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Gegen den Sturm




By: Amaris
Hauptpersonen: Bill, Amaris
Nebencharaktere: Tom, Gustav, Georg
Story-Inhalt: Er ist ärgerlich, er ist nervtötend, er treibt mich in den Wahnsinn! Ich mache ihn fertig, das verspreche ich! Was für eine Herausforderung. Komm' nur, Bill, komm'! Du wirst schon sehen...,
...nur von einer Romanze habe ich nichts geahnt...
Achtung: Tokio Hotel sind nicht berühmt! Bill ist 17!
Jugendfrei?: Ein bisschen was für Masochisten, Gewalt, angedeutete Sexszenen


1. Kapitel


NEUES VON DEN PAMPERS-ROCKERN
JETZT WILL DIE FÖRMCHEN-BANDE DEN GANZEN SANDKASTEN

Oh ja, das war gut! Leise kicherte ich in mich hinein. Chefredakteurin der Schülerzeitung zu sein hatte schon so einige Vorteile. Besonders, wenn es da an der Schule so eine gewisse Möchtegern-Band gab, die mir schon seit Jahren mächtig auf die Nerven ging. Gott, ich hasste diese kleinen Poser! Vier kleine Jungs, die sich einbildeten, Rocker zu sein, einer blasser als der andere. Ihren letzten Auftritt beim Schulfest hatte ich grauenvoll gefunden und ihn bösartig im “Schulschreiber” verrissen. Sänger Bill war gerade mitten im Stimmbruch und krächzte sich durch die Songs, Brüderchen Tom, unter seinen riesigen Kappen kaum zu sehen, konnte grade mal drei Akkorde auf der Gitarre zupfen und die beiden anderen hampelten ohnehin nur im Hintergrund rum... Naja... In letzter Zeit waren sie besser geworden, das musste ich schon zugeben. Aber nicht in diesem Artikel! Denn gerade ging das Gerücht um, dass die vier Bubies sich um einen Plattenvertrag bemühten - was für ein Witz!

Gut, mein Artikel war vielleicht ein kleines bisschen sarkastisch ausgefallen, war ein wenig übertrieben und noch ein bisschen bösartiger, als es ohnehin schon meine Art war. Aber hey, der Weg in die Charts ist steinig und schwierig! Ich kicherte leise, überflog noch mal die Rechtschreibung und fügte den Artikel endgültig auf die Zeitungsseite ein. Der absolute Hingucker war das Foto: Bill singend in Aktion, mit weit aufgerissenem Mund, sodass es aussah, als wollte er sich das Mikro in den Hals schieben, die schwarz geschminkten Augen aufgerissen wie bei einem Kleinkind mit Alpträumen und die gegelte Manga-Frisur in Auflösung begriffen, mit grotesk von der Stirn abstehenden Strähnen. Ganz kurz überlegte ich, ob das nicht ein bisschen viel des Guten war. Aber dann drückte ich entschlossen auf den Speicherknopf. Ich hatte keine Zeit mehr für Gewissensbisse, die Deadline war längst überschritten. Ich musste schleunigst den Drucker anwerfen, wenn die neue Ausgabe morgen in den Zeitungskästen auf dem Schulgelände liegen sollte.

* * *

Ich sah ihn schon von weitem. Er stand mit gekreuzten Armen oben an der Treppe und starrte mir mit zusammengekniffenen Augen entgegen. Die Schüler, die um ihn herum zu ihren Klassen strömten, machten einen weiten Bogen um ihn und kicherten hinter vorgehaltener Hand. Ich versuchte, mit das Lachen zu verbeißen und stieg lässig die Treppe hoch. “Morgen, Bill, na, wie steht`s?” grüßte ich freundlich. Seine Augen wurden zu Schlitzen. “Du... Du kommst Dir wohl sehr toll vor!” presste er durch die Zähne. “Was hast du dir dabei gedacht, uns so bloßzustellen?”

Ich setzte meinen unschuldigsten Blick auf und schenkte ihm ein sanftes Lämmlein-Lächeln. “Aber was hast du denn? Eine schlechte Kritik ist besser als gar keine Kritik”, erklärte ich ihm herablassend und schlenderte an ihm vorbei über den Gang. “Aber das können wir ja später noch ausdiskutieren, ich habe jetzt Unterricht, weißt du, mit Lehrern und so...”

Da platzte ihm der Kragen. “Das wird Dir noch leid tun!” brüllte er hinter mir her. “Das kriegst Du zurück, glaub mir!!” “Nana, so leicht so provozieren?” lachte ich und warf ihm über die Schulter einen kecken Blick zu. “Das hätte ich mir bei euch bösen Rockern ja denken können.” Und damit machte ich ihm die Klassentür vor der Nase zu, machte es mir auf meinem Platz bequem und versuchte die ganze Stunde über, nicht allzu selbstgefällig zu grinsen.


2. Kapitel


Langsam wurde es mir zu bunt. Normalerweise war auf meine kleinen Informanten doch immer Verlass. Also hatte ich mir auch nichts dabei gedacht, einen Zettel in meinem Spind zu finden: “Grasübergabe heute um 19 Uhr hinter der Turnhalle!” Na endlich! Vor ein paar Wochen hatte mein Artikel über die Hasch-Mafia an der Schule ein Menge Staub aufgewirbelt und Direx und Kollegium in hektische Aktivität versetzt. Letztlich hatte sich mein Verdacht nicht bestätigen lassen und die Schulleitung hatte mich gezwungen, auf der Titelseite einen Wiederruf zu bringen. Was für eine Schmach!! Wenn ich jetzt den Fotobeweis einer Grasübergabe liefern könnte - was für ein furioses Finale!

Aber jetzt lag ich schon seit fast zwei Stunden bäuchlings mit gezückter Kamera auf der Wiese gegenüber der Turnhalle. Normalerweise grasten hier Kühe und es war ziemlich schwierig gewesen, ein Stückchen Boden zu finden, der nicht mir Kuhfladen versaut war. Langsam wurde es dunkel und empfindlich kühler. “Warum mache ich das eigentlich?” fragte diese kleine nörgelige Stimme in meinem Hinterkopf. Entschlossen rutschte ich in eine bequemere Position und hielt die Kamera weiter im Anschlag. Nanu? Was raschelte da im Gebüsch?? Wer rannte da über den Feldweg?? Gespannt reckte ich den Hals, verzweifelt bemüht trotzdem in Deckung zu bleiben, und spähte angespannt ins Zwielicht. Ich wartete vergebens. Niemand tauchte auf. “Toll, ganz toll, ein erfolgreicher Abend!“ motzte ich vor mich hin. Als es stockdunkel geworden war, stand ich fluchend auf, stapfte zurück zu meinem Auto und fuhr nachhause. Meiner Quelle würde ich morgen die Hölle heiß machen, aber frag nicht nach Gnade!

* * *

Am nächsten Morgen erschien ich verschlafen, aber halbwegs pünktlich in der Schule. “Na, soll ich Dir einen Büschel Gras bringen?” Wie angewurzelt blieb ich in der Tür des Nebeneingangs zum Parkplatz stehen. Was hatte der Typ da grade gesagt?? Aber bevor ich ihn mir schnappen konnte, war er schon lachend weitergegangen. “Oh, lass bitte keinen Fladen fallen”, kicherte jemand und um mich herum brandete Gelächter auf. “Haha, sehr komisch”, erwiderte ich lahm und warf böse Blicke in die Runde. Die Mädchen aus der Unterstufe steckten die Köpfe zusammen und fuchtelten breit lächelnd in meine Richtung. Was war hier los?? War ich noch nicht ganz wach?

Stirnrunzelnd bog ich um die Ecke, die Sache wurde langsam merkwürdig - überall nur grinsende Gesichter, und zeigte da jemand mit dem Finger auf mich? Irritiert sah ich mich um - und starrte plötzlich in mein eigenes Gesicht. Das Poster klebte an der Glastür direkt im Haupteingang. Es war das unvorteilhafteste Foto von mir, das ich je gesehen hatte. Aufgeblasene Backen, aufgerissene Augen, zu einem riesigen “O” zusammengezogene Lippen, das Haar wirr um meine Kopf abstehend, lag ich auf dem Bauch in der Wiese, das Ganze bis zum Exzess vergrößert, so dass man auch den kleinsten Pickel sehen konnte. Und über meinem Kopf prangte in gigantischen, leuchtendroten Lettern nur ein einziges Wort:
“Muuuuuh!”

Ich war platt. Gebügelt. Fertig. Machte mit den Lippen Bewegungen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Und plötzlich hörte ich dieses leise, gluckernde Kichern hinter mir. Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, um zu wissen, wer da hinter mir stand. Langsam sah ich über die Schulter und blickte in spöttisch blitzende dunkle Augen, eines hinter steifgegelten Haarsträhnen halb verborgen. Bill beugte sich leicht vor und grinste mir frech ins Gesicht. “Tja, der Punkt geht dann wohl an mich”, raunte er mir süffisant zu.

Einen Augenblick hielt ich diesem Blick stand. Dann schrie ich schrill auf, schubste ihn grob aus dem Weg und stürmte die Treppe nach oben, weg von all den lachenden Gesichtern und dem Flüstern hinter vorgehaltenen Händen. Meine Finger zitterten so, dass ich die Tür zur Redaktion fast nicht aufschließen konnte. Hektisch knallte ich sie hinter mir zu und presste mich mit dem Rücken flach gegen die kühle, glatte Fläche. In meinen Ohren hämmerte es. Meine Wangen brannten. Ich zitterte am ganzen Körper. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich mich wieder in der Gewalt hatte. “Also gut”, schnaubte ich in die Stille hinein und hämmerte meine Faust krachend gegen die Tür. “Du willst Krieg, Mangamännchen? Den kannst Du kriegen! Den WIRST du kriegen!!!”


3. Kapitel


Angespannt spähte ich durch das Treppengeländer. Gott, wie lange brauchte der denn? Jetzt saß ich hier schon fast zehn Minuten auf dem Treppenabsatz, die Pause war schon beinah vorbei. Ungeduldig kaute ich auf meiner Unterlippe herum, während ich darauf wartete, das Bill mit seiner Schönheitspflege auf dem Jungenklo fertig werden würde. “Na mach schon!”, flüsterte ich vor mich hin und wippte entnervt hin und her.

Plötzlich flog die Tür auf und krachte mit lautem Scheppern gegen die Wand. “AMARIS!!!” brüllte Bill und stürmte fuchsteufelswild aus der Toilette. Er zog eine weiße Staubwolke hinter sich her und sein ganzer Kopf sah aus, als hätte ein riesiges Wattebällchen sich darauf niedergelassen. “Komm raus, ich weiß, dass du da bist!!” Ich lachte laut los, als ich ihn so sah, stand langsam auf und gab meine Deckung hinter dem Treppengeländer auf. Wie er dastand! Zornbebend, die Fäuste geballt und mit gefletschten Zähnen, sein halbes Gesicht eingehüllt in weißes, glitzerndes Schneegestöber. “Nanu, Bill, ist das ein neuer Look oder probierst Du schon mal ein Weihnachtsmannkostüm an?” prustete ich und hielt mir die Seiten vor Lachen. Inzwischen hatten sich etliche andere Schüler auf der Treppe versammelt, lachten und zeigten mit dem Finger auf den armen Kerl, der mir beinah ein bisschen leid getan hätte - wäre ich nicht so schadenfroh gewesen...

“Ich weiß genau, dass Du das warst!” schnappte er und funkelte mich mit soviel Würde an, wie er in diesem Moment zusammenraffen konnte. “..., dass ich was war?” fragte ich unschuldig und schlug fragend die Augen auf. “Du hast meinen Haarlack gegen ein Kunstschnee-Spray ausgetauscht!!!” brüllte er und deutete überflüssigerweise auf seine weiß eingestaubte Frisur. In Gedanken dankte ich meiner Mutter dafür, dass sie den Karton mit der Weihnachtsdeko nicht weggeworfen hatte. “Steht dir gut”, schmeichelte ich boshaft, “ist mal was anderes in dem ewigen Schwarz.”

Eine Sekunde lang starrte er mich perplex an. Dann schleuderte er die vermeintliche Haarlackdose, die er bisher umklammert gehalten hatte, mit einem Aufschrei auf den Boden, drehte sich auf dem Absatz um und rannte mit einigen langen Schritten zu dem Trinkbrunnen an der Wand, um die Bescherung in seiner Frisur mit Wasser zu beseitigen. Mit einem wütenden Ruck drehte er den Hahn auf - und mit einem lauten und vernehmlichen “Pffffffffft” schoss der Wasserstrahl kerzengrade in die Höhe und mitten in sein Gesicht. “Huch”, tat ich verdutzt und versuchte, die Welle von Gelächter zu übertönen, die durch das Treppenhaus brandetet, “da hat wohl jemand die Düse nach oben gedreht... Wer macht denn so was?”

Bill war stocksteif geworden. Tropfend stand er da und starrte mich an, die schwarze Schminke rann in kleinen Rinnsalen über seine Wangen, seine Haare hingen ihm verklebt und zerzaust ins Gesicht. Schließlich wischte er sich die Strähnen mit einer schnellen Handbewegung aus den Augen und straffte sich. Und plötzlich lächelte er. Galant hob er eine Hand und machte eine Bewegung, als würde er seinen Hut vor mir ziehen, bevor er die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Hose hakte und langsam und ohne Eile davonging. Die Menge auf der Treppe verstreute sich langsam, es hatte längst zum Pausenende geläutet. Einen Augenblick blieb ich noch stehen und lächelte versonnen. “Die Spiele haben begonnen”, flüsterte ich mit einem leicht mulmigen Gefühl in der Magengegend, bevor ich mich auf in meine eigene Klasse machte.

* * *

Sportstunde! Igitt... Ich hasste kein Fach so sehr wie Schulsport! Und zur Zeit stand auch noch Geräteturnen auf dem Stundenplan! Ich war weder plump noch ungeschickt, aber an Schwebebalken und Co versagte ich regelmäßig jämmerlich. Und das allerschlimmste: Wir hatten gemischte Klassen. Mädchen und Jungs beäugten sich die ganze Zeit aus den Augenwinkeln und jeder Fehltritt wurde von der Gegenseite frenetisch belacht. Heute winkte uns Mädchen der Stufenbarren, während die Jungs Sprünge über das Pferd üben sollten.

Gelangweilt saß ich auf der Bank am Rand der Halle, beobachtete die Jungs bei ihren Anläufen und lauschte mit halbem Ohr den Gesprächen der Mädchen. “Hey, der Kleine aus der C hat sich ja toll entwickelt, schaut euch mal dieses Heck an!” witzelte meine Banknachbarin und wie auf Kommando zoomten alle Blicke auf den Hintern des armen Jungen, der gerade vergeblich versuchte, halbwegs elegant über das Pferd zu hechten.

“Los, Amaris, nicht schlafen, du bist dran!”, riss mich die Stimme der Sporlehrerin aus meinen Betrachtungen. Seufzend stand ich auf und schlurfte lustlos zum Barren hinüber. “Felgaufschwung auf den oberen Holm, und nicht so müde, wenn ich bitten darf!”, kommandierte die Lehrerin und die beiden Mädchen, die bisher still an den Seiten der Holme gestanden hatten, traten vor, um mir Hilfestellung zu leisten. “Du, Amaris, du hast dir da einen Faden gezogen”, flüsterte Carina mir zu und deutete auf meine Schulter. Tatsächlich, da wand sich ein langer gekräuselter Faden aus der Naht meines T-Shirts. Entnervt riss ich ihn mit einem Ruck heraus, bevor ich nach dem Holm griff und mich mit der Unterstützung meiner beiden Helferinnen nach oben hievte.

RAAAAATSCH! Das hässliche Geräusch dröhnte mir geradezu in den Ohren und noch bevor ich die mir erstaunt zugewandten Gesichter sah und spürte, wie mir die kalte Luft um den Körper wehte, wusste ich was los war. “Oh nein, bitte nicht!” flehte ich noch in Gedanken, bevor ich nach unten sah. Mein alter, vergrauter Sport-BH blinzelte mich an, denn das T-Shirt war wie die Haut einer Raupe in zwei Hälften zerplatzt und einfach ein meinem Körper heruntergerutscht. Und während ich da oben wie ein nasser Sack hing und vor Peinlichkeit nicht mal auf den Gedanken kam, mich wieder fallen zu lassen, während die ganze Turnhalle tobte vor Lachen, den Jungs fast die Augen aus dem Kopf fielen und die Mädels sich gar nicht mehr einkriegten, fiel mein Blick auf die Hallentür. Bill lehnte lässig im Türrahmen und lächelte mich ruhig und selbstsicher an. In seiner Hand hatte er eine große Schere, mit der er mir galant zuwinkte, bevor er mir eine kleine Kusshand zuwarf, sich umdrehte und leise vor sich hinpfeifend im halbdunklen Gang verschwand.


3. Kapitel


Langsam wurde mir kalt und meine Knie schmerzten. Jetzt saß ich schon seit Ewigkeiten mit angezogenen Beinen auf dem Toilettendeckel im Jungsklo, hatte die Tür der Kabine verklemmt und hoffte nur, dass niemand allzu energisch daran rütteln würde. Wieso hatte ich auch so lange getrödelt? Jetzt musste ich hier ausharren, bis alle Jungs gegangen waren. Vorsichtig richtete ich mich auf und linste über den Rand der Klokabine in den Umkleideraum. Angewidert rümpfte ich die Nase, einige der Jungs nahmen es nach dem Sport mit der Hygiene wirklich nicht so genau, die meisten wechselten nicht mal das T-Shirt.

Dafür brauchte Bill umso länger. Seine Haare zu machen und das Schminken hatte ja schon lange genug gedauert, aber jetzt nahm sich der Typ tatsächlich noch die Zeit, den abgeplatzten Nagellack an einigen Fingern zu erneuern. Ich hätte fast laut geseufzt. Es war komisch gewesen, ihn halbnackt zu sehen... Mir war ja klar gewesen, dass er dünn war, aber sooo dünn? Seine Rippen drückten als deutlich abgemalte Bögen aus dem Brustkorb und ich fragte mich ernsthaft, wann er das letzte Mal was gegessen hatte. Jetzt war er endlich fertig mit seinem Beauty-Programm - als Letzter, natürlich. Er nahm seine schwarze Lederjacke vom Haken, streifte sie arglos über und verließ mit der Tasche unterm Arm die Umkleidekabine.

Ich wartete noch einige Atemzüge, bevor ich mich vom Klodeckel gleiten ließ und meine schmerzenden Glieder streckte. Jetzt musste ich mich beeilen, sonst würde ich noch die Show verpassen. Grinsend schlich ich den Gang entlang und huschte hinter Bill aus der Halle auf den Schulhof. Er trottete gerade die Treppe zum Klassentrakt hinunter, vorbei an den Mittelstufenjungs, die pseudocool auf der Mauer am Hofrand hockten. Und auf die war wie immer Verlass. Bill war noch keine zehn Meter weit gekommen, als hinter ihm das Gegröhle losging: “Heh, Kaulitz, hast du dich diesmal allein angezogen?” “Boah, zeig doch mal her, was du drunter hast!” Bill warf ihnen nur einen gelangweilten Blick über die Schulter zu, scheinbar war er hämische Kommentare gewöhnt. Aber schließlich geriet er doch ins Stutzen, wurde langsamer und schien sich zu fragen, warum er bei allen Schülern, die er passiert hatte, so eine Heiterkeit auslöste. Irritiert warf er einen Blick über die Schulter - und entdeckte mich wenige Meter hinter sich auf dem Treppenabsatz. Spöttisch zog ich eine Augenbraue hoch und lächelte ihm liebenswürdig zu. Erkennen flackerte in seinem Blick, während er hektisch an sich herunterblickte. Gerade wollte er kopfschüttelnd weitergehen, als ein Junge aus seiner Klasse zu ihm trat und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Bills Blick verdüsterte sich. Mit einer fahrigen Bewegung streifte er die Jacke ab und drehte sie um. “Meine Mami legt mir jeden Morgen die Spitzenhöschen raus”, stand da, in leuchtend pinkfarbenen Lettern quer über den Rücken gesprüht.

Inzwischen hatte wirklich jeder auf dem Schulhof das ungewöhnliche Statement mitbekommen, und während die einen sich bogen vor Lachen, warteten die anderen gespannt auf Bills Reaktion. Die ließ nicht lange auf sich warten. Wütend pfefferte er die Jacke auf den Boden und stürmte auf mich zu, mit gesenktem Kopf wie ein wütendes Tier, und einen Augenblick dachte ich, er würde mich einfach umrennen. Aber kurz vor mir blieb er stehen und spießte mich fast mit seinem Zeigefinger auf. “Gibst du niemals auf?” zischte er mich an. Er stand jetzt so nah vor mir, dass ich das wütende Funkeln in seinen Augen sehen konnte. “Wieso sollte ich?” giftete ich zurück. “Oder hast Du schon genug?”

Er fauchte verächtlich. “Das hättest Du wohl gern”, sagte er leise, “Du kannst so viele Sticheleien über mir auskippen, wie Du willst, Du kriegst mich nicht klein.” In diesem Moment sah ich das Mädchen mit dem Joghurt-Becher an mir vorbeilaufen - und mein Gehirn setzte für einen Herzschlag aus. Ich schnappte mir den Becher aus ihrer Hand, ignorierte ihren überraschten Protest und stülpte den Becher um - genau über Bills Kopf. “Na, dann kann ich ja sicher auch das hier über dir auskippen!” höhnte ich bösartig und schüttelte boshaft grinsend auch den letzten Tropfen Joghurt aus dem Behälter.

Bill starrte mich an wie eine Geistererscheinung. Die zähe Creme rann aus seinem Haar über seine Wangen, floss ihm in den Kragen und über die Brust. Er war zu verdattert, um sich auch nur die Augen abzuwischen. Und während ich gerade überlegte, wie ich ihm mit einem passenden Kommentar den Rest geben konnte, dröhnten schwere Schritte hinter mir. “Was zum Teufel ist hier los?” donnerte eine tiefe Stimme - und meine Eingeweide wurden zu Wasser


5. Kapitel


Der Direktor bahnte sich den Weg durch die Schülermenge und blieb wie angewurzelt stehen. Seine Blicke glitten ungläubig zwischen mir und dem über und über mit Erdbeerjoghurt beschmierten Bill hin und her, bis er den leeren Becher in meiner Hand entdeckte. “Amaris!” dröhnte seine Stimme über den Hof. “Das kann ja wohl nicht wahr sein!!” Seine Blicke durchbohrten mich, bevor er mich am Arm packte und hinter sich herzog. “In mein Büro! Auf der Stelle!”

* * *

Ich wurde in meinem Stuhl immer kleiner, das Blut rauschte mir in den Ohren. Das konnte unmöglich wirklich passieren! “Bitte, ich... Ich kann das erklären”, stammelte ich, aber der Direktor schnitt mir mit einer herrischem Handbewegung das Wort ab. Er hatte sich drohend vor mir aufgebaut und schaute auf mich herunter wie auf einen Käfer unter dem Mikroskop. “Nein, Amaris, ich habe genug von deinen Erklärungen. Du bist eindeutig zu weit gegangen!” Sein Zeigefinger spießte mich fast auf und ich rutschte noch ein wenig tiefer in die Polster des Stuhls. “Erst die Hasch-Geschichte, dann dieser unmögliche Hetz-Artikel über das Konzert und jetzt das! Wolltest Du eine Schlägerei anzetteln oder was sollte das??” Aber zu einer Erklärung kam ich nicht. “Sei still!” donnerte er. “Ich habe genug von Dir. Du bist als Chefredakteurin der Schülerzeitung untragbar geworden. Du gehst sofort in die Redaktion und holst deine Sachen. Dann wirst du deinen Schlüssel im Sekretariat abliefern und nie wieder eine Zeile in dieser Zeitung schreiben. Hast du mich verstanden?” Ich konnte ihn nur fassungslos anstarren. Mein Kopf war wie leergefegt. “Ob Du mich verstanden hast!!” brüllte er und ich beeilte mich, zu nicken. “Gut. Dann hinaus!”

* * *

Langsam zog ich die Tür hinter mir zu. Ich spürte kaum, wie mir die Tränen übers Gesicht liefen. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, ich spürte meinen Körper nicht mehr, war wie betäubt. Benommen lehnte ich mich mit der Stirn an die Wand und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. “Nein... Nein, das darf nicht wahr sein!” murmelte ich vor mich hin und stieß meine Faust gegen den Putz... “Nein... Bitte nicht!”

Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter. “Amaris?” hörte ich eine leise Stimme und wirbelte erschrocken herum. Bill hatte sich saubergemacht. Sein Haar glänzte feucht, die Jacke hatte er über den Unterarm gelegt. “Ich hab alles gehört, war ja laut genug”, sagte er mit einem kleinen schiefen Lächeln. Ich glotzte ihn an wie den leibhaftigen Teufel und wich einen kleinen Schritt vor ihm zurück. In meinem Hirn blitzte blanker Zorn auf. “Du...” quetschte ich durch die Zähne... “Das ist alles Deine schuld!”

Er schüttelte leicht den Kopf. “Ich...”, setzte er unsicher an... “Ich wollte nicht, dass es soweit kommt.” Es klang ehrlich. Ich hätte das merken müssen, hätte ihn nur ansehen müssen, aber ich war zu wütend, zu enttäuscht, wie paralysiert. Ich atmete schwer und spürte überdeutlich, wie die Tränen über mein Gesicht liefen. Weg... Nur weg! Ich wirbelte auf dem Absatz herum und rannte den Gang hinunter. Erst draußen hielt ich an, schnappte verzweifelt nach Luft und sog sie tief in meine Lungen. Als ich wieder zu Atem gekommen war, ballte ich die Fäuste. “Jetzt ist Schluss mit den kindischen Streichen!” versprach ich mir selbst. “Ab jetzt werde ich Dir wehtun!”


6. Kapitel


In den nächsten Tagen verhielt ich mich ruhig. Ich lief durch die Schule wie ein Zombie, ich sah nichts, ich sagte nichts, ich war da und doch ganz weit weg. Ich erinnere mich kaum noch daran, wie ich meinen Tisch in der Redaktion ausräumte. Ich tat es abends, als alle anderen längst gegangen waren, damit mich niemand dabei sehen würde. Und das war gut so, denn ich glaube, ich habe selten in meinem Leben so geweint. Mit auf die Tischplatte gelegtem Kopf saß ich vor meinem Computer und schluchzte in die Dunkelheit. Ich hatte vor gehabt, mich nach dem Abschluss für ein Journalismus-Studium zu bewerben, aber welche Uni würde mich schon ohne Empfehlung von der Schulleitung noch nehmen, zumal sich abzeichnete, dass meine Noten nicht die Besten werden würden? Als ich meinen Schlüssel für die Redaktion in den Briefkasten vor dem Sekretariat warf, schnitt mir das fast ins Herz. Ich hatte das Gefühl, ein großes, wichtiges Stück von mir herzugeben. Was sollte ich nur anfangen ohne meine Zeitung? Ohne das Schreiben? Ohne meine Artikel?

In den Pausen saß ich wie eine Statue auf den Bänken am Rand des Schulhofs und beobachtete die anderen, ohne etwas zu sehen. Nur, wenn ich Bills schwarze Manga-Frisur durch die Menge treiben sah, wachte ich kurz auf und heftete meine Blicke an ihn, verfolgte ihn. Manchmal blieb er stehen und sah zu mir herüber. Und dann lächelte er. Es war ein kleines, schüchternes, fast entschuldigendes Lächeln. Aber auf mich wirkte es wie blanker Hohn. Und es brachte mein Blut zum Kochen. Meine einzige Befriedigung dieser Tage bestand darin, mir Bills blutigen und schmerzhaften Tod in Gedanken auszumalen und mir immer wieder vorzustellen, wie er litt, dahinsiechte und verwelkte.

Irgendwann nach einigen Tagen wachte ich wieder auf aus meiner Erstarrung und nahm die Fäden wieder auf, wie es schon immer meine Art gewesen war. Ich kühlte mich wieder ab, begrub meine Gewaltfantasien und begann, strategisch zu denken. Und dann kam mir der Zufall zu Hilfe, um Bill und seinen kleinen Freunden eins auszuwischen.

* * *

Ich zog mir die Kappe tiefer in die Stirn, damit mein blondes Haar mich nicht verraten würde, wie ich hier im Schatten hinter der Säule stand. Und während ich mich noch ein bisschen tiefer ins schwummerige Licht des Clubs drückte, beobachtete ich mit Haifischgrinsen das Geschehen. Bill stand auf der Bühne und schien mit jeder Sekunde kleiner zu werden. Er bewegte sich nicht vom Fleck, hielt das Mikro unschlüssig in der Hand und machte ein Gesicht, als würde er jede Sekunde in Tränen ausbrechen, während der Club langsam in Wallung geriet. Georg schob sich zögernd nach vorne und raunte Bill etwas zu, ich konnte es förmlich von seinen Lippen saugen: “Bist Du Dir ganz sicher, dass wir hier richtig sind?” “Jaaahaaa!” gab Bill gedehnt zurück und warf einen weiteren, entsetzten Blick in die Menge. Lederklüfte, wo man hinsah, bärtige Gesichter, lange Haare und Totenkopftätowierungen - nicht grade die passende Zielgruppe. Und was für ein Schauspiel für mich!

Denn zum Glück hatte ich immer noch “meine” Leute in der Redaktion. Die hatten mir von dieser E-Mail berichtet, die über den öffentlichen Verteiler an die Schulleitung gegangen war: Ein Plattenproduzent hatte sich an den Direx gewandt, um Kontakt mir Bill und Konsorten aufzunehmen, die ihm auf irgendeinem Auftritt aufgefallen waren. Direktor Gnadenlos hatte sich beeilt, einen Vorspieltermin zu arrangieren - selbstverständlich auch per Mail. Und mein kleiner Hacker-Freund war auf Zack gewesen: Es war gar kein Problem gewesen, den Jungs einfach die falsche Adresse zuzuschicken und sie in diesen kleinen, feinen Hardrock-Club mit seinem erlesenen Heavy-Metall-Publikum zu locken. Ich freute mich diebisch. Denn den Plattendeal konnten sie wohl jetzt begraben, das machte ja wohl keinen wirklich guten Eindruck, einfach nicht zum Vorspielen zu erscheinen.

Und nun standen sie hier, Auge in Auge mit einer langsam wütend werdenden Meute Headbanger. “Was wollen die Babies denn hier?” “Heh, Kleiner, wo ist dein Schnuller?” “Der Frisör ist zwei Straßen weiter!” Bill schien bei jedem Ruf innerlich zusammenzuzucken und ich grinste langsam über das ganze Gesicht. Schließlich sah er sich zu seinen Bandkollegen um, nickte leicht und straffte sich. Zögernd legten sie los. “Das Fenster öffnet sich nicht mehr...“ sang Bill mit geschlossenen Augen, das Mikro ganz nah am Mund, um den Lärm zu übertönen. Ziemlich professionell, wie ich zähneknirschend zugeben musste. Aber weit kamen sie nicht. Bei den ersten Takten hatte noch gespannte Stille im Raum geherrscht - aber jetzt machte sich ohrenbetäubendes Geschrei breit. “Buuuuuuh!” “Scheiiiiße, was´n das?” “Kindergarten!!” Das war Balsam auf meine Seele. Und dann flogen die ersten Bierdosen. Erschrocken zog Bill den Kopf ein, seine Stimme stockte. Dicht neben seinem Kopf zischte eine Flasche vorbei und er warf einen gehetzten Blick in den Saal wie ein Häschen in der Falle.

Oh ja. Das fühlte sich so gut an. Ich kreuzte befriedigt die Arme vor der Brust und beobachtete das Spektakel mit Genugtuung. Den kleinen, fiesen Stich in der Magengrube ignorierte ich.


7. Kapitel


Es fühlte sich an wie das breiteste Grinsen, das ich je im Gesicht gehabt hatte. Langsam schlenderte ich an der hinteren Wand des Clubs entlang Richtung Ausgang, während ich genüsslich beobachtete, wie ein wahrer Regen von leeren Bierdosen, Flaschen und Feuerzeugen auf die Bühne niederging. Ich mag mich in meiner Euphorie getäuscht haben, aber ich könnte wetten, dass auch etliche Tomaten und alles mögliche andere Zeug dabei waren. Die Headbanger schmissen alles, was ihnen grade in die Finger kam, während sie ein Geschrei veranstalteten, das mir wie die süßeste Musik in den Ohren klang. Bill und die anderen hatten jede Mühe, den Geschossen auf der Bühne auszuweichen, während sie langsam in Richtung der Treppe im Hintergrund zurückwichen. Zu dumm, dass es keinen Bühnenausgang gab: Der einzige Weg nach draußen führte in diesem kleinen Club mitten durch die brodelnde Menge.

“Kommt nur, kommt nur her!!” schrillten die ersten Rufe aus dem Publikum und Bill wurde noch ein bisschen bleicher als er ohnehin schon war. In seinen Augen glaubte ich nackte Angst zu erkennen, wenn er sich auch tapfer aufrecht hielt, wie ich leicht frustriert feststellte. Ich hatte Tränen und ängstliches Zittern erwartet! Bill schaute sich gehetzt nach dem Clubbesitzer um, der bisher reglos am Fuß der Bühne gestanden und sich das Treiben kopfschüttelnd betrachtet hatte. Schließlich rieb er sich resigniert über die Augen und gab seinen Männern ein Zeichen. Vier großgewachsene Kerle postierten sich an der Treppe, schnappten sich jeder ein Bandmitglied und versuchten, die Jungs möglichst unbeschadet durch die meuternden Gäste zu bugsieren. Aber dass die Wurfgeschosse weiter auf die Jungs herabprasselten, konnten auch ihre “Beschützer” nicht verhindern. Als eine Dose mit einem hohlen “Klong” gegen Bills Kopf prallte, hielt ich die Luft an und ein unerwartet flaues Gefühl machte sich in mir breit. War ich zu weit gegangen?

Aber die kleine Gruppe näherte sich ohne weitere Zwischenfälle dem Ausgang, so dass ich gerade noch vor ihnen aus der Tür schlüpfen und im Schatten der Wand verschwinden konnte. Die Männer schubsten die Band durch die Tür und schlossen sie gleich wieder, um sich um die erhitzten Gemüter drinnen zu kümmern. Ich lugte vorsichtig um den Baumstamm herum, hinter dem ich mich verborgen hatte, und betrachtete mit einer merkwürdigen Mischung aus Genugtuung und Besorgnis die Jungs, die schweratmend vor der Tür standen und versuchten, sich wieder einzukriegen. Überrascht stellte ich fest, dass ich wirklich erleichtert war, dass keinem ernsthaft etwas passiert war. Und für einen Augenblick wurden meine Knie weich, als ich mir vorstellte, was hätte passieren können.

Erstaunt über mich selbst wandte ich mich ab und schüttelte den Kopf. “Reiß dich zusammen, Amaris!” schalt ich mich selbst. “Die haben das verdient und noch viel mehr als das!!” Ich vergewisserte mich, dass die vier kleinen Helden mit sich selbst beschäftigt waren, bevor ich langsam den Rückzug antrat - und scheppernd mitten in einen Haufen aufgestapelter, leerer Getränkekisten krachte. Mit einem Aufschrei stürzte ich hintenüber, sah Colakisten an meinen Ohren vorbeipoltern und hob die Arme über meinen Kopf . Als ich wieder einen Blick riskierte, sah ich Bills Gesicht über mir. Seine Augen waren schwarz und in der Wange zuckte ein Muskel. “Das hätte ich mir ja denken können”, sagte er so leise, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Dann packte er mich am Arm und zerrte mich grob auf die Füße, bis wir uns Auge in Auge gegenüberstanden. “Wir beide müssen uns dringend unterhalten.”


8. Kapitel


Es war ein trauriges kleines Räumchen, irgendwo in den Eingeweiden des Clubhauses. Wahrscheinlich sollte es eine Art Garderobe darstellen, mit einer schäbigen braunen Couch, einen Tisch mit einem zerbrochenen Bein und einer nackten Glühbirne an der Decke. Bill hatte mich durch einen Seiteneingang unter den finsteren Blicken seiner Bandkollegen hierher geschleift. Er hatte die Tür hinter uns ins Schloss gepfeffert, mich stehen lassen und war in einem Nebenraum verschwunden. Ich hörte Wasser rauschen und durch den Türschlitz spähend sah ich Bill über ein Waschbecken gebeugt dastehen und sich Wasser ins Gesicht spritzen. Er atmete schwer und bemühte sich sichtlich, seine Fassung wieder zurückzuerlangen.

Ich schluckte. Nana, der Kleine war wohl richtig böse! Ich trat einige Schritte zurück, kreuzte die Arme vor der Brust und wappnete mich zum Gefecht. Langsam und mühsam beherrscht kam Bill aus dem Bad, schloss aufreizend behutsam die Tür und baute sich mit gegenüber auf. An seiner Stirn sah ich eine runde, gerötete Stelle, wo ihn die Dose getroffen hatte. “Hast du eine Ahnung, was da eben hätte passieren können?” fragte er, jedes Wort sorgfältig betonend. Sein Blick kam von unten, als hätte er Mühe, sich zusammenzureißen und seine Stimme klang gefährlich leise. “Die hätten uns fast in der Luft zerrissen.”

“Mit Recht, finde ich!” erwiderte ich sarkastisch und musterte ihn mit meinem herablassendsten Blick von oben bis unten. “Ich weiß nicht, was du willst, ist doch noch alles dran. Oder hat sich das kleine Billilein vor lauter Schiss in die Hosen gemacht?” Ich lächelte triumphierend und reckte angriffslustig das Kinn vor.

Er schluckte und machte einen Schritt auf mich zu, die Kiefer gewaltsam zusammengepresst. “Machst du vor gar nichts Halt?” presste er heiser hervor. “Du - hast - uns - heute - einen - Plattendeal - VERMASSELT!” schleuderte er mir entgegen, wurde bei jedem Wort lauter und stand schließlich so nah vor mir, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten.

Wütend riss ich mir die Kappe vom Kopf und pfefferte sie ihm vor die Füße. “Und du hast mir die Chance auf einen Studienplatz verdorben!” fauchte ich. “Ohne Referenz von der Schulleitung nimmt mich keine Uni mehr auf!” Aufgebracht warf er die Arme nach oben. “Das hast du dir ja wohl selber zuzuschreiben. Du hast mir schließlich den Krieg erklärt!” Mit einem langen Schritt stand er wieder vor mir und spießte mich fast mit dem Finger auf. “Aber das eine sage ich dir: Diesen Kampf wirst du nie gewinnen! Niemals, hast du gehört?”

In diesem Moment klickte es in meinem Kopf. Ich sah ihn zum ersten Mal richtig an, sah seine funkelnden Augen, seine sich heftig hebend und senkende Brust, die bebenden Lippen - und eine Sicherung in meinem Hirn verweigerte mir den Dienst. Etwas rieselte heiß mein Rückgrat hinunter, senkte sich tief in meine Eingeweide und überzog meinen Körper mit einer Gänsehaut. Ich dachte nicht mehr nach. Alles in mir wurde Hitze, wurde Begehren.

Ich packte ihn an den Schultern und schleuderte ihn rückwärts gegen die Badezimmertür, bevor ich sein Gesicht zwischen beide Hände nahm und meine Lippen mit einem harten Ruck auf seine presste. Seine Augen flatterten auf wie Rollläden und der überraschte Laut, der aus seinem Mund kam, stachelte mich nur noch mehr an. Ich ließ ihm keine Zeit, sich zu erholen, sondern öffnete hinter seinem Rücken die Tür ins Bad und stieß ihn grob über die Schwelle. Er strauchelte und landete unsanft auf dem gekachelten Boden. Sofort setzte ich ihm nach und während für den Bruchteil einer Sekunde der Gedanke durch mein Hirn schoss, wie dünn und zerbrechlich er war, hatte ich ihn schon unter mir gefangen. Atemlos hielt ich still und senkte meinen Blick in seine Augen. Und langsam wandelte sich sein Gesichtsausdruck, die überrumpelte Überraschung wich etwas anderem, etwas Hitzigem und Tieferen.

Und während ich mit dem Fuß die Tür zuschleuderte, spürte ich nur noch, wie er nach mir griff.


