über die Armlehne zu ihm herüber, so dicht, dass kaum mehr ein Zentimeter ihre Nasenspitzen trennen:
„Bill Kaulitz, du hast eine ziemlich große Klappe“, sie warf ihre Zöpfe über die Schultern, „Und das, obwohl wir uns nicht mal vierundzwanzig Stunden kennen. Dabei meine ich gelesen zu haben, dass dein Bruder der große Casanova ist.“
„Nun ja“, Bill hob verschmitzt die linke Augenbraue. „Man sollte eben nicht alles glauben, was in den Medien steht.“
„Pssst!“, machte eine junge Frau ein paar Reihen hinter ihnen.
Jenny kicherte, schlug die Beine übereinander und wandte den Blick nach vorne. Sie schien zweifellos ein tolles Mädchen zu sein. Nett, hübsch, witzig und klug. Nicht so störrisch und anstrengend wie Lené. Und da Jenny ganz zweifellos auch an ihm interessiert war, würde sich nach der Kneipentour vielleicht noch etwas ergeben.
Im Großen und Ganzen war der Film zwar eigentlich sehr spannend. Lené rutschte etwas ängstlich auf ihrem Sitz hin und her, bis Kaspar schließlich den Arm und sie legte und beruhigend über ihre Schulter strich. Was für ein dummes und klischeebehaftetes Gehabe.
„Na, schon Angst, Kaulitz?“, fragte Jenny herausfordernd.
„Nein!“, gab er frech grinsend zurück.
Sie warf einen Blick auf Kaspar und Lené:
„Schade eigentlich!“, flüsterte sie. „Ich hatte ja die Hoffnung, dass du dich aus Angst bei mit verkriechen würdest.“
„Da hast du wohl falsch gedacht!“, Bill lächelte verführerisch. „Aber ganz davon ab, müsste ich dafür ja keine Angst haben. Und ein besetztes Kino ist vielleicht auch nicht der beste Ort dafür.“
„Ich finde schon, dass Kinos etwas Aufregendes haben“, gab sie zurück und lehnte sich abermals zu ihm vor.
„Tatsächlich?“, Bill spürte einen Hauch von Erregung die ihre Nähe zwischen seinen Beinen hinterließ. Als sie dann noch ihre Hand auf seinen Oberschenkel packte, konnte ihn selbst das stärkste Beherrschungsvermögen nicht mehr davon abhalten, dass sich sein Glied aufrichtete. Er war zweier Umständen glücklich: dass er seit jeher enge Hosen trug, die das gröbste verdeckten und es hier drinnen stockduster war.
„Jenny!“, flüsterte er warnend.
„Bill!“, hauchte sie ihm ins Ohr und fuhr mit der Nasenspitze über seine Wange.
„Was machst du denn da?“, er schob ihre Hand von seinem Oberschenkel. Nicht, dass er nicht daran interessiert wäre, aber er fand es mehr als unpassend, derartige Spielchen neben Lené und Kaspar zu fabrizieren, obwohl die beiden auch nicht schlecht beschäftigt schienen.

„Du stehst nicht so auf Horrorfilme, oder?“, fragte Kaspar und zog sie noch ein Stück enger an sich.
„Du meinst, weil ich es für niveaulos halte, sich daran zu erfreuen, dass Menschen auf brutalste Weise aufgeschlitzt und in jeder Szene hundert Liter Kunstblut verballert werden?“, Lené runzelte die Stirn. „Ja, ist nicht so mein Ding!“
Kaspar grinste:
„Du bist echt einzigartig!“, langsam fuhr er mit der linken Hand über ihren Unterarm, bis er schließlich ihr Hand griff und mit dem Daumen über ihren Handballen streichelte. „Ich bin wirklich froh, dass wir uns kennengelernt haben.“
„Lieb, dass du das sagst“, flüsterte Lené und blickte zu Boden. Nein, mit Komplimenten konnte sie wirklich nicht so gut umgehen. Vor allem nicht mit solchen. Und vor allem nicht welchen von Jungen. Vielleicht auch nicht gerade unbegründet, doch daran wollte sie eigentlich nicht denken, weil sie es nur noch mehr verunsicherte. Sie hatte eben noch nicht die Erfahrung mit Jungs, die manch anderes Mädchen in ihrem Alter durchaus als lachhaft und kindisch empfand.
„Ich mein’s ernst, Lené“, sprach er, Kaspar, und sie spürte, ohne erneut aufblicken zu müssen, weiter seinen intensiven Blick auf ihrer Haut. „Ich…freu’ mich auch…, da-dass wir uns kennen…“, sagte sie leise und lächelte ihm jetzt ganz kurz zu. Dass mittlerweile der Abspann lief und sich die Leute um die vier herum erhoben, bemerkte das dunkelhaarige Mädchen erst jetzt. Um sich erst einmal ein wenig neu zu orientieren, während mittlerweile das Licht im Kinosaal ja leicht gedämmert wieder angegangen war, blickte Lené neben sich. Und sie erstarrte. Mehr als das. Wie Eis, das nicht schmelzen wollte. Wie Stein, der unendlich war, niemals brechen würde, unangreifbar. Sie starrte nur auf dieses Bild, nicht einmal blinzelnd. Dieses Bild. Sich ihr bietend. Genau das, was sie nicht begreifen wollte. Weil sie es nicht sehen wollte. Weil es ihr erneut Feuchtigkeit in die Augen trieb. Weil es sie enttäuschte. Verrückt machte. Weil es sie verletzte, weil es ihr wehtat. Er ihr wehtat. Bill. Ja, genau der. Derjenige, der da jetzt saß. Auf seinem Platz. Mehr als das. Herumknutschend – nein, herumleckend – mit Jenny. Sie saß schon beinahe auf seinem Schoß. Na, sollte sie doch! Auf diese Weise versuchte Lené ihre Gefühle irgendwie unter Kontrolle zu kriegen. Aber es gelang ihr nicht. Sie wollte es immer noch nicht glauben. Wie er sich so verlangend nach ihr reckte. Wie er so innig mit der Zunge über ihre Lippen strich. Wild. Nicht so leidenschaftlich, wie er es mit ihr getan hatte. Aber was spielte das für eine Rolle?! Scheinbar konnte er ja nicht genug Kriegen. Zu viele Endorphine, dachte sie gehässig, aber wiederum konnte sie sich nicht von dem Bild losreißen. Auch wenn es sie so quälte. Schmerz verursachend. Alles egal, sie kam nicht los. Immer noch Ungläubigkeit. Nie endend, ein Schein. Zum Glück aber nicht die Realität. Dank Gedeon…
„Jenny…, Bill…, werdet fertig mit dem Rumlecken…! Da könnt ihr gleich auf der Tanzfläche weitermachen!“, rettete dieser Lené aus der Situation, die gerade noch paralysiert ihren Kopf herumreißen konnte, ehe Bill und Jenny sich voneinander lösten und scheinbar erst jetzt beide begriffen, dass der Film nun sein Ende gefunden hatte. „Kaspar, du Spielverderber!“, kam es von der gut gelaunten Jenny. Lené hörte nur ihre Stimme, aber das reichte schon aus, sodass sie ihr Gesicht nur zu einer hässlichen Grimasse verzog. Ein Glück, dass sie sie nicht ansehen musste oder konnte, womöglich wäre sonst irgendwas mit ihr durchgegangen. Diese Schlampe! Genauso wie Bill. Der brauchte es wohl öfters mal mit verschiedenen Mädels. Ja, vielleicht sollte er sich mal ein Dauerabo fürs Bordell holen, würde sich sicher holen, schoss es der Braunhaarigen sarkastisch durch den Kopf und sie folgte Kaspar aus der Sitzreihe. Bill direkt hinter ihr, aber daran zu denken war in dem Moment nicht. Warum? Lenés Blick hatte zuvor etwas eingefangen. Eine Sache, über die sie in sonstiger Situation hemmungslos gelacht hätte, aber jetzt verzog sie nur angeekelt das Gesicht. Die Sache war, dass Jenny bei Bills kleinem Freund scheinbar für eine kleine Party gesorgt hatte.

Bill hielt sich grinsend die Tasche vor den Schritt und warf Jenny bedeutsame Blicke zu. Sie zuckte unschuldig die Schultern und lächelte zurück. Eigentlich war sie ein unheimlich schönes Mädchen und entsprach vollkommen seinem Geschmack. Er hatte verdammtes Glück, dass sie das genauso zu sehen schien. „Gibt’s hier ne gute Kneipe für den Anfang?“, fragte sie im Gehen.
Kaspar zuckte mit den Schultern: „’Archi’s’ Dinner ist ganz nett und relativ billig.“ „Na, dann auf!“, rief Jenny voller Enthusiasmus und hakte sich bei Bill unter. „Du bist ganz schon dreist!“, flüsterte er ihr zu.
Seine Bauchgegend nebst Lenden kribbelte, wie sie es eine geraume Zeit nicht mehr getan hatten. Nach dieser mehr als dummen Geschichte mit Lené hatte er eigentlich gedacht, genug von Frauen für die nächsten Monate zu haben, aber Jenny war anders. Sie war offen und ehrlich, vorurteilslos und dominant. Was wollte er denn eigentlich mehr? „Du hast mich noch nicht richtig dreist erlebt, mein Lieber!“, hauchte sie ihm ins Ohr und kicherte.
Den Weg zu ‚Archi’s’ Dinner gingen sie zu Fuß und ließen das Auto beim Kino stehen, um es morgen zu holen. Die kleine Kneipe lag direkt am Strand und im schlichten, aber sehr eindrucksvollen und rustikalen Stil gehalten. Da die Nachtluft angenehm kühl und das sanfte Rauschen der Wellen beruhigend war, beschlossen sie, sich draußen auf den Steg zu setzen, der mit einer alten rostigen Leiter direkt ins Wasser führte.
Lené verzog nur angewidert das Gesicht, als sich Jenny und Bill zusammen ihre Köpfe in die Kneipenkarte steckten – fast so, als wollten sie dahinter jetzt einen kleinen Quickie schicken. Von Rücksicht oder so hatten die wohl auch noch nichts gehört, oder?
„Lené…, willst du dir nicht auch was aussuchen…?“, wurde sie plötzlich von der Seite angesprochen und gleichzeitig an der Schulter angestupst. Von Kaspar. Von wem auch sonst? Bill war ja momentan dauerbeschäftigt, wie sie wieder einmal ein wenig niedergeschlagen feststellte. Warum niedergeschlagen?
Um die wirren Gedanken endlich loszuwerden, musste sie ihren Kopf einmal heftig schütteln. Vielleicht ein wenig zu heftig in dem Augenblick, denn so wirbelten ihre Haare im nicht gerade seichten Wind ziemlich umher. Sogar so sehr, dass sich ein Kopf verwundert umwandte. Lené nahm ihn war. Und dieses Grinsen. Aber eigentlich hätte sie es am liebsten nie begriffen. Denn es war von Bill ausgegangen. Ja, von dem Kerl, der da so hemmungslos mit Jenny rumleckte. Na, sollte er doch, schoss es ihr wiederum gehässig durch den Kopf und sie wandte sich mit einem Strahlen zurück an Kaspar, der sie ein wenig verwirrt, wie auch bewundernd beobachtet hatte. Bewundernd – oh, ja, genau das brauchte die 17-Jährige jetzt!
„Also was nimmst-“, wollte er noch mal anfangen, aber Lené fiel ihm gleich entschlossen ins Wort, grinsend, neckisch grinsend. Oh, ja, heute musste das mal sein!
„Mmh, ´nen Pina Colada nehm’ ich“, entschloss sie sich und lächelte Kaspar gut gelaunt an, der verwundert schien. Ob das jetzt was Positives hieß für diesen Abend?
„Also ich nehme einen Sex on the beach!“, sagte Bill mit tiefer Stimme und warf Jenny einen neckischen Seitenblick zu. „Das heb’ ich mir für später auf!“, sie grinste und biss sich verführerisch auf die Lippen. Kaspar begann zu lachen:„Du gehst ja ganz schön ran.“ Jenny beugte sich lächelnd vor:„Und vielleicht solltest du mal anfangen!“, sie blickte zwinkernd zu Lené und wandte sich dann wieder an Bill.
Sie waren hier in einem Bordell outside gelandet, ganz sicher, schoss es Lené durch den Kopf. Sie konnte nur tatenlos zusehen, wie Bill nach einem verwirrten Blick in Jenny – ja, leider – makelloses Gesicht seine Hand auf ihre Schenkel zu bewegte. Oh, wie gerne würde sie das Lächeln dieses Mädchens jetzt beenden! Wie gerne! Zu gerne, als dass es realistisch war.
Zu sagen gab es an dieser Stelle leider nichts und so konnte sie nur weiter zu sehen. Zu sehen, wie ihr Herz noch einen weiteren Riss bekam. Unbemerkt.
„Oooh, lasst uns ein Spiel spielen!“, schlug Jenny vor und nickte dem Kellner, der soeben ihre bunten Cocktails gebracht hatte, dankbar zu. Bill grinste und dachte an seine Mutter. Die würde Jenny nämlich mit Sicherheit lieben, weil sie auf diese bezaubernd subtile Art ungeheuer höflich war. „Ein Spiel?“, Kaspars Stimme klang wenig begeistert und zugegebener Maßen war auch Bill nicht überzeugt. „Ja!“, sagte Jenny und winkte den Kellner wieder heran. „Sind Sie so lieb und bringen uns eine Flasche Tequila?“ „Eine ganze?“, fragte der Kellner und zwinkerte ihr zu. Bill rutschte demonstrativ ein Stück näher und legte den Arm um Jenny:„Sie hat doch gesagt, eine ganze, oder?!“
Der Kellner nickte beleidigt und verschwand im Inneren der Bar. „Wozu denn der Tequila?“, Kaspar sah sie überrascht an und schlürfte geräuschvoll seinen Cocktail.„Na, weil wir jetzt ‚Ich habe noch nie‘ spielen.“, antwortete Jenny kichernd und schob Bills Arm von den Schultern, um jedem eines der kleinen Gläser unter die Nase zu stellen, „Derjenige, der dran ist, sagt etwas, was er noch nie getan hat. Also zum Beispiel: Ich habe noch nie gelogen. Alle, die das allerdings schon getan haben, müssen ein Glas trinken.“, Jenny lächelte. „Dabei lernt man sich näher kennen und man hat eine ganze Menge zu lachen.“ Kaspar nickte begeistert:„Super Idee, oder, Lené?“
„Ähm…, ja…, ja…, irgendwie…“, verneinen konnte sie nicht. Wenn alle so heiß auf dieses Spiel waren, konnte sie ja jetzt schlecht sagen, sie würde es nicht wollen. Das Problem war nur, dass Lené alles andere als fest im Trinken von Alkohol war. Und das zweite Problem braute sich gerade in ihrem Kopf ein wenig zusammen. Grauenvolle Vorstellungen. Was wär denn zum Beispiel, wenn so eine furchtbare Aussage käme wie ‚Ich hab’ noch nie Sex ohne Kondom gehabt’. Darauf kämen Jenny und Bill im leicht angetrunkenen Zustand wohl recht schnell. Ja, und Lené würde dann ein ziemliches Problem bekommen. Nämlich würde sie trinken müssen. Nicht, dass sie noch nie Sex ohne Kondom gehabt hatte. Viel mehr gab es da das Problem, das sie noch nie Sex gehabt hatte. Da hätte Jenny was zum Lachen. Kaspar womöglich auch. Und Bill würde man wahrscheinlich vom Boden kratzen müssen, weil er ihn sich so angelacht hatte. Oder was wäre zum Beispiel bei ‚Ich habe noch nie einen Menschen anderen Geschlechts ohne Zunge geküsst’? Klarer Fall. Abgesehen davon würden Jenny und Bill wahrscheinlich gar nicht auf eine Aussage von so komplizierter Formulierung kommen. Damit hatte es sich wenigstens schon mal erübrigt, dachte Lené und atmete tief auf.
„So…, bitteschön…, einmal die Flasche Tequila für die beiden Pärchen!“, welch eine hübsche Bemerkung! Und damit zog der Kellner auch wieder ab. „Na, dann Prost…“, kam es von ihrem Gegenüber, als Lené gerade noch nachdenklich ihren Cocktail musterte. Und gerade jetzt, als sie aufblickte, traf sie auf diesen Blick. Seinen Blick. Ein Schauer auf ihrem Rücken. Wie ein leichter Sommerregen. Schöner fast. Doch sie wollte es nicht spüren…
Bill sah betreten zur Seite. Auch wenn die Idee, die hinter diesem Spiel stand sicher eine witzige war, würde es für Lené zweifellos unangenehm werden, weil Spiele dieser Art immer dazu neigten, sich in jene, diese Richtung zu entwickeln. „Okay, dann’ fang ich an!“, kicherte Jenny, „Ich habe noch nie zu wenig Sex gehabt!“ „Boar, komm’!“, lachte Bill. „Ich bin die Hälfte meines Lebens in Busses oder Flugzeugen, natürlich hat man da zu weinig Sex!“ Kaspar hob das volle Glas und prostete Bill zu:„Auf dem Land auch, mann!“ „Runter damit!“, rief Bill und kippte sich den scharfen Schnaps hinunter. „Und du?“, fragte Kaspar und sah sie fragend an.
„Ähm…, muss ich nicht kommentieren, oder?“, sie nahm sich eins von den Gläsern und füllte es auf, um es sich dann mit beinahe schmerzverzerrtem Gesicht den Rachen hinunterzukippen. Bäh, das Zeug schmeckt ja abartig! Und genauso sah Lenés Gesicht wohl in dem Moment wohl auch aus.
„Mag’s unsere kleinen Arzttochter etwa nicht, Lené?“, kam ein neckender Kommentar aus Bills Richtung, woraufhin das brünette Mädchen nur wiederum die Miene verziehen konnte. Dieser Kerl, verdammt! Den sollte man vielleicht mal…
Lené durfte nie zu Ende denken, denn Jenny unterbrach ihren masochistischen Gedanken und sah sie äußerst auffordernd an. Na, dann! Was ausdenken und zwar schnell!
Nein, sie würde nicht sagen, dass sie noch nie einen Jungen geküsst hatte. Nein, nein, aber was dann? Schule, perfektes Thema.
„Ich hab’ noch nie ´ne schlechtere Note als ´ne Vier geschrieben.“
„Och, maaann!“, maulte Bill und füllte sich gleich das nächste Glas ein, gefolgt von Kaspar. „So ein Scheiß-Spiel!“, sagte er lachend und hielt sich beim Trinken die Nase zu. Jenny faltete selbstbewusst die Hände im Schoß:„Ich habe noch nie schlechter als eine Zwei geschrieben. Mir sollten also mindestens zwei Gläser erlassen werden.“ „Streber!“, gackerte Bill. Kaspar hob sein leeres Glas:„Auf jeden!“, er kratzte sich am Hinterkopf und überlegte einen Moment lang „Ich hatte noch nie Sex mit mehr als einer Person!“ „Kaspar!“, schimpfte Jenny kichernd und goss sich den Schnaps ein. Sie warf einen kritischen Blick auf Bill.
„Man, ja, doch!“, sagte er kleinlaut und schob ihr sein Glas zum Eingießen ein. Kaspar klopfte begeistert auf den Tisch:„Is’ ja nicht zu fassen. Lené und ich sind die Einzigen, die hier vernünftig sind“, er legte ihr den Arm und die Schultern und zwinkerte ihr zu. Bill räusperte sich: „Dann bin ich ja jetzt dran“, er spielte nervös mit der Tischdekoration. Er musste schon etwas fragen, was gut ankam, allerdings sollte es nicht zu viel von ihm selbst preisgeben, denn das taten die Fragen der anderen ohnehin schon. „Ähm… ich habe mich noch nie in jemanden verliebt, der berühmt war“, er sah Lené unverhohlen in die Augen. Warum genau, konnte er allerdings nicht sagen. Was wollte er denn hören? Bill kam sich selbst lächerlich vor und trotzdem stützte er die Ellenbogen auf den Tisch und blickte in Lenés unendliche Augen.