9. Kapitel


Es war schnell. Es war intensiv. Als ich irgendwann danach aufwachte, klebte mein Haar noch immer schweißnass an mir. Irgendwie hatten wir es zwischendurch bis auf das wackelige Sofa geschafft. Hier lag ich an Bills Schulter geschmiegt, er hatte unsere Jacken wie eine Decke über uns drapiert. Gedankenverloren glitt ich mit den Fingern über die tiefen, rotunterlaufenen Kratzer, die meine Fingernägel auf seiner Brust hinterlassen hatten. Seine Haut fühlte sich seltsam kühl unter meiner Hand an, als wäre er nur ein Trugbild. Aber die Luft war erfüllt von seinem Duft, ich spürte seine Beine verknotet mit meinen und als er im Halbschlaf etwas Unverständliches murmelte, seinen Arm unter meinen Nacken schob und mich wieder an sich zog, entspannte ich mich. Es dauerte nicht lange, bis ich wieder wegdämmerte, satt, zufrieden und wohlig warm bis in die Zehenspitzen.

* * *

Im ersten Moment wusste ich nicht, was mich geweckt hatte. Ich blinzelte verschlafen und tastete neben mich. Aber ich lag allein auf dem Sofa, immer noch eingemummelt in unsere Jacken, meine Haare aufgelöst und zerzaust um meinen Kopf verteilt. Ich reckte und streckte mich ausgiebig und befühlte meine Lippen. Sie fühlten sich rau und geschwollen an von all den gierigen Küssen. Ich gluckste leise vor mich hin, rieb meine Füße aneinander und zog mir die provisorische Decke bis ans Kinn.

ZACK - da war es wieder. Dieses merkwürdige grelle Licht, das mich geweckt hatte. Verwirrt blinzelte ich ins Halbdunkel, in dem sich undeutliche Gestalten abzeichneten. “Lächeln!” hörte ich eine süffisante Stimme, bevor es wieder blitzte, verbunden mit dem charakteristischen Klicken einer Kamera, das mir so vertraut war. Schlagartig war ich hellwach und richtete mich kerzengrade auf. “”Was zum Geier...” setzte ich an, während sich meine Augen an des magere Licht gewöhnten. Drei feixende Jungs standen vor mir und grinsten mich von einem Ohr bis zum anderen an. Erschrocken presste ich die Jacke an meine Brust und versuchte das aufkeimende Gefühl der Panik zu unterdrücken. “Jaaa, Baby, gib´s mir!” lachte Tom und drückte wieder auf den Auslöser, begleitet vom schrillen Gelächter der anderen beiden. “Jaaa, dieser Gesichtsausdruck ist einmalig, komm schon, jaaa!”

Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich von der Couch hoch, die Jacken wie ein Schutzschild an mich gedrückt. In meinem Kopf pochten die wildesten Gedanken durcheinander, ich sah nur ihre hämisch grinsenden Gesichter vor mir und immer wieder das stroboskopartige Blitzlicht der Kamera. “Was ist denn da draußen los?” hörte ich plötzlich Bills Stimme von der Badezimmertür. Er hatte nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen und Wassertropfen glänzten auf seinem Leib. Die Kratzer an der Brust waren zwar verblasst, aber immer noch deutlich zu sehen, sie sprangen mir geradezu ins Auge. Jetzt stand er mit weit aufgerissenen Augen da und betrachtete die Szene mit ungläubigem Gesichtsausdruck.

Und plötzlich schien mir alles klar. Er hatte mich den Hyänen zum Fraß vorgeworfen und war seelenruhig unter die Dusche gegangen. Wahrscheinlich war das Ganze sogar seine Idee gewesen! Und morgen würde ich ein riesiges Poster mit einer halbnackten Amaris in der Schule finden. Wie betäubt suchte ich nach meinen Kleidern, die irgendwo verstreut im Raum lagen. Ungeschickt stieg ich in meine Hose, während mir heiße Tränen der Demütigung in die Augen stiegen. Mit halbem Ohr hörte ich Bill fluchen und sah aus den Augenwinkeln, wie er sich in seine Hose zwängte.

“Oh ja, da bin ich wohl ein bisschen zu früh aufgewacht!” schrie ich hysterisch in den Raum. Meine Stimme überschlug sich fast und meine Wangen fühlten sich so heiß an, dass ich fest überzeugt war, sie würden im Dunklen glühen. Bill machte ein paar Schritte auf mich zu, mit beschwichtigend ausgebreiteten Händen. “Amaris”, redete er auf mich ein, “es ist nicht so wie du denkst.”

“Du hast keine Ahnung was ich denke, du fieser, kleiner Dreckskerl!” brüllte ich außer mir, während ich weinend meinen Pullover über den Kopf zog und dabei immer weiter zur Tür zurückwich. “Amaris, hör mir nur einen Moment zu!”, bat er und kam langsam näher. “Bleib ja weg von mir!” schrie ich ihn an, wirbelte herum und stürzte so, wie ich war, aus der Tür, die Schuhe und meine Tasche in der Hand.

Ich rannte über den Gang zur Ausgangstür, konnte kaum sehen vor lauter Tränen, die mir in den Augen brannten. Hinter mir hörte ich, wie jemand mit schnellen Schritten hinter mir herkam. Ich stürzte auf die Straße und rannte blind immer weiter. “Amaris!!” hörte ich Bills Stimme hinter mir. “Bitte bleib stehen!”

“Hau ab”, schrie ich hysterisch und warf meine Schuhe nach ihm. Plötzlich war ich in gleißendes Licht gehüllt, hörte Bremsen quietschen, spürte einen dumpfen Schlag... und dann wurde es dunkel.


10. Kapitel


“Hier, legt sie da hin!”
“Nicht so grob, du Blödmann! Du tust ihr ja weh!”
“Die Jacke! Legt sie auf die Jacke!”

Ich hörte die Stimmen wie durch eine dicke Watteschicht. Benommen versuchte ich, die Augen zu öffnen, aber bei der leisesten Bewegung fuhr ein greller Schmerz durch meinen Hinterkopf. Stöhnend kniff ich die Augen zusammen und wollte die Hand an meine Stirn heben.

“Da, sie wacht auf!” Ich fühlte kühle Finger an meiner Stirn, die mir das Haar aus dem Gesicht strichen. “Amaris?” fragte eine merkwürdig vertraute Stimme. “Hörst du mich?” Ich blinzelte verwirrt und sah vier blasse Gesichter, die sich über mich beugten. Ich lag mit dem Kopf in Bills Schoß, der immer noch meine Wange streichelte. “Schhh, bleib liegen, das wird wieder”, sagte er beschwichtigend. “Oh Mann, hätte ich gewusst, dass sie gleich so austickt...”, hörte ich Toms kleinlaute Stimme. Bill schob ihn unwirsch zur Seite. “Halt einfach die Klappe, okay?”

Inzwischen hatten sich die Nebel in meinem Kopf so weit gelichtet, dass ich mich stöhnend aufsetzen konnte. Mit verzerrtem Gesicht betastete ich meinen Hinterkopf. “Auuuu!” jammerte ich und glitt mit den Fingerspitzen über eine dick angeschwollene Beule. “Was ist passiert?”

“Du bist genau in das Auto gerannt - und das Schwein ist einfach weitergefahren!” schnaubte Bill. Ich warf ihm aus den Augenwinkeln einen Blick zu. Sein Gesicht wirkte bleich und eingefallen im fahlen Licht der Straßenlaterne, unter der die vier mich abgelegt hatten. “Kannst Du aufstehen?” Zwei der Jungs griffen mir unter die Arme und halfen mir auf die Füße. Aber meine Knie schlotterten noch zu sehr, mit ihrer Hilfe schaffte ich es nur bis zu der Parkbank ein paar Meter weiter. Schmerzstöhnend plumpste ich darauf, ließ den Kopf vornüber hängen und legte die Stirn in meine Hände. “So, jetzt lasst uns mal allein!” scheuchte Bill die anderen weg. Ich hörte gemurmelte Verabschiedungen, dann schlurfende Schritte. Schließlich spürte ich Bills Hand, die vorsichtig über meinen Rücken streichelte. Ich war zu geschafft, um ihn abzuschütteln, aber er spürte wohl, wie ich mich versteifte.

“Amaris, es ist nichts passiert!” erklärte er mir ruhig und fuhr fort, meinen Nacken sanft zu massieren. “Da war nicht mal eine Speicherkarte in der Kamera, die Jungs wollten dich nur ein bisschen erschrecken, wegen der Nummer mit den Headbangern.” “Erschrecken, aha”, sagte ich lahm und versuchte, meine Gedanken in halbwegs geordnete Bahnen zu lenken. Langsam fiel mir alles wieder ein, die Leidenschaft, das heiße Gefühl, das mich in seinen Armen durchströmt hatte, wie schön es gewesen war, an ihn geschmiegt aufzuwachen, und dann der kalte Schreck danach. Ich keuchte leise und richtete mich mühsam auf.

Bill betrachtete mich besorgt. Zum ersten Mal sah ich sein Gesicht ungeschminkt, die Haare hingen im so wüst in die Stirn, dass ich beinah grinsen musste. Er musterte mich stirnrunzelnd . “Ich sollte wohl doch besser einen Krankenwagen rufen”, sagte er und zückte sein Handy. Aber ich winkte nur ab. “Hast Du noch nicht gemerkt, dass ich einen harten Schädel habe?” witzelte ich schwach und rieb an meinem Hinterkopf herum. “Ruf mir nur ein Taxi, ich will heim.”

“Kommt gar nicht in Frage!” blaffte Bill entrüstet. “Wenn du am Ende nicht mehr aufwachst, kommst du als Geist zurück und behauptest überall, das wäre alles nur meine Schuld.” Jetzt musste ich doch lachen. Entschlossen stand er auf und half mir auf die Beine. “Ich bringe dich heim. Wo wohnst Du?”


11. Kapitel


“Bist du wirklich sicher, dass du das hinkriegst?” fragte ich zum wiederholten Mal und beobachtete ihn misstrauisch. “Wir könnten immer noch ein Taxi...” “Ja doch, ich schaff das schon!” gab Bill leicht gereizt zurück und starrte dabei ratlos auf das Armaturenbrett. “Mein Stiefvater hat mich schon ein paar Mal auf dem Parkplatz vom Supermarkt fahren lassen, wenn da abends niemand mehr war.” Er warf mir ein wenig selbstsicheres Lächeln zu und griff nach dem Schaltknüppel. Hastig zog ich den Gurt über meiner Brust straff und klammerte mich vorsichtshalber an den Haltegriff. Der Motor heulte auf, als Bill das Gaspedal durchtrat, aber das Auto bewegte sich nicht von der Stelle. “Ähm, Bill?”, fragte ich vorsichtig. “Du musst den Gang schon einlegen.”

Er knurrte gereizt und versuchte es erneut. “Oh Gott, bitte schrotte mir mein kleines Auto nicht”, jammerte ich, “da stecken etliche Ferienjobs, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke drin.” “Sei mal lieber froh, dass du dir heute Nacht nicht deinen kleinen Schädel geschrottet hast!” konterte er und fügte mit einem flotten Seitenblick hinzu: “Das wäre schade drum gewesen.” Verblüffte blinzelte ich ihn an. “Sei mal vorsichtig, Billilein, sonst könnte ich noch denken, du machst mir Komplimente.” Er grinste frech, schmiss mit Elan den Gang rein - und ließ die Kupplung so abrupt los, dass das Auto mit einem gewaltigen Satz nach vorne schoss. Ich wurde mit einem heftigen Ruck zurückgeschleudert und knallte mit meinem lädierten Hinterkopf hart gegen die Nackenstütze. “Auuuu!” heulte ich, verdrehte die Augen und ließ den Kopf hängen.

“Scheiße!”, hörte ich Bill fluchen. Er würgte den Motor ab, beugte sich zu mir herüber und schüttelte mich an den Schultern. “Amaris?” Seine Stimme bebte vor Schreck. “Mein Gott, ist dir was passiert?” Ich stöhnte leise und ließ zu, dass er meinen Kopf an seine Brust bettet und sanft meine Wange streichelte. “Amaris, hörst du mich?” Ich verzog das Gesicht und wand mich schmerzerfüllt hin und her. “B-b-b-Bill?” stotterte ich und tastete nach seiner Hand. Er beugte sich ganz nah über mich, ich spürte seinen stoßweisen Atem auf meiner Haut. “Sag meinen... meinen Eltern, dass ich... dass ich sie liebe!” Er stutzte. Ich schlug ein Auge auf und versuchte mir das Grinsen zu verbeißen. Aber er schaute mich so verdattert an, dass ich schallend loslachen musste. “Du bist so süß, wenn du dir Sorgen machst”, prustete ich, boxte ihn gegen die Schulter und richtete mich lachend auf.

Er blinzelte. “Na warte!” brüllte er dann, stürzte sich mit Kriegsgebrüll auf mich und fing an, mich wie wild zu kitzeln. “Neiiiin!” kreischte ich lachend und versuchte verzweifelt, ihn abzuwehren, aber er schien plötzlich tausend Hände zu haben. Minutenlang balgten wir uns kreischend und prustend auf den Sitzen, bis wir beide lachend und völlig außer Atem in die Polster rutschten. “Mann, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt, du hinterhältiges kleines Biest!”, schnaufte Bill und ich boxte ihn dafür in die Seite.

Schließlich setze er sich auf und griff nach dem Lenkrad. “So, bist du bereit für einen neuen Versuch?” Schlagartig ernüchtert drückte ich mich im Sitz nach oben. “Vielleicht sollte doch besser ich...?” bot ich vorsichtig an, aber er winkte nur ab. “Kommt gar nicht in Frage, du bist verletzt. Entspann dich, ich krieg das hin.” Wenig beruhigt spähte ich auf die Straße und beobachtete Bill, wie der den Zündschlüssel drehte.


12. Kapitel


Es war die holperigste Fahrt, die ich je erlebt hatte. Zum Glück war es mitten in der Nacht, die Stadt lag noch in tiefem Schlag und es war fast kein Mensch vor der Tür. Und so sah uns niemand, wie wir stockend und in Schlangenlinien die Straße heruntergurkten. Ich wurde so sehr durchgeschüttelt, dass meine Zähne im Sekundentakt aufeinanderschlugen. Bill hockte verbissen hinter dem Steuern und versuchte mit zusammengepressten Kiefern, mein Auto halbwegs souverän an geparkten Wagen und Bordsteinkanten vorbeizusteuern. Wenn ich nicht so schreckliche Kopfschmerzen gehabt hätte, wäre es zum Lachen gewesen.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir vor unserem Haus ankamen. Bill parkte mindestens zwei Meter vom Bürgersteig entfernt, aber das war mir gerade völlig egal. Schwankend kletterte ich aus dem Auto und musste mich an der Tür festhalten, um nicht auf den Asphalt zu plumpsen. Mit einem entschuldigenden Grinsen im Gesicht kam Bill um das Auto herum, hakte mich unter und bugsierte mich zur Haustür. Ich bewohnte ein separates Apartment im Dachgeschoss des Hauses meiner Eltern, also war es kein Problem, ihn ungesehen die Treppe hinauf zu dirigieren. Oben schob ich nur die Tür hinter uns ins Schloss, ließ meine Schuhe, Jacke und Tasche achtlos im Gang fallen und mich selbst auf das Sofa plumpsen. Bill ließ sich neben mich sinken, er machte einen nicht minder fertigen Eindruck als ich. Wir sahen uns kurz an - und nach einem kleinen peinlichen Moment fingen wir an zu lachen.

Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war. Ich streckte vorsichtig meine schmerzenden Glieder und betastete die Beule an meinem Hinterkopf. Sie war nicht weiter angeschwollen, auch wenn sie immer noch heftig wehtat, als ich sie anrührte. Mit verzerrtem Gesicht kuschelte ich mich in meine Sofakissen und spürte, wie Bill sich neben mir ausstreckte. “Tut´s weh?” fragte er ernst. Aber ich war zu fertig, um ihm zu antworten. Ich nickte nur noch, bevor mir die Augen endgültig zufielen.


* * *


Ich spürte sofort, dass er neben mir lag, noch bevor ich richtig aufgewacht war. Seine regelmäßigen Atemzüge brachten mich zum Lächeln. Ich liebte seinen Duft, vergrub meine Nase tief in sein T-Shirt und schnüffelte an ihm. Er lachte glucksend. “Hör auf damit, das kitzelt”, kicherte er und stubste mich. Ich ließ von ihm ab, richtete mich gähnend auf und streckte mich ausgiebig. Bei einem Blick auf die Uhr klappte mir fast die Kinnlade herunter: Es war schon drei Uhr am Nachmittag, wir hatten den halben Tag verschlafen. Überrascht schauten wir uns an. “Na, du bist ja eine Schlaftablette, so lange schlafe ich sonst nie”, neckte ich ihn. “Das nennst du schlafen?” konterte er. “Du liegst keine Minute still, wie kann man sich nur pausenlos drehen und wenden?” Frech kniff ich ihn in die Seite. “Das kommt davon, wenn die Unterlage so knochig ist!”

“Die Unterlage wird noch knochiger, wenn sie nicht bald was zu essen kriegt!” Er schaute mich vorwurfsvoll an und strich über seinen vernehmlich grummelnden Bauch. “Na, das kann ich natürlich nicht verantworten, mal schauen, was der Kühlschrank noch hergibt”, lachte ich und wollte aufstehen. Aber ich kam nicht mehr dazu.

Krachend flog die Tür auf und schlug mit einem fürchterlichen Knall gegen die Wand. Entsetzt fuhr ich hoch und starrte meinen Vater an, der mit wutverzerrtem Gesicht im Türrahmen stand. Es lief mir eiskalt über den Rücken, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Wie er jetzt mit donnernden Schritten auf mich zu stampfte und mich hasserfüllt ansah, hatte er nichts mehr mit dem sanften, großen Mann gemeinsam, den ich kannte. “Papa?” fragte ich verwirrt. “Was ist los?”

“Du kleines, mieses...” knurrte er durch die Zähne und riss mich so grob auf die Füße, dass ich aufschrie. Er schüttelte mich so hart, dass meine Zähne aufeinanderschlugen und das Haar wild um meinen Kopf flog. “Schämst du dich eigentlich für gar nichts?” brüllte er außer sich und schwenkte mich wie ein Stoffpuppe hin und her. Fieberhaft überlegte ich, was ihn so aufgeregt haben könnte. Lag es an Bill? Er war doch nicht der erste Junge, den ich mit nachhause brachte, meine Eltern waren in solchen Dingen doch immer tolerant gewesen.

“Papa... Papa, ich weiß nicht, wovon Du redest!” stammelte ich und versuchte verzweifelt, mich loszumachen. Sein Blick wurde eiskalt, schien mich zu durchbohren. “Was erlaubst du dir? Und jetzt LÜGST DU MICH AUCH NOCH AN?” Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie er ausholte. Seine Hand traf mich so hart ins Gesicht, dass ich von den Füßen gefegt und mit einem Schmerzensschrei auf den Boden geschleudert wurde. Benommen blieb ich liegen, in meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Der Schatten meines Vaters erhob sich drohend über mir, während sich seine Hände wie Schraubstöcke um meine Oberarme schlossen.

“Lassen Sie sie los!” hörte ich Bills erschrockene Stimme wie durch eine Wattewand. Er war auf die Füße gesprungen und stand mit geballten Fäusten vor meinem Vater, seine zierliche Gestalt in groteskem Gegensatz zu dem massigen Mann. Mein Vater schnaubte verächtlich und schien Bill erst jetzt richtig zu sehen. “Ist das der Typ?” brüllte er so laut, dass ich mir erschrocken die Ohren zuhielt. Außer sich vor Wut packte er Bill am Kragen und ich musste entsetzt zusehen, wie er ihn hinter sich her aus der Tür hinausschleifte. Unten hörte ich heftig die Haustür zuschlagen, bevor die donnernden Schritte meines Vaters wieder auf der Treppe dröhnten.

“Papa, bitte, was hast Du denn?” stammelte ich weinend, mein Gesicht war inzwischen nass vor Tränen. Rasend vor Wut riss er mich hoch und zerrte mich hinter sich her, die Treppe hinunter in sein Arbeitszimmer. Dort schleuderte er mich so hart auf den Schreibtischstuhl, dass ich aufschrie. Grob packte er mein Gesicht und zwang mich, auf den Computerbildschirm zu schauen. “Du willst wissen, was los ist?” zischte er. “Dann schau dir das hier mal gut an!”

Mühsam blinzelte ich die Tränen weg und starrte auf den Monitor. Und was ich da sah, ließ mir den Atem stocken.


13. Kapitel


Es war scheußlich. Widerlich. Ich hatte mich in meinem Leben noch nie so geekelt. Ich saß da und hatte das Gefühl, dass die Welt um mich herum in Stücke zerbrach. Mein Vater tobte noch immer, aber seine Stimme drang kaum zu mir durch, während ich auf den Bildschirm starrte.

Ich starrte in mein eigenes Gesicht. Sah mir zu, wie ich den Kopf lustvoll in den Nacken legte, mein Haar ausgebreitet um meine nackten Schultern, einen beseligten Ausdruck im Gesicht. Bis ins letzte Detail war da aufgenommen worden, was sich in jenem schäbigen kleinen Zimmer im Clubgebäude abgespielt hatte. Jedes Seufzen, jedes Geräusch, jede Regung.

In die Leere in meinem Kopf mischten sich Worte.
“Jaaa, Baby, dieser Gesichtsausdruck ist einmalig.”
“Es ist nichts passiert, Amaris, da war nicht mal eine Speicherkarte in die Kamera.”
“Die Jungs wollten dich nur ein bisschen erschrecken.”
Ich konnte es nicht glauben. Wollte es nicht glauben. Und dann tauchte Bills Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Wie er ausgesehen hatte, als ich neben ihm einschlief. Sein wütender Blick bei unserem Streit im Club. Sein hämisches Grinsen, als er an der Tür zu Turnhalle gestanden hatte.

“Das haben mir eben die Arbeitskollegen geschickt!” donnerte die Stimme meines Vater auf mich herunter. “Das ganze Büro hat sich das schon im Internet angesehen! Das ganze Büro hat gesehen, wie meine Tochter in der Gegend herumhurt!”

Langsam blickte ich auf - und in das Gesicht meiner Mutter. Ihre Augen waren rotgerändert und sie sah mich so traurig an, dass es mir tief ins Herz schnitt. “Mama, ich...” setzte ich an, aber sie schüttelte nur den Kopf, bevor sie sich abwandte und ohne ein Wort den Raum verließ. Schweigend sah mein Vater ihr nach, bevor sich sein böser Blick wieder auf mich richtete. “Du hast uns so maßlos enttäuscht, Amaris”, sagte er mit leiser, heiserer Stimme. Bekümmert schüttelte er den Kopf und rieb sich müde über das Gesicht. Dann zeigte er auf die Tür. “Geh mir aus den Augen.”


* * *


Es war ein Spießrutenlauf. Jeder Blick schien mich zu durchbohren, jedes leise Wort schien sich um mich zu drehen und hinter meinem Rücken konnte ich sie förmlich die Köpfe zusammenstecken hören. Mein Vater hatte darauf bestanden, dass ich schon am nächsten Tag wieder in die Schule ging, er hatte mich persönlich vor der Tür abgesetzt. Wäre ich in der Lage gewesen, einigermaßen sachlich nachzudenken, hätte mir klar sein müssen, dass hier kaum jemand diesen schrecklichen Film gesehen haben konnte, aber als ich über den Flur ging, fühlte ich mich ebenso nackt wie in jener Nacht.

Mein ganzes Denken bestand nur noch aus Scham. Ich schämte mich für meine Gefühle, dafür, dass mein Herz angefangen hatte, wild zu pochen, wenn ich an Bill dachte. Dafür, dass ich glücklich gewesen war, als ich bei ihm war. Dafür, dass ich es ihm gestattet hatte, mir so nahe zu kommen. Blicklos ging ich mit hängenden Schultern über den Gang und betete, ich möge einfach verschwinden.

Plötzlich schloss sich eine Hand um meinen Arm und ich wurde in ein leeres Klassenzimmer gezogen. Ich spürte Arme, die mich umschlossen und ein vertrauter Duft stieg mir in die Nase. “Mein Gott, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!” Bill hielt mich ein Stück von sich weg und strich mit den Fingerspitzen über meine blau unterlaufene Wange, wo mich mein Vater geschlagen hatte. “Was war denn bloß los?”

Alles in mir wurde kalt. Sein Gesicht verwandelte sich vor meinem geistigen Auge in eine bösartig grinsende Fratze. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an, vor Zorn und Scham begann ich am ganzen Leib zu zittern. “Amaris?” fragte Bill verstört und streckte die Hand nach mir aus. Brutal schlug ich sie weg.

“Was los ist?” schrie ich ihn an. “Du fragst mich allen Ernstes, was los ist?” Meine Stimme hallte schrill und hysterisch durch den Raum, heiße Tränen schossen mir über die Wangen. Bill starrte mich fassungslos an. “Hast du es dir wenigstens gut bezahlen lassen?”

“Wovon redest du?” fragte er mit gerunzelter Stirn. Da platzte mir endgültig der Kragen. “Ich rede von dem ekelhaften Porno von uns, den jedermann im Netz sehen kann! Der, auf dem komischerweise nur ich richtig zu erkennen bin!” brüllte ich fast von Sinnen vor Wut. “Gott, was war ich so dumm!! Habt ihr euch gut amüsiert über die dumme Amaris, die du so leicht um den Finger wickeln konntest?”

Seine Augen waren tellergroß geworden, jede Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Ein paar mal klappten seine Lippen auf und zu, bevor ein Ton aus seinem Mund kam. “Und du glaubst, dass ich...?” Seine Stimme klang merkwürdig brüchig, als hätte er Mühe, die Worte zu formen. Aber ich war blind, war gefangen in meiner Wut und in meinem Schmerz.

“Wage ja nicht, es auch noch zu leugnen!” keifte ich und ging wie eine Furie auf ihn los. Ich stieß ihn gegen die Tür und fing wild an, mit den Fäusten auf ihn einzuschlagen. Er wehrte sich nicht, versuchte nicht einmal, meine Schläge abzublocken. Weinend hämmerte ich auf ihn ein. Es dauerte lange, bis ich mich wieder beruhigt hatte. Atemlos stand ich vor Bill und senkte meinen Blick tief in seine Augen. “Dafür...”, presste ich durch die Zähne, “werde ich dich zerquetschen.”


14. Kapitel


Tief in seinen Augen schien etwas zu zerbrechen. Seine Züge, die eben noch erschrocken und irgendwie traurig gewirkt hatten, wurden plötzlich glatt und kühl. “Amaris, du machst einen Fehler”, sagte er ruhig und blieb reglos vor mir stehen. Ich schnaubte verächtlich. “Mein Fehler war, dass ich mich auf dich eingelassen habe! Und dieser Fehler hängt mir jetzt ein Leben lang nach.”

Er schüttelte den Kopf. “In diesem Zustand kann ich nicht mit dir reden.” Er zögerte und machte schließlich einen Schritt auf mich zu, legte mir beschwichtigend die Hand auf die Schulter. “Denk nach, Amaris”, forderte er mich auf. “DU hast MICH verführt in dieser Nacht. Woher hätte ich überhaupt wissen sollen, dass du da sein würdest?”

In meinem Kopf arbeitete es. Ich hätte ihm zuhören müssen, hätte meinen scharfen Verstand gebrauchen sollen, auf den ich sonst so stolz war. Aber ich war geblendet von dem Gefühl, schuldig zu sein - und das wollte ich auf ihm abladen. Er war es, er war es, er war es, hallte es in meinem Kopf. Ich wischte seine Hand von meiner Schulter wie ein lästiges Insekt. “Wenn du es nicht warst”, flüsterte ich mühsam beherrscht, “dann war es dein toller Bruder. Aber glaub mir, der bekommt auch sein Fett ab. Und jetzt geh mir aus dem Weg!” Und damit schob ich ihn fort von mir und öffnete mit zitternden Fingern die Tür. Erst draußen auf dem Gang erlaubte ich mir Tränen, die ich aber hastig wieder aus meinem Gesicht wischte. Denn in meinem Kopf reifte schon ein Plan.


* * *

Ich hatte keine Mühe, ihn in dem Gewimmel auf dem Schulhof zu entdecken. Er stand bei den Posern auf dem oberen Treppenabsatz, der Hosenboden hing ihm in den Kniekehlen und sein Kopf verschwand fast unter einer riesigen Kappe, aus der nur am Hinterkopf seine Rastas herausquollen. Ein paar Minuten beobachtete ich ihn, bevor ich mir einen Weg durch die herumstehenden Schüler bahnte. Tom sah mich kommen und setzte ein breites Grinsen auf. “Amaris”, begrüßte er mich gedehnt. “Was macht der Kopf? Nettes Veilchen, übrigens.”

Ich lächelte. Dann beugte ich mich ein kleines Stückchen vor und fixierte ihn. “Du sitzt ganz schön in der Tinte, Tom.” Sein Lächeln wurde eine Spur breiter. “Ach, wieder mal?” zwinkerte er mir zu. “Ja, wieder mal”, gab ich lachend zurück. “Ich habe dich und deinen Bruder wegen des üblen kleinen Pornos angezeigt, den ihr von mir ins Netz gestellt hab.” Sein Lächeln fiel in sich zusammen. “Wovon bitte redest du?” fragte er entgeistert. “Das wird dir dann der Staatsanwalt erklären”, beschied ich ihn kühl und lehnte mich neben ihm an die Mauer. “Ihr beiden seid schon 16... Kein Welpenschutz mehr.”

Toms Augen flackerten. Ungläubig glitt sein Blick über mein Gesicht, aber ich verzog keine Mine. “Warte mal”, schluckte er. “Da ist ein Porno von dir im Netz und du glaubst allen Ernstes, dass Bill und ich das waren?” Ich nickte sachlich. “So ist es. Schließlich hast du mir doch in der Nacht im Club eine Kamera ins Gesicht gehalten, war es nicht so?” Er stockte. “Äh... Ja... Jaja, schon, aber das war doch nur...” Ich winkte ab. “Mehr wollte ich gar nicht hören.” Brüsk drehte ich ihm den Rücken zu und tat, als würde ich weggehen. Aber dann warf ich ihm noch mal über die Schulter einen Blick zu und musterte ihn abschätzig. “Jungs wie du sind im Jugendknast sicher heiß begehrt, wenn du weißt, was ich meine”, sagte ich augenzwinkernd und weidete mich daran, wie Tom immer blasser wurde. “Zumal es danach aussieht, als würdest du ohne deinen kleinen Bruder einrücken müssen.”

Ich kam nur zwei Schritte weit, bevor Tom mich von hinten am Arm fasste. “Moment, was soll das heißen?” Ich warf ihm meinen unschuldigsten Augenaufschlag zu und zeichnete mit der Schuhspitze Kreise auf den Boden. “Och, das heißt nur, dass dein Brüderchen grade dabei ist, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, indem er dir alles in die Schuhe schiebt. Sieh mal!” Und damit deutete ich auf Bill, der wild gestikulierend am anderen Ende des Schulhofs stand und von mehreren Polizisten umringt war. Schließlich konnte Tom nicht ahnen, dass ich die Polizei angerufen und ihnen anonym mitgeteilt hatte, dass ein großer, extrem schlanker, schwarzhaariger Junge mit Manga-Frisur und geschminkten Augen auf dem Schulhof Haschisch vertickte. Er konnte Bill nur fassungslos anstarren. “Nachher wird er dir sicher erzählen, es hätte sich um was ganz anderes gedreht oder dass es eine harmlose Verwechslung war”, flüsterte ich ihm ins Ohr. “Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Bruder den anderen in die Pfanne haut, um seinen eigenen Hintern zu retten.” Ich klopfte ihm sanft auf die Schulter. “Aber das wird dir der Jugendrichter sicher alles erklären.” Einen Augenblick weidete ich mich noch an dem Ausdruck in seinen Augen, bevor ich mich umdrehte und leise pfeifend davonschlenderte.


15. Kapitel


In den nächsten Tagen lehnte ich mich zurück und genoss still, wie die Brüder sich umkreisten. Ich hielt mich im Hintergrund und versuchte, weder Bill noch Tom über den Weg zu laufen. Wenn wir uns doch auf dem Gang oder dem Schulhof begegneten, würdigte ich sie keines Blickes, auch wenn es mir schwer fiel, mich nicht umzudrehen, denn manchmal fühlte ich Bills Blicke geradezu im Nacken. Ich war immer in ihrer Nähe, stand im Schatten der Mauer hinter den Bänken am Schulhofrand, lehnte wie zufällig unter dem Fenster der Sporthalle, wenn sie aus dem Unterricht kamen oder verbarg mich in der Nische hinter dem Getränkeautomat. Ich wollte keine Sekunde des kleinen Schauspiels, das ich angezettelt hatte, verpassen.

Es mag nur ein kleiner, misstrauischer Funke gewesen sein, den ich in Tom gepflanzt hatte. Aber er trug schneller Früchte, als ich erwartet hatte. Am Anfang waren es nur argwöhnische Blicke, wenn Bill es nicht bemerkte, Beobachtungen aus den Augenwinkeln und ein Grinsen, das eine Spur zu breit war. Aber nach und nach wurde die Stimmung gereizter. Bill und Tom begannen sich zu belauern, jedes Wort das anderen wurde zerpflückt und auf die Goldwaage gelegt und eines Morgens standen sie lauthals streitend auf dem Schulhof.

“Verdammt nochmal, wie oft soll ich dir noch erklären, dass ich nichts damit zu tun habe?” brüllte Bill seinen Bruder an. Sein Gesicht war rot angelaufen und er hatte wütend die Fäuste geballt. “Das glaube ich dir aber nicht!” fauchte Tom zurück, seine Stimme überschlug sich fast. Einen Augenblick glaubte ich, Bill würde vor allen Leuten auf ihn losgehen. Aber dann riss er sich zusammen. “Ist mir langsam egal, was du glaubst”, stieß er hervor, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte davon. “Fein, dann geh doch!” rief Tom ihm noch nach, bevor er fluchend seine Tasche nahm und in die entgegengesetzte Richtung verschwand.

Ich lächelte. Meine Zeit zuzuschlagen war gekommen.


* * *


Es war ein komisches Gefühl, hierher zurückzukommen. Als ich den schäbigen kleinen Club betrat, hämmerte mein Herz in meiner Brust zum Zerspringen. Mühsam versuchte ich, die aufkeimende Panik niederzukämpfen und trat durch die Tür. Die Luft war zum Schneiden dick vor Rauch und schreienden Gitarren. Der Besitzer stand an der Bar, hatte lässig den Arm auf die Theke gestützt und lächelte ein schmieriges, kleines Lächeln, das mir fast Übelkeit verursachte. Vorsichtig schob ich mich durch die dicht gedrängten Leiber und versuchte, nicht mit einem entfesselten Headbanger zusammenzustoßen. Als der Besitzer mich kommen sah, glaubte ich für einen Augenblick einen erschreckten Ausdruck über sein Gesicht huschen zu sehen. Aber er hatte sich sofort wieder in der Gewalt und ließ seine Blicke so schamlos über meinen Körper gleiten, dass ich mich zwingen musste nicht davonzulaufen. Dicht vor ihm blieb ich stehen und ließ zu, dass er mir in den Ausschnitt starrte, während er sich über die Lippen leckte.

Mein Mund fühlte sich trocken an und eine kleine Stimme in meinem Kopf raunte: “Noch kannst du zurück...” Aber ich war schon zu weit gegangen. “Ich habe eine Nachricht für Sie”, rief ich über den Lärm der Musik hinweg und war überrascht, dass meine Stimme nicht zitterte. Der Clubmanager nahm feixend das Blatt Papier entgegen, dass ich ihm reichte. “Ein Liebesbrief, Baby?” fragte er heiser und hielt meine Hand fest, so dass ich sie ihm mit einem Ruck entreißen musste. Er lachte, faltete den Zettel auseinander - und sein Lachen gefror.

Es war eine Zusammenstellung verschiedener Schlagzeilen, ausgeschnitten aus Zeitungen und Magazinen:
“Headbangen macht blöd”
“Mehr Hardrock, weniger Potenz”
“Hard Rock und schlaffe Hose”
“Heavy Metal tötet Hirnzellen”

Und darunter stand in Druckbuchstaben:
“Bock, mal richtige Musik zu hören?
Wie proben um 19 Uhr in der Schulsporthalle.
Kommt doch vorbei. Gruß, Bill”

Der Clubbesitzer schluckte. Dann schnippte er mit den Fingern und drei seiner Jungs traten aus dem Hintergrund zu ihm. Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete.


* * *


Es war kühl geworden und ich drückte mich fröstelnd in den Mauerschatten. Es war schon kurz nach sieben und fast glaubte ich, mein Plan würde nicht aufgehen. Aber dann sah ich Bill die Treppe vom Klassentrakt heraufkommen. Sein Schritt war beschwingt und ein sanftes, kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Ich wusste, was ihn so fröhlich gestimmt hatte. Denn den Zettel in seiner Hosentasche hatte ich selbst geschrieben, sorgfältig Toms Handschrift kopierend:

“Wir müssen reden und das endlich aus der Welt schaffen! Kommst Du heute abend nach der Basketball-AG in die Sporthalle? Bin um Viertel nach sieben da!”

Ich hielt den Atem an, als Bill an mir vorbeikam. Er sah blass aus und noch ein bisschen dünner als sonst, nie hatte er so zerbrechlich auf mich gewirkt. Fast hätte ich meine Deckung aufgegeben, wäre zu ihm gerannt und hätte mich ihm in die Arme geworfen. Aber ich blieb wie erstarrt stehen und sah zu, wie er die Halle betrat und die Tür hinter sich zuzog. Ich holte zitternd Luft, bevor ich mich zum Gehen wandte und mich verzweifelt bemühte, mein schreiendes Gewissen nicht zu beachten.


16. Kapitel


Langsam ging ich durch die verlassene Schule zurück zum Parkplatz und versuchte, nicht daran zu denken, was gerade in der Sporthalle passieren mochte. Mein Nacken brannte und in meinen Eingeweiden rumorte es. Ständig sah ich Bills Gesicht vor mir, seine lächelnden Lippen und dieses verschmitze kleine Glitzern in den Augen. Ich wurde den Gedanken an ihn einfach nicht los, so sehr ich mich auch bemühte, ihn wegzuschieben und mir einzureden, dass er bekam, was er verdiente. Als ich mich in mein Auto setzte, zitterte ich am ganzen Leib. Vor meinen Augen fing alles an sich zu drehen, ich hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper und atmete schwer.

Als ich gerade verzweifelt versuchte, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen, klingelte mein Handy. Meine Finger waren so klamm und gefühllos, dass ich Mühe hatte, den Annahmeknopf zu drücken.
“Ja?” fragte ich mit brüchiger Stimme.
“Amaris?” hörte ich die Stimme meines Vaters. “Amaris, wir haben den Typen erwischt. Hast du gehört?”
“Was... Was für einen Typen?” fragte ich schwerfällig. Meine Gedanken waren wie blockiert, es fiel mir schwer, seinen Worten zu folgen.
“Es war der Besitzer des Clubs, Amaris! Offenbar hatte er mehrere versteckte Kameras angebracht und schon seit Jahren die Bands, die bei ihm auftraten, heimlich in der Garderobe mit ihren... äh... Gespielinnen aufgenommen und die Filme ins Netz gestellt. Mit dem Geld hat er seinen schäbigen Club über Wasser gehalten. Unser Anwalt meint, wir haben die besten Chancen, dass er auf Jahre hinter Gitter wandert. Morgen früh um neun haben wir einen Termin bei ihm, sei pünktlich.”
Mir wurde fast schwarz vor Augen. Ich umklammerte das Telefon so fest, dass meine Knöchel knackten.
“Amaris, ich weiß jetzt, dass es nicht deine Schuld war”, hörte ich Papas Stimme wie durch eine Mauer aus Gummi. “Es wird alles wieder gut, Schatz. Ich hab dich lieb.” Dann klickte es in der Leitung.

Einen Augenblick lang saß ich wie benommen hinter dem Steuer, mein Kopf schien zu explodieren. Und dann, aus tausend wirbelnden Gedanken und Fetzen in meinem Hirn, tauchten wieder Bills Augen auf. Ich sprang aus den Auto und rannte, so schnell ich konnte.


* * *


Die Tür zur Sporthalle öffnete sich nicht, sie mussten sie von innen verrammelt haben. Verzweifelt rüttelte ich daran, hämmerte mit den Fäusten gegen den Rahmen und schrie aus Leibeskräften. Der Schweiß rann mir aus allen Poren, aber hinter der Tür rührte sich nichts. Fieberhaft überlegte ich, presste die Hände gegen meine pochenden Schläfen, als könnte das meine wirbelnden Gedanken zur Ruhe bringen. Ich rannte zur Rückseite des Gebäudes, wo sich schmale Fenster nach außen öffneten. Der Hausmeister stapelte hier leere Getränkekisten und wie von Sinnen kletterte ich auf den schiefen Turm und zog mich zum Fensterrahmen hinauf.

Entsetzt blickte ich in die Halle. Zuerst sah ich nur schwarz gekleidete Gestalten, mindestens ein Dutzend, einige etwas abseits, die grölend Bierflaschen in die Höhe hielten und jemand anzufeuern schienen. In der Mitte wogte ein ganzer Pulk von ihnen durcheinander, vom Gejubel der Umstehenden begleitet. Und dann sah ich ihn. Bill stand schwankend inmitten der Meute, hin- und hergeschubst von gierigen Händen, die aus allen Richtungen nach ihm griffen. Schließlich packten zwei der Männer ihn und hielten ihn wie eine Stoffpuppe zwischen sich, obwohl er sich verzweifelt zu wehren versuchte. Sein Körper wirkte so schmal, so verletzbar, ich konnte die Angst förmlich riechen, die ihn gepackt haben musste. In diesem Moment war ich fast dankbar, nicht seine Augen sehen zu müssen.

Ein großer bulliger Kerl mit einem zotteligen Bart trat vor und lächelte Bill hämisch an. Dann packte er ihn am Kragen und riss sein Shirt vom Hals bis zum Bauchnabel auf. Als der Riese grinsend seine Zigarette aus dem Mund nahm und sich damit Bills Brust näherte, schrie ich, so laut ich konnte. Aber niemand hörte mich. Ich hämmerte so wild gegen die Fenster, dass der Kistenstapel unter mir ins Schwanken geriet und ich hart zu Boden stürzte. Einen Augenblick wich mir die Luft aus den Lungen und vor meinen Augen drohte es schwarz zu werden. Entschlossen kämpfte ich die Nebel nieder und rappelte mich auf.

Ich rannte wie vom Teufel besessen um die Halle, hinunter zur Tür zum Klassentrakt. Mit einem Aufschrei schlug ich mit dem Ellenbogen die Glasscheibe vor dem Feuermelder ein und spürte nicht einmal, wie sich die scharfen Scherben durch meine Jacke in mein Fleisch bohrten. Der heulende Ton des Alarms war ohrenbetäubend laut, aber ich hätte fast noch lauter geschrieen.
Es dauerte quälend lange Sekunden, bevor die Sporthallentür aufflog und die Meute nach draußen quoll. “Die Bullen!” hörte ich vereinzelte Rufe, als alle in verschiedene Richtungen auseinander liefen. Sofort setzte ich mich in Bewegung und rannte zurück, stolperte über die Türschwelle in den Gang zwischen den Umkleidekabinen. Auf der Treppe stürzte ich, rappelte mich mühsam wieder auf und humpelte weiter, bis ich die große Tür zur Halle vor mir aufstoßen konnte.

Im Türrahmen stockte ich. Er lag zusammengesunken mitten in der Halle, die Haltung seltsam gekrümmt, und rührte sich nicht. Ich spürte, wie meine Knie nachzugeben drohten. “Oh Gott, bitte nicht!” stammelte ich, während mir die letzten Meter zu ihm wie Meilen vorkamen. Neben ihm ließ ich mich auf die Knie sinken und streckte meine Hand nach ihm aus. Plötzlich hatte ich Angst, ihm schon durch meine Berührung noch mehr wehzutun. Meine Finger begannen unkontrolliert zu zittern, als ich ihm weinend die verklebten Haarsträhnen aus dem Gesicht schob. “Bill?” flüsterte ich schluchzend und rüttelte ihn vorsichtig an der Schulter.

Keine Reaktion. Mein Herz gefror zu Eis.


17. Kapitel


“Bill... Bitte... Du... Du musst aufwachen!” schluchzte ich und rüttelte ihn immer wieder an der Schulter. “Bitte... Bitte mach doch die Augen auf!” Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen und schnürte mir die Brust zu, ich konnte kaum noch sehen vor lauter Tränen. Fieberhaft tastete ich nach seinem Puls und hätte fast laut geschrieen, als ich nichts finden konnte. Meine Finger waren so taub, dass es ewig dauerte, bis ich die puckernde Stelle in der Halsbeuge spürte. Es war das schönste, was ich je gefühlt hatte und ich stieß einen erleichterten Schrei aus, als ich seinen Herzschlag endlich ertastet hatte. Etwas schwach zwar, aber vorhanden, er war nicht tot!

Hastig wischte ich mir die Augen und versuchte, mich zu beruhigen. Ich schob meine Hände unter seine Schultern und drehte ihn so behutsam ich konnte um, um seinen Kopf in meinen Schoß zu betten. Mit einer Hand strich ich ihm mechanisch das Haar aus dem Gesicht und streichelte seine Wange, während ich zitternd mit der anderen den zerrissenen Stoff seines Shirts auseinander schob. Ein gequälter Laut kam über meine Lippen, als ich seine Brust sah. Eine hässliche, tiefrote Brandwunde hatte sich in seine Haut gefressen und etliche Schnitte und blaue Flecke bedeckten ihn.

Ein jämmerliches Schluchzen schüttelte mich, während ich seinen Kopf an meine Brust drückte und uns hin und her wiegte. “Es wird alles wieder gut, es wird alles wieder gut, es wird alles wieder gut...” stammelte ich immer wieder vor mich hin. Der jaulende Feueralarm war inzwischen zu einer wummernden Hintergrundmusik geworden, die von allen Seiten auf mich einbrüllte. Mein Kopf war völlig hohl, was sollte ich nur tun? Wie konnte ich ihm helfen? Wie seine Schmerzen lindern?

Er bewegte sich schwach in meinen Armen. “Bill!” schrie ich und fasste sein Gesicht zwischen beide Hände. Seine Augenlider flatterten. Ganz langsam öffneten sie sich einen Spalt und ich hätte fast vor Freude und Erleichterung gejubelt. Sein Blick wirkte verschwommen, er schien mich gar nicht zu erkennen. “Oh Gott, Bill...”, stammelte ich und blinzelte mühsam die Tränen aus meinen Augen. Er versuchte kraftlos, sich aufzusetzen, sank aber sofort mit einem Schmerzenslaut wieder in meine Arme. “Schhhhh, bleib liegen”, bettelte ich, “ganz ruhig, bleib liegen, Hilfe ist unterwegs.”

Die Feuerwehr hätte längst da sein müssen, verdammt, wo blieben die bloß? Ich sprach immer weiter auf ihn ein, zusammenhangloses Zeug, ich fing sogar an, seinen Song für ihn zu singen, schräg und zittrig, während ich ihn weiter wie ein kleines Kind hin- und herwiegte. Schließlich hörte ich schwere Stiefel auf der Treppe, Hände fassten mich und zogen mich von Bill weg, wogegen ich mich schreiend zur Wehr zu setzen versuchte. Vor mir erschien das Gesicht eines Feuerwehrmanns, der mich sanft schüttelte und beschwichtigend auf mich einredete. “Beruhigen Sie sich, wir werden Ihnen helfen! Haben Sie gehört? Wir helfen Ihnen!”

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie ein weißgekleideter Sanitäter sich neben Bill niederließ und seine Augenlider nach oben schob. Dann gab er seinen Kollegen ein Zeichen und Bills Körper wurde auf eine Trage gehoben und aus meinem Blickfeld gebracht. Ich wollte ihm folgen, aber der Feuerwehrmann hielt mich zurück. “Bitte, ich will bei ihm bleiben”, flehte ich und hielt mich verzweifelt an den Armen des Mannes fest. Er warf einen fragenden Blick auf seine Kollegen. Dann nickte er, hakte mich unter und führte mich hinter den Sanitätern her aus der Halle. Draußen stand schon der Krankenwagen und das kreisende Licht auf dem Dach tauchte uns alle in gespenstisches oranges Leuchten. Meine Knie wurden weich und ich spürte grade noch, wie mich der Feuerwehrmann auffing, bevor eine gnädige dunkle Decke meine Gedanken einhüllte.


18. Kapitel


Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war. Hämmernde Kopfschmerzen blockierten meine Gedanken, aber ich hatte das verzweifelt bohrende Gefühl, dass ich jetzt nicht wieder einschlafen durfte, dass ich etwas tun musste... Und plötzlich brach es wieder über mich herein, tausend Bilder auf einmal zischten durch meinen Kopf: Grinsende Fratzen, die sich um Bill scharrten, seine zusammengekrümmte Gestalt auf dem Boden, sein verletzter Körper in meinen Armen...

Mit einem kleinen Schrei riss ich die Augen auf, fuhr entsetzt hoch - und fand mich in den Armen des Feuerwehrmanns, der mich gleichzeitig stütze und festhielt. “Ganz ruhig, Mädchen, es ist alles in Ordnung”, hörte ich seine tiefe, beruhigende Stimme. “Das war nur ein kleiner Schwächeanfall.” Wir saßen im Krankenwagen, ein nervtötendes Piepsen klang mir hohl in den Ohren. Benommen schüttelte ich den Kopf und sah den Feuerwehrler flehend an. “Nein, Sie verstehen nicht...” stammelte ich. “Er ist verletzt, Sie müssen ihm helfen!”

Er lächelte leicht und tätschelte begütigend meine Hand. “Beruhigen Sie sich, er kommt wieder in Ordnung. Sehen Sie!” Und damit zog er einen kleinen Vorhang beiseite, der das Innere des Krankenwagens in zwei Hälften teilte. Bill lag dahinter auf einer Trage, mit dem Gesicht von mir abgewandt. Sein Atem ging regelmäßig und ruhig. Das Piepsen stammte von einem Überwachungsgerät, das mit einem kleinen Fühler an seinen Finger angeschlossen war, ein Sanitäter war dabei, ein Kühlkissen auf seine Brust zu drücken. Vor Erleichterung, ihn lebendig zu sehen, brach ich fast in Tränen aus.

Plötzlich drehte Bill den Kopf. Seine Augen waren offen und richteten ihren Blick auf mich. Mein Herz setzte einen Schlag aus, ich habe mir nie so sehr gewünscht, einfach zu verschwinden. Den Ausdruck auf seinem Gesicht... Ich konnte ihn nicht deuten, er schien nur aus Augen zu bestehen, riesengroß und fast schwarz in seinem beinah durchscheinend blassen Gesicht. Ich spürte, wie mir die Tränen über die Wangen liefen, meine Unterlippe zitterte. “B-b-b-Bill...”, stotterte ich, als der Krankenwagen mit einem Ruck anhielt.

Sofort wurde die Tür geöffnet und zwei Sanitäter hoben die Trage heraus, bevor mir der Feuerwehrmann half, auszusteigen. Meine Beine fühlten sich wie Gummi an, ich musste mich an ihm festhalten, um nicht aufs Pflaster zu stürzen. Wie in Trance ließ ich mich ins Gebäude führen.


* * *

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich auf den Plastikstühlen im Gang saß. Irgendwann war ein Arzt vorbeigekommen, hatte einen kurzen Blick auf mich geworfen, meinen Puls gefühlt und mich gefragt, ob ich irgendwelche Verletzungen hatte. Ich hatte meine Stimme antworten hören, aber die Worte drangen kaum bis in mein Bewusstsein. Jetzt hockte ich hier und starrte blicklos in den Teebecher in meiner Hand, den eine mitfühlende Schwester mir gebracht hatte, während die Krankenhausbelegschaft geschäftig um mich herum über den Gang lief. Mehrmals hatte ich die Schwestern nach Bill gefragt, aber ich erntete nur abschätzige Blicke und immer die gleiche, kühle Antwort: Kein Mitglied der Familie, keine Auskunft.

Irgendwann spürte ich, dass mich jemand beobachtete. Ich blickte auf - und sah in Toms Gesicht. Er sah auf mich herunter mit soviel Verachtung im Blick, dass ich mich innerlich krümmte. Ein paar Sekunden betrachtete er mich stumm. “Sag mir nur eins, Amaris”, brachte er schließlich mühsam hervor. “Hast Du das alles geplant?” Ich konnte ihm nicht antworten, mein Blick brannte vor Tränen. Hilflos öffnete ich den Mund, aber es kam kein Ton heraus. Schließlich konnte ich nur nicken. Er warf mir einen letzten, angewiderten Blick zu, bevor er sich umdrehte und in einem Zimmer an Ende des Ganges verschwand.

Eine Hand berührte mich an der Schulter und ich fuhr erschrocken hoch. Es war die Schwester, die mir den Tee gebracht hatte. “Keine Angst, Kleines”, sagte sie gutmütig und ging neben mir in die Hocke. “Es ist halb so schlimm, wie es aussah. Er ist bewusstlos geworden, weil er einen ziemlich harten Schlag gegen den Kopf gekriegt hat, aber wahrscheinlich ist es nur eine kleine Gehirnerschütterung. Und die Wunden sind nur oberflächlich, schmerzhaft zwar, aber nicht gefährlich. Es wird ihn noch ein paar Tage zwicken und dann ist er wieder fit, wahrscheinlich kann er übermorgen schon wieder nachhause.” Sie lächelte mich liebenswürdig an und tätschelte meine Schulter. Ich schluchzte und drückte ihre Hand. “Danke...”, war alles was ich hervorbrachte. Sie nickte sanft und ließ mich allein.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und stand mühsam auf. Meine Beine lenkten mich automatisch zu dem Zimmer am Gangende, in dem Tom verschwunden war. Es war mit einer breiten Glasfront vom Flur abgetrennt und durch einen Spalt im Vorhang konnte ich ins Innere sehen. Bills Gestalt verschwand fast in den weißen Krankenhauslaken, er sah so dünn, verletzbar und zerbrechlich aus. Sein Bruder und seine Eltern saßen an seinem Bett. Die Mutter streichelte seine Hand und redete mit ihm, ihre Augen waren rotgerändert, aber um ihre Mundwinkel spielte schon wieder ein Lächeln.

Ich wandte mich ab. Ich fühlte nichts mehr, war leer, hohl, ausgebrannt. Langsam ging ich den Flur hinunter und zog die Jacke enger um meine Schultern, als ich aus der Tür in die Nacht trat. Ich wusste, was ich zu tun hatte.


19. Kapitel


ZWEI MONATE SPÄTER

Es war später Herbst geworden und bitter kalt. In den letzten Nächten hatte es stark gefroren und in den Regen, der jetzt schon seit Stunden herunterklatschte, mischten sich immer mehr Schneeflocken. Ich saß an meinem Schreibtisch in diesem winzigen kahlen Zimmer und beobachtete die dicken Tropfen, die an den Fensterscheiben herabrannen.

Meine Eltern hatten es nicht verstanden, aber ich hatte nicht locker gelassen und darauf bestanden, dass sie mich hierher ins Internat schickten. Die Schule galt als ausgezeichnetes Institut, wenn es um die Vorbereitung für die Universität ging, und dieses Argument hatte meine Eltern schließlich umgestimmt. Am Abend vor meiner Abreise hatte ich sie durch die offene Tür belauscht. “Es ist dieses widerliche Filmchen im Internet, deshalb will sie weg!” hatte mein Vater gepoltert. Aber meine Mutter hatte ihn nur stumm betrachtet und den Kopf geschüttelt. “Nein”, sagte sie ruhig. “Da ist noch etwas anderes.” Aber sie fragte mich nie und ich sagte kein Wort.

Ich hing wieder meinen Gedanken nach, obwohl sich vor mir die Arbeit türmte. Es war immer das gleiche Gesicht, das ich vor mir sah, in meinen Tagträumen und in der Nacht. Am Anfang hatte ich fast noch darauf gewartet, dass die Polizei mich abholen würde, aber die Tage waren vorbeigegangen ohne den geringsten Zwischenfall. Mein Tagesablauf war hier streng organisiert, Unterricht, Lerngruppen und betreute Hausaufgabensitzungen von früh bis spät, in der Freizeit warteten Referate, Hausarbeiten und endlose Lernerei.

Ich fügte mich, lief mit. Die anderen Mädchen hielten mich für merkwürdig. Ich hatte mit keiner wirklichen Kontakt, war grau und still und hielt mich im Hintergrund. Viele von den anderen waren sogenannte “schwere Fälle” und hinter meinem Rücken begann das Getuschel, was ich wohl ausgefressen hatte, um hier zu landen. Sie interessierten mich nicht, sie hatten keine Ahnung von meinen kleinen Abgründen und Träumen. Die gehörten nur mir und ich hatte das Gefühl, dass sie das einzige waren, das ich aus einem früheren Leben behalten hatte.

Bis dieser Brief von meiner besten Freundin kam. Sie schrieb von der Schule, von Lehrern und Schülern und wie sehr sie mich vermisste. Ich spürte einen kleinen Stich irgendwo in den Eingeweiden, aber es schien mich nicht mehr zu berühren, als wäre ich eine andere Person geworden. Aber plötzlich verschwammen die Zeilen vor meinen Augen.

“Gott, Amaris, du bist so dumm! Ihr alle beide!” stand da. “Ich kenne ja nur die Gerüchte, was genau in jener Nacht passiert ist und du erzählst mir ja nichts. Aber ich sehe, wie Bill hier über die Gänge schleicht und vor deinem Spind stehen bleibt, wenn er glaubt, keiner sieht es. Gestern kam er auf mich zu, aber kurz vor mir blieb er wie angewurzelt stehen und hat mich angestarrt wie eine Geistererscheinung. Dann hat er sich umgedreht und ist förmlich geflüchtet. Ich gehe jede Wette ein, dass er sich nach dir erkundigen wollte. Ich sage dir, Amaris: Dem Jungen liegt was an dir, und das ist mehr als so eine kleine Verknalltheit. Und du bist auch verrückt nach ihm, denkst du vielleicht, ich hätte das nicht schon lange gemerkt, bevor du verschwunden bist? All die kindischen Streiche und wie ihr euch auf dem Schulhof umkreist habt... Du bist dumm, Amaris! Und jetzt komm in die Hufe und tu was!!!”

Das Blatt rutschte mir aus den Händen. Ich fiel zur Seite auf mein Bett und weinte so heftig, dass es mich am ganzen Körper schüttelte. Alles brach aus mir heraus, all die verdrängten Gefühle der letzten Wochen. Ich schluchzte, bis ich keine Luft mehr bekam und mich hustend aufrichten musste. Und plötzlich lichtete sich der dämpfende Schleier, der in letzter Zeit meine Emotionen zugedeckt hatte. Ich sprang vom Bett hoch, schnappte meine Tasche und rannte aus dem Zimmer, den Gang hinunter und aus dem Gebäude.


20. Kapitel


Angestrengt spähte ich auf die Straße. Inzwischen war das Wetter so schlecht geworden, dass meine Scheibenwischer kaum noch die Massen an Schneeflocken wegschaufeln konnten, die auf die Windschutzscheibe rieselten. Die Autobahn war seit Stunden eine gefährliche Rutschbahn und außer mir waren nur wenige verrückt genug, sich auf den Asphalt zu wagen. Noch dazu mit Sommerreifen. Aber das kümmerte mich nicht. Die gespenstisch vorbeigleitenden Straßenschilder brachten mich immer mehr in Euphorie: Ich war auf dem Weg nach Hause und der Abstand zwischen mir und Bill verringerte sich von Sekunde zu Sekunde.

Zwischendurch schossen immer wieder die gleichen Zweifel durch mein Hirn: Was, wenn ich vor ihm stand und er wollte mich nicht sehen? Was, wenn meine Freundin sich geirrt hatte? Wenn er mir die Tür vor der Nase zuschlagen, mich anschreien oder sich verleugnen lassen würde? In solchen Momenten schloss sich eine kalte Faust um mein Herz und quetschte es mir in der Brust zusammen, aber ich schob die finsteren Gedanken beiseite und klammerte mich an die Hoffnung, die mich nicht mehr losgelassen hatte, seit ich den Brief von zuhause in der Hand gehalten hatte.

Endlich war sie da, endlich tauchte die richtige Ausfahrt vor mir auf und ich hätte fast einen Jubelschrei ausgestoßen. Nur noch 15 Kilometer! Ich war jetzt so aufgeregt, dass mein ganzer Körper prickelte und die Gänsehaut auf meinen Armen sich gar nicht mehr lichten wollte. Inzwischen war es dunkel geworden, kein Mensch war in diesem lebensfeindlichen Wetter unterwegs. Die Schneedecke auf der Straße war völlig unberührt, bis ich sie mit meinem Auto durchpflügte. In meinem Hochgefühl drückte ich auf´s Gas, ich wollte nur noch zu ihm, nur ankommen, nur hin. Ich bog um eine Kurve - und spürte plötzlich, wie das Heck des Autos ausscherte. Panisch packte ich das Lenkrad, versuchte, gegenzusteuern, trat auf die Bremse... Die Welt fing an, sich um mich herum zu drehen, immer schneller, immer wilder, bis ich nur noch schreiend die Arme über meinen Kopf hob. Und dann stand alles still.

Zögerlich nahm ich meine Hände vom Gesicht und spähte durch das Fenster. Mein Atem raste und mein Herz hämmerte zum Zerspringen. Zitternd öffnete ich die Tür. Ich hatte die Heizung voll aufgedreht und die Kälte schlug mir wie eine eisige Wand entgegen, es war wie ein Hammerschlag vor die Stirn. Ich war von der Straße in einen Acker geschlittert und hatte ein kleines Gebüsch niedergemäht, die großen Bäume darum herum aber zum Glück verfehlt. Einen Augenblick blieb ich stehen und lehnte meine Stirn gegen das eiskalte Blech. Der Kälteschock ernüchterte mich. Fröstelnd stieg ich wieder ein und drehte den Zündschlüssel. Nichts rührte sich. Ich versuchte es noch mal - nichts. “Verflucht, na komm schon!” fluchte ich und hieb wütend auf das Lenkrad. Aber es half nichts. Mein Auto gab keinen Mucks von sich.

In meinem Kopf rotierte es. So kurz vor dem Ziel - und jetzt sollte ich hier feststecken? Bills Gesicht tauchte wieder vor meinem inneren Auge auf, ich sah das kleine Lächeln um seine Mundwinkel und glaubte fast, seinen Duft zu riechen. Entschlossen packte ich meine Tasche, schloss meine Jacke bis zum Hals und warf die Autotür hinter mir zu. Ich stapfte zurück zur Straße und kletterte mühsam den Straßengraben hinauf. Oben angekommen, war meine dünne Hose schon völlig durchnässt. Ich zögerte kurz und warf einen sehnsüchtigen Blick zurück auf mein Auto. Dann machte ich mich auf den Weg.


21. Kapitel


Ich spürte meine Füße nicht mehr, meine bequemen Stoffschuhe waren längst mit meinen Zehen zu Eisklumpen verschmolzen. In den Schnee hatte sich eisiger Regen gemischt, der mir schneidend ins Gesicht klatschte, während ich mich verbissen vorwärts kämpfte. Die Kälte war mir in jede Pore gekrochen, nistete sich in meinen Knochen ein und ließ mir den Atem schon in der Kehle gefrieren. Es war stockfinster, kein Mensch begegnete mir, niemand sah mich. Einen Augenblick überfiel mich Panik, ich fühlte mich von Dunkelheit und Eis verschluckt, aber ich kämpfte das Gefühl nieder, straffte mich und ging mühsam weiter.

Langsam fiel es mir schwer, klar zu denken, ich wusste kaum noch, wo ich war und wie weit ich gekommen war. Meine Knie knackten bei jedem Schritt - und brachen plötzlich unter mir weg. Aufschreiend fiel ich in den Schnee und blieb einen Moment benommen liegen. Ich versuchte, mir Bills Gesicht in Erinnerung zu rufen, aber seine Züge verschwammen in einem Nebel aus wirbelnden Schneeflocken. “Oh nein, ich gebe hier nicht auf!” stieß ich hervor. “Los, hoch!” Mühsam stemmte ich mich auf die Beine und schleppte mich weiter. Meter für Meter.

Irgendwann tauchten Lichter vor mir auf und ein neues Hochgefühl brandete durch meine Glieder. Ich versuchte, schneller zu gehen, aber ich kam nur ins Rutschen und stürzte schwer in den Schnee. Ich rappelte mich auf und strebte auf die Lichter zu. Zu Bill.


* * *

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, bis ich endlich vor dem Haus stand. Ich spürte meinen Körper schon lange nicht mehr, alles an mir war erstarrt und kalt. Bis auf meine Gedanken, die kleine Stromstöße über meinen Rücken jagten und mich aufrecht hielten. Ich legte meine Hand auf das Gartentor und strich über den eisigen Stahl. Es fühlte sich echt an, ich war wirklich da! Nur noch wenige Meter trennten mich von der Haustür und den heimeligen Lichtern im Inneren.

Zitternd streckte ich die Hand nach der Klingel aus - und verharrte davor. Ich hatte Angst. Ich hatte so entsetzliche Angst. Und gleichzeitig war ich berauscht von der Vorstellung, ihn gleich wiederzusehen. Entschlossen drückte ich auf den Knopf und ein melodischer dunkler Ton wurde laut. Es dauerte quälende Sekunden, bis im Flur hinter der Tür Licht anging und ich durch das milchige Glas sah, wie sich eine Gestalt näherte. Ich hielt den Atem an. Gleich. Gleich!

Tom riss die Tür auf. Sein Gesicht wirkte verärgert, wahrscheinlich hatte ich ihn aus seinem gemütlichen Sofa hochgescheucht. Zuerst schien er mich nicht zu erkennen und mir wurde siedend heiß bewusst, wie ich aussehen musste, mein Haar verklebt mit dicken Eisklumpen, die Lippen blau und die Augen angeschwollen von der Kälte, zitternd und kaum noch in der Lage, meine klappernden Zähne unter Kontrolle zu behalten. Er starrte mich ungläubig an und eine Sekunde dachte ich, er würde die Tür vor meiner Nase zuschlagen. Aber dann glitt ein listiger Ausdruck über sein Gesicht und ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. “Na, das ist aber eine Überraschung!” sagte er schließlich und machte eine einladende Geste ins Innere des Hauses. “Dann komm mal rein.”

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Dass Tom mich nicht draußen hatte stehen lassen, ließ mein Herz hüpfen. Wenn sogar er mir vergeben hatte, konnte jetzt doch nur noch alles gut werden. Tom ging vor mir her und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Am Ende des Flures öffnete er eine Tür einen Spalt breit und winkte mich heran. Mit einem Lächeln im Gesicht machte er mir Platz und mit zittrigen Fingern schob ich die Tür weiter auf.

Bill lag auf dem Bett. Er hatte sich auf den Bauch gerollt und schlief, sein Oberkörper war nackt und die Decke bis zu den Hüften heruntergerutscht. Das Haar war ihm über die Augen gefallen und sein Gesicht sah so glatt und so friedlich aus, dass ich lächeln musste. Ich betrachtete ihn und ein nie gekanntes warmes Gefühl durchströmte mich, das alle Kälte wegwischte. Und dann bewegte sich die Bettdecke.

Eine feingliedrige Hand tauchte darunter auf und glitt über Bills Körper. Ich sah dunkles Haar, das ein zartes Gesicht umrahmte. Das Mädchen war wunderschön. Jünger als ich, ihre sanften Locken fielen über Bills Rücken, als sie mit den Lippen ihrer Hand folgte und sich mit kleinen Küssen bis zu seinem Nacken vortastete. Bill seufzte leise im Schlaf und kuschelte sich an sie, entspannt und friedlich.

Um mich herum wurde die Welt grau. Ich hörte Tom leise lachen, während ich das Gefühl hatte, das alles um mich herum zerbrach. “Du hast doch nicht allen Ernstes geglaubt, dass er auf dich warten würde”, flüsterte er mir ins Ohr. “Er hat dich längst vergessen.” Ich wandte den Kopf und sah Tom an, als würde ich ihn das erste Mal sehen. Seine Augen blitzten befriedigt und das Lächeln um seine Lippen schnitt mir tief ins Herz. Wie in Trance wich ich vor ihm zurück. Er brauchte nichts mehr zu sagen. Alles war vorbei. Ich hatte verloren. Alles verloren.

Blind stürzte ich aus der Tür, den Gartenweg hinunter und hinaus ins Schneegestöber. Ich rannte. Stürzte. Rappelte mich wieder auf und taumelte weiter, während die heißen Tränen auf meinem Gesicht mit den Schneeflocken verschmolzen. Es mögen Stunden gewesen sein oder auch nur Minuten, bevor ich wieder hinfiel und nicht mehr die Kraft fand, aufzustehen. Es war egal, es spielte keine Rolle mehr, ob ich hier erfror oder weiterging. Ich hatte kein Ziel mehr, keine Kraft, keine Hoffnung. Ich blieb einfach liegen und schloss die Augen.


22. Kapitel


Ich schwebte. Die Kälte hatte sich in bleischwere Müdigkeit gewandelt. Ich fror nicht mehr, die schneeweiße blendende Welt um mich herum war nur noch ein sanftes Gleiten. Irgendwo in meinem Hinterkopf nagte etwas an mir, ein störender kleiner Gedanke, der mich zwingen wollte, aufzustehen, aber ich schob ihn ärgerlich beiseite. Diese Welt war friedlich, umfing mich mit offenen Armen, erschreckte und verletzte mich nicht. Fast hätte ich gelächelt.

Etwas störte. Ein widerliches Geräusch, gefolgt von einem Brennen in der Wange. Ärgerlich runzelte ich die Stirn, versuchte es wegzuwischen. Gang langsam sickerte die Stimme in mein Bewusstsein. “Aufwachen, Mädchen! Los, mach die Augen auf! Herrgott, willst Du hier erfrieren?” Widerwillig öffnete ich die Augen und sah ein altes Gesicht vor mir, von Runzeln durchzogen und umrahmt von schütterem grauen Haar, das unter einer Mütze herauslugte. Der Mann klatschte mir wieder auf die Wange und rüttelte mich, dass mir die Zähne aufeinanderschlugen. Dann schüttelte er den Kopf, packte mich unter die Achseln und hievte mich wie einen Mehlsack auf seine Schulter. Ich wollte protestieren, aber es kam nur ein raues Krächzen aus meinem Hals.

“Jaja, schon gut”, grummelte der Mann. Ich wurde über eine Türschwelle getragen und plötzlich umfing mich helles Licht. Ich stöhnte leise, als mir Wärme wie eine Wattewand entgegenschlug. Der Mann legte mich auf einem Sofa ab und ging neben mir in die Knie. “Da hast du aber Glück gehabt, dass ich noch mit dem Hund rausmusste, Mädchen”, sagte er und betrachtete mich zögernd. Ich muss ihn völlig verständnislos angeglotzt haben, denn plötzlich lachte er und breitete eine Decke über mich. “Wie heißt du?” fragte er mich. “Wohnst du in der Gegend?” Als ich nicht antwortete, fing er an, meine Tasche zu durchsuchen. Im ersten Moment dachte ich, er wolle mich beklauen. Aber dann griff er mit meinem Ausweis in der Hand zum Telefon. Ich hörte ihn im Hintergrund sprechen, während ich mich seufzend in die Kissen drückte und mich wieder meinem glücklichen Dämmerzustand überließ.


* * *

“Amaris?” Die Stimme kam mir bekannt vor und neugierig öffnete ich die Augen. Das Gesicht meines Vaters schwebte mit einem besorgten Ausdruck über mir. “Papa!” krächzte ich und wollte mich aufrichten, aber ich hatte keine Kraft. Er strich mir kopfschüttelnd das Haar aus der Stirn. “Amaris, was machst Du bloss?” schalt er mich sanft und hob mich auf seine Arme.


* * *

Ich hustete. Mein Hals war inzwischen so rau, dass jeder Atemzug schmerzte. Meine gebrauchten Taschentücher verteilte ich zentnerweise um mein Bett, aber meine Mutter räumte sie immer wieder klaglos weg und folterte mich dafür mit ganzen Kannen Kamillentees. Beinah stündlich erschien sie mit dem Fieberthermometer und mit den Antibiotika, die mir der Arzt verschrieben hatte. Der hatte mir eine lange Standpauke gehalten und mir eindringlich klargemacht, wie nah ich an abgefrorenen Gliedern und einer fetten Lungenentzündung vorbeigeschlittert war.

Jetzt, nach mehr als einer Woche, in der ich mein Bett kaum verlassen hatte, ging es mir besser. Jedenfalls äußerlich. Meinen Eltern hatte ich eine dünne Ausrede aufgetischt: Heimweh, von der Straße abgekommen, im Dunklen verlaufen. Mein Vater hatte sich damit zufrieden gegeben, mein Auto abschleppen lassen und nicht weiter gefragt, aber in den Augen meiner Mutter sah ich, dass sie mir nicht glaubte.

Wenn ich allein war, weinte ich. Ich wollte nicht gesund werden, wollte mich hier vergraben, wollte einfach verlöschen. Mein Herz war viel kälter geworden als es jenes Schneegestöber je hätte sein können. Ich schlief keine Nacht aus Angst vor den Träumen. Denn dann sah ich das Gesicht des schönen Mädchens, sah wie ihre Lippen über Bills Haut tasteten und wie er sich wohlig seufzend in ihren Armen ausstreckte, während ich auf der Türschwelle festgefroren war, den Mund zu einem mit Eiszapfen verklebten, stummen Schrei geöffnet. Auch tagsüber konnte ich die Bilder nicht abschütteln. Sie verfolgten mich. Immer, mit jedem Atemzug.

Eines Morgens kam mein Vater in mein Zimmer und betrachtete mich lange. “Wie geht es dir?” fragte er dann gedehnt. Ich beäugte ihn misstrauisch. “Gut, danke”, antwortete ich vorsichtig, meine Stimme war noch immer heiser und verzerrt. Er nickte. “Schön. Wir müssen darüber reden, wie es jetzt weitergeht, Amaris.” Er machte eine Pause und strich mit den Fingerspitzen über meine Wange. Dann straffte er sich. “Es ist klar, dass du nicht mehr ins Internat zurückgehst. Statt dessen habe ich dich wieder in deiner alten Schule angemeldet. Ab Montag wirst du wieder hingehen. Und es gibt keine Diskussion.” Damit drehte er sich um und ließ mich mit klopfendem Herzen und mit Aufruhr im Kopf zurück.


23. Kapitel


Meine Knie zitterten. Vor mir ragte die Schule auf wie eine mittelalterliche Burg, die ich erobern musste - ganz allein. Hilflos sah ich über die Schulter zu meinem Vater, der mich im Auto hergefahren hatte und mir jetzt einen aufmunternden Blick zuwarf. Ich hatte ihn gebeten, geradezu angebettelt, mich nicht mehr herzuschicken, aber er war hart geblieben und hatte mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich keine Wahl hatte.

Ich straffte mich und schluckte meine Angst hinunter. “Sei kein Feigling!” raunte ich mir selbst zu und ging mit hocherhobenem Kopf durch den Haupteingang. Die Köpfe, die sich neugierig nach mir umdrehten, ignorierte ich, ich hatte nichts anderes erwartet. Ich setzte eine unbeteiligte Miene auf und schlug den direkten Weg durch die Pausenhalle ein. Aber ich kam nur wenige Meter weit.

Bill stand oben an der Treppe, mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt. Sein Gesicht wirkte verträumt, so als wäre er tief in Gedanken. Ich konnte nicht anders als stehen zu bleiben und ihn anzustarren. Fast hätte ich mich wieder umgedreht und wäre aus der Schule geflüchtet, ich wollte ihm nicht unter die Augen treten, ich konnte nicht, noch nicht. Gleichzeitig ärgerte ich mich maßlos über mich selbst. Was war nur aus mir geworden? Er war doch nicht der erste Junge in meinem Leben...

Und dann sah ich sie. Sie war sogar noch hübscher, als ich sie aus jener Nacht in Erinnerung hatte. Sie war zierlich und den gebührenden halben Kopf kleiner als er, mit schokobraunen Haaren und Augen, vollen Lippen und feiner Haut. Sie war grazil. Sie war anmutig. Ich wollte sie erwürgen!

Ein Eiswürfel schien mein Rückgrat herunterzurutschen und eine Gänsehaut glitt über meinen ganzen Körper. Sie ging lächelnd auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals. Für einen Augenblick blieb er still stehen und ließ zu, dass sie sich an ihn schmiegte, bevor er ihr etwas ins Ohr flüsterte und sie an sich zog. Dann lachte er, vergrub seine Nase in ihrem Haar - und erstarrte, als sein Blick über ihre Schulter auf mich fiel. Ich fühlte mich ertappt, spürte sofort, wie mir Röte in die Wangen stieg. Einen Augenblick schienen all die Gestalten um uns herum zu verschwimmen und ein dicker Kloß steckte mir in der Kehle, so dass ich fast fürchtete, weinend am Fuß der Treppe zusammenzubrechen.

Aber der Moment ging vorüber. Langsam stieg ich die Treppe hinauf, verzweifelt bemüht, ihn nicht anzusehen. Und dabei kam ich mir schäbig und feige vor.


* * *

Sportstunde. Ich war noch nicht völlig wieder hergestellt, deshalb saß ich auf den Bänken an der Seite der Halle und hing meinen Gedanken nach. Während sich die anderen beim Basketball abrackerten, starrte ich auf den Hallenboden. Ich sah Bill vor mir, wie er dort gelegen hatte, ich sah mich selbst, wie ich neben ihm kniete, sah, wie die Sanitäter ihn wegtrugen...

“Amaris, ich rede mit dir!” polterte die ungehaltene Stimme der Sportlehrerin in meine Gedanken. “Bist du denn immer noch mit dem Kopf in den Wolken?” Abschätzig musterte sie mich. “Ich dachte, die Wochen im Internat hätten dir gut getan!” “Und ich dachte, es hätte Ihnen gut getan, eine Zeitlang andere Schüler zu quälen als mich!” gab ich gereizt zurück. Drohend trat sie näher und stieß mir ihren Zeigefinger gegen die Brust. “Glaub ja nicht, dass du hier Mätzchen machen kannst, Fräulein! Du hast Glück, überhaupt wieder hier sein zu dürfen! Und jetzt gehst du runter in den Materialraum und holst die roten Mannschaftsbinden, aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!” Damit warf sie mir ihren Schlüssel zu, drehte sich brüsk um und brüllte weiter ihre Kommandos in die Halle.


* * *


Wütend kramte ich in dem Regal herum. Die Luft hier drinnen roch abgestanden und muffig, das winzige Räumchen war vollgestopft mit Kisten und Kartons voller alter Trikots und kaputter Bälle, in einer Ecke hatte man aufgeplatzte Sportmatten aufgestapelt. “Was denkt die sich eigentlich?” schimpfte ich vor mich hin, während ich mich angewidert durch staubige Schachteln wühlte. “Ich bin doch nicht ihre Sklavin, wenn ich die erwische...”

“Hast du deinen Durst auf Rache immer noch nicht verloren?”
Ich erstarrte. Diese Stimme... Mit weit aufgerissenen Augen richtete ich mich auf und sah Bill entsetzt an, wie er da in der Tür stand und mich ruhig betrachtete. Da war keine Wut und keine Abscheu in seinem Blick. Wie damals im Krankenwagen konnte ich seinen Gesichtsausdruck einfach nicht deuten. Ich konnte nur dastehen und versuchen, die Fassung zu bewahren, während sich in meinem Kopf die Gedanken überschlugen.

Bill warf einen kurzen Blick über die Schulter in den Gang. Dann machte er einen Schritt auf mich zu und schloss die Tür.


24. Kapitel


Mein Herz machte einen schmerzvollen Satz, als er plötzlich so nah vor mir stand. Ich hatte Angst ihn anzusehen, ich fürchtete mich davor, dass er den gleichen angewiderten Blick in den Augen haben könnte wie Tom, damals auf dem Krankenhausflur. Soweit ich konnte wich ich vor ihm zurück, wie ein Tier in der Falle, bis ich mit den Kniekehlen gegen den Mattenstapel stieß. Kurz überlegte ich sogar, ob ich ihn einfach zur Seite schubsen, die Tür aufreißen und weglaufen sollte, aber meine Beine bewegten sich keinen Zentimeter.

“Du... Du warst lange weg”, sagte er zögerlich. Bills Stimme klang irgendwie verändert, als wäre er in den vergangenen Wochen viel älter geworden. “Wie geht es dir?” Vorsichtig sah ich auf. Seine Augen waren aufmerksam auf mich gerichtet, aber ich konnte keinen Vorwurf darin entdecken. “Ich... Ich war ein bisschen... Ähm...”, stammelte ich, aber ich brachte den Satz nicht zuende. Ich fragte mich, ob er überhaupt wusste, was im Schneesturms geschehen war. Ich fragte mich, ob Tom ihm überhaupt davon erzählt hatte. Ich straffte mich. “Danke, mir geht es gut.” Dabei hätte ich doch viel lieber gewusst, wie es IHM ging. Ob die Verletzungen, die ihm damals zugefügt worden waren, Narben hinterlassen hatten. Warum er mich nicht angezeigt hatte. Und ob er mich wirklich vergessen hatte.