Kapitel 13



Sie sah seinen Blick. Und sie hörte noch seine Worte. In ihrem Kopf. Ich habe mich noch nie in jemanden verliebt, der berühmt war. Na, klasse. Ihre Gedanken waren es ja nicht gerade, aber auch nicht ihre wirklichen. Während Jenny sich ganz legere ein Glas nahm und auffüllte, blieb das 17-jährige Mädchen – Lené – nur still sitzen und musterte den Boden unheimlich interessiert. Ja, ja. JA, mann! Aber das musste ja nicht gleich jeder wissen, oder? Das Leben konnte so schön sein. Und gleichzeitig so hässlich.
„Okay, Jenny, du bist wieder!“, zu Lenés Verwunderung verkündete es nicht der aufmüpfige Bill, sondern Kaspar, der zusehends mehr Spaß an diesem Spiel finden zu schien. Lené fühlte sich so langsam aber ehrlich gesagt nicht mehr so wohl. Alkohol bekam ihr in der Regel wirklich nicht. Und heute würde es auch nicht anders sein. Sie versuchte das Druckgefühl in ihrem Magen zu vergessen und schaute zu Jenny, die sich jetzt nachdenklich am Kopf kratzte. Ihr schien man hingegen den Alkohol noch gar nicht anzumerken…
„Ich hab’ noch nie mit jemandem geschlafen, der jünger als ich war“, rief Jenny recht einfallslos. Niemand rührte sich, Stille. Und Lené spürte wieder diesen Blick. Diesmal aus zwei verschiedenen Richtungen. Welchen Sinn das wohl haben mochte?
„Mein Brüder müsste jetzt mindestens die halbe Flasche trinken!“, kicherte Bill und versuchte der Stille entgegen zu wirken.
Lené hing jedoch noch ganz in Gedanken. Ein Glück, dass sie jetzt nicht wieder dran war oder so. Viel zu aufgewühlt dazu, ja, das war sie. Nur war Bill jetzt dran…
Bill schlürfte zur Abwechslung seinen Cocktail und dachte nach:„Ich habe noch nie einen Wunsch gehabt, den ich nicht wenigstens versucht habe, zu erfüllen!“ Jenny seufzte resigniert und trank mit verzogenem Gesicht das Glas Tequila. Kaspar zuckte die Schultern:„Hm…“, machte er lachend und schluckte den Schnaps runter wie Wasser. „Lené?“, fragte Bill, wich ihrem Blick jedoch aus. Der Alkohol stieg ihm langsam zu Kopf und mit ihm auch das schlechte Gewissen. Auch wenn er Lené nicht unbedingt leiden mochte, musste er sich nicht auf ein solches Niveau begeben, wie irgendwelche herz- und gedankenlosen Menschen, für die Niveau und Fairness schlicht nutzlose Erfindungen waren. Zur Beruhigung zündete sich Bill eine Zigarette an und als er schließlich die Lider hob, blickte sie ihn ernst an.
Jetzt wollte der schon wieder rauchen! Und das im Zustand seiner Stimme! Hatten sie das nicht schon mal gehabt?
„Apropos Träume…“, damit drückte er die Zigarette auf dem Metall der Treppe aus und schmiss sie im hohen Bogen ins Wasser, danach sein Feuerzeug in die Hosentasche steckend. Nein, das hatte Lené nicht erwartet, gar nicht erwartet. Und jetzt noch ein Blick aus seinen Augen, seinen tiefen Augen. Sie mochte sie, zugegeben, aber…
„Und du, Lené?“, es ließ sie ihren Kopf herumreißen. Zu Jenny, die sie auffordernd, fast aggressiv anblickte. Warum aggressiv?
„Ähm, ja…“, ein wenig hilflos blickte sie aufs Wasser. Eigentlich äußerte sie ungern Dinge, die ihre Träume betrafen. Da war sie ein wenig abergläubig, auf eine gewisse Weise. Sie hatte Träume, ja. Teils erreichbar, teils unerreichbar. Kämpfen musste sie für jeden von ihnen. Und jetzt? Kämpfte sie jetzt schon für einen? Für jeden von ihnen? Ja, irgendwie schon. Vor ihrer Mutter hatte sie doch auch immer abgewährt, deren Nachfolge als Logopädin anzutreten. Eben, weil sie einen anderen Berufstraum hatte. Den der Lehrerin.
„Doch…, mach’ ich…“, damit musste sie nichts trinken. Aber viel mehr ging es ihr um die Wahrheit. Und als Lené wieder ihren Kopf hob, um sich zu versichern, dass ihre Antwort angenommen wurde, und nach einem Blick suchte, traf sie auf den einen. Den von ihm. Ein Glitzern in den tiefen Augen, seinen Augen. Bills.
Kaspar strecke sich, trank den Rest seines Cocktails und sprang dann auf:„Ich geh mal pinkeln!“„Gute Idee!“, warf Jenny ein und folgte ihm. Im Gehen wandte sich noch einmal zu Bill und lächelte ihm verführerisch zu.
Bill grinste kopfschüttelnd:„Was für ein cooles Mädchen.“
Lené runzelte abwertend die Stirn:„Wenn du das sagst!“
Sie war wütend. Verständlicherweise. Und eigentlich hatte er sogar ein bisschen Spaß dabei, wenn sie sich insgeheim ärgerte, weil es ihr recht geschah. Aber trotz alledem meldete sich sein schlechtes Gewissen wieder. „Tut mir Leid!“, sagte er schließlich und bemühte sich, deutlich zu sprechen. „Ach ja?“, fragte sie gereizt. „Was genau von all dem, was du gesagt hast…?“
Ganz unwillkürlich schlängelte sich seine Hand über den Tisch und ergriff ihre. Er streich sanft mit der Daumenspitze über ihren Handrücken:„Ich wollte nicht gemein sein. Das ist mir halt rausgerutscht.“
„Nicht gemein sein?“, verwirrt schaute Lené ihn an. Irgendwie sah sie zwar gerade diese Gutmütigkeit in seinem Gesicht – sie mochte sie, zugegeben –, aber das Mädchen wollte es doch nicht so recht glauben.
„Ja…, ich…, es…, also gerade der Kommentar…war ein wenig…überflüssig!“, oh, welche Wahrheit der gute Herr Superstar da diesmal ausnahmsweise sprach!
„Ja, da hast du Recht…“, murmelte sie und wich seinem Blick aus. Es reichte ihr schon, dass sie plötzlich ein unheimliches Wohlgefühl im Bauch hatte, als hätte sie gerade eine Riesen-Pizza verspeist. Eigentlich aber hing das von etwas Ungewöhnlichem ab und Lené wusste auch genau, was das war – ihr Blick weilte auf ihrer Hand…und damit auch auf Bills.
„Lené…, weißt du…, bitte versteh’ das nicht falsch…“, fing er wieder an, doch die 17-Jährige verwirrte es nur, dass er beinahe stammelte. Das passte sonst gar nicht zu ihm.
„Was, Bill, was?!“, fragte sie – vielleicht ein wenig zu energisch für ihre Begriffe.
Er verlor sich in ihren Augen. Eigentlich hatte Bill ihr sagen wollen, dass er manchmal dazu neigte, ungerecht zu werden, weil er sich selbst und sein Schicksal so sehr bedauerte und sie es demgemäß nicht persönlich nehmen sollte, wenn er ihr gegenüber tatsächlich ausfallend werden sollte. Doch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Die Außenlichter der Bar, die auf die Schwachen Wogen des Meeres fielen, tanzten über Lenés zart blasses Gesicht. „Ich…ähm…“, stammelte er.
„Ja?“, Lené blickte ihn fragend an, doch Bill sah einzig und allein ihre wunderschönen blutroten Lippen. Die Welt um ihn herum drehte sich und er war sich sicher, dass er es nicht nur allein auf den Alkohol schieben konnte.
Mit einem Ruck beugte er sich halb über den Tisch, griff nach ihrem Kinn und zog ihr Gesicht zu sich heran, um sie zu küssen. Bills Herz lief auf Hochtouren. Er spürte ihren heißen Atem, sah den überraschten Ausdruck in ihren Augen und wollte grade seine Lippen auf die ihren pressen, also er das Glockenspiel über der Terrassentür hörte. Erschrocken ließ er sie los und lehnte sich so lässig wie möglich in seinem Stuhl zurück.
„Naaa!“, zwitscherte Jenny und setzte sich auf Bills Schoß. „Hast du mich vermisst?“ „Ähm…äh…klar!“, antwortete er, ohne dabei den Blick von Lené abzuwenden. Was um alles in der Welt war nur mit ihm los? Er konnte dieses Mädchen nicht leiden. Noch schlimmer, er verurteilte sie. Bill versuchte zu lächeln, doch es misslang kläglich.
Sie sah seinen Blick. So tief, intensiv. Kribbeln. Und noch immer spürte sie seinen unruhigen Atem auf ihrer Haut, dessen Moment schon völlig vergangen war. Noch mal dieser warme Sommerregen, den sie wahrnahm. Liebend, gemocht. Geborgenheit, es kam ihr in den Sinn. Und als sie jetzt wieder auf seinen Blick traf, war es verschwunden, das Lächeln. Das Glänzen in seinen Augen ebenso. Na ja, wahrscheinlich hatte Jenny ihn mit ihrer kleinen Rumrutsch-Einlage auf seinem Schoß schon wieder völlig unter ihre Kontrolle gebracht. Auch obwohl da immer noch diese Frage in Lenés Kopf war, warum…warum er ihr gerade so nahe gekommen war, warum er gerade so sanft mit ihr gesprochen hatte. Obgleich all dem spürte die dieses miese Gefühl. Schmerz verursachend, tief in ihr drin. Neid, Eifersucht – was auch immer. Nur eins wusste die 17-Jährige in dem Moment: Nein, das wollte sie so nicht fühlen?
„Ähm…, dann…geh’ ich jetzt mal eben…f-für kleine Mädchen, o-okay…?“, stotterte sie leise und das auch nur lediglich in Kaspars Richtung. Der nickte und so zog Lené von dannen. Mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Ja, regnen konnte es ja auch mal wieder! Ihres Geschmacks nach zumindest am liebsten!
Fünf Minuten später stand Lené vor dem Waschbecken in den Sanitärräumen des Pubs und wusch sich gerade gründlich – eher jedoch wegen Gedankenversunkenheit – die Hände. Dann blickte sie auf, in das Gesicht ihres Spiegelbilds. Ein wenig zu blass für ihren Geschmack. Und auf ihren blauen Augen ein grauer Schatten, den sie nicht mochte. Nur dumm, dass sie auch genau wusste, woher der rührte. Seufzend trat sie aus dem Raum und machte sich bedacht langsam auf den Weg zurück zum Tisch, zu den anderen. Und damit auch zu Bill. Demjenigen, der in ihren Gedanken fixiert war. Wie ein Notizzettel auf einer Pinnwand. So auch sein Gesicht vor ihren Augen.
Bill hielt sich den Rest des Abends zurück, zumindest was das Reden anbetraf. Umso weniger er sagte, desto mehr trank er. Er hatte diese Gedanken, die er im Grunde nicht haben wollte, und er verspürte das Bedürfnis, sie, Lené, zu berühren. Stattdessen wanderten seine Hände unaufhörlich über Jennys Hüften und ihren Rücken. Die Welt drehte sich noch immer und zugegebenermaßen war ihm ein wenig übel.
„Isch würde sahgeen, wier sohllten naach Hauuuse gähn“, lallte Kaspar und winkte wie verrückt nach einem Kellner, der sie abkassieren sollte. „Abeer wihr wohllten dooch ´ne Kneibentuhr macheen.“, warf Jenny kichernd ein. Da Bill wenig interessiert daran war, den Abend noch weiter in die Länge zu ziehen, schüttelte er energisch den Kopf:
„Wir sind doch schon betrunken!“, sagte er und gab sich allergrößte Mühe, ordentlich zu sprechen. „Rischtisch!“, Kaspar schlug lachend mit der Faust auf den Tisch und begann zu singen. „Sweehehet Hooome Alabamamama!“ „Jetzt wihrd ehr peinlisch!“, Jenny grinste und schlang die Arme um Bills Hals, „Isch kenn dehn nisch.“ „Wollt ihr zusammen zahlen oder getrennt?“, fragte der Kellner stirnrunzelnd.
Jenny gackerte:„Isch hoffe dooch nisch, dass wihr heuhte Naacht getrännt sind!“, sie rieb sich an Bill und sah ihn fragend an. „Isch…ähm…, ich mach’ das schon.“, sagte Bill über Jennys Gekicher hinweg, kramte nach seinem Geldbeutel und reichte dem Kellner einen Hunderteuroschein. „Behalten Sie den Rest!“ Vorsichtig schob er Jenny von sich runter, legte ihr die Jacke über die Schultern und stützte sie beim Aufstehen, weil bedrohlich wackelte. Er warf einen kurzen Blick auf Lené:„Alles okay?“
„Ja“, was sollte sie da auch anderes antworten? Lené – nicht mehr nüchtern, aber sicherlich noch klarer als Bill und Jenny – blickte nur angeekelt zu den Beiden und drehte sich bewusst zu Kaspar um, der auch ein wenig gequält in Richtung der Beiden grinste. Dann legte der den Arm um sie – das Mädchen ließ es ohne Umstände zu – und bugsierte sie langsam vor dem anderen Pärchen her, das jetzt den Pub verließ. Dass Lené Bill im Gegensatz zu Jenny, der die Bilder scheinbar noch nicht so vor den Augen verschwammen, bei jedem Wort zu hicksen hörte, ließ sie nicht wohlfühlen. Irgendwie wollte sie jetzt nur noch nach Hause; andererseits wollte sie aber nicht diejenige sein, die diesen scheinbar spaßigen Abend, was sie etwas anders empfand, zugegeben, beendete.
„Ka-Ka-Kaspa-haar…, la-la-lauf’ doch mal laaaangsa-ham!“, tönte es nach einer Weile von hinten, als sie am Rande der Landstraße entlang gingen. Es war Jennys schrille Stimme, die in Lenés Mund wieder nur einen unschönen Geschmack verursachte. Kaspar stoppte und drehte sich zu den beiden wankenden Nachzüglern um.
„Wo-Wo-Wollt-ääääh ääää-cht zum Stra-ha-hand?!“
„Do-hoch…, ne, Bi-Bi-Bi-Bill-Bi…? Wir wollän an den Stra-ha-hand!“, jetzt waren Jenny und der gute Herr Superstar mit operiertem Stimmband fast bei Lené und Kaspar angelangt. „In 200 Mätä-he-hern sin’ di-di-hi DÜ-Dü-lü-ne-hen!“, verkündete Kaspar noch recht sprachsicher, musste jetzt aus irgendeinem Grund rülpsen und drehte sich weg. „Sorry-li-li“, murmelte er Lené zu. „Haha!“, kam es lallend aus Bills Mund und er deutete wie ein Kleinkind auf die beiden. „Haha!“
„Halt’ deine Klappe, du Säufer!“, raunte Lené ihm scharf und aggressiv zu – mit Kraft, woher auch immer sie die nahm –, aber so, dass sie niemand verstand außer ihm selbst.
Bill kniff die Augen zusammen:„Sei ruhig, frigides Miststück!“, er bereute die Worte bereits, als es sie noch nicht einmal zur Gänze ausgesprochen hatte. Was um alles in der Welt lief hier für ein schräger Film. Erst wollte er sie küssen, jetzt mit Beleidigungen von sich stoßen. Das konnte doch nicht mit rechten Dingen umgehen.
Lenés Lippen bebten wütend, doch sie zog es wohl vor, nichts darauf zu erwidern. Sie schleppten sich zu den weichen Sanddünen und liefen den Rest des Weges am Wasser entlang. Es war genauso pechschwarz wie die Nacht darüber und irgendwie erinnerte es Bill an den Vorfall in der Praxis von Lenés Mutter. Er konnte die anderen nur als noch schwärzere Schatten erkennen.
Jenny hielt sich dich an ihn gedrückt und kicherte unaufhörlich, während Kaspar und Lené bereits wieder ein Stück voraus waren.
„Waaahrtet mahal. Ich braauch ´ne Pauhse.“, keuchte Jenny und ließ sich in den Sand plumpsen. Selbst dabei verlor sie diese unheimliche Attraktivität, die sie umgab, nicht. Sie seufzte ausgiebig und zog Bill zu sich in den Sand, „Duuh ahnst jah gar niiicht, waas isch gehrne mit dihr macheen wührde.“
Er grinste ihr entgegen:„Tu’ dir keinen Zwang an.“„Hm!“, machte sie, kroch umständlich neben ihn und schob ihre Hand in seine Hose. „Waah!“, entfuhr es ihm. „Nicht doch!“
„Wiehsoh nisch?“, hauchte sie ihm ins Ohr. „Isch bihn auch gahnz särtlisch.“ Das bezweifelte er ja gar nicht, aber der Ort und die Situation waren einfach unpassend. Kaum zwanzig Meter weiter hockten Lené und Kaspar im Sand. Auch wenn es dunkel war und eine halbe Düne schützend die Sicht verdeckte, konnte er wohl kaum Geräusche machen. Doch Jenny ließ sich von seinen Einwänden gar nicht stören. Spielerisch öffnete sie seinen Gürtel, schob seine Hose nebst Shorts ein Stück hinunter und umklammerte mit den linken Hand sein Glied. „Jenny, aufhören!“, flüsterte er eindringlich. „Du kannst doch nicht-“
Weiter kam er nicht, denn plötzlich spürte er ihre warmen Lippen dort, wo er seit geraumer Zeit keine mehr gefühlt hatte. Mit einem leichten Seufzer stützte er sich nach hinten auf die Ellenbogen und biss sich erregt auf die Unterlippe.
Lené hatte kaum ein Wort gesagt, seitdem sie sich in den feinkörnigen Sand neben Kaspar hatte fallen lassen, von dem jetzt schon eine deutliche Alkoholfahne ausging, was die 17-Jährige normalerweise gar nicht mochte.
„Und…wi-wi-wie-äh gefällt’et di-är hie-är?“, kam es plötzlich von ihrem Sitznachbarn, während sie verträumt den Blick Richtung dunklem Horizont gerichtet hatte. „Ähm…, ja, gut“, antwortete sie nur kurz und knapp und versank dann gleich wieder in ihren Gedanken. Bill, der besoffen war. Besoffen, ja, mehr als das. Nur vorhin – als er noch nicht betrunken gewesen war –, was wäre da denn fast passiert? Hatte das nicht ziemlich nach einem Kuss ausgesehen? Oder hatte sie sich das eingebildet? Das alles?! Seinen langen, intensiven Blick in ihre Augen. Sein Näherkommen. Das Glänzen in seinen Augen. Und letztlich sein abruptes Zurückzucken, als Jenny – diese Schlampe, der erste Gedanke – wieder aufgetaucht war. Jenny, nein, mittlerweile hatte Lené gar nichts mehr für dieses Mädchen übrig. Sie schien jeden Tag einem aufreißerischen Mädchen mehr zu gleichen, das jeden Tag einen neuen Kerl im Bett brauchte. Nein, das war wirklich nicht Lenés Einstellung und auch wenn sie akzeptierte, wenn manche Menschen anders waren, fiel es ihr schwer, ohne Vorurteile mit ihr umzugehen. Na ja, wer sprach hier denn schon von Umgehen? Sie tat es ja kaum. Wenn Jenny mal da war, hing sie sowieso nur mit Bill zusammen. Und dem gefiel das ja augenscheinlich auch ziemlich gut. Ob das nun Neid war? Eifersucht? Nein, die ganz bestimmt nicht. Neid, ja, vielleicht. Möglicherweise war sie zugegebenermaßen ein wenig neidisch, weil sie nie so die Aufmerksamkeit der Jungs auf sich zog. Bill war einer der ersten Jungs, mit denen sie sympathisierte. Er war derjenige, der sie so anschaute. So. Genauso, wie sie es mochte, wie es ihr gefiel. Und…
Versehens entwich ihr ein Seufzen – was auch immer es ausdrücken wollte, Lené wusste in dem Moment ihre eigenen Körperreaktionen nicht mehr zu definieren. Letztlich war es ihr auch egal, denn sie war erstarrt. In einem Bruchteil der Sekunden. Nur aufgrund eines Geräuschs. Jedoch eines, das mehr über seinen Ursprung hergab als wohl jedes andere, was das Mädchen in den Augenblick wohl hätte wahrnehmen können. Erstes Erkennen ließ Lené verstehen, dass es von einem Menschen kam. Von einem Jungen. Von ihm. Bill. Ein Stich, nicht mehr, zuerst. Doch dann arbeitete Lenés Hirn. Sie begriff. Und das, obwohl sie es nicht wollte. Nein, eigentlich wollte sie gar nicht wissen, was das war! Aber da war dieses Wissen. Das, was eigentlich nicht gewusst werden wollte. Von diesem Mädchen. Von Lené. Es tat ihr weh. Dieses Stöhnen, was in ihren Gehörgang drang. Es ließ sie kurz zittern. Fast wie beim Frösteln. Sie sprang auf. Erschüttert, geschockt. Eine kurze Gelähmtheit, die ihre Muskeln befiel. Lené fast ihr Gleichgewicht verlierend. Aber schließlich stand sie doch auf festen Füßen. Im Sand. Der Blick starr auf den Horizont gerichtet. Vor ihren Augen ein Bild der Fantasie. Eines, das sie eigentlich nicht sehen wollte. Nichts dagegen zu tun. Nichts…
Die Gedankensperre gelöst, die Muskeln schienen leichter. Und dann tat sie ein paar Schritte. Unbemerkt vom benebelten Kaspar. In diese Richtung. In seine Richtung. Dorthin, wohin ihr Bauch sie eigentlich nicht gehen lassen wollte. Nur ihr Kopf wollte.
Es mochten fünfzehn Meter gewesen sein. Hundert Schritte. Wie in einer Trance getan. Zuletzt ansteigend. Durch den Sand. Dazwischen mittlerweile Grashalme. Steine. Doch nichts, nichts hielt Lené auf. Sie wollte dorthin. Sie wollte sehen. Obwohl sie es nicht sollte. Auch nicht wollte. Doch sie sah es. Erblickte ihn. Mit offenem Mund, geschlossenen Augen. Erregt. Schweiß auf seiner Stirn. Mitten in seinem makellos scheinenden Gesicht. Der Mond spiegelte die Feuchtigkeit darauf wider. Alles egal, alles vollkommen gleichgültig für Lene´. Sie hielt sich nur die Hand vor den Mund. Bei einem Augenschwingen auf das Mädchen mit den blonden Haaren. Über seinen Schoß gebeugt. Falten im Stoff der Jeans an den Oberschenkel. Es verriet genug. Viel zu viel, Lenés Meinung. Und dann ließ es sie nur den Mund öffnen. Nichts drang heraus, zuerst. Nur Erstaunen. Schock in ihren leeren Augen. Das Blau dem eines Ozeans gleichend. Und doch so unecht, nicht lebendig.
„Ich…glaub’s…nicht…!“, presste sie hervor. Harmlos, viel zu harmlos.
„Arschloch…“, leise. „Du, Arschloch!“, lauter. „Du, verdammtes Arschloch!“, hallend. Und Lené eilte weg. Sah nicht mehr, wie die verwirrte Jenny sich aufrichtete. Wie Bill aus seiner Trance erwachte. Wie er ihr gedankenlos nachstarrte.
Niemand bemerkte ihre Tränen. Ihre Tränen der Wut. Des Schmerzes. Der Angst. Niemand bemerkte, dass sie wegrannte. Weit weg…