Er räusperte sich, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen - und ein freudiger kleiner Stich durchfuhr mich. Er war nervös! Unwillkürlich ging mein Atem schneller. “Ich wusste nicht, was mit dir ist”, stieß er impulsiv hervor und machte einen kleinen Schritt auf mich zu. Unschlüssig blieb er vor mir stehen, seine Hände öffneten und schlossen sich fahrig. “Ich... Ich habe jetzt Louisa”, sagte er schließlich und seine Stimme klang fast entschuldigend, während ich heftig zusammenzuckte. “Sie ist...” Hilflos schüttelte er den Kopf. “Sie ist anders als du. Sie ist sanft. Sie ist lieb. Sie tut mir gut.” Jedes Wort fuhr wie ein Messer in meine Eingeweide. Ich schluckte hart, um nicht in Tränen auszubrechen. Ein kleines, beinah verzweifeltes Lächeln lag um seinen Mund, als er mich ansah. “Sie ist glatt. Sie hat keine Kanten, keine Überraschungen, keine Abgründe. Sie würde alles für mich tun.” Würde sie auch mitten in der Nacht fast im Schnee für dich erfrieren? Die Stimme in meinem Kopf schrie so laut, dass ich fast überzeugt war, er müsse sie hören.

Er hob den Blick - und plötzlich waren seine Augen traurig. “Warum bist du einfach verschwunden, Amaris?” fragte er so leise, dass ich seine Stimme kaum hören konnte. “War es dir denn völlig egal, was aus mir wird?” Es dauerte einen Moment, bis seine Worte in mein Bewusstsein sickerten. Das war es also. Das war es, was er von mir dachte. Und konnte mich das wundern? Ich hatte mich eiskalt verhalten, hatte ihn ins offene Messer rennen lassen und war dann ohne ein Wort verschwunden. “Es... Es tut mir leid”, stammelte ich, während ich spürte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Erschrocken presste ich die Hand vor den Mund, nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen! Aber das Schluchzen drängte sich mit Macht aus mir heraus, ich konnte es nicht aufhalten. Fast hätte ich mich in seine Arme geworfen. Aber dann drängelte ich mich nur an ihm vorbei zur Tür, wollte raus, wollte weg.

Er fasste meine Hand, als ich gerade die Türklinke aufdrücken wollte. Seine Berührung elektrisierte mich. Behutsam legte er mir die Hand auf die Wange und zwang mich, ihn anzusehen. “Es hätte nicht so kommen müssen, Amaris”, sagte er eindringlich und senkte seinen Blick in meine Augen. “Du weißt das. Und ich weiß es auch.” Für einen kleinen, verrückten, fast euphorischen Moment glaubte ich, er würde mich küssen. Ich konnte seine Lippen schon förmlich auf meinen spüren.

Aber dann öffnete er nur die Tür und ließ mich allein, das erwartungsvolle Prickeln noch auf den Lippen.


25. Kapitel


Ich beobachtete sie aus halb geschlossenen Lider aus dem Schatten heraus. Sie war perfekt, genau wie er gesagt hatte. Sie war Sonnenschein und Sanftmut. Sie war so hübsch mit ihren dunklen Locken, dass ich mir mit meinem blonden Haar vorkam wie der vergessene, verschlissene Rauschgoldengel oben am Weihnachtsbaum neben einer Elfe. Sie lachte immerzu, sie war freundlich, sie war hilfsbereit und sie war obendrein auch noch so sympathisch, dass ich mir nicht einmal selber einreden konnte, was für eine dumme Kuh sie doch sei!

Vergeblich hoffte ich darauf, dass sie nur ein einziges Mal mit ihren schmalen, hochhackigen Schuhchen stolpern und wie ein gestutzter Adler die Treppe heruntersegeln würde, dass ihr Haar einmal strähnig sein, ihr dezentes Make-Up verrutschen oder sie wenigstens einen winzigen Pickel in ihrem makellosen Gesicht haben würde. Ich konnte es kaum ertragen. Und da war noch etwas, was beinah ebenso sehr an mir nagte wie der Anblick, sie ihre grazilen Arme anmutig um Bill schlingen zu sehen: Sie hatte meinen Posten bei der Schülerzeitung! Wo ich herrisch wie eine Diktatorin die Fäden gezogen hatte, regierte sie als Chefradakteurin mit weicher Hand, verteilte Plüsch- und Kuschelthemen, schrieb ausgewogen, zurückhaltend und liebevoll. Gott, wie ich sie hasste!!


* * *


Frustriert saß ich in der Cafeteria und knabberte lustlos schon an meinem zweiten Schokoriegel. Der Vormittag war an mir vorbeigeflossen, ohne dass ich auch nur ein Wort dessen, was im Unterricht gesagt wurde, hätte wiederholen können. Meine Gedanken waren zu voll von den Ereignissen der letzten Wochen und ich marterte mich selbst immer wieder mit der Frage, was ich hätte anders machen müssen, wo ich noch hätte umdrehen können und wie zum Teufel ich jemals gegen die perfekte Louisa bestehen sollte. Genervt schmiss ich die Reste des Schokoriegels auf den Tisch. Es war hoffnungslos!

Gerade wollte ich meine Tasche nehmen und mir den Rest des Tages freinehmen, als die Tür aufging. Ihr perlendes kultiviertes Lachen erkannte ich sofort. Zum Glück saß ich ganz hinten in der Ecke und duckte mich instinktiv hinter den mit Grünpflanzen überwucherten Raumteiler. “Oh, das wäre so wundervoll!” jubelte sie, fasste ihre Freundin an den Händen und tanzte mit ihr durch den Raum. Lachend ließen sich die beiden auf die Bank gleich vor der Abtrennung fallen, so dass ich mich erschrocken in die Ecke zurückzog und durch die Blätter zu ihnen herüberspähte. “Ich hätte nie gedacht, dass sie mich nehmen würden”, erzählte sie ihrer Freundin aufgeregt, genau die richtige Spur freudiger Röte auf den Wangen. “Die Ballettschule ist mein Traum, seit ich denken kann. Das Vortanzen lief so großartig, dass ich es selber kaum glauben konnte!” Angestrengt spitzte ich die Ohren, um ja kein Wort zu verpassen.

Louisa sank mit einem kleinen Seufzer gegen die Rückenlehne. “Aber leider wird es nicht klappen”, sagte sie enttäuscht und ich konnte förmlich hören, wie sie mit ihren langen Wimpern klapperte. “Meine Eltern lassen mich ohne Schulabschluss nie soweit weg. Und außerdem”, fügte sie, schon wieder fröhlich, hinzu, “müsste ich dann weg von Bill.” Ich hätte fast gefaucht! Aber im letzten Augenblick riss ich mich zusammen. Mit einem Blick auf die Uhr stand Louisa auf und zog ihre Freundin mit sich. “Komm, wir müssen wieder in den Unterricht. Und das mit der Ballettschule muss denn eben noch warten, bis ich hier den Abschluss in der Tasche habe. Vorher würden mich meine Eltern höchsten gehen lassen, wenn sie mich hier rausschmeißen.” Damit hakte sie ihre Freundin unter und lachend und plaudernd machten sie sich auf den Weg in ihre Klassen.


Atemlos kam ich hinter dem Raumteiler hervor. Ich konnte kaum glauben, was ich da gehört hatte. Louisa wollte auf eine Ballettschule? Weg von hier? Weg von Bill, der dann wieder frei sein würde, um... Einen Augenblick blieb ich bewegungslos stehen und ließ Louisas Worte sacken. Und dann lächelte ich. Es fühlte sich an wie das erste echte Lächeln, das ich seit Wochen zustandebrachte. Und ich spürte, wie sich die so lange eingerasteten Zahnräder in meinem Kopf mit einem fast hörbaren Knacken wieder in Bewegung setzten und anfingen, einen Plan in mein Bewusstsein zu schaufeln. Wenn es Louisa glücklich machen würde, von der Schule zu fliegen - dann würde ich ihr helfen.


26. Kapitel


Der Schulhof war brechend voll. Ich suchte mir einen Platz ganz hinten und lehnte mich entspannt gegen das Treppengeländer. Die Lehrer liefen durcheinander wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen, während der Direx mit geschwellter Brust durch die Gänge schritt und sich vor Stolz kaum noch beherrschen konnte. Eigentlich hätte es mein großer Tag sein sollen. Schließlich hatte ich länger als ein halbes Jahr dafür gearbeitet, dass die Debatte über das Bildungssystem zwischen den Leitern von fünf Schulen bei uns stattfinden würde. Ich hatte Infomappen vorbereitet, die Schulen angeschrieben und mit hunderten von Sekretärinnen, Vorzimmerdamen und anderen hochwichtigen Menschen über Termine und Zeitpläne verhandelt, mit der Presse Kontakt aufgenommen und etliche Telefonate mit Redakteuren geführt. Und als Chefredakteurin unserer Schulzeitung hätte ich auch als Moderatorin durch den Tag führen sollen. Aber diese Aufgabe war ja nun jemand anderem zugefallen.

Bisher machte Louisa ihre Aufgabe nicht schlecht, das musste ich ihr lassen. Sie hatte die Delegationen von Lehrern und Schülern aus den Gastschulen geschickt von ihrer Mannschaft auf dem Schulhof verteilen lassen, hatte jedem freundlich und bestimmt gesagt, wann er wo was zu tun hatte und den Herren Direktoren mit dem strahlendsten aller Lächeln die Zeitpläne für ihre Statements und die anschließende Diskussion überreicht. Sie selbst stand am Fuß der Bühne, schüttelte Hände, zeigte den VIPs ihre Plätze, war eitel Sonne und Charme in ihrem eleganten Röckchen und dem passenden Oberteil. Ich beobachtete sie aus dem Schatten und spürte nicht zum ersten Mal diesen fiesen, kleinen Stich der Eifersucht. Und gleichzeitig freute ich mich auf das Finale.

Immer wieder glitt mein Blick zu Bill. Mit seiner auffälligen schwarzen Frisur war er in der Menge der Köpfe nicht schwer zu entdecken. Es saß weit vorne und ich registrierte frustriert, dass Louisa ihm immer wieder kleine Kusshändchen zuwarf, die er mit sanftem Lächeln quittierte. Einen Augenblick fragte ich mich, wie er wohl reagieren würde, aber ich schüttelte den Gedanken schnell wieder ab. Ich hatte mich entschlossen, um ihn zu kämpfen. Und jetzt würde ich nicht mehr kehrtmachen.

Langsam hatten die Schulleiter auf der Bühne platzgenommen, die Journalisten in der ersten Reihe ihre Schreibblöcke gezückt und die Schüler sich mehr oder weniger gelangweilt auf dem Schulhof verteilt. Ich hatte mir einen Platz gesucht, von dem aus ich sowohl die Bühne als auch das Steuerpult an ihrem Rand im Auge behalten konnte. Ich nahm kurz Augenkontakt mit meinem kleinen Hacker-Freund auf, der die Computer-Anlage bediente. Er zwinkerte mir schnell zu und hob unauffällig den Daumen nach oben. Zufrieden lehnte ich mich an die Säule in meinem Rücken und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hatte nichts weiter zu tun als abzuwarten.

Und schon trat Louisa ans Rednerpult. Sie lächelte ihr dezentes Gewinnerlächeln, legte ihr Redekonzept auf dem Pult ab und winkte die Menge distinguiert zur Ruhe. “Liebe Gäste, liebes Direktorium, liebe Schüler”, begann sie ihre Einführung mit samtweicher Stimme und mehr als ein Junge auf dem Schulhof starrte sie mit offenem Mund an. Ich suchte Bills Gesicht. Aber er stand im Schatten, den Ausdruck in seinen Zügen konnte ich nicht erkennen. Louisa war inzwischen bei der Vorstellung der Gäste angekommen und gab dem Computerteam dezent Zeichen, die Porträts der Diskussionsteilnehmer per Beamer auf die Leinwand im Bühnenhintergrund einzublenden.

Plötzlich brandete Gelächter auf. Hälse wurden gereckt, ausgestreckte Finger zeigten auf die Bühne. “Määäääääh!!!”, brüllten die ersten und andere stimmten begeistert mit ein, bis sich der ganze Schulhof in eine blökende Schafherde verwandelt zu haben schien. Der Direktor war aufgesprungen und gestikulierte wild auf der Bühne herum. Er schrie etwas und seine Stimme überschlug sich fast. Irritiert wandte Louisa den Kopf - und mit diabolischer Freude beobachtete ich, wie ihr zum ersten Mal ihre perfekten Gesichtszüge entgleisten.

Die Leinwand zierte ein riesiges Porträt von unserem Direktor Gnadenlos von der letzten Faschingsfeier im Lehrerzimmer, als der Abend schon weiter fortgeschritten und die Stimmung gelöster geworden war. Sein Gesicht war rot verquollen, die Backen knallrot über einem idiotischen Grinsen gebläht. Um seinen Hals hingen Luftschlangen und Konfetti bedeckte seine Schultern. Sein Kopf war eingepackt in eine wollig-plüschige Mütze mit kuscheligen Öhrchen, die das Schäfchen-Kostüm perfekt machten. Das schönste aber war der knallrote BH, den er sich umgeschnallt hatte und ihn obszön in die Kamera reckte.

Jetzt stand er auf der Bühne und brüllte wie am Spieß. Aber mein kleiner Freund am Computertisch hob nur verständnislos die Achseln. Zu dumm, dass das Programm grade jetzt nicht reagierte. Und während der ganze Schulhof in brüllendes Gelächter getaucht war, brach Louisa fast in Tränen aus. Schnell suchte ich Bills Gesicht in dem Wall erhobener Hände und hochgereckter Köpfe, konnte ihn aber nirgends entdecken. Ich beschloss, die Folter zu beenden, nickte meinem Computerfreund unauffällig zu - und die Leinwand wurde wieder unschuldig weiß und glatt.


27. Kapitel


Man hörte das Geschrei bis auf den Flur. Direktor Gnadenlos hatte sich so in Rage gebrüllt, dass mir die arme Louisa beinah leid tat. Trotzdem konnte ich mir das boshafte Grinsen nicht verkneifen. Ich hatte mich in dem kurzen Gang zischen Lehrer- und Direktorzimmer hinter dem Aktenschrank versteckt und lauschte mit teuflischem Vergnügen der Standpauke. “...Frechheit!! ... nie von dir gedacht ... bis auf die Knochen blamiert!! ... “ dröhnte die Stimme vom Direx über den Gang. Und wenn ich ganz genau hinhörte, bildete ich mir sogar ein, Louisas kleinlaute Antworten zu hören. Ich kicherte leise in mich hinein. Ich fand, die Chancen standen ziemlich gut, dass sie jetzt doch noch ziemlich bald auf ihre Ballettschule würde gehen können. Und ich hätte dann wieder freie Bahn...

“Wieso hab ich bloß geahnt, dass ich dich hier finden würde?” raunte plötzlich eine Stimme in mein Ohr. Erschrocken fuhr ich mit einem spitzen Aufschrei herum und blickte genau in Bills Gesicht. Mit gekreuzten Armen stand er hinter mir und tippte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Boden. Sein Gesicht war unbewegt und ich versuchte verzweifelt, an seiner Miene zu erkennen, was er dachte. “Ich... Ähm... Ich wollte nur... Wollte nur...”, stammelte ich.

“...nur dabei sein, wie deine kleine Gemeinheit ausgeht?” vollendete er den Satz mit gesenkter Stimme. Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Er beugte sich vor, bis sich unsere Nasenspitzen fast berührten. “Weißt du, was man früher mit Mädchen wie dir gemacht hat?” fragte er ruhig. Ich schluckte und schüttelte eilig den Kopf. “Man hat sie über´s Knie gelegt und ihnen ordentlich den Hintern versohlt!” blaffte er mich an. “Und das werde ich jetzt auch mit dir machen!” Und damit schnappte er meine Hand und zog mich hinter sich her über den Gang.


* * *

Im ersten Moment war ich zu überrascht, um zu begreifen, was er da gesagt hatte und stolperte einfach hinter ihm her, während er mich mit erstaunlich festem Griff um mein Handgelenk über den Flur bugsierte. Aber dann fing ich an, mich zu sträuben und an seiner Hand zu zerren. “Bill!!” zischte ich ihn an. “Lass mich los, das kann ja wohl nicht dein Ernst sein!” Er blieb stehen und blickte mich kühl an ohne mich loszulassen. “Es liegt bei dir, Amaris”, belehrte er mich nachsichtig. “Du kannst jetzt mitkommen ohne Mätzchen oder du machst mir hier auf dem Gang eine Szene. Und dann weißt du ja selber, wie lange es dauert, bis der Direx das mitbekommt und Lunte riecht.” Ich starrte ihn perplex an. Meinte er das ernst?? Er lächelte. “Wusste ich doch, dass man vernünftig mit dir reden kann. Und jetzt komm.”

Er führte mich die Seitentreppe hinunter und am Rand der Pausenhalle entlang bis zu den Abstellräumen. Ich wusste, dass die Schulbands hier einen Raum hatten, wo sie Instrumente unterbringen und nach Schulschluss proben konnten, aber ich war noch nie hier gewesen. Bill nestelte einen Schlüssel aus der Hosentasche, öffnete die Tür und schubste mich unsanft hinein. Dann verschloss er sorgfältig die Tür und ließ den Schlüssel wieder verschwinden. Das Zimmer war klein und spartanisch eingerichtet, nur zwei Stühle, eine Couch und ein nackter Tisch standen darin. Ich versuchte, ihn böse anzustarren, während ich mir vorwurfsvoll das Handgelenk rieb. “Du machst wohl Witze”, sagte ich schließlich lahm und zeigte auf die Tür. “Mach auf, ich will raus.”

Er schüttelte den Kopf. “Du kommst erst raus, wenn ich mit dir fertig bin.” Und damit kam er mit raubtierartigem Gesichtsausdruck näher. Ich musste lachen. “Bill, mach dich nicht lächerlich! Du kannst vielleicht die kleine, zarte Louisa erschrecken. Aber ich haue dich quer durch den ganzen Raum, wenn´s sein muss!” Er grinste. “Na, dann versuch´s doch!” sagte er ruhig. “Bill, ich meine das ernst, ich wehre mich!” drohte ich ihm und wich weiter zurück. “Dann komm doch”, forderte er mich heraus.

Inzwischen umkreisten wir uns wie zwei Tiger im Käfig. Ich maß ihn vorsichtig mit Blicken von unten bis oben und schätzte meine Chancen ab, ihn zu Boden zu werfen, den Schlüssel aus seiner Tasche zu klauen und durch die Tür zu verschwinden, bevor er mich erwischte. Er lachte. “Versuch´s gar nicht erst!” Und plötzlich kam er mit einem Satz auf mich zu. Ich schrie auf und sprang rasch zur Seite, so dass er mich um Haaresbreite verfehlte. Aber er fasste sich sofort wieder, setzte mir nach - und bekam mich an der Taille zu fassen, als ich gerade versuchte, hinter dem Sofa in Deckung zu gehen. Wir verloren das Gleichgewicht und fielen über- und durcheinander auf die verschlissene Sitzfläche. Wild fing ich an zu zappeln, aber er kniete sich über mich, schnappte meine Hände und drückte sie zu meiner großen Verblüffung über meinem Kopf in die Polster. Er hockte über mir, sein Gesicht war nur Zentimeter von meinem entfernt. Ich atmete schwer und wand mich unter ihm, aber es half nichts. Und ich konnte einfach nicht anders, als seine Lippen anzustarren.


28. Kapitel


Einige Sekunden betrachtete er mich reglos, so nah über mich gebeugt, dass seine stachlige Haarsträhne meine Wange berührte und ich seinen Atem spüren konnte. Sofort richteten sich die kleinen Härchen in meinem Nacken auf und eine Gänsehaut kletterte über meinen Rücken. Da war so ein aufgeregtes Blitzen in seinen Augen, dass ich nicht richtig einordnen konnte. Probeweise versucht ich, mich loszumachen, aber er schüttelte nur belustigt den Kopf und hielt meine Hände weiter fest. “Was... Was hast du vor?” fragte ich atemlos. Es grinste leicht. “Das hab ich dir doch gesagt. Ich werde dich über´s Knie legen.” Ich schnaubte. “Hah, das machst du doch sowieso nicht.” Er betrachtete mich mit einer hochgezogenen Augenbraue. “Und warum zitterst du dann?”

Ertappt riss ich die Augen auf. “Ich... Ich... Ähm”, antwortete ich wenig souverän.
“Aha”, machte er und rutschte noch ein wenig dichter an mich heran. “Und wolltest du mich nicht eben noch quer durchs Zimmer hauen?” Seinen Körper so nah zu spüren, seine warme Haut, sein Duft - das machte mich völlig verrückt, ich brachte kein Wort heraus. Er lehnte sich vor und streifte mit den Lippen ganz zart mein Ohr. “Du musst doch zugeben, dass du eine Tracht Prügel wirklich verdient hättest... Oder?” Sofort schoss mir wieder das Blut in die Wangen. “Schließlich hast du dich nicht gerade sehr nett verhalten.” Er knabberte so leicht an meinem Ohrläppchen, dass es mich fast verrückt machte, aber ich konnte immer noch nicht meine Hände befreien. Ich hörte sein leises Lachen an meinem Hals. “Nanu? Habe ich da vielleicht was gefunden, mit dem ich dich noch viel besser quälen kann?” neckte er mich und streifte mit dem Mund meinen Hals herunter, bevor er sich leicht aufrichtete und mich ansah. “Lass es mich versuchen”, sagte er leise und kam quälend langsam näher.

Unsere Lippen streiften sich nur ganz sacht, bevor er sich schon wieder zurückzog und ich fast frustriert gestöhnt hätte. Mein ganzer Körper prickelte inzwischen und ich hatte jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben. “Sieh an”, lächelte er. “Du kannst ja doch ganz lieb sein.” Und endlich, endlich, endlich, senkte er seine Lippen auf meine, sanft und forschend zuerst, dann immer hungriger. Seufzend schmiegte ich mich an ihn und genoss die kleinen Stromstöße, die seine Berührungen durch meinen Körper schickten. Irgendwann ließ er meine Hände los, so dass ich die Arme um in schlingen und ihn an mich ziehen konnte. Es fühlte sich merkwürdig an, ihn nach so langer Zeit endlich wirklich bei mir zu haben und fast zögerlich tastete ich über seinen Rücken. Ich konnte es kaum glauben, dass er wirklich da war.


* * *


Plötzlich hob Bill den Kopf und schaute sich verstört um. Ich hatte das störende Geräusch auch gehört, es war ein scheußliches metallisches Kreischen - und noch bevor ich aus den Augenwinkeln sah, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde, wusste ich, was es war. Während wir beide wie hypnotisierte Kaninchen im Lichtkegel eines Autos reglos zur Tür starrten, schwang sie langsam auf und milchiges Licht aus dem Flur schob sich in den Raum.

“Natürlich kannst Du hier warten”, hörte ich eine gedämpfte Stimme. “Beruhige dich erst mal, ich suche Bill, keine Ahnung, wo der sich wieder rumtreibt.” Und schon stand Tom im Raum, eine ziemlich derangierte Louisa untergehakt. Eigentlich hätte mich ihr Anblick freuen müssen, wie sie mit rotgeschwollenen Augen und verschmiertem Make-Up dastand. Aber ich spürte nur, wie Bill über mir erstarrte und mir ein kalter Schreck in die Glieder fuhr.

Tom starrte uns mit aufgerissenen Augen an, während Louisa die zierliche Hand vor den Mund geschlagen hatte. Kurz durchzuckte mich der Gedanke, wie sie uns wohl gefunden hätten, wenn sie nur ein paar Minuten später gekommen wären. Bill richtete sich ruckhaft auf und riss die Hände von mir weg, als hätte er sich verbrannt, was mir einen schmerzlichen Stich versetzte. Louisa schluchzte kurz auf, bevor sie sich umdrehte und aus dem Zimmer flüchtete. Bill sprang auf und warf einen so geschockten Blick auf mich, dass ich fast aufgeheult hätte. Dann fuhr er sich hastig durchs Haar und rannte ihr nach, aus der Tür, aus meinem Blickfeld.

Benommen stand ich auf. Fühlte mich verlassen. Verraten. Zurückgelassen. Tom stand immer noch in der Tür und betrachtete mich hasserfüllt. Ich konnte diesen Blick nicht ertragen. Mit gesenktem Kopf wollte ich an ihm vorbei aus dem Zimmer gehen, aber er packte mich am Arm und schleuderte mich unsanft gegen die Wand. Dann baute er sich drohend vor mir auf, stütze seine Hand neben meinem Kopf an die Wand und starrte mich böse an. “Was glaubst du eigentlich, wer du bist?” zischte er mich an. “Wie oft willst du ihm denn noch das Herz brechen, du Hexe?” Ich öffnete den Mund um zu antworten, aber er schnitt mir mit einer herrischen Geste das Wort ab. “Sei still, ich will nichts hören!” Sein Blick ließ es mir eiskalt werden. “Ich werde dir das alles heimzahlen, hörst du? Du kriegst alles zurück, Amaris! Alles!” Mit einem wütenden Schnauben stieß er sich von der Wand ab, rauschte aus dem Zimmer und ließ mich mit klopfendem Herzen verstört zurück.


29. Kapitel


Atemlos blieb ich mit dem Rücken an die Wand gelehnt stehen. Toms Drohung ging mir näher, als ich erwartet hätte. Wie sollte ich es jemals schaffen, Bill für mich zu erobern, wenn Tom sich querstellte? Tom, der Zwillingsbruder, der engste Vertraute, der beste Freund? Und konnte ich ihm wirklich übel nehmen, dass er mich hasste? Einen kurzen Moment glomm Ärger in mir auf. Schließlich war ich seinetwegen um haaresbreite im Schnee erfroren. Aber meine Gefühle waren zu aufgewühlt, um mich an diesen Zorn zu klammern. Statt dessen stiegen mir gegen meinen Willen Tränen in die Augen. Ich drückte mich mit dem Rücken an die Wand, ließ mich langsam daran herunter gleiten, schlang die Arme um die Knie und weinte leise vor mich hin. Es war alles schiefgelaufen.

Für ein paar Minuten blieb ich so sitzen und versuchte, mich wieder zu beruhigen. Und langsam kam die Wut wieder. Ich spürte sie als fiesen kleinen Funken irgendwo tief in meinen Hirnwindungen, spürte wie sie mein Rückgrat hochkroch und meine Augen bösartig auflodern ließ. Ich würde mir doch nicht von so einem Rasta-Männchen die Tour vermasseln lassen. Wenn er Krieg wollte - bitte sehr, der kleine Scheißer würde sich wundern! Geräuschvoll zog ich die Nase hoch und wischte mir mit dem Ärmel über die Augen.

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung neben mir und fuhr hoch, als mir jemand von hinten über das Haar strich. Bill hockte neben mir und sah mich mit seinen unergründlichen Augen an, eine Hand vorsichtig nach mir ausgestreckt. “Geht´s wieder?” fragte er leise, in seiner Stimme schwang etwas mit, das mich berührte. Aber ich zwang mich, ihn kühl anzusehen. “Wie lange stehst du schon da?” fragte ich abgehakt. Beschämt senkte er den Blick.

“Lange genug.” Behutsam wischte er mir eine Strähne aus dem Gesicht, aber ich schob seine Hand weg. “Wo ist denn Louisa?” fragte ich brüsk. “Wo ist deine perfekte Freundin, die so lieb, so sanft und so gut für dich ist?” schleuderte ich ihm entgegen, während ich auf die Füße sprang. Er richtete sich auf und betrachtete mich stirnrunzelnd. Und plötzlich breitete mich zu meiner großen Überraschung ein breites Grinsen über sein Gesicht aus. “Du bist eifersüchtig!” sagte er mir auf den Kopf zu. Er lachte leise, kam auf mich zu und griff nach mir. Aber ich schlug seine Hände fauchend weg, was ihn noch mehr zum Lachen brachte. “Amaris, hör auf”, lächelte er - und für einen wahnwitzigen Moment glaubte ich, ein liebevolles Funkeln in seinen Augen zu sehen. “Du musst dein Temperament nur einen Augenblick zügeln und mir zuhören.”

“Damit du mir wieder erklären kannst, wie toll sie ist?” zischte ich. “Wie glatt und... Und...” Ich fuchtelte hilflos mit den Händen in der Luft herum. “Ach, ich weiß gar nicht, wie ich diese... diese Perfektion beschreiben soll!!” Meine Stimme war immer lauter geworden, aber Bill schien immer heiterer zu werden. Das brachte mich fast zur Raserei. Lachte er mich aus?? “Du... du bist verrückt geworden!!” brüllte ich ihn an und stürmte an ihm vorbei aus der Tür. Ich hörte sein perlendes Lachen in meinem Rücken. “Du BIST eifersüchtig!” rief er mir nach, bevor ich die Tür zur Pausenhalle hinter mir zuknallen konnte.


* * *


Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mich an den Aufräumarbeiten in der Schule zu beteiligen. Die Stühle aus den Sitzreihen aufstapeln, die Bühne, die Anlage und die Leinwand abbauen und die Dekorationen entfernen - es gab genug zu tun und ich reagierte mich damit ab, unschuldige Holzstühle aufeinanderzuknallen oder Papierdekorationen zu zerfetzen. Zwischendrin stand Direktor Gnadenlos und erteilte Befehle, um sein angeknackstes Selbstbewusstsein wieder aufzurichten. Ausnahmsweise machte es mir nichts aus, herumgescheucht zu werden. Ich war dankbar für die Beschäftigung, während ich mir abwechselnd vorstellte, wie ich meine Hände um die Hälse von Tom, Bill und sogar Louisa legte und kräftig zudrückte. Mit boshaftem Grinsen stapelte ich drei Stühle auf einmal aufeinander, trat noch einmal kräftig dagegen - und konnte gerade noch mit einem Aufschrei zur Seite springen, als der ganze Stapel mir mit kolossalem Scheppern vor die Füße fiel.

“AMARIS!!” donnerte die Stimme des Direx. “Bist du von allen guten Geistern verlassen??” Er stand vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt, und normalerweise hätte mich dieser Anblick eingeschüchtert. Aber ich war gerade viel zu geladen. “Ich bin kein Architekt, was kann ich dafür, wenn hier alles schief und krumm ist?” fauchte ich ihn an und erntete ein perplexes Gesicht - zumindest für einen Augenblick. “Du.... nimmst jetzt die Sackkarre... und fährst die Stühle in den Keller.” Seine Stimme war schneidend und kalt. “Und wag es nicht zu widersprechen! Ich bin nicht gerade bester Laune!!” Damit drehte er sich um und stampfte davon.


* * *

Es war gar nicht so einfach, die aufgestapelten Stühle die schmale Rampe zu den Kellerräumen herunterzubugsieren. Unterwegs musste ich mehrmals anhalten, um den schiefen Turm am Kippen zu hindern. Als ich endlich im Abstellraum angekommen war, war ich außer Atem und völlig verschwitzt. Fluchend fing ich an, die Stühle abzuladen, knallte sie unsanft in die Ecke und schimpfte vor mich hin. “Männer!!” zischte ich. “Alle auf den Mond schießen, die bringen nichts als Ärger.”

Plötzlich hörte ich leise Pfiffe hinter mir. “Nana, Baby, was sind denn das für Reden?” sagte eine tiefe Stimme. Erschrocken drehte ich mich um. Ein halbes Dutzend Jungs aus dem Abi-Jahrgang stand in der Tür. Bei ihren Blicken wurde mir heiß und kalt, sie betrachteten mich wie ein Stück Fleisch. Entschlossen richtete ich mich auf und schluckte meinen Schreck herunter. “Seid ihr gekommen, um mir zu helfen? Dann steht da nicht so dumm rum.”

Ein großer, blonder Junge mit einem hübschen Gesicht, aber eiskaltem Lächeln machte einen Schritt auf mich zu. “Oh ja, Baby, wir werden dir helfen, aber anders als du denkst.” Kurzes Gelächter wurde laut. “Was soll das heißen?” fragte ich misstrauisch und sah mich instinktiv nach einem Fluchtweg um. Der Blonde gab einem anderen lässig ein Zeichen und die Tür wurde geschlossen. Sofort fing mein Herz wild an zu klopfen. Was wollten die bloß von mir? “Weißt du”, erklärte mir der Blonde und kam näher, “ein kleines Vögelchen hat uns gezwitschert, dass es da ein wundervolles kleines Filmchen von dir gibt.” Er grinste, als er sah, wie ich bleich wurde. Nacheinander bauten sich die Jungs vor mir auf und schienen mich mit ihren Blicken geradezu zu verschlingen, während ich wie gelähmt dastand. “Und jetzt sind wir gekommen, um zu sehen, ob du in Natura auch so... leidenschaftlich bist.”


30. Kapitel


“Was... Was soll der Scheiß?” fragte ich erschrocken und blickte in lauter grinsende Gesichter. Der Blonde kam mit einem kalten Glitzern in den Augen noch näher. “Na komm, hab dich nicht so”, feixte er und streckte die Hand nach meinem Ausschnitt aus. Knallend schlug ich sie weg und gedämpftes Gejohle wurde laut. “Hui, Temperament, die Kleine!” Beifälliges Gemurmel. “Komm schon, zeig mal was du hast!” Der Typ warf seinen Kumpanen einen triumphierenden Blick über die Schulter zu baute sich direkt vor mir auf.

Ich versuchte, mir meine Angst nicht anmerken zu lassen und zwang mich, nicht zurückzuweichen. In meinem Kopf rotierte es. Denk nach, Amaris, denk nach, denk nach. Gerate jetzt um Himmels Willen nicht in Panik! “Wag es, mich anzufassen, und es wird dir leid tun!” fauchte ich ihn an. “Wooooh!” heulte die Meute und der Blonde trat mit boshaftem Grinsen ganz nah an mich heran, streckte den Zeigefinger aus und stupste mir damit demonstrativ auf die Nase. “So Baby”, griente er, “jetzt hab ich dich angefasst... Und nun?”

Ich schluckte schwer - und spürte plötzlich die aufgestapelten Stühle in den Kniekehlen. Ich wusste ja aus eigener Erfahrung, wie instabil dieser Turm war - und eine Idee blitze in meinem Hirn auf. “Das klappt nie!“ raunte eine Stimme in meinem Kopf. Aber ich sah keine andere Chance, und kampflos ergeben würde ich mich sicher nicht! Nicht mit mir, ihr Schweine! schrie es in mir. Da habt ihr euch die Falsche ausgesucht! Entschlossen kämpfte ich die Panik nieder, die mich eben noch zu ergreifen gedroht hatte.

Mühsam zwang ich mich zu einem lasziven Lächeln und ließ meinen Blick scheinbar lässig über den Körper der Jungs gleiten. “Ich mag Jungs, die rangehen.” Ich versuchte, meine Stimme rauchig und verrucht klingen zu lassen, während mir insgeheim kalter Ekel über den Rücken kroch. Verblüfft blinzelte der Blonde mich an. Dann breitete sich ein geiles Grinsen über sein ganzes Gesicht aus und er drehte sich begeistert zu seinen Kumpels um: “Ich hab euch doch gesagt, das Babe ist heiß!” Er erntete zustimmendes Johlen.

Ganz langsam, die Meute nicht aus den Augen lassend, setzte ich mich nah an der Wand auf einen der Stühle, die ich noch nicht aufgebaut hatte. Dann schlug ich betont lasziv die Beine übereinander und wippte scheinbar einladend mit dem Fuß. Dabei schielte ich unauffällig zur Tür, schätze den Abstand ein und registrierte mit einem freudigen, kleinen Adrenalinstoß, dass sie in ihrer notgeilen Aufregung den Schlüssel von außen stecken lassen hatten. “Kommt näher, Jungs”, forderte ich mit betont tiefer Stimme und warf den Typen einen Blick unter halb gesenkten Augenlidern zu. Inzwischen waren alle meine Sinne bis zum Anschlag geschärft, das Blut schien in meinen Adern zu kochen, ich spürte die harte raue Sitzfläche des Stuhls und ihre gierigen Blicke, saurer Schweißgeruch stieg mir in die Nase und gespannt aufgerissene Münder schienen mich zu umgeben. Wie junge Hunde kamen sie näher und um die beste Sicht auf mich zu haben, nahmen sie dicht aneinandergedrängt Aufstellung- direkt unter dem Stuhlberg. Ich lächelte. “Männer”, sagte ich ruhig. “so leicht zu manipulieren.” Der Anführer glotzte mich verständnislos an. “Äh... Wie bitte?”

Mein Lächeln wurde ein Spur breiter. “Noch näher, Jungs.” Alle beugten sich erwartungsvoll vor - und BANG!! Ein einziger gezielter Tritt hatte genügt, den Stühlestapel zum Einsturz zu bringen. Ich hörte überraschte Aufschreie, sah aus den Augenwinkeln, wie die Kerle kreischend auseinanderspritzten und sich mit über den Kopf erhobenen Armen gegen die herabpolternden Sitzmöbel zu schützen. Ich nutze den Augenblick der Verwirrung, sprang auf und spurtete zur Tür, während ich mein Handy zückte.

Im Türrahmen wirbelte ich herum, schickte in Gedanken ein blitzartiges Stoßgebet für Fotohandys gen Himmel und richtete die Linse auf das Chaos im Raum und die sich verdattert nach mir umdrehenden Köpfe. “Lächeln, Jungs!” forderte ich sie auf und drückte ab. Leider hatte ich keine Zeit, mich an den verdutzten Gesichtern zu weiden. Ich schaffte es gerade noch, die Tür zuzuknallen und von außen abzuschließen, bevor die ersten Fäuste wütend dagegen hämmerten. Erleichtert lehnte ich mich mit dem Rücken an den Rahmen. Meine Knie waren plötzlich wo weich, dass ich fast zu Boden gegangen wäre, aber ich beruhigte mich und zwang mich, ruhig zu atmen. Ich ließ den Jungs kurz Zeit auf die Tür einzudreschen und festzustellen, dass sie sie nicht würden öffnen können. “So, meine Lieben”, brüllte ich dann durch die geschlossene Tür. “Ich kann das Foto sofort per E-Mail an die Schulleitung schicken, mit dem Hinweis, dass ihr hier im Keller randaliert. Macht sich ein paar Wochen vor dem Abi sicher gut!” Sofort wurde es still in dem Zimmer. “Oder ihr könnt Euch entschließen, mir einen kleinen Gefallen zu tun. Es gibt da nämlich ein kleines, zwitscherndes Vögelchen, mit dem ich ein Hühnchen zu rupfen habe.”

Zuerst herrschte Stille. Dann hörte ich geraunte Worte, vor meinem geistigen Augen konnte ich sie geradezu sehen, wie sie wie die Ringmannschaft eines angeschlagenen Boxers die Köpfe zusammensteckten. Mit klopfendem Herzen wartete ich, bis eine Stimme zögerlich antwortete: “Okay. Was willst Du?”


31. Kapitel


“Und du versprichst mir wirklich, dass du das Foto aus deinem Handy löschen wirst, wenn wir... wenn wir das machen?” Misstrauisch betrachtete der Blonde zuerst mein Gesicht, dann den Inhalt der Tüte, die ich ihm in die Hand gedrückt hatte. Genervt verdrehte ich die Augen. “Ja doch, das ist der Deal, du wirst mir da einfach vertrauen müssen.” Als ich seinen argwöhnischen Blick sah, konnte ich nicht widerstehen . Ich trat ganz dicht an ihn heran und setzte mein bösestes Gesicht auf. “Aber ich rate dir, mich nicht zu verscheißern!” drohte ich ihm mit heiserer Stimme. “Ich nagele dich und die anderen Blödmänner schneller öffentlich ans Kreuz, als du kucken kannst, die notgeiler kleiner Wichtigtuer!” Seine Augen waren zu meiner Belustigung immer größer geworden. Er schluckte hart und nickte schließlich eifrig. “Du... Du kannst dich auf uns verlassen, Amaris, es wird alles nach Plan laufen!”

Ich nickte gnädig und scheuchte ihn schließlich mit einer herrischen Handbewegung weg. Er konnte gar nicht schnell genug die Treppe hinunter verschwinden. Boshaft lachte ich in mich hinein. Er musste ja nicht wissen, dass ich das hübsche, entlarvende Foto längst in mein Laptop übertragen hatte und es ohne mit der Wimper zu zucken sofort an Direktor Gnadenlos schicken würde, wenn mich einer dieser Wichte auch nur auf dem Schulhof schief ansah.

Als ich mich umdrehte und mich auf den Weg in meine Klasse machte, überfiel mich ganz kurz ein schlechtes Gewissen. “Bist du sicher, dass du das Richtige tust?” raunte es in meinem Kopf. Ich stockte und versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken, wie Bill das alles finden würde. Ich hatte zwar den richtigen Tag abgepasst, an dem er und seine Klasse auf der Exkursion ins Museum waren, aber früher oder später würde er es doch erfahren. Entschlossen schüttelte ich den Gedanken ab. “Angriff ist die beste Verteidigung!” sagte ich mir selbst, straffte die Schultern und malte mir genüsslich das Highlight des Tages aus, während ich über den Gang zum Unterricht schlenderte.