Kapitel 14


Bill riss entsetzt die Augen auf. „Wahs had die dehnn?“, lallte Jenny kichernd. „Ähm…, würdest du bitte…“, er schob ihren Kopf beiseite, schloss seine Hose und stand mühsam auf. „Hey!“, Jenny sah ihn fragend an. „Isch wahr doch nooch gahr nisch fertisch!“, sie fuhr mit der rechten Hand über seinen Schritt. „Und duh auch nisch!“
Bill half ihr auf die Beine und schleifte sie zu Kaspar, der scheinbar in einen Sekundenschlaf gefallen war. Er hatte die Knie an die Brust gezogen, den Kopf schräg auf der Schulter liegen und grunzte. „Kaspar?“
„Wahs? Dieh Feuerwähr?“ Bill runzelte die Stirn. Der kleine Bauernjunge hatte wohl wirklich einen über den Durst getrunken. Nicht, dass er selbst nicht alkoholisiert wäre, aber mit ein bisschen Selbstdisziplin ließ sich das ganz gut überspielen. „Wohin ist Lené gegangen?“ Im Grunde interessierte es ihn nicht und es ging ihn auch nichts an. Ihre Reaktion war unbegründet und kindisch. Bill konnte tun und lassen, was er wollte, ohne Lené darüber in Kenntnis setzten zu müssen. Wenn er sich mit Jenny vergnügte, war das seine private Angelegenheit, die ganz sicher nicht zum „Arschloch“ machte, nur weil Lené ganz offensichtlich keine Erfahrungen hatte, was Sex anging. Das war auch die einzig mögliche Erklärung, für ihre lächerliche Panikattacke gestern am Strand.
Lené wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Wie lange sie dort hergerannt war. Und jetzt wurden ihre Beine schwer. Die Muskeln taten weh, ließen sie langsamer werden. Letztlich sank sie in den Sand, kalt vom Wind. Eine seichte Gischt flog ihr irgendwoher noch ins Gesicht. Bis sie es senkte und das Kinn beinahe auf ihre Brust schlug. So kraftlos war sie. So kraftlos geworden von einem Bild. Diesem Bild. Jenny über Bills Schoß hängend. Und derjenige, dem das sichtlich gefallen zu schien. Bill. Sie hatten Spaß, ihren Spaß. Nein, so hatte die 17-Jährige Bill niemals eingeschätzt. Wirklich nicht. Ganz anders. Sie hatte gedacht, er wäre vernünftig. Nur wie definierte man dieses Vernünftig? Das Mädchen wusste es ja selbst nicht. Vielleicht jemand, der nicht jeden zweiten Tag ein Mädchen im Bett hatte? Jemand, der nicht solche dreckigen Spielchen brauchte, um sich wohlzufühlen? Oder doch jemand, der eine Freundin hatte und einfach nur treu war? Nichts davon gefiel Lené und letztlich gab sie es auf. Ihr Blick traf auf den dunklen Dünenhügel, der ihr die Sicht auf den erschwarzten Horizont verbot. Ja, aber vielleicht war es genauso richtig. Hier würde sich sicher niemand finden. Feststand für sie nämlich, das war das Letzte, was sie jetzt wollte. Gefunden werden. In dieser Situation. Mit diesem Wohlbefinden.
„Lené?“, fragte Kaspar. „Uh, dieh is jaah wech?“
„Was du nicht sagst, du Trottel.“, keifte Bill und augenblicklich merkte er, wie sein Hals zu kratzen begann. „Ihr bleibt hier und ich suche sie!“, fügte er, etwas leiser, hinzu.
Seine Beine kämpften sich durch den weichen Sand, der immer und immer wieder unter seinen Füßen nachgab. Dieses Mädchen war verrückt – eindeutig. Vielleicht wollte sie auch einfach nur Aufmerksamkeit, indem sie bei jeder Gelegenheit wegrannte. Vermutlich erwartete sie sogar, dass man ihr hinterher stiefelte und ihr die Welt zu Füßen legte. Aber dazu würde es Bill nicht kommen lassen. Er würde ihr ein für alle Mal die Meinung sagen.
„Lené?!“, rief er und versuchte im schwachen Schein des Mondes ihre Fußspuren ausfindig zu machen.
Sie musste ein ganzes Stück gegangen sein, denn Bill selbst lief bereits zehn Minuten und hatte sie bisher nicht entdeckt. Seufzend blieb er stehen und suchte mit den Augen die Dünen ab. Ganz plötzlich sah er einen Schatten. Ein kurzes Zucken in der undurchdringbaren Nacht. So leise wie möglich schlich er darauf zu. Bill hatte sich nicht getäuscht, denn von dem Schatten ging ein leises kummervolles Schluchzen aus.
„Lené?!“, fragte er leise.
Der Schatten zuckte zusammen:
„Verpiss’ dich!“
„Wir wollen nach Hause. Vielleicht besitzt du in deinem grenzenlosen Egoismus ja die Höflichkeit mit zurück zu kommen, damit wir gehen können“, antwortete Bill kühl und verschränkte die Arme.
„Geht doch – ich finde schon allein zurück“, sagte sie, „und außerdem solltest du schnell zu Jenny zurück. Die kriegt sonst bestimmt einen Kummeranfall.“
Bill atmete tief durch und versuchte seine Wut zu zügeln. Es brachte sie beide nicht weiter, wenn er sie jetzt anschrie:
„Beim besten Willen, Lené!“, begann er ruhig und gesittet. „Ich weiß nicht, was dieser Kinderkram hier soll. Dass du ein Problem mit Jenny ist, ist deine Sache und da werde ich mich auch nicht einmischen, aber was ICH mit Jenny mache oder nicht, geht dich nichts an. Du hast weder das Recht, mir blöde Blicke zuzuwerfen, noch mich Arschloch zu nennen. Ich bin dir nicht verpflichtet, okay? Wir sind nicht irgendwie zusammen oder sonst was, was dich in die Position bringen würde, so mit mir zu reden. Ich habe Jenny wirklich gern. Und du schätzt sie auf jeden Fall schlecht ein, genauso wie mich. Ich bin kein Verführer oder Ausnutzer oder was weiß ich. Ich bin ein ganz normaler Kerl, der hin und wieder auch mal Bedürfnisse hat, okay? Das Leben und die Auffassung ändern sich ein bisschen, wenn man Sex hat. Ich weiß, dass du davon keine Ahnung hast, aber dann hast du erst recht nicht das Recht, über mich zu urteilen“, er räusperte sich, denn inzwischen brannte sein Hals wie Feuer. „Ich mag Jenny sehr. Sie versteht mich wenigstens. Also hör’ auf, mich vor ihr runter zu machen. Ist das klar?“
„ICH habe dich nie vor IHR runtergemacht!“, keifte Lené ungläubig, um ihre verbleibenden Kräfte ringend. „Oh, doch…! Das hast du!“, Bill stellte sich ihr demonstrativ in den Weg, die Hände in seine kaum sichtbaren Hüften gestemmt. „Denk’ doch, was du glaubst!“, rief sie aus, erhob sich schwach aus dem Sand und sah ihn nur noch einmal kurz an. Sie hatte Feuchtigkeit in den Augen. Verborgen sollte sie bleiben. Für immer. Besonders vor seinen Augen. Was war los? Ja, sie mochte ihn. Ja, verdammt! Aber…
„Was hast du gesagt?“, es unterbrach ihren Gedanken. „Nein, ich hab’ nichts gesagt!“, widersprach sie verwirrt. „Doch…, du hast doch gerade irgendwas gemurmelt!“, war Bills feste Überzeugung. „Nein…! Wahrscheinlich hast du noch irgendwelche Halluzinationen…, von wegen sexuelle Fantasien und so, weißt’e?“, es war das Letzte, was ihr noch einfiel, um ihm irgendwas von seinen verletzenden Worten zurückzugeben. Ja, sie hatte Lené verletzt. Irgendwie.
„Hallo…?! Mädel, wir leben nicht mehr im Mittelalter…! Es ist das 21. Jahrhundert und-“
„Halt’ mich nicht für so naiv!“, am liebsten hätte sie noch irgendeine Beleidigung hinterhergekeift, um ihre Wut rauszulassen, doch Bills vorhergegangene Worte hielten sie davon ab. „Ey, komm’ mal runter…! Ich hab’ dir nichts getan!“
„Was willst du noch hier…?! Lass’ mich in Ruhe!“, umging sie Letzteres und drehte sich von ihm weg. Sie hörte seinen unruhigen Atem – womöglich vor Wut.
„Hau’ ab“, schnaufte sie nur noch und wartete ab, seine sich entfernenden Schritte zu hören.
„Ich werde jetzt nicht gehen!“, sagte Bill entschlossen. „Du wirst mitkommen!“ „Dazu kannst du mich nicht zwingen!“, giftete Lené. Ihr Gesicht strahlte im matten Mondlicht und Bill konnte die Spuren ihrer Tränen erkennen. Wäre sie nicht so unheimlich selbstbezogen und arrogant, hätte er vielleicht sogar Mitleid mit ihr gehabt. „Bitte!“, Bill sah sie herausfordernd an. „Dann bleiben wir hier so lange stehen, bis du deine Meinung geändert hast.“ „Hast du Langeweile oder was?“, Lené klopfte sich die Sachen sauber. „Nein, ich hab’ nur keinen Bock drauf, mir irgendwelche Vorwürfe von deiner Mutter anhören zu müssen“, er packte sie an der Schulter. „Können wir dann jetzt bitte gehen?“ Lené schüttelte wütend den Kopf:„Vergiss es!“
„Komm’ schon!“, Bill zog an ihrem Arm. Er hatte wirklich nicht die geringste Lust dazu, den Rest der Nacht hier im Sand zu verbringen. „Du tust mir weh!“, schrie Lené und zog nun ihrerseits zurück, so dass Bill auf sie zu stolperte und so dicht vor ihr zum Stehen kam, dass er ihr Haar roch und den leichten Alkoholgeruch wahrnahm. Es war das zweite Mal an diesem Abend, dass er ihr so nah war. So nah, dass er ihren warmen Atmen auf seinem Gesicht spürte und sich ihre Oberkörper berührten. Und abermals hatte er das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen und einfach zu küssen. Wenn er ihr so nah war, verschwanden all seine Wut und Zweifel, die Abneigung…weggeblasen wie ein kleines Segelboot in einem Sturm, so weit entfernt wie ein unscheinbarer Traum, dessen milde Nachwirkung noch einen Augenblick in der Realität verweilte.
Wenn er so vor ihr stand und in ihre unendlich gefühlvollen, schüchternen Augen sah, dann liebte er sie. Ob er wollte oder nicht, er musste sie einfach lieben. „Warum…tust du das?“, flüsterte er verzweifelt und strich ihr zärtlich über die Wange. „Du hasst mich doch, also warum…warum bringst du mich dazu, all diese Dinge zu denken? “Lené blickte ihn einen Herzschlag lang stumm an, legte dann sanft die Arme um seinen Hals und lehnte den Kopf auf seine Brust:„Ich…hasse dich nicht!“
Bill drückte sie fest an sich und schloss die Augen. Was immer ihn dazu bewog, er hatte das Gefühl zu fliegen. Er flog weiter als seine Gedanken reichten, weiter, als sein Verstand begreifen konnte. Und dann riss ihn eine Stimme mit unbarmherziger Gewalt zurück auf den Boden der Tatsachen.„Bihihill? Läneeeh?“, rief Kaspar und kam unweit von ihnen hinter einer Düne hervorgestolpert. Sofort ließ er Lené los und blickte ertappt auf den Boden.
„Hier sind wir“, sagte Lené überflüssigerweise. Mit ihrer schrecklich belegten Stimme. Und dazu ihre Knie, die so weich waren, dass sie Angst hatte, gleich nicht nur wegen des unsicheren Sandes unter ihren Füßen umzufallen.
„Hu-Hu-Huch…! Na, do-ar hast’e se ja je-fun-fün-den, nä, Bi-hill?!“, torkelnd kam Kaspar näher. Dass er betrunken war, war nicht mehr zu übersehen. Der Geruch ebenso eindeutig. Und trotzdem konnte Lené sich gerade mit allem anderen um sich herum beschäftigen, aber sicher nicht damit. Immer noch flog ihr diese Szene vor Augen herum, mit Bill, die gerade eben geschehene. In der Realität. Sie war erstarrt. Ihre Blick leer, ihre Muskeln gelähmt, ihre Gedanken ratternd.
„Lasst uns gehen…!“, leitete Bill nach einem kurzen Räuspern, bugsierte Lené mit seiner Hand an ihrem Rücken ein paar Meter bis zu Kaspar, der sie mit geweiteten Augen anstarrte. Lené genoss Bills Nähe, nicht aber Kaspars ungeteilte Aufmerksamkeit. Und als diese Stütze schließlich von ihrem Rücken verschwand und sie allein weitergehen musste, Bill vor sich hereilend sah, da war das sanfte Lächeln auf ihrem Gesicht wieder der Leere und Traurigkeit gewichen, die das Gesicht des Mädchens nur allzu oft heimsuchte.
„Kaspar, wo ist Jenny?“, ganz kurz sah sie Bills Gesicht, wie es sich im Dunkeln umwandte. Seine helle Haut vom Mond angestrahlt.
„Da-däh…hin-nen“, lallte Kaspar. Der andere Junge voraus nickte. Sein Blick noch kurz zu Lenés Augen schnellend. Der Blick traf sie und ließ sie hinabblicken. Warum auch immer, sie wusste es selbst nicht – da waren wieder diese Tränen. Diese, die es grundlos gab. Grundlos, deswegen sollte sie es eigentlich niemals geben. Gar nicht. Aber diese Sekunden vorhin, schoss es Lené durch den Kopf. Schneller verdrängt als überhaupt zu Ende gedacht.
Nach einer halben Ewigkeit, so empfand es die 17-Jährige, waren sie an einem Strandabschnitt angelangt, der ihr sogar im Dunkeln bekannt vorkam. Hier waren sie zuletzt erst mit den Pferden gewesen. Weit bis zum Bauernhof von Kaspars Eltern konnte es also nicht mehr sein. Und so war es letztendlich auch.
„Hier geht’s lang, oder?“, die Frage kam von Bill, als sie an einer Weggabelungen hinter den Dünen standen, die sie mit einigem Kraftaufwand der Beinmuskeln mehr oder weniger wankend und zugegebenermaßen einigen ungefährlich Stürzen überwunden hatte.
„Jo-ar…, da-da-da…, hä-häer, nä, Bi-hill…, Jänn-ich?! Hähähhä…“, abermals musste Lené den Bauersjungen stützen. Sie sah Bill, den Jungen vor ihr, die Augen verdrehen, als er Jenny zum dritten Mal an der beinahe gleichen Stelle hochhieven musste.
„Nun ist aber gut!“
„I-icke…ma-mä-micke doch, Bi-Bi-Billy-hi…“, er verzog das Gesicht und lief weiter. Genauso wie Lené. Nur hatte sie jetzt ein Grinsen auf den Lippen. Nicht umsonst.
„Dä-er Schlüschel, Bi-hill!“, nuschelte Kaspar und zog akkurat seinen Schlüssel heraus, um dann ungezielt irgendwo in der Nähe des Schlüssellochs herumzustochern, während Bill ungeduldig hinter ihm wartete, Jenny mühsam auf den Beinen haltend. Sie schien fast schon zu schlafen, wenn auch in der aufrechten Lage. Lené unterdrückte ein Glucksen und schritt schließlich nach vorne.
„Gib mal…, ich mach’ das!“, bot sie sich Kaspar als Hilfe an und ließ sich von ihm den Schlüssel sorgfältig in die Mitte ihrer Handoberfläche legen. Sekunden später war die Haustür dann auf und Bill, der als Erster eintrat, schleifte Jenny stöhnend hinter sich her, Richtung der Zimmer der beiden Gäste. Lené hingegen wartete noch kurz, bis Kaspar es über die Türschwelle geschafft hatte. Er stolperte nur noch in sein Zimmer zur Rechten und schlug achtlos und nicht gerade leise die Tür hinter sich zu. Ein wenig verwirrt schüttelte die 17-Jährige den Kopf und trippelte Richtung ihres Zimmers, das sie eigentlich leer vorzufinden erwartet hatte. Aber es war anders.
„Woah…“, das war das Erste, was sie vernahm, als sie eintrat. Von Bill. Und der saß ausgerechnet auf ihrem Bett. Bevor Lené auch nur die Frage stellen konnte, was er denn da machte, ließ er verlauten: „Jenny ins Bett zu kriegen war leichter, als ich dachte!“
„Wie bitte?!“, erschrocken wie verwirrt starrte Lené den Patienten ihrer Mutter an. Ihre Augen geweitet, der Alkohol mochte ebenso daran Schuld sein wie die jetzige Situation.
„Ähm…, na ja…, sie war leicht…ins Bett zu legen, sie wollte ohnehin nur noch schlafen…, weißt du…?“
„Ah, ja!“, machte Lené und lächelte unbeholfen, „Na dann…solltest du zu ihr gehen. Ist ja schließlich dein Bett.“
Bill seufzte und machte damit deutlich, dass ihm die folgenden Worte sichtlich unangenehm waren:
„Ich dachte, ich kann vielleicht hier pennen. Jenny hat verdammt viel getrunken und ich hab’ herzlich wenig Lust, dass sie mich vollkotzt.“
„Dass sie dich vollkotzt...? Ach, warum denn so plötzlich?! Sonst hängst du doch immer so stark an Jenny, he...?“, warum sie plötzlich so wütend - ja, fast - herrschte, wusste sie nicht, aber sie tat es. Und bereuen tat sie es auch nicht.
„Bitte?“, fragte er und versuchte so freundlich wie möglich zu klingen. Er war hin und her gerissen, verwirrt über dieses Gefühlschaos in seinem Kopf. Schließlich und endlich konnte er machen, was er wollte, er mochte Lené – er mochte sie viel zu sehr, um es einfach hinweg zu leugnen, es zu ignorieren oder gar zu bekämpfen.
„Sag' mir, warum..., und ich hab' nichts dagegen...“, Lené war nur froh, dass ihr letztlich nicht die Stimme versagte, aber sie wusste, sie war kurz davor. Und das nur, weil er sie so angeschaut. So wie vorhin...in der Düne.
„Weil…, na, weil…“, er starrte zu Boden und spielte nervös an seinen Fingernägeln. Jetzt oder nie, dachte er bei sich. Schließlich hatte er nichts zu verlieren. Sie hatte ihm explizit gesagt, dass sie ihn nicht hasste. Ihre plötzliche Kühle war möglicherweise nur dem Umstand ihrer Eifersucht im Bezug auf Jenny zu zuschreiben. „Weil ich dich mag…, weil ich dich verdammt gern hab’ und…in deiner Nähe sein will“, er blickte sie an und versuchte, regelmäßig zu atmen. Sein Herz schlug so schnell, dass er sich damit wahrhaft Mühe geben musste. Sein Magen lief sprichwörtlich Amok und seine Finger waren schwitzig.