* * *


Ich hatte schon den ganzen Tag kaum etwas vom Unterricht mitbekommen, aber je näher es auf elf Uhr zuging, umso hibbeliger wurde ich. Die Lehrerin beäugte mich misstrauisch. “Na gut, Amaris, dann geh mal an die Tafel, wenn du soviel überschüssige Energie hast.” Seufzend erhob ich mich und schlurfte nach vorne, wobei ich vergeblich versuchte, mich auf die mathematischen Formeln zu konzentrieren, die an die Tafel gekritzelt dastanden. Plötzlich knackte es in dem Lautsprecher über meinem Kopf. “Tom Kaulitz, bitte umgehend ins Sekretariat, ein dringender Anruf!” quäkte die Stimme der Sekretärin aus der Box und ein heißer Stich durchfuhr mich. Es hatte angefangen!!

Kopfschüttelnd blickte die Lehrerin zu dem wieder verstummten Lautsprecher auf und gab mir einen Stups. “Los, Amaris, weiter! Du bist doch nicht Tom Kaulitz, oder?” Ich lächelte leicht vor mich hin. “Nein...”, flüsterte ich. “Zum Glück nicht.”


* * *


Quälend langsam vergingen die Minuten. Ich war eigentlich ganz gut in Mathe, aber an der Tafel hatte ich kläglich versagt und mir eine üble Standpauke eingefangen. Normalerweise hätte mich das aufgeregt, aber heute berührte mich das gar nicht. Ich knetete meine schweißnassen Hände, während ich immer wieder auf meine Uhr schielte. Verflucht, wie lange dauerte das denn???

Plötzlich zerriss ein heulender Ton die Stille im Klassenzimmer. Über Bücher gebeugte Köpfe ruckten hoch, Stühle wurden gerückt und Hälse verrenkt. “Feueralarm!”, krähte jemand, und sofort standen alle auf und schoben Richtung Tür, wo die Mathelehrerin schon Aufstellung genommen hatte und energisch in die Hände klatschte. “Okay, Leute, alles raus auf den Schulhof!” kommandierte sie. Eine Aufforderung, der ich nur zu gern nachkam.

Im Pulk mit den anderen lief ich die Treppen hinunter und durch die Glastüren auf den Schulhof. Draußen empfingen uns schon tumultartige Zustände. Die Masse der Schüler wogte um den Baum in der Mitte des Hofes, die Hinteren schoben immer weiter nach, während die Lehrer alle Hände voll zu tun hatten, die Ordnung zu bewahren. “Booooaaaah, das gibt´s ja nicht!” “Kuckt euch das mal an!” Ich hörte die Schreie durch das immer wilder werdende Gelächter und ein heißes Triumphgefühl durchbrandete mich. Rücksichtslos setzte ich die Ellenbogen ein, um mich bis vorne durchzukämpfen, ich wollte es sehen!!!

Es dauerte lange, bis ich mich durch die grölenden Massen vorgearbeitet hatte, ich musste etliche Rippenstöße und derbe Flüche einstecken, aber das störte mich wenig. Der Anblick, der sich mir bot, entschädigte mich für vieles: Tom stand da mit weit aufgerissenen Augen, die Hände hinter seinem Rücken an den dünnen Stamm des Baumes gebunden. Er war halbnackt, trug nur einen knallroten BH, ein rotes Höschen und sündigrote Strapse mit passenden Strümpfen und hochhackigen Schuhen. Groteskes blaues Make-up war um seine Augen verschmiert und in seinem Mund steckte ein hübsch zusammengeknülltes Strumpfband. Über seinem Kopf hing ein großes Pappschild, das mit leuchtendroten Lettern verkündete: “Die Sachen anderer Leute stehen mir nicht!”

Während Tom verzweifelt an seinen Fesseln ruckte und sich vor all den neugierigen Blicken zu verstecken versuchte, stand ich ruhig lächelnd in der ersten Reihe und betrachtete ihn genüsslich. Schließlich begannen sich die Massen zu lichten, die Lehrer brüllten Kommandos und beeilten sich, die Schüler wieder zurück ins Gebäude zu schaufeln. Bevor auch ich mich ihnen anschloss, ging ich ganz nah an Tom vorbei und streichelte diskret seine Wange. “Man soll sich eben nicht in die Angelegenheiten Anderer einmischen”, zwinkerte ich, hauchte ihm ein Kusshändchen zu und überließ ihn den aufgeregten Lehrern, die ihn sicher bald aus seiner misslichen Lage befreien würden.


32. Kapitel


Der Rest des Tages floss an mir vorbei, ohne dass ich viel davon mitbekommen hätte. Tom war DAS Thema, alle Gesprächsfetzen, die ich auf dem Gang, in den Klassen oder auf dem Hof mitbekam, drehten sich um ihn. “Der hat vielleicht ausgesehen!” “Boah, ich wär’ ja gestorben vor Peinlichkeit!” “Ich würde mich nie wieder aus dem Haus trauen!” Anfangs grinste ich noch bei jedem fiesem Spruch, jede kleine Gemeinheit, die ich aufschnappte, ging mir runter wie Öl. Aber irgendwann fing mein Gewissen an, sich zu regen. War ich zu weit gegangen?

Auf der Mädchentoilette schmiss ich meine Sachen in die Ecke und spritze mir ausgiebig kaltes Wasser ins Gesicht. Ich musste wieder einen klaren Kopf bekommen und betrachtete mein Gesicht im Spiegel. Blitzlichtartig tauchte Bills Spiegelbild vor meinem geistigen Auge auf, ich sah und spürte förmlich, wie seine weichen Lippen über meine Haut strichen, hörte sein perliges Lachen... Benommen schüttelte ich den Kopf, als eine boshafte kleine Stimme in meinem Hinterkopf sich meldete: “Na, hoffentlich hast du dir das jetzt nicht ein für alle Mal verdorben...”

Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich mich und wischte mir einen Wassertropfen von der Oberlippe. “Du kannst nicht ewig so weitermachen!” sagte ich mir selbst ins Gesicht. Entschlossen packte ich meinen Kram und machte mich auf die Suche nach Tom. Ich musste die Sache mit ihm ins Reine bringen.


* * *


Ich hatte schon eine ganze Weile in der Tür gestanden und ihn beobachtet. Tom saß mit untergeschlagenen Beinen in dem kleinen Probenraum im Keller der Schule und hieb auf seine Gitarre ein, als wäre das arme Ding an allem schuld. Irgendwie amüsierte mich der Gedanke, dass er sich wahrscheinlich gerade vorstellte, nicht sein Instrument, sondern mich zu quälen. Inzwischen hatte er sich natürlich wieder angezogen, nur noch seine Gesichtsfarbe erinnerte an den “roten” Zwischenfall.

Ich räusperte mich. “Wusste ich doch, dass ich dich hier finden würde.” Sein Kopf ruckte so abrupt hoch, dass seine Rastas ihm in einem wilden Bogen um den Kopf flogen. Einen Augenblick stierte er mich aus kugelrunden Augen an. Dann pfefferte er seine Gitarre in die Polster des alten Sofas, sprang auf die Füße und stürmte wütend auf mich zu. “Du miese, hinterhältige...” fauchte er, aber ich schubste ihn ungerührt in den Raum zurück und stolzierte an ihm vorbei, wobei ich mit dem Fuß die Tür zuzog. Es sah mich an, als wollte er sich auf mich stürzen, und unwillkürlich zuckte das Bild von Bill durch meinen Kopf, wie er damals - vor Lichtjahren! - vor der Jungstoilette gestanden und geschäumt hatte vor Wut, weil ich seinen Haarlack gegen Kunstschnee-Spray ausgetauscht hatte. Mühsam verbiss ich mir das Lächeln und maß Tom mit einem kühlen Blick.

“Wir müssen uns unterhalten”, sagte ich knapp, setzte mich auf das Sofa und schlug die Beine übereinander. “Und in Sachen Hinterhältigkeit schenken wir uns ja beide nichts. Oder?” Sein Gesicht lief puterrot an und sein Mund klappte ein paar Mal wie bei einem Fisch auf und zu. “Das... das fasse ich jetzt nicht”, schnappte er. “Wie kannst Du einfach hier reingeschneit kommen und so tun als ob nichts passiert wäre? Wie eiskalt BIST DU EIGENTLICH?” brüllte er.

Mühsam presste ich die Kiefer zusammen, um nicht aus der Haut zu fahren. “Du redest von Eiseskälte?” drückte ich durch die Zähne. “Schließlich hast du mir diese Typen im Keller auf den Hals gehetzt!” Sein Gesicht wechselte die Farbe und wurde aschfahl. “Ist es nicht so?” hakte ich nach. “Was dachtest du, was die da unten mit mir machen? Mühle spielen vielleicht oder ein nettes Teestündchen?” Er blinzelte erschrocken. “Die... Die sollten dich nur ein bisschen erschrecken! Die hätten dir nie was...”

“Wie naiv bist du eigentlich?” brüllte ich ihn an. “Diese Schweine wollten über mich herfallen!! Und da wunderst du dich, dass ich dir das heimzahle?” In Toms Gesicht arbeitete es, ich konnte förmlich sehen, wie sich die Zahnräder hinter seiner Stirn knirschend verharkten. “Du... Du hast Bill zusammenschlagen lassen und ihm das Herz gebrochen!” schleuderte er mir entgegen. “Du hattest eine Abreibung verdient!”

Ich hatte es satt. Ich sprang auf und drückte Tom geradewegs an die Wand. “Jetzt hör mir gut zu, ich sage das nur einmal”, warnte ich ihn eindringlich. “Ich bin diese ewigen Schuldzuweisungen leid. Wir können dieses Spielchen ewig weitertreiben, und du kannst dir sicher sein, dass mein - wie nanntest du es? - mieses kleines Intrigantenhirn noch so manche Gemeinheit ausbrüten kann.” Ich durchbohrte ihn mit meinem Blick und beobachtete, wie meine Worte in sein Bewusstsein sickerten. “Oder”, fuhr ich fort und trat einen kleinen Schritt zurück, “wir verhalten uns wie zivilisierte Menschen. Wir sind quitt und du kannst deinen Bruder für sich selber entscheiden lassen, ob er sich mit mir einlassen will.” Ich fixierte ihn. “Nur du allein weißt, was ich alles für ihn tun würde”, flüsterte ich.

Tom stand da und betrachtete mich, die Augenbrauen so stark zusammengezogen, dass sie sich fast in der Mitte berührten. Den selben undurchdringlichen Gesichtsausdruck hatte ich schon so oft bei Bill gesehen und ein warmes Gefühl regte sich bei mir, als ich an ihn dachte. Schließlich holte Tom hörbar Luft - und nickte. “Gut”, sagte er leise. “Waffenstillstand.” Zögernd kam er auf mich zu und hielt mir die Hand hin, die ich sofort ergriff. “Aber eins lass dir gesagt sein, Amaris”, sagte er, als er meine Finger fest drückte. “Wenn du Bill verletzt, wirst du es bereuen.” Unwillkürlich musste ich lächeln. Er nickte nur, nahm seine Tasche und wandte sich zum Gehen.

In der Tür blieb er stehen, wandte sich über die Schulter zu mir um und sah mich mit einem merkwürdigen Ausdruck an. “Eigentlich sollte ich neidisch auf Bill sein”, sagte er ruhig. “Ein Mädchen, dass so für einen kämpft, hat nicht jeder.” Damit ging er, schloss die Tür hinter sich und ließ mich allein, und zum ersten Mal seit Tagen hatte ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können.


33. Kapitel


Entnervt knallte ich mein Sportzeug in meinen Spind. “Schulsport”, nörgelte ich vor mich hin, “das überflüssigste Fach überhaupt!” Eigentlich hatte es mir gut getan, mich auszutoben, obwohl ich nie sonderlich viel mit Basketball anfangen konnte - für Mädchen mit Oberweite eine absolute Zumutung, das ganze Gehüpfe! Aber heute hatte ich es genossen, zu foulen, zu drängeln und zu schubsen, bis mich die Lehrerin auf die Bank schickte. “Du spielst wie ein Terrier!” hatte sie mich angeblafft.

Jetzt stand ich hier und ließ meinen Frust an meinen Sachen aus, während mir immer wieder die gleichen Gedanken im Kopf herumgingen. Als ich Bill das letzte Mal gesehen hatte, war ich vor ihm weggerannt, nachdem wir uns auf dem Sofa geküsst hatten. Was, wenn Tom nicht Wort hielt und ihn noch weiter gegen mich aufhetzte? “Na, dann kannst du aber was erleben, Kleiner, verlass dich drauf!” knurrte ich, pfefferte die Spindtür mit einem gewaltigen Rums zu - und sah direkt in Bills grinsendes Gesicht. Seine Augen hinter den steifgegelten Haarsträhnen blitzten belustigt, während er lässig mit gekreuzten Armen an den Spinden lehnte. “Warum treffe ich dich immer keifend und feuerspuckend an?” fragte er amüsiert.

Einen Augenblick war ich freudig überrascht, ihn so gut gelaunt zu sehen, aber dann wurde ich misstrauisch. “Vielleicht, weil du immer im falschen Moment aus dem Nichts auftauchst?” sagte ich vorsichtig und beobachtete sein Gesicht. Er maß mich mit einem tiefen Blick. Dann stieß sich von der Wand ab, umkreiste mich und legte mir von hinten seine Hand auf die Schulter. “Was hast du heute gemacht, Amaris?” flüsterte er mir ins Ohr und sein warmer Atem streifte meine Wange. “Einen Vortrag manipuliert? Leute erpresst? Meinen Bruder zum Gespött der ganzen Schule gemacht?”

Ich wollte wütend herumfahren, aber Bill hielt mich schnell fest. “Dein Problem ist, dass du zu temperamentvoll bist, Amaris”, fuhr er mit seltsam ruhiger Stimme fort. “Du reagierst emotional, ohne nachzudenken. Hast du wirklich geglaubt, ich würde nichts von deiner Aktion erfahren?” Bei seinen Worten war mir heiß das Blut ins Gesicht geschossen. “Komischerweise scheint dir Tom gar nicht böse zu sein. Weißt du, er und ich hatten heute Nacht ein sehr aufschlussreiches Gespräch.”

Hellhörig spitzte ich die Ohren - und wartete auf den großen Knall. Plötzlich war ich mir ganz sicher, dass Tom mich reingeritten hatte, dass Bill mir jetzt den Todesstoß versetzen und mir hier auf dem Gang eine Szene machen würde. Aber zu meiner großen Überraschung strich seine Hand nur sanft über meinen Unterarm. “Weißt du, zu welchem Schluss wir gekommen sind?” hörte ich seine leise Stimme ganz nah an meinem Ohr. Atemlos schüttelte ich den Kopf. “Dass es sich lohnen würde, die wahre Amaris unter all den Allüren kennenzulernen.” Während ich noch überlegte, ob das ein Kompliment oder eine Frechheit war, steckte mir Bill leise lachend einen Zettel zu. “Komm heute Abend zu dieser Adresse. Wir haben da einen Auftritt - und danach haben wir beide Zeit... für uns.” Seine Lippen streiften hauchzart meine Wange. Und dann ging er und ließ mich mit klopfendem Herzen stehen.

Aber bevor er um die Ecke verschwand, drehte er sich noch mal zu mir um und warf mir einen dieser unergründlichen Blicke über die Schulter zu, die mich so verrückt machten. “Louisa wird übrigens nicht kommen. Nach unserem kleinen Zusammentreffen im Keller haben wir uns unterhalten und... Naja... Ich glaube, den Rest kannst du dir denken, nicht wahr?”


* * *


Amüsiert beobachtete ich Bills Gesicht. Er hatte die Augen geschlossen, als wollte er sich das Elend nicht länger ansehen und sang dafür umso hingebungsvoller seine Strophen. Ich musste mir das Lachen verbeißen, als ich mich umsah. Zwar war das Festzelt zur Dorfkirmes gut besucht, aber außer den Jungs auf der Bühne und mir bewegte sich der Altersschnitt hier jenseits von 70 - was ja auch zu erwarten war, mit einem Altenheim nur ein paar hundert Meter weiter. Leise lachte ich in mich hinein, lehnte mich auf meiner Bierbank im Hintergrund zurück und genoss die Show. Irgendwie hatte ich das verrückte Gefühl, dass die Jungs hier eine kleine private Show nur für mich ablieferten. Die Menschen um mich herum verschwammen mir vor den Augen und nur Bill auf der Bühne blieb übrig. Irritiert schüttelte ich den Kopf. “Reiß dich zusammen, Amaris”, schalt ich mich selbst, “du wirst langsam wunderlich.”

Inzwischen hatte die Jungs ihr Programm durchgezogen und Bill steckte das Mikro mit einem so erleichterten Gesichtsausdruck auf den Ständer zurück, dass ich nun doch lachen musste. “Vielen Dank, dass wir für Sie spielen durften” grüßte er dann mit einem galanten Lächeln und aus der Kehle von mehr als einer gesetzten Dame im Raum hörte ich ein lautes und vernehmliches Seufzen. Grinsend schlenderte ich am Rand des Zeltes nach vorne zur Bühne. Bill entdeckte mich sofort und empfing mich mit einem schiefen Lächeln. “Na, hab ich denn überhaupt eine Chance bei so vielen Konkurrentinnen?” neckte ich ihn, aber er verdrehte nur entnervt die Augen. “Vielleicht ändert sich das bald”, bemerkte Bill geheimnisvoll, aber bevor ich ihn danach fragen konnte, hatte er sich schon umgedreht und Tom etwas ins Ohr geflüstert. Tom sah mich nur kurz an und grüßte mich mit einem knappen Kopfnicken. Ich seufzte. Freunde würden wir beide wohl nie werden.

Bill nahm mich an der Hand. “Komm, lass uns ein Stück gehen”, forderte er mich auf und führte mich aus dem Zelt. Der Festplatz war ein wenig außerhalb des Dorfes, umgeben von Bäumen auf einer kleinen Anhöhe. Erstaunt betrachtete ich ihn. “Nanu? Hast du keine Angst im Wald?” Er lachte. “Da kannst du mal sehen, was ich alles für dich tue!” sagte er augenzwinkernd.

Schweigend gingen wir weiter, der mit Kies abgestreute Weg knirschte unter unseren Füßen. Inzwischen war es schon fast dunkel geworden und ein geheimnisvolles Zwielicht hing in der Luft. Unwillkürlich zog ich meine Jacke enger um meine Schultern. “Kalt?” Bill betrachtete mich fragend. “Nein, das kann man eigentlich nicht sagen”, antwortete ich wahrheitsgemäß. Denn wie immer in seiner Nähe hatte ein unverwechselbar warmes Gefühl sich in mir breitgemacht, jagte kleine Schauer über mein Rückgrat und sorgte für eine hartnäckige Gänsehaut im Nacken. Er lächelte. “Ich glaube, ich weiß was du meinst.”

Wir waren neben einer Wiese stehengeblieben, aus der dichte Nebelschwaden hochstiegen. Sie bedeckten den Boden wie dicke Watte und ich konnte einfach nicht wiederstehen. Ich warf Bill einen schelmischen Blick zu. “Fang mich!” rief ich, stupste ihn gegen die Schulter und lief auf die Nebelwand zu. “Wenn du mich im Nebel erwischst, hast du einen Wunsch frei!” rief ich ihm zu und tauchte in das milchige Weiß ein.

Es war wie in einem Traum. Ich fühlte mich, als würde ich in einer Wolke schwimmen, umgeben von diffusem Licht und eingehüllt in warme Schemen. “Ich kriege dich!” hörte ich Bills aufgeregte Stimme und blieb lachend stehen. Ich wollte es ihm leicht machen. Ich wollte gefangen werden.


34. Kapitel


Seine Stimme schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. “Na warte, ich erwische dich!” hörte ich Bill rufen. Ich warf den Kopf in den Nacken und breitete die Arme aus. “Dann komm doch!” rief ich zurück und drehte mich wie ein kleines Mädchen um die eigene Achse. Ich war berauscht von meinen rasenden Gedanken, von dieser Umgebung, von dem Gefühl, dass er irgendwo in der treibenden Watte nach mir suchte. Irgendwo vor mir huschte sein Schatten vorbei, ich sah seine schmale Gestalt nur als dunklen Umriss vor dem milchigen Hintergrund. “Hier bin ich!” lockte ich ihn und lief beschwingt einige Schritte weiter, bevor ich mich nach ihm umdrehte. Er war stehen geblieben und schien suchend in die Schwaden zu spähen.

“Du kannst ruhig weglaufen”, drang seine Stimme gedämpft an mein Ohr, während er langsam näher kam. “Ich kriege dich früher oder später!” Ich lachte leise. “Du bist ja noch meilenweit weg!” stichelte ich und hüpfte begeistert auf und ab. Er machte noch einen Schritt in meine Richtung. “Das glaube ich nicht...” Aufgeregt hielt ich die Luft an. Seine Gestalt schälte sich allmählich deutlicher aus den Nebelfetzen um uns herum und plötzlich stand er mit einem langen Schritt ganz nah vor mir und grinste mich an. “Du weißt schon noch, dass du mir einen Wunsch versprochen hast, wenn ich dich erwische?” fragte er verschmitzt. Ich beugte mich vor und küsste ihn frech auf die Nasenspitze. “Ja, ich weiß”, flötete ich. “Aber noch hast du mich nicht!” Und damit streckte ich ihm die Zunge raus, drehte mich um und rannte kichernd wie ein Kind los. “Oh, na warte!” hörte ich Bill hinter mir, während er mir lachend nachsetzte.

Wir liefen durch den Nebel, bis sich die Feuchtigkeit in kleinen Wassertropfen in unseren Haaren festgesetzt hatte und ein schimmernder Film die Haut bedeckte. Wir umkreisten uns wie spielende Kinder, neckten uns und schaufelten uns den beinahe greifbaren Nebel in die Gesichter. Irgendwann blieb ich stehen, mit Seitenstechen vom Lachen und ganz außer Puste. Bill holte mich über das ganze Gesicht strahlend ein und schlang die Arme um meine Taille. “So”, keuchte er, “und jetzt bleibst du da...” Sein Gesicht kam immer näher. “Jetzt bleibst du hier bei mir... und küsst mich endlich.”


* * *


Die nächsten Tage vergingen wie im Rausch. Ich lief mit einem permanenten Lächeln durch die Schule, das selbst in der ödesten Unterrichtsstunde nicht aus meinem Gesicht verschwand. “Du bist ja fast die Reinkarnation von Louisa”, hatte meine Freundin gewitzelt und bei der Erwähnung ihres Namens stieg für einen Augenblick jähe Eifersucht in mir auf. Dabei hatte sie die Schule längst verlassen und war sang- und klanglos aus Bills und meinem Leben verschwunden. Das Letzte, was ich von ihr gehört hatte, war, dass sie nach dem Vorfall bei der Podiumsdiskussion ihre Eltern geradezu angefleht hatte, sie von der Schule zu nehmen. Die hatten dem Betteln des Töchterleins dann auch recht schnell nachgegeben und Louisa auf die heiß ersehnte Ballettschule geschickt. Die beste Lösung für alle, dachte ich - und fühlte nicht den Hauch eines schlechten Gewissens.

Aber noch schöner als die Tage waren die Nächte. Bill kam fast jede Nacht zu mir und wir verbrachten die Zeit damit, uns in den Armen zu liegen oder zu reden. Viele Stunden verbrachten wir in meinem Bett, die Decke wie kleine Kinder über die Köpfe gezogen, während wir uns leise tausend Geschichten und Geheimnisse erzählten. Ich war glücklich. Ich fühlte mich warm und geborgen und ich hatte das aberwitzige Gefühl, endlich bei mir selbst angekommen zu sein. Ich war noch nie einem Menschen so nahe gewesen und manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und musste ihn einfach neben mir anfassen, um mir selbst sicher zu sein, dass er wirklich da war. Manchmal lächelte er im Schlaf. Und dann fiel es auch mir leicht, wieder einzuschlafen.


* * *


Eines Abends stand ich an der Tür und wartete auf ihn. Als er die Treppe nach oben stieg, schien ein merkwürdiger Ausdruck in seinem Gesicht zu liegen. Verunsichert betrachtete ich ihn, schob das ungute Gefühl, das mich befallen hatte, dann aber schnell zur Seite. Er schob die Tür ins Schloss und nahm mich in die Arme. Ich schmiegte mich an ihn und legte meinen Kopf wie schon so oft an seine Schulter. Aber etwas war anders. Ich konnte es fühlen. Vorsichtig löste ich mich von ihm und rückte ein Stück von ihm ab. “Was hast du?” fragte ich vorsichtig und strich ihm die Haarsträhnen zur Seite. Ein verräterischer Glanz lag in seinen Augen. “Amaris”, sagte er leise und seine seltsam brüchige Stimme jagte einen Schauer über meinen Rücken. “Wir müssen reden.”


35. Kapitel


Ich spürte, wie ein eiskalter Hauch meine Wirbelsäule hinunterglitt. Irgendetwas lag ihm auf der Seele, das konnte ich an seinen Augen erkennen und an der Art, wie er mich ein kleines bisschen zu fest hielt, wie er seine Hände um meine Oberarme gelegt hatte und mich eindringlich anstarrte. “Bill”, schauderte ich. “Du machst mir Angst, was ist denn?” Er schluckte und leckte sich nervös über die Lippen. “Ich... ich werde fortgehen von hier”, sagte er stockend. “Und ich möchte, dass du mitkommst.”

Ich blinzelte ihn verständnislos an. “Wie meinst du das?” fragte ich lahm. “Willst du verreisen?” Die Gänsehaut auf meinem Rücken hatte sich zu einem wilden Prickeln gesteigert. Er schüttelte den Kopf und fing an, in meinem Wohnzimmer auf und ab zu laufen. “Nein, du verstehst das falsch.” Hastig strich er sich durch´s Haar und rieb die Hände nervös aneinander. So fahrig hatte ich ihn noch nie gesehen. Langsam setze ich mich auf die Sesselkante. Mir schwante Böses.

“Du erinnerst dich doch noch an diesen Produzenten, der uns damals zum Vorspielen eingeladen hatte?” Ich nickte langsam, während wie ein Blitzlicht jener Abend in dem schäbigen Club vor meinen Augen vorbeizuckte, als ich geradezu über Bill hergefallen war. Er kam auf mich zu und ging vor mir in die Hocke: “Während du im Internat warst, hat er wieder angerufen. Wir waren bei ihm und haben vorgespielt.” Er griff meine Hand und schaute mir eindringlich in die Augen, sein ganzes Gesicht leuchtete. “Amaris, er will uns! Wir sollen zu ihm nach Hamburg kommen, wir werden eine Single aufnehmen und vielleicht ein ganzes Album.” Er stand auf und lief wieder vor mir hin und her. “Es ist schon alles arrangiert. Das ist unsere Chance, Amaris. Wir dürfen das nicht versauen, so eine Gelegenheit kommt nie wieder.” Er war immer aufgeregter geworden, zog mich an den Händen hoch und wirbelte mich durchs Zimmer.

Aber mir drehte sich ohnehin schon alles vor den Augen. Als er endlich stoppte, hielt ich ihn an den Unterarmen fest. “Bill”, fragte ich vorsichtig. “Und... und was wird dann aus uns?” Er zuckte lapidar die Schultern. “Na, du kommst natürlich mit, ist doch klar.” Er sagte das so überzeugt, dass sich einen Augenblick Erleichterung in mir breit machte.

Aber eine Sekunde später blitzte vor mir auf, was aus uns werden würde: Er würde den ganzen Tag im Studio sein und ich würde dazu verdammt sein, in einem winzigen Zimmerchen zu sitzen und darauf zu warten, dass er Zeit für mich hatte. Er würde Erfolg haben - daran zweifelte ich keine Sekunde - und viele Fans, hübsche Frauen, die ihn umlagerten, Termine, Auftritte und Interviews rund um die Uhr. Und irgendwann würde ich als die Freundin im Hintergrund für ihn lästig werden. Die Welt wollte Popstars, die solo waren, ungebunden und frei für alle Mädchenfantasien. Er würde anfangen, mich zu verstecken und ich würde ihn dafür hassen.

Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Langsam wich ich vor ihm zurück. “So einfach ist das aber nicht, Bill”, presste ich atemlos hervor. Er blinzelte mich verständnislos an. “Solche Geschichten funktionieren nie.” Verzweifelt versuchte ich, den dicken Kloß, der sich in meinem Hals festgesetzt hatte, herunterzuwürgen. Bill legte den Kopf schief und sah mich mit einem merkwürdigen Glitzern in den Augen an. “Wie... meinst du das?” fragte er zögerlich. In seiner Wange fing ein Muskel an zu zucken.

Langsam ließ ich mich wieder auf die Sesselkante sinken. “Wir würden uns entfremden, Bill”, sagte ich leise. “Und am Ende würden wir auseinandergehen und uns hassen.” Ich sah auf und blickte ihm fest in die Augen. Sein Gesicht war aschfahl geworden. Mit geballten Händen stand er da, seine Miene war zu einer Maske geworden. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, in der wir uns so ansahen. Dann wandte er den Kopf und rieb sich müde über die Augen. “Ja”, sagte er so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. “Ich weiß.”

Er ließ sich neben mich fallen und packte mich fest an den Schultern, seine Augen bohrten sich tief in meine. “Amaris, es muss nicht so laufen”, redete er eindringlich auf mich ein. “Es könnte bei uns anders sein! WIR sind anders!” Sein Blick berührte mich tief. In diesem Moment wirkte er auf mich wie ein kleiner Junge, der allein in einem riesigen Kaufhaus stand und seine Eltern suchte. Seine Hände zitterten und ich sah, wie sich seine Brust heftig hob und senkte. Für einen Augenblick überlegte ich, ihm ein Ultimatum zu stellen, ihn zur Wahl zu zwingen, sein Traum oder ich. Aber so grausam konnte ich nicht sein. Nicht zu ihm.

Behutsam nahm ich sein Gesicht zwischen die Handflächen. Und dann küssten wir uns, lang und gierig, wie zwei Ertrinkende in der Wüste, klammerten uns aneinander, so fest wir konnten.

Nach einer Ewigkeit löste ich mich von ihm. “Wann?” fragte ich nur. Meine Stimme versagte mir fast den Dienst. Er sah mich lange an. “Morgen. Morgen früh werden wir abgeholt.” Seine leise Stimme fuhr wie ein kaltes Messer in mein Herz. Vergeblich versuchte ich, die Tränen zurückzuhalten, die jetzt mich Macht in meine Augen drängten. Schließlich nickte ich, stand auf und nahm ihn bei der Hand. Mein tränennasses Gesicht kümmerte mich nicht, ich sah nur seine Augen - und lächelte. “Gut”, sagte ich leise und zog ihn an mich. “Dann haben wir noch die ganze Nacht.”


36. Kapitel


Ich erinnere mich an alles. An jedes Gefühl, jede Berührung, sogar an jeden Gedanken. Ich hatte mit mir gekämpft und die bleischwere Traurigkeit, die zuerst mein Denken gelähmt hatte, in den hintersten Winkel meines Kopfes verbannt. Ich war mir bewusst, dass sie da lauerte und früher oder später über mich hereinbrechen würde. Aber nicht jetzt. Nicht in dieser Sekunde. Jetzt war Bill hier, war bei mir. Was kümmerte uns das Morgen?

Ich bettete ihn wie einen kostbaren Schatz in meine Kissen und beugte mich über ihn. Meine Sinne waren bis zum Zerreisen gespannt, ich nahm alles an ihm wahr, versuchte, mir jede Linie, jede kleine Hautfalte und jedes Muttermal an seinem Körper einzuprägen. Mit den Fingerspitzen fuhr ich über seine Haut und blieb bei der winzigen Brandnarbe an seiner Brust hängen. Das kleine rote Mal direkt über seinem Herzen hatte er mir zu verdanken, aus dieser Nacht vor tausend Jahren, als ich ihn verletzen und quälen wollte und nur mich selbst getroffen hatte. Er bemerkte meinen Blick. Ein leises kleines Lächeln zitterte um seine Mundwinkel, als er meine Hand nahm und sie auf seine Brust drückte. “Du hast mein Herz gebrandmarkt”, sagte er leise. Ich sah ihm lange in die Augen. Dann beugte ich mich über ihn, mein Haar wie ein Fächer über seinen Körper ausgebreitet, und legte meinen Mund auf die Wunde. Ich spürte seinen tiefen, beständigen Herzschlag zwischen den Lippen, fühlte das sanfte Vibrieren der Haut und stellte mir vor, dass sein Blut meinen Kuss durch seinen ganzen Leib schicken würde.

Danach lagen wir lange aneinandergeschmiegt da und erzählten uns Geschichten, kleine Träume und Erinnerungen. Ich fühlte jede Faser meines Körpers und versuchte verzweifelt, das Gefühl wegzuschieben, wie die Sekunden immer weitertickten und weniger und weniger wurden. Als mir die Tränen in die Augen stiegen, nahm er mein Gesicht zwischen beide Hände und küsste sie weg. Aber er sagte kein Wort. Er fragte mich nicht mehr, ob ich mit ihm kommen will, und ich war ihm dankbar dafür. Hätte er es getan, wäre ich ihm überallhin gefolgt und genau das konnte ich nicht.

Irgendwann begann es, hell zu werden. Wir saßen uns aufrecht in meinem Bett gegenüber, unsere Beine ineinander verknotet, die Laken zerdrückt und zerwühlt um uns herum. Ich fuhr mit dem schwarzen Stift die Konturen seiner Augen nach und es kam mir vor, als würde ich ihm eine Maske aufsetzen, hinter der er sich verstecken konnte. Als ich fertig war, nahm er mir den Stift aus der Hand, legte seine Hand an meine Wange und umrandete auch meine Augen. Ich sollte die gleiche Maske tragen.

Wir sprachen jetzt kein Wort mehr. Ich wusste auch so, dass der Zeitpunkt gekommen war.


* * *


Eng umschlungen standen wir vor der Haustür. Ich sah nur seine Augen, alles andere um mich herum war unwichtig. Seine Lippen berührten mich nur ganz leicht, als würde auch er Angst haben, dass ich ein Trugbild sein könnte, das sich bei zu starker Berührung auflösen würde. Hilflos schlang ich meine Arme um seinen Hals und hielt ihn noch einmal, so fest ich konnte. Er schenkte mir noch einen letzten Blick, den ich nie vergessen werde - und ging. Ließ sich von dem schwarzen Bus verschlucken. Verschwand.

Ich spürte noch das Prickeln seiner Lippen auf meinen, den Druck seiner Arme um mich, er war überall um mich herum, sein Duft klebte in meinem Haar, seine Berührungen überall an meinem Körper und meiner Seele. Ich wollte ihm nachlaufen, wollte mich vor seine Füße werfen und ihn bitten, bei mir zu bleiben. Kraftlos ließ ich mich auf die untere Treppenstufe sinken, meine Beine wollten mich nicht mehr tragen.

Ich hob den Kopf, weil ich einen Blick auf mir spürte. Es war Tom. Er stand in der Tür des Busses und betrachtete mich. Und dann hellte sich sein Gesicht auf und er lächelte. Es war ein ehrliches, warmes und sanftes Lächeln, und zum ersten Mal, wenn er mich ansah, lächelten seine Augen mit. Ich wusste, dass er mir vergeben hatte, ohne dass er ein Wort sagen musste. Er nickte mir kurz zu, stieg ein und schloss die Tür. Und dann waren sie weg.

Ich blieb noch lange sitzen und starrte ins Leere. Und dann kamen auch die Tränen.


* * *

Ich weiß nicht, ob ich ihn wiedersehen werde. Das Leben gibt nur selten zweite Chancen. Eine Zeitlang glaubte ich sogar, dass ich auf diese Weise bestraft werden sollte, für meine Gemeinheiten, für meine kleinen Leidenschaften und Abgründe. Es dauerte lange, bis ich wieder atmen konnte, ohne das Gefühl zu haben, dass mir die Brust zerreißt.

Ich weiß, dass es vorbei ist. Und ich weiß auch, dass ich irgendwann wieder aufwachen werde aus diesem Dämmerzustand. Dass ich wieder rausgehen werde und dass es schön sein wird.

Aber noch nicht. Jetzt nicht. Jetzt, in diesem Moment, wünsche ich mir nur, noch einmal sein Herz zu küssen.


ENDE von TEIL I



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TEIL II



1. Kapitel


Er löste sich auf. Verschwamm immer mehr vor meinen Augen. Ich versuchte, nach seinen hilfesuchend ausgestreckten Händen zu greifen, aber ich glitt durch sie hindurch wie durch dünnen Nebel. Irgendwann waren nur noch seine weit aufgerissenen Augen übrig, die langsam mit dem milchigen Weiß um uns herum verschmolzen. Ich wollte den Mund aufreißen und ihn anschreien, dass er zu mir zurückkommen sollte, aber es drang nur hilfloses Krächzen aus meiner Kehle. Und schließlich verschwammen auch meine eigenen Hände vor mir, bis nichts mehr übrig war...


* * *


Ich saß kerzengrade im Bett, während mein spitzer Schrei noch von den Zimmerwänden wiederzuhallen schien. Ich war völlig außer Atem, als wäre ich Ewigkeiten gerannt - und genauso fühlte ich mich auch. Müde stütze ich meinen Kopf in die Hände und rieb über meine heißen Schläfen. Seit Bill vor zwei Monaten fortgegangen war, hatte ich keine Nacht mehr geschlafen, und die Träume kamen immer wieder. Aufstöhnend ließ ich mich zur Seite in meine Kissen fallen, zog die Knie an und schlang die Arme darum. Aber ich wusste doch ohnehin, dass ich jetzt nicht mehr einschlafen würde und dass mir immer wieder die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen würden... Wo war Bill? Wie ging es ihm? Ich vermisste ihn so sehr, dass ich manchmal glaubte, ein stählernes Band habe sich um meine Brust geschlungen und schnürte mir den Atem ab. Ich erinnerte mich mit jeder Sekunde mehr daran, wie er in unserer letzten Nacht ausgesehen hatte. Wie er mich angesehen hatte, als er fortging. Und ich wartete vergebens darauf, dass sich die bleischwere Traurigkeit lichten würde, die mich seitdem niederdrückte.

Ich griff nach meinem Handy und pfefferte es sofort wieder zurück auf den Nachttisch. Mindestens tausend Mal hatte ich es in solchen Augenblicken schon in die Hand genommen und angefangen, seine Nummer zu wählen. Er schien mir so nah. Nur elf kleine Ziffern weit weg. Nur einmal seine Stimme hören, nur eine Sekunde... Seufzend schwang ich die Beine aus dem Bett und ging zu meiner kleinen Kommode herüber. Ich hatte Bills Pullover in der untersten Schublade versteckt, ganz hinten in der Ecke. Jetzt zog ich ihn hervor, drückte ihn an mich und vergrub meine Nase in den Stoff. Mittlerweile haftete sein Geruch kaum noch darin. Ich hatte ihn weggeschnüffelt, aufgesogen bis zum letzten Rest und mit einem Mal war mir, als hätte ich das Letzte von ihm verloren.

Ich hob den Kopf und sah mein eigenes Gesicht mit den eingefallenen Wangen im Spiegel. Ich war bleich und hager und das Haar hing mir strähnig und wirr um den Kopf. “Was ist nur aus dir geworden?” fragte ich mich selbst. Wollte ich so weitermachen? Wollte ich hier verkümmern und zusehen, wie mein ganzes Ich sich langsam auflöste?

“Bestimmt nicht!” fauchte ich das blasse Gespenst im Spiegel an. “Wer zum Teufel bin ich denn?” Entschlossen stand ich auf und zerrte meine Reisetasche aus dem Schrank. Wahllos stopfte ich ein paar Klamotten hinein. Ich hatte mich entschlossen. Bill war in Hamburg, bei diesem Produzenten. Und dahin würde ich gehen. Ich wollte ihn nur einmal sehen, nur einmal in seiner Nähe sein, nur wissen ob es ihm gut geht. Und dann würde es mir auch besser gehen. Zumindest redete ich mir das ein... Und in diesem Moment wäre mir jede Ausrede lieb gewesen, um endlich aufbrechen zu können.

2. Kapitel


Der Taxifahrer betrachtete mich abschätzig, einen Mundwinkel spöttisch nach oben gezogen. “Bitte”, flehte ich und ärgerte mich selbst, wie jämmerlich meine Stimme klang. “Sie müssen mir helfen!“ Ich war den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatte mich schließlich hoffnungslos verfahren und erst, als ich mitten in der Stadt stand, festgestellt, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich nach Bill suchen sollte. Ich hatte mein Auto abgestellt und war ziellos herumgelaufen, und bei jedem schwarzen Haarschopf, der mir begegnete, hatte mein Herz einen schmerzhaften Sprung getan. Aber natürlich war es jedes Mal der Falsche. “So viel Glück hast du nicht”, schimpfte ich mich selbst und lief weiter, lief und lief, bis meine Füße so sehr schmerzten, dass ich das Gefühl hatte, keinen einzigen Schritt mehr machen zu können. Ich war müde, ich fror und ich hatte keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen sollte.

Schließlich war mir der Lieblingsspruch meiner Mutter durch den Kopf geschossen. “Wenn du dich verlaufen hast, frag einen Taxi-Fahrer. Niemand kennt sich besser aus, wo immer du bist.” Und jetzt stand ich hier und flehte diesen mürrischen Mann an, mir zu helfen. “Hast du eine Ahnung, wie viele Produzenten, Studios und Bands es hier in der Stadt gibt, Mädchen?” fragte er mich genervt und schüttelte missbilligend den Kopf. Ich setzte mein hilflosestes Gesicht auf und versuchte es mit einem lange einstudierten Welpenblick, aber er winkte nur ab.

“Lass stecken, Kleine, brauchst mir nichts vorzumachen”, lachte er und maß mich mit einem langen Blick von oben bis unten. “Du siehst aus, als würdest du dir nehmen, was du willst.” Und dann zwinkerte er mir vertraulich zu, während er ich auf den Sitz seines Taxis fallen ließ und nach dem Funkgerät griff. “Ich mag das. Wie heißen noch mal die Band und der Typ, den du suchst?”


* * *


Der Taxifahrer hatte mir die Adressen von fünf Studios gegeben, die dafür bekannt waren, mit Newcomer-Bands zu arbeiten und ich hatte den Nachmittag damit verbracht, sie eins nach dem anderen abzuklappern. Aber überall, wo ich mich nach Bill erkundigt hatte, erntete ich nur verständnisloses Kopfschütteln oder rüde Abfuhren.

Und dann, als ich schon aufgeben wollte, kam endlich, endlich ein Lichtschimmer. Ich hatte einen Mann angesprochen, der mit einem großen Karton bepackt aus einer Tür an der Rückseite des Gebäudes gekommen war. “Jaja, den kenn ich”, hatte er durch das Kaugummi in seinem Mund genuschelt, “so´n großer dünner Typ mit ner Manga-Frise, der rennt hier immer rum.” Er begutachtete mich abschätzig von oben bis unten. “Bist wohl das erste Groupie, was?” grinste er anzüglich und fing an zu lachen, als ich entrüstet nach Luft schnappte. “Hey, schon gut, Mausi, dann bleib halt mal hier stehen, bin ziemlich sicher, dass dein kleiner Singstar hier heute noch vorbeikommt.” Dann hatte er mich stehen lassen und war lachend weitergegangen, fröhlich ein Liedchen vor sich hinpfeifend.

Und jetzt stand ich schon seit Stunden hier, müde, verfroren und fast verrückt von der Warterei. Zitternd schlang ich die Arme um den Leib und drückte mich tiefer in den Schatten des Pfeilers, hinter dem ich mich verborgen hatte. Ich wollte Bill nur einmal sehen, nur einmal einen Blick auf ihn werfen, nur für eine Sekunde... Aber er durfte mich nicht entdecken, durfte nicht wissen, dass ich da war. Ein Blick in seine Augen und ich hätte mich weinend vor seine Füße geworfen.

Zum Glück trug ich schwarze Klamotten und hatte daran gedacht, meine langen, blonden Haare unter einer dunklen Kappe zu verbergen. Ein Schaudern durchlief mich bei dem Gedanken, hier entdeckt und vom Gelände geworfen zu werden, bevor ich Bill gesehen hatte.

Irgendwann fuhr ein Lieferwagen vor und ein schlechtgelaunter Typ fing an, Kartons und in Taschen verpackte Instrumente auszuladen. Ich versuchte, mich so tief es ging in den Schatten zu zwängen und beobachtete ihn verstohlen. Ein paar Mal ging er rein und raus, bevor er stehenlieb und auffällig in meine Richtung schaute. “Sag mal, Jungchen, wie lange willst du dich eigentlich noch da herumdrücken?” Mir blieb fast das Herz stehen. “Ertappt!” schrie es in meinem Kopf, jetzt ist alles aus.

“Ja, dich mein ich, Kleiner, da hinter der Säule!” In meinem Kopf rumorte es. Kleiner?? Jungchen?? Ich schielte am mir herunter. Ich hatte in letzter Zeit viel abgenommen, meine Klamotten hingen schlabberig an mir herunter, meine weiblichen Formen völlig verdeckend.

Der Typ zog die Nase hoch und spuckte ungerührt auf den Boden. “Pass auf, Kleiner. Du kannst da weiter rumstehen oder dir auf die Schnelle nen Zwanni verdienen, wenn du mir mit dem Kram hier hilfst. Also?”

3. Kapitel


Hinter meiner Stirn hämmerte es. Was sollte ich tun? Mich umdrehen und wegrennen - und damit die einzige Chance verspielen, Bill zu sehen? Oder es drauf ankommen lassen, vielleicht enttarnt werden und dann erst recht rausfliegen? Fieberhaft überlegte ich, wie offensichtlich ich zu erkennen war. Ich trug keinen Schmuck, meine Haare waren unsichtbar unter einer riesigen Kappe versteckt, wie auch Tom sie trug und die das halbe Gesicht verbarg. Und geschminkt hatte ich mich bei meinem überstürzten Aufbruch erst recht nicht.

“Tu es!” raunte es in meinem Kopf. “Es könnte DIE Chance sein, unbemerkt in Bills Nähe zu kommen...” Ich atmete tief durch, um mich selbst zu beruhigen - und trat dann hinter dem Pfeiler hervor, das Kinn so tief wie möglich gesenkt, damit der Mann meine Augen nicht sehen konnte. “Na also”, hörte ich seine tiefe Stimme. Er klang irgendwie belustigt. Vorsichtig schielte ich unter dem Mützenschirm hervor und betrachtete ihn. Er war groß und massig, schätzungsweise Mitte 40, seine kinnlangen Haare wurden von einem gemusterten Stirnband zurückgehalten. “Hast dich also entschlossen, deine Deckung aufzugeben, sehr vernünftig.”

Einen Augenblick musterte er mich schweigend, während mir kleine Schauer über den Rücken rieselten und ich jede Sekunde damit rechnete, enttarnt zu werden. Aber dann streckte er mir nur die Hand hin. “Ich heiße Ralf. Kannst Ralle zu mir sagen, das machen eh alle hier.” Zögernd gab ich ihm die Hand - und sofort packte er so fest zu, dass mir vor Schreck die Luft wegblieb. “Du hast einen Händedruck wie ein Mädchen”, schnarrte er und kniff die Augen zusammen. “Wenn du nicht zupacken kannst, sag es gleich, Rumsteher kann ich nicht brauchen.”

“Ähm...” stammelte ich, “doch, doch, ich kann...” Abrupt verstummt ich. Meine Stimme! “Ich kann arbeiten” röhrte ich, so tief ich konnte und hüstelte, als sei ich erkältet. Ralle runzelte die Stirn. “Stimmbruch, Kleiner? Wie alt bist du?” Ich zuckte die Schultern und versuchte, möglichst gelassen auszusehen. “Bin 18”, quetschte ich durch die Zähne, “und nur ein bisschen heiser.”

Ralle stutzte. “Heiser, aha”, machte er ungläubig und musterte mich noch mal eingehend. “Hast du auch nen Namen?” “Am...” setze ich an und biss mir grade noch rechtzeitig auf die Zunge. “Am... Ähh... A.. An... Andy!” presste ich hervor und rechnete fest damit, jetzt endgültig aufgeflogen zu sein. “Das hast du gründlich versaut!”, plärrte es in meinem Kopf. Aber Ralle schüttelte nur kurz den Kopf, hob dann einen großen Karton hoch und drückte ihn mir in die Arme. Ich stöhnte kurz auf und taumelte unter dem Gewicht, verflucht, war das Ding schwer! “Das muss drinnen in den Lagerraum, Gang runter, dann rechts, dritte Tür links”, trug Ralle mir ungerührt auf. “Schaffst du das?”

“Na klar”, keuchte ich und torkelte ungeschickt vorwärts, während ich verzweifelt versuchte, unter dem Kappenschirm etwas zu sehen. “Lass es bloß nicht fallen, das wird teuer”, hörte ich Ralle murmeln, während er im Inneren des Lieferwagens verschwand. Ich drückte mit der Schulter die Tür auf und spähte in den Flur dahinter. Schmucklose weiße Wände, ein paar Türen nach jeder Seite, nichts besonderes. Von irgendwoher drang leise Musik und einen Augenblick spitze ich atemlos die Ohren. Aber die Stimme, die da sang, kam mir nicht bekannt vor und ein kleiner enttäuschter Stich fuhr mir in den Magen.

Seufzend stemmte ich den schweren Karton noch ein wenig höher und schleppte ihn ächzend den Gang entlang. Ich fand die Tür zum Lagerraum, die Ralle mir beschrieben hatte, auf Anhieb und setzte meine Last vorsichtig auf einem ganzen Stapel von Kisten ab. Wieder draußen erwartete Ralle mich schon mit der nächsten Ladung. “Habt ihr keine Sackkarre oder so was?” maulte ich atemlos. “Geht´s noch?” fuhr er mich entrüstet an. “Das Equipment ist viel zu empfindlich, um es durch die Gegend zu karren! Sag jetzt nicht, du machst schon schlapp, Kleiner!?” Ich ersparte mir eine Antwort und machte mich wieder auf den Weg.


* * *


Eine gute Stunde später war ich völlig außer Atem. Ich schwitzte wie noch nie in meinem Leben, meine Arme schmerzten und ich hatte überall blaue Flecke. “Nur noch ein paar Kartons”, redete ich mir selbst zu und lehnte mich gegen die Wand vor dem Lagerraum. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und langsam fühlte ich mich richtig schwach auf den Beinen. “Mach jetzt bloß nicht schlapp!” dachte ich verbissen und wollte mich grade wieder auf den Weg machen, als die Außentür geöffnet wurde und fröhliche Stimmen in den Gang quollen.

Ich erstarrte zur Salzsäure. Bill! Seine Stimme... Ich hätte sie unter Tausenden wiedererkannt. Mein Herz tat einen schmerzhaften Sprung und hämmerte dann so laut gegen meine Rippen, dass ich fürchtete, man könnte es im ganzen Gebäude hören. Sie kamen... Sie kamen immer näher, nur noch wenige Meter trennten uns. Ich presste mich mit dem Rücken flach gegen die Wand, sonst wären meine Knie bestimmt unter mir weggebrochen.

Nach quälend langen Sekunden bogen mehrere Gestalten um die Ecke - und Bill war mitten unter ihnen. Ich hätte fast geschluchzt, als ich ihn sah, so nah vor mir. Alles um mich herum verschwamm, nur er blieb übrig... Seine schmale Gestalt, die steif gegelten Haarsträhnen in der Stirn, die blitzenden Augen... Dünn sah er aus, noch zerbrechlicher als sonst, und ich musste meine ganze Kraft aufwenden, um ihm nicht um den Hals zu fallen.

Er kam näher... Fast glaubte ich, ihn riechen zu können, ich müsste nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren. Er war schon fast auf meiner Höhe, kam immer näher, kam auf mich zu... Mir wurde fast schwarz vor Augen, so sehr pumpte das Adrenalin in meinen Adern...


4. Kapitel


Die Zeit schien dahinzuschmelzen, alles war völlig aus den Angeln gehoben. Ich hörte meinen eigenen Atem wie Donnergrollen in den Ohren, während Bills lachendes Gesicht immer weiter auf mich zutrieb. Immer näher kam. Nur noch wenige Schritte. Ich konnte nur dastehen und ihn unter dem Schirm meiner Mütze heraus anstarren wie ein Kaninchen die Schlange. Ich konnte nicht mehr klar denken, konnte mich nicht rühren - und wollte es auch nicht.

Bill hob den Kopf. Wie in Zeitlupe sah ich, wie sein Blick in meine Richtung glitt und alles in mir spannte sich. Mein Mund war staubtrocken und ich hatte das Gefühl, dass meine Beine aus weichem Gummi bestanden. In seinen Augen schien etwas aufzuglimmen. Ein winziger Funke, den ich nicht einordnen konnte - und für einen Wimpernschlag stockte sein Schritt. Unsere Blicke trafen sich, nur für den Bruchteil einer Sekunde, nur einen winzigen Moment lang, bevor ich reflexartig die Augen niederschlug. Er durfte mich nicht sehen, durfte mich nicht erkennen. Ich würde mich sonst nicht beherrschen können, würde mich schreiend vor seine Füße werfen, mich an seinen Beinen festklammern und ihn anflehen, mich nicht wegzuschicken.

Und doch... Ich hoffte, ich betete, ich schrie von innen heraus: Hier bin ich doch! Sieh mich an! Ich bin hier! Konnte er einfach vorbeigehen? Spürte er mich nicht? Fühlte er nicht, dass ich da war?

Aber der Moment ging vorüber - und Bill auch. Aus den Augenwinkeln glaubte ich, zu sehen, wie er mir einen irritierten Blick über die Schulter zuwarf. Aber wahrscheinlich hatten meine überreizten Sinne mir einen Streich gespielt. Seine Kumpels schnatterten fröhlich weiter, und erst als ihre Stimmen langsam verhallten, fing ich wieder an zu atmen.


* * *


Es dauerte eine Weile, bis ich mich so weit gefasst hatte, dass ich wieder klar denken konnte. Zittrig stieß ich mich von der Wand ab und ging schwankend den Gang entlang. In meinem Kopf herrschte absolute Leere, bis ich die Tür nach draußen aufstieß und mich die kalte Nachtluft wie ein Hammerschlag ins Gesicht traf. Ich blieb kurz stehen und schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender, während ich versuchte, mein rasendes Herz zur Ruhe zu bringen.

“Hey, sag mal, hast du dich da drin verlaufen?” fuhr Ralles Stimme in meine Gedanken. Unsanft schob er mir einen großen Karton in die Arme und sofort brachten mich meine schmerzenden Muskeln wieder zurück in die Gegenwart. “Na los, Kleiner”, trieb er mich an, “ noch drei Kisten und dann ist Feierabend.” Ich nickte nur und stolperte wieder zurück ins Gebäude. Mein Körper fühlte sich taub an und ich hatte alle Mühe, meine verwirrten Gefühle und wirbelnden Gedanken herunterzuschlucken.

Aber ich hielt durch. Als der letzte Karton verstaut war, ließ ich mich müde neben Ralle fallen, der in der geöffneten Ladetür des Lieferwagens saß. Wortlos hielt er mir eine Zigarettenpackung hin und steckte sich selbst auch eine an. Ich spürte, wie er mich aus den Augenwinkeln beobachtete und zog schnell meine Kappe tiefer in die Stirn. Er seufzte. “Gib dir keine Mühe, ich weiß, warum du dein Gesicht versteckst”, sagte er ruhig.

Ich war schlagartig hellwach. Mein Kopf ruckte hoch und ich starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Sein Gesicht war glatt und ausdruckslos. Kurz schloss ich die Augen. Okay, das war´s, dachte ich nur und ein bitteres Lachen steckte mir in der Kehle, während ich versuchte, mich für den Todesstoß zu wappnen.

“Bist abgehauen, ne?” schmunzelte Ralle und stupste mich in die Seite. Ich blinzelte ihn verständnislos an. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte in mein Bewusstsein sickerten. Er grinste und zuckte dann die Schultern. “Keine Angst, Junge, ich verrate dich nicht.” Er zwinkerte mir vertraulich zu. “Hab´s in deinem Alter genauso gemacht.”

Er griff in die Jackentasche und hielt mir einen zusammengerollten Zwanziger hin. “Hier, haste dir verdient.” Er drückte mir das Geld in die Hand und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. “Kannst besser zupacken als ich dachte.” Wieder sah er mich abschätzig von der Seite an. “Weißt du schon, wo du heute nacht bleiben kannst?” Ich senkte nur den Blick. Ich war wirklich müde und mein ganzer Körper schmerzte, von meinem Herzen ganz zu schweigen. Ich war gleichzeitig erleichtert und verletzt, dass Bill mich nicht erkannt hatte und glücklich, dass ich ihn wiedergesehen hatte.

Langsam schüttelte ich den Kopf. “Dachte ich mir”, sagte Ralle zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette. “Hör mal, ich könnte hier regelmäßig Hilfe brauchen. Kannst dir´n bisschen was verdienen, hier abhängen, den Bands über die Schulter schauen...” Sofort wurde ich hellhörig. Konnte ich wirklich so viel Glück haben?

“Und einen Platz zum Pennen wüsste ich auch für dich”, fuhr er fort und schnippte seine Asche auf den Boden. “Wie wär´s?”


5. Kapitel


Es bollerte wieder an der Tür. “Verdammt noch mal, was treibst du da drin, du Penner?” fluchte eine Stimme rüde, während wütend am Türgriff gerüttelt wurde. “Mach hinne, es müssen auch noch andere ins Bad!“ Ich schnalzte genervt mit der Zunge, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Statt dessen betrachtete ich prüfend mein Spiegelbild. Ich war zufrieden mit dem, was ich da sah. Die braunen Kontaktlinsen und die falsche Zahnspange ließen mein Gesicht völlig verändert aussehen, null Make-Up und die brünette Perücke mit dem unspektakulären Kurzhaarschnitt taten ein Übriges. Seufzend zupfte ich an den kurzen Koteletten und stopfte eine Strähne meiner eigenen Haar unter den Rand. “Hoffentlich wirst du das nicht bereuen”, flüsterte ich mir selber zu und ärgerte mich über meine Feigheit. Aber ich hatte es einfach nicht fertiggebracht, meine Haare abzuschneiden, hatte zwar die Schere angesetzt, sie dann aber sofort wieder in die Ecke geschmissen.

Ich drehte mich kurz und betrachtete meine Silhouette. Meine Kleider waren mir ohnehin zu weit geworden, aber jetzt hingen sie unförmig an meinem Oberkörper herunter. Prüfend fuhr ich mit den Fingerspitzen über meine Brust und fühlte unter dem Stoff die straff gespannte Binde, mit der ich meine Brüste plattgedrückte hatte. Es drückte, es zwickte und erleichterte das Atmen nicht wirklich. Aber es verfehlte seien Wirkung nicht. Aus dem Spiegel schien mich ein Junge anzusehen, mit großen unschuldig braunen Augen und vielleicht etwas zu geschwungenen Lippen. Fremde würde ich so sicher täuschen können. Aber Bill?

Das Geschrei vor der Tür wurde lauter und langsam ging mir das Gepolter auf die Nerven. Seufzend packte ich meine Sachen zusammen, schloss die Tür auf und rauschte mit hoch erhobenem Kopf und einem giftigen Blick an dem Typ vorbei, der sich da so aufspielte. Ralle hatte mir ein Zimmer in einer billigen Pension besorgt, das Bad teilten wir uns mit dem ganzen Flur. Das Zimmer selbst war winzig, aber sauber, grade groß genug für eine nackte Matratze auf dem Boden, eine schmale Kommode und einen Stuhl. Einen Augenblick dachte ich wehmütig an mein gemütliches Apartment im Haus meiner Eltern, verscheuchte aber den Gedanken sofort wieder. Ich wollte mir die Chance nicht entgehen lassen, noch etwas in Bills Nähe sein zu können. Ihn noch ein paar Mal sehen zu können. Dafür war mir jeder Preis recht.


* * *


Die nächsten Tage verbrachte ich damit, Kisten zu schleppen, in den Katakomben des Studios Lagerräume zu suchen und diverse Zimmer zu putzen. Ralle war so etwas wie der Hausmeister hier, kümmerte sich um die Lagerräume und erledigte etliche Kleinigkeiten, für die sich sonst niemand zuständig fühlte. Er hatte mich an meinem ersten Tag kurz vorgestellt und seit dem hatte mich kaum ein Mensch wieder eines Blickes gewürdigt. Und das war mir auch ganz recht so. Je weniger ich beachtet wurde, umso geringer war die Gefahr, dass ich auffliegen würde.

Nur eins ärgerte mich und zerrte gewaltig an meinen Nerven: Ich hatte Bill nicht wiedergesehen. Ich schlich über die Gänge und glaubte, hinter jeder Ecke seine Schritte zu hören. Wenn mir jemand entgegenkam, blieb ich stocksteif stehen und hielt den Atem an, aber es war jedes Mal falscher Alarm. Bis auf heute morgen. Frustriert war ich aus einem kleinem Abstellraum gekommen, in dem ich ausgefegt hatte, als ich plötzlich Bills Stimme hörte. Sie war so leise, dass ich zuerst glaubte, mich getäuscht zu haben. Atemlos blieb ich stehen und spitzte die Ohren. Kein Zweifel - es war Bill! Ich konnte mich grade noch zusammenreißen, um nicht laut zu jubeln.

Mit schiefgelegtem Kopf pirschte ich an etlichen Türen entlang und lauschte angestrengt. Da! Von da drinnen kam seine Stimme. Aufgeregt presste ich mein Ohr an die Tür. War er da drin? War nur dieses bisschen Metall zwischen uns? Ich spürte wie eine Gänsehaut über meinen Rücken kroch und mir das Blut ins Gesicht schoss. In meiner Aufregung bemerkte ich die sachten Schritte im Inneren des Raumes nicht.

Plötzlich wurde die Tür so heftig aufgerissen, dass ich mit einem kleinen Aufschrei vorwärts flog. Rüde wurde ich an den Oberarmen gegriffen und unsanft zurück in den Flur gestoßen, so dass ich gegen die gegenüberliegende Wand knallte. “Ach nee, wen haben wir denn da?” fragte eine Stimme spöttisch. Ich blickte auf und sah in ungehalten funkelnde Augen. “Ralles kleines Helferlein...” witzelte der Typ und kreuzte die Arme vor der Brust. Ralle hatte ihn mir vorgestellt: Ich erinnerte mich zwar nicht an seinen Namen, aber er war so etwas wie ein Betreuer für die Newcomer-Bands und kümmerte sich um die Probeaufnahmen - und damit auch um Bill. “Ein ganz kleines Licht, aber ein ganz großer Wichtigtuer, halt dich von dem fern”, hatte Ralle mich gewarnt und langsam begriff ich, was er damit gemeint hatte.

Vorsichtig versuchte ich, über die Schulter des Kerls in den Raum dahinter zu spähen, aber ich sah nur mehrere Computer-Bildschirme und technisches Zeug. Aus einem Lautsprecher quoll Bills Stimme, aber er war nirgends zu sehen. Enttäuscht ließ ich die Schultern hängen. Der Typ stieß mir unsanft den Zeigefinger gegen die Schulter. “Was hast du hier herumzuschnüffeln, hä?” raunzte er mich an und baute sich vor mir auf. Einen Augenblick schaute er mit gerümpfter Nase auf mich herunter, bevor er fast angewidert einen Mundwinkel hochzog. “Irgendwas an die gefällt mir nicht, Kleiner”, blaffte er mich dann an. Ich wurde kalkweiß, während seine Augen sich zu schmalen Schlitzen verengten. Hatte er mich entlarvt??

Er kam noch ein Schrittchen näher und starrte mich eindringlich an. “Ich weiß nicht, was mit dir los ist, du kleiner Pimpf”, sagte er dann leise und sein sauer riechender Atem streifte meine Wange. “Aber das kriege ich raus. Und glaub mir, du wirst hier nicht alt.” Damit drehte er sich um, stapfte in den Raum zurück und knallte mir die Tür vor der Nase zu.

Einen Augenblick stand ich wie betäubt im Flur und starrte die geschlossene Tür vor mir an. Hatte der Typ mir da gerade gedroht? Und plötzlich spürte ich es. Ein kleines, kribbelndes Gefühl kroch über meinen Rücken nach oben, senkte sich tief in meine Eingeweide und setzte lange eingerostete Zahnräder in meinem Hirn in Bewegung. Ein Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ein Bild von Tom, aus alten, alten Zeiten, als wir uns in der Schule gegenübergestanden hatten. “Was wird dein mieses, kleines Intrigantenhirn noch alles ausbrüten, Amaris?” flüsterte seine Stimme in meinem Kopf und seine Augen blitzten belustigt.

Ich spürte, wie ein fieses kleines Grinsen sich in meinem Gesicht breit machte. Falls dieser Typ mich für ein hilfloses Opfer hielt, würde er mich kennenlernen. Ich mochte im Augenblick zwar wie ein Junge aussehen, aber ich hatte die Waffen einer Frau noch nicht vergessen. “Dir werde ich schon zeigen, was mit mir nicht stimmt, mein Schatz”, sagte ich in den leeren Flur. In meinem Kopf reifte bereits ein Plan.


Kapitel 6


Wohl schon zum hundertsten Mal schielte ich misstrauisch an mir herunter und prüfte, wie meine Silhouette aussah, während ich wie zufällig an der Wand vor der Studio-Tür lehnte. Ich hatte meinen weitesten Pullover angezogen, der in lockeren Falten an mir herunterhing und nicht einmal erahnen ließ, was sich darunter verbarg: Meine verruchtester Push-Up-BH, der die Brüste in der Mitte zusammenschob und ein tolles Dekolletee zauberte - zumindest mit dem passenden Oberteil. Aber so, verhangen hinter dicken Stoff, wirkte ich immer noch wie das, wofür alle hier mich hielten: Ein Junge.

Meinen Putzeimer hatte ich neben mir abgestellt, so dass jeder, der zufällig vorbeikam, denken musste, ich warte darauf, in dem kleinen Aufnahmeraum sauberzumachen. Inzwischen hatte ich mich auch wieder an den Namen meines Opfers erinnert: Sven, “wie das notgeile Schaf in dem Videospiel”, hatte Ralle über ihn gewitzelt. Ich lächelte verschlagen in mich hinein. “Wollen wir doch mal sehen, wie passend dieser Vergleich ist”, flüsterte ich boshaft.

Von jenseits der Studio-Tür hörte ich Svens polternde Stimme, er war gerade dabei, eine der Newcomer-Bands zusammenzustauchen, die sich seiner Meinung nach nicht genug anstrengte. “...zu doof dazu?... Chance kommt nie wieder.... Seid froh, dass... Gewaltig in den Arsch treten...” Ich bekam nur Fetzen der Standpauke mit, aber unwillkürlich stellte ich mir vor, wie Sven so mit Bill und seinen Jungs redete und kühle Wut stieg in mir auf. “Na warte, du kleiner Wichtigtuer”, raunzte ich in Richtung der geschlossenen Tür, “wird Zeit, dass dir einer den richtigen Umgangston beibringt.”

Nach ein paar Minuten flog die Tür auf und drei Jungs in Bills Alter kamen mit hochroten Köpfen aus dem Studio gestürmt. Sie sagten kein Wort und machten nur den Eindruck, dass sie schleunigst weg wollten. Ich spähte um die Ecke und sah Sven, wie er sich mit hochzufriedenem Gesichtsausdruck vor einem der Computerbildschirme niederließ. Dem Fiesling hatte es auch noch Spaß gemacht, die Jungs fertigzumachen. Ich atmete tief durch und schluckte meinen Ärger hinunter. Den würde ich schon von seinem hohen Ross herunterholen. Aber dafür musste ich mich zuerst vor ihm erniedrigen.

Ich räusperte mich höflich und klopfte scheinbar zaghaft an die Tür. “Was?” brüllte Sven und sein Kopf ruckte wütend herum. Als er mich erkannte, verfinsterte sich sein Gesicht noch mehr. “Oh, du hast mir grade noch gefehlt!” blaffte er mich an. “Was willst du? Du hast hier drinnen nichts zu suchen!” Ich senkte schüchtern den Blick und trat von einem Fuß auf den anderen. “Ich muss mit Ihnen sprechen”, sagte ich leise und setzte meinen unschuldigsten Augenaufschlag auf. “Vertraulich...”

Seine Miene nahm einen verschlagenen Ausdruck an, als er mich abschätzig betrachtete und die Arme vor der Brust verschränkte. “Na da bin ich aber mal gespannt, was DU wichtiges mit MIR zu besprechen haben kannst.” Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Ich quetschte ein schüchternes kleines Lächeln in meine Mundwinkel und schloss mit einem prüfenden Blick auf den Flur die Tür. Svens missbilligender Blick ruhte auf mir, als ich mich vor ihm aufbaute - und ohne ein weiteres Wort meinen Pullover bis an den Hals hochhob.


* * *


Svens Augen wurden riesengroß und schienen fast aus seinem Kopf herauszufallen. “Was zum Teufel...”, stieß er hervor und sprang auf die Füße, während sich sein Blick geradezu an meinen Brüsten festsaugte. Er kam näher, fixierte mich und leckte sich gierig über die Lippen. Dann stahl sich ein verschlagenes Lächeln in sein Gesicht. “Ich wusste doch gleich, dass mit dir was nicht stimmt”, schnarrte er und kam feixend näher.

Ich lächelte verführerisch und wich ein kleines Stück vor ihm zurück. “Ich stehe auf Männer mit Durchblick”, sagte ich und ließ meine Stimme so weiblich wie möglich klingen. “Männer, die stark sind...” Ich strich mit dem Finger an seiner Brust entlang. “Männer, die anderen überlegen sind...” Ich war bis an die Wand zurückgewichen und ließ zu, dass er sich an mich drückte. “So einen kannst du kriegen, Baby”, röhrte er und seine Stimme klang heiser vor Aufregung. “Ich begreife zwar nicht, warum du dieses Maskerade abziehst, aber mir soll´s recht sein, wenn du dein Kostüm vor mir lüftest.”

Ich spürte seinen Atem an meinem Hals und unterdrückte ein Ekelgefühl. “Nicht hier”, flüsterte ich verführerisch, “man könnte uns entdecken. Komm in einer Stunde zu mir in den Abstellraum, hinten beim Notausgang.” Ich drückte sein Kinn nach oben und bohrte meine Augen in seine. “Und dann zeige ich dir, dass ich wirklich eine Frau bin.” Seine Augen blitzten auf, während ich meinen Pullover wieder nach unten zog und mich unter ihm hervorzuwinden versuchte. Aber er packte mich an den Oberarmen und drückte mich fest an die Wand. “Oh nein, Kleines”, gurrte er rau, “so leicht kommst du mir nicht davon. Ich will einen Vorgeschmack.” Und damit presste er seinen Mund so hart auf meinen, dass mir dir Luft wegblieb.

Ich keuchte erschrocken und versuchte, ihn wegzudrücken, aber war zu kräftig für mich. Ich konnte nur stillhalten und den Kuss über mich ergehen lassen. Und als ich mich gerade fragte, was mich wohl geritten hatte, so einen hirnrissigen Plan auszuhecken, öffnete sich die Tür in Svens Rücken.

“Sven?” hörte ich eine wohlbekannte Stimme und das Blut stockte mir in den Adern. Auch Sven ließ erschrocken von mir ab und drehte sich ruckartig um. Bill stand im Türrahmen und betrachtete uns aus weit aufgerissenen Augen. Sein Gesicht wirkte ungläubig und so überrascht, dass ich fast lächeln musste. “Sven”, wiederholte er, während sein Blick über mich glitt. “Was... Was machst du da mit dem Jungen?”


Kapitel 7


Für einen Augenblick glotze Sven Bill an wie den leibhaftigen Teufel. Dann verzerrte sich sein Gesicht vor Wut und er knallte mit der flachen Hand so heftig dicht neben meinem Kopf an die Wand, dass ich fast aufgeschrieen hätte. “Was hast du hier herumzuschleichen?” brüllte er Bill wutentbrannt an und stürmte mit wütend erhobenen Händen auf ihn los.

Bill zuckte kurz zusammen, aber er wich keinen Zentimeter von der Stelle. Sven war so nah vor ihm stehen geblieben, als wolle er ihn beißen. Aber Bill ließ sich nicht einschüchtern und erwiderte seinen Blick so offen, dass sich ein merkwürdiges Gefühl des Stolzes in mir breit machte. “Du hast mich herbestellt, schon vergessen?” antwortete er ruhig und zeigte dann ohne Umschweife auf mich. “Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Was machst du da mit dem Jungen?”

Sven blinzelte verblüfft und ich hätte Bill am liebsten angefeuert. Wie er dastand... Die Augen weit aufgerissen hinter den steifen Haarsträhnen in seinem blassen, schmalen Gesicht, die Hände an die Hüften gepresst und so stocksteif aufgerichtet, als wolle er sich nie wieder bewegen... So hatte er auch schon vor mir gestanden, damals, vor Ewigkeiten, als wir uns noch gegenseitig das Leben schwergemacht und so viel Zeit damit vergeudet hatten, uns zu umkreisen. Ich schluckte hart und versuchte vergeblich, meinen Blick von ihm loszureißen, aber ich konnte einfach nicht anders. Ich hatte doch so lange darauf gewartet, ihn wieder ansehen zu dürfen.

Sven schnaubte verächtlich und warf mir einen warnenden Blick zu. “Die kleine Kröte hat versucht, mich zu beklauen”, presste er dann durch die Zähne und gestikulierte wild in meine Richtung. “Ich musste nachsehen, was sie... äh... er sonst noch in seinen Taschen hat.”

Bill zog spöttisch eine Augenbraue hoch. “In seinen Taschen, soso”, wiederholte er langsam. “Das sah mir aber anders aus.” Sven lief knallrot an und ein Muskel zuckte gefährlich in seiner Wange. “Das geht dich einen Scheißdreck an, Klugscheißer, KAPIERT?” donnerte er und kleine Speichelfetzen flogen aus seinem Mund. Dann drehte er sich zu mir um und spießte mich fast mit dem Zeigefinger auf. “Und du...”, presste er hervor und seine Stimme hatte einen Unterton, der mir eine unbehagliche Gänsehaut über den Rücken jagte. “Du vergisst besser nicht, was wir besprochen haben.”

Ich konnte sogar durch meine Kleidung spüren, wie seine Blicke über meinen Körper glitten. Er warf Bill einen letzten drohenden Blick zu, bevor er auf den Gang stürmte und die Tür donnernd hinter sich in Schloss pfefferte. Ich war allein. Mit Bill.


* * *


Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, Bill einfach aus dem Weg zu schubsen und wie Sven aus dem Zimmer zu rennen. Aber ich konnte mich nicht rühren. Meine Kehle fühlte sich ausgedörrt an und meine Beine waren wie weicher Kautschuk. Ich presste mich mit dem Rücken flach gegen die Wand, während mir mein Herzschlag wie Donnergrollen in den Ohren dröhnte und ich Bill anstarrte wie ein hypnotisiertes Kaninchen.

“Wow”, machte Bill und deutete kurz auf die Tür. “Die war zu.” Ein schiefes kleines Lächeln spielte um seine Lippen, als er mich wieder ansah und einen kleinen Schritt näher kam. Ich konnte das kleine Grübchen an seinem Mundwinkel sehen und spürte, wie es in meinen Magen rumorte. “Alles klar mit dir?” fragte er vorsichtig und betrachtete mich mit gerunzelter Stirn. Fast erwartete ich, dass er mich erkennen würde, dass etwas in seinem Blick aufflackern und ich endlich, endlich in seine Arme fallen konnte. Aber nichts geschah. Also nickte ich nur hastig und senkte schnell den Blick.

Ich musste nicht aufschauen, um zu spüren, wie er näher trat. “Du heißt Andy, nicht wahr? Bist der Gehilfe von Ralle...” Wieder konnte ich mich nicht zu mehr als einem Nicken aufraffen. “Hey...” sagte Bill freundlich und knuffte mich gegen die Schulter. “Jetzt beruhig dich mal wieder. Ich erzähl auch keinem von deinem... ähm... Zusammenstoß mit Sven.” Er ließ sich dicht neben mir auf die Kante des Computertisches sinken. “Er kann echt ein Stinkstiefel sein.” Dieser Ton in seiner Stimme... Ich musste grinsen und warf ihm einen schnelle Blick aus den Augenwinkeln zu.

Bill legte den Kopf schief und sah mich eindringlich an. “Sag mal...”, fragte er langsam, “kenne ich dich von irgendwo her?” Mein Kopf ruckte hoch und ich starrte ihn erschrocken an. Ein heißer Stein fiel in meine Magengrube und ich war fest überzeugt, dass es jetzt passieren würde. Hinter meinem Rücken krallte ich meine Fingernägel so fest ich konnte in meine Handballen, um nicht laut zu schreien. “Ich... Ich glaube nicht”, antwortete ich leise und versuchte, meine Stimme möglichst männlich klingen zu lassen.

Er betrachtete mich noch einen Augenblick mit hochgezogenen Augenbrauen. Dann zuckte er die Schultern. “Komisch... Irgendwie kommst du mir bekannt vor.” Und plötzlich wünschte ich mir, dass sich ein Loch im Boden unter mir auftun würde. Mein großartiger Plan, unerkannt in seiner Nähe sein zu können, machte mich jetzt fast verrückt. Es machte mich wahnsinnig, so nah vor ihm zu stehen und doch nicht bei ihm zu sein. Mit Mühe wehrte ich mich gegen das bittere Gefühl der Tränen, die mir die Kehle hochstiegen.

Bill warf einen Blick auf seine Uhr. “Tja, mein Gespräch mit Sven hat sich wohl erledigt”, meinte er schulterzuckend. “Ich geh dann mal.” Damit stand er auf und gab mir einen Klaps gegen die Schulter. “Tschüss, wir laufen uns sicher mal wieder über den Weg.” Bevor er aus der Tür ging, drehte er sich noch mal schnell zu mir um. “Lass dich von Sven nicht stressen, okay?” Ich nickte schwerfällig, während Bill mir vertraulich zuzwinkerte und dann die Tür hinter sich zuzog.

Ich hatte mich selten so verlassen gefühlt wie in diesem Augenblick. Ein paar Minuten stand ich wie paralysiert da und wartete darauf, dass sich das dumpfe Gefühl in mir lichten würde. Wütend hieb ich mit der Faust gegen die Wand. “Reiß dich zusammen, Amaris!” fauchte ich mich selbst an und richtete mich stockgerade auf. “Aufgeben passt nicht zu dir. Diesen Sven machst du fertig - und dann denkst du über den Rest nach.”


Kapitel 8


Als ich seine Schritte auf dem Gang hörte, kontrollierte ich ein letztes Mal mit einem schnellen Blick, ob meine kleinen Vorkehrungen auch alle an Ort und Stelle waren. Meine Jungenschnitt-Perücke hatte ich abgenommen und mein langes Haar duftig um meine Schultern drapiert. Lasziv setze ich mich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf eine der Kisten in dem kleinen Abstellraum, lehnte mich ein bisschen zurück und setzte genau jenen verruchten Schlafzimmerblick aus halb geschlossenen Lidern und mit leicht geöffneten Lippen auf, der bei Männern wie Sven immer zog.

So saß ich wie die schwarze Witwe in ihrem Netz und wartete mit einem kribbeligen Gefühl im Nacken darauf, dass sich die Tür öffnete. “Jetzt oder nie”, redete ich mir selbst in Gedanken zu, “jetzt muss die Falle zuschnappen.” Als die Türklinke sich langsam senkte, beschlich mich für einen Augenblick kalte Angst und ich fragte mich verschreckt, ob mir klar war, auf was ich mich da eingelassen hatte. Aber schon schob sich Svens grinsendes Gesicht durch den Türspalt. Ich konnte nicht mehr zurück.

Er entdeckte mich sofort und an dem anerkennenden kleinen Funkeln in seinen Augen erkannte ich, dass ihm der Anblick, den ich ihm zu bieten hatte, gefiel. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, drehte er auch schon den Schlüssel im Schloss und wandte sich mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck zu mir um. “Es soll uns ja nicht schon wieder jemand stören, nicht wahr, Baby?”

Ich lächelte ihn vielsagend an und schaukelte einladend mit dem Fuß. Mit einem langen Schritt stand er vor mir und packte mich besitzergreifend um die Hüften. “So”, grinste er, “und jetzt ziehst du diese hässlichen Sack-Klamotten endlich aus!” Er griff nach dem Saum meines Pullovers und fing an, ihn mir über den Kopf zu ziehen. Ich achtete darauf, möglichst unbewegt in seinen Armen zu hängen und hin und wieder mein Gesicht mit einem gequälten Ausdruck nach oben zu drehen. Schließlich sollte die kleine Kamera, die ich in der Ecke über unseren Köpfen montiert hatte, auch schön aussagekräftige Bilder bekommen.