Kapitel 15



Lené sah ihn mit offenem Mund an. In ihrem Gesicht stand die blanke Fassungslosigkeit.
„Ich war scheiße zu dir und es tut mir Leid. Ich wollte ja nicht…“, er brach ab, trat hastig einen Schritt auf sie zu, presste sie fest an sich und küsste so voller Leidenschaft, dass er einen Herzschlag lang nichts anderes um ihn herum wahrnahm als ihr zarten Lippen und ihren betörenden Geruch. Mit klopfendem Herzen löste er sich von ihr.
„Ich…, ähm…, tut mir Leid“, er kratzte sich am Hinterkopf und spürte das Blut in seinen Kopf schießen, bis er errötete.
Er war rot, so richtig rot; das schien das Einzige zu sein, was Lenés Kopf gerade in ihre Gedanken zustande brachte. Mehr nicht. Und warum? War sie noch durcheinander? Betört?
„Ähm...“, machte sie nur ein wenig peinlich berührt und warf einen Blick auf ihre Hände, die sie gerade ein wenig durchknetete. „Dann..., ähm..., okay..., aber...dann...müssen wir uns die Bettdecke teilen oder so...“
Bill räusperte sich:
„Okay…ähm, dann geh’ ich mal ins Bad…“, er lächelte verlegen, „bis gleich.“
Auf Zehenspitzen schlich er durch sein Zimmer. Jenny lag quer auf dem Bett, schnarchte leise und sah alles in allem absolut fertig aus. Grinsend schlich Bill weiter ins Bad und warf einen Blick in den Spiegel. Seine Schminke hatte unter dem Verlauf des Abends ziemlich gelitten, seine Haare waren zerzaust und er selbst immer noch so rot wie ein gebratener Hummer.
„Na, toll“, sagte er zu seinem Spiegelbild, „du gestehst einem Mädchen, dass du auf sie stehst und siehst dabei so scheiße aus. Glückwunsch, Kaulitz. Du bist ja der absolute Ladykiller. Oh, man…“, er griff nach ein paar Wattepets, schminkte sich ab, richtete sein Haar notdürftig und sprang kurz unter die Dusche, um sich Sand und Schweiß abzuspülen. Er dachte an Jennys kleine…mündliche Anmache und schüttelte lachend den Kopf. Was für ein verrückter Abend.
Bill schlüpfte in frische Shorts, zog ein T-Shirt über, um Lené nicht allzu sehr zu bedrängen, und schlich zurück in ihr Zimmer. Sie lag bereits im Bett, an den äußersten Rand gequetscht, einen schmalen Streifen Bettdecke über ihrem schlanken Körper.
Bill kroch ebenfalls ins Bett und sah sie fragend an:
„Ähm…, bequem liegst du so bestimmt nicht, oder?“
„Nicht unbedingt..., aber es ist okay..., denk’ ich...“, murmelte Lené und traute sich nicht, eine ordentliche Antwort zu geben. Sie hatte Angst. Wovor? Im ersten Moment vermochte sie es selbst nicht zu wissen. Aber dann, denn sie hatte einfach Angst vor Bedrängnis. Durch Bill? Konnte der so was überhaupt - bedrängen?
„Bist du dir sicher?“, fragte er und Lené spürte, wie ihr zwischen den paar Worten gleich viermal - geschätzt - heiß und kalt wurde. Und antworten konnte sie jetzt ohnehin nicht mehr. Gelähmt, versteinert, stumm. Und dieses Chaos in ihrem Kopf war Schuld. Warum? Weil sie Gefühle für ihn hegte - für Bill.
Einen endlosen Moment lang herrschte Schweigen. Bill wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Vorsichtig streckte er die Hand nach ihr aus und zog sie ein Stück zu sich, strich ihr behutsam über die Wange und lächelte sie an. Er wollte nicht, dass sie sich unwohl fühle. Er wollte ihr auch nicht zu nahe treten, denn er hatte ja bereits die Erfahrung gemacht, wie empfindlich Lené war.
„Soll ich…das Licht ausmachen?“
„J-ja...“, stotterte sie und wich seinem Blick mehr oder weniger erfolgreich aus. Dazu nickte sie noch, beinahe zur Ablenkung von sich selbst.
„Okay...“, murmelte Bill, stand auf und tapste zum Lichtschalter. Sekunden später erlosch das Licht...und sogleich fühlte sich das 17-jährige Mädchen unwohl - ohne dass sie es wollte.
Sie spürte, wie sich die Matratze wieder herabsenkte und fröstelte beinahe. Jedoch nicht vor Kälte. Aber warum dann?
„Alles okay...?“, seine sanfte Stimme, dir ihr die Gänsehaut über den Körper trieb. Sie nickte nur, aber das sah er natürlich nicht...
„Lené?“, sorgenvoll, erkundigend - so klang das für sie. Und sie wollte doch so gerne antworten.
„Ja...“, brachte sie es endlich nach Sekunden heraus. Und sie spürte seine Hand an ihren Kopf. Chaos in ihrem Hirn. Nein, jetzt nicht, was sie nicht wollte. Ja, bitte das, was sie unbedingt wollte. Was sie ersehnte. Nur...waren das nicht Gegensätze, Widersprüche in sich?
Bill atmete tief durch und versuchte, sich ausschließlich auf Lené zu konzentrieren, nicht auf die Erotik, die sich in dieser Situation erbot. Vorsichtig rutschte er ein Stück näher, umklammerte ihre Schultern und küsste sie aufs Neue. Er konnte nicht sagen, was es war, dass ihn immer wieder zu ihren Lippen zog, aber es fühlte sich an, wie die Sucht nach einer starken Droge, in deren Abhängigkeit er geraten war. Er lächelte ihr in der Dunkelheit entgegen und obwohl sie es nicht sehen konnte, entspannte sich ihr Körper fühlbar. Bill drehte sich auf den Rücken, legte den Arm um sie und postierte ihren Kopf auf seiner Schulter. Behutsam und zärtlich strich er über ihre Oberarme.
„Kannst du so schlafen?“, flüsterte er.
„Ja...“, erwiderte sie flüsternd und lächelte glücklich strahlend in die Dunkelheit hinein - ein unfassbares Gefühl durchströmte sie, nicht zu beschreiben. Nur gut, dass sie in diesem Moment niemand sehen konnte. Nicht mal Bill neben ihr, dessen Anwesenheit ihr diese Wärme im Bauch bescherte. Diese Wärme, die sie noch so selten wahrgenommen hatte; wunderschön war sie. So würde sie gut einschlafen können. Aber noch viel besser, wenn sie es endlich mal hinausbringen könnte.
„Bill...?“
„Mmh...?“, brummte er, fast verschlafen, niedlich. „Ich...ich...ich...“, nein, es sollte einfach nicht sein!
Bill rümpfte die Nase:
„Du…, du…, du was?“, er gähnte. Jetzt, wo er so bequem im Bett lag, in seinen Armen das Mädchen, wegen dem sein Magen eine permanente Anflug- und Landebahn für Flugzeuge geworden war, merkte er, wie müde er eigentlich war. Der Alkohol tat sein Übriges und noch bevor Lené antworten konnte, war er eingeschlafen.


Ein vorwitziger Sonnenstrahl kitzelte Bills Nase und ließ ihn zwinkern. Langsam öffnete er die Augen und blickte vorsichtig nach rechts. Lené lag friedlich schlafend in seinen Armen. So vorsichtig wie möglich legte ihren Kopf aufs Kissen und schlüpfte aus dem Bett. Gerade hatte er sein Zimmer betreten, als ihm Jenny in den Weg trat. Sie sah wieder aus wie sonst. Schön und anmutig, die Haare zu Pflechtezöpfen, eine enge Jeans und eine kariertes Hemd unter der Brust zusammengebunden, so, dass man ihren herrlichen, wohlgeformten Bauch sah.
„Morgen, Jenny!“, er lächelte, doch sie schien alles andere als gut aufgelegt.
„Du hältst dich für unwiderstehlich, oder?“, sagte sie so kühl, dass es Bill eiskalt den Rücken hinab lief.
„Ähm…, wie bitte?“, fragte er etwas perplex.
„Du machst mich an und zwar ganz offensiv und landest dann mit diesem Mauerblümchen im Bett?“, Jenny Gesicht war stolz, aber in ihren Augen blitzte es für einen Moment traurig auf.
„Also erst mal ist sie kein Mauerblümchen und zweitens hab’ ich nicht mit ihr geschlafen“, verteidigte er sich.
„Guten Morgen!“, zwitscherte Lené und lugte durch den Türrahmen.
Jenny warf ihr einen verächtlichen Blick zu:
„Und fühlst du dich jetzt toll? Fühlst du dich gut, weil du Bill Kaulitz ins Bett gekriegt hast?“
„Sag’ mal, geht’s noch?“, keifte sie.
„Man, Jenny, ich hatte keinen Sex mit ihr, okay?“, warf Bill ein und fühlte sich der Situation absolut nicht mehr Herr.
„Natürlich nicht. Und ausgenutzt hast du mich gestern auch nicht?!“, giftete sie und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
„Hab’ ich nicht!“, sagte Bill hilflos. „Es war total schön mit dir gestern!“, er bereute die Worte bereits, bevor er sie gänzlich ausgesprochen hatte, denn jetzt war es Lené, die ihn wütend anfunkelte.
„Ach so? Jetzt auf einmal?“
„Was?“, Bill sah sie erschrocken an. „Aber so meinte ich es nicht!“
„Wie meinst du es dann?“, fragte Jenny gereizt.
„Ich…, äh…“, stammelte Bill, aber ihm fiel einfach nichts ein, um beide gleichzeitig zu besänftigen.
„Du bist echt ein Arschloch!“, sagte Lené und knallte ihre Zimmertür.
„Ja, das bist du!“, stimmte Jenny zu, verließ Bills Zimmer ebenfalls mit einem lautstarken Türknall.
Seufzend schlurfte Bill zum Schrank, kleidete sich an und lief die Treppen hinunter, hinaus zur Pferdestall, lehnte sich gegen den Zaun und rauchte. Im Moment steckte er tatsächlich in der Klemme. Dass er Lené wollte, war absolut klar, aber trotz allem wollte er Jenny nicht das Gefühl geben, bloßer Lückenfüller zu sein. Er wünschte sich sehnlichst Tom herbei, der in solchen Situationen immer die perfekte Lösung fand. Der Gedanke, dass er in zwei Tagen kam und ihn besuchte, munterte Bill zumindest für den Moment auf.
Aus dem Haus schallte es ein lautes „Frühstück“ und so eilte Bill ins Haus zurück und lief in die Küche.
„Ja, du warst ganz schön betrunken“, lachte Lené und beugte sich nah an Kaspar. Zu nah für seinen Geschmack.
„Oh, man. Es tut mir so Leid. Ich hoffe, du hast nicht einen allzu schlechten Eindruck von mir. Es war einfach ein bisschen viel gestern“, sagte Kaspar und lächelte entschuldigend. Kaspar hat diese Art charmantes und unwiderstehliches Lächeln, das Bill schon hunderte Mal vergeblich vor dem Spiegel geübt hatte.
Bill setzte sich und deute auf den freien Platz neben sich:
„Kommst du zu mir, Lené?“
Ihr Lächeln erstarb augenblicklich:
„Nein, ich sitze bei Kaspar, danke!“
Kaspar grinste zufrieden und legte den Arm um sie:
„Und wie hast du geschlafen?“
Lené warf Bill einen steinernen Blick zu:
„Schlecht. Irgendwie hat mich die ganze Nacht etwas gestört!“
Bill sah sie empört an. Nach seinem Empfinden hatte sie seelenruhig geschlafen und zufrieden ausgesehen. Dass sie jetzt auf die kleine Diskussion mit Jenny dermaßen ansprang, machte ihn wütend:
„Geht mir genauso“, brummte Bill.
„Morgen!“, Jenny kam durch die Küchentür und blickte sich übellaunig um.
„Komm’ her!“, sagte Bill und lächelte.
In Jennys Gesicht arbeitete es. Einerseits wollte sie das Angebot, neben ihm zu sitzen, nicht ausschlagen. Andererseits war sie wütend auf ihn und das zu Recht.
„Komm’ schon!“, er sah sie entschuldigend an. „Es tut mir Leid, ehrlich. Du warst ganz schön dicht und da hab’ ich dich in mein Bett gebracht und weil du so viel getrunken hast, dachte ich, du musst vielleicht…, du weißt schon. Das war der einzige Grund, warum ich drüben gepennt habe“, was Lené konnte, konnte er schon lange, „ich hätte nichts lieber, als die Nacht mit dir verbracht, ehrlich. Aber ich denke, das holen wir nach, oder?“, er zwinkerte ihr zu. Das schien Jennys Blockade endgültig zu brechen. Grinsend setzte sie sich dicht neben ihn und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel.
Bill hatte sich wirklich alle Mühe mit Lené gegeben. Er war zuvorkommend, höflich und zurückhaltend gewesen. Ihr Verhalten mir Kaspar war völlig unangemessen, wenn nicht total daneben. Er hatte es nicht nötig nach ihrer Pfeife zu tanzen. Wenn sie es ernst mit ihm meinte, sollte sie doch kommen. Bill hatte mithin genug Versuche unternommen.


Kapitel 16



Lené funkelte bloß eine Sekunde lang zornig und verletzt in seine Richtung. Dann verbarg sie ihre Gefühle in sich selbst. Er sollte nicht sehen, dass er ihr wehtat. Wenn sie ihm das zeigte, hatte er sie doch gleich in der Hand und konnte dann mit ihr machen, was er wollte. Und das war schließlich das Letzte, was die 17-Jährige wollte. So ging sie weiter auf Provokationskurs. Mithilfe von Kaspar, der hier ja gerade das ideale Mittel zum Eifersüchtigmachen war.
„Kaspar“, flötete sie und grinste nur, als er sie auf der Stelle anschaute wie ein Butler seinen Herrn. Ja, da freute sie sich. Nein, nicht, dass sie tatsächlich bei Kaspar noch in eine solche Richtung dachte, wie sie sie heute Nacht mit Bill kennen gelernt hatte, der meinte, ihr jetzt plötzlich die kalte Schulter zeigen zu müssen, aber Kaspar konnte doch ein gutes Mittel zum Zweck sein. Und irgendwie auch guter Kumpeltyp. Aber jetzt diente er vor allem diesem Spiel. Das Spiel, was Lené jetzt treiben wollte. Bill hatte es begonnen, wollte gewinnen. Tja, aber er dachte ja auch nicht, dass er dieses Spielchen ganz schrecklich verlieren würde. In Peinlichkeiten. Wie gut, dass er noch nichts ahnte. Und Jenny auch nicht, denn die hätte dann ganz sicher auch nichts mehr zu lachen.
„Was denn?!“, verwirrt und wie ein Hund mit herausgestreckter Zunge blickte der Bauersjunge Lené an, die jetzt, zurückgekehrt aus ihren Gedanken, auch wieder grinsen konnte. Bills kurzer Seitenblick, den er wohl eher unauffälliger hätte tun sollen, bestätigte sie nur in ihrem Tun.
„Kaspar…, reichst du mir mal bitte die Butter…? Ich komm’ da gerade so schlecht dra-han!“, sie machte eine Bewegung, sich halb über den Tisch zu beugen – nicht ohne sich vorher versichert zu haben, dass ihr auch alle, vor allem Bill, die Aufmerksamkeit auf sie richteten –, und strahlte dabei nicht gerade unbeabsichtigt in Bills Richtung. Der zuckte da schon seltsam zusammen, was Jenny nur mit einem fragenden Blick in sein Gesicht quittierte. Na, und dabei war das doch erst der Anfang!
„Dankeschön, mein Lieber!“, trällerte sie überschwänglich und wuschelte ihrem Sitznachbarn durchs wilde Haare – immer ein wenig Schielen in Bills Richtung. Den Moment, wenn er anfing rot zu werden, wollte das Mädchen auf gar keinen Fall verpassen. Aber noch tat sich leider gar nichts. Und so ließ Lené erst einmal wieder Normalität einkehren, indem sie sich ihre Brötchenhälfte schmierte. Eine Pause musste eben auch mal sein. Nur andere sahen das etwas anders…
„Sag’ ma’, Lené…“, sie blickte auf, allerdings diesmal nicht in Bills Gesicht, was ihr wesentlich lieber gewesen wäre, sondern in Jennys. Und der Ausdruck auf diesem verhieß auch jetzt noch nichts Gutes. Wie Recht sie doch hatte!
„Kann’s sein, dass du dir heute Morgen das an Alk reingekippt hast, was Bill und ich gestern zusammen getrunken haben?“
„Nee…“, fauchte sie gleich, ihr Gehirn ratternd nach einer passenden Antwort, „…aber ich glaube ja, dass du vielleicht noch nicht ganz ausgenüchtert bist, und deshalb stellst du wahrscheinlich so dumme Fragen.“
„Dass ich nicht lache, ey! Du kleines Gör…! Wer von uns ist denn hier der kleine Streber, der immer ganz brav ist und am liebsten keinen Tropfen Alkohol trinken würde, he…? Wer von uns?“
„Na, wenigstens hab’ ich Niveau und weiß am nächsten Morgen noch, was ich am Abend gemacht hab’, ne?!“, keifte sie zurück und fand sich jetzt erst richtig ein. Wie viel Spaß so ein Streit doch machen konnte! Vor allem mit Jenny, dieser…Bitch!
„Ach ja, Niveau…! Weißt’e was, ich scheiß’ auf Niveau! Wenn ich so Leute sehe wie du, dann denke ich mir manchmal-“
„Jenny…! Jetzt is’ aber mal gut!“
„Ey, hallo, Bill?!“, sie sah ihren Sitznachbarn entgeistert, wütend an. „Das Mädel hat doch nicht mehr alle Latte am Zaun. Die ist-“
„Sei still“, knurrte er leise, aber zumindest so laut, dass es noch bei Lené und Kaspar auf der anderen Tischseite ankam. „Ey, warum verteidigst du ´n die jetzt?! Ich mein’, die-“
„Jenny!“, fiel Bill ihr noch einmal warnend ins Wort. Das Einzige, was Lené dabei auffiel, war wie konzentriert er versuchte, ihrem eigenen Blick auszuweichen.
„Mann, ja, aber ist doch wahr.“
„Du bist hier die Bitch!“, rutschte es Lené raus. Dabei hatte sie doch eigentlich unbedingt ihre Gefühle außen vor lassen wollen.
„Lené, auch du hältst jetzt mal deinen Mund!“, woher nahm der sich jetzt bitte das Recht dazu?! Woher, verdammt?!
„Halt’ doch deine Klappe, du Arschloch!“, fauchte sie nur. Und ehe sie begriff, was sie getan hatte, stiegen ihr schon die Tränen in die Augen. Nein, dachte sie nur noch, nein. Diese Tränen durfte er nicht sehen. NEIN.
Sie war rausgerannt, so schnell sie konnte. Irgendwohin. Beinahe blind von diesem Tränenschleier. Sie hoffte, er rannte ihr nicht hinterher. Ja, sie hoffte. Aber irgendwie wollte sie ja doch auch das Gegenteil. Und nebenbei verfluchte sie noch dieses verdammte Gefühlschaos. Gedanken durcheinander. Auch noch, als sie sich irgendwann kraftlos in den Sand unter sich fallen ließ. Über sich selbst verärgert. Und sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Am liebsten wollte sie es auch gar nicht mehr. Viel zu sehr versank sie gerade in irgendetwas, was ihre Tränen aus irgendeinem Grund nur noch mehr fließen ließ.
Wann würde diese Situation vorbeigehen? Wie? Würde sie irgendwann einfach aufstehen uns wieder ins Bauerhaus gehen? Oder würde er – Bill – da stehen? Oder würde sie hier sitzen…bis in alle Ewigkeit?
Tom kratzte sich am Hinterkopf und rümpfte angewidert die Nase. Es stank nach Vieh und nassem Heu – kein Wunder, dass Bill es nicht hier aushielt. Ein verdammter Bauernhof mitten im Nirgendwo. Das einzig Schöne waren die Dünen und das endlos weite Meer. Lächelnd schnipste Tom seine Zigarette in den Sand und kletterte etwas umständlich die Hügel hinauf, um sich umzusehen. Kaum ein Dutzend Meter neben ihm hockte ein hübsches braunhaariges Mädchen im Sand und weinte.
„Hey, nicht doch!“, sagte Tom zärtlich und lief ihr entgegen. Wenn er eines nicht sehen konnte, dann, dass ein Mädchen weinte. Die sah ihn überrascht an. Der Ausdruck in ihren Augen verriet Tom, dass sie wohl jemand anderes erwartet hatte. „Alles okay bei dir?“, fragte er und hockte sich neben sie. Sie presste die Lippen aufeinander und nickte. Da Tom in zivil oder besser noch in kognito gekommen war erkannte sie ihn wohl nicht. „Ich bin Tom!“, sagte er freundlich und schob die Sonnenbrille von der Nase.
Oh, Mist, schoss es Lené nur durch den Kopf und augenblicklich strich sie sich die Tränen aus dem Gesicht. So ein Pech konnte aber auch nur sie haben! Sie wünschte sich Bill herbei und was passierte? Stattdessen stand plötzlich dessen Zwillingsbruder vor ihrer Nase. Zu allem Überdruss erkannte sie ihn erst mal gar nicht, was sie neben dem Weinen auch verärgerte. Doch dass sie eben weinte, dafür schämte sie sich beinahe. Im Angesichts dieses doch – den Medien nach – so coolen Typen.
„Und wer bist du?“, fragte er jetzt, nach einer Weile. Mit einem seltsamen Blick hatte er sich neben sie in den Sand niedergelassen und warf genau wie sie den Blick aufs Meer hinaus. Ein schöner Ausblick, es war gerade Flut.
„Lené“, murmelte sie nur zurückhaltend und wünschte sich jetzt viel lieber wieder ganz allein zu sein. Auch ohne Bill. Eigentlich wollte sie ja jetzt nur nachdenken und nicht mit irgendwelchen Fragen bombardiert werden. Ob nun von Tom, Bills Bruder, oder Bill selbst. Woher ihr Sinneswandel kam, wusste sie selbst nicht. Nur jetzt strebte sie nach dieser Einsamkeit, die sie ein paar Momente zuvor noch so sehr verflucht hatte.
„Freut mich!“, antwortete Tom und sah sie forschend an. Sie hatte ein unheimlich hübsches Gesicht – von ihren verquollenen Augen abgesehen. „Bist du auch hier auf diesem Bauernhof?“
Lené nickte zaghaft und spielte etwas nervös am Saum ihrer Jeans. „Cool. Ich bin ja hier, um meinen Bruder Bill zu besuchen. Ist ´ne Überraschung. Eigentlich sollte ich erst am Wochenende kommen, aber er tat mir so Leid, weil dieses Ding hier echt am Arsch der Welt ist. Und dann hat er noch ein Problem mit so ´ner Ollen, die ihm wohl tierisch auf den Zeiger geht. Die Tochter von seiner Ärztin.“, plapperte Tom, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte. „Zigarette?“
„Ähm, nee…, ich rauche nicht…“, brachte sie unheimlich langsam hervor, obwohl das normalerweise gar nicht ihre Art war. In ihrem Kopf ratterten in diesen Sekunden noch mal die gerade von Tom gesprochenen Worte durch. Bill hatte ein Problem mit…wie bitte?!
Entgeistert starrte Lené Tom einen Augenblick an, bevor sie aufstand und schon im Begriff war, flink von dannen zu ziehen, als er ihr – selbstverständlich in der Situation hinterherrief: „Wohin des Weges, schönes Mädchen!“
„Ich bin kein schönes Mädchen!“, fauchte sie und eilte nun letztlich zum Bauernhof zurück.
„Bill, konzentrier’ dich bitte, ja?!“, mahnte ihn Frau Fassner zum dritten Mal. „Tschuldigung!“, murmelte Bill und gab sich redlich Mühe, die Übungen gut zu meistern. Sein schlechtes Gewissen und diese brodelnde Eifersucht tief in seinem Inneren machten ihn wahnsinnig. Lenés Mutter seufzte:„Das wird so nichts, Bill. Wir machen eine kleine Pause, ja? Vielleicht kannst du dich dann besser konzentrieren, denn irgendwie bist du nicht richtig bei der Sache. Ist was passiert oder geht’s dir nicht gut?“ Bis auf, dass ich in ihre Tochter verliebt bin, ist alles okay, dachte Bill und schüttelte den Kopf:„Wir waren nur ein bisschen lange weg gestern.“ Frau Fassner nickte und deutet zur Tür:„Zehn Minuten Pause.“
Bill lächelte dankbar und beschloss an die frische Luft zu gehen. „Ich bin kein schönes Mädchen!“, hörte er Lené rufen und rannte sie fast um. „Huch!“, machte Bill. „Was?“, keifte sie, doch als Bill sah, wer da plötzlich die Dünen emporklamm, war Lené völlig vergessen und absolut unwichtig. „Tooom!“, quietschte Bill und rannte seinem Bruder mit offenen Armen entgegen. „Ach scheiße, jetzt hast du mich doch gesehen!“, lachte er und drückte Bill fest an sich. Ein unglaubliches Glücksgefühl überkam Bill, denn er hatte schließlich erst in zwei Tagen mit seinem Zwillingsbruder gerechnet. „Warum bist du denn jetzt schon hier?“, fragte Bill aufgeregt und klatschte begeistert in die Hände. „Na ja, ich kann doch meinen kleinen Bruder nicht in dieser Einöde versauern lassen.“, grinste Tom und winkte Lené zu, „Das ist ja ´ne geile Schnitte!“, flüsterte er, damit sie ihn nicht hören konnte.
„Vergiss es, Tom. Du lässt schön deine Finger von ihr, ja?“, grinste Bill und schnipste Tom gegen die Wange. „Ich hab’ sie nämlich echt gern, allerdings hab’ ich ein bisschen Mist gebaut, fürchte ich…“
Lené stand im Türrahmen und beobachtet die beiden, doch Bill schenkte ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit. Schließlich musste er seinem Bruder berichten, was die letzten Tage vorgefallen war.
„Ach, hier bist du!“, sagte Kaspar und legte Lené die Hand auf die Schulter.
Sie fuhr unter seiner Berührung zusammen, gab ein kurzem „Hm“ von sich und blickte dann wieder zu Tom und Bill. „Hast du Lust, ein bisschen auszureiten? Ich hab’ gerade nichts zu tun.“, fragte Kaspar charmant und strich sich seine makellos blonden Haare aus dem Gesicht.