Sven hatte sie in seiner Geilheit nicht einmal bemerkt. Genau darauf hatte ich gesetzt und lächelte sanft in mich hinein. Ich ließ zu, dass er mich ein paar Minuten lang befingerte und mit glitschigen Lippen an meinem Hals und in meinem Dekolletee herumschmuste. Als er seine Finger in meine Hose schieben wollte, drückte ich die Hände gegen seine Brust, aber er ließ sich nicht wegschieben. “Na, auf einmal so zimperlich?” hörte ich seine heisere Stimme dicht an meinem Ohr. “Jetzt komm schon, Baby, hab dich nicht so...”

Ich lehnte mich zurück, warf einen letzten scheinbar hilfesuchenden Blick in die Kamera und sah Sven dann offen in die Augen. “Vorher habe ich noch eine kleine Überraschung für dich” hauchte ich und beobachtete amüsiert, wie sich ein geiles Lächeln in seinem Gesicht breit machte. “Ich mag deine Überraschungen, Baby”, grinste er und zog in genießerischer Erwartung seinen Hosenreißverschluss auf.

“Oh”, schnurrte ich und legte den Kopf schief, “diese wirst du lieben.” Ich deutete über meine Schulter und lächelte noch breiter, als ich sah, wie Svens Blick meinem Finger folgte, wie er die Kamera entdeckte und wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich. “So”, fuhr ich dann zufrieden fort, “du kannst dir sicher vorstellen, dass diese kleine unscheinbare Linse gerade aufgenommen hat, wie du versuchst, mich zu missbrauchen. Und nun unterhalten wir uns zu meinen Bedingungen.”


* * *


Er kämpfte gut, das muss ich ihm lassen. Er tobt, schrie und drohte mir, packte mich am Kragen und drückte mich gegen die Wand, versuchte mich niederzustarren und kündigte an, mich so zusammenzuschlagen, dass mir alles vergehen würde. Aber ich lachte nur über seine jämmerlichen Versuche, die Oberhand zu gewinnen. Er saß in der Falle und ich musste nur noch kühl lächelnd abwarten, bis er das erkannte.

Schließlich stieß er mich grob gegen die herumstehenden Kisten und grub mit einem Aufschrei die Hände in sein Haar. “Ich zeige dich an, du miese Erpresserin”, stieß er hervor. “Ich nagele dich ans Kreuz!” Ich lächelte ihn liebenswürdig an. “Tu das. Zeig das blonde Mädchen auf dem Video an, dass niemand je gesehen hat. Für alle anderen hier bin ich der harmlose kleine Andy.” Dazu schenkte ich ihm meinen unschuldigsten Augenaufschlag und klimperte sanft mit den Wimpern.

Einen Augenblick fixierte er mich ungläubig. Dann ließ er sich auf eine der Kisten sinken und lehnte den Kopf in die Hände. Er sah geschlagen und müde aus, fast hätte er mir leid getan. Fast. “Also gut”, sagte Sven dann leise. “Was willst du?”

Ich täschelte ihm den Kopf wie einem unterwürfigen Hund. “Sehr brav”, lobte ich, griff in seine Haare und zwang ihn, mich anzusehen. “Ich will Bill. Ich will in seiner Nähe sein, will wissen, was er tut, wohin er geht, wo die Band auftritt, wann sie im Studio sind. Du wirst mich zu deiner rechten Hand machen und dafür sorgen, dass ich jederzeit in die Betreuung der Band eingebunden bin.” Ich hatte mich ihm immer mehr genähert und stand jetzt so dicht vor ihm, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. “Und wenn du versuchst, mich zu verscheißern, mich zu hintergehen oder mich zu verraten”, sagte ich mit seidiger Stimme und lächelte engelhaft, “dann mache ich dich fertig.”


* * *

Ich pfiff leise vor mich hin, als ich die Tür zum Abstellraum hinter mir zuzog. Es hatte sich so gut angefühlt, zuzusehen, wie sich dieser widerliche Typ vor mir wand. Schwungvoll warf ich meine Haare über die Schulter und rollte sie im Nacken zusammen, um meine Perücke wieder aufzusetzen. Schließlich war ich für alle anderen immer noch der kleine, graumäusige Andy.

Plötzlich hörte ich hinter mir ein erschrockenes Keuchen. Wie angewurzelt blieb ich stehen, während meine Eingeweide sich in Wasser verwandelten. Langsam wandte ich mich um.


Kapitel 9


“Oh nein, bitte nicht”, betete ich inständig und kniff die Augen zu, während ich mich umdrehte. Aber natürlich hatte ich kein Glück. Mein Blick glitt von unten über ausgebeulte Hosen, ein viel zu weites Shirt unter einer Trainingsjacke und blieb an weit aufgerissenen Augen unter dem breiten Schirm einer viel zu großen Kappe hängen. Tom glotze mich an wie eine Geistererscheinung - und so fühlte ich mich auch. Ich wünschte mit nur, mich auflösen und einfach verschwinden zu können wie der kopflose Reiter.

“Amaris??” krächzte Tom und kam einen Schritt näher. “Das glaub ich ja nicht!” Er war vor mir stehengeblieben und starrte mich an, als wäre er sich immer noch nicht sicher, dass ich keine Luftspiegelung war. “Was - zum - Teufel - machst - DU HIER?” fuhr er mich gereizt an, während seine Stimme immer lauter wurde. Erschrocken drückte ich ihm die Hand auf den Mund und zischte ihm zu, leise zu sein, bevor ich ihn am Arm packte und ihn durch die nächstbeste Tür bugsierte. Er war zu platt, sich zu wehren und stolperte einfach hinter mir her.

Wir waren in einem kleinen Zimmerchen gelandet, in dem nur ein Tisch und einige Stühle standen. Und kaum hatte ich die Tür hinter uns geschlossen, riss er sich los und funkelte mich wütend an. “Ich kann es nicht fassen, dass du hier bist!” polterte er und warf aufgebracht die Hände in die Höhe. Seine Augen wurden ganz schmal, als er mich mit gerunzelter Stirn fixierte und mich fast mit dem Zeigefinger aufspießte. “Sag mir sofort, was du hier willst!” quetschte er mühsam durch die Zähne.

Ich hob hilflos die Schultern. “Ich... Ich wollte nur”, setzte ich an, aber Tom winkte nur ab. Müde wischte er sich über die Augen. “Schon gut, hör auf. Ich kann´s mir denken.” Er begann, unruhig im Raum auf- und abzugehen und mir immer wieder funkelnde Blicke zuzuwerfen. “Das geht nicht”, redete er vor sich hin, “das ist nicht gut, du darfst nicht hier sein. Bill darf dich nicht sehen. Er darf nicht wissen, dass du da bist. Hast du eine Ahnung, wie lange es gedauert hat, bis er wieder halbwegs normal geworden ist, seit wir hergekommen sind?”

“Oh ja, davon habe ich sehr wohl eine Ahnung”, sagte ich leise und senkte den Blick. Ich wollte ihn nicht sehen lassen, dass mir Tränen in die Augen gestiegen waren. Tom war abrupt stehen geblieben. Ich hörte ihn tief seufzen. “Hör zu, Amaris”, sagte er schließlich leise, “ich kann mir denken, dass das auch für dich nicht leicht war. Aber du musst hier verschwinden.” Er machte eine herrische Handbewegung. “Es gibt keinen anderen Weg.”

Ich straffte mich und sah ihm wieder offen in die Augen. “Oh doch, Tom”, sagte ich bestimmt. “Den gibt es.”


* * *


Es war nicht einfach gewesen, Tom zu überzeugen, er wäre mich am liebsten auf der Stelle losgeworden. Aber schließlich musste er doch lachen, als ich ihm erzählte, wie ich mich eingeschlichen hatte. Schließlich hatten wir einen Deal geschlossen: Er gab mir zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen er mich nicht verraten und vor allem Bill nicht erzählen würde, dass ich mich in seiner Nähe herumdrückte. Danach musste ich mich zurückziehen und sang- und klanglos verschwinden - diesmal für immer. Die Vorstellung schnitt mir schon jetzt ins Herz, aber ich hätte Tom in diesem Augenblick wohl so ziemlich alles versprochen, um bleiben zu können.

“Aber ich habe da auch eine winzige Bedingung”, sagte Tom schließlich und das verschlagene, kleine Schmunzeln um seine Mundwinkel ließ mich zusammenzucken. “Wir werden in den nächsten Wochen öfter mit Stephan auftreten.” Er fuchtelte mit der Hand in der Luft herum. “Du weißt schon, der ist im Moment ziemlich hipp. Und das bedeutet, er hat jede Menge Fans.” Toms Augen funkelten. “Hübsche, junge, weibliche Fans.” Er grinste mich an. “Und du wirst mir helfen, an die ranzukommen. Wenn ich ein Mädchen will, wirst du sie für mich klarmachen. Kannst dich ruhig weigern”, erklärte er mir mit einem liebevollen Lächeln, als ich empört schnaubte und schon widersprechen wollte, “aber dann lasse ich dich gleich hochgehen.”


* * *


Das Geschrei war fast ohrenbetäubend. Ich musste zweimal hinschauen, um zu glauben, dass die Handvoll Mädchen, die sich hier vor der Studiotür versammelt hatten, so einen Radau veranstalten konnte. Stephan schien das nicht viel auszumachen. Routiniert schrieb er seine Autogramme, posierte mit vor Aufregung zitternden Mädchen am Arm und lächelte gekonnt in winzige Digicams. Ich hatte mich längst wieder in den unscheinbaren Andy verwandelt, lehnte an der Eingangstür und beobachtete ihn. Er sah gut aus. Groß, blond, gut gebaut, kein Wunder, dass diese Mädchen auf ihn abfuhren. Einen Augenblick durchfuhr mich ein eifersüchtiger kleiner Stich, als ich mir vorstellte, dass auch Bill in nicht allzu ferner Zukunft so umschwärmt werden würde.

Unbehaglich betrachtete ich die Fans und überlegte, welche von ihnen Tom sich wohl aussuchen würde und wie ich es anstellten sollte, sie für ihn “klarzumachen”. Inzwischen hatte Stephan sich bis an die Tür durchgekämpft, winkte noch einmal galant in die Menge und löste damit noch einen weiteren Schreie-Chor aus. Dann zwinkerte er mir im Vorbeigehen lustig zu und verschwand im Gebäude. Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter uns und das Geschrei der Mädchen verstummte.


Kapitel 10

Am liebsten hätte ich ihm sein dreistes Grinsen aus dem Gesicht geklatscht. Tom wedelte mit den Händen in meine Richtung und gab mir einen auffordernden Schubs. “Na los, geh schon... Andy!” grinste er und betonte den Namen wie eine Auszeichnung. “Die kleine Blonde da drüber mit dem schwarzen Shirt.” Ich warf ihm einen bösen Blick zu und trottete lustlos auf die Gruppe Mädchen zu, die gerade kichernd die Köpfe zusammensteckten.

Bisher hatte ich nicht geglaubt, dass er ernst machen würde. Aber gleich nach dem ersten Auftritt der Jungs mit Stephan in diesem kleinen, kuscheligen Club hatte Tom mich hinterher auf die Seite genommen und mir ohne Umschweife erklärt, auf welches Mädchen er ein Auge geworfen hatte. Fast verfluchte ich Sven, weil er Wort gehalten und mich zu dem Auftritt mitgenommen hatte. Bei dem Gedanken an ihn konnte ich mir das fiese Grinsen nicht verkneifen. Am Morgen hatte er mir wortlos einen Auftritts- und Probenplan der Jungs zugesteckt und sorgfältig darauf geachtet, mir nicht zu nahe zu kommen oder mir in die Augen zu sehen. Aus dem großkotzigen Macho war ein unterwürfiger Schoßhund geworden. Gott, wie mich das freute.

Aber nicht in diesem Moment. Ich straffte mich und marschierte mit zusammengepressten Lippen auf Toms “Auserwählte des Abends” zu. Zum Glück bekam Bill das Spektakel nicht mit. Er war gleich nach dem Auftritt verschwunden, hatte etwas von müde und Kopfschmerzen gemurmelt und mir nur im Vorbeigehen kurz zugenickt. Zum ersten Mal, seit ich hier angekommen war, war ich froh, ihn nicht in der Nähe zu haben.

Inzwischen hatten mich die Mädchen entdeckt und wandten mir fragend die Gesichter zu. Ich setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf und beschloss, es mit einem Frontalangriff zu versuchen. “Hallo”, sagte ich ohne Umschweife zu Toms Favoritin. “Lust, die Band kennenzulernen?”


* * *


Das war jetzt mindestens schon der zehnte Alkopop, den ich für Tom heranschleppte. Man merkte ihm schon längst an, dass bei ihm der Pegel gestiegen war, denn er hatte sich förmlich am Ausschnitt eines Mädchens festgesaugt. Der dritten an diesem Abend. Und natürlich hatte ich auch die für ihn ranschaffen müssen. Ich seufzte frustriert. Dieser Deal mit dem kleinen Pascha fing an, wirklich lästig zu werden.

“Da, Nachschub für dich”, sagte ich barsch, drückte Tom die Flasche in die Hand und wollte mich schleunigst verziehen, bevor Tom einfiel, dass er jetzt gerne Mädchen Nummer vier serviert bekommen würde. Aber er packte mich am Arm, schob seine Freundin der Stunde beiseite und kümmerte sich nicht um ihren empörten Protest. “Na, gar nicht so schwer, die Ladies klarzumachen, was?” zwinkerte er mir süffisant zu, während er mich neben sich zog. Sein Blick hatte schon einen glasigen Schimmer und ich rümpfte angenervt die Nase, aber er ließ nicht locker. “Würde Bill auch mal gut tun, sich ein bisschen zum Spielen rauszutrauen”, fuhr er grinsend fort und sofort wurde ich hellhörig. Der Gedanke, Bill jemals so zu sehen, machte mich auf der Stelle krank. “Mach nicht gleich so ein entsetztes Gesicht”, lachte Tom und beugte sich vertraulich zu mir vor. “Weißt du, seit wir mal bei so einer Kirmes waren und danach eine gewisse blonde Tussi aufgetaucht ist und ihn abgeschleppt hat, verschwindet er fast nach jedem Auftritt sofort.” Missbilligend schüttelte er den Kopf und fixierte mich. “Obwohl ich immer noch nicht begreife, was die Hexe mit ihm gemacht hat.”

Perplex blinzelte ich Tom an. Vor meinem inneren Auge sah ich Bill und mich, wie wir Hand in Hand durch den Wald gingen, in eine milchige Nebelwolke eintauchten und uns zum ersten Mal richtig küssten. Ein brennendes Gefühl stieg mir in die Augen, als ich an jenen Abend dachte. Ich war so glücklich gewesen. Und kurz danach war alles zerbrochen.

Wie im Traum sah ich plötzlich Bills Gesicht durch die Menge treiben. Benommen schüttelte ich den Kopf, aber das Bild verschwand nicht. Er war wirklich da und ein freudiger Schreck fuhr mir in die Glieder. Immer wieder wandte er suchend den Kopf und fast überlegte ich, mich schnell aus dem Staub zu machen, bevor er näher kam. Ich wusste nicht, ob ich seine Gegenwart jetzt in diesem Moment ertragen konnte. Aber es war zu spät, er hatte Tom schon entdeckt und steuerte sofort auf uns zu. Ich spürte auf der Stelle, wie eine aufgeregte Gänsehaut über meinen Rücken kroch und sich mein Herzschlag beschleunigte.

Bill nickte mir nur kurz zu, betrachtete Tom einen Augenblick lang und nahm ihm dann ohne Umschweife die Flasche aus der Hand. Mit einem Schluck trank er sie aus und drückte sie mir dann in die Hand, ohne mich anzusehen. Sein Blick haftete fest auf seinem Bruder. “Tom, ich habe nachgedacht”, verkündete Bill bestimmt und seine Stimme klang seltsam verändert. “Ich habe beschlossen, deinen Rat anzunehmen und mich auch mal umzusehen.”

Meine Augen wurden groß... Was meinte er bloß damit? Am liebsten hätte ich ihn am Kragen gepackt und geschüttelt. Suchend schaute Bill sich um. “Also... Wo sind die süßen Mädels?”


Kapitel 11


In meinem Kopf hatte eine rote Lampe angefangen, zu rotieren. Ich konnte nicht glauben, was ich da gehört hatte und glotze Bill an wie den Heiligen Geist. Heißes Adrenalin pumpte durch meine Adern, während ich mich nur mit Mühe zurückhalten konnte, ihn nicht am Kragen zu packen und zu schütteln. Ich war drauf und dran, mir die Perücke vom Kopf zu reißen und ihn anzubrüllen, was ihm einfiele, so etwas zu sagen, wo ich daneben stand. Eben hatte ich mich noch in dem warmen Gefühl gebadet, dass er an mich dachte, mich nicht vergessen hatte - und jetzt das!

Auch Tom war der Kiefer heruntergeklappt. Aber nur für eine Sekunde. Dann machte sich ein hinterhältiges kleines Lächeln um seine Lippen breit und mit einem schnellen Seitenblick auf mich legte er Bill den Arm und die Schultern und klopfte ihm anerkennend auf den Arm. “Sehr gut, Brüderchen”, lobte er und in meinen Ohren triefte seine Stimme vor Hohn, “man kann schließlich nicht ewig irgendwelchen Verflossenen hinterherheulen.” Ich schnappte empört nach Luft und hätte ihn am liebsten getreten. Aber Tom zog nur spöttisch eine Augenbraue hoch und warf mir einen warnenden Blick zu.

Bill hatte Toms Spruch mit einem säuerlichen Lächeln quittiert und begann, sich im schummerigen Licht des Clubs umzusehen. “Also”, sagte er langsam und ließ seinen Blick über die in Grüppchen herumstehenden Mädchen schweifen. “Was meinst du, Tom, welche soll es sein?”

Mir blieb fast die Luft weg. Er machte wirklich Ernst! Ich konnte es einfach nicht glauben! Hinter meiner Stirn überschlugen sich die Gedanken, was sollte ich nur machen? Ihm Bier über die Hose kippen, eine Schlägerei anzetteln und ihn niederschlagen oder einfach meine Deckung aufgegeben und ihn niederknutschen? Aber als ich in Toms Gesicht sah, vergaß ich alles auf einen Schlag. Sein Lächeln jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Mir war klar, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Und ich sollte Recht behalten.

“Och, Bill, warum lassen wir Andy nicht die Auswahl treffen?” sagte er boshaft und bohrte seinen Blick in meine Augen. “Er hat mir heute schon ausgezeichnetes Material rangeschafft, echt erste Sahne”, erklärte er Bill ernsthaft und leckte sich über die Lippen wie ein kleines Kind beim Eisschlecken. Bill wandte den Kopf und sah mich mit nachdenklichem Gesichtsausdruck an. “Stimmt das?” fragte er dann langsam und betrachtete mich zögernd. “Nein!”, schrie ich im gleichen Augenblick, in dem Tom “Ja!” krähte, und Bills Blick glitt irritiert zwischen uns hin und her. Tom gab mir einen Stoß und schubste mich in Richtung der Tanzfläche. “Na los, Andy, hab dich nicht so!” In diesem Moment schwor ich mir, ihm dieses Grinsen irgendwann heimzuzahlen.

Bill schien noch einen Augenblick zu überlegen. Aber dann zuckte er nur die Schultern. “Gut, schaden kann´s ja nicht”, sagte er dann lapidar und klopfte mir kurz auf die Schulter. “Such mir was Hübsches aus, Andy.” In mir wuchs der Wunsch, ihnen die Augen auszukratzen. Allen beiden!!


Kapitel 1


Ich war so geladen, dass ich mir mit alle Kraft auf die Zunge biss, um mich davon abzuhalten, Bill laut schreiend eine Ohrfeige zu verpassen und Tom ein hübsches Veilchen für sein freches Grinsen. Das hatte sich inzwischen über sein ganzes Gesicht ausgebreitet und als er auch noch die Hand hob, um mir liebenswürdig zuzuwinken, war es um meine Selbstbeherrschung fast geschehen. Ruckartig drehte ich mich um und stolzierte mit so viel Würde, wie ich in diesem Moment zusammenkratzen konnte, auf die überfüllte Tanzfläche. Weg, nur weg, aus dem Blickfeld der beiden.

Ich zwängte mich rücksichtslos durch die Leute, fegte im Vorbeigehen eine Handvoll Gläser und Flaschen von einem Tisch und zischte wütend einen Typen an, der den Fehler begangen hatte, mir im Weg herumzustehen. Ich riss ihm einfach seine Bierflasche aus der Hand, kümmerte mich nicht um sein Potestgeschrei und kippte die kalte Flüssigkeit ohne Abzusetzen hinunter. Die Flasche schleuderte ich achtlos auf den Boden, mitten in eine Gruppe Teenie-Mädchen, die mit erschrockenen Aufschreien auseinanderstoben. “Dämliche Hühner!” giftete ich sie an. Und so eine sollte ich ansprechen? Für Bill? Von Tom hatte ich ja solche Eskapaden erwartet. Aber Bill??

Ich stieß ärgerlich die Luft durch die Zähne und ließ mich mit überkreuzten Armen an die gegenüberliegende Wand des Clubs sinken. Eine Weile schimpfte ich noch vor mich hin und bedachte Bill und vor allem Tom mit allen Flüchen und Schimpfworten, die mir einfielen, während ich gleichzeitig mit den Augen den Raum nach einem “Opfer” absuchte. Für Tom hatte ich nicht lange gefackelt, aber hier zu stehen und allen Ernstes nach einem Mädchen für Bill zu suchen, setzte mir gewaltig zu.

“Das ist grausam”, jammerte ich leise und fühlte gegen meinen Willen, wie mir die Augen feucht wurden. Wütend stieß ich meine Faust gegen die Wand und blinzelte die Tränen weg. Entschlossen stieß ich mich von der Mauer ab. “Ich gehe einfach”, sagte ich zu mir selbst. “Ich gehe! Ich schaue mir das nicht an, und noch viel weniger mache ich dabei mit!”

Und plötzlich lief ein Mädchen in mein Blickfeld. Sie war rothaarig und einfach süß, mit blitzenden grauen Augen, porzellanweißer Haut und einer genau an den richtigen Stellen gerundeten Figur. Was mir aber am meisten gefiel, war das Schild in ihrer Hand. Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie, während ich spürte, wie sich ein schelmisches Lächeln über mein Gesicht ausbreitete. “Ach Bill”, murmelte ich versonnen. “Ich glaube, wir haben die passende Kandidatin für dich gefunden.”


* * *

Angestrengt spähte ich durch den Spalt im Vorhang, der die kleine Künstlergarderobe in den Katakomben des Clubs von einem winzigen Vorraum abtrennte. Das eifersüchtige Rumoren in meinen Eingeweiden, das noch mehr an mir nagte, als ich angenommen hatte, versuchte ich, so gut es ging zu unterdrücken. Bill und die Rothaarige hatten sich eine Weile an der Bar unterhalten, aber sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie vor hatte, in die Vollen zu gehen. Irgendwann hatte sie ihm etwas ins Ohr geflüstert, seine Hand gegriffen und ihn hinter sich hergezogen.

Ich war ihnen gefolgt, mit klopfendem Herzen und voller Adrenalin bis in die Haarspitzen, hin- und hergerissen zwischen bohrender Eifersucht und dem Wunsch, Bill ein für allemal eine Lektion zu erteilen. Und nun stand ich hier und musste zusehen, wie das Mädchen ihm das Shirt über den Kopf zog und sich über ihn kniete. Wie sie ihn in die Kissen des schlichten Sofas drückte, mit den Lippen seinen Hals hinunter glitt und anfing, ihn leidenschaftlich zu küssen.

Eigentlich war ich auf diesen Anblick vorbereitet gewesen, hatte genau gewusst, was passieren würde. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, wie sehr es mich treffen würde, Bills nackte Haut zu sehen und ihn nicht selbst berühren zu dürfen. Ihn unter den willigen Händen einer fremden Frau zu sehen, die ihn streichelte, sich an ihn schmiegte und mit dem Fingerspitzen über seine Brust glitt. “Reiß dich zusammen, Amaris!” schalt ich mich selbst und wollte mich zwingen, wegzusehen. Aber das brachte ich erst recht nicht fertig.

“An was denkst du?” fragte die Rothaarige in die Stille hinein und küsste ihn leicht auf die Lippen. Bill schüttelte schnell den Kopf, in seinem Gesicht hatte ein seltsam abwesender Ausdruck gelegen und ich klammerte mich verzweifelt an den Gedanken, dass er vielleicht, vielleicht an mich gedacht hatte. Das Mädchen beugte sich wieder über ihn und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, während ihre Hände seinen Körper hinuterglitten. Bill schloss die Augen, lehnte sich zurück und ließ sie gewähren.

“Biiihiiill?” fragte sie schließlich wieder. “Hm?” machte er abwesend und hob den Kopf. Sie lächelte, fast ein bisschen schüchtern. “Du... Ähm... Ich weiß, dass ist kein guter Zeitpunkt, das zu fragen... Aber... Du tust es schon noch heute, oder?” Er runzelte die Stirn und sah sie verständnislos an. “Wovon redest du?” fragte er verwirrt. Das eben noch so forsche Mädchen war doch tatsächlich ein bisschen rot geworden. “Naja, der Typ sagte doch...”, setze sie an und wischte sich das Haar aus der Stirn. “Also, weißt du, ich dachte... Also... Ich bin davon ausgegangen, dass du... Ähm... Also, wenn ich ein bisschen nett zu dir bin... Dann stellst du mich Stephan vor!”

Bill setze sich so ruckartig auf, dass das Mädchen fast von der Couch heruntergefallen wäre. “STEPHAN?!?” wiederholte Bill ungläubig. Die Rothaarige nickte eifrig und sah aus wie ein Kind am Weihnachtsmorgen. “Oh ja, er ist ja so süß!” hauchte sie und verdrehte die Augen.

Jetzt musste ich doch über Bills verdattertes Gesicht lachen und warf einen zufriedenen Blick auf das Schild in meiner Hand, dass das Mädchen bis vorhin den ganzen Abend mit sich herumgetragen hatte. “Stephan 4eva!” stand darauf, “Ich liebe dich so sehr!”

Ich grinste in mich hinein und sah zufrieden zu, wie Bill das verdutzte Mädchen von sich stieß, seine Klamotten aufsammelte und durch die Tür zum Flur verschwand wie von Furien gehetzt. “So”, murmelte ich leise, “soviel zum Thema Groupies.”


13. Kapitel

Ich lag in jener Nacht noch lange wach in meinem winzigen Zimmerchen in der Pension, starrte die Decke an und dachte nach. Die Genugtuung. Bill eine kleine Lektion verpasst zu haben, war schnell einem dumpfen Gefühl der Leere gewichen. Ich war immer noch gefangen in diesem merkwürdigen Schwebezustand, war in seiner Nähe und konnte ihn täglich sehen und trotzdem war ich weiter von ihm weg als je zuvor.

Und dazwischen mischte sich eine kalte Wut - auf Tom. Was war nur mit ihm los? Hatten wir uns nicht vertragen? Einen Waffenstillstand geschlossen? Ich war mir so sicher gewesen, dass er verstand, warum ich das alles getan hatte und dass er mir nichts mehr nachtrug. Wütend schlug ich mit der Faust auf meine Bettdecke. “Da hast dich wohl getäuscht”, sagte ich in die Dunkelheit hinein.

Aber dann setzte ich mich ruckhaft auf meiner Matratze auf. Vielleicht konnte er einfach nicht anders? Vielleicht war er noch nie verliebt gewesen und wusste einfach nicht, wie sich das anfühlte? Und dann begann ich zu lächeln. “Du brauchst jemanden, der dich in die Liebeslehre nimmt”, murmelte ich und spürte, wie sich hinter meiner Stirn ein fieser, kleiner Plan zu formen begann. “Und ich weiß genau die richtige Person dafür.”


* * *


Mit Gepolter fiel der schwere Karton zu Boden, ich hatte ihn einfach nicht mehr halten können. Ralles Kopf erschien in der Tür der Lieferwagens und funkelte mich wütend an. “Sag mal, geht´s noch?” blaffte er mich an. “Das ist schon der dritte, den du fallen lässt, was zum Teufel ist denn heute bloß los mit dir?” Zerknirscht trat ich von einem Fuß auf den anderen. “Entschuldigung”, murmelte ich. “Ist nicht mein Tag heute.”

Ralle holte seufzend Luft und winkte dann ab. “Schon gut”, sagte er beschwichtigend. “Hast Glück, dass da heute nur Akten drin sind und keine teure Technik.” Behände sprang er aus dem Wagen und betrachtete mich nachdenklich. “Siehst müde aus”, sagte er kurz und klopfte mir auf die Schulter. “Mach mal ne Pause, den Kram hier können wir auch später noch wegräumen.” Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern schob mich durch die Tür in den Flur und warf mir eine Münze für den Kaffee-Automaten zu. “Hier”, zwinkerte er mir zu, “damit du nicht in der Gegend rumerzählst, ich behandele euch Jungs hier schlecht.”

Bevor ich dazu kam, mich zu bedanken, schreckte das laute Heulen eines Motors mich auf. Ein Auto sauste viel zu schnell durch das Tor und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. “Was zum Teufel...!”, röhrte Ralle, nahm seine Zigarette aus dem Mundwinkel und pfefferte sie wütend auf den Boden. “Was ist denn das für ein Trottel? Hier über den Hof zu rasen wie der Henker!”

Ralle kam nur ein paar Schritte weit, dann blieb er wie angewurzelt stehen. Ein Mädchen stieg aus dem Auto, warf ihre blonde Mähne schwungvoll über die Schulter und ein glutvolles Lächeln in seine Richtung. Ich konnte auch von hinten sehen, wie er schluckte, als sie mit schwingenden Schritten auf ihn zukam - und dann geradewegs an ihm vorbeiging.

Ich grinste über das ganze Gesicht und breitete die Arme aus. “Merle!!” brüllte ich und rannte ihr entgegen. Und schon fielen wir uns lachend in die Arme, während Ralle uns verdattert betrachtete. “Mein Gott, wie du aussiehst!”, brachte Merle schließlich hervor und hielt mich auf Armeslänge von sich. Ich sah sie erschrocken an und schielte zu Ralle, aber sie hatte den Wink schon verstanden und zwinkerte mir begütigend zu.

Ich fiel ihr noch mal um den Hals und drückte sie fest an mich. “Ich kann´s nicht fassen, dass du schon da bist!” strahlte ich sie an. Ich hatte sie erst gestern nacht angerufen - und schon war sie da. Meine liebste Freundin. Meine Verbündete seit Kindergartentagen.

Ralle war neben uns stehengeblieben und hatte feixend die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Hose gehakt. “Deine Freundin?” fragte er grinsend und deutete mit dem Kinn auf Merle. Ich nickte nur strahlend. “Ja, meine Freundin.” Es war nicht einmal gelogen.

Ralle schüttelte kurz den Kopf. “Okay”, sagte er dann süffisant. “Ihr habt sicher ne Menge zu besprechen.” Haut ab, du hast den Rest des Tages frei.”


* * *


“Wow”, machte Merle und pfiff anerkennend durch die Zähne. “Da hast du ja ganz schön was mitgemacht.” Wir saßen in meinem winzigen Zimmerchen und hatte es uns auf der Matratze gemütlich gemacht, so gut es ging. Ich hatte ihr alles erzählt, hatte geredet wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma. Es tat mir so gut, mich einmal nicht verstellen zu müssen, einmal nicht in meiner Rolle bleiben zu müssen und nicht jede Sekunde den Gedanken im Nacken zu haben, dass ich mich verraten könnte oder jemand mich durch einen dummen Zufall entlarvte.

“Und”, fragte Merle vorsichtig, “wie soll es jetzt weitergehen?” Darauf wusste ich keine Antwort. “Ich... Ich habe Angst, dass Tom mich auffliegen lässt”, sagte ich leise und spürte selbst, wie weinerlich meine Stimme klang. “Ich habe keine Ahnung, warum er immer noch so sauer auf mich ist, ich dachte, die alten Geschichten seien längst geklärt.” Meine Stimme versagte mir den Dienst, inzwischen saß mir ein dicker Kloß im Hals.

Merle rutschte sofort zu mir hinüber und strich mir beruhigend über den Rücken. “Ist schon gut, Süße...”, sagte sie bestimmt. “Ich sorge schon dafür, dass er dich in Ruhe lässt.” In ihren Augen blitzte es gefährlich. Ich musste lächeln, denn ich wusste genau, was dieser Blick zu bedeuten hatte.

Aber dann tauchte Bills Gesicht vor mir auf. Wie er ausgesehen hatte, als das rothaarige Mädchen ihn küsste. Wie er damals ausgesehen hatte, als wir uns trennen mussten und ich dachte, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Müde legte ich den Kopf in meine Hände. Es war alles so verfahren. Der Gedanke, ihn bald wieder verlassen zu müssen, ohne wirklich bei ihm gewesen zu sein und ohne, dass er wusste, dass ich überhaupt da gewesen war - das machte mich einfach krank. “Gott, Merle, ich liebe ihn”, schluchzte ich in meine Hände und spürte, wie sie mich an sich zog. “Ich weiß, Süße”, tröstete sie mich sanft. “Wir kriegen das hin.”

Das brach den Damm. Ich spürte, wie sich der Knoten in meiner Brust löste und all die verdrängten Gefühle der vergangenen Tage mit Macht über mich hereinbrachen. Ich ließ mich einfach in ihre Arme fallen und hielt mich nicht mehr zurück. Ich hatte schon lange nicht mehr weinen können und nun konnte ich nicht mehr damit aufhören.


14. Kapitel


Bill fand die Party öde und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zufrieden zu grinsen. Seit sie von der Bühne gekommen waren, nippte er an einem einzigen Drink herum, schaute gelangweilt im Saal umher und beäugte jedes Mädchen mit Misstrauen, das sich ihm näherte. Ganz kurz befiel mich ein schuldbewusster Stich, weil ich ihm den Spaß am Flirten für die nächste Zeit gründlich verdorben hatte. Aber ich schüttelte das Gefühl gleich wieder ab. “Den Denkzettel hat er verdient”, sagte ich mir und richtete meine Aufmerksamkeit auf Tom.

Der grinste wie eine Katze vor einem Mauseloch, lehnte mit lässig aufgestütztem Arm an der Theke und machte sich keine Mühe, zu verbergen, dass er die Mädels eine nach der anderen unter die Lupe nahmen. Ich folgte seinem Blick und beobachtete amüsiert, wie seine Augen plötzlich an einem bestimmten Mädchen hängen blieben. Ich musste nicht hinschauen, um zu wissen, wer sich da so gekonnt in Pose geworfen und mühelos seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Augenblicklich nahm Toms Gesicht diesen Ausdruck an, wie sie kleine Kinder in der Süßwarenabteilung haben, und es dauerte nur Sekunden, bevor er mich am Ärmel zog und in die Menge deutete.

“Die da!” sagte er ohne Umschweife und zeigte auf eine mir wohlbekannte Blondine, die mit elegant überkreuzten Beinen an einem Tisch nicht weit von uns entfernt lehnte. “Die will ich, hol sie mir”, trug Tom mir im Befehlston auf und machte eine wegscheuchende Handbewegung. Normalerweise hätte ich ihm für sein Pascha-Gehabe einen bitterbösen Blick zugeworfen, aber jetzt musste ich mich zusammenreißen, um seinem Auftrag nicht allzu begeistert zu folgen.

Betont langsam schlenderte ich auf das Mädchen zu und gesellte mich zu ihr an den Tisch. “Und?” begrüßte Merle mich mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen. “Er hat angebissen”, bestätigte ich ihr und verbiss mir das erwartungsfrohe Grinsen. “Seine Hoheit hat mich gerade losgeschickt, um dich für ihn klarzumachen.” Ein raubtierhartes Lächeln erschien in Merles Gesicht und sie leckte sich kurz über die Lippen, während sie einen schnellen Blick in Toms Richtung warf und noch einmal glättend mit den Händen über ihre Kleider fuhr.

“Gut”, sagte sie mit leise vibrierender Stimme, “dann wollen wir seine Hoheit ja nicht warten lassen, nicht wahr?” Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu und ging dann mit wiegenden Schritten auf Tom zu. Ich lehnte mich zufrieden zurück. Jetzt brauchte ich nur noch die Show zu genießen.


* * *


Sie war so gut. Sie umgarnte ihn und zog sich immer wieder im richtigen Moment zurück, wenn er näher kam. Sie schmeichelte ihm und verpasste ihm sofort wieder einen Dämpfer, wenn er sich Freiheiten herausnehmen wollte. Sie strich mit dem Finger aufreizend seine Brust nach oben und entzog sich kokett seinem Griff, wenn er seine Hände auf Wanderschaft schicken wollte. Seine Augen waren immer größer geworden und langsam wich der Ausdruck des Jägers in seinem Gesicht dem gequälten Blick des Opfers.

Ich hatte es mir an der Bar bequem gemacht und schlürfte einen Drink nach dem anderen, während ich die beiden amüsiert beobachtete. Irgendwann war Bill an mir vorbeigekommen, hatte nur eine Verabschiedung genuschelt und war mit einem augenrollenden Blick auf Tom gegangen. Einen Augenblick traf mich das Gefühl des Verlassenseins wie ein Dampfhammer, als er aus der Tür verschwand, aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich das alles schließlich nur veranstaltete, um noch ein bisschen länger in seiner Nähe sein zu können.

Inzwischen hatte sich durch den Alkohol ein warmes, fast gleichgültiges Gefühl in mir breitgemacht. Und als ich mich gerade fragte, wie lange Merle das Spiel noch weitertreiben wollte, ging sie endgültig zum Angriff über. Sie packte einfach Toms Gesicht und drückte ihre Lippen besitzergreifend auf seinen Mund, ich konnte sehen, wie er überrumpelt nach Luft schnappte. Aber die Überraschung hielt nicht lange, sofort stahl sich der selbstsichere Blick des siegesgewissen Eroberers in seine Züge. Aber er hatte die Rechnung ohne Merle gemacht.

Sie zog sich langsam von ihm zurück und leckte sich scheinbar prüfend über die Lippen. “Hm”, machte sie nachdenklich. “Hätte gedacht, dass du besser küsst”, beschied sie ihn knapp und maß seinen Körper betont abschätzig von oben bis unten, während er ungläubig die Augen aufriss und alle Farbe aus seinem Gesicht wich. “Weißt du was?” verkündete sie dann fröhlich. “Üb noch ein bisschen, und dann sehen wir weiter.”

Damit warf sie ihm ein galantes Kusshändchen zu, drehte sich um und ließ den verdatteren Tom einfach stehen. Mit Genugtuung sah ich, wie sein Gesichtsausdruck immer entsetzter wurde. Kaum war Merle verschwunden, stürzte er auf mich zu und packte mich am Ärmel. “Hast du das gesehen?”, fragte er fassungslos und klappte den Mund hilflos auf und zu, während ich vor Schadenfreude über das ganze Gesicht grinste. Tom gab mir einen rüden Stoß. “Hol sie zurück! Ich will sie!”


15. Kapitel


Müde schloss ich die Augen und ließ das heiße Wasser einfach an meinem Körper herunterrinnen. Ich spürte jeden Muskel im Leib und jeden der tausend kleinen blauen Flecken, die ich mir heute geholt hatte. Ralle und ich hatten uns Stunde um Stunde durch die Lagerräume gewühlt, technische Ausrüstung verladen und umgelagert, Kartons gestapelt und Kisten geschleppt. Irgendwann hatte ich mich nur noch nach einer heißen Dusche gesehnt und alle anderen Sorgen, die mich bedrückten, fast vergessen.

Aber jetzt brachen sie wieder mit Macht über mich herein. Das Ultimatum, das Tom mir gestellt hatte, näherte sich dem Ende, nur noch wenige Tage und ich musste meine Segel streichen, fortgehen und Bill verlassen - diesmal für immer. Der Gedanke nagte so sehr an mir, dass ich mich kaum noch beherrschen konnte. Weinend lehnte ich den Kopf an die gekachelte Wand, während immer noch der Wasserstrahl über mich rieselte. Diese Qual hatte ich mir selber zuzuschreiben. Was hatte ich denn erwartet? Vielleicht, dass Bill mich trotz allem erkannte? Dass er meine Maske durchschauen und sich nicht von einer Perücke, billigen Kontaktlinsen und einer falschen Zahnspange blenden lassen würde?

Irgendwann kam nur noch kaltes Wasser aus der Dusche, so dass ich mir ein Handtuch um den Leib schlang und mit gesenktem Kopf und in Gedanken verloren über den Gang zurück zu meinem Zimmer trottete. Merle saß mit untergeschlagenen Beinen auf der schmalen Matratze und blätterte entspannt in einer Zeitschrift. “Nanu, was machst du denn hier?” fragte ich sie, während ich mir mit einem Handtuch die Haare ausdrückte. “Ich dachte, du bist mit deinem kleinen Opfer unterwegs.”