Kapitel 17


Missbilligend beobachtete die 17-Jährige, wie die Zwillinge sich wild gestikulierend miteinander unterhielten. Dass Kaspar neben ihr stand, vergaß sie beinahe. Seine Frage hatte sie nur unterbewusst wahrgenommen. Aber als er sie jetzt noch mal mehr als deutlich wiederholte, kam sie wohl kaum drum herum. Einen Moment lang sah sie ihn nachdenklich an und nickte dann schließlich – wenn auch mit einem schlechten Gewissen, irgendwie. Bill hatte jetzt eh seine Sitzung mit ihrer Mutter. Was sollte sie da gelangweilt im Haus herumsitzen und dann im Anschluss womöglich Bill noch mit Jenny rumturteln sehen? Nein, das konnte sie sich echt ersparen!
„Ja…, okay, dann lass’ uns gehen…! Ich geh’ mir nur noch eben meine Stiefel anziehen, okay…?“, erwiderte das Mädchen nun schließlich und wandte sich mit einem sanften Lächeln in Richtung des Bauersjungen von ihm ab, um ins Haus zu gehen. Dass Bills Blick ihr dabei folgte, entging ihr. Kaspar jedoch vielleicht nicht.
„Ich trens’ die Pferde dann schon mal auf und so!“, rief er ihr nur noch hinterher und sah, wie ihre wohlgeformte Hüfte im Schatten des Flurs verschwand.
Lené beugte sich unter ihr Bett und zog die Stiefel hervor, die sie dort für gewöhnlich liegen ließ, nachdem sie sie benutzt hatte. Das letzte Mal musste sie vergessen haben, sie zu säubern, denn das schwarze Leder wies einigen Lehm auf.
„Ach, Mist“, seufzte sie, nahm einen Lappen zur Hand und rieb ein wenig auf dem Leder herum. So was gerade jetzt, wo sie doch eigentlich – aus irgendeinem Grund – so schnell wie möglich vom Hof wegwollte.
„Lené…?“, diese Stimme. Oder bildete sie sich das gerade nur ein?
Tom lugte durch die Tür: „Boar, ich wollt’ mich entschuldigen. Ich wusste ja gar nicht, wer du bist“, wieder hatte er das Gefühl, dass sie eigentlich jemand anderes erwartet hatte, vermutlich sogar seinen Bruder. Nach allem, was Bill ihm erzählt hatte, musste Lené ganz ähnliche Gefühle für seinen kleinen Bruder haben. „Hm, kein Problem!“, Lené winkte ab und rieb weiter an ihren Stiefeln. Er fühlte sich dazu berufen, Bill und Lené gewissermaßen zu verkuppeln, denn er hatte das intensive Gefühl, dass die beiden es sich schwerer machten, als das Ganze eigentlich war. Das musste er allerdings geschickt anstellen, denn sonst vermutete Lené wahrscheinlich, dass Bill Tom angeheuert hatte und das würde dann in einem reinsten Fiasko enden. „Und? Jetzt gehst du mit dem Bauersjungen reiten?“, fragte er beiläufig und mopste sich die Tüte Chips, die auf Bills Sessel lag.
„Ja. Und der Bauersjunge hat einen Namen, nämlich Kaspar!“
„Kaspar, so so! Isch glaub’, der… steht ganz schön…auf disch“, nuschelte Tom mit vollem Mund. „Glaubst du?“, murmelte Lené desinteressiert. „Na ja, ihr passt auf jeden Fall gut zusammen. Ich meine…, ist ja nicht zu übersehen, dass du ihn auch magst“, antwortete Tom und beobachtete die Reaktion des Mädchens auf seine Worte peinlich genau.
„Ähm…, na ja…, woher willst du ´n das wissen? Bist doch gerade selbst erst seit ´n paar Minuten hier…! Oder bist du so einer, der sich nach ´n paar Sekunden ein Urteil über andere Menschen erlaubt?“
„Nee, eigentlich ja nicht. Ich spür’ so was einfach!“, innerlich kicherte Lené schon und äffte ihn nach: „Spüren?“, mit einem misstrauischen Blick legte sie den Lappen beiseite, öffnete den Reißverschluss der Stiefel und schlüpfte konzentriert hinein, um sie dann wieder zu schließen. Dann erhob sie sich und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
„Wo willst du ´n jetzt hin?“, damit hielt Bills Bruder sie gerade noch auf. Musste das sein? Als ob der Kerl ihr nicht schon suspekt genug war!
„Ich wollte reiten gehen. Schon vergessen?“
„Nee, natürlich nicht…, aber ich wüsste trotzdem gerne, was es mit dem Typen da auf sich hat!“, sagte er deutlich und das Mädchen bekam nur das Gefühl, immer mehr Antipathie für ihn zu entwickeln. „Was willst du denn…? Du kennst mich nicht und ihn auch nicht…, er heißt übrigens immer noch Kaspar! Also reg’ dich mal ab, Mensch.“
„Ei, ei, das Mädchen wird wütend. Da krieg’ ich ja fast…“
„…Angst…?!“, setzte sie den Satz in ihrem Sinne fort. „Ach, dass ich nicht lache, du Macho!“, damit drehte sie sich mit einem eleganten Hüftschwung auf dem Absatz um und verließ mit wehendem Haar das Zimmer. Wenn das mal keine Abfuhr war! Der Stolz in Gedanken jedoch nur von kurzer Dauer, denn sobald sie in den Stall kam, wo Kaspar schon mit den aufgesattelten Pferden bereitstand, kehrte der alte Trotz in ihr Gefühl zurück.
„Hey…“, gab sie nur zurückhaltend von sich, als er ihr begrüßend zunickte und ihr den Reithelm reichte, den sie jetzt aufsetzte und festschnallte. Dann trat sie an das Pferd heran, das Kaspar ihr bereithielt Verwundert schaute sie den Bauersjungen an.
„Wo ist denn meine Füchsin, die ich sonst immer hatte?“, wollte sie irritiert wissen, weil das Pferd heute im Gegensatz zu demselben der vorigen Ausritte ein brauner Hengst war. „Ach…, die…, daran habe ich gar nicht gedacht, aber wenn du willst, dann kann ich sie holen und neu-“
„Nein, nein, schon gut!“, widersprach sie gleich in Gedanken daran, dass sie so schnell wie nur möglich weg von diesem Hof kommen wollte. Weg von Bill, der immerzu ihre Gedanken zu bestimmen schien. Und weg von diesem suspekten Tom, Bills Zwillingsbruder, der ihr auf eine gewisse Art und Weise doch ein wenig unheimlich war.
„Lass’ uns ein bisschen durch den Wald reiten!“, rief Kaspar Lené zu und machte eine ausschweifende Geste Richtung Blätterdach. „Vielleicht sehen wir ein paar Rehe und so.“
Lené lächelte unbeholfen und lenkte ihr Pferd Kaspar hinterher. Der Wald war angenehm kühl und schattig, denn obschon es noch nicht einmal Mittag war, brannte die Sonne erbarmungslos. Das Unterholz knackte unter den Pferdehufen, die Baumkronen raschelten im Wind wie eine leise Symphonie der Natur höchst selbst. Alles in allem war der Wald mindestens so idyllisch wie die sandigen Dünen. Auch die Pferde fühlten sich im Schutz der Bäume wohl, schnauften leise, trabten gemütlich nebeneinander.
„Schön hier, nicht wahr?“, sagte Kaspar leise, kaum mehr als ein Flüstern.
„Ja…“, erwiderte Lené mit einem zurückhaltenden Lächeln und trieb ihr Pferd wieder mehr an, weil ihr dieses neben Kaspars innegehaltenen Braunen ein wenig zu sehr in den Schritt gefallen war. „Na, hopp…“, feuerte sie den Hengst liebevoll an und klopfte ihm kurz zärtlich den Hals.
„Lené…, warte doch mal…, langsam…!“, rief Kaspar ihr hinterher und so parierte sie ihr Pferd nun doch zum Schritt durch. „Was denn los…?“, fragte sie ein wenig atemschwer und suchte seinen Blick. Warum sollte sie denn langsamer machen? Sie mochte es viel mehr, die windige Luft im Gesicht und die kräftigen Muskeln des Pferdes unter sich zu spüren. Sie liebte diese Geschwindigkeit, die ihr immerzu alle Gedanken aus dem Kopf zu wehen schienen.
„Lass uns die Pferde anbinden und ein Stück zu Fuß gehen, was meinst du?“, fragte er und lächelte zärtlich. „Dann kann ich dir auch ein paar schöne Stellen zeigen, wo wir mit den Pferden ohnehin nicht hinkommen.“
Lené stieg etwas widerwillig aus dem Sattel, band den Hengst neben Kaspars Stute an einen schmalen Baum und folgte ihm. „Was ist eigentlich mit dir und Bill?“, fragte er nach einer Weile und öffnete sein Hemd ein Stück. „Habt ihr irgendwie Stress?“
„Na-na-nein…, ei-eigentlich nicht“, stotterte die 17-Jährige. Kaspars durchbohrender Blick reichte, um ihr die Wahrheit förmlich aus den Augen herauszukratzen. „Ja…, doch…, irgendwie schon…“, gab sie zurückhaltend zu und mied es von da an strikt, dem Bauersjungen in die Augen zu sehen, nur seinen Blick spürte sie trotzdem auf ihrer Haut. Er ließ sie kribbeln.
„Und warum habt ihr Stress?“, die Frage klang für das Mädchen fast so, als ginge es dabei um einen Streit in einer Beziehung. Aber so war es doch nicht. Und so wollte sie es auch nicht definieren. Wie aber dann? Als einen Streit unter guten Freunden? Waren die das überhaupt, gute Freunde – Bill und Lené? Oder…wenn nicht, was verband sie dann eigentlich?
„Aber da ist nichts, oder?“, frage Kaspar und räusperte sich verlegen- „Ich meine…zwischen euch so…, du weißt schon. Ich dachte, weil er und Jenny…“, er kratzte sich nervös am Hinterkopf und deutete dann auf eine kleine Lichtung durch die ein schmaler plätschernder Bach floss.
„Schön hier…“, seufzte Lené und ging nicht wirklich bedacht nicht auf seine Frage ein. Was sollte sie denn auch antworten? Sie mochte Kaspar. Aber Bill? Das war doch noch mal was komplett anderes. Doch andererseits…wollte sie den Bauersjungen auch nicht vor den Kopf stoßen. Nur Bill – was war mit ihm?
„Also…?“, hakte Kaspar zu ihrem Missfallen noch mal nach. Na, super! Und jetzt? Was in aller Welt sollte sie denn sagen?
„Kaspar…, weißt du…, ich hab’ selbst keine Ahnung, was das zwischen uns ist!“, war es richtig, hier, an dieser Stelle die Wahrheit zu sagen?
„Hm…“, machte er und setzte sich missmutig vor dem Bach auf den weichen Waldboden. Dann zog er Schuhe und Hemd aus, hing die Füße in kalte Wasser und ließ es durch seine gespreizten Zehen fließen. „Ich hoffe, er weiß, dass du was Besonderes bist, Lené.“
Lob und Komplimente. Das war etwas, womit Lené weiß-Gott nicht wusste umzugehen. Na ja, vielleicht hatte sie auch deswegen nie einen Freund gehabt. Aber sie ahnte schon, dass es jetzt die Situation zerstören würde, wenn sie weiter reaktionslos bleiben würde. So ließ sie sich neben ihn, warf ihm ein kurzes Lächeln zu, das er aber scheinbar gar nicht bemerkte, und zog dann auch ihre Stiefel aus, um ihre Füße ebenfalls ins Wasser zu legen.
Kaspar hob den Kopf und sah sie schweigend an. Dann hob er linke Hand und strich ihr zärtlich über die Wange. Eine einzelne widerspenstige Haarsträhne schob er sanft zur Seite und lächelte:„Ich find’s wirklich schön, dass du hier bist. Und wenn ich bedenke, dass du in knapp einer Woche schon wieder weg bist, dann…; nein, eigentlich will ich gar nicht dran denken“, er rutschte an sie heran, legte seine Hand unter ihr Kinn und sah sie ernst an, „Ich…werde dich jetzt küssen, Lené. Und wenn du das nicht willst, dann sag’ es gleich, denn ich will unter keinen Umständen etwas tun, was du nicht möchtest.“
Er kam ihr nahe. Näher als nahe. Oh, nein. Oh, nein! Das war jetzt irgendwie so was, was garantiert nicht in ihren Plan passte, Bill eifersüchtig zu machen, Bill für sich zu gewinnen, ihm Jenny abspenstig zu machen. Aber was tun? Tatsache war, sie mochte Bill. Mehr als Mögen. Tatsache war aber auch, sie mochte Kaspar. Als Freund, als Kumpel. Er war ein super Typ. Und er sah wirklich nicht schlecht aus. Sie mochte ihn, sie mochte seine Art. Aber…Bill…mochte sie eben anders. Sehr viel anders.
„Kaspar…“, sie hielt seinen Kopf noch einen Moment fast, seine männliche Haut an ihren Fingern. „Tu’…das nur…, wenn…es dir niemals wehtun würde…“, und damit tat sie einfach das, was ihr blieb. Sie küsste ihn. Ihre Augen krampfhaft zusammengekniffen. Und ihren Mund versuchte sie auf taub zu stellen. Eigentlich wollte sie es nicht spüren. Sie wollte nichts spüren. In diesem Augenblick nicht einmal Bill.
Kaspar küsste sie sanft und liebevoll während er langsam über ihre schmalen Schultern strich. Dann löste er sich von ihr und lächelte:„Wow…, das wollte ich schon machen, seitdem ich dich das erste Mal gesehen hab’!“, er stand auf, nahm sie bei der Hand und lief mit ihr ein Stück im Bach entlang. „Siehst du den Baumstamm da drüben?“, er deutete auf einen alten trockenen Stumpf mit einem Loch in der Mitte. „Da gehen wir heute Abend hin, wenn du Lust hast. Sobald es dunkel wird, sind da Glühwürmchen. ´Ne ganze Menge sogar.“
Lené sah ihn fragend an, was Kaspar mit einer langen Umarmung beantwortete. Grade wollte er etwas sagen, als es hinter den beiden „Huch!?“ machte. Bill, Tom und Jenny waren gerade auf die Lichtung gekommen. „Ich glaub’, da stören wir wohl jemanden!“, kicherte Jenny. Bills Gesicht indes war wie versteinert. Lené und Kaspar standen so dicht aneinander, dass nicht einmal mehr ein Zahnstocher dazwischen gepasst hätte. Ein unbarmherziges Gefühl der Eifersucht durchfuhr Bill und so legte er demonstrativ den Arm um Jenny und zog sie zu sich heran. Kaspar grinste ertappt:„Na, ihr!“
Tom und Bill warfen sich einen kurzen Blick zu. Arschloch! Auf jeden Fall!