Sie hob lächelnd den Kopf und reichte mir ihr Handy. “19 unbeantwortete Anrufe” stand auf dem Display. “Ich lasse ihn noch ein bisschen zappeln”, verkündete sie und lehnte sich gemütlich zurück. Lächelnd schüttelte ich den Kopf. Typisch Merle! Sie würde Tom nicht mehr aus ihren Fängen lassen und ihm so manches beibringen. Und mein Mitgefühl für ihn hielt sich in Grenzen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Erschrocken fuhr ich zusammen und sah Merle entsetzt an. Wer konnte das bloß sein, wer außer Ralle wusste, dass ich hier wohnte? Einen winzigen Moment züngelte der Gedanke durch meinen Kopf, dass es Bill war. Dass Tom mich verraten hatte und dass Bill nun gekommen war, um dieser Farce endlich ein Ende zu setzen. Merle war aufgesprungen und machte mir ein Zeichen, mich in der Nische hinter der Kommode zu verstecken. Ich drückte mich in die Ecke, machte mich so klein wie möglich und hoffte, dass man mich so von der Tür aus nicht sofort würde sehen können.

Merle warf noch einen Blick auf mich, bevor sie die Tür schwungvoll einen Spalt breit öffnete. “Ja?” fragte sie barsch und steckte ihren Kopf in den Flur. “Ist... Ähm... Ist Andy da?” fragte eine merkwürdig verwirrt klingende Stimme, die mir nur zu bekannt war. Genervt verdrehte ich die Augen und kam aus meinem Versteck hervor. Ich legte Merle die Hand auf die Schulter, so dass sie beiseite trat, und zog die Tür ganz auf.

“Was willst du?” fragte ich ungehalten und machte mir nicht mal die Mühe, das locker sitzende Badetuch um meinen Körper wieder zurechtzuziehen. Svens Augen waren riesengroß geworden, während er sich verzweifelt bemühte, mich nicht zu offensichtlich anzustarren, wie ich da halbnackt vor ihm stand. “Na, jetzt weißt du wenigstens endgültig, dass ich eine Frau bin”, säuselte ich süffisant und lächelte ihn verschlagen an. Er blinzelte und schluckte hart, bevor er einen kleinen Schritt zurückwich und unsicher den Mund öffnete.

“Sag schon, was du willst!” herrschte ich ihn an und weidete mich an seinem erschrockenen Gesichtsausdruck. “Ja, also... Es geht um einen Auftrag”, stieß er mühsam hervor. “Bill muss heute abend einen anderen Sänger vertreten... Allein... Ohne die anderen.” Er wischte sich fahrig mit einer Hand durch die Haare, bevor er wieder einen verstohlenen Blick auf mich riskierte. “Ich dachte mir... Du hättest vielleicht Lust, ihn hinzufahren.” Damit drückte er mir eine Karte mit der Adresse und den Schlüssel zu einem der Wagen des Studios in die Hand, drehte sich auf dem Absatz um und rannte fast den Gang entlang.

Langsam schloss ich die Tür und sah Merle an. Sie grinste und hob die Hand, um mich einklatschen zu lassen. “Showtime, Süße.”


16. Kapitel


Ich schrumpfte. Wurde immer kleiner. Ich konnte seinem Blick einfach nicht standhalten und versank unter Bills Augen immer tiefer in die Autositze. Seit ich ihn vom Studio abgeholt hatte, hatte er nicht aufgehört, mich von der Seite zu betrachten. Dabei war mein Herz schon in wilden Galopp verfallen, als ich ihn nur aus der Studiotür auf mich zukommen sah. Er sah müde aus, als hätte er die letzten Nächte nicht gut geschlafen und etwas in seinen Augen erinnerte mich an seinen Blick an jenem Morgen, als wir uns trennen mussten und ich dachte, dass ich ihn nie wiedersehen würde.

Jetzt saß er neben mir und kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. Ich spürte seinen Blick als kribbelndes Gefühl im Nacken und musste alle meine Kraft aufwenden, um nicht auf die Bremse zu treten und ihm hier auf der Stelle um den Hals zu fallen. “Bist du sicher?” fragte er noch einmal und legte den Kopf schief. “Ja”, antwortete ich kurz angebunden, “ich wüsste nicht, woher wir uns kennen sollten.” Seine Augen glitten wieder an meiner Gestalt herunter, die ich sorgfältig unter viel zu weit gewordenen Kleidern versteckt hatte. “Woher kommst du noch mal?” wollte er wissen und legte die Stirn in Falten.

“Och, ich hab hier und da gelebt”, antwortete ich ausweichend und erntete ein frustriertes Schnaufen. “Mann, du bist ja wirklich sehr gesprächig”, murmelte Bill und knibbelte an seinem Nagellack herum. “Ich komme schon noch drauf, was es ist. Irgendwas an dir kommt mir unheimlich bekannt vor.”

Ein paar Minuten fuhren wir schweigend dahin, während in meinem Kopf ein Sturm tobte. Ich betete, dass er meine Tarnung nicht durchschauen möge, denn was würde dann passieren? Würde er mich wegschicken? Würde er froh sein, mich zu sehen, oder erschrocken, dass ich ihm gefolgt war? Und gleichzeitig konnte ich es nicht fassen, dass er mich immer noch nicht erkannt hatte. Ich war doch hier, war direkt neben ihm. Spürte er mich denn nicht?

Plötzlich spießte er mich fast mit dem Zeigefinger auf und ein warmes Lächeln hellte sein Gesicht auf. “Jetzt hab ich´s!” verkündete er ruhig und ein heißer Felsbrocken tropfte in meinen Magen und verwandelte mein Blut in kochende Lava, die mir in den Ohren rauschte. Bill lehnte sich entspannt in seinen Sitz zurück und sah mich mit einem merkwürdig wehmütigen Ausdruck an. “Du erinnerst mich an ein Mädchen, das ich einmal kannte”, sagte er leise.

Für einen Augenblick wurde es mir fast schwarz vor Augen. War das der Moment der Wahrheit? “Ein... Ein Mächen?” stotterte ich unsicher. Bill hatte den Kopf von mir abgewendet und schaute mit seltsam blicklosen Augen hinaus auf die dunkle Straße. “Ja...”, sagte er leise und um seine Mundwinkel zuckte etwas. “Ein Mädchen...” Lächelnd schüttelte er den Kopf. “Sie hat mich ziemlich gebeutelt, weißt du? Aber sie hat auch... PASS AUF!!”

Seine Stimme war schrill geworden und schreckte mich gerade noch rechtzeitig aus meiner Trance auf, dass ich das Steuer herumreißen konnte und nicht in den kreuzenden Verkehr bretterte. “Mann...” keuchte Bill außer Atem. “Die Ampel war aber so was von rot!” Er warf mir einen schnellen Seitenblick zu und zog hastig den Gurt über seiner Brust straff. “Ich höre jetzt besser mal auf, dich vollzulabern. Das lenkt dich scheinbar zu sehr ab.”

Ich holte tief Luft. “Du hast ja keine Ahnung...”, murmelte ich so leise, dass er es nicht hören konnte.


17. Kapitel


Vier Jungs richteten ihre Augen misstrauisch auf Bill und ich konnte sehen, wie er sich zusammenriss, um nicht unter ihren Blick unbehaglich von einem Fuß auf den anderen zu treten. “Bist du dir ganz sicher, dass du das hinkriegst?” fragte der Schlagzeuger bestimmt schon zum fünften Mal. Bill nickte energisch und wischte sich kurz eine Haarsträhne kurz aus der Stirn. “Ja doch”, gab er mühsam beherrscht zurück, “ich kenne all eure Songs, hab euch im Studio zugehört und stehe auch nicht zum ersten Mal auf einer Bühne.”

“Ich weiß nicht, Leute, wir sollten das abblasen und warten, bis Larry wieder auf den Beinen ist”, meldete sich der Gitarrist zu Wort und erntete zustimmendes Gemurmel, aber der Schlagzeuger machte eine wegwerfende Handbewegung und schüttelte den Kopf. “Das Studio steigt uns auf´s Dach, wenn wir kaum ´ne halbe Stunde vor dem Auftritt kneifen.” Er musterte Bill noch einmal von oben bis unten und trat dann ganz nah an ihn heran. “Uns bleibt nichts anderes übrig, als es mit dir zu versuchen.” Hart stieß er Bill den Zeigefinger gegen die Brust. “Aber ich sage dir eins: Wir haben hier in diesem Club einen Ruf zu verlieren und wenn du das versaust, machen wir dich alle, klar?”


* * *


Bill war gut. Die Band war gut. Aber zusammen waren sie eine Katastrophe. Der punkige Sound passte nicht zu Bills Stimme, er fand nicht in den Rhythmus, sie kamen einfach nicht zusammen. Am Anfang hatte das Publikum ihre Lokalmatadore noch jubelnd beklatscht, aber schnell hatte sich verblüffte Ruhe breitgemacht. Und es dauerte nicht lange, bis nach den ersten “Buuuh”-Rufen auch erste Wurfgeschosse auf die Bühne segelten.

Bill hielt noch tapfer zwei Songs durch und versuchte die Sache zu retten, aber mit der immer wütender werdenden Band im Rücken und dem schreienden und tobenden Publikum vor sich hatte er keine Chance. Ich stand bei der Treppe zur Bühne und machte mir langsam ernsthafte Sorgen, wenn ich in die kochende Masse der Leute schaute, die vor der Bühne hin- und herwogte. Sie wirkten auf mich wie eine Wand von schreiend aufgerissenen Mündern und ich fragte mich schaudernd, was sie wohl mit der Band und insbesondere mit Bill machen würden, wenn sie sie in die Finger bekamen.

Irgendwann schmiss der Schlagzeuger seine Sticks hin und stürmte wütend auf Bill zu. Er riss ihm das Mikro aus der Hand und pfefferte es mit einem Aufschrei in das tobende Publikum. Fauchend packte er Bill am Kragen, zischte ihm mit verzerrtem Gesicht etwas zu und stieß ihn dann so hart von sich, dass Bill sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Dann gab er den anderen Jungs ein Zeichen und zusammen stapften sie aggressiv von der Bühne und schubsten und boxten sich durch die aufgebrachten Zuschauer zum Seitenausgang.

Bill war inzwischen mit hölzernen Schritten von der Bühne gestiegen, warf aus riesengroßen Augen in seinem bleichen Gesicht einen Blick in die Menge und sah mich dann hilfesuchend an. Er hätte jetzt wohl lieber einen großen, starken Bodyguard an seiner Seite gehabt, aber ich würde ihn auch auf keinen Fall einfach so untergehen lassen. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht angstvoll zu zittern, straffte mich und sah Bill offen an. “Da müssen wir durch”, sagte ich ihm aufmunternd und griff ihn am Arm. Er nickte kurz und zusammengedrängt wie kleine Kinder versuchten wir, uns einen Weg durch das Publikum zu bahnen.

Von allen Seiten griffen Hände nach uns, während schrille Stimmen auf uns einbrüllten und ich das Gefühl hatte, dass mein Hirn mir im Kopf explodierte. Ich wurde hin- und hergestoßen und fing schließlich an, wild um mich zu schlagen und rechte Haken auszuteilen, egal wen ich vor mir hatte. Vor mir sah ich den Ausgang und warf hektisch einen Blick über die Schulter, wo Bill gerade versuchte, sich mit einem gezielten Tritt aus den Händen von zwei Typen zu befreien, die ihn am Kragen gepackt hatten. Ich fasste ihn um die Taille, trat noch einmal wild in die Menge und schob Bill hastig durch die Tür. Gemeinsam drückten wir sie hinter uns zu und schoben den Riegel vor.

Wir waren in einem dunklen Flur gelandet, von dem einige Türen abzweigten. “Na, eine von denen wird wohl nach draußen führen”, schnaufte ich und lehnte mich mit dem Rücken an die Wand. Bill war stehen geblieben und starrte mich mit einem so entsetzten Gesichtsausdruck an, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Er war kalkweiß geworden, sein Haar war völlig zerzaust und ein langer Riss klaffte in seinem Shirt. “Was ist, hast du was abgekriegt?” fragte ich alarmiert und kniff die Augen zusammen, um ihn besser sehen zu können.

Seine Unterlippe begann zu zittern und er machte den Eindruck, als könne er jeden Augenblick ohnmächtig zusammenbrechen. “Bill, sag schon, was ist los?” fuhr ich ihn an. Langsam machte mir sein verzerrtes Gesicht Angst. Er kam einen winzigen Schritt näher und streckte wie in Zeitlupe die Hand aus. Ich wandte den Kopf - und erstarrte.

Bill hatte eine Strähne blonder Haare zwischen den Fingern. Meiner Haare. Hektisch fasste ich an meinen Kopf und stellte fest, dass die Perücke durch das Handgemenge im Club nur noch schief saß, während der größte Teil meiner Haare darunter hervorgerutscht war.

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus, um dann wie wahnsinnig loszurasen. Der dunkle Gang um uns herum schien vor meinen Augen zu verschwimmen, bis nur noch Bills weit aufgerissene Augen übrig blieben. Ich wollte wegrennen, mich an ihm vorbeidrücke und fortlaufen, irgendwohin, wenn es sein musste, auch zurück in den Club zu dem schreienden Mob, nur weg von Bill. Aber meine Beine gehorchten mir nicht. Ich konnte nur dastehen und ihn anstarren.

Bill hielt immer noch meine Haarsträhne und nahm mir schließlich mit der anderen Hand die Perücke ganz vom Kopf. “Oh mein Gott”, sagte er so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte und seine Stimme klang für mich, als käme sie aus einer anderen Welt. “Amaris...?”


18. Kapitel


Mein Kopf war völlig leergefegt. Hohl. Seit ich hier angekommen war hatte ich diesen Moment herbeigesehnt, hatte mir ausgemalt, wie es sein würde, alle Masken fallen zu lassen und davon geträumt, dass alles wieder so werden würde wie früher. Und nun stand ich hier und spürte, wie alles in mir zu Eis erstarrte.

Ich wagte mich kaum, Bill ins Gesicht zu schauen. Einen wütenden Blick würde ich jetzt nicht ertragen können, ohne mich schreiend vor seine Füße zu werfen und ihn anzuflehen, mich nicht wegzuschicken. Ich spürte, wie meine Beine anfingen, unkontrolliert zu zittern, so dass ich mich flach an die Wand presste, um nicht in die Knie zu gehen. Bill hatte mich an den Schultern gefasst und sein Gesicht war plötzlich ganz nah vor mir.

Ängstlich hob ich den Blick. Den Ausdruck um seine Augen... Ich konnte ihn nicht deuten, wie so oft. Und plötzlich war ich überzeugt, dass er mir jetzt den Todesstoß versetzen würde. Dass er sich umdrehen und mich einfach stehen lassen würde, hier auf diesem zugestellten Flur, und dass sein letzter Blick auf mich von Abscheu erfüllt sein würde. Abscheu, weil ich ihm wie ein Hund hinterher gelaufen war und ihn tagelang getäuscht hatte.

Seine Fingerspitzen streiften plötzlich ganz leicht meine Wange. Es war kaum mehr als ein Luftzug. Seine Unterlippe hatte zu zittern begonnen und in seinen Augen glaubte ich, einen verräterischen Glanz zu sehen. “Ich kann es nicht glauben”, sagte er leise und seine Stimme jagte einen heißen Schauer durch mein Rückgrat. “Bist du wirklich hier? Oder träume ich das?”

Ich blinzelte verwirrt. Es dauerte lange, bis seine Worte in mein Bewusstsein sickerten. Plötzlich packte er mich, riss mich an seine Brust und umklammerte mich wie ein Ertrinkender. Sein Gesicht verschwand an meinem Hals und nach ein paar Sekunden hörte ich ihn leise schluchzen. Wie in Trance schlang auch ich die Arme um ihn. Ich hatte es immer noch nicht begriffen, dass ich in seinen Armen lag. Dass ich bei ihm war und dass ich ihn wirklich spürte.

Sein Duft stieg mir in die Nase und löste ein warmes, vertrautes Gefühl in mir aus, das alles andere wegschwemmte. Ich spürte die Tränen nicht mehr, die mir über die Wangen liefen. Ich spürte nur noch ihn, spürte seine Arme um mich und irgendwann seine Lippen auf meinen. Ich war angekommen.


* * *


Mein Zeitgefühl hatte mich völlig verlassen. Ich nahm nichts mehr wahr außer Bills warmem Körper in meinen Armen, meinen Händen um seinen Nacken und seinen Lippen, von denen ich so lange geträumt hatte. Ich weiß nicht, wie lange wir so in dem schummerigen Flur standen. Und es kümmerte mich nicht mehr, was um uns herum geschah.

“Ach nein, was haben wir denn da?” mischte sich plötzlich eine störende Stimme in meine Gedanken. Nur mühsam fand ich in die Realität zurück und spähte genervt von der Störung über Bills Schulter - und sah den Schlagzeuger von vorhin in einem der Türdurchgänge lehnen. Der Rest der Band hatte sich hinter ihm versammelt und vier wütende Gesichter starrten mir entgegen. “Bill”, sagte ich leise und stupste ihn in die Seite, aber er reagierte gar nicht, hatte sein Gesicht an meiner Schulter vergraben und schien die Welt um uns herum ebenso wenig wahrzunehmen wie ich noch vor einigen Sekunden.

Mit einem zornigen Knurren sprang der Schlagzeuger auf uns zu, packte Bill grob an der Schulter und riss in von mir weg. Bill blinzelte verwirrt, er hatte nicht einmal mitbekommen, dass die Jungs sich genähert hatten. Der Typ drückte Bill neben mir an die Wand und bohrte seinen eiskalten Blick in seine Augen. “Was bildest du dir eigentlich ein, du kleiner Scheißer?” quetschte er durch die Zähne, während ein Muskel in seiner Wange gefährlich zuckte. “Du hast da eben unseren Ruf ruiniert. Und jetzt stehst du hier herum und knutschst mit irgendeiner Tussi?”

Angewidert stieß er Bill von sich und trat einen Schritt zurück, wo sich seine Kumpels hinter ihm aufgebaut hatten. Ich brauchte einen Augenblick, um zu registrieren, dass sie sich mit Besenstielen und Schrubbern bewaffnet hatten, die auf dem Gang herumgestanden hatten. Eine kalte Angst kroch meinen Rücken hinauf und ich tastete mit klammen Fingern nach Bills Hand. Er war wie erstarrt neben mir stehen geblieben und tastete mit den Augen den Gang ab. Aber die Jungs standen inzwischen im Halbkreis um uns herum und schnitten uns jeden Fluchtweg ab.

“So”, sagte der Drummer zufrieden und klatschte mit einem Besenstiel in seine offene Handfläche. “Und jetzt prügeln wir die Pleite von heute Abend aus euch heraus. Aus euch allen beiden.”

Für einen Augenblick hörte ich nur meinen eigenen donnernden Herzschlag, der in meinen Ohren dröhnte, während die Welt alle Farben zu verlieren schien. Dann spürte ich, wie Bill meine Hand fester griff und sah ihn aus den Augenwinkeln vorwärts stürzen. Aber noch bevor er versuchen konnte, sich durch die Angreifer zu drängeln und mich hinter sich herzuziehen, hatten sie ihn gepackt und hart zurück gegen die Wand geschleudert. Ich schrie auf, als die Jungs fast synchron die Arme hoben wie ein gut eingespieltes Orchester.

Und plötzlich gefror alles zu einer zähen Zeitlupe. Ich sah die wutverzerrten Gesichter, spürte den Luftzug, mit dem sie ihre Waffen hoch über ihre Köpfe schwangen und sah gleichzeitig Bill Augen auf mich zutreiben. Er drückte mich an die Wand, bedeckte meinen Körper mit seinem und für den Bruchteil einer Sekunde bohrte sich sein Blick in meinen.

Dann wurde sein Körper vorwärtsgeschleudert und presste mich hart gegen die kühle glatte Fläche in meinem Rücken. Ich spürte die Erschütterung der Schläge durch seinen Leib, fühlte, wie er sich verkrampfte und hörte seinen unterdrückten Schmerzenslaut an meinem Hals. Und dann wummerte mir nur noch mein eigener Schrei in den Ohren.


19. Kapitel


“So”, hämmerte die Stimme des Schlagzeugers wie aus weiter Ferne auf mich ein und seine Worte trieften vor Hohn. “Eben auf der Bühne hast du keinen Ton rausgekriegt. Und jetzt will ich dich schreien hören - und deine kleine Schlampe auch!” Ich hörte höhnisches Gelächter, sah sausende Schatten, gefolgt von einem ekelhaften surrenden Geräusch, als die vier dicken Stöcke durch die Luft geschwungen wurden - Sekundenbruchteile, bevor sie mit mörderischer Wucht auf uns herabsausten.

Sie trafen Bill mit voller Kraft. Er hatte meinen Körper noch immer mit seinem bedeckt, schirmte mich ab - und bekam den ganzen Zorn der Jungs zu spüren. Aber sie hätten mir nicht mehr wehtun können, wenn sie mich selbst getroffen hätten. Ich spürte, wie Bills Leib unter den Schlägen erbebte und bei jedem neuen Hieb gegen mich geschleudert wurde, hörte seine verzweifelten Schmerzensschreie an meinem Hals, fühlte, wie seine Hände sich in den Stoff meiner Jacke krallten und die Knie unter ihm wegzuknicken drohten. “Er zerbricht!” schrie es in meinem Kopf, das konnte er nicht durchstehen, sein Körper würde zerreißen wie dünnes Papier.

Ich war wie gelähmt. Heißes Adrenalin pumpte durch meine Adern und schärfte meine Sinne bis zum Zerreißen. Hinter meiner Stirn wirbelten tausend Gedanken durcheinander, ich fühlte mich wie gefangen in einem grauen, wirbelnden Sturm, der Bill und mich wegspülte. Verzweifelt wollte ich ihn gleichzeitig festhalten und wegstoßen, mich über ihn werfen und ihn beschützen, ihn packen und ihn hier fortbringen, weg aus dieser Hölle, weg von den tanzenden Dämonen um uns herum.

Ein besonders harter Schlag donnerte auf Bills Rücken herunter, so dass sein Kopf hochruckte und seine weit aufgerissenen Augen mir tief ins Herz schnitten. Entsetzt sah ich, wie er nach Luft schnappte und sein Blick gequält flackerte, während er verzweifelt darum zu kämpfen schien, nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Plötzlich schoss die Stimme meiner Mutter durch meinen Kopf. “Eine Frau darf nie ohne Schutz sein. Schütze dich immer, Amaris!” Mit zitternden Fingern tastete ich nach meiner Hosentasche, aber meine Hände waren so taub und gefühllos, dass ich die kleine, harte Erhebung unter dem Stoff fast nicht ertasten konnte.

Der Drummer war mit einem breiten Grinsen im Gesicht vorgetreten, krallte seine Hände in Bills Haar und riss seinen Kopf brutal nach hinten. “Na, noch nicht genug, Kleiner?” raunte er bösartig. “Jetzt geb ich dir den Rest!” Damit hob er die Faust über den Kopf und ich sah mit Entsetzen den glänzenden Schlagring, den er sich über die Finger gestreift hatte.

Seine Faust verharrte einen Augenblick in der Luft, als seine Züge sich hasserfüllt verzerrten und er jeden Augenblick den finalen Schlag auf Bill herabsausen lassen konnte. Blind vor Angst und Wut zerrte ich die kleine Flasche aus meiner Tasche, meine Finger so klamm, dass mir das Pfefferspray fast entglitt, während ich alle Details um mich herum mit erschreckender Klarheit wahrnahm. Bills zitternden Leib in meinen Armen, die von Wut und Blutdurst erfüllten Gesichter um uns herum, den saueren Gestank des Flures und meiner eigenen Angst.

Und dann hörte ich mich selbst schreien. Blind riss ich den Arm nach oben - und drückte ab, schickte eine ätzende Wolke in das Gesicht vor mir. Aufschreiend riss der Drummer die Hände vor sein Gesicht, taumelte zur Seite und brach keuchend in die Knie, während ich immer noch die Düse gedrückt hielt und gleichzeitig versuchte, Bill hinter mir herzuzerren. Ich hörte wütende Rufe, spürte Hände, die nach uns griffen und trat wild um mich. Hysterisch rüttelte ich an der erstbesten Tür und spürte jähe Verzweiflung, als sie sich nicht öffnete.

Hilflos presste ich Bill auf meinem Rückzug den Flur hinunter an mich, versuchte, ihn aufrecht zu halten, während er willenlos wie eine Stoffpuppe hinter mir herstolperte. Mit einem Mal hatte ich das kühle Metall einer weiteren Tür im Rücken, stieß sie hektisch auf - und fühlte plötzlich kalte Nachtluft auf dem Gesicht. Aufschreiend stieß ich die Tür hinter uns zu und registrierte kaum das metallische Klicken, mit dem sie ins Schloss fiel. “Bill, bitte, wir müssen hier weg!” schrie ich ihn an und schüttelte ihn hysterisch. Er reagierte kaum, aber ich spürte, wie er seinen Arm um meine Taille schlang und sich auf mich stütze. Ich packte ihn fester und schob, drückte und zog ihn so schnell ich konnte von dem dunklen Hintereingang weg, um das Gebäude herum und zum Parkplatz, wo ich das kleine Auto des Studios abgestellt hatte.

Inzwischen zitterten meine Beine so, dass ich kaum noch einen Schritt machen konnte. Nur die pure Angst um Bill hielt mich aufrecht. “Hab keine Angst”, redete ich auf ihn ein, “ hab keine Angst, wir haben es gleich geschafft.” Vorsichtig half ich ihm auf den Beifahrersitz und wäre fast gestürzt, als ich das Auto in panischer Hektik umrundete und es gerade noch schaffte, mich hinter das Steuer zu hieven. Und dann trat ich nur noch auf´s Gas.



20. Kapitel


Halb blind raste ich durch die Stadt, meine Augen verklebt von Tränen, mit meinem donnernden Herzschlag und der Erinnerung an das hässliche Klatschen der Schläge auf Bills Körper in den Ohren. Er war neben mir in seinem Sitz zusammengesunken, hatte die Arme um den Leib geschlungen und rutschte hilflos in jeder Kurve zur Seite, als hätte alle Kraft ihn verlassen.

“Bill, bitte”, flehte ich ihn an, während ich nach seiner Hand griff und sie sanft drückte. “Wir sind in Sicherheit, hörst du?” Er reagierte nicht und ich spürte, wie seine Finger in meinen zitterten. Mühsam unterdrückte ich das verzweifelte Schluchzen, dass mir in der Kehle steckte und blinzelte die Tränen, weg so gut es ging.

Bill bewegte sich unruhig, ich sah aus den Augenwinkeln, wie er versuchte, sich aufzurichten, aber sofort wieder mit einem Schmerzenslaut in die Polster sank. Vor uns tauchte die Einfahrt zu einem verlassenen Supermarkt-Parkplatz auf. Hastig riss ich das Lenkrad herum, ignorierte das wütende Hupen des ausgebremsten Fahrers hinter mir und lenkte das Auto möglichst weit hinter das Gebäude, damit uns von der Straße aus niemand entdecken konnte.

“Bill?” fragte ich panisch und rüttelte ihn an der Schulter. Fast fürchtete ich, ihn anzufassen, um ihm nicht noch mehr wehzutun. Aber ihn so zu sehen, so schwach, hilflos und verletzt, war zu viel für mich. Weinend zog ich ihn an mich, bettete seinen Kopf gegen meine Schulter und streichelte ihn wie ein krankes Kind.

“Bill, komm schon, tu mir das nicht an!” flüsterte ich schluchzend und hob sein Gesicht an, während ich ihn an mich drückte. “Ich hab dich doch grade erst wiedergefunden.” Seine Augenlider flatterten und öffneten sich langsam einen Spalt breit. Aber sein Blick wirkte verschleiert, er schien mich gar nicht richtig wahrzunehmen. “Hab keine Angst”, sagte ich leise und küsste ihn vorsichtig auf die Stirn. “Ich bringe dich ins Krankenhaus, es wird alles wieder gut!”

Plötzlich schloss sich seine Hand um meine und sein Kopf ruckte erschrocken hoch. “Nein...” stieß er hervor und seine Stimme klang so brüchig, das ich fast aufgeschrieen hätte. “Nein, nicht... ins Krankenhaus... Das Studio... Die schmeißen uns alle raus, wenn... wenn sie davon erfahren...” Bills Augen waren weit aufgerissen, dieser Blick senkte sich tief in mein Herz. “Aber du bist verletzt...” stammelte ich und spürte, wie mir heiße Tränen über das Gesicht liefen. Schwach drückte er meine Hand. “Amaris... Bitte!” Er sprach so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte und für einen Augenblick schien sich alles um mich zu drehen.

Was sollte ich nur tun? Ich hatte keine Ahnung, wie schlimm seine Verletzungen waren. Wie übel hatten sie ihn getroffen? Warum war er so benommen, war es so schlimm? Oder war das nur der momentane Schock? Sollte ich seine Bitte ignorieren und ihn in eine Klinik bringen? Oder es darauf ankommen lassen und hoffen, dass er sich von selbst erholte? Waren seine Ängste berechtigt? Er war ein Newcomer, er durfte sich keine geschmissenen Auftritte und Prügeleien mit anderen Bands leisten, verdammt, er hatte recht, wenn das Studio davon erfuhr, würden sie alle hochkant rausfliegen, Bills großer Traum wäre mit einem Mal dahin, da würde auch mein Schoßhündchen Sven nichts ausrichten können. Das war zu viel für mich. Ich wusste keinen Rat, wurde immer verzweifelter, während Bills Kopf wieder schwach an meine Brust gesunken war. Ich brauchte Hilfe. Mit zittrigen Fingern tastete ich nach meinem Handy und rief die einzige Person an, die mir einfiel.


21. Kapitel (Gastkapitel einer anderen Autorin)


Zufrieden sah ich mich in dem hellen, geräumigen Zimmer um und drückte dem Portier ein Trinkgeld in die Hand. "Schon besser", lächelte ich vor mich hin und ließ mich auf das breite Bett fallen. Die letzten drei Tage hatte ich mit Amaris in diesem winzigen Zimmerchen verbracht und mich gefragt, wie sie das aushielt, während mich die Wände fast erdrückten. Aber jetzt, da ich beschlossen hatte, ein paar Tage länger zu bleiben, musste etwas Komfortableres her und da war das Hotel am Stadtrand genau das richtige gewesen. Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf und spürte, wie sich ein breites Lächeln über mein Gesicht verteilte. Die Sache mit dem kleinen Tommy hatte angefangen, mir Spaß zu machen. Bei dem Gedanken, wie ich ihn auf der Party hatte stehen lassen, musste ich lachen. Sein Gesicht - das war unbezahlbar. Amaris hatte recht, es wurde Zeit, ihm beizubringen, wie man mit Frauen umgeht. Und der Gedanke, dass ich es sein würde, die ihm diese wichtige Lektion erteilte, gefiel mir!
Ein lästiges Piepen mischte sich in meine Gedanken. Genervt zog ich das Handy aus der Tasche und warf einen Blick auf´s Display. "Tom ruft an"... Ich lächelte. "Als ob er es gerochen hätte", murmelte ich vor mich hin. Einen Augenblick überlegte ich, ihn noch länger schmoren zu lassen, doch den Gedanken verwarf ich schnell wieder. Amaris war ja schließlich mit Bill unterwegs, also konnte ich auch meinen Spaß mit Tom haben. Dafür war ich ja schließlich hier.

Ich klappte mein Handy auf und nahm den Anruf an. "Na mein Süßer, alles klar?", schnurrte ich und hörte am anderen Ende ein leises Seufzen. "Ja Baby, jetzt wo ich deine Stimme höre schon. Hast du nicht Lust vorbei zu kommen? Ich hab eine Überraschung für dich!" Ich fing an zu grinsen. Das lief ja wie geschmiert. Ich hatte Tom schon um den Finger gewickelt und Überraschungen hatte ich schon immer geliebt. "Ja, ich bin in einer halben Stunde da! Bis dann!", ohne eine Antwort abzuwarten legte ich auf.
Ich sprang auf und zog mich um. Weißer, knielanger Rock und enge schwarze Bluse... perfekt. Meine Haare kämmte ich noch mal kurz durch, sodass sie locker über die Schulter fielen. Zuletzt zog ich noch schwarze Stiefel an und schon war ich auf dem Weg zum Auto.

* * *

Tom wartete schon vor dem Apartment auf mich. "Na Baby. Neugierig?", begrüßte er mich und drückte mir einen sanften Kuss auf die Lippen. Ich lächelte. "Klar, also worauf warten wir noch?" Er band mir ein Tuch um die Augen und zog mich vorsichtig hinter sich her. Wir liefen ein kurzes Stück und ich hörte, wie er leise eine Tür öffnete. Dann schob er mich in den Raum und schloß die Tür hinter uns ab. "Und was sagst du? Wir haben alles für uns alleine. Bill ist unterwegs und Gustav und Georg hab ich rausgeschmissen!", flüsterte er mir ins Ohr, als er mir das Tuch abnahm.
Wir standen in einem von Kerzen erleuchteten Raum. An den Wänden hangen Tücher und überall im Raum lagen Rosenblätter. Für einen Moment war ich wirklich überwältig, doch dich fing mich schnell wieder. So leicht war ich nicht zu haben.
"Das ist...toll!", brachte ich hervor und gab Tom einen flüchtigen Kuss. Dann setzte ich mich aufs Bett und schaute ihn erwartungsvoll an. Bei seinem verdutzten Gesicht musste ich innerlich laut loslachen. Er schien sich eine ganz andere Reaktion erhofft zu haben.

Doch er gab nicht auf. Er stellte sich vor mich und drückte mich zurück in die Kissen. Dann beugte er sich über mich und fing an meinen Hals zu küssen. Er arbeitete sich immer weiter vor, bis er zu meinen Lippen kam. Es war ein langer Kuss, doch irgendwann zögerte er kurz und wich ein Stück zurück. "Besser als beim letzten Mal?", fragte er mich mit großen Augen. Ich lächelte und zwinkerte ihm zu. Meine Worte im Club schienen ihm nicht mehr aus dem Kopf zu gehen.
Ich zog ihn auf mich und küsste ihn diesmal. Das schien ihm als Antwort zu reichen. Er streichelte mit seiner Hand meinen Bauch entlang und öffnete den ersten Knopf meiner Bluse.
Wieder kam mir mein Vorhaben in den Kopf und ich drückte seine Hand weg, stemmte mich hoch und setzte mich auf. "Was ist los? War ich dir zu schnell?", fragte mich Tom sofort. Ich schüttelte den Kopf. "Nein, bei mir ist alles klar und bei dir?" Tom zuckte verzweifelt mit den Schultern. "Aber... aber... warum...", setzte er an, kam jedoch nicht weiter. Ich hatte ihn zurück gedrückt und mich auf seine Hüfte gesetzte. Seine Hände drückte ich mit meinen Knien fest. Er war mir hilflos ausgeliefert.
Ich zog ihm sein T-Shirt aus und lies für diesen Moment seine Hände frei. Er nutzte ihn sofort. Einen kurzen Moment später war auch ich meine Bluse los. Wir küssten uns wieder und Tom wurde immer fordernder. Seine Hände wanderten meine Hüfte und meine Beine entlang. Ich spürte, das es ihm nicht gefiel, das ich ihn so zappeln lies, aber ich hatte meinen Spaß.
Zärtlich küsste ich seinen Bauch. Streichelte über seine Brust und knabberte ihm am Hals. Immer wieder lenkte ich ihn ab, wenn er versuchte mir den Rock auszuziehen oder den Spieß umzudrehen. Drückte ihn zurück in die Kissen, wenn er versuchte sich aufzurichten. Das war mein Spiel und meine Regeln und ich wollte ihn zappeln lassen.
Ich triezte ihn. Lockte ihn an und ließ ihn wieder stoppen. Irgendwann reichte es ihm. Er wollte mehr. Jetzt. Er wollte nicht mehr länger warten. Ruckartig richtete er sich auf und drückte mich unter sich in die Kissen.
Seine Hand glitt meinen Körper entlang, doch kurz bevor er mir den Rock ausziehen konnte, klingelte mein Handy.

Ich sprang auf und wühlte in meinen Jackentaschen. Schon am Klingelton hatte ich erkannt, dass es Amaris war.
"Was ist los?", quiekte ich aufgeregt ins Handy, als ich es gefunden hatte. Es wunderte mich sofort, dass sie anrief. Sie war doch mit Bill unterwegs. Am anderen Ende der Leitung war ein Schluchzen zu hören. "Es gab Probleme... Bill ist verletzt... komm bitte... alleine!", schniefte Amaris und ihre Stimme stockte. Ich brauchte nicht lange zu überlegen. "Bleibt, wo ihr seid! Ich bin gleich da!", rief ich noch, nachdem sie mir stotternd geschildert hatte, wo sie waren, und schon hatte ich aufgelegt. Ich schnappte mir meine Sachen und rannte aus dem Apartment zu meinem Auto.

Mit quietschenden Reifen fuhr ich vom Hof und sah nur im Rückspiegel, wie Tom verwundert an der Tür stand. Ich hatte ihn schon wieder stehen gelassen, doch das war mir egal. Ich musste zu Amaris.


* * *


Es dauerte eine Weile, bis ich ihr Auto hinter dem Supermarkt sah. Es stand ihm Schatten der Hauswand. Ich bretterte auf den Parkplatz und sprang aus dem Auto, bevor ich den Motor überhaupt ausgemacht hatte.
Die Fahrertür öffnete sich und Amaris stieg aus. Sie war völlig verheult. In ihren Augen war die Angst geschrieben.
Ich lief zur Beifahrertür und zog vorsichtig Bill aus dem Auto. Er war erschöpft. Hing mehr auf dem Autositz, als dass er saß und als ich seinen Arm um meinen Hals legte, um ihn zu meinem Auto zu bringen, spürte ich, dass ich sein ganzes Gewicht trug. Er sah nicht gut aus. Sein Anblick machte sogar mir Angst, obwohl ich ihn kaum kannte.
Gemeinsam mit Amaris legten wir ihn auf die Rückbank meines Autos. Sie setzte sich dazu und ich sprang wieder hinters Lenkrad. Das alles lief wortlos ab. Wir wussten auch so, was wir zu tun hatten. Brauchten dafür keine Worte.

Ich fuhr wieder los. Überschritt alle Tempolimits, die gegeben waren und sauste über rote Ampeln. Das alles war mir egal. Ich wollte Bill helfen. So schnell es ging.
Mein Weg führte direkt zu dem Hotel, in dem ich eingecheckt hatte. Amaris musste ihre Gründe gehabt habe, wenn sie mich anrief und nicht den Notarzt.
Ich drückte Amaris meinen Erste-Hilfe-Koffer aus dem Auto in die Hand und schickte sie vor, damit sie nachguckte, ob uns auch wirklich keiner sehen konnte. Ich sah, wie ihre Knie zitterten und sie sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Sie sah zerbrechlicher aus, als ich sie je zuvor gesehen hatte.
Als sie mir ein Zeichen gab, dass keiner zu sehen war, lief ich mit Bill hinterher. Ich spürte keine Anstrengung dabei, wenn ich ihn hinter mir her zog und ihn die Stufen hochschleppte. Ich war zu aufgeregt, um erschöpft zu sein oder ans Nachgeben zu denken.

In meinem Zimmer legte ich Bill aufs Bett und Amaris schloss sorgfältig die Tür ab. Bill lag leblos da. Nur die Bewegung seines Brustkorbs und das Blinzeln seiner Augen ließen noch darauf schließen, dass er am Leben war.
Ich gab Amaris ein Zeichen ihn auszuziehen und öffnete den Erste-Hilfe-Koffer und breitete alles aus.
Bills Körper sah schrecklich aus. Überall waren rote Striemen und blaue Flecke. An manchen Stellen war die Haut aufgeplatzt und angetrocknetes Blut klebte an der Haut. Am meisten fiel mir jedoch die Beule an Bills Seite auf. Es sah aus, als hätte er sich eine Rippe gebrochen.

Ich desinfizierte die Wunden, während Amaris beruhigend auf Bill einredete, der immer wieder zusammenzuckte. Danach cremte ich alles ein und verband die aufgeplatzten Stellen. Es war eine mühsame Arbeit, da Bill sich nur schwerfällig bewegen konnte. Deshalb war ich froh, als alle schlimmen Verletzungen verarztet waren. Die anderen mussten auch so verheilen.
Ich ließ mich neben Amaris aufs Bett plumpsen und lächelte sie schief an. Dann stutzte ich. Amaris langen blonden Haare waren mir in der Hektik nicht aufgefallen, doch jetzt waren sie nicht mehr zu übersehen. Sie hatte sich also zur Erkennung gegeben. Nur wie würde es jetzt weitergehen?


...more coming soon...