Kapitel 18



„Wir wollten nicht stören!“, sagte Bill kühl und warf Lené einen abschätzenden Blick zu. Dieses Eifersuchtsspielchen hatte Ausmaße angenommen, die Bill nicht mehr lustig fand.
„Ähm…, kein Problem…, tut ihr nicht. Kaspar…hat mir eh gerade eben nur gezeigt, wo wir vielleicht heute Abend alle gemeinsam hingehen könnten. Da…gibt’s Glühwürmchen und-“
„Ist ja langweilig“, kommentierte Jenny nur mit einem abschätzigen Blick und lehnte sich gegen Bills Schulter. Oh, was hätte Lené gerade am liebsten mit ihr gemacht? - Boxen, schlagen oder ihr einfach nur ins Gesicht schreien, was für eine Schlampe sie doch war? Es war Eifersucht. Nicht mehr und nicht weniger. Und vielleicht war es auch genau der Grund, warum Lené jetzt ganz genau das Gleiche tat wie Jenny. Da war sie zwar auch eine Schlampe, aber wen interessierte es? Bill anscheinend ja nicht. Dann sollte der ihr auch egal sein.
„Ach, Jenny…, ich dachte, du bist so gut in Bio! Und jetzt hast du ja doch keine Ahnung von Tieren, also würde ich dir vorschlagen, dass du lieber nicht so schnell Urteile über irgendwen fällst“, schaltete Kaspar sich jetzt ein und genoss aus Bills Blickwinkel sichtlich die Nähe Lenés.
„Über Glühwürmchen urteilen. Ey, das sind Tiere, ja?!“
„Ich find’ sie auch interessant“, flunkerte Lené ein wenig. Damit konnte sie sich wenigen auf Kaspars Seite stellen. Der freute sich – eine Aufgabe gelöst – und Bill zog noch mehr die Mundwinkel nach unten – Erfolg Nummer zwei. Was wollte sie mehr?
„Also wenn man ganz genau ist, sind es Insekten, oder?“, antwortete Bill kühl und sah Kaspar herausfordernd an. „Also wenn man ganz genau ist, hast du schon wieder schlechte Laune!“, sagte Kaspar ruhig und runzelte die Stirn. Was um alles in der Welt erdreistete sich dieser Kerl? Bill setzte zu einer wütenden Antwort an, doch Tom stellte sich zwischen die Fronten:„Ist doch egal, ob das Tiere, Insekten oder sonst was sind. Mein Vorschlag ist, dass wir uns das heute Abend einfach zusammen reinzieh’n. Dann kann jeder für sich selbst entscheiden, ob das spannend ist oder nicht.“
„Super Idee!“, pflichtete ihm Bill bei, allerdings nur, weil er wusste, dass Kaspar allein mit Lené sein wollte. Er hasste Wald, er hasste Insekten – im Grunde wollte er mit alledem nichts zu tun haben, aber er war nicht bereit, Kaspar diesen Triumph zu gönnen. „Ich besorg’ uns was zu trinken!“, kicherte Jenny. „Und ich mach’ was zu essen!“, sagte Kaspar und versuchte zu lächeln. Die Enttäuschung allerdings war ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben. „Geil!“, rief Tom zufrieden und zündete sich eine Zigarette an. „Dann hätten wir das ja geklärt!“, er drehte sich zu Kaspar. „Deine Mutter wollte übrigens was von dir – ist wohl wichtig!“ „Ach ja?“, fragte er uns seufzte. „Findest du allein zurück?“, fragte er Lené und küsste sie sanft auf die Stirn.
Sie nickte und Bill genoss den enttäuschten Gesichtsausdruck ihrerseits. Jenny warf einen Blick auf die Uhr und zuckte dann heftig zusammen: „Scheiße…, ich muss auch zurück. Ich hab’ einen Termin in der Stadt!“, sie lächelte Bill aufmunternd und wandte sich dann an Kaspar. „Nimmst du mich mit!“ „Klar!“, damit stiegen die beiden auf Kaspars Stute und ritten, gefolgt vom knackenden Unterholz, aus dem Wald. „Ich geh’ mal pinkeln!“, zwitscherte Tom grinsend und verschwand in den Büschen. Bill hasste Tom dafür, dass er ausgerechnet jetzt ging. Als ob er tatsächlich pinkeln müsste – Idiot. „Na?“, sagte Bill. „Jetzt ist Kaspar aktuell, oder was?“
„Kaspar und aktuell…? Redest du von ihm jetzt wie von irgendwelchen Nachrichten?!“, keifte sie ihn erst einmal ziemlich an. „Kann dir doch egal sein, wie ich von diesem Typen rede!“
„Er ist kein Typ…, er ist nett“, im Gegensatz zu dir, hätte Lené am liebsten noch hinterhergefaucht. „Klar…, wärst du jetzt trotzdem so lieb, auf meine Frage zu antworten?“
„Na, klar wäre ich das. Aber die Frage darf ich dann ja auch bezüglich Jenny fragen, oder?“, ging sie weiter provozierend auf ihn ein. „Ach…, interessiert’s dich?“
„Ja…“, trällerte sie und empfand die Situation gerade jetzt fast schon als lächerlich. „Ich hab’ aber zuerst gefragt.“
„Dann kannst du mich jetzt mal!“, fauchte sie, mit einem unheimlichen Lächeln auf den Lippen, erhob sich, zog gerade noch den Reißverschluss ihres linken Reitstiefels zu und sprang auf, zu dem Baumstamm hüpfend, an dem sie ihren Hengst festgebunden hatte. „Äh…, hallo…?“, Bill tapste ihr verwirrt, fast panisch hinterher. „Was hast du ´n jetzt?“
„Einfach kein Bock auf so ´n Gespräch. Sorry, Bill. Das ist echt nicht mein Niveau“, sagte sie in einem beiläufigen Ton und hatte dann die Zügel vom Baum gelöst. „Niveau…? Lené…, gerade du redest von Niveau?“
„Ja, tue ich. Immerhin fahre ich ja nicht zweigleisig. Dein kleiner Freund scheint ja nicht zu wissen, bei wem ihm am meisten heiß wird, he?!“, sie war wütend. Und ihre unfreundliche – ja, überaus freche – Formulierung war ihrer Meinung nach alles andere als gerechtfertigt.
„Ey, Lené…, was soll der Scheiß denn jetzt…? Ich meine, du machst doch mit Kaspar genau den gleichen Scheiß!“
„Ja, aber wenigstens meint er es ernst…, im Gegensatz zu Jenny mit dir, he?!“, damit schwang sie sich leichtfertig auf den Sattel des Pferdes und wies es zum Wenden an. „Ich schätz’ mal, ich hab’ mich echt in dir getäuscht!“, und jetzt wollte sie den Hengst mit sich eigentlich auch nur noch von hier wegtreiben.
„Sag’ mal, was soll das?“, krächzte Bill, denn wirklich schreien konnte er noch immer nicht. „Was?“, fragte Lene mit schneidender Stimme. „Ey…, es fällt mir echt schwer, mich auf Leute einzulassen…, und du…du…“, sein Gefühlschaos übermannte ihn für einen Moment, „…ich dachte, dass ich heute Nacht alles Wichtige gesagt hatte und jetzt tust, als wäre nichts gewesen. Willst du mich irgendwie verarschen oder so?“
„Nein, will ich nicht…“, sie parierte ihren Hengst wiederum zum Stehen durch und blickte von oben in Bills glänzende Augen ab. Sie mochte diese Augen, mehr als das. Nur was sollte sie sagen? Sagen zu dem, was er gesagt hatte und womit er allein Recht hatte?
„Und…warum willst du jetzt abhauen, Lené…?“, die Deutlichkeit in seiner Stimme erschreckte sie und ließ sie zurückzucken. Es verunsicherte sie.
„Bill, ich…ich“, sie wusste nicht, was sie sagen sollte, „ich…“, und der Wind schien ihr ihre Worte einfach nur nehmen. Gerade jetzt.
„Ja, ist klar!“, sagte Bill resigniert. „Warum hab’ ich überhaupt was gesagt? Wahrscheinlich findest du es toll, von zwei Männern gleichzeitig begehrt zu werden. Ich hab’ mir wohl umsonst Hoffnungen gemacht!“, damit drehte er sich um und suchte nach Tom. Es war furchtbar, sie einfach so stehen zu lassen, aber da war nichts, nichts, was er noch hätte sagen können. Er war wütend und er war enttäuscht, verärgert und verletzt. „Tooom?“ rief er. „Du Sack, wo bist du?“ Sein Bruder saß ein paar Meter weiter auf einem alten abgeholzten Stamm und runzelte die Stirn:„Du stellst dich aber auch nicht gerade gut an, Bill.“ „Hm…“, machte Bill übellaunig, „lass’ uns Mittag essen gehen, okay? Und ich will den Namen Lené für die nächsten Stunden echt nicht hören.“
Ein wenig ratlos warf sie einen Blick in ihren Koffer, den sie geöffnet zu ihren Füßen liegen hatte. Was denn heute anziehen? Irgendwie wollte sie schon etwas tragen, was etwas erwarten ließ, was neugierig machte und vor allem etwas, was sie noch viel mehr personifizierte. Kleid oder Jeans, das war die oberste Frage. Letztendlich landete ihre Wahl bei der Jeans, weil sie ja noch nicht genau wusste, ob Kaspar die Sache mit den Glühwürmchen und der Sache im Wald wirklich ernst gemeint hatte. Gespannt war sie aber trotzdem. Und alles andere war ihr egal. Das war zumindest die Sache, die sie sich seit gut sechs Stunden, elf Minuten und – ein Blick gen Wanduhr – 42 Sekunden versuchte einzureden. Bill war ihr egal, sollte er doch machen, was er wollte.
Prüfend stellte sie sich vor den Spiegel, nahm nun ihre Schminksachen hervor und überlegte, welche Farben mit dem heutigen Oberteil, einem schwarz-weiß-gemusterten, zu kombinieren waren.
„Bill, du weißt schon, dass es dunkel draußen ist, ja?“, kicherte Tom und warf seinem Bruder belustigende Blicke zu. „Na, und? – Deswegen muss ich ja nicht scheiße aussehen, oder?“, krächzte Bill und hielt sich einen schwarzen Rollkragenpullover vor die nackte Brust. „Ach, komm’, du willst doch nur auffallen!“, grinste sein Bruder. „Echt nichts gegen Lené, aber Jenny ist doch viel heißer. Und ich mein’, welches Mädchen nimmt heute noch spontan deinen Schwanz in den Mund, wenn du mitten in einer Düne sitzt!?“ „Boar, Tom, bitte!“, bat Bill eindringlich. „Als ob es nur darauf ankommen würde.“ Tom stand auf, wühlte in einem der Koffer und reichte Bill ein schwarzes, tief ausgeschnittenes Hemd:
„Da siehst du gut drin aus.“ „Ehrlich?“, fragte Bill skeptisch, zog es sich vorsichtig über den Kopf und drehte sich. „Und mal ganz davon ab: Sag’ mir nicht, es hätte dir nicht gefallen. Ich meine…, hallo?! Wenn du keinen Bock auf Jenny hast, dann kannst du sie ja an mich delegieren“, Tom knete ein bisschen in Bills Haaren, sodass sie wieder glatt über die Schultern fielen. „Sie ist doch keine Hure“, sagte Bill stirnrunzelnd und band sich ein paar Ketten um den Hals. „Das hab’ ich ja auch…“, begann sein Bruder, brach aber mitten im Satz ab und starrte wie gefesselt zur Tür.
Jenny stand in einer engen schwarzen Jeans, einem Überkleidchen und einem weiten Wollpullover vor ihnen. Ihr Haar, dass sie den Tag über zu Zöpfen getragen hatte, war leicht wellig und fiel sanft über ihr eleganten Schultern. „Und – seid ihr fertig?“, zwitscherte sie und warf Bill einen aufreizenden Blick zu. Er lächelte unbeholfen, warf sich seine Jacke über und nickte. Dass sie fantastisch aussah, war nicht zu bezweifeln, aber das war mithin alles, was er dachte. Sie war hübsch, hübsch und nett und sicher auch klug, aber sie war nicht…sie war nicht Lené.
Die 17-Jährige ließ sich nach endgültiger Zufriedenheit mit ihrem heutigen Antlitz auf ihre Bettkante sinken und starrte an die Wand. Die ganze Zeit, während sie sich für diesen Abend „ein wenig“ aufgemacht hatte, waren ihr viele Dinge durch den Kopf geschossen. Das Durcheinander um Bill und Kaspar und wieder diese Unsicherheit. Einerseits wusste sie genau, dass Bill ihr etwas bedeutete, dass ihr seine Nähe ein seltsames, aber angenehmes Gefühl bereitete. Doch da war auch Kaspar, der ein unheimlicher Kumpeltyp war, ein richtiger Freund. Jemand, der sie nicht hinterging oder niemals auf die Idee kommen würde so eine Show wie die Bills mit Jenny abzuziehen – denn es tat ihr weh. Und Kaspar würde es niemals wollen. Und er hatte ja sogar so sanft nachgefragt. Vor ihrem Kuss. Letztendlich hatte Lené es ja auch gewollt. Sie hatte diese Wärme und Zuneigung genossen und doch war es ganz anders gewesen als mit Bill. Inwiefern das aber der Fall war, wusste sie selbst nicht zu erklären. Das Einzige, was ihr momentan im Geiste weitestgehend klar war, war, dass sie mit Beiden gerne Zeit verbringen wollte. Nur die Frage, mit wem am liebsten, stand offen. Wie lange das wohl noch so bleiben würde?
„Wow…, du…du siehst wahnsinnshübsch aus…“, vernahm sie nun gedämpft Bills aufgeregte Stimme und auch wenn er im Nachbarraum nicht sonderlich laut zu sprechen schien, glaubte sie in seinem Ton genau zu hören, wie er sich an einem bestimmten Anblick ergötzte. Sekunden später wusste sie auch, an welchem…
„Danke, Bill…“, es war Jennys zwitschernde Stimme – oh, wie Lené sie hasste!
„Ja…, das…steht dir echt gut“, presste da auch noch jemand anderes hervor und diesmal musste die 17-Jährige ein wenig länger nachdenken, um zu wissen, wer da gesprochen hatte. Tom, Bills Bruder – alles klar, schoss es ihr nur durch den Kopf. Sie stand auf, tapste langsam zur Durchgangstür und lehnte sich mit dem Ohr gegen die Tür. Na, dann sollten sie mal schön weiterreden und sie würde lauschen. Konnte ja durchaus interessant werden!


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